Sache entging ihr ganz , und wie ich ihr bemerklich machte , daß Jessy die Hinterlisten , die sie ihr lehrte , einst gegen sie selbst gebrauchen könnte , sagte sie sorglos : » An meinen Haaren wäre mir wenig gelegen ; sind ja ohnehin jetzt Perücken in der Mode . « Sobald sich Eigensinn mit Dummheit paart , muß Bosheit daraus hervorgehen , und , diese Ursach und Wirkung übersehend , suchte ich das Gespräch zu beenden , entschlossen , Jessy , so viel es mein vereinzelter Einfluß erlaubte , sorgfältig zu bilden und ihre Mutter ihrer eignen Verkehrtheit zu überlassen . Vielleicht wäre es mir nicht gelungen , diese unangenehme Unterredung so bald zu beendigen , hätte nicht Herrn Boswells Eintritt der Leidenschaftlichkeit der Dame eine andre Wendung gegeben . Er schien von einem ungewöhnlich lebhaften Interesse bewegt , setzte sich neben seine Gattin auf den Sopha , überhäufte sie mit Schmeicheleien und , wie er glaubte einen günstigen Eingang gefunden zu haben , erzählte er , daß er heute einen alten Schulkameraden , den er seit zwanzig Jahren nicht gesehen , wiedergefunden und rechte Lust hätte , mit ihm zu Mittag zu essen . Mistriß Boswell sagte nichts , sah aber verneinend aus ; ihr Mann schwieg eine Weile , dann fing er seine Kriegslisten wieder an , und dieses Mal glückte es ihm besser , denn er fiel darauf , ihr Morgenhäubchen , in dem sie sehr hübsch zu seyn glaubte , zu bewundern . Sie beglückte ihn mit einem beifälligen Lächeln . Nun hielt er den Zeitpunct für günstig und sagte : » Ich möchte recht gern mit dem armen Tom Hamilton zu Mittag essen ! « - » Lirum , larum . Das stünde mir an ! « antwortete sie im Ton einer schnippischen Magd . » Wozu braucht es doch wohl das ? « - » Nun , Liebe ! Wir haben uns ja in zwanzig Jahren nicht gesehen und möchten gern von vergangnen Zeiten sprechen - - ich hab ' s ihm halb und halb schon zugesagt . « - » Thorheit ! « rief die Lady mit gebietendem Ton . Der arme Eheherr rückte seufzend seinen Stuhl an ' s Camin und zeichnete nachdenkend Figuren in die Asche . Ob diese Beschäftigung seinen Muth stärkte , weiß ich nicht , genug , er sagte nach einer Weile halb leise zu mir : » Wenn Sie meiner Frau Gesellschaft leisten wollen , habe ich rechte Lust mit meinem Freund zu speisen . « - » Das thun Sie doch ja ! der Herr führt ja den Hausschlüssel , wie das alte Sprichwort sagt « - und dabei verfuhr ich freilich nicht mit der Vorsicht , die ich dem Hausfrieden und meinen Verhältnissen schuldig war ; der Unwille über die unwürdige Unterwürfigkeit des Eheherrn riß mich hin . Herr Boswell schien den Muth des Augenblicks benutzen zu wollen , er eilte zum Zimmer hinaus , doch schon draußen steckte . er den Kopf noch einmal in die Thür und rief mit erkünstelter Heiterkeit : » Auf Wiedersehen , Liebste ! ich speise mit Hamilton . « - » Herr Boswell ! « rief die Dame mit erblassenden Lippen ; aber er war fort , und sie verfiel in ihr Schmollen , das einige Stunden lang und während des Mittagsessens durch nichts unterbrochen werden konnte . Anfangs hatte ich mich mehrmals bemüht , sie durch Gespräch zu zerstreuen , da ich aber weder Antwort noch Gegenrede von ihr erhielt , fand ich es bald für angemeßner , sie sich selbst zu überlassen und setzte meine Beschäftigungen allein und mit dem Kinde , gerade als sey sie nicht gegenwärtig , fort . Sie glaubte mich durch allerlei Störung ärgern zu können , stieß mir das Tintefaß um , trat dem armen Fidel auf die Pfote , klapperte , während ich den Flügel spielte , mit Schubladen und Schlüsseln . - Statt mich empfindlich zu zeigen , bewies ich ihr , mit aufbringend guter Laune , daß mir dieses Alles keinen Abbruch thue , und brachte es vielleicht durch diesen Muthwillen dahin , daß sie ihren Racheplan änderte , oder für ' s erste ihren Gatten allein zu dessen Gegenstand ersah . Der arme Mann kam ziemlich spät , und offenbar , durch andre Mittel noch , als des Schulkameraden Gesellschaft , aufgeregten Lebensgeistern , nach Hause . Er sagte seiner Frau einen treuherzigen guten Abend ; wie sie ihn aber mit einer sehr unanständigen , auf sein Aussehen gegründeten Bemerkung zurück wies , setzte er sich neben mich , meine Freundlichkeit auf eine Weise preisend , die Mistriß Boswell nothwendig erbittern mußte . Ich sah das voraus und eilte aus dem Zimmer . Aus der wüthenden Heftigkeit , mit welcher ich sie aber beim Herausgehen ihre Schelle anziehen und gleich darauf Herrn Boswell fluchend von seinem Bedienten in sein Zimmer führen hörte , mußte ich vermuthen , daß der Auftritt zwischen den beiden Eheleuten ein sehr unangenehmens Ende genommen hatte . Mehrere Tage setzte Mistriß Boswell ihr Schmollen nun ganz systematisch fort . Sie blickte nicht auf , nahm an keinem Gespräch Antheil und fügte noch ein paar andre ungewöhnlichere Kunstgriffe hinzu : Sie hielt ihr Taschentuch fleißig vor die Augen , als suche sie Thränen zu stillen , und verweigerte jede Speise mit einem Ausdruck von Ekel , der uns armen gesunden Leuten unsre Eßlust , als die roheste Befriedigung eines schlechten Bedürfnisses , vorwarf . Was an ihren Thränen sey , erfuhr ich sehr bald ; denn da sie bald wahrnahm , daß mich ihr Spiel nicht täuschte , ersparte sie sich die Mühe , es in meiner Gegenwart fortzusetzen und nahm es nur bei Herrn Boswells Eintritt wieder vor . Ob aber der Zorn nicht wirklich ihre Eßlust verdorben , blieb mir eine Zeitlang zweifelhaft . Nach einigen Tagen , in denen der beängstigte Ehemann jedes Mittel , ihr Rede abzugewinnen und durch die niedlichsten , ihr heimlich zubereiteten Leckerbissen ihre Eßlust zu reizen vergeblich versucht hatte , kam er auf den Einfall , bei einem Zuckerbäcker in eigner Person eine Auswahl der zierlichsten Waaren zu kaufen . Er kannte seiner Gattin Vorliebe für solche Näschereien , suchte sie deshalb , schwer bepackt , mit einigem Selbstvertrauen in ihrem Ankleidezimmer auf , und neben ihm schlüpfte Fidel , weil er mich darin witterte , herein . Mit der schmeichelhaftesten Einladung häufte der gutmüthige Gatte überzuckerte Pomeranzenschalen , Quittenschnitze und Zuckerbrötchen vor seiner Herrin aus . Ich war auf dem Punct , über die großen Kinder , die sich durch Bonbon versöhnen wollten , zu lachen , als Fidel unter einem Tischumhang ein tüchtiges Stück Rinderbraten hervorzog , den die Dame wahrscheinlich bei meinem Eintritt dahin geflüchtet gehabt hatte . Nun vermochte ich nicht mehr das Lachen zu unterdrücken . Doch die Bosheit des einen , die Schwäche des andern Theils war mir zu verächtlich , um meinen Zögling davon Zeuge seyn zu lassen ; ich nahm Jessy bei der Hand , um sie aus dem Zimmer zu führen , als ich Mistriß Boswell den Feuerhaken ergreifen sah , um den armen Fidel , der seine Beute auf meinen Befehl sogleich hatte fahren lassen , damit zu verfolgen . Hier verließ mich meine Fassung . Ich ergriff ihren Arm und sagte strenge : Mistriß Boswell , erniedrigen Sie sich nicht selbst ! - So wüthend sie war , wirkte doch meine entschlossene Bewegung ; sie senkte den Arm und ließ den Hund unverletzt mit mir das Zimmer verlassen . Von diesem Augenblick an war aber das arme Thier der Gegenstand ihrer Verfolgung ; sie verjagte ihn , wo er ihr begegnen mochte , und gab mir durch die Herzlosigkeit , mit der sie ihn aus dem Zimmer stieß , manchen Stich ins Herz . In meinen Verhältnissen ward mir die Nothwendigkeit klar , diesen Gegenstand des Aergernisses zu entfernen ; aber mein Stolz widersetzte sich so gut wie mein Gefühl , ich fand eine knechtische Nachgiebigkeit darin , meinen treuen Kindheitsgefährten einer unbilligen Leidenschaft zu opfern . - Doch bald zog der arme Fidel selbst sein Schicksal herbei Eines Tags unterstand er sich , vor der Thür des Eßzimmers zu liegen und seine ehrlichen Vorderpfoten der daher schreitenden Mistriß Boswell recht eigentlich zum Opfer zu bieten . Sie benutzte seine Stellung , trat ihm unbarmherzig auf dieselben , und Fidel biß sie sehr unsanft ins Bein . Ihr Geschrei übertraf ihren Schmerz und die Wichtigkeit der Wunde ; aber von nun an war ihr Ansuchen , den Hund aus dem Hause zu schaffen , gerecht , und ich dachte mit widerspenstig schwerem Herzen darauf , mich darein zu fügen . Ich wußte keine Zuflucht für ihn , wie Cecilens arme Behausung ; von ihr allein konnte ich einige Güte für meinen alten Gespielen hoffen , wenigstens bis zu ihrer Abreise ins Hochland war er bei ihr versorgt , und weiter , wie auf die nächste Zukunft , wagte ich nicht mehr zu denken . Wollte meine jugendliche Fantasie ihren Flug weiter wagen , so stieg die Erinnerung aller meiner zertrümmerten Aussichten vor mir auf , und statt zu Planen und Hoffnungen , schwang sich mein Geist auf ihren Fittigen im Gebet zu dem einzigen Beschützer , von dem ich Hülfe zu erwarten hatte , empor . Ich schickte mich den nächsten Morgen an , meinen armen Liebling zu Cecile Graham zu führen . Jessy , welche meine Absicht auszugehen bemerkte , bat , mich begleiten zu dürfen , und da ihr wiederholtes Verlangen nicht bei mir fruchtete , gerieth sie , was ihr jetzt selten und gegen mich seit langer Zeit gar nicht mehr geschehen war , in einen der Anfälle von lautem Weinen , das ihr die Gewährung ihrer Bitten , von Seiten ihrer Mutter , zu verschaffen pflegte . Auch dieses Mal erreichte sie ihren Zweck ; denn obgleich ich Mistriß Boswell einige Gegenvorstellungen machte , ertheilte ihr diese doch die Erlaubniß , mit mir zu gehen . Der Mutter stand es zu , über ihr Kind zu verfügen , ich war daher im Begriff , mich mit Jessy auf den Weg zu machen , als mir Fidel , die Veranlassung dieser ganzen Begebenheit , fehlte . Seine Abwesenheit war so etwas seltnes , daß Bediente und Köchin mit mir suchten und riefen ; um aber Jessy ' s Ungeduld zu vermeiden , beschloß ich für ' s erste Cecilen ihren neuen Kostgänger anzukündigen , worauf sie ihn selbst abholen konnte , und ließ ihn zurück . Bei meiner Ankunft an der Thür meiner guten Hochländerin ward ich schmerzlich überrascht , diese offen und die ganze ärmliche Wohnung leer und verödet zu finden . Mir schien es unbegreiflich , wie sie hatte , ohne Abschied von mir zu nehmen , die Stadt verlassen können ; es mußte mir als einen Beweis ihrer geringen Anhänglichkeit an mich gelten , weshalb ich mit thränenden Augen in den beräucherten engen Mauern umhersah , von denen ich mir , wie ich nun glaubte , fälschlich eingebildet hatte , daß sie ein , mir ergebnes Wesen bewohnt hätte . Um doch einige Nachricht von Cecilens Schicksal zu erhalten , klopfte ich an die nächste , auf demselben Gange gelegne Thür . Man antwortete mir nicht ; ich öffnete sie , ward aber von einem so furchtbaren Qualm unreiner Dünste angefallen , daß ich Jessy befahl , auf dem Gange zu warten , bis ich meine Nachfrage gemacht . Ich trat darauf ins Zimmer ; das wenige Licht , welches das mit Lumpen verhangne Fenster gewährte , ließ mich erst spät ein Bett in einem Winkel erblicken , an dessen Inhaber , ein junges Weib , ich meine Frage um die Zeit von ihrer Nachbarin Abreise richtete . Da ich nur ein undeutliches Stöhnen zur Antwort erhielt , bewog mich ein unbedachtes Mitleid näher zu treten , und mit Schrecken bemerkte ich in der Kranken die irren Blicke , die ängstliche Gesichtsröthe des heftigsten Fiebers . Ich erinnerte mich , Herrn Boswells Hausarzt von ansteckenden Nervenfiebern , die unter der ärmern Classe häufig wären , sprechen gehört zu haben , wendete mich also schnell ab - doch jetzt erblickte ich Jessy , die , meinem Gebot ungehorsam , mir ins Zimmer nachgefolgt war und mit kindischer Neugier sich neben mich hindrängte , um die Kranke recht genau ins Auge zu fassen . Ich zog sie schnell hinweg und rief eine jetzt eintretende Verwandte oder Wärterin auf den Gang hinaus , um mir über Cecile Grahams Abreise einige Nachweisung zu geben . Eigne Noth , wenn sie recht dringend ist , stumpft ungebildete Menschen für fremdes Interesse ab . Die Frau wußte mir gar nichts von ihrer Nachbarin zu sagen , als daß sie , kurz ehe ihre Base das Fieber bekommen , abgereist sey . Mit inniger Wehmuth über Cecilens leichtsinnige Trennung von mir und bange Sorgen über die Folgen , welche dieser unvorsichtige Krankenbesuch auf meinen Zögling haben könnte , eilte ich nach Hause und eröffnete sogleich Mistriß Boswell den Vorfall mit der dringenden Bitte , ihren Hausarzt um Vorkehrungsmittel für die Kleine zu ersuchen . Ich dachte so wenig an meine eigne Gefahr , daß ich bereit war , den Unwillen der Mutter über die Gefahr ihres Kindes unbedingt über mich ergehen zu lassen ; allein zu meinem erstaunen beschäftigte diese sie gar nicht , sondern , nur für ihre persönliche Sicherheit sorgend , sprang sie , sobald sie meine Erzählung vernommen hatte , mich abwehrend zurück , rief ihrer Kammerfrau , um ihr Essig zum Waschen und Räuchern zu bringen und bat mich um Gotteswillen , nebst Jessy ihr doch ja nicht zu nahe zu kommen . Eine so heidnische Aengstlichkeit empörte mein Gefühl ; ich verhieß ihr , den Rest des Tags mit ihrer Tochter nicht mehr von meinem Zimmer zu kommen und eilte dahin . Vor meiner Tühr lag Fidele lang ausgestreckt , in sonderbar starrer Stellung . Verwundert , ihn nicht bei meiner Ankunft frohlocken zu sehen , rief ich seinen Namen . Er suchte den Kopf aufzuheben , öffnete noch einmal seine geschwollnen Augen , wedelte mit dem Schwanz und verschied . Seine Stellung , seine vor dem Tod erstarrten Glieder , die Umstände , unter denen dieser Vorfall statt fand verriethen mir dessen Ursach und Urheber . Dennoch suchte ich meine Fassung zu behalten ; ich rief den Kutscher herbei , der beim ersten Anblick des Leichnams ihm das Vergiftetseyn ansah ; ich befragte ihn und die übrigen Dienstleute auf ihr Gewissen , ob ihnen etwas von Fideles Schicksal bekannt sey ? Sie versicherten alle mißbilligend , daß der Hund Keinem im Wege gewesen und sein Tod wohl mehr gemeint sey , mich zu kränken , als das arme Thier bei Seite zu schaffen . Diese allgemeine Meinung vermehrte meine Ueberzeugung von Mistriß Boswells rachsüchtiger That . Mit der moralischen Ueberzeugung , daß es ein Verrath am Guten sey , eine solche feige Grausamkeit stillschweigend zu dulden , und daß die Abhängigkeit von einer Frau , die verächtlich genug dächte , ihrer Rache ein unschuldiges Thier zu opfern , schwerer sey wie jedes Loos , das mich treffen könnte , begab ich mich in Mistriß Boswells Zimmer , um ihr meine Denkart über diese Handelsweise zu erklären . Es ist eine peinliche Aufgabe , den Seelenzustand eines schlechten Menschen zu beobachten . - Mich dauerte diese Frau wegen des Schreckens , der sie bei meiner unbestimmten Anklage über die Todesart meines Hundes ergriff . Die Furcht vor der Rüge des Unrechts , selbst wenn sie mit gar keiner Strafe verbunden werden kann , ist wohl die letzte Stimme des Rechts in des Schuldigen Busen . Ihr Erbleichen , ihre Versicherung , daß es niemanden einfallen könnte , ein unschädliches Thier , das eines Andern Eigenthum sey , zu tödten , hätte mich fast in die Nothwendigkeit gesetzt , meine Sache unausgemacht zu lassen , als ich beobachtete , daß Mistriß Boswell mit einer gewissen Vorsätzlichkeit ihr Taschentuch auf ein vor ihr am Boden liegendes Papier fallen ließ und dann es aufzuheben bemüht war . Ich kam ihr zuvor , griff aber zugleich nach dem Papier und las auf den ersten Blick die nach Apothekerart geschriebne Ueberschrift , » Arsenik . « - Dieser Beweis einer That , für die mirs bisher ganz an materiellen Beweisen gefehlt hatte , benahm mir alle Klugheit , ich warf ihr mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung den elenden Tod meines Hundes vor und setzte hinzu , daß ich , überzeugt durch mein angestrengtestes Bemühen , ihrem schlechten Beispiel bei ihrer Tochter nicht entgegen wirken zu können , sie bäte , dieselbe wieder aus meinen Händen zu nehmen und mich zu entlassen . Mit diesen Worten eilte ich von ihr hinweg . Es bedurfte nur weniger Minuten , um mir den Umfang des Opfers , das ich meinem Gefühl für Recht gebracht hatte , zu ermessen . Ich besaß weder Geld , noch Freunde , noch die Tüchtigkeit harte Dienstarbeit zu verrichten , und das schwere Loos , was mich erwartete , war nicht Gottes heilige Führung , es war die Folge meines leidenschaftlichen Willens . Meine Ungeduld , Andrer Unart zu tragen , schloß mich jetzt aus dem letzten Verkehr , das mir noch mit Menschen übrig geblieben war , aus ; und indem ich selbst so wenig Duldsamkeit erwiesen hatte , konnte mein Vertrauen in die meiner Brüder nicht groß seyn . So demüthigend meine Selbsterkenntniß und so trostlos meine Aussicht war , hielt mich mein stolzer Sinn dennoch aufrecht . Meine einzige Unterstützung war das erste Quartal meines Jahrgehalts von Seiten Mistriß Boswell ; es war jetzt völlig verflossen und ich konnte an dessen Auszahlung , so gering die Summe auch seyn mochte , nicht zweifeln . Seit ich es bei meinem ersten Besuch in diesem Hause Mistriß Boswell überlassen hatte , den Lohn meiner Bemühungen zu bestimmen , war dieser Punct nie mehr erwähnt worden ; Schüchternheit , Stolz , Nachlässigkeit und Ekel , durch einen Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden , hatten mich eines um das andre einen Schritt zu thun verhindert . Jetzt drang die Noth , und ich bat Mistriß Boswell noch an demselben Tag , mit mir zu rechnen . Sie antwortete mit anscheinendem Befremden : daß sie dieses nie für nöthig gehalten , daß sie bei meinem Eintritt in ihr Haus verstanden habe , es sey mir nur um einen anständigen Schutz zu thun , und keineswegs gesonnen sey von dieser Ansicht zu weichen . Meine Fehlschlagung bei dieser Aeußerung war so schmerzlich , mein Unwille so bitter , daß ich das Gespräch fallen ließ und den Entschluß faßte , Herrn Boswell als Vater und Hausherr mit meinen Ansprüchen bekannt zu machen . Sobald ich ihn zu Hause wußte , begab ich mich in sein Zimmer . Sein Schrecken bei meiner Eröffnung war unbeschreiblich ; er sprach von meiner Absicht , seiner Tochter Erziehung aufzugeben , wie von dem bittersten Unglück , das ihn treffen könnte , und wendete die dringendsten Bitten an , meinen Entschluß zu ändern . Mit einer Schonung , die aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand , gestand er die Nothwendigkeit für Jessy ' s künftiges Wohl ein , ihr andre Lehren , ein andres Beispiel , wie das seiner Mutter , vor Augen zu stellen , und , sagte er , nachdem mich neben meinem übrigen harten Loos die Sorge um das Wohl meines Kindes nicht mehr drückte , athmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf , weil ich sie in Händen sah , die alle meine Wünsche übertrafen . Ich kann daher um keinen Preis in Ihr Begehren willigen ; ich kann es für Sie selbst nicht recht heißen , darauf zu bestehen . « Ich bestand aber doch darauf . Die zahme Anerkennung seiner elenden Schwäche gegen ein böses Weib empörte mich und bewies mir , wie ich , auf väterliches Ansehen mich berufen könnend , in keinem Falle hoffen dürfte , durch meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einfluß zu bewahren . Mit großer Betrübniß stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach meiner anerkannt gerechten Geldforderung , sobald es ihm möglich sey , über eine solche Summe , ohne Zwiespalt mit seiner Frau , zu verfügen , aufs vollständigste zu genügen . Doch zu diesem Zweck beschwor er mich , noch einige Tage in seinem Hause zu verweilen , wobei ich zugleich Mittel finden würde , selbst mit mehr Besonnenheit über meine Zukunft zu verfügen . Ach zu diesem so dringenden Geschäft blieb mir keine Zeit ! nachdem ich die ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglücklichen Besuch in Cecilens verlaßner Wohnung in erfolglosem Nachsinnen über meine Lage zugebracht hatte , klagte Jessy über Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern ; gegen den Abend brannte ihr Köpfchen in trockner Gluth , und noch einmal vier und zwanzig Stunden , so hatte sich das gefährlichste Nervenfieber , als Folge der Ansteckung an dem Bette des armen Weibes erklärt . Mistriß Boswell gerieth in eine Angst , die an Verrücktheit grenzte . Sie berief alles , was sie von Aerzten erfragen konnte , ließ Wahrsagerinnen kommen , um den Ausgang der Krankheit zu erspähen , Segensprecherinnen , um ihr Zimmer , die Treppe , die Wege im Haus , welche sie täglich gehen mußte , zu besprechen , allein ihr Kind sah sie nicht wieder ; dieses wurde mit mir und seiner Wärterin in das entlegenste Zimmer gebannt , niemand , der mit uns verkehrte , durfte ihr nahen , und ihr Gatte erhielt das strengste Verbot unser Zimmer je zu betreten . Doch das Vatergefühl war in ihm zu mächtig , um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fügen ; da es ihm Tags über nicht vergönnt war , sich unbemerkt fortzustehlen , brachte er die Hälfte der Nacht an dem Krankenbett seines Kindes zu und theilte meine Sorgfalt für sie mit einer Beharrlichkeit , der ich diesen charakterlosen Mann nicht fähig gehalten hätte . Doch meine kleine Kranke war gleich fühllos gegen seine Zärtlichkeit , wie gegen seine Sorge ; ihre Liebe für mich schien ihr einzig noch übriges Gefühl ; auch für sie war ihr kein willkürlicher Ausdruck geblieben , doch meine Nähe war es , die sie ruhig erhielt , meine Stimme , die den dichten Nebel , der ihr Bewußtseyn umfangen hielt , hinlänglich zerstreute , um dann und wann auf ihren Ruf ihr trübes Auge zu öffnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren . Unter diesen Umständen war es nicht mehr möglich dieses Haus zu verlassen . Ich kam nicht mehr von ihrer Seite , und wenn ich , vom Wachen erschöpft , einen Augenblick der Ermattung erlag , ruhte mein Haupt auf demselben Kissen , wie das der halb entseelten Kranken . Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem Grade , den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der selbstsüchtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhöhen mußte . In einer der Nächte , wo das Uebel auf dem höchsten Punct schwebte , bewog ich ihn , sich gegen den Morgen zur Ruh zu begeben ; wie er vor der Thür des Zimmers , bis wohin ich unter der Versicherung , ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben , ihn begleitet hatte , Abschied nahm , ergriff den sonst schwerfälligen Mann das Gefühl der Verpflichtung , die er mir zu haben glaubte , er faßte meine beiden Hände und , sie festhaltend , drückte er mit dem Ausruf : » Gott lohne Dir frommen Mädchen deine Liebe ! « seine Lippen auf meine Stirn . In demselben Augenblick gewahrte ich Mistriß Boswell , die ihres Gatten nächtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer mußte wahrgenommen haben und jetzt im nachlässigsten Nachtkleide an der Thür des Vorzimmers uns belauschte . Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden Dinge , blieb ich stehen ; sie aber fuhr wie eine Furie auf uns zu und rief mit bebenden Lippen : » Schön ! o schön ! nun habe ich genug gesehen ! aber ich werde nicht so thörig seyn dergleichen zu leiden . Nein , das werde ich nicht . « - Bei diesen schimpflichen Worten sah ich mich um Schutz nach Herrn Boswell um , allein sein unmännlich furchtsamer Ausdruck ergrimmte mich so , daß meine Fassung zurückkehrte . Mit Stolz und Verachtung rief ich ihr zu : » Was wollen Sie nicht dulden , gnädige Frau ? Ihre eignen thörigen Träume ? Das würde ich Ihnen rathen . « - Feig und ungeschickt wie sie war , erlosch ihre Heftigkeit vor meiner festen Rede , allein ihr Gift strömte fort , mit wankender Stimme sagte sie : » Ich gedenke mit Ihnen keine Worte zu wechseln , allein ich bitte Sie , Miß Percy , mein Haus friedlich zu verlassen und nicht durch Ihr Bleiben andrer Leute Ehemänner ... « Hier verließ mich selbst der Wunsch , gefaßt zu erscheinen , ich rief mit erstickter Stimme : » Wenn ich nicht fürchtete mehr zu sagen , wie einer Christin geziemt , so würde ich Ihnen antworten « - und mit diesen Worten eilte ich in das Krankenzimmer zurück , wohin sie , wie ich wußte , mir nicht folgen würde . Hier blieb ich in das schmerzlichste Nachdenken vertieft . Mein Gefühl weigerte sich , eine Stunde länger in diesem Hause zu bleiben , alles was mich jenseits desselben erwarten konnte , war mir in Vergleich des Unrechts , was mich hier getroffen hatte , erträglich ; ich trotzte jedem fernern Geschick , Gott vertrauend , aber nicht als meinem leitenden Vater , sondern als Bundsgenossen meines Zorns . Die Gegenwart der Krankenwärterin , die mit höhnischem Spott die Wuth der leidenschaftlichen Frau belachte , traf wie Pfeile mein Herz , denn ich begriff , daß eine Andre ihres Gleichen eben so über meine Rolle bei diesem Vorfall zu lachen sich erfrechen könnte . Die Stelle brannte unter meinen Füßen - aber sollte ich die bleiche Kranke , die vor mir da lag , ein Bild des nahen Todes , verlassen ? Ihr erloschnes Auge fesselte mich , ihr kurzes Athmen hielt mich zurück . - Ich drängte alle meine persönlichen Empfindungen in mein schwellendes Herz zurück und beschloß , bis zur Entscheidung von Jessys Schicksal meinen Platz in ihrem Krankenzimmer nicht zu verlassen . - War es denn reine Liebe zu Jessy , die mich bewog ? - Nein ! - diese Liebe war da , und rein , und mehr wie sie : Liebe für meine bei ihr übernommene Pflicht . Allein der Trieb , durch meine heldenmüthige Aufopferung Mistriß Boswell noch mehr ins Unrecht zu setzen , wirkte auch , und so hat das Evangelium recht , wenn es zu beten lehrt : Ich bin ein unnützer Knecht und mangle des Ruhms , den ich haben sollte . Der Arzt verkündigte mir noch denselben Tag , daß mein Beruf an dem Krankenbett bald entschieden werden würde . Er verhieß nach den vorhandnen Anzeichen eine sicher eintretende Krisis , die über Tod und Leben entscheidend seyn mußte . Ich bat ihn , den Eltern der Kranken diese ängstliche Erwartung zu ersparen , und versprach ihm , bis diese wichtige Stunde vorüber sey , mich keinen Augenblick von dem Bette des Kindes zu entfernen . Der Tag verging in banger Stille . Mistriß Boswell ließ nichts von sich hören , sie mußte Mittel gefunden haben ihren Gatten zu entfernen , denn auch er ließ sich nicht im Krankenzimmer sehen . Ich war froh , auf diese Weise alles Widerspruchs und aller Heftigkeit überhoben zu seyn ; die verdorbne Luft , welche ich nun so lange Zeit athmete , hatte mein Blut entzündet , meine Glieder waren matt und schwer , meine Augen wurden vom Licht schmerzlich angegriffen , ich war unruhig und hatte doch mich zu bewegen keine Kraft . Stündlich nahm mein Uebelbefinden zu . Der Arzt , wie er seinen Abendbesuch machte , erschrak über meine wilden Blicke und rieth mir augenblicklich zur Ruhe zu gehen , allein ich hatte beschlossen erst Jessy ' s Schicksal entschieden zu sehen , was dann geschehen würde , schwebte vor meiner glühenden Stirn wie ein Bild des ruhigen Grabes . Endlich stellte sich die schicksalsvolle Stunde ein . Ein tiefer Schlaf sank auf die Kranke herab , allmählig erschlafften die gespannten Züge in zwanglose Schlaffheit , die Haut , welche die Hitze gedörrt hatte , schien sich auszufüllen , ihre Schmutzfarbe wandelte sich in krankes Weiß das aber wieder Leben verrieth , denn große Schweißtropfen sammelten sich auf dem Antlitz , das keiner Todtenlarve mehr glich . Kaum athmend , saß ich neben dem Bett und starrte betend dieses Wunder an . - Betend ohne Sinn , denn mein Kopf , schon von der Krankheit eingenommen , hatte nur für die eine Vorstellung : Jessy ' s Genesung , noch Raum . Jetzt schlug sie die Augen auf . Matt aber mit liebevollem Ausdruck richtete sich ihr Blick auf mich , und mein Name , leise gelispelt , war das Pfand ihres zurückgekehrten Bewußtseyns . Kaum nahm ich mir die Zeit , das Kind zu beruhigen , die Wärterin an ihr Bett zu setzen , dann flog ich zu Herrn Boswell , ihm die beglückende Nachricht zu bringen . Er war in seinem Ankleidezimmer , ich trat ein und erzählte - ich weiß nicht wie . - Gott sey Dank ! rief er , und vermochte nicht mehr , sondern brach in Thränen aus ; dann segnete er mich dafür , daß ich sein Kind gerettet , wie er meinte , und dann eilte er mit mir aus dem Zimmer , die Genesende zu sehen . Bei unserm Austritt aus seiner Thür begegneten wir Mistriß Boswell , die , bleich vor Wuth , sich nicht entblödete , meinen Besuch in ihres Gatten Zimmer auf das pöbelhafteste zu erklären . Ich rief