? « » Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts ; « antwortete der Jude ! » Sagt nur , ich sey der Wechsler , der gestern beschieden wurde . « Dagobert zuckte die Achseln , und ging zum Herzoge hinein . Der Harrende zählte indessen zum zehntenmale die Steine , mit welchen der Boden des Gemachs geplattet war . Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus . » Geh hinein , Jude ! « sprach er kurz , und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zögernden in die Thüre , die er , draußen verbleibend , hinter ihm schloß . - Der Herzog saß am obern Ende des Gemachs auf einem Polstersessel , schien gerade von einem kleinen Schlummer erwacht zu seyn , und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren . Die Bücklinge , mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte , machten einen mißfälligen Eindruck auf den Fürsten . - » Laß die Possen ! « sprach er hart : » Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen , nicht eines Hundes . So sehr ich Dir Dank weiß , daß Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestört hast , so wenig billige ich solche Kriecherei . « - Er winkte ihm näher zu kommen , in einer Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben . - » Du nennst Dich Ben David ? « begann er nun : » Der geehrte Altbürger zur Hofstatt hat Dich mir sehr empfohlen in dem Schreiben , das Du mir gestern überreichen ließest . Wir wollen sehen , ob Du das Vertrauen verdienst , das ich Dir gerne schenken möchte . « » Es kömmt ja nur an auf die Probe ; « erwiederte Ben David ehrfurchtsvoll : » unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger , den Erlauchten , Weitgepriesenen . « » Schweig ! « herrschte ihm der Fürst zu : » Ich hasse die Speichelleckerei zu der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben . Gerade und offen in ' s Gesicht ; hinterm Rücken kein Haarbreit anders ; so sey der Unterthan gegen seinen Herrn , der Geringe gegen den Hohen . Ich wette , diese schmutzige Glattzüngigkeit ist Dir nicht einmal Ernst , denn Dein abscheulich Antlitz wird noch häßlicher durch das erheuchelte Grinsen . « Ben David zuckte schweigend die Achseln , und verbeugte sich . Der Herzog blickte ihn scharf an , und schlug alsdann erstaunt die Hände zusammen . » Jesus Christus ! « rief er : » Wer hat Dich denn also zugerichtet , Jude , daß Dein Gesicht aussieht wie ein zerfetzter und kümmerlich zusammengenähter Turnierhandschuh ? Das nenne ich eine Narbe , wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen kann , obschon Du sie da nicht holtest . « » Ach , gnädigster Herr , « erwiederte Ben David mit bewegter Stimme : » auf dem ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten ; im Kampfe für meine Söhne , und Ihr , großmüthigster Fürst , « hier warf sich der Jude weinend zu Friedrichs Füßen ; » Ihr müßtet mich an diesem Denkzeichen erkennen , wenn ein Sohn Israels werth wäre der Erinnerung . « Der Herzog stand betroffen auf , und musterte mit durchdringendem Auge den Knieenden , der also fortfuhr : » O gewiß , gewiß , Ihr entsinnt Euch noch des Reichstags , der vor achtzehn Jahren beiläufig zu Frankfurt gehalten wurde , mit ungeheurer Pracht und großem Zulauf von Fürsten und Gewaltigen , unter denen jedoch hervorglänzte wie der Stern des Morgens der Herzog Leopold von Österreich . « » Ob ich mich dessen entsinne ? « fragte Friedrich mit leuchtendem Blicke : » Österreich glänzte da wie die Sonne selbst , nicht wie der Stern , den sie verscheucht . Steh auf ; rede - wie kömmst Du mit Leopold zusammen ? « » Des Herzogs Haus war offen wie das Haus eines Vaters seinen Söhnen ; « fuhr Ben David fort : » um Gott und um Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige , getränkt der Durstige . « Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des herzoglichen Hofstaats . Ach , sie wußten nicht , daß wo der christliche Bettler Zutritt hat , derselbe dem Juden doch verboten ist . Neugierig durchstreiften sie den Hof , die weitläufigen Ställe . Dem Einen von ihnen fällt ein köstlich Sattelzeug in die Augen , mit vergoldeten Buckeln , der Andre greift es kindisch bewundernd an mit den Händen ; ein Sattelknecht sieht ' s und ruft : » Diebe ! « » Unter den Fäusten des Trosses büßen die Kinder ihre unschuldige Neugier . Vergebens flehen sie an ihre Peiniger ! Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu ihrem Vater . Der Zufall will , daß dieser vorbeigeht an den offnen Thoren , hört das Gejammer , hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen , gemarterten Söhne . Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte ; ihre Grausamkeit stößt ihn zurück . Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreißen sein Blut der Gefahr , und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem Gesichte zu Boden , denn ich , ich Herr , war der Vater der armen Kleinen . « » Still ! still ! « rief der Herzog , auf dem Antlitz die edle Scham zeigend , welche eine gute That darauf malt : » Ich weiß bereits .... steh ' auf ; ich entsinne mich schon . « » Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete , als hier vor Euch in Dankbarkeit ! « sprach Ben David weiter , und große Thränentropfen fielen in seinen Bart : » Ihr habt mich und die Söhne gerettet , edler Herzog , damals in der Jugendblüthe . Ihr habt mir gesendet Euern Arzt , der mich heilte ; Ihr habt getröstet mein klagend Weib ; Ihr habt beschenkt meine Kinder . Ihr habt Euch nicht geschämt , herabzusteigen in eines armen Juden Hütte , zu sehen unsre Armuth , unsre Leiden . « » Gott ! « spracht Ihr beim Scheiden halb vor Euch hin : » kann man denn Menschen so in den Staub treten ? « und eine Handvoll Gold ließt Ihr auf meinem Schmerzenslager zurück . » Herr ! Mensch unter ' m Herzogshute ! Aus Euerm Beispiele hab ich gelernt , daß es gibt edle Christen . Herr ! von Euch habe ich ererbt Vertrauen auf die dunkle Vorsehung ; Herr ! Euer Gold hat mir gebracht Segen , hat mich gemacht reich , und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich ' s Euch : Euer ist auch Alles , was mein ist auf der Erde . « Ben David schwieg erschöpft , und küßte des Herzogs Stiefel , daß Friedrich empört zurücktrat , und halb gerührt , halb unmuthig ausrief : » So steh doch auf , aberwitziger Ebräer ! Du wirst mich böse machen mit dem übertriebnen Gewäsche . So seyd Ihr aber , leichtsinniges Volk . Dem Erlöser sangt ihr Hosianna , und habt ihn dann getödtet . « Ben David richtete sich langsam und bekümmert auf . » Gnädigster Herzog , « sprach er , gänzlich ablenkend : » mein Vater , der seine hundert Jahre zählt , hat viel des Guten gethan auf der Welt , und keinen Lohn davon getragen , als ein schneeweißes Haupt und schwache Glieder . Belohnt mich an seiner Statt , edler Fürst , oder sorgt , daß der Kaiser es thue . « Der Herzog sah ihn befremdet an . » Wie soll ich das verstehen ? « fragte er : » Wie käme denn ich , wie der Kaiser dazu , Dich zu belohnen für die guten Thaten , die vielleicht Dein Vater verrichtet hat ? « Lächelnd schwieg Ben David eine Weile , trat dann in die vorige ehrfurchtsvolle Entfernung , und versetzte : » Euer Wort ist Wahrheit , Herr , aber ... wenn Ihr nicht an mir das Gute vergelten wollt , das mein Vater vor fünfzig Jahren that , warum laßt Ihr mir entgelten , was mein Volk vor anderthalbtausen Jahren Böses gethan ? - « Friedrich warf bei der unvermutheten Wendung den Kopf zurück , hielt aber an sich , biß sich in die Lippen , und bezwang seinen gereizten Stolz männlich und edel , wie es einem klugen und rechtlichen Fürsten geziemt , wenn die Wahrheit sein Vorurtheil besiegt . » Was ist aus Deinen Söhnen geworden ? « begann er leutseliger , als zuvor . Ben David legte die Linke auf die Brust , und seufzte . » Sie haben mir viel Herzeleid . gemacht ; « sprach er . » Der ältere lebt und ist doch gestorben für mich . Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der Gerechten . Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen , aus einem Sohn der Gebote ist er geworden ein Abtrünniger , ein Anhänger derjenigen , die sein Volk unterdrücken ! « » Ich verstehe ; « erwiederte Herzog Friedrich : » er ist klüger gewesen als Du , und ist , ein Reuiger , in den Schooß unsrer Kirche eingegangen . Ich muß ihn um dessentwillen loben . Es ist besser ein schlechter Christ seyn , als der beste Jude . « - » Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit , gebe ich ' s zu ; « versetzte Ben David ernst : » der heilige Gott möge ihm verzeihen . So viel ich weiß , lehrt er jetzt die hebräische Sprache zu Heidelberg an der hohen Schule . « - » Wohl ihm ; « setzte der Herzog hinzu : » was geschah aber mit dem Jüngsten ? « - » Auf seinem Gedächtnisse sey der Friede ! « murmelte der Vater mit zum Himmel gerichtetem Blicke : » Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes ; vor vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen , da die Christen eine Judenhetze hielten daselbst . « Friedrich war betroffen . » Ein erbärmlich Schicksal ! « sprach er , und wandte sich zum Fenster , um den Ausdruck der Rührung auf seinem Gesichte zu verbergen . - - Ben David trocknete eine Zähre von der vernarbten Wange , und fragte unterthänig , mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermöge . - » Ich werde vielleicht bald fünf- bis sechstausend Mark Silbers benöthigt seyn ; « antwortete Friedrich , ohne seine Stellung zu ändern , denn seine Bewegung war noch nicht vorüber : » ich habe meine Gründe , warum ich dieses Geld nicht von meinen Rechneimeistern eintreibe ; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit . Kannst Du die Summe schaffen , sobald ich sie zu fordern veranlaßt seyn könnte ? « » Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit ; « versicherte Ben David ohne Bedenken . » Wie hältst Du ' s mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft ? « fuhr Friedrich wie oben fort . » Von Euch nehme ich nicht Zinsen ; « entgegnete der Jude ruhig : » Euer Wort ist das beste Pfand ; und eine Schrift begehre ich nicht , seitdem Kaiser Wenzel uns gezwungen hat , alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern . « » Was soll das , Jude ? « fragte der Herzog heftig sich umdrehend : » Was nimmst Du Dir heraus ? Ein Herzog in Österreich wird sich von einem Kammerknechte keinen Zins schenken lassen , und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel auszustellen , gleichsam als wär es eine Gabe . Oder hältst Du mich , den Habsburger , fähig , von der Armseligkeit , die damals der Luxemburger gegen Euch ausgeübt , Vortheil zu ziehen ? « » Ich will doch umkommen auf der Stelle , wenn ich Euch , gnädigster Herzog , habe beleidigen wollen ; « betheuerte der Jude : » nur so viel wollte ich sagen , daß Euer ist meine Habe und mein Leben , daß ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den Segen mit dem mich hat überschüttet der Gott Israel . « » Schweig , Hebräer ! « rief Herzog Friedrich , sich aufgebracht stellend : » Lege ein andermal Deine Worte auf die Wage , und bedenke , daß ich kein Kohljunker bin , dessen Dürftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen muß . Geh heim ; es wird schon dunkel , und es ist keine Ehre dabei , mit Deinesgleichen zu solcher Stunde zu verkehren . Mache Deinen Überschlag an Zinsen , an vollwichtigen Zinsen , hörst Du ? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mäkelt nicht um einen Heller . Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde , wann die Zeit kömmt , da ich es gebrauche . « - Mit dem stolzen Wesen , das dem Herzog so wohl stand , verabschiedete er den Juden , der sich in gewohnter Demuth und Unterwürfigkeit davon machte . Dagobert trat ein , den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand , dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache bannten . - » Ich fürchtete schon , Ew . fürstl . Gnaden hätte sich in geheime Kabale und Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen ; « sprach der junge Mann lächelnd : » die Unterredung wollte kein Ende nehmen . « - » Haltet es dem Zufall zu Gute , « versetzte der Herzog herablassend ; » wenn heute der neue Bund vor der Thüre harren mußte , während ich dem alten Gehör gab . Man beschäftigt sich ja manchmal mit Pflanzen , die im Schlamme wachsen , und diese - wahrlich - hat nicht die übelsten Eigenschaften . Dem häßlichen Gesichte wäre es beinahe gelungen , mein Herz zu rühren , das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust . Weg damit . Wie kömmt ' s aber , guter Freund , daß ich Euch bei mir sehe , heute am ersten Faschingstage ? Rollt das junge Blut wieder langsamer , als es sollte ? Wollt Ihr den Graubart spielen , während Alles sich in jugendlicher Lust ergötzt ? Wißt Ihr nicht , daß es heute auf dem Tanzhause munter hergeht ? daß der Kaiser selbst sich in die Freude mischen , daß er Ketten , Ringe austheilen wird an die Schönsten , die das Fest verherrlichen ? Geht dorthin . Eurer wartet daselbst mehr Vergnügen , als bei mir und meinem steifen Waldmann . Oder , kann ich Euch in etwas dienen ? Fordert . « - » Erlaubt , daß ich einige Augenblicke um Euch seyn darf ; « bat Dagobert mit aufrichtiger Anhänglichkeit : » Euer Anschauen wird mich endlich zum Manne machen . « - » Greift Euern Jahren ja nicht vor ; « erwiederte Friedrich : » sie sind die schönsten , die es gibt , und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der Brust ; des Mannes wie ich ihn liebe : gerade , frei , froh und eisenhart . « - » Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen , gnädigster Herr ; « klagte Dagobert . » Wenn ich Euch so kräftig vor mir stehen sehe , gepanzert gegen alle Widerwärtigkeit , umgeben von Ehre , Glück und Stärke , da pocht mir das Herz vor Unmuth , daß ich in die Kutte kriechen , und kein Ritter werden soll , wie Ihr es seyd ? « - » Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid ; « versetzte der Herzog achselzuckend : » der Mutter Gelübde ist der Planet , dem Ihr gehorchen müßt . Das tröste Euch . Horch ! « setzte er bei , zum Fenster eilend : » Warum wird denn da unten auf der Gasse so lärmend gepaukt und schalmeit ? « - In der That zog eine Bande von Zinkenbläsern , Stoßpfeifern und Paukern vorüber . Eine Menge Fackelträger folgte ihnen ; in ihrer Mitte der Kaiser zu Fuße , umgeben von angesehenen Frauen der Stadt , mit ihnen freudiglich dahertanzend unter einem unbändigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und kreischendem Pöbel ! » Jesus Christus ! « begann der Herzog , unmuthig mit dem Fuße stampfend : » Mein alter kahlköpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzählt , der seine Würde so sehr vergessen hat , daß er auf einer Bühne vor allem Volk getanzt und den Gaukelspieler gemacht . Unsre kaiserliche Majestät ist das leibhaftige Konterfei des blutgierigen Thoren zu Rom . Er schleppt seine Würde im Staube nach sich , wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel . Pfui ! daß die Ausländer solche Narreteien sehen müssen ! « - » Der Geist des Unmuths kommt über Euch ; « erinnerte ihn Dagobert bescheiden : » laßt Euch doch des Kaisers Thun nicht zu Herzen gehen ! « - » Seht Ihr , junger Gesell , wie übel es um meinen Seelenpanzer steht ? « rief der Herzog : » Der feige Lützelburger trifft mit seiner Pritsche allemal die Blöse . Ich sitze auf des heiligen römischen Reichs Fürstenbank , meine Vorfahren saßen glorreich und würdevoll auf dem deutschen Throne , den Habsburg auch jetzo mit größrer Ehre füllen würde , als die Luxemburger es im Stande sind . Ich darf , ich muß mich ereifern über die sträfliche Unbesonnenheit , die also zur Schau getragen wird . Ist das ein Betragen , eines Kaisers würdig ? Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu beßrer Zucht und Ordnung bringen ? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn muß der Statthalter Gottes sich in ' s Joch der Knechtschaft beugen lassen ? Nimmermehr ! - Doch was rede ich da ? « unterbrach er sich : » Guter Dagobert ; Ihr müßt mir meine Laune nicht anrechnen , mich nicht für einen Zanksüchtigen halten . Es thut wehe , eine ganze muthige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen . Glaubt mir , der ganze Stamm verdient kein beßres Lob , als ich ihm beilege . Der Vater Karl , in dem nicht Geist , nicht Muth , nicht Adel wohnte , sondern hölzerne Förmlichkeit allein , hat in seinen Söhnen nichts Treffliches hinterlassen . Niemand hatte wohl triftigere Ursache bei der Krönung den seltsamen Eid zu leisten : mit Gottes Hülfe nüchtern zu seyn und zu leben , als Kaiser Wenzel ; niemand hat aber je einen Schwur schneller gebrochen als Er , den seine Völlerei und Zuchtlosigkeit um des Reichs Krone brachte . Sigmund ist jedoch um nichts besser : feig , wollüstig , eitel und prunksüchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tücke und unkaiserliche Doppelzüngigkeit . Er haßt mich leidenschaftlich , in höherm Grade , als ich ihn verachte , aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote einer falschen Katze . Noch diesen Morgen drückte er mich an die Brust , nannte mich seinen liebsten Vetter , und heute Abend - ich schwör ' s - nennt er mich im Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der Flaschenträger , und den Erzpaschaler ; obgleich ich für meine Person das heutige Fest , des Conciliums würdiger begehe , als Er . « Der Herzog , der diese lange Erläuterung seiner innersten Gedanken mit steigendem Feuer herausgesprudelt hatte , schwieg , um Athem zu schöpfen ; warf sich in seinen Stuhl , klopfte seinem alten Rüden die Ohren , und Dagobert , in gerathenem Schweigen verharrend , erwartete wie gewöhnlich die Beurlaubung , die nach ähnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte . Wider Vermuthen wurde jedoch des Herzogs Stimmung gemäßigter , seine finstre Miene freundlicher . Das unmuthige . » Hm ! « das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlüpft war , verwandelte sich in das Trillern eines Tyroler Verglieds , das der Fürst besonders liebte , und das er oft gebrauchte , um sich in Heiterkeit zu versetzen . Mit einemmale schwieg er , heftete den Blick auf Dagobert , lächelte , und sprach in beßrer Laune : » Ei , mein werther Jungherr ! Ihr steht an der Thüre , wie einer der in unhochzeitlichem Kleide zum Feste gekommen ist . Gefällt es Euch , meine heutige Einsamkeit durch einiges Gesprächsel zu beleben , so tretet näher . Setzt Euch zu mir . « - Er wies auf einen Schemel , der unweit von ihm stand . - So freundlich war der Herzog noch nie gewesen . Der Erlaubniß , sich zu setzen , durften überhaupt gar Wenige in seinem Gemache sich rühmen , und Dagobert war sie noch nicht zu Theil geworden . Geschmeichelt von der Herablassung des Gönners , gehorchte er gerne , und der Letztere hob bald also zu sprechen an : » Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers Person beleidigt ? Sagt es offen heraus , und Euch soll ' s nicht gegolten haben . Stellt Euch nicht so befremdet . Oder hättet Ihr in der That Eure zeitlichen Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut , der - ich weiß es - um Eurer Schwester Gunst wirbt ? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wörtlein fallen lassen ; hat schon dem heiligen Vater , zu dessen Sache er stand , halb und halb entsagt , um von dem im Augenblick überwiegenden Kaiser desto eher den rothen Hut zu gewinnen . So redet doch auch Ihr . « - Dagobert stand bekränkt auf , und neigte sich ernst . » Des Vaters Bruder handle wie ' s ihm recht dünkt ; die Schwester desgleichen . Ich werde nie durch Unehre steigen wollen . Ihr habt mich hochgeehrt , gnädigster Herr , und mich erniedrigt im selben Augenblicke . Ich verdiene Euer Mißtrauen nicht . Zählt Ihr mich zu den Abenteurern , die Hand und Herz dahin lenken , wo der Vortheil am schwersten zieht , so muß es Euch befremden , mich an Eurer Seite , und nicht zu Sigmund ' s Füßen zu sehen . « » Wackrer Junge ! « rief Friedrich zufrieden lächelnd , und die Hand nach ihm ausstreckend : » Laßt mich Eure Hand schütteln ! Ich habe mich nicht in Euch getäuscht . Ehre und Treue am Guten ; das ist Euer Wahlspruch . Wie Ihr , redet nur die Wahrheit , und was wir am meisten an dem Manne lieben , den wir uns zum Freund verbinden wollen , ist eben Wahrheit . Ich diene Euch auch damit . Wallradens Betragen , das den schwachen Herrscher in ' s Netz der Minne zu ziehen bemüht ist , hat , wie es zu gehen pflegt , mancherlei Eindruck gemacht . Die Verdorbenen ihres und unsers Geschlechts beneiden sie und den Kaiser . Die Sittlichern - die kleinere Zahl - verachtet sie deßhalb ; diejenigen aber , die sich in ihre Reize vergafften , und durch ihre Lockungen ermuthigt worden waren , sind zur Verzweiflung , oder zur Wuth gebracht . An der Spitze der Erstern steht der Herr von Königseck , ein eitler Lasse , wie nur je deutscher Boden Einen trug . An der Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort . Die Verzweiflung des weibischen Hageprunks wäre zu belachen ; die Wuth des kühnen Montfort ist es nicht . Er hat mir seinen Kummer vertraut , denn ich begünstigte sein Werben um Wallraden . Er hat mir betheuert , seine Geduld werde bald erschöpft , seine Eifersucht bald auf ' s Höchste gestiegen seyn . Warnt Eure Schwester . Die Drohungen des Königseckers mag sie verspotten ; Montfort ' s Rache naht aber heimlich und schweigend , wie das Unglück selbst . Wallrade sey auf ihrer Hut . « » Sie maßte sich stets an , die Klügere zu seyn ; « versicherte Dagobert : » ohne meiner Mannheit zu vergeben , darf ich die Übermüthige nicht warnen . Auf meinen Arm mag sie eher rechnen , wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand auffordern sollte , obgleich sie es nicht verdient . « » Warum müßt Ihr in ' s Kloster wandern ? « fragte der Herzog theilnehmend : » Ihr habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann . Wille und That sind bei Euch Eins und Dasselbe . Ich habe heute einen weißen Raben gefunden , einen dankbaren Juden nämlich . Laßt mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden , einen treuen Freund , wie ihn ein Fürst so selten hat , von verschwiegnem Mund , bereitwilligem Arm und redlichem Herzen . « » Mein gnädigster Herr ! « rief Dagobert überrascht von so viel Zuneigung , und wollte Friedrichs Hand küssen . Der Herzog zog sie aber zurück . » Keine Umstände ! « sprach er ernst : » Wäre ich Euresgleichen , ich nähme Euch in meine Arme . Dieses ziemt mir nun freilich nicht , da Gott einen Fürsten aus mir gemacht hat , und Schranken müssen einmal seyn auf Erden . Aber die Hände dürfen sich zwei Biedermänner wohl schütteln , wenn auch der Eine einen Herzogshut , der Andre ein einfach Piret trägt , wenn auch der Eine in des Lebens Herbst , der Andre erst in dessen Frühling tritt . « Er stand auf , und schüttelte traulich Dagobert ' s Hand . » Fürwahr ! « fuhr er fort : » diese Hand werde ich früher gebrauchen , als Ihr wohl denkt , und auch den Kopf , meine ich ; wenn Ihr anders nichts dagegen habt . « » O sprecht , mein Herzog ! « bat Dagobert ungestüm : » Was kann ich thun , um Euer Vertrauen zu verdienen ? Redet ; auf der Stelle sey ' s vollbracht . « - Der Herzog legte den Finger auf den Mund . » Noch ist ' s nicht an der Zeit ! « begann er : » doch die Zeit wird kommen : verlaßt Euch darauf . Noch darf ich nicht reden , sondern nur lauernd harren , bis geschehen muß , was noch jetzt ein Geheimniß ist . Gelt , ein schmachvoll Jahrhundert , in dem sogar ein Fürst wie ein gefährlicher Verbrecher heimlich thun muß , indem das Recht auf leisen Socken schleichen muß ; während der Schelm ohne Scheu so viel Lärm macht , als ihm beliebt . Aber das Gute und Rechte thun , wenn es auch verboten ist durch schmähliche Gewalt , ist löblich , und in solchem Falle sind alle Mittel , sofern sie nicht Sünde sind , dem ehrlichen Zwecke gerecht . « » Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntniß ? « fragte Dagobert den Herzog rasch und kühn . - » Mein aufrichtigstes ; « entgegnete dieser , und fügte abbrechend bei : » des Besten mich zu Euch versehend , entlasse ich Euch . « » Und stark auf ' s Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch , edler Herzog , « antwortete Dagobert , zufrieden von seinem erhabnen Freunde gehend . Fußnoten 1 Kandidat der Meisterschaft im Schneiderhandwerk . Zwölftes Kapitel . Laßt uns rühren die fröhlichen Schellen ! Rüstig und schnell in ' s Gewühl hinein ; Darf der Thorheit sich Ernst beigesellen , Dann ist es Lust ein Narr zu seyn . In der Poeten fabelhaft Reich Zaubert ein drolliger Fastnachtsstreich ! W. » Nun ? wie gefall ' ich Euch ? « sprach Gerhard lachend zu Dagobert , als sich Beide am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten : » Bin ich nicht der wildeste aller Jäger ? Kreuz , Stein und Dorn ! Was werden die Leute gaffen , und auch Ihr , Junkerlein , seyd der schmuckste Schalksnarr , der jemals zu Costnitz die Schellen regte . Wir werden Aufsehen machen , wo wir uns nur zeigen . « - » Das verhüte Gott ! « erwiederte Dagobert : » Benehme Du Dich nur nicht auffallend und allzu abenteuerlich . Deine ungehobelte Gestalt ist ohnedieß allzukenntlich , wenn Du nicht den Mantel vernünftig und weit umgeschlagen trägst , damit , er Dich verhülle . « - » Ohne Sorge ! « meinte Gerhard : » Ganz Costnitz ist der Meinung , ich laufe noch immer als großer Christoph umher , denn ich habe meinem langen Vollbrecht Kleid , Schürbaum und Heiligenschein abgetreten . « - - » Herrlich ! « versetzte Dagobert : » Ganz Costnitz weiß demnach , daß Du in jener Mummerei steckst , und Wird gewiß auch von der Neuen erfahren haben . « - » Ich will im nächsten Stechen in jedem Rennen den Sand küssen , wenn eine Seele von dem wilden Jäger weiß ; « betheuerte Gerhard : » Mit dem Christoph war ' s ein ander Ding . Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben , erlaube ich meinem Knechte Vollbrecht , mit mir umher zu laufen , und da der einfältige Tropf mich immer gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt , so war ' s gleich weltkundig , wer ich sey . « - » Eine herrliche Aussicht ! « fügte Dagobert bei : » Der Knecht hat die Plaudersucht von Dir geerbt . Nur so viel zur Nachricht . Kein Tropfen Weins kommt in Deine Gurgel mehr , sobald Du verräthst , daß ich in diesem Pickelhäring stack . « - » Verstehe ; « antwortete Gerhard : » werde mich auch hüten . Trinke lieber nach geschehener Arbeit meinen Wein für Euer Geld , als daß ich wie ein ächter Kalandsbruder herum schmarotze mit leerem Seckel . Seyd nicht bange . - Und den Raufdegen ? - Ich trage ihn unterm Mantel am Gürtel . Geschliffen ist er wie ein Schermesser , und wehe den Rippen derjenigen , die mit ihm Bekanntschaft machen wollen . « - » Gut ; « erwiderte Dagobert : » Jetzt laß uns hinaus in die tolle Faschingslust , die wohl häufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst verbirgt ! Komm , wilder Jäger , und folge mir Schritt für Schritt . «