der dazwischen reichlich genossne Burgunder schien ihn jetzt ungewöhnlich belebt zu haben , » freilich ist der alte Herr mein Papa , den die halbe Welt als eine der bedeutendsten Figuren an der Amsterdamer Börse kennt . Deshalb aber habe ich dennoch die Ehre ein so ächter Britte zu seyn als irgend einer , der innerhalb des Glockenschalles von Bowchurch geboren ward . Ich könnte sogar mit der Zeit Lordmajor von London werden , so gut als der Beste in der City , wenn es mir nur möglich wäre , im Kohlendampfe dieses schmutzigen , schachernden Theils von London zu leben . Aber ich ziehe es vor , unter meines Gleichen im Westende der Stadt zu wohnen , obgleich ich freilich mein Comptoir in der Nähe der Börse haben muß . Ich scheue den weiten Weg nicht , wenn meine Gegenwart dort nöthig ist . In ein paar Stunden läßt sich bekanntlich vieles abthun , und meine braven Pferde bringen mich so schnell hin und zurück , daß ich oft schon wieder zu Hause bin , noch ehe es bei meinen eleganten Nachbaren Tag wird . « Des Alten Gesicht legte sich in immer ernstere Falten , so daß die Tante anfing , einen förmlichen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Gewitters zu befürchten , was ihrem feinen Gefühl für Schicklichkeit unerträglich gewesen wäre , selbst wenn dadurch Vicktorine von Sir Charles Ansprüchen auf immer hätte befreit werden können . Denn alles , was die feinste Grenze des Anstandes im mindesten verletzen konnte , war ihr durch lange Gewohnheit so widerwärtig , daß sie sich oft wie von einem Fieber ergriffen fühlte , sobald sie nur ahnete : es könne so etwas , selbst von ihr übrigens völlig gleichgültigen Personen , in ihrem Beiseyn geschehen . Daher trat sie auch hier gleich ins Mittel , und um nur den alten Herrn nicht zum Wort kommen zu lassen , bat sie Sir Charles , ihr doch zu erklären , wie man zugleich ein Engländer und ein Holländer seyn könne ? » Das kann in der That niemand seyn , und ich bin es auch nicht , « erwiederte Sir Charles , » denn wie gesagt , ich habe die Ehre einzig Großbrittanien anzugehören , und dieses verdanke ich meiner Mutter , die aber dennoch auch nur eine ächte , in Rotterdam geborne Holländerin war . Die gute Dame hatte aber die Gefälligkeit mich auf einem englischen Westindienfahrer das Licht der Welt zum erstenmal erblicken zu lassen ; und sie wissen gewiß alle , daß ich dadurch so vollkommen nazionalisirt bin , als wäre ich von englischen Eltern mitten in London geboren . « » Das war ja für Sie ein ungemein günstiger Zufall , « erwiederte ein alter Herr aus der Gesellschaft , den Sir Charles wundersame Erscheinung höchlich zu amusiren schien . » Freilich , freilich , « erwiederte dieser , » aber es hat auch seine melancholische Seite , denn meine Mutter mußte das Geschenk , das sie mir machte , mit dem eignen Leben bezahlen . Sie war eben auf der Rückreise von Jamaika begriffen , wohin sie meinen Vater begleitet hatte , und diese war durch tausend ungünstige Zufälligkeiten beinah bis ins Unglaubliche verlängert worden . Seit sechs und zwanzig Jahren ruht sie nun unter Korallenfelsen im Grunde des atlantischen Meeres , und es war meinem Vater so schmerzlich , sie hinabsenken zu sehen , daß er mich in meiner Kindheit gar nicht um sich haben mochte und mich deshalb in England lies , als er nach Amsterdam zurückkehrte . « » Doch erlauben Sie mir , Madame , « setzte Sir Charles , zur Tante gewendet hinzu , » erlauben Sie mir nach englischer Sitte ein Glas Champagner mit Ihnen zu trinken , um diese trübseligen Erinnerungen wieder hinunter zu spülen , die man bei der Tafel am wenigsten aufkommen lassen sollte . « Die Tante versicherte sehr kalt , sie tränke niemals Champagner , Sir Charles leerte seine Glas , und nahm , noch aufgeregter als zuvor , abermals das Wort . » Der sicherste Beweis , daß ich in meinem Vaterlande als ächter Engländer anerkannt werde , « sprach er , » ist der , daß ich im vorigen Jahre in Brighton die Ehre hatte , die ritterliche Würde zu empfangen , deren in Altengland kein Ausländer fähig ist . And now , um mit Sir John Falstaff witzigen Andenkens zu reden , can make any Jane a Lady1 , die ihre Hand mir reichen mag . « Eine allgemeine Pause entstand jetzt , denn viele mochten schon das Verhältniß ahnen , in welchem Sir Charles zu dem gastlichen Hause stand , das alle ehrten . Seine letzte Ungezogenheit , neben dem herzlosen Uebermuth , mit welchem er seiner verstorbenen Mutter erwähnt hatte , berührte Jedermann auf eine höchst unangenehme Weise , und diese allgemeine Verstimmung führte bald darauf das Aufheben der Tafel herbei . Nur ein einziges Paar hatte nichts von allem Vorgegangenen bemerkt , und dies war Agathe und der neben ihr sitzende uns schon bekannte Schwarze . Ihr selbst kam seine ganz unverhoffte Gegenwart so unglaublich vor , daß sie oft zu träumen fürchtete . Sie hatte weder von seiner ebenfalls am gestrigen Abend erfolgten Ankunft , noch von der Visite , die er am Morgen dem Onkel abstattete , das Mindeste vernommen , und freute sich nur , ungemein vernünftig gewesen zu seyn , da sie ihn unter den Gästen ihres Oheims fand , denn sie hatte bei seinem Anblick nicht laut aufgeschrien . Der junge Mann war indessen vom Lieutenant zum Rittmeister emporgestiegen und lag nun mit seiner Schwadron in einem nahen Städtchen in Garnison . Er mußte seiner jungen Nachbarin unendlich viel zu berichten haben , denn während der ganzen Mahlzeit flüsterte er unaufhörlich mit ihr , doch führte er ganz allein nur das Wort , indem Agathe mit niedergeschlagenen Augen und glühenden Wangen , ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit , nur eine aufmerksame Zuhörerin abgab . Zuweilen wagte sie es ganz heimlich und schüchtern , zur Tante hinüber zu sehen , wandte sich aber noch tiefer erröthend gleich wieder ab , wenn sie dem klaren scharfsehenden Auge derselben auf halbem Wege begegnete . Während der Kaffee herumgereicht ward , wagte sie es aber endlich doch , sich in Annas Nähe zu drängen . » Ach Tante ! « flüsterte sie ihr zu , » ach Tante , was hab ' ich Ihnen alles zu sagen ! « » Wirklich ? « erwiederte diese lächelnd , » und wenn ich dir nun sage , daß ich ohnehin schon alles weiß ? « » Herr Gott ! Sie haben ' s gehört , und folglich die andern alle auch ! « rief Agathe gewaltig erschrocken . » Das habe ich wohl gedacht , das kommt von der Unbesonnenheit her . « » Beruhige Dich , meine besonnene Agathe , « erwiederte freundlich die Tante , und streichelte ihr die glühende Wange , » beruhige Dich , denn ich hörte mit den Augen , und die Kunst versteht nicht jedermann . « Die Gesellschaft hatte sich zu spät versammelt , um nicht auch sehr spät wieder auseinander zu gehen , daher war für diesen Abend unter den Mitgliedern der Kleebornschen Familie an keine vertrauliche Mittheilung über alles Vorgegangene zu denken . Doch am folgenden Vormittage suchte der alte Kleeborn die Tante in ihrem eignen Zimmer auf , was seit dem Tage ihrer Ankunft nicht wieder der Fall gewesen war , und also auf Ungewöhnliches deutete . » Fräulein Schwester , « rief er noch in der Thüre mit einem sehr heitern Gesicht ihr entgegen , » Fräulein Schwester , wenns Glück gut ist , und Sie es so meynen wie ich , so haben wir zwei Bräute im Hause , und können an einem Tage zwei Hochzeiten ausrichten . So eben hat der Rittmeister Horst um Agathen bei mir angehalten . Der junge Soldat geht rasch zu Werke wie Sie sehen , aber dabei auch rechtlich , nach der alten Art , wie sichs gehört , und das muß ich loben . Er hat nicht erst , wie ein gewisser Andrer , den ich nicht nennen mag , und von dem auch hoffentlich nie wieder die Rede seyn wird , mit dem Mädchen hinter meinem Rücken einen Liebeshandel angesponnen , sondern geht gleich vor die rechte Thüre . Ich liebe freilich das Militair eben nicht besonders , ich würde auch Vicktorinen an keine Uniform weggeben , und steckte selbst ein General darin . Doch mit Agathen ist das ein Anderes , obgleich das Kind ein hübsches Vermögen besitzt . « Die Tante erwähnte Agathens große Jugend . » Freilich ist das Mädchen noch blut jung , kaum siebzehn Jahr alt , doch jung gefreit hat keinem gereut , « erwiederte Kleeborn . » Auch ist der junge Horst nichts weniger als arm , er ist der Sohn eines wohlhabenden , mir wohl bekannten Kaufmanns in Stettin , und sein ältester Bruder setzt die Handlung fort ; so wäre denn von dieser Seite die Parthie gar nicht ungleich . In seinem Stande kann er es auch noch einmal hoch genug bringen , denn daß er sich brav gehalten , beweist nicht nur sein eisernes Kreuz , sondern auch sein schnelles Avancement . Ich habe ihn also in Gottes Namen auf morgen früh wiederbestellt , denn er muß den Abend wieder fort , und wenn Agathe übrigens nicht abgeneigt wäre , so dächte ich - doch thue ich nichts ohne Ihren Rath , denn Sie sind eine ungemein kluge Dame , daher bitte ich Sie jetzt , mir diesen zu ertheilen , und mir zu sagen , was ich den jungen Menschen morgen antworten soll . « Die Tante fand dieses alles zwar ungemein übereilt , um so mehr , da Agathens künftiges Glück ihr sehr am Herzen lag , denn sie hatte dieses natürliche , gutmüthige Wesen recht mütterlich lieb gewonnen , aber sie sah auch ein , wie wünschenswerth es sey , die Kleine sobald als möglich von Babets verlockender Gesellschaft und zugleich aus dem Hause des Oheims zu entfernen , wo sie ohne alle Aufsicht , mitten im Geräusche eines sehr glänzenden Lebens , tausend Gefahren ausgesetzt bleiben mußte . Dem alten Herrn zu rathen , unternahm sie aber deshalb doch nicht ; denn sie wußte wohl , daß er wie fast Alle , nur um Rath frug , um dennoch seiner eigenen Ansicht zu folgen ; aber sie versprach , was er eigentlich nur von ihr gewollt hatte , nehmlich Agathens Herz zu erforschen . Doch verlangte sie noch zuvor eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Horst , die Herr Kleeborn auch einzuleiten suchen wollte . Sie hoffte , in dieser doch den Mann etwas näher kennen zu lernen , an dessen Hand sie nicht ohne Bangen ein unverdorbenes liebes Kind dem Ernste des Lebens in so früher Jugend entgegen gehen sehen konnte . Kleeborn brachte das Gespräch jetzt auf den jungen Wißmann , und zu Annas Erstaunen schien seine gestrige Unzufriedenheit mit diesem über Nacht völlig verschwunden zu seyn . » Freilich ist er nicht ganz so , wie ich es erwartete , und es wäre mir auch recht lieb , wenn manches anders wäre , « sprach er . » Das fürstliche Ansehen , das er sich zu geben sucht , gefällt mir eben so wenig , als sein ewiges Prahlen mit vornehmen Freunden . Wir sind denn doch auch was wir sind . Auch kann ich es nicht loben , daß er sich gewissermaßen schämt , ein Kaufmann zu heißen , und der Aufwand , den er treibt , ist denn doch etwas zu auffallend . Aber er ist noch jung , und Verstand kommt nicht vor Jahren . Ich war auch einmal so ein Springinsfeld . Freilich trieb ich es nicht so arg , aber Sie wissen es selbst , Fräulein Schwester , vor dreißig Jahren waren auch andere Zeiten und andere Sitten , und wenn man Hausvater wird , so legen sich die stolzen Wellen gewöhnlich von selbst . « » Ich mag es nicht verhehlen , « erwiederte Anna , » der ungemessene Uebermuth des jungen Mannes hat mich tief empört . Obendrein scheint er mir völlig gemüthlos , und ich gebe es Ihnen recht ernstlich zu bedenken , ob Vicktorine an der Seite eines solchen Mannes je hoffen kann , ein frohes Leben zu führen , und ob sie je mit ihm die Unfälle wird heitern Muths ertragen können , die auch dem Glücklichsten drohen . « » Das giebt sich alles , Fräulein Schwester « , fiel Kleeborn ein . » Was Sie von seinem Uebermuth erwähnen , gebe ich zu . Sie sehen , ich bin billig , was wahr ist , lasse ich gelten . Das ist aber Jugendart und vergeht , wenn man älter wird , besonders bei den Holländern , denn ein solcher ist er doch , trotz seines englischen Ritterthums . In Holland frägt man sogar sprichwörtlich von jedem jungen Manne : hat er geraset oder will er erst rasen ? Das wird dort wie die Kinderblattern angesehen , die auch ein jeder gehabt haben muß , und ein verständiger Vater wählt immer lieber Einen , der schon einige tolle Streiche gemacht hat , als Einen , der von Jugend auf still und vernünftig war ; denn bei letzterem steht zu befürchten , daß der Paroxismus in der Ehe nachkommen könnte . Wißmann ist jetzt mitten in demselben begriffen , wir wollen das abwarten . Ich will darum auch auf keine Weise die Erklärung zwischen ihm und Vicktorinen zu beschleunigen suchen ; mag er sich erst die Hörner noch ein wenig ablaufen . Sie bleiben einander doch gewiß , das läßt sich nicht ändern , denn die Parthie ist für beide zu vortheilhaft , und wir Väter gaben einander unser Wort darauf , das noch keiner von uns jemals gebrochen hat . « In diesem Augenblick trat Vicktorine ins Zimmer , und ihr Vater wandte sich sogleich an sie . » Höre , Vicktorinchen , « sprach er , » thue mir den Gefallen und laß das Gesichterschneiden , es hilft Dir zu nichts , und Du weißt , ich kann es nicht leiden . Du thust am besten , wenn Du Dich mit guter Art in Dinge fügst , die sich nicht abändern lassen . Ich frage nicht einmal , ob Wißmann Dir gefällt ? aber ich rathe Dir freundschaftlich , ihn Dir gefallen zu lassen , denn er wird Dein Mann , das ist nun einmal gewiß . Wir Väter werden unser Wort nicht brechen , weil unsere Kinder beide , jedes auf seine Weise , vor der Hand noch ein Paar Narren sind , die nicht wissen , was sie wollen . « » Lieber Vater , « sing Vicktorine bittend an ; doch dieser ließ sie nicht weiter reden . » Hilft nichts ! hilft nichts ! « rief er , » was seyn muß , muß seyn , und Du bist deshalb doch Wißmanns Braut . Indessen braucht das vor der Hand noch Niemand zu wissen als wir . Daher verlange ich einstweilen auch nur , daß Du es bloß im Herzen seyn sollst , ohne den äußern Schein davon anzunehmen , der kommt zeitig genug . Für jetzt betrage Dich nur freundlich und anständig gegen Deinen Bräutigam , das kommt Dir hernach in der Ehe zu gut . Uebrigens warte alles in Gelassenheit ab , gieb Dir weder durch zu große Freundschaft , noch auf andere Weise das Ansehen , als ob Du Dir von ihm eine Erklärung vermuthetest , denn das schickt sich nicht für eine Tochter von mir . Die Erklärung wird nicht ausbleiben , das versichre ich Dir . Nun , bis auf einen Punkt , der hoffentlich jetzt auf ewig vergessen seyn soll , bin ich ja immer mit Dir zufrieden gewesen , Du hast Dich ja stets so betragen , daß ich Ehre und Freude davon hatte , Du wirst auch jetzt Deinen alten Vater nicht kränken wollen ; ich habe ja sonst nichts in der Welt , das mir recht am Herzen läge als Dich . Glaube mir , mein Kind , ich bin nur auf Dein Glück bedacht und Du wirst es mir gewiß noch einmal danken , wenn Du dies jetzt auch noch nicht einsiehst . Die Jugend ist blind , aber wir Alten sind dafür da , um sie zum Besten zu leiten . Und nicht wahr , Du wirst nicht ferner widerstreben ? Meine gute dankbare Vicktorine wird mir auf meine alten Tage dafür Freude machen wollen , daß ich in meinen jungen Tagen stets nur für sie arbeitete und sorgte ? « Der plötzlich ganz ungewöhnlich weich gewordne Alte streichelte bei diesen Worten Vicktorinens erbleichende Wange , und verließ dann in sichtbarer Bewegung das Zimmer , während Vicktorine in Thränen ausbrach . » Tante ! « rief sie , » gütige liebe Tante , dieses ist härter als alles ! Ich kann , ich kann in der Treue nie wanken noch weichen , aber wie soll ich fest bleiben , wenn mein Vater so zu mir spricht ! Wohin ich auch blicken mag , ich sehe nur meinen Untergang . « » Raimund erliegt vielleicht in diesem Augenblick dem Kampf mit dem wilden Elemente , auf dem er schwebt , um einem Lande entgegen zu eilen , in welchem der Tod , in Blumenduft verhüllt , ihn erwartet ! einem Lande , wo Tausende vor ihm schon beim ersten Schritte Vernichtung einathmeten ! Doch bewahrt ihn auch sein Engel mitten in allen Gefahren und führt ihn sicher in die Heimath zurück , mich findet er nicht mehr , dies sagt mir ein Gefühl , dem ich umsonst zu widerstreben versuche . « » Vicktorine , wie bist Du plötzlich so muthlos , und gerade jetzt , wo alles sich vereint , um Deinem Hoffen neues Leben zu gewähren ? « sprach Tante Anna . » Ach liebe , liebe Tante , « erwiederte Vicktorine , » meine Kraft ist erschöpft , und mir wäre wahrlich am besten , wenn ich zur Ruhe ging , wo aller Kampf ein Ende hat . So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte , so lange hatte ich den Muth , ihm zu widerstehen und der Stimme meines Herzens zu folgen , die hier laut über Recht und Unrecht entscheidet . Und warlich , seit ich den herzlosen , kindisch eitlen , eingebildeten Thoren sah , dem ich bestimmt bin , seitdem fühle ich noch tiefer als zuvor , daß ich sogar um meines Vaters willen hier nicht nachgeben darf ; ich dürfte es nicht , selbst wenn ich Raimund nie zuvor erblickt hätte , denn mein Vater müßte ja seine grauen Haare in Kummer und Reue dereinst zu Grabe tragen , wenn er späterhin das unausbleibliche Elend mit ansäh ' , das er jetzt , freilich in der besten Absicht , seinem Kinde an der Seite dieses Mannes bereiten möchte . Tante , ich flehe Sie an , reizen Sie den Vater wieder zum Zorne gegen mich auf , so entsetzlich mir dieser auch einst erschien , er allein hat mich aufrecht erhalten , das fühle ich jetzt . Dem gütigen , dem bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener , auf ewig verstummter Lippe widerstreben . « Anna fühlte unaussprechliches Mitleid für die arme Vicktorine , deren gegenwärtige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war . Sie wandte alles an , um die Klagende wieder zu beruhigen . » Glaube mir , « sprach sie , » Dein Zustand ist nicht halb so hoffnungslos , als er es in Deiner jezzigen trüben Stimmung Dir erscheint . Halte Dich nur aufrecht , und erschöpfe nicht Deine Kraft in nutzloser Klage und ungestümer Heftigkeit . Der letzte Befehl Deines Vaters stellt es Dir ja frei , die zu erwartende Erklärung des Dir bestimmten Bräutigams durch kluges Benehmen so lange als möglich zu verzögern , denn Dein Vater selbst wünscht nicht sie für jetzt zu beschleunigen . Du kannst es , ohne dabei im mindesten den äußern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen , wenn Du nur klug und vorsichtig zu Werke gehst , und ich wette , daß der Eigendünkel des wunderlichen Menschen Dir die Rolle , die Du zu spielen hast , noch obendrein sehr erleichtern wird . Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine abgeschmackte Erscheinung , die so ganz das Widerspiel von dem ist , was Dein Vater erwartete . Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern , ich will für jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen , daß Du Zeit gewonnen hast , und daß es nur von Dir abhängen wird , diese mit Verstand zu benutzen . Laß Dich von ihrem Strome treiben , mein Kind , er führt Dich sicher zum Hafen . « » Zum Hafen ! zum Hafen der ewigen Ruhe ! « rief Vicktorine mit überströmenden Augen . » Dort landen wir einst Alle ! « erwiederte die Tante und trocknete ihr liebkosend die Thränen ab . » Dort landen wir einst Alle , aber bis dahin , meine Vicktorine , sollen wir dem Beispiele des erfahrnen Schiffers folgen , der beim Wüthen des Sturmes nicht klagend den tobenden Abgrund anstarrt , der ihn zu verschlingen droht , sondern mit frommem Muth und weiser Thätigkeit sich an das Steuerruder stellt , jeden günstigen Umstand mit Klugheit benutzt , um sich durch Klippen und Brandung zu winden , und so zuletzt dennoch die Fahrt glücklich beendet . Darum bitte ich Dich , meine Vicktorine , grüble nicht über das , was Du dein Unglück nennst , wende lieber den Blick davon ab , denn es wächst vor unsern Augen beängstigend zur Riesengestalt an , je länger wir es betrachten . « » Ich weiß es wohl , « setzte die Tante lächelnd hinzu , als Vicktorine durch ihr mildes Zureden wieder ruhiger ward , » ich weiß es wohl , so lange wir jung sind , lieben wir alle den Schmerz und geben uns gern mit einer Art von Wollust ihm hin . Aber das sollten wir nicht , denn er gewinnt dadurch die Macht , seine jede Lebenskraft lähmende Gewalt an uns zu üben . Ihr aber , weit davon entfernt , ihm widerstehen zu wollen , Ihr habt ja nicht einmal an der großen oder kleinen Plage genug , die ohnehin jeder Tag mit sich bringt , sondern Ihr bewahrt Euch sogar das Andenken alter verjährter Schmerzen haushälterisch auf , um es zu bestimmten Zeiten wieder hervorzuholen , und Euch an solch ' ein marinirtes Unglück zu halten , wenn eben kein frisches vorhanden ist . « Der wunderliche Vergleich zwang Vicktorinen , ohnerachtet ihrer nassen Augen , ein Lächeln ab , doch wandte sie nichts dagegen ein , und die Tante fuhr fort zu reden . » Wenn wir älter werden , « sprach sie , » geben wir gewöhnlich dieses gefährliche Spiel mit unserm innern Frieden von selbst auf . Darum aber sind wir Alten auch heut zu Tage gewöhnlich weit heiterer als unsere jungen Töchter . Wir ertragen Schmerz und Verlust mit einer ruhigen Ergebung , welche die Jugend sich gewöhnt hat als eine durch die Jahre herbeigeführte Stumpfheit des Gefühles zu verschmähen . Doch auch hierin pflegt sie oft zu irren . Was Ihr an uns Gefühllosigkeit scheltet , ist meistens die Frucht gereifter Erfahrung . Diese lehrt uns glauben und hoffen , daß wir alle nur verlieren , um Höheres zu gewinnen , und daß jedes , auch das bitterste Scheiden , auf Wiederfinden deutet , sey es nun hier oder dort . « Vicktorine und die Tante wurden bald darauf in das Wohnzimmer abgerufen , wo Sir Charles den Damen einen Morgenbesuch abzustatten wünschte ; und so wenig sie auch in diesem Augenblicke zur Fröhlichkeit gestimmt seyn mochten , so konnten sie sich dennoch kaum enthalten , laut auf zu lachen , als sie die wunderliche Gruppe erblickten , die sie dort vorfanden . Mit einem völlig nichtssagenden Gesicht , wie zwischen Schlafen und Wachen , saß , oder lag vielmehr Sir Charles in einem Armstuhle nachlässig hingestreckt ; neben ihm aufrecht sitzend sein großer Hund , dem er mit der rechten Hand die Ohren kraute , und auf seiner linken Schulter saß Koko , der Affe . Dazu hatte er einen hellblauen leinenen Kittel an , zwar von etwas feinerem Stoffe , doch übrigens ganz so , wie ihn die französischen Bauern oder auch die brabanter Fuhrleute tragen . Damals versuchten erst wenige tonangebende Elegants in Paris diese Mode als Morgennegligée der Herren aufzubringen , aber bis nach Deutschland war sie bis dahin noch nicht durchgedrungen , und mußte daher doppelt auffallend erscheinen . Domingo , der Negerknabe , stand auf das Schönste geputzt in einem feuerfarbnen Gewande , das mit seinem schwarzen Gesicht den seltsamsten Kontrast bildete , in ehrerbietigster Stellung an der Thüre , und hielt eine lange Kette von fein polirtem glänzenden Stahl , deren anderes Ende an Kokos Halsband befestigt war . Dicht vor Sir Charles stand Babet und reichte mit gezierter Aengstlichkeit dem Affen einzelne in Papier gewickelte Bonbons , die dieser unter tausend Grimassen verzehrte , und jedesmal der Geberin , zum Dank dafür , das Papier an den Kopf warf , worüber diese , laut kichernd , sich halb tod lachen zu müssen versicherte . Sir Charles sah dem kindischen Spiel mit ungemeiner Leutseligkeit gelassen zu , doch nicht so Herr Kleeborn . Dieser stand mit dem Rücken an das Fenster gelehnt und blickte mit einem sehr finstern Gesicht , auf welchem Ärger und Höflichkeit sichtbar miteinander im Kampfe lagen , auf das seltsame Trio , während die neben ihm sitzende Agathe , ganz verschüchtert und kleinlaut , es kaum wagen mochte , die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen . Man sah deutlich , sie hatte etwas auf dem Herzen , das sie verhinderte , Babets und Kokos lustigem Treiben die Theilnahme zu schenken , die sie in einer andern Stimmung gewiß nicht ermangelt hätte , dabei zu bezeigen . » Verzeihung , « sprach Sir Charles , indem er die Tante und Vicktorinen hereintreten sah , und sich langsam von seinem Armstuhl erhob , » Verzeihung meine Damen , daß ich es wagte diese meine Reisegefährten hier einzuführen , aber Fräulein Babet äußerte gestern den lebhaften Wunsch , deren nähere Bekanntschaft zu machen . « » Ach und Koko ist so allerliebst ! « rief Babet dazwischen , und versuchte es , den noch immer auf der Schulter seines Herrn sitzenden Affen zu streicheln . Doch dieser war eben nicht aufgelegt , Spaß zu verstehen , er wies ihr Nägel und Zähne , und stieß dabei ein so unangenehmes gellendes Geschrei aus , daß Babet sehr erschrocken zurückfuhr . » Fi-donc , Koko , « lallte lächelnd Sir Charles mit großer Gelassenheit . » Domingo , bringe den unartigen Kleinen nach Hause . « Doch der Kleine hatte noch keine Lust hiezu , er biß um sich , zerraufte seinem Herrn die Haare und sprang zuletzt auf Kleeborn los , so schnell , daß Domingo kaum Zeit gewann , ihn von diesem abzuhalten , indem er die Kette kürzer faßte . Der arme Neger hatte wirklich viel Mühe , sich des aufgebrachten Thieres zu bemächtigen , und mußte es sich gefallen lassen , tüchtig zerkratzt zu werden , während er es in einem sehr zierlichen Pelzmantel von blauem Sammet einwickelte , um es darin über die Straße zu tragen . Der große Hund folgte auf Sir Charles Wink ihm von selbst aus dem Zimmer , und dieser sank nun , als wäre er von der kleinen Anstrengung höchst ermüdet , in seine vorige bequeme Stellung zurück . » Solche wilde Bestien ! « rief jetzt Herr Kleeborn , sehr erfreut , dem so lange mühsam verhaltenen Aerger endlich Luft machen zu können , » solche wilde Bestien ! den Hals sollte man ihnen umdrehen . Was für Freude kann man davon haben , sie um sich zu dulden ! Hunde laß ich allenfalls noch gelten , Pferde auch , denn die sind doch nützlich , aber wilde Thiere aus den afrikanischen Wäldern « - » Ach , die Welt ist so zahm ! « fiel Sir Charles ihm sehr gelassen ein ; » das Leben ist so einschläfernd ! « setzte er mit gedehntem , halb gähnenden Tone hinzu , » wahrhaftig , ohne meinen kleinen Freund aus den afrikanischen Wäldern , wie Sie ihn nennen , wüßte ich kaum , wie ich es ertragen sollte . Was man sieht , was man hört , was man genießt , hat man schon so viele Tausendmal gehört , gesehen und genossen ! Koko ist noch der Einzige unter allen meinen Bekannten , der mich zuweilen durch seine Genialität überrascht ; denn er thut gewöhnlich , was ich nicht will , oder wenigstens doch nicht von ihm erwarte . Mungo , mein Hund , ist schon ein halber Mensch und daher viel langweiliger ; er ist ehrlich , niederträchtig , und nach seiner Art auch höflich ; ich dulde ihn nur wegen seiner Anhänglichkeit und weil ich mich nicht damit bemühen mag , ihn wegzugeben . Ich wollte , er würde mir einmal gestohlen , aber er käme doch wieder . « Die Tante sah deutlich , wie Kleeborn durch dieses Geschwätz immer verdrüßlicher gemacht wurde , und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben , suchte sie es auf des jungen Mannes Reisen , besonders in Frankreich und Italien zu leiten . Dieser , von ihr dazu aufgemuntert , begann jetzt zu erzählen , und zwar nicht ohne Geist , aber er gähnte dabei oft durch die Nase , machte lange Pausen , verlor den Faden , so daß er nicht mehr wußte , wovon