Gedanken , so wie zuweilen im Vaterland , jetzt auch auf böhmischem Boden einmal ohne bestimmtes Ziel und besondere Absicht auszufliegen , nur dachte ich an das schöne Gebirge gegen * * * zu , das ich vom Fenster aus als dunkelblauen Streif gesehen hatte . Ich schlug also ungefähr diese Richtung ein und ließ mich nach Bequemlichkeit vom nächsten besten Wege fortziehen , verweilte bei allem , was mir neu und merkwürdig war , machte meine Beobachtungen an Menschen und Natur , zog mein Skizzenbuch hervor , zeichnete oder las wie mir ' s einkam , und ließ es mir mitunter in den dürftigsten Dorfschenken aufs beste gefallen . Am zweiten Abend meiner Wanderung befand ich mich bereits in einer anziehenden Gebirgsgegend und der darauf folgende Mittag sah mich schon tief in den herrlichsten Waldungen herumschwärmen , wo ich nach Herzenslust den wilden Atem der Natur kostete , die Schauer der Einsamkeit empfand , mich hundert Zerstreuungen überließ . Unvermerkt sank die Dämmerung herein , da es mir denn erst einfiel , den Fußsteig wieder aufzusuchen , der , wie man mir gesagt hatte , nach einer guten , mitten im Walde gelegenen Herberge führen mußte . Das ging aber nicht so leicht ; eine volle halbe Stunde quälte ich mich ab , ohne eine Spur zu entdecken . Jetzt war es fast Nacht . Meine Wahl ging nahe zusammen . Auf gut Glück lief ich noch eine Zeitlang vorwärts , bis das dicker werdende Gesträuch und eine große Müdigkeit mich verdrossen stille stehen machte . Ungeduld und Ärger über meine Unvorsichtigkeit waren aufs äußerste gestiegen , da überraschte mich mit einemmal der Gedanke , daß ich mir ehedem oft eine solche Situation gewünscht , und daß dieser scheinbar widerwärtige Zufall recht eigentlich im Charakter meiner Reise sei . Hiemit gab ich mich denn auch wirklich zufrieden . Unbequem genug lagerte ich mich unter einer hohen Eiche , murmelte etwas von der Lieblichkeit der warmen Sommernacht , vom baldigen Aufgang des Mondes und konnte doch nicht verhüten daß meine Gedanken einigemal in dem verfehlten Wirtshaus einkehrten , wo ein ordentliches Abendbrot und ein leidlicheres Bette auf mich gewartet haben würden . Mit solchen Bildern beschäftigt , bemerkte ich jetzt in einiger Entfernung durch das Gezweige hindurch den Glanz eines Feuers . Meine ganze Einbildungskraft entzündete sich in diesem Anblick unter tausend mehr oder weniger angenehmen Vermutungen ; aber bald entschloß ich mich zu einer genauern Untersuchung . Nach einer mühsam zurückgelegten Strecke von etwa fünfzehn Schritten unterschied ich eine bunte Gesellschaft von Männern , Weibern und Kindern auf einem etwas freien Platz um ein Feuer herumsitzend und zum Teil von einer Art unordentlichen Gezeltes bedeckt ; sie führten , soviel ich hörte , ein zufriedenes aber lebhaftes Gespräch . Das Herz hüpfte mir vor Freuden , hier einen Trupp von Zigeunern anzutreffen , denn ein altes Vorurteil für dies eigentümliche Volk wurde selbst durch das Bewußtsein meiner gänzlichen Schutzlosigkeit nicht eingeschreckt . Ich weiß nicht , welches rasche zuversichtliche Gefühl mich überredete , daß wenigstens bei dieser Versammlung durch eine offene Ansprache nichts zu wagen sei . Mein kleiner Tubus trug in keinem Fall etwas dazu bei , denn bei einer physiognomischen Untersuchung der vom roten Schein der Flamme beleuchteten Köpfe hätte mein Urteil unentschieden bleiben müssen , trotz der frappantesten Deutlichkeit , womit jeder Zug sich vor mein Auge stellte . Ich trat hervor , ich grüßte treuherzig und erfuhr ganz die gehoffte Aufnahme , nachdem ich mich durch das erste barsche Wort des Häuptlings nicht hatte irremachen lassen . Meine unbefangene Keckheit schien ihm plötzlich zu gefallen , auch meinen Anzug musterte er jetzt mit sichtbarem Respekt . Man lud mich ein , auf einen Teppich niederzusitzen , und bot mir zu essen an . Ich gab mir ein mehr und mehr treuherziges und redseliges Wesen , dessen gute Wirkung sich gar bald an meinen Leuten zeigte , die mit Aufmerksamkeit meinen Schilderungen aus fremden Ländern zuhörten , während ich mich nebenher an den merkwürdigen Gesichtern und köstlichen Gruppen in die Runde erquicken konnte . Dies dauerte ungestört eine ganze Zeit . Jetzt ließ sich ein ferner Donner vernehmen und man machte sich auf ein Gewitter gefaßt , das auch wirklich unvermutet schnell herbeikam . Jedes schützte sich so gut wie möglich . Bei dieser allgemeinen Bewegung , indes der Regen unter heftigen Donnerschlägen stromweise niedergoß und eines der seitwärts stehenden Pferde scheu wurde , war mir mein Portefeuille entfallen . Ich suchte es in der dicksten Finsternis am Boden und hatte es soeben glücklich aufgehoben , als ich plötzlich beim jähen Licht eines starken Blitzes hart an meiner Seite ein weibliches Gesicht erblickte , das freilich derselbe Moment , welcher es mir gezeigt , wieder in die vorige Nacht verschlang . Aber noch stand ich geblendet wie in einem Meere von Feuer und vor meinem innern Sinne blieb jenes Gesicht mit bestimmter Zeichnung wie eine feste Maske hingebannt , in grünflammender Umgebung des nassen glänzenden Gezweigs . Nichts in meinem Leben hat einen solchen Eindruck auf mich gemacht , als die Erscheinung dieses Nu . Unwillkürlich streckte sich mein Arm aus , um mich zu überzeugen , aber es rauschte schon an mir vorüber und eine längere Zeit , als meine Ungeduld wollte , verging , bis ich ins klare kommen sollte . Doch das blieb nicht aus . Ein Mädchen , das anfangs in dem Zelt verborgen gewesen sein mochte , und das man mit dem Namen Loskine rief , zeigte sich jetzt auch unter den andern , als man bei nachlassendem Regen wieder Feuer anmachte und sich unter wechselnden Scherz- und Scheltworten auf den störenden Oberfall wieder in Ordnung brachte . Das Mädchen ist die Nichte des Hauptmanns . - Loskine - wie soll ich sie beschreiben ? Sind doch seit jener Nacht vier volle Tage hingegangen , in denen ich dies Gebilde der eigensten Schönheit stündlich Aug in Auge vor mir hatte , ohne daß dem Maler in mir eingefallen wäre , sich ihrer durch das elende Medium von Linien und Strichen zu bemächtigen ! O diese wenigen Tage , wie reich an Entdeckungen , wie unermeßlich in ihren Folgen für meine ganze Art zu existieren ! Ich bin seither der freiwillige Begleiter dieser streifenden Gesellschaft . Ja , das bin ich und ich erröte keineswegs über diesen Einfall , den mir auch kein Professor ordinarius der schönen Künste beachselzucken soll , weil ich ihn einem Professori ordinario sicherlich nicht erzählen werde . Oder schändet es in der Tat einen vernünftigen Mann , den sein Beruf selber auf Entdeckung originaler Formen hinweiset , eine Zeitlang der Beobachter von wilden Leuten zu sein , wenn er unter ihnen unerschöpflichen Stoff , die überraschendsten Züge , den Menschen in seiner gesundesten physischen Entwicklung findet , und dabei die übrige Natur wie mit neuen Augen , mit doppelter Empfänglichkeit anschaut ? Ich lerne mit jeder Stunde und die Leute sind die Gefälligkeit selbst gegen mich . Einiger Eigennutz ist freilich immer dabei ; meine Freigebigkeit behagt ihnen , aber mich wird sie nie gereuen . Einen Tag später Ich muß lächeln , wenn ich mein gestriges Räsonnement von Malerstudium und Kunstgewinn wieder lese . Es mag seine Richtigkeit damit haben , aber wie käme diese hochtrabende Selbstrechtfertigung hieher , wenn nicht noch etwas anderes dahinterstäke , um was ich mir mit guter Art einen Lappen hängen wollte ? Doch ich gestehe ja , daß Loskine schon an und für sich allein die Mühe verlohnen könnte , sich eine Woche lang mit dem Zug herumzutreiben . Ich kann dies Geschöpf nicht ansehen , ohne die Bewunderung immer neuer geistiger , wie körperlicher Reize . Sie fesselt mich unwiderstehlich , und wäre es auch nur durch das Interesse an der ungewöhnlichen Mischung dieses Charakters . Äußerungen eines feinen Verstandes und einer kindischen Unschuld , trockener Ernst und plötzliche Anwandlung ausgelassener Munterkeit wechseln in einem durchaus ungesuchten und höchst anmutigen Kontraste miteinander ab und machen das bezauberndste Farbenspiel . Das Unbegreifliche dieser Komposition und dieser Übergänge ist auch bloß scheinbar ; für mich hat das alles bereits die notwendige Ordnung einer schönen Harmonie angenommen . Erstaunlich ist zuweilen die Behendigkeit ihrer äußern Bewegungen und herrlich das Lächeln der Überlegenheit , wenn es ihr mitunter gefällt , die Gefahr gleichsam zu necken . Mit Zittern seh ich zu , wie sie einen jähen Abhang hinunterrennt und so von Baum zu Baum stürzend sich nur einen kurzen Anhalt gibt ; oder wenn sie sich auf den Rücken eines am Boden ruhenden Pferdes wirft und es durch Schläge zum plötzlichen Aufstehen zwingt . Unter den übrigen bildet sie indessen eine ziemlich isolierte Figur ; man läßt sie auch gehen , weil man ihre Art schon kennt , und doch hängen alle mit einer gewissen Vorliebe an ihr . Besonders scheint der Sohn des Anführers , ein gescheiter männlich schöner Kerl , größere Aufmerksamkeit für sie zu haben , als ich leiden mag , wobei mich zwar einesteils ihre Kälte freut , auf der andern Seite aber sein heimlicher Verdruß doch wieder herzlich rührt . Mich mag sie gerne um sich dulden , allein ich scheue mich fast vor Marwin , so heißt jener Mensch , und bin schon daran gewöhnt , vorzüglich nur die Gelegenheit zu benützen , wann er eben auf Rekognoszierung oder sonst in einem Geschäft ausgeschickt wird , was häufig vorkommt . Ich habe ihr schon manche kleine Geschenke gekauft , deren Absichtlichkeit ich durch ähnliche Gaben an die andern zu bemänteln weiß . - Aber , mein Gott ! was will ich denn eigentlich ? Noch treffe ich nicht die Spur eines Gedankens an die Umkehr bei mir an . Vorgestern schrieb ich , unter einem nicht sehr wahrscheinlichen Vorwand und ohne das geringste von meinem jetzigen Leben verlauten zu lassen , an Freund S. , er möchte mir meine ganze Barschaft nach dem Städtchen G * * * senden , wo wir , wie der Hauptmann sagt , in vier Tagen zur Marktzeit eintreffen werden . Dieser Marsch bringt mich dem Orte , von dem ich ausgegangen , wieder um fünf Meilen näher . Aber doch welche Entfernungen immer noch ! Gut , daß ich in diesen Gegenden nicht fürchten muß , auf irgendein bekanntes Gesicht zu stoßen , wofern ich anders in meinem gegenwärtigen Zustand noch kenntlich wäre . Ich habe meinem Anzug durch einige geborgte Kleidungsstücke ein etwas freieres Wesen gegeben , um mich meinen Gesellen einigermaßen zu konformieren . Eine violett und rote Zipfelmütze auf dem Kopf , ein breiter Gürtel um den Leib tun wahrlich schon viel . 26. Mai Einen artigen Auftritt hat es gegeben . Wir rasteten nach einem ermüdenden Strich mittags in einem Tannengehölze . Marwin war abwesend und sonst überließ sich fast alles dem Schlafe . Loskine suchte ihre Lieblingsspeise , das durstlöschende , angenehme Blatt des Sauerklees , der dort in großer Menge wächst . Ich begleitete sie und wir setzten uns endlich hinter einem Hügel an einer schattigen Stelle auf den von abgefallenen Nadeln ganz übersäeten Moosboden . Ich weiß nicht , wie wir auf allerlei Märchen und wunderbare Dinge zu sprechen kamen , woran sie bei weitem reicher war als ich . Unter anderem wußte sie von der spinnenden Waldfrau zu sagen , die im Frühen , wenn der herbstliche Wald von der Morgenröte glühet , unter den Bäumen hergehe und das Laub , wie vom Rocken , in grün und goldnen Fäden abspinne , indes die Spindel neben ihr hertanze . Auch vertraute sie mir vieles von der heimlichen Kraft der Kräuter und Wurzeln , was nicht wiederholt werden kann , ohne zugleich ihre eigenen Worte zu haben . Dazwischen arbeitete sie mit dem Schnitzmesser sehr fertig an einem niedlichen Geräte , dergleichen die Zigeuner aus einem gelben Holze zum Verkauf machen . Ich hatte zuletzt beinahe kein Ohr mehr für ihre Erzählungen ob der Aufmerksamkeit auf die Bewegung der Lippen , auf das Spiel ihrer Miene , und endlich von stille glühenden Wünschen innerlich bestürmt und aufgeregt , wandte ich mich von ihr ab , so daß ich etwas tiefer sitzend ihr Gesicht im Rücken und ihren nackten Fuß - denn so geht sie gar häufig - dicht vor meinem Auge hatte . Wie trunken an allen Sinnen und meiner nicht mehr mächtig ergriff ich den Fuß und drückte meinen Mund fest auf die feine braune Haut . In diesem Augenblick gab Loskine mir lachend einen derben Stoß , wir standen beide auf und ich bemerkte eine hohe Röte auf ihrer Wange , eine Verwirrung , die ich schnell zu deuten wußte . Dadurch kühn gemacht schlang ich ohne Besinnen die Arme um die treffliche Gestalt , und sie widerstand mir nicht . Heiß brannten ihre Lippen und ihr Blick sprühte in den meinigen sein schwarzes Feuer . Aber kurz nur , denn jetzt kehrte er sich verworren ab , und der nächste Gegenstand , auf den er zugleich mit dem meinigen fällt , ist - Marwin , welcher ruhig an einen unfernen Baum gelehnt ein Zeuge dieser Szene war . Loskine stand wie vom Schlage gerührt . Ich suchte , ohne Marwin bemerken zu wollen , ihn über den Vorfall zu täuschen , indem ich laut und scherzhaft mich über Sprödigkeit beklagte und daß sie mir das Gesicht schändlich zerkratzt hätte . Bei dieser Komödie leistete mir das Mädchen nicht die geringste Unterstützung . Sie starrte schweigend vor sich hin und unter stille hervorstürzenden Tränen entfernte sie sich langsam . Nun erst grüßte ich ganz verwundert meinen Nebenbuhler , ging auf ihn zu und wollte in meiner Rolle fortfahren , allein er sah mich ein paar Sekunden lang verächtlich an , dann ließ er mich stehen und ging . Es sind seitdem sechzehn Stunden verflossen , ohne daß sich bisher die mindeste Folge gezeigt hätte , außer daß Loskine mir überall ausweicht . In einer Bauernhütte zu * * * Ich bin getrennt von meiner Bande , aber um welchen Preis getrennt ! An demselben Morgen , da ich das letzte schrieb , nahm der Hauptmann mich beiseite und erklärte mir mit Mäßigung , aber mit finsterm Unmut , daß ich ihn verlassen müßte oder mich ganz so verhalten , als ob Loskine gar nicht vorhanden wäre . Sein Sohn wünscht sie als Weib zu besitzen , er selber habe sie ihm versprochen , sie werde sich auch jetzt nicht länger weigern . Ich möchte überhaupt auf meiner Hut sein , Marwin wolle mir sehr übel , nur die Furcht vor ihm , seinem Vater , habe ihn im Zaum gehalten , daß er sich nicht an mir vergriffen . Ich erwiderte , wenn mein argloses Wohlgefallen an dem Mädchen Verdruß errege , so wäre es mir ein leichtes , künftig behutsam zu sein ; wenn aber Marwin überhaupt durch meine Gegenwart beunruhigt werde , so würde ich auch diese aufheben . Der Hauptmann , im Bewußtsein der nicht unbeträchtlichen Vorteile , die ihm meine Gesellschaft brachte , lenkte ein . Ich antwortete darauf wieder in unbestimmten Ausdrücken und so beruhte die Sache auf sich . Aber bald kam ich zu einer herzzerschneidenden Szene , woran ich sogleich selber teilnehmen sollte . Loskine , mit dem Strickzeug auf dem Schoße , saß an der Erde , das Gesicht mit beiden Händen bedeckend , indes ihr Liebhaber unter gräßlichen Verwünschungen und im heftigsten Schmerz ihr ein offenes Geständnis über jenen Vorfall auszupressen suchte . Wie er mich gewahr wurde , sprang er gleich einem Wütenden auf mich los , faßte mich an der Brust und forderte von mir , was jene ihm vorenthalte . Er zog das Messer und drohte mir noch immer , als wir schon von fünf bis sechs Personen , die herbeieilten , umringt waren . Der Vater entwaffnete ihn auf der Stelle . Aber erst Loskine , welche sich jetzt mit einem mir unvergeßlichen Ausdruck von würdevoller Ruhe aufhob , machte dem Lärmen ein Ende ; sie faßte , ohne ein Wort zu sprechen , Marwin mit einem vielsagenden Blicke bei der Hand und er , der von der Bedeutung ihrer feierlichen Gebärde so mächtig ergriffen zu sein schien , wie ich , folgte wie ein Lamm , als sie ihn tief mit sich in das Gebüsche führte . Nach einer Weile kehrte sie allein zurück , ging mit entschiedenem Schritt auf mich zu , den sie gleichfalls aus der Mitte der übrigen hinwegwinkte . » Ich habe ihm versprochen « , fing sie , da wir weit genug entfernt waren und stillestanden , in ernstem Tone an , » ich hab ihm versprochen , dir zu sagen , daß ich dich hasse wie meinen ärgsten Feind und bis in den Tod . Ich sage dir also dieses . Doch du weißt es anders . Ich sage dir für mich , daß ich dich vielmehr liebe wie meinen liebsten Freund , und das solange ein Atem in mir sein wird . Aber du mußt fort von uns , auch das hab ich ihm gesagt . Mach es kurz , ich darf nicht lange ausbleiben . Küsse mich ! « » Muß ich fort « , antwortete ich , durch das Großartige dieses Augenblicks fast über allen Affekt hinausgehoben , » muß ich fort , und ist es wahr , daß du mich mehr liebest als alles , so laß uns zusammen gehen . « Sie sah mich staunend an , dann schüttelte sie gedankenvoll das schöne Haupt : » Loskine ! « rief ich , » wolle nur , und was dir unmöglich scheint , soll gewiß möglich gemacht werden . Aber noch eins zuvor beantworte mir : Kannst du Marwins Verlangen nicht gutwillig erfüllen ? Kannst du nicht die Seinige werden ? « Sie schwieg . Ich tat dieselbe Frage wieder , worauf sie ein bestimmtes : Nein ! ausstieß . Mir fiel ein Berg vom Herzen und zugleich war mein Entschluß gefaßt . Mit Blitzesschnelle ordnete sich ein Plan in meinem Kopfe , dessen Unsicherheit ich freilich sogleich fühlte . Er lief darauf hinaus , daß ich nach meiner unverzüglichen Trennung von ihren Leuten allein bis G * * * vorausreisen wolle , dem Städtchen , wo sie , wie ich ja wußte , nächstens auch eintreffen würden . Dort sollte sie sich alsdann von den Ihrigen verlieren , sich unter der Hand und mit kluger Art nach dem angesehensten Gasthaus erkundigen , wo ich mich unfehlbar bereits befinden und alle Anstalten zur schnellen Flucht getroffen haben würde . Loskine hatte meinen Vorschlag kaum vernommen , so entriß sie sich mir eilig , denn wir hörten Geräusch . In einem Gewirre von ängstlich sich durchkreuzenden Gedanken über die Ungewißheit , in welcher ich in mehr als einer Hinsicht mit meinem Plane stand , blieb ich mir selber überlassen . Hat das Mädchen mich verstanden ? Werde ich Gelegenheit finden , sie noch einmal darüber zu vernehmen ? oder wenn sie mich gefaßt hat , wird sie sich zu dem Schritte entschließen ? ist der letztere überhaupt ausführbar ? Diese Zweifel beunruhigen mich nicht wenig , bis mir der glückliche Einfall kam , alles dem Willen des Schicksals anheimzustellen und zuletzt das Glücken oder Mißlingen meiner Absichten als Probe ihrer Güte oder Verwerflichkeit anzusehen . Mit dieser Idee schmeichelte ich mir ordentlich , sowie durch den strengen Vorsatz , Loskinen für jetzt nicht mehr aufzusuchen , mich wenigstens nicht näher mit ihr darüber zu verständigen . Um wieviel bedeutender - dies schwebte im Hintergrund meiner Seele - um wieviel glänzender wird nachher die Erfüllung deiner Erwartungen sein ! Aber auch selbst in ihrem Fehlschlagen sah ich einen für mich reizenden Schmerz und eine schöne Entsagung voraus . Jetzt begab ich mich zu meiner Gesellschaft , zog den Hauptmann beiseite und erklärte ihm die Notwendigkeit meiner Entfernung , die ich ihm durch einen letzten Beweis meiner Erkenntlichkeit um so leichter verschmerzen machte . Er empfing mein immer ansehnliches Geschenk mit einer Miene von Stolz und Freundlichkeit , erbot sich zu einem Ehrengeleite , was ich aber ausschlug , und er versprach , meiner Bitte gemäß , die andern in meinem Namen zu grüßen , da ich aus Schonung für Marwin einen allgemeinen Abschied vermeiden wolle . Im Grunde aber unterließ ich den Abschied aus Schonung für mich selber , aus einem eigenen Schamgefühl , das mich nicht vor den Menschen treten ließ , den ich um seine schönste Hoffnung zu betrügen gedachte . Ich suchte mich damit zu trösten , daß ich mir sagte , er werde um nichts beraubt , das er je besessen hätte oder jemals besitzen könnte , denn Loskinens Herz war weit von ihm entfernt . In kurzer Zeit befand ich mich wieder allein und in meinen ordentlichen Kleidern . Ich verfolgte zu Pferde mit einem gleichfalls berittenen Begleiter aus dem nächsten Dorfe einen Umweg nach G * * * welchen , wie zu vermuten war , der Hauptmann nicht einschlug . Diese Vorsicht gebrauchte ich auf alle Fälle , so wie ich ihm auch die Richtung meiner Reise falsch angab . In G. langt ich beizeiten an und nahm mein Absteigequartier gemäß dem Loskinen gegebenen Worte . Was meine Absicht weiter fördern konnte ward unverzüglich eingeleitet . Einige neue Kleidungsstücke , vor allem ein anständiger Mantel lag für die Geliebte bereit . Es fand sich ein bequemer verschlossener Wagen , dessen Anblick mich mit abwechselnd glücklichen und bekümmerten Ahnungen erfüllte ; doch erhielt sich meine Hoffnung um so aufrechter , je weiter ich die Zeit hinaussetzte , wo meiner Berechnung nach die Ankunft des Trupps erfolgen konnte . Dies war auf den folgenden Morgen , als den eigentlichen Markttag . Ganz gelassen schaute ich soeben von meinem Zimmer auf die Straße hinab und überlegte , nicht ohne einige bedenkliche Rücksicht auf den sehr herabgesunkenen Zustand meiner Börse , die Art und Weise , wie ich das in den nächsten Tagen unfehlbar hier auf der Post einlaufende Paket von S. wollte am zweckmäßigsten heimwärts mir nachschicken lassen . Ich sah unter diesen Betrachtungen ruhig zu , wie unter meinem Fenster ein Junge vom Haus mit einer neuen hölzernen Armbrust spielte , wobei ein dunkles , gleichgültiges Gefühl in mir war , als wäre mir ein gleiches Instrument während der letzten Zeit irgendwo vorgekommen . Wie ein Blitz durchzückt mich plötzlich der Gedanke , daß ich noch vor zwei Tagen dergleichen Schnitzarbeit in den Händen Loskinens gesehen , daß sie bereits in der Nähe sein müsse , daß sie jeden Augenblick in das Haus treten könne . Ich war außer mir vor Freude , vor Erwartung und Angst . Aber dieser peinvolle Zustand sollte nicht lange dauern . O Gott ! wer schildert den Augenblick , da die herrliche Gestalt in mein Zimmer schlüpfte , diese Arme sie empfingen und sie mit ersticktem Atem rief : » Da bin ich ! da bin ich Unglückliche ! beginne mit mir , was du willst ! « In kurzem saßen wir im Wagen ; erst fuhr ich allein eine Strecke weit vor die Stadt und erwartete sie dort . Wir reisten den Tag und die Nacht hindurch und sind vorderhand weit genug , um nichts mehr zu fürchten . Aber welche Not , welche süße Not hatt ' ich , den Jammer des holden Geschöpfs zu mäßigen . Sie schien jetzt erst den ungeheuren Schritt zu überdenken , den sie für mich gewagt , sie quälte sich mit den bittersten Vorwürfen und dann wieder lachte sie mitten durch Tränen , mit Leidenschaft mich an sich pressend . So kamen wir gegen Tagesanbruch im Grenzorte B. ermüdet an . Ich schreibe dies in einem elenden Gasthof , indessen Loskine nicht weit von mir auf schlechtem Lager eines kurzen Schlafs genießt . Getrost , gutes Herz , in wenig Tagen zeig ich dir eine Heimat . Du sollst die Fürstin meines Hauses sein , wir wollen zusammen ein Himmelreich gründen , und die Meinung der Welt soll mich nicht hindern , der Seligste unter den Menschen zu sein . * Hier brach das Tagebuch des Malers ab . Der Pfarrer machte eine Pause und Jungfer Ernestine sagte : » Er brachte sie also ins Vaterland und nahm sie förmlich zum Weibe ? « » Ja , leider daß Gott erbarm ! er setzt ' es durch . Er verleugnete die abscheuliche Herkunft der Person , doch man merkte sogleich Unrat , und wer von der Familie hätte sich nicht davor bekreuzen sollen , so eine wildfremde Verwandtschaft einzugehen ? Alles riet dem Bruder ab , alles verschwor sich gegen eine Verbindung , ich selbst , Gott vergebe mir ' s , habe mich verfeindet mit ihm , so lieb ich ihn hatte . Umsonst , der Fürst war auf seiner Seite , er ward in der Stille getraut und lebte mit dem Weibsbild einsam genug auf seinem kleinen Gute . Seine Kunst nährte ihn vollauf , aber es konnte kein Segen dabei sein ; beide Eheleute , sagt man , hätten sich geliebt , abgöttisch geliebt , und doch , heißt es , sei sie in den ersten Monaten krank geworden vor Heimweh nach ihren Wäldern , nach ihren Freunden . Man sage mir was man will , ich behaupte , so ein Gesindel kann das Vagieren nicht lassen , und mein armer Bruder muß tausendfachen Jammer erduldet haben . Es dauerte kein Jahr , so schlug der Tod sich ins Mittel , die Frau starb in dem ersten Kindbett . Euer Onkel statt , wie man hoffte , dem Himmel auf den Knieen zu danken , tat über den Verlust wie ein Verzweifelnder ; er lebte eine Zeitlang nicht viel besser als ein Einsiedler ; sein einziger Trost war noch das Kind , das am Leben erhalten war und in der Folge eine unglaubliche Ähnlichkeit mit der Mutter zeigte . Er ließ das Mädchen sorgfältig bei sich erziehen bis in sein siebentes Jahr . Da strafte Gott den hart Gezüchtigten mit einem neuen Unglück . Das Kind ward eines Tags vermißt , niemand begriff , wohin es geraten sein konnte . Später fand man Ursache , zu glauben , daß die verruchte Bande den Aufenthalt meines Bruders entdeckt , und weil die Frau nicht mehr zu stehlen war , sich durch den Raub des Mädchens an dem Vater gerächt habe . Sein halb Vermögen ließ dieser es sich kosten , seinen Augapfel wieder an sich zu bekommen , vergebens , er mußte die Tochter verlorengeben , und nie vernahm man weiter etwas von ihr . Und heute nun - es ist ja unfaßlich , es ist rein zum Tollwerden , mir wirbelt der Verstand , wenn ich ' s denke , heute muß ich es erleben , daß der Bastard mir durch meine eigenen Kinder über die Schwelle gebracht wird . Mir ist nur wohl , seit sie wieder aus dem Haus ist ! Wenn sie sich nur nicht irgendwo versteckt ! dort liegt ja ihr Bündel noch ; wenn nur nicht der ganze Trupp hier in der Nähe umherschleicht ! Heiliger Gott ! wenn sie mir das Haus anzündeten , die Mordbrenner - Auf , Kinder ! mir läuft es siedend über den Rücken , mir ahnet ein Unglück ! Durchsucht jeden Winkel - der Knecht soll den Schultheiß wecken - man soll Lärm machen im Dorfe - « » Um Gottes willen , Vater was denken Sie ? « riefen die Mädchen , » besinnen Sie sich doch ! die Zigeuner sind ja meilenweit von uns entfernt und das Mädchen wird uns nicht schaden . « » Was ? nicht schaden ? wißt ihr das ? Ist sie nicht von Sinnen ? Was ist von einer Närrin nicht alles zu fürchten ! « » So kann ja Johann die Nacht wachen , wir alle wollen wachen . « » Keinen Augenblick hab ich Ruh , bis ich mich überzeugt , daß nicht irgendwo Feuer eingelegt ist . Kommt ! ich habe nun einmal die Grille ; begleitet mich . « So tappte man denn zu dreien ohne Licht durch das ganze Haus ; die Gänge , die Ställe , die Bühne , alles wurde sorgfältig untersucht . Als man in die Dachkammer kam , wo sich das merkwürdige Bild befand , empfanden die Mädchen einen heimlichen , jedoch reizenden Schauder ; es war so aufgehängt , daß soeben der Mond sein starkes Licht darauf fallen ließ , und selbst der Pfarrer ward wider Willen von der dämonischen Schönheit des Gesichtes festgehalten , man hätte es wirklich für ein Porträt Elisabeths halten können ; von ganz eigenem , nicht weiter zu beschreibendem Ausdruck waren besonders die braunen durchdringenden Augen . Keines von den dreien wollte ein lautes Wort sprechen , nur Adelheid fragte den Vater , ob der Onkel es gemalt ? ob es seine Frau vorstelle ? Der Pfarrer nickte , nahm das Bild seufzend von der Wand und versteckte es in die hinterste Ecke . Im Vorbeigehen traten sie in Theobalds Schlafkammer , er schlief ruhig , die Hände lagen gefaltet über der Decke . Mitternacht war vorüber . Der Alte hatte wenig Lust sich zur Ruhe zu begeben , die Töchter sollten ihm Gesellschaft leisten , und um sie wach zu erhalten mußte er den Rest der traurigen Geschichte erzählen . » Dieser geht nahe zusammen « , sagte er . » Der Unfall mit dem Kinde vernichtete den Oheim ganz ; der Aufenthalt im Vaterlande ward ihm unerträglich , er ging auf Reisen , nach Frankreich und England , soll aber in steter Verbindung mit seinem Fürsten geblieben sein und fortwährend für ihn gearbeitet haben , bis er aus unbekannten Gründen mit dem Hofe zerfiel . Auf einmal verscholl er und man weiß bloß , daß er mit einem Schiffe zwischen England und Norwegen umgekommen . Den größten Teil seines Vermögens hatte er bei sich , aber aus dem , was er zurückließ , zu schließen , schien er eine Heimkehr nicht aufgegeben zu haben . Seine Güter fielen der Herrschaft zu , welche Anspruch