mit Rührung an und drückte seine Hand . » Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen « , sagte er , indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete , » das hätte ich kaum gedacht , man sagte mir , Ihr seid bündisch . « » Ich weiß , Ihr seid ein Anhänger des Herzogs « , antwortete Georg , » aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten . Sehet , der Herzog hat manches getan , was nicht recht ist ; zum Beispiel die Huttische Geschichte , sie mag nun sein wie sie will , hätte er unterlassen können ; sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein , und Ihr müßt selbst gestehen , er ließ sich doch zu sehr vom Zorn bemeistern , als er Reutlingen sich unterwarf - « Er hielt inn ' , als erwarte er die Antwort des Ritters , doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann , fortzufahren : » Nun , so dachte ich von dem Herzog , als ich bündisch wurde , so , und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heere ; aber eine große Fürsprecherin hatte er an Marien , und es ist Euch vielleicht bekannt , daß ich mich auf ihr Zureden lossagte ; nun bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen , sei es weil ich von Natur mitleidig bin , und niemand ungerecht mißhandeln sehen kann , oder auch weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute - ich sah , daß dem Herzog zu viel geschehe , denn der Bund hatte offenbar kein Recht , den Herzog aus allen seinen Besitzungen , und sogar von seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen . Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen ; er hätte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen können , aber er wollte nicht das Blut seiner Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen ; er hätte können den Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten , aber er war größer als sein Unglück , und sehet - das hat mich zu seinem Freunde gemacht . « Der Ritter schlug die Augen auf , seine Brust schien höher zu schlagen , seine edle Gestalt richtete sich stolzer empor , er sah Georg lange an und drückte seine Hand an sein pochendes Herz . » Wahrlich « , sagte er , » es lebt eine heilige , reine Stimme in dir , junger Freund ! ich kenne den Herzog wie mich selbst , aber ich darf sagen wie du sagtest , er ist größer als sein Unglück , und - besser als der Ruf von ihm sagt . Aber er hat wenige gefunden , die ihm Probe gehalten haben ! Ach , daß er nur hundert gehabt hätte , wie du bist , und es hätte kein Fetzen der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht . Daß du sein Freund werden könntest ! doch es sei ferne von mir , dich einzuladen sein Unglück mit ihm zu teilen , es ist genug , daß deine Klinge und ein Arm wie der deinige , nicht mehr seinen Feinden gehört ; mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen , möge der Himmel dir deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen . « Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters , der manch verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug . War es die Anerkennung seines persönlichen Wertes , der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang , war es die Ähnlichkeit des Schicksales dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück seines Hauses , war es die romantische Idee nicht für das siegende Unrecht , sondern für die gerechte Sache , gerade weil sie im tiefsten Unglück war , sich zu erklären . - Georg fühlte sich unwiderstehlich zu diesem geächteten Mann , zu der Sache , für die er litt , hingezogen , begeistert faßte er seine Hand und rief : » Es spreche mir keiner von Vorsicht , nenne es keiner Torheit , sich an das Unglück anzuschließen ! mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen , und in den Gütern des unglücklichsten Fürsten schwelgen - ich fühle Mut in mir , mit ihm zu tragen was er trägt , und wenn er sein Schwert zieht , seine Lande wieder zu erobern , so will ich der erste sein , der sich an seine Seite stellt . Nehmt meinen Handschlag , Herr Ritter , ich bin , wie es auch komme , Ulerichs Freund für immer ! « Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten , indem er den Handschlag zurückgab . » Du wagst viel , aber du bist viel , wenn du Ulerichs Freund bist . Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben , aber hier unten ist noch gut Württemberg . Hier vor mir sitzt der Ritter und der Bürger , vergesset einen Augenblick , daß ich ein armer Ritter und ein unglücklicher geächteter Mann bin , und denket ich sei Fürst des Landes , wie ich der Herr der Höhle bin . Ha ! noch gibt es ein Württemberg wo diese drei zusammenhalten , und sei es auch tief im Schoß der Erde . Fülle den Becher Hanns , und lege deine rauhe Hand in die unsrigen , wir wollen den Bund besiegeln ! « Hanns ergriff den vollen Krug und füllte den Becher . » Trinkt edle Herren , trinkt « , sagte er , » ihr könnet euch in keinem edleren Wein Bescheid tun , als in diesem Uhlbacher . « Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus , ließ ihn wieder füllen und reichte ihn Georg . » Wie ist mir doch ? « sagte dieser , » blühte nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß ? Ich glaube man nennt also den Wein , der auf jenen Höhen wächst ? « » Es ist so « , antwortete der Geächtete ; » Rotenberg heißt der Berg , an dessen Fuß dieser Wein wächst , und auf seinem Gipfel steht das Schloß , das Württembergs Ahnen gebaut haben . - Oh , ihr schönen Täler des Neckars , ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein ! von euch , von euch auf immer ? ! « Er rief es mit einer Stimme , die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg , denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt , womit der feste , unbeugsame Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte ! Der Bauer kniete nieder zu ihm , ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem düsteren Hinbrüten , dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte . » Seid stark , guter Herr ! Ihr werdet sie wiedersehen , fröhlicher als Ihr sie verlassen habt . « » Ihr werdet sie wiedersehen , die Täler Eurer Heimat « , rief Georg , » wenn der Herzog einrückt in sein Land , wenn er einziehet in die Burg seiner Ahnen , wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen widerhallen vom Jubel des Volkes , dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen . Verscheuchet die trüben Gedanken , nunc vino pellite curas , trinket , vergesset nicht , was wir vorhin gesprochen haben , ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Weine - der Herzog und seine Treuen ! - « Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den düsteren Zügen des Ritters auf . » Ja ! « rief er , » Treue ist das Wort das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen , wie ein kühler Trank dem einsamen Wanderer in der Wüste . Vergesset meine Schwäche , Junker ; verzeihet sie einem Mann , der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt . Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rothenberges hinabgesehen hättet , auf das Herz von Württemberg , wie der Neckar durch grüne Ufer zieht , wie mannshohe Halmen in den Feldern wogen , wie sanfte Hügel am Fluß sich hinauf ziehen , bepflanzt mit köstlichem Weine , wie dunkle , schattige Forsten die Gipfel der Berge bekränzen , wie Dorf an Dorf mit seinen freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschauen , wie gute fleißige Menschen , kräftige Männer , schöne Weiber auf diesen Höhen , in diesen Tälern walten , und sie zu einem Garten anbauen - hättet Ihr dieses gesehen , Junker , gesehen mit meinen Augen , und säßet jetzt hier unten , hinausgeworfen , verflucht , vertrieben , umgeben von starren Felsen , tief im Schoß der Erde ! Oh , der Gedanke ist schrecklich und oft zu mächtig für ein Männerherz ! « Georg bangte , der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden , daher suchte er schnell dem Gespräch , eine andere Wendung zu geben : » Ihr waret also oft um den Herzog , Herr Ritter ? O saget mir , ich bin ja jetzt sein Freund , saget mir , wie ist er im Umgang ? wie sieht er aus ? nicht wahr , er ist sehr veränderlich und hat viele Launen ? « » Nichts davon « , entgegnete der Geächtete , » Ihr werdet ihn sehen und lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen . Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen , von Euren eigenen saget Ihr gar nichts ? nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise , nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein ? - Ihr schweiget und schlaget die Augen nieder ? glaubet nicht , daß es Neugierde sei , warum ich frage ; nein , ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu können . « » Nach dem was diese Nacht zwischen uns geschehen ist « , antwortete Georg , » ist von meiner Seite keine Zurückhaltung , kein Geheimnis mehr nötig . Es scheint auch , Ihr wußtet längst , daß ich Marien liebe , vielleicht auch , daß sie mir hold ist ? « » O ja « , entgegnete der Ritter lächelnd , » wenn ich anders die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann ; denn sie schlug , wenn von Euch die Rede war , die Augen nieder , und errötete bis in die Stirne , auch nannte sie Euren Namen mit eigenem , so eigenem Ton , als gäben alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an . « » Ich glaube , Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt , und deswegen will ich nach Lichtenstein . Ich war von Anfang willens , als ich mich vom Bunde lossagte , nach Haus zu ziehen , aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher , da dachte ich , ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor sehen . Der Mann hier führte mich über die Alb ; Ihr wisset was meine Reise um acht Tage verzögerte ; sobald der Morgen herauf ist , will ich oben im Schloß einsprechen , und ich hoffe , ich komme dem alten Herrn jetzt willkommner , da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe . « » Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein , wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt , denn er ist ihm treu und sehr ergeben . Doch könnte es sein , daß er Euch nicht traute , denn er soll ein wenig mißtrauisch und grämlich gegen fremde Menschen sein . Ihr wisset , wie ich mit ihm stehe , denn er ist der barmherzige Samariter der mich , wenn ich nachts aus meiner Höhle steige , mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost für die Zukunft labt ; ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers , und zum Zeichen für ihn und manchen andern , nehmet diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese Stunde , er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs verkünden . « Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger . Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt , und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm , die darin eingegraben waren , erkannte der junge Mann das Zeichen Württembergs ; um den Ring standen erhaben geprägte Buchstaben , deren Sinn er nicht verstand . Sie hießen : U. H. Z. W. U. T. » Uhzwut ? was bedeutet dieser Name ? « fragte er . » Ist es etwa ein Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs ? « » Nein , mein junger Freund « , antwortete der geächtete Ritter ; » diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand , und er war mir immer sehr wert , ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm , und konnte dieses an keinen Besseren abtreten . Die Zeichen heißen Ulrich , Herzog Zu Württemberg Und Teck ! « » Er wird mir ewig teuer sein « , erwiderte Georg , » als ein Andenken an den unglücklichen Herrn , dessen Namen er trägt , und als schöne Erinnerung an Euch , Herr Ritter , und die Nacht in der Höhle . « » Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet « , fuhr der Ritter fort , » so gebet dem nächsten besten Knecht den Zettel , den ich Euch schreiben werde , und diesen Ring , solches dem Herrn des Schlosses zu bringen , und Ihr werdet gewiß empfangen werden , als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn . Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen Zeichen haben , denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht ; etwa ein herzlicher Händedruck , die geheimnisvolle Sprache der Augen , oder ein süßer Kuß auf ihren roten Mund ; doch , um gehörig vor ihr zu erscheinen , habt Ihr Ruhe nötig , denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten Nacht etwas trübe sein . Daher folget meinem Beispiel , strecket Euch auf die Rehfelle nieder , und leget Euren Mantel als Kopfkissen unter . Und du würdiger Majordomus , oberster Kämmerer und Mundschenk , Hanns , getreuer Gefährte im Unglück , reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk , daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl , diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde , und ihn der Gott der Träume mit seinen lieblichsten Bildern besuche ! « Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe , und Hanns setzte sich , wie ein treuer Hund , an die Pforte der Felsenkammer . Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine Schlummerkörner über ihn , und er hörte nur noch halb im Traume , wie der geächtete Mann sein Nachtgebet sprach , und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte über ihn und jenes unglückliche Land , in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte , seinen Schutz und seine Hülfe herabzusenden . VII Aus einem tiefen grünen Tal Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl , Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein Vergnüglich in die Welt hinein . Schwab Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage , und die Gegenstände umher besinnen , als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschüttelt wurde ; allmählich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurück , und er erwiderte freudig den Handschlag , mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte . » So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde « , sprach dieser , » so möchte ich Euch doch raten , nach Lichtenstein aufzubrechen , wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollet . In meiner Höhle kann ich Euch leider keines bereiten lassen , denn wir machen niemals Feuer auf , weil der Rauch uns gar zu leicht verraten könnte . « Georg stimmte seinen Gründen bei , und dankte ihm für seine Beherbergung . » Wahrlich « , sagte er , » ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim Becher verlebt , als in dieser Höhle . Es hat etwas Reizendes , so tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen . Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schönsten Schlosses um diese Felsenwände ! « » Ja , unter Freunden , wenn der Becher munter kreist « , entgegnete der Bewohner der Höhle ; » aber unfreiwillig hier zu sitzen , tagelang einsam in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten , wenn das Herz sich hinaussehnt in den grünen Wald , unter den blauen Himmel , wenn das Auge , müde dieser unterirdischen Pracht , hineintauchen möchte in die reizende Landschaft , hinüberschweifen möchte über lachende Täler zu den fernen Bergen der Heimat ; wenn das Ohr , betäubt von dem eintönigen Gemurmel dieser Wasser , die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieseln , und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen , sich hinaussehnt , den Gesang der Lerche zu hören , zu lauschen wie das Wild in den Büschen rauscht ! « » Armer Mann ! es ist wahr , eine solche Einsamkeit muß schrecklich sein ! « » Und dennoch « , fuhr jener fort und richtete sich höher auf , indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte ; » und dennoch preise ich mich glücklich , mit Hülfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben . Ja ich wollte lieber noch hundert Faden tief hinabsteigen , wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet , als in die Hände meiner Feinde fallen und ihr Gespött werden ; und wenn sie dahin mir nachkämen , die blutgierigen Hunde des Bundes , so wollte ich mich mit meinen Nägeln weiter hineinscharren in die härtesten Felsen , ich wollte hinabsteigen tiefer und immer tiefer , bis wo der Mittelpunkt der Erde ist . Und kämen sie auch dorthin , so wollte ich die Heiligen lästern , die mich verlassen haben , und wollte dem Teufel rufen , daß er die Pforten der Finsternis aufreiße , und mich berge gegen die Verfolgung dieses übermütigen Gesindels . « Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar , daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte . Seine Gestalt schien größer , alle seine Muskeln waren angespannt , seine Wangen glühten , seine Augen schossen Blitze , als suchten sie einen Feind , den sie vernichten sollten , seine Stimme dröhnte hohl und stark , und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach . Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte , so konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln , den man , weil er seinem Herrn treu geblieben war , aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte , den man wie ein angeschossenes Wild suchte , um ihn zu töten . » Es liegt ein Trost in dieser Gesinnung « , sagte er zu dem Geächteten , » und Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen , wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge fasset . Ich bewundre Euch , um Eurer Seelenstärke , Herr Ritter ! aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage ab , die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt , doch Ihr habt mich in der letzten Nacht zu oft Freund genant , als daß ich sie nicht wagen dürfte ; nicht wahr , Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg ? « Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen , das Georg nicht finden konnte , denn der Ernst , der noch immer auf den Zügen des Ritters gelegen , war wie weggeblasen , er lachte zuerst leise vor sich hin , dann aber brach er in lautes Gelächter aus , in welches , wie auf ein gegebenes Zeichen , auch der Spielmann ein stimmte . Georg sah bald den einen , bald den andern fragend an , aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr zu reizen . Endlich faßte sich der Geächtete : » Verzeihet , werter Gast , daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte , und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe , ehe ich etwas von Euch lächerlich fand ; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf ? Kennet Ihr ihn denn ? « » Nein , aber ich weiß , daß er ein tapferer Ritter ist , daß er wegen des Herzogs vertrieben wurde , und daß die Bündischen auf ihn lauern ; und paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch ? « » Danke Euch , daß Ihr mich für so tapfer haltet , aber das möchte ich Euch doch raten , daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommet wie mir , denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken zusammengehauen . Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl , einen Kopf kleiner als ich , und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen . Übrigens ist er ein ehrenwerter Mann , und einer von den wenigen , die ihren Herrn im Unglück nicht verließen . « » So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg ? « entgegnete Georg traurig , » und ich muß gehen ohne zu wissen , wer mein Freund ist ? « » Junger Mann ! « sagte der Geächtete mit Hoheit , die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde , » Ihr habt einen Freund gefunden , durch Euer tapferes , ehrenvolles Wesen , durch Euren offenen , freien Blick , durch Eure warme Teilnahme an dem unglücklichen Herzog . Es sei Euch genug , diesen Freund gewonnen zu haben , fraget nicht weiter , ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche Verhältnis zerstören , das mir so angenehm ist . Lebet wohl , denket an den geächteten Mann ohne Namen , und seid versichert , ehe zwei Tage vorbeigehen , sollt Ihr von mir und meinem Namen hören ! « Es wollte Georg dünken , als stehe dieser Mann , trotz seines unscheinbaren Kleides , vor ihm wie ein Fürst , der seinen Diener huldreich entläßt , so groß war jene unbeschreibliche Hoheit , die ihm auf der Stirne thronte , so erhaben der Glanz , der aus seinem Auge drang . Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet , und stand erwartend am Eingang der Grotte , der geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen . Er ging und wußte nicht wie ihm geschah , noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe , und doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden , noch nie hatte er gefühlt , wie in jenen Augenblicken , daß ein Mann entkleidet von jenem irdischen Glanze , der das Leben schmückt , selbst in ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von sich strahlen könne , die das Auge blendet , und das Gefühl des eigenen Ichs so plötzlich überrascht und hinabdrückt . Mit diesem Gedanken beschäftigt , ging er durch die Höhle ; die erhabene Pracht der Natur , die beim Eintritt sein Auge überrascht und gefesselt hatte , ging für ihn verloren ; er staunte nicht mehr , daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges sich so herrlich und großartig ausgesprochen habe . War ja doch sein inneres Auge mit einem Gegenstand beschäftigt , in welchem sie sich noch imposanter und großartiger aussprach , als in der nächtlichen Pracht dieser Felsen , denn er bewunderte die Erhabenheit des menschlichen Geistes über jedes irdische Verhältnis , und dachte nach über die Majestät einer großen Seele , die auch im Gewande des Bettlers ihren angeborenen Adel nicht verleugnen kann . Ein heller freundlicher Tag empfing sie , als sie aus der Nacht der Höhle zum Licht herausstiegen . Georg atmete freier und leichter in der kühlen Morgenluft , denn der feuchte Dunst , der in den Gängen und Grotten der Höhle umzieht , und wovon sie vielleicht den Namen Nebelhöhle trägt , lagert sich beengend auf die Brust . Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden , munter und frisch wie sonst , und selbst die Waffenstücke , die am Sattel befestigt waren , hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten , wie Georg befürchtet hatte , denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch , das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte , über den Rücken des Pferdes ausgebreitet . Georg machte seine Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht , während der Bauer diesem einige Händevoll Heu zum Morgenbrot reichte , und dann ging es weiter den Berg hinan . Sie waren noch wenige Schritte vorgerückt , als der Klang einer Glocke aus dem Tal herauftönte , die feierliche Stille des Morgens unterbrach , eine andere antwortete , drei bis vier stimmten ein , bis die melodischen Töne von wenigstens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den Tälern aufstiegen . Überrascht , hielt der junge Mann sein Pferd an ; » Was ist das ! « rief er , » brennt es irgendwo , oder wie , sollten wir heute ein Fest im Kalender haben ? Weiß Gott , ich bin durch meine Krankheit so aus aller Zeit herausgekommen , daß ich den Sonntag nur daran erkenne , daß die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen anhaben . « » Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen « , antwortete Hanns der Spielmann ; » ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen müssen , wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess ' und Predigt , aber heute ist es ein anderes Ding « , setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz , » heut ist Karfreitag . Gelobt sei Jesus Christus ! « » In Ewigkeit ! « erwiderte der Jüngling . » Es ist das erste Mal in meinem Leben , daß ich den Tag nicht würdig begehe , wie ich soll ; und dieser Tag erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit . Damals lebte noch mein Vater ; ich hatte eine sanfte , gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein . Wir beide freuten uns immer , wenn der Karfreitag kam ; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages , aber wir rechneten dann , daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei , wo uns die Mutter schöne Sachen bescherte . Requiescant in pace « , setzte er hinzu , indem er seitwärts blickte , um eine Träne zu verbergen ; » sie sind drüben alle drei , und feiern dort ihren heiligen Freitag . « » Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen « , sagte der Pfeifer nach einigem Stillschweigen , » aber mein Beichtiger mag es mir schon vergeben . Ich denke , Ihr solltet nicht traurig sein , Junker ! Denen die schlafen , ist es wohl , und die , die wachen , sollen vorwärts und nicht rückwärts sehen . So würde ich an Eurer Stelle daran denken , wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet , und wie sie sich freuen werden am Karfreitag . Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt , und wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute , sanfte Mutter werden ? « Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken , das dieser sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte . » Höre , guter Freund « , entgegnete er , » dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt ; doch möchte ich keinem andern raten , meine Ohren durch solche sündige Gedanken zu entweihen . « » Nichts für ungut , Herr ! ich wollte weder Euch noch das Fräulein damit beleidigen ; soll auch nicht mehr geschehen . Aber sehet Ihr nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen ? Noch eine kleine Viertelstunde , und wir sind oben . « » Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte , ist das Schloß auf einen einzelnen , jähen Felsen hinausgestellt ? bei Gott , ein kühner Gedanke , da konnte wohl niemand hinüberkommen , wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen gelernt hatte ; freilich jetzt könnte man mit Stückschüssen sehr zusetzen . « » Meint Ihr ? nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle , die auch ein Wörtchen antworten würden . Wenn Ihr recht gesehen habt , so müßt Ihr bemerkt haben , daß der Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher gesondert ist , dorther könnte man nicht viel Schaden tun ; die einzige Seite , die näher an dem Berge liegt , ist die , wo die Zugbrücke herübergeht . Pflanzet einmal dort Geschütz auf und sehet zu , ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schießt , ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt . Und wie wollet Ihr Geschütz heraufführen in diesen Schluchten und Bergen , ohne daß Euch wenige entschlossene Männer mehr Schaden tun , als das ganze Nest wert ist ? « » Da habt Ihr recht « , antwortete Georg ; » ich möchte wissen , wer den Gedanken gehabt hat , auf den Felsen ein Schloß zu bauen . « » Das will ich Euch sagen « , erwiderte der Spielmann , der mit allen Sagen seines Landes vertraut war ; » es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau ; die mußte viele Verfolgung dulden , und wußte sich nicht mehr zu raten . Da kam sie an diesen Felsen , und sah , wie ein großer Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte , und gegen alle Nachstellung sicher war . Da beschloß sie den Geier zu verdrängen . Sie ließ das Schloß dorthin bauen , und als alles fertig war , ließ sie die Brücke aufziehen , stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach ; Nun bin ich Gottes Freund