schweigen wir von der Gosse , bestes Kind - o sage mir , sage mir , ob du mich liebst ? « - » Ich habe mich , « sprach Miesmies weiter , » nach deinen Verhältnissen erkundigt und erfahren , daß du Murr hießest und bei einem sehr gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest , sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genössest , ja , diese wohl mit einer zärtlichen Gattin teilen könntest ! - o , ich liebe dich sehr , guter Murr ! « - » Himmel , « rief ich im höchsten Entzücken , » Himmel , ist es möglich , ist es Traum , ist es Wahrheit ? - O halte dich - halte dich , Verstand , schnappe nicht über ! - Ha ! bin ich noch auf der Erde ? - Sitze ich noch auf dem Dache ? - Schwebe ich nicht in den Wolken ? Bin ich noch der Kater Murr ? Bin ich nicht der Mann im Monde ? - Komm an meinen Busen , Geliebte - doch sage mir erst deinen Namen , Schönste . « - » Ich heiße Miesmies , « erwiderte die Kleine , süß lispelnd in holder Verschämtheit , und setzte sich traulich neben mir hin . Wie schön sie war ! Silbern glänzte ihr weißer Pelz im Mondschein , in sanftem schmachtendem Feuer funkelten die grünen Äuglein . » Du - « ( Mak . Bl . ) - hättest , geliebter Leser , das freilich schon etwas früher erfahren können , aber der Himmel gebe , daß ich nicht noch mehr querfeldein springen muß , als es bis jetzt schon geschehen . - Also , wie gesagt , dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem Fürsten Irenäus , er hatte , selbst wußte er nicht wie , sein Ländlein aus der Tasche verloren . Prinz Hektor , der zu nichts wenigerem aufgelegt , als zum stillen , friedlichen Leben , der , unerachtet ihm der Fürstenstuhl unter den Beinen weggezogen , doch gern aufrecht stehen und , statt zu regieren , wenigstens kommandieren wollte , nahm französische Dienste , war ungemein tapfer , ging aber , als ihn eines Tages ein Zithermädel anplärrte : » Kennst du das Land , wo die Zitronen glühn , « sofort nach dem Lande , wo dergleichen Zitronen wirklich glühn , das heißt nach Neapel , und zog statt der französischen Uniform eine neapolitanische an . Er wurde nämlich so geschwinde General , wie es nur irgendeinem Prinzen geschehen kann . - Als der Vater des Prinzen Hektor gestorben , schlug Fürst Irenäus das große Buch auf , worin er selbst sämtliche fürstliche Häupter in Europa verzeichnet , und notierte den erfolgten Tod seines fürstlichen Freundes und Gefährten im Malheur . Nachdem dies geschehen , schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an , rief dann sehr laut : » Prinz Hektor ! « und klappte den Folianten so heftig zu , daß der Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte . Nun stand der Fürst auf , ging langsam im Zimmer auf und ab und schnupfte so viel Spaniol als nötig , um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen . Der Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn , der nächst vielen Reichtümern ein aimables Herz besessen , vom jungen Prinzen Hektor , der vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation u.s.w. Fürst Irenäus schien das alles nicht zu beachten , er blieb plötzlich dicht vor dem Hofmarschall stehen , schaute ihn an mit dem entsetzlichen Friedrichsblick , sprach sehr stark : » Peut-être « und verschwand in das Nebenkabinett . » Gott , « sprach der Hofmarschall , » der gnädigste Fürst haben gewiß die konsiderabelsten Gedanken , vielleicht gar Pläne . « Es war dem so . - Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen , an seine Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern , er rief sich die Überzeugung ins Gedächtnis , daß Prinz Hektor gewiß noch den Degen mit dem Zepter vertauschen werde , und ihm kam der Gedanke , daß die Vermählung des Prinzen mit der Prinzessin Hedwiga von den ersprießlichsten Folgen sein könne . Ganz im geheimsten Geheim mußte der Kammerherr , den der Fürst sogleich absandte , um dem Prinzen seinerseits namhaftes Beileid über den Tod des Vaters zu bezeigen , das bis auf die Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die Tasche stecken . - Es ist hier zu bemerken , daß die Prinzessin in der Tat eine vollendete Schönheit zu nennen gewesen , hätte ihre Haut weniger ins Gelbe gespielt . Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins günstig . - Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fürsten - niemanden , selbst nicht der Fürstin , hatte dieser das mindeste von seiner Absicht vertraut , - sehr geschickt aus . Als der Prinz das Gemälde sah , geriet er beinahe in dieselbe Ekstase , wie sein prinzlicher Kollege in der » Zauberflöte « . Wie Tamino hätte er beinahe , wenn auch nicht gesungen , doch gerufen : » Dies Bildnis ist bezaubernd schön , « und dann weiter : » Soll die Empfindung Liebe sein ? Ja , ja , die Liebe ist ' s allein ! « - Bei Prinzen ist es sonst eben nicht die Liebe allein , die sie streben läßt nach der Schönsten , indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an andere Verhältnisse , als er sich hinsetzte und an den Fürsten Irenäus schrieb , es möge ihm vergönnet sein , sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga zu bewerben . Fürst Irenäus antwortete , daß , da er mit Freuden in eine Vermählung willige , die er schon seines verstorbenen fürstlichen Freundes halber aus dem Grunde des Herzens wünsche , es gar keiner weitern Bewerbung eigentlich bedürfe . Da aber die Form sauviert werden müsse , möge der Prinz einen artigen Mann von dem gehörigen Stande nach Sieghartsweiler senden , den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen könne , die Trauung zu vollziehen und , nach altem schönem Herkommen , gestiefelt und gespornt den Bettsprung zu unternehmen . Der Prinz schrieb zurück : » Ich komme selbst , mein Fürst ! « - Dem Fürsten war das nicht recht , er hielt die Trauung durch einen Bevollmächtigten für schöner , erhabner , fürstlicher , hatte sich im Innersten auf das Fest gefreut und beruhigte sich nur damit , daß vor dem Beilager ein großes Ordensfest gefeiert werden könne . Er wollte nämlich das Großkreuz eines Hausordens , den sein Vater gestiftet hatte , und den kein Ritter mehr trug , nicht tragen durfte , dem Prinzen umhängen auf die solenneste Weise . Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler , um die Prinzessin Hedwiga heimzuführen und nebenher das Großkreuz eines verschollenen Hausordens zu erhalten . Es schien ihm erwünscht , daß der Fürst seine Absicht geheimgehalten , er bat vorzüglich rücksichts Hedwigas , in diesem Schweigen zu verharren , da er erst der vollen Liebe Hedwigas versichert sein müsse , ehe er mit seiner Bewerbung hervortreten könne . Der Fürst verstand nicht recht , was der Prinz damit sagen wollte , und meinte , daß , soviel er wisse und sich erinnere , diese Form , was nämlich die Versicherung der Liebe vor dem Beilager beträfe , in fürstlichen Häusern niemals üblich gewesen sei . Verstehe der Prinz aber darunter weiter nichts als die Äußerung eines gewissen Attachements , so dürfe das vorzüglich während des Brautstandes wohl eigentlich nicht stattfinden , könne aber , da doch die leichtsinnige Jugend über alles , was die Etikette gebiete , hinwegzuspringen geneigt , ja in der Kürze abgemacht werden , drei Minuten vor dem Ringewechseln . Herrlich und erhaben wär ' s freilich , wenn das fürstliche Brautpaar in diesem Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese , leider wären aber diese Regeln des höchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Träumen geworden . Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte , flüsterte er seinem Adjutanten in den andern unverständlichem neapolitanischen Dialekt zu : » Bei allen Heiligen ! Sie ist schön , aber unfern des Vesuvs geboren , und sein Feuer blitzt aus ihren Augen . « Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt , ob es in Neapel schöne Tassen gebe , und wieviel davon Prinz Hektor besitze , so daß dieser , durch die ganze Tonleiter der Begrüßungen durchgestiegen , sich wieder zu Hedwiga wenden wollte , als die Türen sich öffneten und der Fürst den Prinzen einlud zu der Prachtszene , die er durch die Zusammenberufung sämtlicher Personen , welche nur im mindesten was Hoffähiges an und in sich trugen , im Prunksaal bereitet . Er war diesmal in dem Auswählen weniger strenge gewesen als sonst , da der Zirkel in Sieghartshof eigentlich für eine Landpartie zu achten . Auch die Benzon war zugegen mit Julien . Prinzessin Hedwiga war still , in sich gekehrt , teilnahmlos , sie schien den schönen Fremdling aus dem Süden nicht mehr , nicht weniger zu beachten als jede andere neue Erscheinung am Hofe und fragte ziemlich mürrisch ihr Hoffräulein , die rotwangige Nannette , ob sie närrisch worden , als diese nicht aufhören konnte , ihr ins Ohr zu flüstern , der fremde Prinz sei doch gar zu hübsch , und eine schönere Uniform habe sie zeit ihres Lebens nicht gesehen . Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden Pfauenschweif seiner Galanterie , sie , beinahe verletzt durch den Ungestüm seiner süßlichen Verzücktheit , fragte nach Italien , nach Neapel . Der Prinz gab ihr die Beschreibung eines Paradieses , in dem sie als herrschende Göttin wandelte . Er bewährte sich als ein Meister in der Kunst , zu der Dame so zu sprechen , daß alles , alles sich gestaltet als ein Hymnus , der ihre Schönheit , ihre Anmut preist . Mitten aus diesem Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus und hin zu Julien , die sie in der Nähe gewahrte . Die drückte sie an ihre Brust , nannte sie mit tausend zärtlichen Namen , rief : » Das ist meine liebe , liebe Schwester , meine herrliche süße Julia ! « als der Prinz , etwas betroffen über Hedwigas Flucht , hinzutrat . Der Prinz heftete einen langen seltsamen Blick auf Julien , so daß diese , über und über errötend , die Augen niederschlug und sich scheu zur Mutter wandte , die hinter ihr stand . Aber die Prinzessin umarmte sie aufs neue und rief : » Meine liebe , liebe Julia « und dabei traten ihr die Tränen in die Augen . » Prinzessin , « sprach die Benzon leise , » Prinzessin , warum dieses krampfhafte Benehmen ? « Die Prinzessin , ohne die Benzon zu beachten , drehte sich zu dem Prinzen , dem wirklich über alles das der Strom der Rede versiegt , und war sie erst still , ernst , mißmutig gewesen , so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer krampfhafter Lustigkeit . Endlich ließen die stark gespannten Saiten nach , und die Melodieen , die nun aus ihrem Innern heraustönten , waren weicher , milder , jungfräulich zarter . Sie war liebenswürdiger als jemals , und der Prinz schien ganz und gar hingerissen . Endlich begann der Tanz . Der Prinz , nachdem mehrere Tänze gewechselt , erbot sich , einen neapolitanischen Nationaltanz anzuführen , und es gelang ihm bald , den Tanzenden die volle Idee davon zu geben , so daß sich alles gar artig fügte und selbst der leidenschaftlich zärtliche Charakter des Tanzes gut hervortrat . Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen als Hedwiga , die mit dem Prinzen tanzte . Sie verlangte die Wiederholung , und als der Tanz zum zweitenmal geendet , bestand sie , des Mahnens der Benzon , die auf ihren Wangen schon die verdächtige Blässe wahrnahm , nicht achtend , darauf , zum drittenmal den Tanz auszuführen , der ihr nun erst recht gelingen werde . Der Prinz war entzückt . Er schwebte hin mit Hedwiga , die in jeder Bewegung die Anmut selbst schien . Bei einer der vielen Verschlingungen , die der Tanz gebot , drückte der Prinz die Holde stürmisch an die Brust , aber in demselben Augenblick sank auch Hedwiga entseelt in seinen Armen zusammen . - Der Fürst meinte , eine unschicklichere Störung eines Hofballs könne es nicht geben , und nur das Land entschuldige vieles . - Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf ein Sofa getragen , wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem starken Wasser , das der Leibarzt zur Hand gehabt . Dieser erklärte übrigens die Ohnmacht für einen Nervenzufall , den die Erhitzung des Tanzes veranlaßt , und der sehr bald vorübergehen werde . Der Arzt hatte recht , nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit einem tiefen Seufzer die Augen auf . Der Prinz , sobald er vernommen , die Prinzessin habe sich erholt , drang durch den dichten Kreis der Damen , von dem sie umschlossen , kniete nieder bei dem Sofa , klagte sich bitter an , daß er allein schuld sei an dem Begegnis , das ihm das Herz durchschneide . Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte , rief sie mit allen Zeichen des Abscheues : » Fort , fort ! « und sank aufs neue in Ohnmacht . » Kommen Sie , « sprach der Fürst , indem er den Prinzen bei der Hand erfaßte , » kommen Sie , bester Prinz , Sie wissen nicht , daß die Prinzessin oft an den seltsamsten Reverien leidet . Weiß der Himmel , auf welche sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind ! - Imaginieren Sie sich , bester Prinz , schon als Kind - entre nous soit dit - schon als Kind hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für den Großmogul und prätendierte , ich solle in Samtpantoffeln ausreiten , wozu ich mich auch endlich entschloß , wiewohl nur im Garten . « Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände ins Gesicht und rief nach dem Wagen . Die Benzon mußte , so wollt ' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga , mit Julien im Schlosse bleiben . Sie wußte , welche psychische Macht sonst die Benzon über die Prinzessin übte , und ebenso , daß dieser psychischen Macht auch Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten . In der Tat geschah es auch diesmal , daß Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte , als die Benzon ihr unermüdlich zugeredet mit sanften Worten . Die Prinzessin behauptete nichts Geringeres , als daß im Tanzen der Prinz sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt und mit spitzer glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe . » Gott behüte , « rief die Benzon , » am Ende ist Prinz Hektor gar das mostro turchino aus der Gozzischen Fabel ! - Welche Einbildungen , zuletzt wird es sich so begehen wie mit Kreisler , den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen hielten ! « - » Nimmermehr , « rief die Prinzessin heftig und setzte dann lachend hinzu , » wahrhaftig , ich wollte nicht , daß mein guter Kreisler sich so plötzlich in das mostro turchino verwandelte wie Prinz Hektor ! « - Als am frühsten Morgen die Benzon , die bei der Prinzessin gewacht , in Juliens Zimmer trat , kam ihr diese entgegen , erblaßt , übernächtig , das Köpfchen gehängt wie eine kranke Taube . » Was ist dir , Julie ? « rief ihr die Benzon , die nicht gewohnt , die Tochter in solchem Zustande zu sehen , erschrocken entgegen . » Ach , Mutter , « sprach Julie ganz trostlos , » ach , Mutter , niemals mehr in diese Umgebungen , mein Herz erbebt , wenn ich an die gestrige Nacht denke . - Es ist etwas Entsetzliches in diesem Prinzen ; als er mich anblickte , ich kann dir ' s nicht beschreiben , was in meinem Innern vorging . - Ein Blitzstrahl fuhr tötend aus diesen dunklen unheimlichen Augen , von dem getroffen ich Ärmste vernichtet werden konnte . - Lache mich nicht aus , Mutter , aber es war der Blick des Mörders , der sein Opfer erkoren , das mit der Todesangst getötet wird , noch ehe der Dolch gezückt ! - - Ich wiederhol ' es , ein ganz fremdes Gefühl , ich vermag es nicht zu nennen , bebte wie ein Krampf mir durch alle Glieder ! - Man spricht von Basilisken , deren Blick , ein giftiger Feuerstrahl , augenblicklich tötet , wenn man es wagt , sie anzuschauen . Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier gleichen . « » Nun , « rief die Benzon laut lachend , » nun muß ich in der Tat glauben , daß es mit dem mostro turchino seine Richtigkeit hat , da der Prinz , ist er gleich der schönste , liebenswürdigste Mann , zweien Mädchen erschienen ist als Drache , als Basilisk . Der Prinzessin traue ich die tollsten Einbildungen zu , aber daß meine ruhige sanfte Julie , mein süßes Kind , sich hingeben sollte närrischen Träumen - « - » Und Hedwiga , « unterbrach Julie die Benzon , » und Hedwiga , ich weiß nicht , welch eine böse feindliche Macht sie losreißen von meinem Herzen , ja , mich hineinstürzen will in den Kampf einer fürchterlichen Krankheit , der in ihrem Innern wütet ! - Ja , Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand , gegen den die Ärmste nichts vermag . Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen , als sie mich liebkoste , umarmte , da fühlte ich , wie sie in Fieberhitze glühte . Und dann das Tanzen , das entsetzliche Tanzen ! Du weißt , Mutter , wie ich die Tänze hasse , in denen es den Männern vergönnt , uns zu umschlingen . - Es ist mir , als müßten wir in dem Augenblick alles aufgeben , was Sitte und Anstand erfordern , und den Männern eine Übermacht einräumen , die wenigstens den zartfühlenden unter ihnen unerfreulich bleiben wird . - Und nun Hedwiga , die nicht aufhören konnte , jenen südlichen Tanz zu tanzen , der mir , je länger er dauerte , desto abscheulicher schien . Rechte teuflische Schadenfreude war es , die aus den Augen des Prinzen blitzte - « » Närrin , « sprach die Benzon , » was fällt dir alles ein ! - Doch ! - Ich kann deine Gesinnung über das alles nicht tadeln , bewahre sie treulich , aber sei nicht ungerecht gegen Hedwiga , denke überhaupt gar nicht weiter nach , was mit ihr ist und mit dem Prinzen , schlage es dir aus dem Sinn ! - Willst du , so werd ' ich dafür sorgen , daß du eine Zeitlang weder Hedwiga noch den Prinzen sehen darfst . Nein , deine Ruhe soll nicht gestört werden , mein gutes liebes Kind ! Komm an mein Herz ! « - Damit umarmte die Benzon Julien mit aller mütterlichen Zärtlichkeit . » Und , « fuhr Julie fort , indem sie das glühende Antlitz an die Brust der Mutter drückte , » und aus der entsetzlichen Unruhe , die ich empfand , mochten auch wohl die seltsamen Träume kommen , die mich ganz verstört haben . « » Was träumtest du denn ? « fragte die Benzon . » Mir war ' s , « sprach Julie weiter , » mir war ' s , ich wandle in einem herrlichen Garten , in dem unter dichtem dunklem Gebüsch Nachtviolen und Rosen durcheinander blühten und ihr süßes Aroma in die Lüfte streuten . Ein wunderbarer Schimmer , wie Mondesglanz , ging auf in Ton und Gesang , und wie er die Bäume , die Blumen mit goldnem Strahl berührte , bebten sie vor Entzücken , und die Büsche säuselten , und die Quellen flüsterten in leisen sehnsüchtigen Seufzern . Da gewahrte ich aber , daß ich selbst der Gesang sei , der durch den Garten ziehe , doch so wie der Glanz der Töne verbleiche , müsse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut ! - Nun sprach aber eine sanfte Stimme : Nein ! Der Ton ist die Seligkeit und keine Vernichtung , und ich halte dich fest mit starken Armen , und in deinem Wesen ruht mein Gesang , der ist aber ewig wie die Sehnsucht ! - Es war Kreisler , der vor mir stand und diese Worte sprach . Ein himmlisches Gefühl von Trost und Hoffnung ging durch mein Inneres , und selbst wußte ich nicht - ich sage dir alles , Mutter ! - ja , selbst wußte ich nicht , wie es kam , daß ich Kreislern an die Brust sank . Da fühlte ich plötzlich , wie mich eiserne Arme fest umschlangen und eine entsetzliche höhnende Stimme rief : Was sträubst du dich , Elende , du bist ja schon getötet und mußt nun mein sein . - Es war der Prinz , der mich festhielt . - Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem Schlafe , ich warf mein Nachtkleid über und lief ans Fenster , das ich öffnete , da die Luft im Zimmer schwül und dunstig . In der Ferne gewahrte ich einen Mann , der mit einem Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses schaute , dann aber die Allee hinabsprang auf seltsame , ich möchte sagen , närrische Weise , indem er von beiden Seiten allerlei Entrechats und andere Tänzerpas ausführte , mit den Armen in den Lüften herumfocht und , wie ich zu vernehmen glaubte , laut dazu sang . Ich erkannte Kreislern , und indem ich über sein Beginnen herzlich lachen mußte , kam er mir doch vor wie der wohltätige Geist , der mich schützen würde vor dem Prinzen . Ja , es war , als würde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht klar , und ich sähe jetzt erst ein , wie sein schalkisch scheinender Humor , von dem mancher sich oft verwundet fühle , aus dem treuesten herrlichsten Gemüte komme . Ich hätte hinablaufen in den Park , ich hätte Kreislern alle Angst des entsetzlichen Traums klagen mögen ! « - » Das ist , « sprach die Benzon ernst , » das ist ein einfältiger Traum und das Nachspiel noch einfältiger ! - Du bedarfst der Ruhe , Julie , ein leichter Morgenschlummer wird dir wohltun , auch ich gedenke noch ein paar Stunden zu schlafen . « Damit verließ die Benzon das Zimmer , und Julie tat , wie ihr geheißen . Als sie erwachte , strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein , und ein starker Duft von Nachtviolen und Rosen strömte durch das Zimmer . » Was ist das , « rief Julie voll Erstaunen , » was ist das ! - mein Traum ! - « Doch wie sie sich umschaute , lag über ihr auf der Lehne des Sofas , auf dem sie geschlafen , ein schöner Strauß jener Blumen ! - » Kreisler , mein lieber Kreisler , « sprach Julie sanft , nahm den Strauß und geriet in träumerisches Sinnen . Prinz Ignaz ließ anfragen , ob es ihm nicht erlaubt sei , Julien ein Stündchen zu sehen . Schnell kleidete sich Julie an und eilte in das Zimmer , wo Ignaz sie schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen und chinesischer Puppen erwartete . Julie , das gute Kind , ließ es sich gefallen , stundenlang mit dem Prinzen , der ihr tiefes Mitleid einflößte , zu spielen . Kein Wort der Neckerei oder wohl gar der Verachtung entschlüpfte ihr , wie es wohl andern bisweilen , vorzüglich der Prinzessin Hedwiga , geschah , daher kam es , daß dem Prinzen Julias Gesellschaft über alles ging und er sie oft gar seine kleine Braut nannte . - Die Tassen waren aufgestellt , die Puppen geordnet , Julie hielt eben im Namen eines kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser von Japan ( beide Püppchen standen einander gegenüber ) , als die Benzon hineintrat . Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut , drückte sie Julien einen Kuß auf die Stirn und sprach : » Du bist doch mein liebes gutes Kind ! « - Es war späte Dämmerung eingebrochen . Julie , die , wie sie gewünscht , bei der Mittagstafel nicht erscheinen dürfen , saß einsam in ihrem Zimmer und erwartete die Mutter . Da schlichen leise Tritte hinan , die Türe öffnete sich , und totenbleich , mit starren Augen , in weißem Kleide , gespenstisch , trat die Prinzessin hinein . » Julia , « sprach sie leise und dumpf » Julia ! - Nenne mich töricht , ausgelassen - wahnsinnig , aber entziehe mir nicht dein Herz , ich bedarf deines Mitleids , deines Trostes ! - Es ist nichts als der Überreiz , die heillose Erschöpfung des abscheulichen Tanzes , die mich krank gemacht hat , aber es ist vorüber , mir ist besser ! - « » Der Prinz ist fort nach Sieghartsweiler ! - Ich muß in die Luft , laß uns hinabwandeln in den Park ! « - Als beide , Julie und die Prinzessin , sich am Ende der Allee befanden , strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen , und sie vernahmen fromme Gesänge . » Das ist die Abendlitanei aus der Marienkapelle , « rief Julia . » Ja , « sprach die Prinzessin , » wir wollen hin , laß uns beten ! - Bete du auch für mich , Julie ! « » Wir wollen , « erwiderte Julie , vom tiefsten Schmerz über der Freundin Zustand ergriffen , » wir wollen beten , daß nie ein böser Geist Macht habe über uns , daß unser reines frommes Gemüt nicht verstört werden möge durch des Feindes Verlockung . « Eben zogen , als die Mädchen bei der Kapelle angekommen , die am äußersten Ende des Parks befindlich , die Landleute von dannen , die die Litanei vor dem mit Blumen geschmückten und mit vielen Lampen erleuchteten ! Marienbilde gesungen . Sie knieten nieder in dem Betstuhl . Da begannen die Sänger auf dem kleinen Chor , der zur Seite des Altars angebracht , das » Ave maris stella « , das Kreisler erst vor kurzem komponiert . Leise beginnend , brauste der Gesang stärker und mächtiger auf in dem » dei mater alma « , bis die Töne , in dem » felix coeli porta « dahinsterbend , fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes . Noch immer lagen die Mädchen auf den Knien , tief versunken in brünstige Andacht . Der Priester murmelte Gebete , und aus weiter Ferne , wie ein Chor von Engelstimmen aus dem nächtlichen verschleierten Himmel , hallte der Hymnus : » O sanctissima « , den die heimziehenden Sänger angestimmt . Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen . Da standen sie auf und fielen sich in die Arme . Ein namenloses Weh , aus Entzücken und Schmerz gewoben , schien gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust , und Blutstropfen , dem wunden Herzen entquollen , waren die heißen Tränen , die aus ihren Augen stürzten . » Das war er , « lispelte die Prinzessin leise . » Er war ' s , « erwiderte Julie . - Sie verstanden sich . In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald , daß die Mondscheibe aufsteige und ihr schimmerndes Gold über ihn ausstreue . Der Choral der Sänger , noch immer vernommen in der Stille der Nacht , schien entgegenzuziehen dem Gewölk , das glühend aufflammte und sich über den Bergen lagerte , die Bahn des leuchtenden Gestirns bezeichnend , vor dem die Sterne erblaßten . » Ach , « sprach Julia , » was ist es denn , das uns so bewegt , das so mit tausend Schmerzen unser Inneres durch schneidet ? - Horche doch nur , wie das ferne Lied so tröstend zu uns herüberhallt ! Wir haben gebetet , und aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von himmlischer Seligkeit . « - » Ja , meine Julia , « erwiderte die Prinzessin ernst und fest , » ja , meine Julia , über den Wolken ist Heil und Seligkeit , und ich wollte , daß ein Engel des Himmels mich hinauftrüge zu den Sternen , ehe mich die finstre Macht erfaßte . Ich möchte wohl sterben , aber ich weiß es , dann trügen sie mich in die fürstliche Gruft , und die Ahnherrn , die dort begraben , würden es nicht glauben , daß ich gestorben bin , und erwachen aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben und mich hinaustreiben . Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an noch den Lebendigen und fände nirgends Obdach . « » Was sprichst du , Hedwiga , um aller Heiligen willen ; was sprichst du ? « rief Julie erschrocken . » Mir hat , « fuhr die Prinzessin fort , in demselben festen , beinahe gleichgültigen Ton beharrend , » mir hat dergleichen einmal geträumt . Es kann aber auch sein , daß ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampir geworden , der mir nun das Blut aussaugt . Davon mögen meine häufigen Ohnmachten herrühren . « » Du bist krank , « rief Julia , » du bist sehr krank , Hedwiga , die Nachtluft schadet dir , laß uns forteilen . « Damit umschlang sie die Prinzessin , die sich schweigend fortführen ließ . Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein , und in magischer Beleuchtung standen die Büsche , die Bäume und flüsterten und rauschten , mit dem Nachtwinde kosend , in tausend lieblichen Weisen . » Es ist doch schön , « sprach Julie , » o es ist