Ruhe herbei käme . Nochmals lauschte Moritz , und da alles immerwährend ruhig blieb , eilte er in den Stall , sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang der Sonne an die Thüre von Ernesto ' s bescheidener Wohnung . Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des frühen Besuchs war Zorn über die Zudringlichkeit des Lästigen , doch als er ihn näher betrachtete und Unruhe und banges Entsetzen in seinen entstellten bleichen Zügen las , fühlte er sich selbst von gleichem Gefühle vorahnend ergriffen . Moritz begann sogleich , das zwischen ihm und dem Baron Vorgegangne zu erzählen , aber so verworren , so weitschweifig , so seltsam in Form und Ausdruck , daß Ernesto dabei in tödtlicher Ungeduld zu vergehen glaubte . Und doch mußte er sich fast jeden Umstand des Gesprächs zwischen Moritzen und dem Baron mehreremale wiederholen lassen , denn was er vernahm , schien ihm so unglaublich , daß er immer meinte , den Erzähler falsch verstanden zu haben . Recht ehrlich und treuherzig bat Moritz ihn endlich , nach vollendeter Erzählung , um Beistand mit Rath und That , zu Gabrielens Errettung . » Ich wäre der glücklichste Mensch , wenn sie mich heirathen wollte , « setzte er in seiner gewöhnlichen Art zu reden hinzu . » Ich wollte sie recht gut halten , alles wollte ich aufbieten , was ihr Vergnügen machen könnte . Sie ist es werth , sie ist wie Miltons Eva , all softness and sweet attractive grace . Ich will auch nicht , daß sie mich wie einen jungen amoroso lieben soll , ils sont passé ces jours de fêtes , wo ich dergleichen Prätensionen machen konnte , ich weiß es wohl . Aber gut seyn müßte sie mir , und mir vor allen . Ich könnte es nicht ertragen , wenn sie als meine Frau jemanden lieber hätte als mich . Auch müßte ich sie zufrieden und heiter sehen . Eine empfindsame Dame mit ewigen Thränen in den Augen , eine pleureuse éternelle , will ich nicht um mich haben . Sagen Sie ihr das alles , Signor Ernesto , und fühlt sie dann keine Abneigung gegen mich , so biete ich ihr mit wahrer Liebe die Hand . Unglücklich aber will ich uns beide nicht machen . Schlägt sie mich aus - Eh bien , je m ' en consolerai - Doch will ich auch dann für sie noch wie für eine nahe werthe Verwandte sorgen , sie soll nicht Noth leiden . Aber wie retten wir sie vor der Wuth ihres Vaters , wenn sie mich ausschlägt ? Comment la sauver des mains d ' un fanatique cruel , qui l ' immolera a ses fantaisies ? Wollen wir Gabrielen die grausame Gefahr entdecken , in welcher sie von Seiten des eignen Vaters schwebt ? Signor Ernesto , reden Sie , schaffen Sie Rath , ich vergehe vor Angst . « » Lassen Sie mir Zeit , das ganz Unerwartete nur zu fassen , « sprach Ernesto , » ich hoffe einen Ausweg zu finden . « » What shall we do ! What shall we do ! was fangen wir an ! « rief Moritz in höchster Angst und lief , die Hände ringend , auf und ab . » Ich bitte , sprechen Sie , ich muß zu Hause , der Baron könnte erwachen und - oh Dio ! ich will gleich fort , ich will sie hüten , ihre Thüre , sie selbst nicht aus den Augen lassen . Sagen Sie mir nur noch mit einem einzigen Wort , was ich thun soll ! « » Halten Sie zu jeder Stunde Pferde und Wagen bereit , und nun eilen Sie . Ich folge Ihnen sogleich , und gelange auf dem Fußsteige vielleicht noch früher hin als Sie , « sprach endlich Ernesto . » Eilen Sie , und hüten Sie sich , Gabrielen etwas zu verrathen , am besten ist es , Sie vermeiden es sogar , mit ihr zu sprechen . Sie können sie und die Zugänge zu ihr doch im Auge behalten . « » Addio ! « rief Moritz , und eilte in vollem Galopp davon , von Herzen froh , einen Auftrag erhalten zu haben , der ihn in Thätigkeit setzte , und seinem ängstlichen fruchtlosen Sinnen ein Ende machte . Während dessen durchwanderte Ernesto nachdenkend und langsam sein dunkles Thal , um den Felsensteig zu erreichen , welcher in gerader Linie zum Schlosse hinaufführt . Unwillkürlich verweilte er einige Minuten an der alten moosbedeckten Bank , wo er beim ersten Eintritt in diese düstre Einöde mit Gabrielen gesessen hatte . Alles , was damals in schweren , trüben Ahnungen vor seinem Geiste schwebte , und ihn so ungewöhnlich niederdrückte , lag jetzt im hellsten Licht der nahen Wirklichkeit vor ihm , und weit furchtbarer , als er es sich hatte denken können . Frau von Willnangens Worte : » Sie ist verloren sich , verloren uns , « tönten unaufhörlich in seinem Innern , während er doch mit aller Anstrengung seines Geistes darauf sinnen mußte , Gabrielen wo möglich noch zu retten . Die Gefahr , welche ihrem Leben drohte , schien ihm bei weitem nicht so nah und nicht so groß , als Moritz im ersten Schrecken sie ihm geschildert hatte . Ihm kam sogar der Gedanke nicht unwahrscheinlich vor , daß der halb wahnsinnige Greis in einer bei seiner Gemüthsstimmung nicht ungewöhnlichen , boshaft-fröhlichen Laune , sich eine Lust daraus gemacht haben könne , den armen Moritz auf diese Weise in Angst zu setzen . Desto entsetzlicher aber war ihm die Gefahr , Gabrielen mit einem bei manchen achtenswerthen Eigenschaften , dennoch höchst widrigen , lächerlichen Wesen , auf lebenslang verbunden zu sehen . Und doch begriff er nicht , wie sie dieser Verbindung würde entgehen können . Woher sollte ihr frommes Gemüth die Kraft gewinnen , dem Befehle , vielleicht gar dem Bitten eines Vaters zu widerstehen , den sie von jeher gewohnt war als den unumschränkten Gebieter ihres Daseyns zu betrachten ? Keine Hoffnung , sogar kein Wunsch einer glücklichen Zukunft konnten ihren Muth dazu stählen , sie achtete ihre Rechnung mit dem irdischen Leben für geschlossen , denn sie hatte geliebt . Ernesto hatte Gabrielen zu genau beobachtet , um an dieser ihrer Ueberzeugung zu zweifeln . Der Gedanke , daß es mit Bitten , Rathen , Warnen ihm doch vielleicht gelingen könne , sie zur bessern Ansicht des wirklich Rechten und Wahren zu bringen und sie dadurch zur standhaften Weigerung zu ermuthigen , gewährte ihm ebenfalls wenig Trost , denn wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben bedroht ! Flucht , schnelle Flucht , blieb der einzige Weg . Aber wie die Tochter bewegen , ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen , und vielleicht seinen Fluch auf sich zu laden ! Sollte Erneste ihr entdecken , in welcher entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte ? Wahrscheinlich würde sie ihm nicht Glauben beimessen , und gelänge es ihm , sie von der traurigen Wahrheit zu überzeugen , so mußte der Gedanke an solche Gräuel ihre ganze Zukunft trüben . Wer bürgte ihm dafür , daß Gabriele nicht in einem , durch das Gefühl ihres Unglücks exaltirten Augenblick , den Tod von Vatershänden ohne Widerstreben annähme ! Ernesto kannte den Geist unsrer , jedem überspannten Gefühl günstigen Zeit , welcher der Jugend statt froher Thätigkeit , bloß leidende schmerzliche Sehnsucht als Zweck eines Daseyns zeigt , dem das innige Wohlbehagen , die reine Freude am Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden . In diese Ueberlegungen vertieft , war Ernesto dem Schlosse schon ganz nahe gekommen , ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben , als die , welche sich im ersten Augenblick ihm dargeboten hatte , die er als zu eigenmächtig verwarf , und welche zuletzt doch ergreifen zu müssen er jetzt befürchtete . Er nahm sich indessen vor , erst die Ueberzeugung zu gewinnen , daß alles wirklich so sey , wie Moritz es ihm vorgestellt hatte , ehe er Anstalten traf , Gabrielen im äußersten Nothfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom väterlichen Schlosse fortzubringen . Moritzen sollte alsdann die Sorge bleiben , den Wahnsinn seines Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschädlich zu machen . Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen , wie viel er durch diesen Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte , aber er sah keine andre Möglichkeit , ihr zu helfen , und mußte sogar davor zittern , daß Zufälligkeiten ihm auch diese vereiteln könnten . Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemüht , sein dampfendes Pferd im Schloßhofe herumführen zu lassen , und dem Jokei dabei in eigner Person unter lautem Demonstriren zu zeigen , wie man in England diesen Thieren nach jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe . » Sie sehen , wie beschäftigt ich bin , « flüsterte er geheimnißvoll dem eben Angekommnen zu , » sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne , besorge ich die verlangten Pferde und Wagen . Uebrigens schläft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden , und die Kusine finden Sie mit ihrer Cameriera im Blumengarten . « Schön und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der Thüre des Gartens ihrem Freunde entgegen . Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter Herbstblumen . Mit der Linken drückte sie die Vase fester an sich , um sie nicht fallen zu lassen , während sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen reichte . Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen höher geröthet , ihr Auge strahlte glänzender , Ernesto glaubte , sie noch nie so reizend gesehen zu haben . Beim Anblick des holden Geschöpfs , das arglos wie ein Kind am Rande des Verderbens noch lächelnd mit Blumen spielte , ergriff ihn ein unaussprechlich mitleidiges Gefühl . Woher sollte er Muth gewinnen , den rührenden Frieden dieses schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu stören , den milden Glanz dieses hellen Auges zu trüben ? Es ward ihm , als sey er selbst im Begriff , eine frevelhafte That zu üben , als würde er mitschuldig an ihrem Untergange , wenn er jetzt spräche . Vor ihrem ruhig schönen Anblick verlor er selbst für den Moment den Glauben an die obwaltende Gefahr , und seine sonst so klare Besonnenheit mußte der mächtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen . Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte , war Gabriele noch nicht so fröhlich gewesen . Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die theilnehmende Art , mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschäftigt hatte . Sie war entzückt , wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit mit ihrem bisherigen Streben gedachte . Freude macht geschwätzig ; wortreicher als jemals erzählte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des vergangnen Abends , und suchte auch ihm ihre eigne Ueberzeugung mitzutheilen , daß sie von nun an immer höher in der Gunst ihres Vaters steigen , ihm immer nothwendiger werden müsse und würde . Ernesto hingegen ward immer muthloser , immer unfähiger , ihr das Entsetzliche zu verkünden , je länger er den fröhlichen Ergießungen ihres reinen Herzens zuhörte . Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken , sie aus ihren Träumen von einem heißersehnten Glücke zum Elend erwecken zu müssen . Schonend sie und sich , verschob er es von Stunde zu Stunde , denn jede Minute , während welcher er noch schwieg , war , seiner Ueberzeugung nach , ihrer künftigen traurigen Zukunft abgewonnen . So kam die Zeit des Mittagsmahls heran . Der Gerichtsdirektor war dießmal dabei gegenwärtig , denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schloß einladen lassen . Und auch ohne diesen würde das Beiseyn der Bedienten und selbst Moritzens Gegenwart jede freie Mittheilung während der Mahlzeit unmöglich gemacht haben . So ganz widerwärtig , wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen , war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen ; sein läppisches verstecktes Winken , sein geheimnißvoll seyn sollendes Fragen , seine Anspielungen , mit denen er Ernesto , so lange die Mahlzeit währte , zu verfolgen nicht aufhörte , machten ihn ganz unerträglich , und dieser war deshalb herzlich froh , als endlich die Tafel aufgehoben ward , und er mit Gabrielen sich wieder allein sah . Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu , die Stunde der früh eintretenden Dämmerung nahte heran , und Ernesto fühlte mit bitterm Schmerz , daß es jetzt nicht möglich sey , länger zu schweigen . Um Gabrielen zu schonen , auch wohl um selbst Muth zu gewinnen , wendete er zuerst das Gespräch auf Gabrielens Verhältniß zu Moritz von Aarheim , als Lehnerbe ihres Vaters , und machte gleich die Entdeckung , daß sie durchaus keinen Begriff davon habe . Alles , was er ihr darüber zu sagen für gut fand , machte auch weiter keinen Eindruck auf sie , als daß es sie an die Zeit erinnerte , in welcher ihr Vater nicht mehr seyn würde , und sie deshalb ernster und trüber stimmte . » Behalte ich doch Sie , meine Willnangen und meine Auguste , wenn Gott meinen Vater zu sich ruft , dazu Genügsamkeit und Freude an wohlgeordneter Thätigkeit , diese Güter kann kein Gesetz mir rauben , « sprach endlich Gabriele . » Möge mir das Glück , meinen Vater zu pflegen , recht lange gegönnt werden ! kommt aber die Zeit , wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin , so weiß ich , daß meine Freunde sich um mein künftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kümmern werden als ich selbst . « » Auch ich wäre um Ihre Zukunft unbesorgt , theure Gabriele ! wenn nicht die Pläne Ihres Vaters mich beängstigten , « erwiederte Ernesto ; » vielleicht entdeckt er sie Ihnen heute noch « - Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der Nachricht , daß der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange . Ernesto ward bleich wie ein Sterbender . » Beinahe zwei Stunden früher als gestern ! Sehen Sie wie er allmählig meine Gesellschaft lieb gewinnt ? « rief frohlockend Gabriele , und bemerkte nicht , in welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand , bis sie im Forteilen sich von ihm fest gehalten fühlte . » O Gabriele ! « rief er , » Sie wissen nicht ! armes , unglückliches Kind ! Sie wissen nicht , wem Sie entgegen gehn , was Sie erwartet ! Worauf ich langsam Sie vorbereiten wollte , muß ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen . Ihr Vater will Sie vermählen , er will das Unglaublichste , er will an Moritz von Aarheim Sie vermählen , gerade wegen jener Familienverhältnisse , die ich eben Ihnen zu erklären begann . Moritz selbst entdeckte mir dieß , er gab mir den Auftrag , Sie vorzubereiten , er ist zu gutmüthig , um Sie dem Zwange verdanken zu wollen . « Gabriele ward bleich , sie zitterte , sie verstummte einige Minuten lang , doch wußte sie sich bald wieder zu fassen . » Dank ! Dank Ihnen , Ernesto , für Ihre Warnung ! « sprach sie , » jetzt aber lassen Sie mich , ich darf meinen Vater nicht länger auf mich warten lassen . Ich hoffe , diese Gefahr soll an mir vorüber gehen , ich werde meinen Vater gewinnen , er soll ohne mich nicht leben können , er soll mich lieben lernen , dann wird er mich nicht verstoßen wollen . « » Gabriele ! « rief Ernesto in höchster Angst , und eilte neben ihr her , die schnell die langen Gallerieen durchstreifte , um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen . - » Gabriele ! nur einige Worte noch . Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsenthal , ehren Sie dießmal meinen Rath . Erzürnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung , wenn er Ihnen seinen Willen kund thut , um Gotteswillen nicht . Bitten Sie um Bedenkzeit , hören Sie mich ? um Bedenkzeit . Geloben Sie es mir , um Bedenkzeit zu bitten , ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu äußern , oder ich dringe mit Ihnen in sein Zimmer , werde dann weiter daraus was da wolle ; « setzte er wie ausser sich hinzu . » Ernesto , wie fürchterlich sind Sie ! « rief Gabriele , und stand einen Augenblick still , ihn betrachtend . Sie sah Thränen in seinen Augen glänzen , sie gewahrte den Ausdruck des ängstlichsten Mitleids , der höchsten Unruhe in allen seinen Zügen . » Ich sehe es , « sprach sie tief bewegt , » ich sehe es , Ihrer Angst um mich liegt noch ein Geheimniß zum Grunde , das Sie mir nicht entdecken wollen . So bleibe es mir dann verborgen , ich ehre Ihre Gründe , es mir zu verschweigen und traue Ihrer Freundschaft . Ich gelobe , Ihrem Rathe zu folgen , meinen Vater nicht durch Widerspruch zu reizen , ihn um Bedenkzeit zu bitten . Darf ich nun hoffen , Sie beruhigt zu haben ? « Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten . Die dunkeln Mauern von Schloß Aarheim übten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus , welche seine Geisteskraft lähmte . Er wähnte dort noch Augustens Seufzer zu athmen , die einst ungehört hier verwehten ; ferne Töne umschwirrten ihn wie der Wiederhall ihrer längst verklungnen Stimme , und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder Ecke entgegentreten zu wollen . Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe in der hochgewölbten düstern Gallerie , in welcher Gabriele mit ihm sich befand , war es ihm , als sähe er plötzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter ; er bebte ergriffen zurück , im nehmlichen Augenblick öffnete sich die Thüre vom Vorzimmer des Barons , in deren Nähe sich beide befanden , und schlug klingend hinter Gabrielen zu , sobald diese die Schwelle überschritten hatte . Ernesto wollte ihr nach , um wenigstens , wenn auch durch eine zweite Thüre von ihr getrennt , in ihrer Nähe zu bleiben , aber er hörte die Stimme des Barons , der seiner Tochter gebot , ihm in sein Zimmer zu folgen , und dann den innern Riegel vorschob . Auf Flügeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die Gallerieen , um Frau Dalling aufzusuchen , ihr alles zu entdecken und dann wo möglich mit ihrer Hülfe ein Mittel zu finden , der gefürchteten Unterredung zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen . Festlich gekleidet , geschmückt mit allen Zeichen ehemaliger Würden und Ehren , war der Baron seiner Tochter bis an die Thüre des Vorzimmers entgegen gekommen , die er , wie schon erwähnt ward , hinter ihr verriegelte . Dann schritt er feierlich vor ihr her , nahm seinen gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster ein , und winkte ihr schweigend , sich auf ein Taburet ihm gegenüber zu setzen . Der Eindruck , welchen seine ganze Gestalt auf sie machte , war heute noch imponirender als ehemals , der Baron schien sogar größer als sonst , und der versteinerte Ernst aller seiner Züge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den Athem . » Ich wiederhole die schon gestern dir ertheilte Zusicherung meiner Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen , « hob der Baron nach einer ziemlich langen Pause an , » sie haben mein Erwarten übertroffen . Wer so fleißig war wie du , hatte wahrscheinlich nicht Zeit , Thorheiten zu begehen . Daher hoffe ich , daß kein innres Hinderniß dich abhalten wird , meine Wünsche zu erfüllen , und daß du auch neben so vielem anderm gelernt hast , kindlichen Gehorsam zu üben . Ich bin entschlossen , dich meinem Lehnserben , Moritz von Aarheim , zu vermählen , doch habe ich ihm versprechen müssen , es dir frei zu stellen , seine Hand auszuschlagen . Entscheide also ohne Zwang : ob du meinem Willen folgen willst oder nicht , so wie du glaubst , daß es recht sey . « Der Baron schwieg , und Gabriele strebte vergebens , ihre zitternden Lippen zur Antwort zu bewegen . Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer innern Angst . » Entscheide ! « - rief endlich der Baron mit flammenden Augen , und richtete sich hoch in die Höhe . » Mein Vater , « stammelte Gabriele , » wie kann ich so schnell - ich flehe nur um Bedenkzeit . « » Bedenkzeit ! « wiederholte der Baron , und ließ sich langsam wieder nieder , » Bedenkzeit ! Thoren , Schwächlinge bedenken sich . Der Tapfre , der Weise , wissen gleich , was sie wollen oder müssen . Doch du bist ein Mädchen , und diese Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode , wunderbarbar , daß sie in der langen Zeit nicht wieder abkam . Nun , es sey - du hast Bedenkzeit , bleib sitzen , bedenke dich . « Seiner Gewohnheit gemäß wandte sich der Baron nach der Brandstätte , eine bange Viertelstunde verging , während welcher Gabriele es nicht wagte , sich zu regen . Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem Blick ihr wieder zu . » Vater ! « rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Thränen zu ihm auf , » Vater , ich brauche keine Bedenkzeit . Bei Ihnen will ich bleiben ! Ihnen allein widme ich mein Leben , Sie pflegen will ich , Ihnen dienen , keine andre Pflicht erkennen , als jedem Ihrer Wünsche zuvorzukommen ! « » Und weigerst dich dennoch , den ersten , welchen ich aussprach , zu erfüllen ? « erwiederte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen glühenden Augen . » Nein , o nein , mein Vater ! « erwiederte schnell Gabriele , » ich bitte Sie nur , mich nicht zu verstoßen . So lange ich lebe , ist Ihnen mein Daseyn geweiht . Ich kann mich nicht entschließen , einem Andern anzugehören als meinem Vater , ich fühle einzig den Beruf , um Sie zu seyn , so lange mir Gott Ihr Leben erhält ; was später aus mir wird , macht mir keine Sorge . « » Auch mir sollte es keine machen - besser wäre es , wenn « - murmelte der Baron nur halb hörbar vor sich hin , dann versank er wieder in tiefes Nachdenken . Abermals vergingen einige stumme Minuten , dann wandte er sich plötzlich wieder zu Gabrielen . » Höre mir aufmerksam zu , « sprach er . » So viel du davon zu fassen vermagst , will ich dir die Gründe entwickeln , welche mich bestimmen , diese Verbindung zu wünschen . Hernach entscheide . Forderst du dann noch längere Bedenkzeit , so sey sie dir im Voraus gewährt . Höre mich jetzt . Unermüdetes Forschen , Streben , Arbeiten war mein Leben , so lange du athmest ; die Nacht mir Tag . Ich habe Schrecken getrotzt , Gefahren , bei deren bloßem Namen dein jugendliches Blut in den Adern erstarren müßte . Meine Umgebungen waren - Mein Umgang war - Nein , ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener Schrecklichen verwirren , ich will dich nicht dem Wahnsinn zuführen . Ich schweige von dem , was ich that , was ich litt , was ich überwand . Für dich , Gabriele , für dich ! dich wollte ich erheben , dich erhöhen zur Glorreichsten unseres alten Geschlechts ! hoch über alle jene edlen Frauen deiner Ahnen , deren lange Reihe der edelste Schmuck unsers Hauses ist . « Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang , Gabriele wagte es nicht , sich zu regen . Dann fuhr er mit fast tonloser Stimme fort : » Die doppelte schuppige Schlange , deren gekröntes Haupt in rother Erde sich birgt , war mein , die Königin ruhte in ihrer Kammer , der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden Aar , und ernährte den in ihrem Schooße schlummernden grünen Löwen , es nahte sich der Alte , der zwischen den Bergen geht , die rothe und die weiße Lilie prangten in seinen Händen . - Da - da - fort mit der Erinnerung , wie alles vernichtet ward , « rief der Baron jetzt laut und fürchterlich , » fort - es ward vernichtet . Weh mir ! ich vergaß den Fluch , der auf der fünften Zahl ruht , feindliche dunkle Mächte , auf mein Verderben lauernd , irrten mich . - Freundliche zürnten mir - Verloren - verloren - verloren - ist das große Spiel . « Mit geschloßnen Augen lehnte sich der Baron jetzt in seinen Lehnstuhl zurück und lag regungslos da . Gabriele war vor ihm auf die Knie hingesunken ; sie blickte in sein farbloses Antlitz , auf seine grauen Haare , welche spärlich die eingefallnen Schläfe umgaben , sie sah die tiefliegenden geschloßnen Augen in ihren weiten Höhlen , von den überhängenden schneeweißen Augenbraunen beschattet . Er glich so ganz einem Todten , daß der Gedanke sie grausend überfiel , er könne in diesem Moment gestorben seyn . » Mein Vater , mein Vater ! « rief sie , und wagte es , leise seine Hand zu berühren ; da richtete er , gleich einem Erwachenden , sich wieder auf . » Du weinst ? « sprach er , » du zitterst ? weißt du warum ? wovor ? « Dann blickte er sie eine Weile starr an . » Ich lese in deiner Seele , « fuhr er fort , » du glaubst , ich sey wahnsinnig , weil du meine Reden nicht verstehst . Du irrst , hohe Weisheit liegt hinter diesen Bildern , aber ihr hört nur , und vernehmt nicht , eure Sinne hält Wahn befangen . Die Vergangenheit enthüllte ich dir , so weit ich es durfte . Die Gegenwart , - tritt her zu mir ans Fenster , blicke hinaus , dort liegt sie , dort in Trümmern . Was diese decken , bleibe ewig verborgen . Fluch der Hand , die es wagt , diesen Schutthaufen zu berühren ! « rief er mit furchtbarem Ton , in hoher aufrechter Stellung , mit flammenden Augen , wie ein Begeisterter . » Fluch dem , der dem Unheil , das dort im dunkeln tiefen Gewölbe sicher ruht , den Weg bahnt zum Licht . Niemand darf dort den Faden finden , ihn wieder aufnehmen , der meiner starken Hand entfiel ! denn niemanden darf gelingen , was mir mißlang . « » Moritz von Aarheim gebietet hier nach meinem Tode , « sprach der Baron nach einer kleinen Pause , während welcher er sich mit Anstrengung zu besänftigen schien . » Sein erstes Thun wird seyn , dort zu graben , zu bauen , zu wühlen , er selbst hat mir es ins Angesicht gestanden . Du allein kannst mir die Sicherheit jenes Heiligthums auf ewige Zeiten erkaufen , und erkauft muß sie werden . Es gilt der Ruhe meiner Todesstunde , es gilt dem ruhigen Schlaf meiner Gebeine im stillen Grabe , weit , weit , auf Jahrhunderte hinaus ! Gabriele , du darfst jetzt nicht ohnmächtig werden , fasse dich , du darfst jetzt nicht die Besinnung verlieren , du mußt mich aushören , denn nie darf ich wieder wie in dieser Stunde zu dir reden . « Mit leisem , wunderlich-heimlichem Tone fuhr der Baron nach kurzem Schweigen in seiner Rede weiter fort . » Kennst du die Geheimnisse der Unterwelt ? Wie solltest du ! Ich aber wagte es , mit dieser Hand ihren Schleier zu lüften . Nicht alle , meine Tochter , nicht alle , die hier entschliefen , ruhen dort in Frieden . Furchtbare Vorhöfe führen zum finstern Reich , dort in Tophet und Scheol weilen rastlos die Seelen derer , die beunruhigt über die Zukunft dessen hinübergingen , was sie hier erstrebten . Jede Mitternacht ruft sie herauf , gespenstisch umwandern sie den Gegenstand ihrer Sorge in banger Qual , bis der Morgenhauch sie wieder zur kalten düstern Tiefe scheucht - jede Nacht sehe ich dort drüben den alten Franz , Sorge um mich läßt ihn nicht ruhen , er hebt das bleiche Haupt aus der Asche , mit langem Todtenfinger winkt er mir zu sich , zu sich , zur jammervollen Wache um das dort Verborgne . « » Ich habe vollendet , du weißt jetzt genug . Ruhe oder Verzweiflung deines Vaters in der letzten Stunde und im Grabe sey das Werk deiner freien Wahl . Bedenk es wohl , es gilt nicht einer Hand voll Tage , die ihr ein Leben nennt , es gilt der Ewigkeit . Meine Todesstunde kann jetzt schlagen , in dieser Minute , aber du hast Bedenkzeit . Willige ein , verwirf , bringe durch thörichtes Zögern das Unheil über mich , ich breche mein gegebnes Wort nicht , du bist frei , du hast auch Bedenkzeit . « » Vater , Vater ! « rief Gabriele , » kann denn mein Leben nicht das Opfer seyn ? « Hastig griff der Baron an seine Brust , dann ließ er die Hand wieder sinken . » Nein , « sprach er halb leise , und blickte milder als vorher Gabrielen an . » Nun denn , ich will nicht ängstlich berechnen , was ich meinem Vater opfre , hier bin ich , Ihr Kind ! mein Schicksal lege ich in Ihre Hand und murre nicht . « Erschöpft an allen Kräften , doch nicht bewußtlos , sank sie mit diesen Worten vor ihm hin . » Ich danke dir , « sprach der Baron , und ließ einen Moment seine Hand auf ihrem schön gelockten Haupte wie segnend ruhen ; dann hob er Gabrielen sorgsam auf , und setzte sie in seinen Lehnstuhl . » Ermanne dich , fasse Muth