da trat Berthold aus dem Hause , ermahnte ihn zum Frieden , ließ sich den Vorgang erzählen und erklärte allen den seltsamen Irrtum , worin sie sich vergebens ereifert hätten , zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschädigung , verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel , schickte Sixt zum Bilde fort und trieb den Bergmann an die Arbeit , die ihrer Beendigung nahe schien und die viel Menschen nötig hatte , weil die Pumpen Tag und Nacht beschäftigt werden mußten . Der Bergmann wollte sich zwar weigern , gleich nach solcher » Unortnunge und pöser Warnunge « , wie er sich ausdrückte , fort zu arbeiten , aber Berthold stellte ihm vor , daß die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der großen Quelle führe , auf die alle Vorzeichen deuteten . Der Bergmann dachte seines Berufs und der Vergebung seiner Sünden , er stieg ein in die Tiefe : das Unheil war so tief verborgen , er mußte es doch zu Tage fördern . Berthold hörte den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luthers Brief und wie dieser fromme Bergmannssohn für die Sehnsucht der Welt nach tiefer Erkenntnis sein Leben daran setze , eine Quelle des Glaubens zu entdecken , nachdem aller andrer Glaube , wie er bisher gebraucht , als getrübt befunden worden . Ängstlich fragte er den Bergmann , ob auch keine Gefahr ihm drohe , es sei ihm so bange . - » Eine feste Burg ist unser Gott « , antwortete der alte Hauer , » ich laß mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben , es muß hindurch , der Fels mag hier noch so fest sein , ich habe gebeichtet und gebetet . « Beruhigt ging Berthold zu seiner Anna , fand aber dort einen sehr schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins ; er schrieb ihm : daß der Kaiser täglich schwächer werde , daß ihm seine großen Bestrebungen lächerlich dünkten , daß er viel von den Kronenwächtern vernommen und sich lächelnd geäußert habe , daß er sich gerade an den Unrechten gewendet , als er Berthold zu Nachforschungen aufgefordert habe , er möchte wohl selbst zu ihnen gehören . Das habe er als Freund bestritten , aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue täglich seinen Sarg , den er bei sich führe . Als er von Augsburg ohne Prunk ausgezogen , habe er sich bei der Rennsäule auf dem Lechfelde umgewendet , lange mit seinen weisen , gütigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem , tiefem Atem gesprochen : » Nun gesegne dich Gott , du liebes Augsburg und alle frommen Bürger darin , wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt , nun werden wir dich nicht mehr sehen ! « - Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die Geschützkugel zur Ruhe kommen , sind beide gleich machtlos , von dem Leben nimmt der Bürger und der Kaiser mit gleichem Gefühle Abschied ; daß aber ein Kaiser nach so gewaltigem , sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so menschlich mit der Stadt reden konnte , in der er wenige frohe Tage lebte , die Treue rührt tiefer , als das Angedenken mancher großen Tat . Berthold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort des Kaisers und beide saßen fest verschlungen aneinander in Tränen , als sich ein Lärmen hören ließ nach der Hofseite , als ob ein fernes Geschütz abgefeuert würde . Berthold hörte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen , er lief ans Fenster und erblickte eine Wassersäule , die sich über den Brunnen erhob und sich dann senkte ; das Wasser aber floß dann wie aus einem überkochenden Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach der Rems hinunter . - » Gott , Gott « , rief er , » unser armer Bergmann ! « Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe , über den Hof zum Brunnen hin : » Helft , helft ! « schrie er zu den Arbeitern , aber da war schon alles versucht , den armen Bergmann heraus zu ziehen , es fehlte nur an Haken um bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen . Die Leute berichteten , daß sie einen Schall in der Tiefe gehört , als ob er den Durchbruch eines Felsenstücks , woran er lange gearbeitet , zu Stande gebracht , aber mit einem furchtbaren Bullern , das leichte Steine fortgeschleudert , habe sich eine Wassersäule erhoben , gewiß habe er ein großes Wasserbecken im Innern des Bodens geöffnet , und sei vom Felsenstück niedergedrückt worden , sonst würde ihn der Strom emporgetragen haben . Kein Schwimmer könne da niederdringen , so lange der Wasserstrom mit solcher Gewalt ausströme , die Haken möchten ihn nicht erreichen , selbst von langen Bäumen , er sei verloren ; ein Glück für ihn sei es , daß er gebeichtet habe und gespeist sei . Die Leute sahen darin eine besondre Absicht und Gnade des Himmels , daß der Maler den Geistlichen herbeigeführt habe . Das war kein Trost für Berthold , er suchte umher nach Rat und Hülfe , aber vergebens , zugleich schämte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt . Er gab den Leuten Geld , daß sie dies Unglück verschwiegen , auch im Hause sagte er nichts von dem Vorgange , sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten großen Quelle . Alles eilte verwundert dahin , der Bergmann schien vergessen . Heimlich bestellte Berthold , so wenig er sonst darauf gehalten , Seelenmessen für ihn zu lesen ; so verschmähen nur wenige , was ihnen angenehm im Glauben ist , nur das Unbequeme veranlaßt den Zweifel und die Untersuchung . Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange , als dies Geld währte , das er ihnen geschenkt , bald war die Geschichte ein Märchen der Stadt , es hieß , der Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von Berthold herabgestürzt , um dies zu verheimlichen , er werde es künftig schon herausarbeiten . Niemand sagte ihm so etwas wieder , daß er die Wahrheit hätte offenkundig machen können . Die Lüge wandte immer mehr Herzen von ihm , aber er war zu übermächtig durch seinen Reichtum , durch die große Zahl von Arbeitern , die er beschäftigte , als daß irgend ein Bürger eine Anklage gegen ihn gewagt hätte . Faust mehrte den Zorn der Leute , in seiner Trunkenheit sagte er seltsame Dinge von Bertholds Heilung durch Blut , wovon er , wenn er nüchtern , nichts wissen wollte . Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein , daß Berthold , seines ärgerlichen Wandels überdrüssig , ihn zur Stadt hinaus führen ließ . Da sagte Faust ganz vernehmlich : Es solle dem Bürgermeister noch gereuen ; wenn er den Anton nur erstechen könne , so wäre er auch des Todes , und dazu werde sich schon einer finden . Aber auch davon erfuhr Berthold nichts , er wurde immer noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Lüftchen bewahrt . Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu Sitzen umher , sein Abfluß wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den Überfluß durch ein Gitter ab . Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit , wo bei den Ärmeren alles Gerät abgesondert , die alten Töpfe zerschmissen werden , um ein neues Leben anzufangen , war der Brunnen am Abend fertig und trocken und erst jetzt entdeckte sich allen seine Anlage . Die Sitze waren hinlänglich gehöht , um über die Mauern nach dem Remstale hinzublicken , so daß die sinkende Sonne in ihrem abendlich gesättigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem Scheine mannigfaltiger Inseln blickte ; unter den Mauern sangen dazu die Chöre der Bleicher auf den grünen Wiesen , Berthold wurde überrascht und überraschte zugleich , die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze , das sie heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen über die Mitte des Brunnenrads stellten , daß es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die Aussicht erhöhte , indem es zuweilen sie unterbrach . So saßen sie ruhig , und Anna fühlte einmal gar keine Eifersucht , daß Berthold die Mutter mit seinem andern Arm umfaßte , sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot . Der Brunnen war zwar teuer erkauft , aber er gewährte dem glücklichen Berthold das stolze Gefühl , daß ihn diesmal nichts geschreckt habe ; die andern wußten nichts von dem armen Bergmann . Da hörte Anna von einer Seite einen Atemzug , wo keiner der Ihren stand , sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rüstung , sie fragte Berthold mit leichtem Schreck : » Wer ist der fremde Mann ? Er sieht aus , als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen wäre . Er hat mehr Züge im Gesicht , als zwei gewöhnliche Menschen . Er schiebt jetzt einen Kasten heran , es kommen mehrere , die ihm helfen , alle gerüstet wie er , alle von bleichem steinernen Angesicht . Sie gehen schweigend zurück , er bleibt . « Achte Geschichte Das Hausmärchen Frau Hildegard , die sich zugleich mit Berthold umsah , stieß diesen vergebens an und flüsterte ihm zu , er möchte sich fortbegeben , es sei einer der Kronenwächter , den sie sonst schon oft abgewiesen habe . Berthold fühlte einen Mut in sich , dem Alten zu begegnen , und fragte ihn , was er wolle , warum er sich ihnen so heimlich genaht habe ! - » Heimlich ? « antwortete der Alte mit tiefer heiserer Stimme , als ob die böse Witterung eines Jahrhunderts darin sich verkrochen hätte , » heimlich war nicht nötig , ihr saht und hörtet nichts ! Mein Name ist Kronenhelm , bin Ehrenhalt auf dem Schlosse Hohenstock , wurde viel hin und her geschickt in Ernst und Spiel , habe Turnier ausgerufen , Fehde verkündet , Schlösser aufgefordert , habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen , besprochene Waffen losgesprochen , die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen , kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief , und wenn einer sieben Jahre schlief , ich weck ihn und schreck ihn , doch wenn einer lustig ist , bin ich auch ein guter Christ , und zu Eurem Polterabend komm ich über die Heide trabend , Euch Gruß zu bringen , Eure Hand zu schwingen , Geschenk und Gaben , die sollt Ihr haben , buntes Glas , wie bald bricht das darum nehmt ' s wohl in acht , es hat ein Vorfahr gemacht . Seht her seht hin , seht die Sonne darin , wie ' s flimmt , wie ' s flammt , alles vom Lichte stammt . « - Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten , den ihm einige Leute nachtrugen , länglichte Glasfenster , oben als Spitzbogen geschnitten , und stellte sie in die leeren Räume zwischen den mit Blumen umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne , daß die Farbenpracht des Glases in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfüllungen jedes andre denkbare Bild überstrahlte . - Berthold grüßte den Mann und in der Meinung , er sei von den Frauen geschickt , drückte er den beiden Frauen die Hand und dankte ihnen für die seltne Freude , die sie ihm bereitet hätten , er schwöre ihnen , kein Baumeister hätte je so etwas Schönes ersonnen . Dieses Blumenzelt solle in feinem Marmorstein ausgeführt werden und die Glasfenster haltend umschließen , daß der Brunnen eben so leicht frei , als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt werden könne , zum kalten Bad für die heiße Zeit , als warmes Bad im Winter , auch zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewässers . Er rühmte Almen , wie sie ihn in allem übertroffen , - aber Anna sah Apollonien verwundert und ärgerlich an , als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe übertreffen wollen , - und Apollonia noch verwunderter Annen , - der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen . - » Warum lacht Ihr , Alter ? « fragte Berthold , » daß ich so eifrig bin , mir hier gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken , woran noch mancher Meißel stumpf wird . Ihr sehet hier noch Stangen , ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor über dem Brunnen , ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite , wie sie die Fenster durchleuchtet , ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen , weil es weniger blendet . « - » Herr « , antwortete der Ehrenhalt , » Eure Absicht finde ich gar wohl erdacht , aber ich wundre mich , daß Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach ihrem Werte und ihrer Seltenheit , daß Ihr es für eine bloße Artigkeit Eurer Braut haltet . Solche Fenster möchte der Kaiser sich wünschen und sie nicht bereit finden ; dieser mühsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer Mischungen und Überlagen fordert ein vieljähriges Nachdenken . Hier ist nicht wie in gewöhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet , ein jeder Schatten sinkt in seiner eigentümlichen Farbentiefe . Ehrt dies Geschenk , das erste , womit die Kronenwächter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben . « - » Wer erlaubt Euch hier einzudringen ? « unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard , » jetzt erkenn ich Euch , wie oft habe ich Euch abgewiesen . « - » Laß ihn « , sagte Berthold , » seid nicht böse , guter Mann , die Mutter meint es gut mit mir und fürchtet Euch wegen Martins Tod ; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern , Ihr habt diesen Abend seltsam verherrlicht , Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr werdet Euch scheuen , ein Glück zu stören , um Greuel hoffnungsloser Erwartungen zu säen . « » Greuel ? « fragte der Ehrenhalt ernst . - » Ich sage Euch meine Ansicht « , antwortete Berthold , » verhehlt sie nicht den Kronenwächtern . Ich meine , daß ein hochberühmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Höhe schwindet und dem gemeineren Platz macht , wenn seine Fortdauer Greuel brütet . Denkt Euch , der vielfache Mord , an welchem mein Vater untergegangen , wäre von dem herrschenden Geschlechte vor den Augen der Welt begangen , welch ein Vorbild den Völkern ; jetzt schwindet er in der Unbemerktheit , nur denen verderblich , die sich darin verwickelt finden . « - » Woher aber diese Greuel ? « antwortete der Ehrenhalt . » Fühlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute ? Seid Ihr nicht mild und schaffend in Eurem Kreise gewesen , und war nicht eben so Euer Vater ? Berührt Euch aber der Gedanke Eures Sturzes ernstlich , und das wird keinem fehlen , dann lernet Euch selbst fürchten ; fiele die wärmende Sonne zur Erde , sie würde uns verbrennen . Als Euer heiliges Geschlecht herrschte , gab es ein reines , keusches Rittergeschlecht , aber die jetzt den Namen tragen , sind es nicht . Nicht die sind Ritter , welche mit goldnen Spornen einherstolzieren , die von den Kaisern mit Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind . Die echten Ritter sind vom harten Geschick geschlagen und geprägt , ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und daß dieselbe Herrlichkeit aus dem Stamme immerdar wiedergeboren werde , wie Ihr das Wasser dieses Brunnens ruhig abfließen laßt und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet . Doch Herr , es ist nicht gut einen zu wecken , ehe er ausgeschlafen hat , Ihr müßt noch ausschlafen von dem Siechtum , das Euch lange zu ritterlichen Taten untüchtig machte , auch wollen die Kronenwächter noch nichts mit Euch , sie senden Euch nur eine kleine Freundesgabe , daß Ihr Eure Abkunft nicht vergeßt , denn in diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzählt und hier sind die Reime , die Euch hierüber weitere Auskunft geben . « - Mit neugierigem Stolze griff Anna nach dem Buche und sagte : » Es ist mein , denn seine Ehre ist auch meine Ehre jetzt ; aber die Züge dieser Handschrift müssen gar alt sein , ich kann sie nicht lesen . Herr Ehrenhalt , schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche , es scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kürze berichten können , da das Abendlich bald zu verlöschen droht . « » Tut es alter Herr « , sagte Berthold , und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an , » wenn Ihr ein ritterlicher Diener seid , so dürft Ihr schönen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen . « - » Euer Wein ist klar , wie der Jungfrauen Angesicht « , antwortete der Ehrenhalt , » und was Ihr begehrt , ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden , bald sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses , von Barbarossa und Konradin , bald von den Hausmärchen aus den Zeiten des Attila , von denen hier eins abgebildet ist . Es berichtet von einem der alten schwäbischen Könige , aus dem Hause der Hohenstaufen , dessen Name verschieden angegeben wird , hier aber soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben . Waiblingen war damals eine große Stadt . « - » Das wissen wir aus der Chronik « , sagte Berthold . - Nun erzählte der Ehrenhalt das Hausmärchen nach Ordnung der Bilder , die er nach einander , wie er in der Erzählung fortschritt , gegen die Sonne stellte , daß jeder ihre Bedeutung zugleich erschaute . Erstes Bild Es war nun der dritte Tag , daß der König dem wunderbaren , kleinen , wie Silber blinkenden Vogel über Höhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes nachschlich . Der Vogel schien aber der Jagdkunst verständig , trug spielend eine goldne Feder im Schnäbelchen , wenn er außer dem Bereiche der Armbrust war , wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig , aber im Augenblicke , wo der König den Pfeil auflegte , breitete er seine Flügel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in die gefahrlose Weite , während der König ihm ärgerlich , aber vergebens , seinen Pfeil nachschnellte . Die Jagdwut des Königs überwältigte seine Ermüdung ; seine beiden einzigen Gefährten , zwei Ritter , die ihm aus gutem Willen folgten , waren schon am Morgen erschöpft bei einem Einsiedler liegen geblieben . Des Königs Jagdlust entschädigte ihn für alles , was er entbehrte , er überließ sich ihr nach dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern , das einem tückischen Gifte zugeschrieben wurde , um seinen Kummer zu zerstreuen , daß er den Mörder nicht entdecken konnte . Gewiß war es einer seiner Gaugrafen , denen er in der Trauer so unbesorgt die Nachforschung , die Regierungsgeschäfte und alle Einnahmen überlassen hatte . Dieser schmerzliche Müßiggang machte ihn dem Volke verächtlich , wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse . Die beiden gutmütigen Edelleute , die ihm auf seinen Irrwegen folgten , erkannten zwar das Unglück , was er durch diese Lässigkeit über das Land brachte , aber sie wagten nur selten , ihm Vorstellungen zu machen , da er allmählich in seiner Jagdlust verwildert , gegen jede Einrede wütete , und sich selbst überredet hatte , indem er von dem Ertrage der Jagd sich kärglich nähre , so müßte es seinem Volke recht wohl sein , dem er alle seine Einnahmen überlassen hätte . Aber seine Grafen hatten dieses Erbe zur Unterdrückung des Volks durch fremde Söldner benutzt , so wurde das reiche Land vernichtet . Jener Vogel hatte den König allmählich in den damals dreifach größeren , unzugänglichen Schwarzwald geführt , er eilte über die von den Menschen bis dahin nicht überschrittene Grenze der Wildnis , ohne es selbst wahr zu nehmen . Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche der brennenden Wolken , er hätte seinen letzten Atem aushauchen mögen , um ihr Feuer noch für einen Augenblick anzufachen . Er blickte um sich , denn der Vogel schien entschwunden , und er hörte doch seine Stimme . Welche Bäume umgaben ihn und welche zusammengestürzten Haufen von Baumstämmen , auf denen riesenhafte Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren , hier sah er eine Eidechse , die auf den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang , dort hackten unzählige Spechte den Takt zu dem Gesange . Wilde Reben aller Art , lebendig und abgestorben , verflochten den Urwald , in welchem die Bäume so dicht aneinander ihre Äste drängten , daß er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteräste brechen mußte . Grimmig schleicht er auf den Zehen Durch des Waldes tiefe Nacht , Aus dem Tale zu den Höhen Lockt der Vogel ihn und lacht , Lacht in tausendfachen Tönen , Schlägt mit seinen Flügeln ihn , Recht als wollt er ihn verhöhnen , Denn das Dunkel macht ihn kühn . Wütend schlägt der Herr die Bäume , Wo er längst entflohen ist , Schießet in die dunklen Räume Und die Wut sein Herz zerfrißt . Kracht die Tanne an der Tanne , Seufzt er auch aus zorn ' ger Brust , Fühlt sich schmerzlich in dem Banne Von der bösen Jägerlust . So wütete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel , der ihn in diese Wildnis geführt , und wo er etwas flattern hörte in den gedrängten Ästen , da schoß er seine Bolzen hinein , doch ohne andre Frucht als die Mückenscharen auf sich hinzuziehen , die schon in den Fichtenästen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten . Von ihnen gepeinigt , stampfte er auf den Boden , da sauste eine Wolke von Erdbienen gegen ihn empor . Er stürzte sich durch die trocknen Äste , ihnen zu entfliehen , da brummte an ihm vorüber ein zottiger Bär , der den Honig der Bienen wittern mochte , denn er achtete des Königs nicht , der schon sein Schwert zur Wehr gezogen hatte . Nun hörte er wieder die Stimme des silbernen Vogels , aber er fühlte keinen Zorn mehr gegen ihn , er war ihm eine willkommnere Gesellschaft unter den Ungeheuern , die ihn umdrängten . Ein heftiger Durst zähmte ihn , er hörte wohl Wasser rauschen , aber wie ein Strom , der von einer Höhe stürzend zerstäubt , denn der Felsen , auf welchem er stand , bebte von dem Falle . » Ein Schritt noch , und es ist der letzte « , schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und der König fühlte zum erstenmal , daß er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei . Er betete zum erstenmal seit dem Unglücke , das ihm die lieben Eltern geraubt hatte , denn er hatte mit dem Himmel gezürnt , in Finsternis und Wildnis kam der Geist des Herrn über ihn . Und als er das Haupt vom Gebete erhob , da sah er den silbernen Vogel dicht neben sich , der einen großen , leuchtenden Johanniswurm in seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fußpfad erleuchtete , den er in der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hätte . Demütig hing er seine Armbrust über und folgte mit Rührung dem angefeindeten Boten des Himmels . Seht hier auf dem Bilde , wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht , welchen der Vogel trägt , seht an der Seite Schlange und Eidechse , an jener Bär und Bienen am Abgrunde , den das brausende Wasser unterwühlt . Zweites Bild Über eine Stunde führte ihn der kleine Laternenträger durch den dichten Wald . Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wölfe , noch das Liebesgeschrei der Eulen erschrecken , aber doch fühlte er in seinem brennenden Durste , welchen das Kauen von Blättern nur vermehrte , daß er ohne eine Quelle zu finden , bald verschmachten müsse . Der Boden blieb dürr oder felsig , das Nadelholz hatte alles Leben unter sich erstickt , die Nacht war taulos , und ein fernes Blitzleuchten in der Schwüle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen . Da erschien ihm , als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich öffnen wollte , seinen Durst zu stillen , das Feuer eines nahen Herdes , indem sich die Türe eines Häuschens , das von Bäumen versteckt war , öffnete . Der Vogel sang fröhlich und zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebüsche und setzte sich auf den Giebel des Häuschens und ließ den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen . Nicht aus Vorsorge , weil Räuber die Wildnis zum Aufenthalt wählen konnten , sondern erschöpft lehnte sich der König an die aus wilden Rosenbüschen geflochtene Wand der Hütte , ehe er einging , und dankte dem Himmel für die gnädige Führung . Dies stellt das zweite Bild dar : in der Hütte sehen wir einen ehrwürdigen Greis mit langem , weißen Barte , an einem Pulte schreibend , während schöne Knaben neben ihm an einem Tische Früchte und Becher zu einem Mahl auftragen . Die alten Reime lehren dabei : Lernt im Zufall Gottes Führung , Wie er euch in Not begrüßt , Denn es braucht oft tiefe Rührung Daß ihr euch nicht ganz verschließt . Drittes Bild Totenbleich tritt er zur Hütte , Wie sein eignes Schattenbild , Trinkt vom Quell , der in der Mitte , Gleich dem müd gehetzten Wild ; Und ein Kind bringt Stuhl und Früchte , Und der Alte Wein und Brot , Will nicht , daß er erst berichte , Was ihn brachte in die Not . Der König stillte seinen Durst , dann dankte er dem Alten , und fragte nach der Gegend , wohin er sich verirrt habe . Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und legte den Finger auf den Mund , zum Zeichen des Schweigens . Der König schwieg und die Kinder führten ihn zum Lager am Feuer , wo ihn der Schlaf in wenig Augenblicken überwältigte . Er mochte wenige Stunden geschlafen haben , als ein Funke vom frisch angeschürten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte . Aber die Ermüdung aller Glieder war noch zu groß , er wollte sich erheben und vermochte es nicht , nicht einmal die Augenlider konnte er öffnen , er hörte die Unterhaltung zwischen dem Vater und seinen Söhnen , ohne daß diese wahrnehmen konnten , daß er erwacht sei . Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken , er hatte einen Dolch gegen Himmel gehoben und sprach heftig : Ja der König muß verderben , Soll der Staat genesen sein , Mit dem Dolche muß er sterben , Meine Träne soll ihn weihn , Mich entflammt nicht eigne Rache , Mich ergreift des Landes Wut , Denn bald nährt der grimme Drache Sich mit unsrer Kinder Blut . Aber die Kinder flehten alle für den König und sagten : Wie viel Wolken ziehn vorüber , Und die Sonne scheint dann hell , Und der König wird einst lieber , Als der mutigste Rebell , Vor dem armen Volk erscheinen , Das vergessen alte Not , Sich erwählet einen Reinen Und bestraft des Königs Tod ; Er ist gut , es sind die Grafen , Die mit frechem Übermut , Laster lohnen , Tugend strafen , Ach der König ist so gut ! Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft : Wer darf sein Geschick vergessen , Nicht der Bettler fremd im Land , Und kein König darf vermessen , Kronen , die aus Gottes Hand , Unter seine Diener teilen , Um in ungestörter Ruh In dem wilden Wald zu weilen , Nein bei Gott , ich stoße zu . Dem Könige war in diesem Gespräch so manches Wort wieder erwacht , was seine beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen , die Not hatte seinen Geist erhellt , mit Jammer erkannte er sein Unrecht , richtete sich auf , öffnete seinen Wams und sprach zum Alten : » Stoß zu , ich fühle mein Unrecht , ich habe mein Volk und meine Krone lange vergessen , möge ein Würdiger mir folgen , der es treuer bewacht . « - Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn verwundert an . » Bringt kühles Wasser dem Kranken « , sagte der Alte , » er hat unserm Spiele zugehorcht und wähnt , er sei selbst der Schottenkönig , dessen Geschichte wir darstellen . « - » Ihr spielt mit dem Dolche ? « sprach der König . » Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen ? Ich will es schließen , will mich niederlegen wie ein Schlafender , daß Ihr mich ohne Scheu morden könnt . « - Bei diesen Worten entfiel dem König die Krone , die er unter seinem Hute trug , und der Alte erkannte wohl , daß dies Mißverständnis einen Grund habe und keine leere Qual der falschen Einbildung zu nennen sei . Er ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder und sprach : » Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines andern , der die Furchen seiner Stirn erblickt , wohl mögt Ihr unser gnädiger Herr sein , den wir so lange vermissen , ich aber wage es nicht , Euch zu beraten , so wenig ich Euch zu morden gesonnen war . Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem Lebenden geöffnet , aber oft habe ich vor Euch in jüngeren Jahren am Marktfeste zu Waiblingen die Geschichte der Völker auf künstlicher Bühne gesprächsweise aufgeführt ; gedenkt Ihr meiner noch , des alten Meistersängers David , aus Ungerland . Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Völker , und