befürchten , daß sie mir mißtrauen werde ? Sie wußte , ich liebe sie , kannte sie mich hinlänglich , um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln ? Ich konnte es nicht über mich gewinnen , ihr selbst ihr Unglück zu verkünden . Nur einen Ausweg glaubte ich offen zu sehen ; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen , den Elenden , ich wollte ihn bewegen , einen entscheidenden Schritt auf die eine oder die andere Seite zu tun . Ja , darin glaubte ich einen glücklichen Weg gefunden zu haben ; er selbst mußte ihr sagen , daß er nicht mehr verdiene von ihr geliebt zu werden ; und dann , dachte ich , dann wird sie zwar unglücklich sein , aber ich will versuchen , sie glücklich zu machen , durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr Unglück zu mildern suchen . « » Aber wie konnten Sie glauben « , rief ich , über diese romantischen Ideen unwillkürlich lächelnd , » wie konnten Sie glauben , Freund , daß ein Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben werde ? In Romanen mag dies der Fall sein , aber Herr ! in der Wirklichkeit ? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt ? « » Ach , ich dachte zu gut von den Menschen « , antwortete er . » Ich dachte , wie ich muß jeder fühlen - Ich ging in die Wohnung des Kapitän West . Er wohnte schlecht , beinahe ärmlich . Ich traf ihn wie er einen schönen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte , welchen er lesen lehrte . Errötend setzte er den Knaben nieder , und stand auf , mich zu begrüßen . Ei Papa ! rief der Kleine , wie sieht dir dieser Herr so ähnlich . Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem Zimmer . Wie , sagte ich zu ihm ; Sie haben schon einen Knaben von diesem Alter ? waren Sie früher verheiratet ? Er suchte zu lachen , und die Sache in einen Scherz zu drehen ; er behauptete , der Knabe gehöre in die Nachbarschaft , besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa , weil er sich seiner annehme . Er gehört wohl der Donna Ines ? fragte ich , indem ich ihn scharf ansah . Noch nie zuvor hatte ich gesehen , wie schrecklich das böse Gewissen sich kundtut ; er erblaßte ; seine Augen glänzten wie die einer Schlange , ich glaubte er wolle mich durchbohren . Noch ehe er sich hinlänglich gesammelt hatte , um mir zu antworten , sagte ich ihm gerade ins Gesicht , was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange , um das Fräulein nicht völlig unglücklich zu machen . Er lief in Wut im Zimmer umher , er schimpfte auf Zwischenträger und Zudringliche ; er behauptete , ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt , um Luisen von ihm zu entfernen . Ich ließ ihn ausreden ; dann sagte ich ihm mit kurzen Worten , wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin erfahren habe , und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen unserer Sprache , das Fräulein so schonend als möglich von sich zu entfernen . Es gelang mir ihn zu rühren ; aber nun hatte ich eine andere unangenehme Szene durchzukämpfen ; er klagte sich an , er weinte , er verfluchte sich , das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben ; er schwor sich von der Spanierin zu trennen ; er flehte mich an , ihn zu retten ; er gestand mir , daß er sich von einem Nerz umstrickt sehe , das er nicht gewaltsam durchbrechen könne , weil einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert würden . Er ging so weit , mich zu zwingen , seine Geschichte anzuhören , um vielleicht milder über ihn urteilen zu können . Es war die Geschichte eines - Leichtsinnigen . Dieses Wort möge entschuldigen , was vielleicht schlecht genannt werden könnte . Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas , das ihn bei den Frauen sehr glücklich machen mußte . Es war der äußere Anschein von Kraft und Entschlossenheit , die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen . Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete Bildung gehabt haben , denn er sprach sehr gut , seine Ausdrücke waren gewählt , seine Bilder oft wahrhaft poetisch , er konnte hinreißen , so daß ich oft glaubte , er spreche mit Eifer von einem Dritten , während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte . Ich habe dies oft an Menschen bemerkt , die sonst ihrem Triebe folgen , in den Tag hinein leben , ohne sich selbst zu prüfen , und erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken . Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer gesteigert , sie sprechen mit Umsicht von sich selbst , doch eben weil diese ihnen sonst abging , ist man versucht zu glauben , sie sprechen von einem Dritten . Es war Luise , die ihn zuerst liebte ; er erkannte ihre Neigung ; Eitelkeit , die herrliche aufblühende Schönheit , die Tochter eines der ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben , riß ihn zu einem Gefühl hin , das er für Liebe hielt . Der Vater sah dies Verhältnis ungerne . Ich konnte mir denken , daß es vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen , als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitäns war , was ihn zu einer Härte stimmte , die die Liebe eines Mädchens wie Luise immer mehr anfachen mußte . Er soll ihr , was ich jetzt erst erfuhr , auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben , wenn sie je mit dem Kapitän sich verbinde . West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung zu schieben . Ich habe eine solche bei einem Mann , der das Bild der Geliebten fest im Herzen trägt , nie für möglich gehalten . Doch die Strafe ereilte ihn bald . Er gestand mir , daß er froh gewesen sei , als er , vielleicht durch Vermittlung des Engländers , von seinem Posten zurückberufen wurde . Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge zur Flucht gemacht , in die er nicht eingehen können ; er sei , ohne Abschied von ihr zu nehmen , abgereist . Was ihn eigentlich bestimmte , nach Rom zu gehen , sah ich nicht recht ein , und er suchte auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinwegzukommen . Er erzählte ferner , wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei , wie er sich vorgenommen , nur ihr , ihr allein zu leben . Doch da sei plötzlich Donna Ines in Rom erschienen , sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet , sei ihm nachgereist , und habe jetzt verlangt , er solle sie heiraten . Es entging mir nicht , daß der Kapitän mich hier belog . Ich hatte von dem Gesandten bestimmt erfahren , daß jener schon in Paris angehalten und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei ; er konnte sich also denken , daß sie ihm nachreisen werde , und dennoch knüpfte er die Liebe zu Luisen von neuem an . Ferner , wie hätte es Ines wagen können , ihm zu folgen , wenn er ihr nicht versprochen hätte , sie zu heiraten , wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hätte ? Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen , in welche ihn diese Frau , die mit allen Kardinälen , namentlich mit Pater Rocco , schnell bekannt geworden , geführt habe . Es wurde ernstlich an der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet , und es war als bekannt angenommen worden , daß er die Geschiedene heiraten werde . Sie sagten mir hier nichts Neues , antwortete ich ihm ; dies alles beinahe wußte ich vorher . Aber ich hoffe , daß Sie als Mann von Ehre einsehen werden , daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht fortdauern kann , oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen . Das letztere könne er nicht , sagte er , er habe von ihr und dem Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen , die sein Vermögen übersteigen , er könne also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun . Im Augenblick heißt hier nie , erwiderte ich ihm . Sie werden sich aus diesen Banden , wenn sie so beschaffen sind , nie mit Anstand losmachen können . Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht , Luisen nicht noch unglücklicher zu machen ; denn was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein ? Er errötete und meinte , ich halte ihn für schlechter als er sei . Doch er fühle selbst , daß man einen Schritt tun müsse . Er glaube aber , es sei dies meine Sache . Er trete mir Luisen ab , ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen . Er hatte Tränen in den Augen , als er dies sagte , und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen , wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne . Ich ging um nichts weiser geworden , ohne daß ein wirklicher Entschluß gefaßt worden war , von dem Kapitän ; mein Gefühl war eine Mischung von Verachtung und Bedauern . Auf der Treppe begegnete mir wieder der schöne Knabe und fragte , ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte . « » Ha ! und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf , Freundchen « , fragte ich ; » jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise ? « » Ja und nein « , antwortete er trübe ; » sie schien meine Liebe zu übersehen , nicht zu achten , aber bald bemerkte ich , daß sie ängstlicher wurde in meiner Nähe , es schmerzte sie , daß mir ihre Freundschaft nicht genügen wolle . Und jener Elende , sei es aus Bosheit oder Leichtsinn , zog sich nicht von ihr zurück , ich vermute es sogar , er hat sie vor mir gewarnt . So standen die Sachen , als die Zeit , die ich in Rom zubringen sollte , bald zu Ende ging . Im Kabinett des Gesandten arbeitete man schon an Memoiren , die man mir nach Berlin mitgeben wollte , man wunderte sich , daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache - und ich , ich lebte in dumpfem Hinbrüten , ich sah nicht ein , wie ich dieser Reise entfliehen konnte , und dennoch hielt ich es nicht für möglich , Luisen zu verlassen , jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand . Oft war ich auf dem Punkt , ihr alles , alles zu entdecken , aber wie war es mir möglich , ihre himmlische Ruhe zu zerstören , das Herz zu brechen , das ich so gerne glücklich gewußt hätte ? Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer ; er war bleich , verstört , es dauerte eine lange Zeit , bis er sich fassen und sprechen konnte . Jetzt ist alles aus , rief er , sie stirbt , sie muß sterben , dieser Kummer wird sie zerschmettern ! Er gestand , daß Donna Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten , ihr schrieben sie sein Zögern , sein Schwanken zu , und der Kardinal hatte geschworen , er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein gehen , und sie zur Rede stellen , wie sie es wagen könne , einen Mann , der schon so gut als verehelicht sei , von seinen Pflichten zurückzuhalten . Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist ; ich erkannte , daß die Geliebte verloren sei . Ich weiß Ihnen von dieser Stunde , von diesem Tag wenig mehr zu erzählen . Ich weiß nur , daß ich den Kapitän in kalter Wut zur Türe hinausschob , mich schnell in die Kleider warf , und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco zulief . Als ich unten an dieser Straße anlangte , sah ich einen Kardinal sich demselben Hause nähern . Er schritt stolz einher , Frater Piccolo trug ihm den Mantel , es war kein Zweifel , es war Rocco . Ich setzte meine letzten Kräfte daran , ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu , doch - ich kam eben an , als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln die Türe vor der Nase zuwarf . Eine Art von Instinkt trieb mich , all diesem Jammer zu entfliehen . Ich ging wie ich war zu dem Gesandten und sagte ihm , daß ich noch in dieser Stunde abreisen werde . Er war es zufrieden , gab mir seine Aufträge , und bald hatte ich die heilige - unglückselige Stadt im Rücken . Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam , als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden , erst dann tadelte ich meine Feigheit , die mich zu dieser übereilten Flucht verführte . Ich tadelte meine ganze Handlungsweise , ich klagte mich an , die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben ; - doch es war zu spät , und wenn ich mir meine Gefühle , meine ganze Lage zurückrief , ach , da schien es so verzeihlich , die Geliebte verschont zu haben ! So kam ich nach Berlin , in dieser Stimmung trafen Sie mich dort , und ein Teil dieser Geschichte war es , den ich damals im Hause meiner Tante erzählt habe . « Der junge Mann hatte geendet ; seine Züge hatten nach und nach jene Trauer , jene Wehmut angenommen , die ich in seinem Wesen , als ich ihn in Berlin sah , zu bemerken glaubte ; er war ganz derselbe , der er an jenem Abend war , und die Worte seiner Tante , er sehe seit seiner Zurückkunft so geheimnisvoll aus , kamen mir wieder in den Sinn , und ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern . An seiner ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend . Unglückliche Mädchen wie das Fräulein , abenteuernde Damen wie Ines , intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen . Aber die beiden Männer waren mir , als Menschenkenner , etwas rätselhaft . Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt , aber unbegreiflich war es mir , wie sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte , da doch nach moralischen wie nach physischen Kräften , ein Körper , welcher abwärts gleitet , immer schneller fällt . Er war falsch , denn er spielte zwei Rollen , er war leichtsinnig , denn er vergaß sich alle Augenblicke , er war eifersüchtig , obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt , er war schnell zum Zorn reizbar , als deutscher Kapitän liebte er wahrscheinlich auch das Est , Est , Est , Eigenschaften , die nicht lange auf einer Stufe lassen . Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger geworden , ein zweiter wäre , leichtsinnig wie er , all diesem Jammer entflohen , hätte die Donna Ines hier , und Fräulein Luise dort , sitzenlassen , und vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit ; ein dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht , um die schöne Sächsin zu besitzen , oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht . Aber wie langweilig dünkte es mir , daß das Fräulein noch in demselben Zustande war , daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren , daß das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen Kirche , eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite , Luisens mit dem Berliner werden sollte ? Denn eben dieser ehrliche Berliner ! er stand zwar in etwas entfernten Verhältnissen zu mir , doch wußte ich , wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen Strebens , das Fräulein , recht lockend , recht reizend vorstellte , wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeige , so machte er Riesenschritte abwärts , denn seine Anlagen waren gut . Ich beschloß daher , mir ein kleines Vergnügen zu machen , und die Leutchen zu hetzen . Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen , wurde dem Herrn von S. ein Brief gebracht . Er sah die Aufschrift an und errötete , er riß das Siegel auf , er las , und sein Auge wurde immer glänzender , seine Stimme heiterer . » Der Engel ! « rief er aus , » sie will mich dennoch sehen ! wie glücklich macht sie mich ! Lesen Sie , Freund « , sagte er , indem er mir den Brief reichte ; » müssen solche Zeilen nicht beglücken ? « Ich las : » Mein treuer Freund ! Mein Herz verlangt darnach , Sie zu sprechen . Ich wollte Sie nicht mehr sehen , nicht mehr sprechen , bis Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten ; Sie selbst sind es eigentlich , der diesen Bann aussprach . Doch heben Sie ihn auf , Sie wissen , wie tröstlich es mir ist , mit Ihnen sprechen zu können . Der Fromme ist wieder hier ; er verspricht sich das Beste von West . Ach ! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege , nicht zu mir , meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen , nur zurück von dieser Schmach , die ich nicht ertragen kann . L. v. P N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen , der in Mecklenburg bekannt wäre ? West hat dort Verwandte , die vielleicht in der Sache etwas tun könnten . « » Ich kann mir denken , daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß « , sagte ich , » doch einiges ist mir nicht recht klar , in diesem Brief , das Sie mir übrigens aufklären werden . Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden , als an mich , denn ich war mehrere Jahre dort , und bin beinahe in allen Familien genau bekannt . « Der junge Mann war entzückt , dem Fräulein so schnell dienen zu können . » Das ist trefflich ! « rief er , » und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr ? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges , was Ihnen die Verhältnisse klarer machen wird . « Ich sagte mit Freuden zu , wir gingen . » In Berlin « , erzählte er , » hielt ich es nur zwei Monate aus ; ich hatte niemand hier in Rom , der mir über das unglückliche Geschöpf hätte Nachricht geben können , und so lebte ich in einem Zustand , der beinahe an Verzweiflung grenzt ; nur einmal schrieb mir der sächsische Gesandte : Der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West erklärt , man spreche davon , daß der Preis dieser Gnade , der Übertritt des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle . In demselben Brief erwähnte er mit Bedauern , daß die junge Dame , die uns alle so sehr angezogen habe , die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen , sehr gefährlich krank sei , die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung . Wer konnte dies anders sein , als die arme Luise . Diese letzte Nachricht entschied über mich . Zwar hätte ich mir denken können , daß das , was ihr der Kardinal mitteilte , Krankheit , vielleicht den Tod zur Folge haben werde , aber jetzt erst , als ich diese Nachricht gewiß wußte , jetzt erst kam sie mir schrecklich vor ; ich reiste nach Rom zurück , und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert , mich so unverhofft zu sehen , als meine Verwandten in Berlin , mich so plötzlich wieder entlassen zu müssen . Besonders die Tante konnte es mir nicht verzeihen , denn sie hatte schon den Plan gemacht , mich mit einer der Fräulein , die Sie beim Tee versammelt fanden , zu verheiraten . Erlassen Sie es mir , zu beschreiben , wie ich das Fräulein wiederfand ! Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben , der Gedanke , daß West zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle . Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer . Ich sehe ihre Kräfte , ihre Jugend dahinschwinden , ich sehe , wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lächelnden Miene verbirgt . Um mich zu noch tätigerem Eifer , ihr zu dienen , zu zwingen , gelobte ich , sie nicht mehr zu sprechen , bis ich von dem Kapitän erlangt hätte , daß er nicht zum Apostaten werde , oder - bis sie mich selbst rufen lasse . Das letztere ist heute geschehen . Es scheint , sie hat Hoffnung , ich habe keine ; denn er ist zu allem fähig , und Rocco hat ihn so im Netze , daß an kein Entrinnen zu denken ist . « » Aber der Fromme « , fragte ich ; » soll wohl der seine Bekehrung übernehmen ? « » Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen . Es ist ein deutscher Kaufmann , ein sogenannter Pietist , er zieht umher , um zu bekehren ; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich erscheinen , als daß ich glauben könnte , er sei zur Bekehrung des Kapitäns berufen . Eher setze ich einige Hoffnungen auf Sie , mein Freund , wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten ; doch auch dies kommt zu spät ! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kümmern mag ! « Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden . Was ich von ihr gesehen , von ihr gehört , hatte mir ein Interesse eingeflößt , das diese Stunde befriedigen mußte . Ich hatte mir schon lange zuvor , ehe ich sie sah , ein Bild von ihr entworfen , ich fand es , als sie mir damals im Portikus erschien , beinahe verwirklicht ; nur eines schien noch zu fehlen , und auch das hatte sich jetzt bestätigt ; ich dachte mir sie nämlich etwas fromm , etwas schwärmerisch , und sie mußte dies sein , wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die Heilung des Kapitän West zutrauen ? Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen ; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte , mich bat sie in ein Zimmer zu treten , wo ich einen Landsmann finden werde . Ich trat ein . Am Fenster stand ein kleiner hagerer Mann , von kaltem , finsterem Aussehen . Er heftete seine Augen immer zu Boden , und wenn er sie einmal aufschlug , so glühten sie von einem trüben , unsicheren Feuer . Ich machte ihm mein Kompliment , er erwiderte es mit einem leichten Neigen des Hauptes und antwortete : » Gegrüßet seist du mit dem Gruße des Friedens ! « Ha ! dachte ich , das ist niemand anders als der Pietist ! Solche Leute sind eine wahre Augenweide für den Teufel , er weiß wie es in ihrem Innern aussieht , und , diese herrliche Charaktermaske , lächerlicher als Polischinello , komischer als Passaglio , pathetischer als Truffaldin , und wahrer als sie alle , trifft man besonders in Deutschland , und seit neuerer Zeit in Amerika , wohin sie die Deutschen verpflanzt haben . Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln , wenn sie gegen alles protestieren . Der Glaube der katholischen Kirche ist ihnen ein Greuel ; der Papst ist der Antichrist , gegen ihn und die Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet . Nicht zufrieden mit diesem , protestieren sie gegen ihren eigenen Staat , gegen ihre eigene Kirche . Alles ist ihnen nicht orthodox , nicht fromm genug . Man glaubt vielleicht , sie selbst sind um so frömmer ? O ja , wie man will . Sie gehen gesenkten Hauptes , wagen den Blick nicht zu erheben , wagen kein Weltkind anzuschauen . Ihre Rede ist » Ja , ja , nein , nein . « Auf weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein . Sie sind die Stillen im Lande , denn sie leben einfach und ohne Lärm für sich ; doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht , ihre Mitmenschen zu verleumden , zu bestehlen , zu betrügen . Daher kommt es , daß sie einander selbst nicht trauen . Sie vermeiden es , sich öffentlich zu vergnügen , und wer am Sonntag tanzt , ist in ihren Augen ein Ruchloser . Unter sich selbst aber feiern sie Orgien , von denen jeder andere sein Auge beschämt wegwenden würde . Drum lacht mir das Herz , wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe . Sie gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen , sie seien von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert worden , und der heilige Petrus , mein lieber Cousin , werde ihnen einen näheren Weg , ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen . Aber alle kommen zu mir ; Separatisten , Pietisten , Mystiker , wie sie sich heißen mögen , seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher , alle sind Nr. 1 und 2 , sie verneinen , wenn auch nicht im Äußern , denn sie sind Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn . Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster . » Ihr seid ein Landsmann von mir « , fragte ich nach seinem Gruß , » Ihr seid ein Deutscher ? « » Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott « , antwortete er ; » aber die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch . « » Da habt Ihr recht « , erwiderte ich , » besonders wenn sie in einer engen Stube Betstunde halten . Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslästerlichen Stadt ? « Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte : » O welche Freude hat mir der Herr gegeben , daß er einen Erweckten zu mir sandte ; du bist der erste , der mir hier saget , daß dies die Stadt der Babylonischen H- , der Sitz des Antichrists ist . Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum der Heiden , laufen umher in diesen großen Götzentempeln , und nennen alles Heiliges Land , selbst wenn sie Protestanten sind ; aber diese sind oft die Ärgsten . « » Wie freut es mich , Bruder , dich gefunden zu haben . Sind noch mehrere Brüder und Schwestern hier ? Doch hier kann es nicht fehlen ; in einer Gemeinde , die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat , müssen fromme Seelen sein . « » Bruder , geh mir weg mit dem Apostel Paulus , dem traue ich nur halb ; man weiß allerlei von seinem früheren Leben , und nachher , da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer ; ich glaube , durch ihn ist dieses Übel in die Welt gekommen . Zu was denn diese Gelehrtheit , diese Untersuchungen ; sie führen zum Unglauben . Die Erleuchtung macht ' s , und wenn einer nicht zum Durchbruch gekommen ist , bleibt er ein Sünder . Ein altes Weib , wenn sie erleuchtet ist , kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelehrteste Doktor . « » Du hast recht , Bruder « , erwiderte ich ihm ; » und ich war in meinem Leben in der Seele nicht vergnügter , nie so heiter gestimmt als wenn ich einen Bruder Schuster , oder eine Schwester Spitälerin das Wort verkündigen hörte . War es auch lauterer Unsinn was sie sprach , so hatte ihr es doch der Geist eingegeben , und wir alle waren zerknirscht . Doch sage mir , wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen ? « » Bruder , in der Stadt Dresden im Sachsenland , wo es mehr Erleuchtete gibt als irgendwo , da wohnte ich neben ihrem Haus . Damals war sie ein Weltkind , und lachte , wenn die Frommen am Sonntagabend in mein Haus wandelten , um eine Stunde bei mir zu halten . Als ich nun hieher kam in dieses Sodom und Gomorra , da gab mir der Geist ein , meine Nachbarin aufzusuchen . Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt . Es ist ihr ganz recht geschehen , denn so straft der Herr den Wandel der Sünder . Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele , daß sie so sicherlich abfahren soll , dorthin wo Heulen und Zähnklappern . Ich sprach ihr zu und sie ging ein in meine Lehren , und ich hoffe , es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen . Und da erzählte sie mir von einem Mann , den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben , und bat mich , ob ich nicht lösen könne diese Bande kraß des Geistes , der in mir wohnet . Und darum bin ich hier . « Während der fromme Mann die letzten Worte sprach , kam der Berliner mit dem Fräulein . Jener stellte mich vor , und sie fragte errötend , ob ich mit der Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei . Ich bejahte es ; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an , die sie zu befriedigen schienen . » Der Kapitän ist auf dem Sprung , einen sehr törichten Schritt zu tun , der ihn gewiß nicht glücklich machen kann , S. hat Ihnen wohl schon davon gesagt ,