Gedanken durch den Sinn , daß sie erschrocken aufsprang . Ein alter , frommer Geistlicher vom Dorfe besuchte die schöne Büßerin fleißig . Sie erstaunte , wie der Mann so eigentlich ohne alle Bildung und doch so hochgebildet war . Er sprach ihr oft stundenlang von den tiefsinnigsten Wahrheiten seiner Religion , und war dabei immer so herzlich heiter , ja , oft voll lustiger Schwänke , während sie dabei jedesmal in eine peinliche , gedankenvolle Traurigkeit versank . Er fand manchmal geistliche Lieder und Legenden bei ihr , die sie soeben gedichtet . Nichts glich dann seiner Freude darüber ; er nannte sie sein liebes Lämmchen , las die Lieder viele Male sehr aufmerksam und legte sie in sein Gebetbuch . Mein Gott ! sagte da Romana in Gedanken verloren oft zu sich selbst , wie ist der gute Mann doch unschuldig ! - In dieser Zeit schrieb sie , weniger aus Freundschaft , als aus Laune und Bedürfnis sich auszusprechen , mehrere Briefe an die Schmachtende in der Residenz , im tiefsten Jammer ihrer Seele verfaßt . Sie erstaunte über sich selbst , wie moralisch sie zu schreiben wußte , wie ganz klar ihr Zustand ihr vor Augen lag und sie es doch nicht ändern konnte . Die Schmachtende konnte sich nicht enthalten , diese interessanten Briefe ihrem Abendzirkel mitzuteilen . Man nahm dieselben dort für Grundrisse zu einem Romane , und bewunderte die feine Anlage und den Geist der Gräfin . Romana hielt es endlich nicht länger aus , sie mußte ihren hohen Feind und Freund , den Grafen Friedrich , wiedersehen . Kaum hatte sie sich diesen Wunsch einmal erlaubt , als sie auch schon auf dem Pferde saß und der Residenz zuflog . Dies war damals , als sie Friedrich an dem warmen Märzfeste so wild die Menge teilend vorüberreiten sah . Als sie nun ihren Geliebten wieder vor sich sah , noch immer unverändert ruhig und streng wie vorher , während eine ganz neue Welt in ihr auf- und untergegangen war , da schien es ihr unmöglich , seine Tugend und Größe zu erreichen . Die beiden vor ihr Leben gespannten , unbändigen Rosse , das schwarze und das weiße , gingen bei dem Anblick von neuem durch mit ihr , alle ihre schönen Pläne lagen unter den heißen Rädern des Wagens zerschlagen , sie ließ die Zügel schießen und gab sich selber auf . Friedrich war indes noch mehrere Tage lang mit Leontin in dem Gebirge herumgestrichen , um Erwin wiederzufinden . Aber alle Nachforschungen blieben vergebens . Es blieb ihm nichts übrig , als auf immer Abschied zu nehmen von dem lieben Wesen , dessen wunderbare Nähe ihm durch die lange Gewohnheit fast unentbehrlich geworden war . Rüstig und neu gestärkt durch die kühle Wald- und Bergluft , die wieder einmal sein ganzes Leben angeweht , kehrte er in die Residenz zurück und ging freudiger , als jemals , wieder an seine Studien , Hoffnungen und Pläne . Aber wie vieles hatte sich gar bald verändert . Die braven Gesellen , welche der Winter tüchtig zusammengehalten , zerstreute und erschlaffte die warme Jahreszeit . Der eine hatte eine schöne , reiche Braut gefunden und rechnete die gemeinsame Not seiner Zeit gegen sein eigenes einzelnes Glück zufrieden ab , seine Rolle war ausgespielt . Andere fingen an auf öffentlichen Promenaden zu paradieren , zu spielen und zu liebeln , und wurden nach und nach kalt und beinahe ganz geistlos . Mehrere rief der Sommer in ihre Heimat zurück . Aller Ernst war verwittert , und Friedrich stand fast allein . Mehr jedoch , als diese Treulosigkeit einzelner , auf die er doch nie gebaut , kränkte ihn die allgemeine Willenlosigkeit , von der er sich immer deutlicher überzeugen mußte . So bemerkte er , unter vielen andern Zeichen der Zeit , oft an einem Abend und in einer Gesellschaft zwei Arten von Religionsnarren . Die einen prahlten da , daß sie das ganze Jahr nicht in die Kirche gingen , verspotteten freigeisterisch alles Heilige und hingen auf alle Weise , die Gott sei Dank ! bereits abgenutzte und schäbige Paradedecke der Aufklärung aus . Aber es war nicht wahr , denn sie schlichen heimlich vor Tagesanbruch , wenn der Küster aufschloß , zum Hinterpförtchen in die Kirchen hinein und beteten fleißig . Die andern fielen dagegen gar weidlich über diese her , verfochten die Religion und begeisterten sich durch ihre eigenen schönen Redensarten . Aber es war auch nicht wahr , denn sie gingen in keine Kirche und glaubten heimlich selber nicht , was sie sagten . Das war es , was Friedrich empörte , die überhandnehmende Desorganisation gerade unter den Bessern , daß niemand mehr wußte , wo er ist , die landesübliche Abgötterei unmoralischer Exaltation , die eine allgemeine Auflösung nach sich führen mußte . Um diese Zeit erhielt Friedrich nach so vielen Monaten unerwartet einen Brief von dem Gute des Herrn v. A. An den langen Drudenfüßen sowohl , als an dem fast komisch falsch gesetzten Titel erkannte er sogleich den halbvergessenen Viktor . Er erbrach schnell und voll Freude das Siegel . Der Brief war folgenden Inhalts : » Es wird uns alle sehr freuen , wenn wir hören , daß Sie und der Herr Graf Leontin sich wohl befinden , wir sind hier alle Gott sei Dank ! gesund . Als Sie beide weggereist sind , war es hier so still , als wenn ein Kriegslager aufgebrochen wäre und die Felder nun einsam und verlassen stünden , im ganzen Schlosse sieht ' s aus , wie in einer alten Rumpelkammer . Ich mußte anfangs an den langen Abenden auf dem Schlosse aus dem Abraham a St. Clara vorlesen . Aber es ging gar nicht recht . Der Herr v. A. sagte : ja , wenn der Leontin dabei wäre ! Die gnädige Frau sagte : es wäre doch alles gar zu dummes Gewäsch durcheinander , und Fräulein Julie dachte Gott weiß an was , und paßte gar nicht auf . Es ist gar nichts mehr auf der Welt anzufangen . Ich kann das verdammte traurige Wesen nicht leiden ! Ich bin daher schon über einen Monat weder aufs Schloß , noch sonstwo ausgekommen . Sie sind doch recht glücklich ! Sie sehen immer neue Gegenden und neue Menschen . Ich weiß die vier Wände in meiner Kammer schon auswendig . Ich habe meine zwei kleinen Fenster mit Stroh verhangen , denn der Wind bläst schon infam kalt durch die Löcher herein , auch alle meine Wanduhren habe ich ablaufen lassen , denn das ewige Picken möcht einen toll machen , wenn man so allein ist . Ich denke mir dann gar oft , wie Sie jetzt auf einem Balle mit schönen , vornehmen Damen tanzen , oder weit von hier am Rheine fahren oder reiten , und rauche Tabak , daß das Licht auf dem Tische oft auslischt . Gestern hat es zum ersten Male den ganzen Tag wie aus einem Sacke geschneit . Das ist meine größte Lust . Ich ging noch spätabends , in den Mantel gehüllt , auf den Berg hinaus , wo wir immer nachmittags im Sommer zusammen gelegen haben . Das Rauchtal und die ganze , schöne Gegend war verschneit und sah kurios aus . Es schneite immerfort tapfer zu . Ich tanzte , um mich zu erwärmen , über eine Stunde in dem Schneegestöber herum . Dies hab ich schon vor einigen Monaten geschrieben . Gleich nach jener Nacht , da ich draußen getanzt , verfiel ich in eine langwierige Krankheit . Alle Leute fürchteten sich vor mir , weil es ein hitziges Fieber war , und ich hätte wie ein Hund umkommen müssen ; aber Fräulein Julie besuchte mich alle Tage und sorgte für Medizin und alles , wofür sie Gott belohnen wird . Ich wußte nichts von mir . Sie sagt mir aber , ich hätte immerfort von Ihnen beiden phantasiert und oft auch gar in Reimen gesprochen . Ich muß mir das Zeug durch die Erkältung zugezogen haben . - Jetzt bin ich , Gott sei Dank , wiederhergestellt , und mache wieder fleißig Uhren . - Neues weiß ich weiter nichts , als daß seit mehreren Wochen ein fremder Kavalier , der in der Nachbarschaft große Herrschaften gekauft , zu uns auf das Schloß kommt . Er soll viele Sprachen kennen und sehr gelehrt und bereist sein , und will unser Fräulein Julie haben . Die gnädige Frau möchte es gern sehen , aber dem Fräulein gefällt er gar nicht . Wenn sie nachmittags oben im Garten beim Lusthause sitzt und ihn von weitem unten um die Ecke heranreiten sieht , klettert sie geschwind über den Gartenzaun und kommt zu mir . Was will ich tun ? Ich muß sie in meiner Kammer einsperren , und gehe unterdes spazieren . Neulich , als ich schon ziemlich spät wieder zurückkam und meine Tür aufschloß , fand ich sie ganz blaß und am ganzen Leibe zitternd . Sie war noch völlig atemlos vor Schreck und fragte mich schnell , ob ich ihn nicht gesehen ? Dann erzählte sie mir : als es angefangen finster zu werden , habe sie auf meinem Bette in Gedanken gesessen , da habe auf einmal etwas an das Fenster geklopft . Sie hätte den Atem eingehalten und unbeweglich gesessen , da wäre plötzlich das Fenster aufgegangen und Ihr leibhaftiger Page , der Erwin , habe mit totenblassem Gesicht und verwirrten Haaren in die Stube hineingeguckt . Als er sich überall umgesehen und sie auf dem Bett erblickt , habe er ihr mit dem Finger gedroht und sei wieder verschwunden . Ich sagte ihr , sie sollte sich solches dummes Zeug nicht in den Kopf setzen . Sie aber hat es sich sehr zu Herzen genommen , und ist seitdem etwas traurig . Die Tante soll nichts davon wissen . Was gibt ' s denn mit dem guten Jungen , ist er nicht mehr bei Ihnen ? - Soeben , wie ich dies schreibe , sieht Fräulein Julie drüben über den Gartenzaun . - Als ich sagte , daß ich an Sie schriebe , kam sie schnell aus dem Garten zu mir herüber und ich mußte ihr eine Feder schneiden ; sie wollte selber etwas dazuschreiben . Dann wollte sie wieder nicht und lief davon . Sie sagte mir , ich solle Sie von ihr grüßen und bitten , Sie möchten auch den Herrn Grafen Leontin von ihr grüßen , wenn er bei Ihnen wäre . Kommen Sie beide doch bald wieder einmal zu uns ! Es ist jetzt wieder sehr schön im Garten und auf den Feldern . Ich gehe wieder , wie damals , alle Morgen vor Tagesanbruch auf den Berg , wo Sie und Leontin mich immer auf meinem Sitze besucht haben . Die Sonne geht gerade in der Gegend auf , wo Sie mir immer an den schwülen Nachmittagen beschrieben haben , daß die Residenz liegt und der Rhein geht . Ich rufe dann mein Hurra und werfe meinen Hut und meine Pfeife hoch in die Luft . P. S. Die niedliche Braut , auf die Sie sich vielleicht noch von dem Tanze auf dem Jagdschlosse her erinnern , besucht uns jetzt oft und empfiehlt sich . Sie leben recht gut in ihrer Wildnis , sie hat schon ein Kind und ist noch schöner geworden und sehr lustig . Adieu ! « Friedrich legte das Papier stillschweigend zusammen . Ihn befiel eine unbeschreibliche Wehmut bei der lebhaften Erinnerung an jene Zeiten . Er dachte sich , wie sie alle dort noch immer , wie damals , seit hundert Jahren und immerfort zwischen ihren Bergen und Wäldern friedlich wohnen , im ewig gleichen Wechsel einförmiger Tage frisch und arbeitsam Gott loben und glücklich sind , und nichts wissen von der andern Welt , die seitdem mit tausend Freuden und Schmerzen durch seine Seele gegangen . Warum konnte er , und wie er wohl bemerkte , auch Viktor nicht ebenso glücklich und ruhig sein ? - Dabei hatte ihn die Nachricht von Erwins unerklärlicher , flüchtiger Erscheinung heftig bewegt . Er ging sogleich mit dem Briefe zu Leontin . Aber er fand weder ihn , noch Faber zu Hause . Er sah durch das offene Fenster , der reine Himmel lag blau und unbegrenzt über den fernen Dächern und Kuppeln bis in die neblige Weite . Er konnt es nicht aushalten ; er nahm Hut und Stock und wanderte durch die Vorstädte ins Freie hinaus . Unzählige Lerchen schwirrten hoch in der warmen Luft , die neugeschmückte Frühlingsbühne sah ihn wie eine alte Geliebte an , als wollte ihn alles fragen : Wo bist du so lange gewesen ? Hast du uns vergessen ? - Ihm war so wohl zum Weinen . Da blies neben ihm ein Postillion lustig auf dem Horne . Eine schöne Reisekutsche mit einem Herrn und einem jungen Frauenzimmer fuhr schnell an ihm vorüber . Das Frauenzimmer sah lachend aus dem Wagen nach ihm zurück . Er täuschte sich nicht , es war Marie . Verwundert sah Friedrich dem Wagen nach , bis er weit in der heitern Luft verschwunden war . Die Straße ging nach Italien hinunter . Da es sich zum Abend neigte , wandte er sich wieder heimwärts . In den Vorstädten war überall ein sommerabendliches Leben und Weben , wie in den kleinen Landstädtchen . Die Kinder spielten mit wirrem Geschrei vor den Häusern , junge Burschen und Mädchen gingen spazieren , der Abend wehte von draußen fröhlich durch alle Gassen . Da bemerkte Friedrich seitwärts eine alte , abgelegene Kirche , die er sonst noch niemals gesehen hatte . Er fand sie offen und ging hinein . Es schauderte ihn , wie er aus der warmen , fröhlich bunten Wirrung so auf einmal in diese ewig stille Kühle hineintrat . Es war alles leer und dunkel drinnen , nur die ewige Lampe brannte wie ein farbiger Stern in der Mitte vor dem Hochaltare ; die Abendsonne schimmerte durch die gemalten , gotischen , Fenster . Er kniete in eine Bank hin . Bald darauf bemerkte er in einem Winkel eine weibliche Gestalt , die vor einem Seitenaltare , im Gebet versunken , auf den Knien lag . Sie erhob sich nach einer Weile und sah ihn an . Da kam es ihm vor , als wäre es das Bürgermädchen , die unglückliche Geliebte des Prinzen . Doch konnte er sich gar nicht recht in die Gestalt finden ; sie schien ihm weit größer und ganz verändert seitdem . Sie war ganz weiß angezogen und sah sehr blaß und seltsam aus . Sie schien weder erfreut , noch verwundert über seinen Anblick , sondern ging , ohne ein Wort zu sprechen , tief in einen dunklen Seitengang hinein , auf den Ausgang der Kirche zu . Friedrich ging ihr nach , er wollte mit ihr sprechen . Aber draußen fuhren und gingen die Menschen bunt durcheinander , und er hatte sie verloren . Als er nach Hause kam , fand er den Prinzen bei sich , der , den Kopf in die Hand gestützt , am Fenster saß und ihn erwartete . » Mein hohes Mädchen ist tot ! « rief er aufspringend , als Friedrich hereintrat . Friedrich fuhr zusammen : » Wann ist sie gestorben ? « - » Vorgestern . « - Friedrich stand in tiefen Gedanken und hörte kaum , wie der Prinz erzählte , was er von der alten Mutter der Dahingeschiedenen gehört : wie das Mädchen anfangs nach der Ohnmacht in allen Kirchen herumgezogen und Gott inbrünstig gebeten , daß er sie doch noch einmal glücklich in der Welt machen möchte . Nach und nach aber fing sie an zu kränkeln und wurde melancholisch . Sie sprach sehr zuversichtlich , daß sie bald sterben würde , und von einer großen Sünde , die sie abzubüßen hätte , und fragte die Mutter oft ängstlich , ob sie denn noch in den Himmel kommen könnte ? Den Prinzen wollte sie noch immer nicht wiedersehen . Die letzten Tage vor ihrem Tode wurde sie merklich besser und heiter . Noch den letzten Tag kam sie sehr fröhlich nach Hause und sagte mit leuchtenden Augen , sie habe den Prinzen wiedergesehen , er sei , ohne sie zu bemerken , an ihr vorbeigeritten . Den Abend darauf starb sie . Der Prinz zog hierbei ein Papier heraus und las Friedrich ein Totenopfer vor , welches er heut in einer Reihe von Sonetten auf den Tod des Mädchens gedichtet hatte . Die ersten Sonette enthielten eine wunderfeine Beschreibung , wie der Prinz das Mädchen verführt . Friedrich graute , wie schön sich da die Sünde ausnahm . Das letzte Sonett schloß : » Einsiedler will ich sein und einsam stehen , Nicht klagen , weinen , sondern büßend beten , Du bitt für mich dort , daß ich besser werde ! Nur einmal , schönes Bild , laß dich mir sehen , Nachts , wenn all ' Bilder weit zurücke treten , Und nimm mich mit dir von der dunklen Erde ! « » Wie gefällt Ihnen das Gedicht ? « - » Gehn Sie in jene Kirche , die dort so dunkel hersieht « , sagte Friedrich erschüttert , » und wenn der Teufel mit meinen gesunden Augen nicht sein Spiel treibt , so werden Sie sie dort wiedersehen . « - » Dort ist sie begraben « , antwortete der Prinz , und wurde blaß und immer blässer , als ihm Friedrich erzählte , was ihm begegnet . » Warum fürchten Sie sich ? « sagte Friedrich hastig , denn ihm war , als sähe ihn das stille , weiße Bild wie in der Kirche wieder an , » wenn Sie den Mut hatten , das hinzuschreiben , warum erschrecken Sie , wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rühren und lebendig werden ? Ich möchte nicht dichten , wenn es nur Spaß wäre , denn wo dürfen wir jetzt noch redlich und wahrhaft sein , wenn es nicht im Gedichte ist ? Haben Sie den rechten Mut , besser zu werden , so gehn Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrünstig um seine Kraft und Gnade . Ist aber das Beten und alle unsere schönen Gedanken um des Reimes willen auf dem Papiere , so hol der Teufel auf ewig den Reim samt den Gedanken ! « - Hier fiel der Prinz Friedrich ungestüm um den Hals . » Ich bin durch und durch schlecht « , rief er , » Sie wissen gar nicht und niemand weiß es , wie schlecht ich bin ! die Gräfin Romana hat mich zuerst verdorben vor langer Zeit ; das verstorbene Mädchen habe ich sehr künstlich verführt ; der damals in der Nacht zu Marie bei Ihnen vorbeischlich , das war ich ; der auf jener Redoute - « Hier hielt er inne . - » Betrügerisch , verbuhlt , falsch und erbärmlich bin ich ganz « , fuhr er weiter fort . » Der Mäßigung , der Gerechtigkeit , der großen , schönen Entwürfe , und was wir da zusammen beschlossen , geschrieben und besprochen , dem bin ich nicht gewachsen , sondern im Innersten voller Neid , daß ich ' s nicht bin . Es war mir nie Ernst damit und mit nichts in der Welt . - Ach , daß Gott sich meiner erbarme ! « Hierbei zerriß er sein Gedicht in kleine Stückchen , wie ein Kind , und weinte fast . Friedrich , wie aus den Wolken gefallen , sprach kein einziges Wort der Liebe und Tröstung , sondern die Brust voll Schmerzen und kalt wandte er sich zum offenen Fenster von dem gefallenen Fürsten , der nicht einmal ein Mann sein konnte . Siebzehntes Kapitel Rosa saß frühmorgens am Putztische und erzählte ihrem Kammermädchen folgenden Traum , den sie heut nacht gehabt : » Ich stand zu Hause in meiner Heimat im Garten ; der Garten war noch ganz so , wie er ehedem gewesen , ich erinnere mich wohl , mit allen den Alleen , Gängen und Figuren aus Buchsbaum . Ich selber war klein , wie damals , da ich als Kind in dem Garten gespielt . Ich verwunderte mich sehr darüber , und mußte auch wieder lachen , wenn ich mich ansah , und fürchtete mich vor den seltsamen Baumfiguren . Dabei war es mir , als wäre mein vergangenes Leben und daß ich schon einmal groß gewesen , nur ein Traum . Ich sang immerfort ein altes Lied , das ich damals als Kind alle Tage gesungen und seitdem wieder vergessen habe . Es ist doch seltsam , wie ich es in der Nacht ganz auswendig wußte ! Ich habe heut schon viel nachgesonnen , aber es fällt mir nicht wieder ein . Meine Mutter lebte auch noch . Sie stand seitwärts vom Garten an einem Teiche . Ich rief ihr zu , sie sollte herüberkommen . Aber sie antwortete mir nicht , sondern stand still und unbeweglich , vom Kopfe bis zu den Füßen in ein langes , weißes Tuch gehüllt . Da trat auf einmal Graf Friedrich zu mir . Es war mir , als sähe ich ihn zum ersten Male , und doch war er mir wie längst bekannt . Wir waren wieder gute Freunde , wie sonst - ich habe ihn nie so gut und freundlich gesehen . Ein schöner Vogel saß mitten im Garten auf einer hohen Blume und sang , daß es mir durch die Seele ging , meinen Bruder sah ich unten über das glänzende Land reiten , er hatte die kleine Marie , die eine Zimbel hoch in die Luft hielt , vor sich auf dem Rosse , die Sonne schien prächtig . Reisen wir nach Italien ! sagte da Friedrich zu mir . - Ich folgte ihm gleich , und wir gingen sehr schnell durch viele schöne Gegenden immer nebeneinander fort . Sooft ich mich umsah , sah ich hinten nichts , als ein grenzenloses Abendrot , und in dem Abendrot meiner Mutter Bild , die unterdes sehr groß geworden war , in der Ferne wie eine Statue stehen , immerfort so still nach uns zugewendet , daß ich vor Grauen davon wegsehen mußte . Es war unterdes Nacht geworden und ich sah vor uns unzählige Schlösser auf den Bergen brennen . Jenseits wanderten in dem Scheine , der von den brennenden Schlössern kam , viele Leute mit Weib und Kindern , wie Vertriebene , sie waren alle in seltsamer , uralter Tracht ; es kam mir vor , als sähe ich auch meinen Vater und meine Mutter unter ihnen , und mir war unbeschreiblich bange . Wie wir so fortgingen , schien es mir , als würde Friedrich selbst nach und nach immer größer . Er war still und seine Mienen veränderten sich seltsam , so daß ich mich vor ihm fürchtete . Er hatte ein langes , blankes Schwert in der Hand , mit dem er vor uns her den Weg aushaute ; sooft er es schwang , warf es einen weitblitzenden Schein über den Himmel und über die Gegend unten . Vor ihm ging sein langer Schatten , wie ein Riese , weit über alle Täler gestreckt . Die Gegend wurde indes immer seltsamer und wilder , wir gingen zwischen himmelhohen , zackigen Gebirgen . Wenn wir an einen Strom kamen , gingen wir auf unsern eigenen Schatten , wie auf einer Brücke , darüber . Wir kamen so auf eine weite Heide , wo ungeheure Steine zerstreut umherlagen . Mich befiel eine niegefühlte Angst , denn je mehr ich die zerstreuten Steine betrachtete , je mehr kamen sie mir wie eingeschlafene Männer vor . Die Gegend lag unbeschreiblich hoch , die Luft war kalt und scharf . Da sagte Friedrich : Wir sind zu Hause ! Ich sah ihn erschrocken an und erkannte ihn nicht wieder , er war völlig geharnischt , wie ein Ritter . Sonderbar ! es hing ein altes Ritterbild sonst in einem Zimmer unsers Schlosses , vor dem ich oft als Kind gestanden . Ich hatte längst alle Züge davon vergessen , und geradeso sah jetzt Friedrich auf einmal aus . - Ich fror entsetzlich . Da ging die Sonne plötzlich auf und Friedrich nahm mich in beide Arme und preßte mich so fest an seine Brust , daß ich vor Schmerz mit einem lauten Schrei erwachte . « - » Glaubst du an Träume ? « sagte Rosa nach einer Weile in Gedanken zu dem Kammermädchen . Das Mädchen antwortete nicht . » Wo mag nun wohl Marie sein , die Ärmste ? « sagte Rosa unruhig wieder . - Dann stand sie auf und trat ans Fenster . Es war ein Gartenhaus der Gräfin Romana , das sie bewohnte ; der Morgen blitzte unten über den kühlen Garten , weithin übersah man die Stadt mit ihren duftigen Kuppeln , die Luft war frisch und klar . Da warf sie plötzlich alle Schminkbüchschen , die auf dem Fenster standen , heimlich hinaus und zwang sich , zu lächeln , als es das Mädchen bemerkte . - Denselben Tag abends erhielt sie einen Brief von Romana , die wieder seit einiger Zeit auf einem ihrer entferntesten Landgüter im Gebirge sich aufhielt . Es war eine sehr dringende Einladung zu einer Gemsenjagd , die in wenigen Tagen dort gehalten werden sollte . Der Brief bestand nur in wenigen Zeilen und war auffallend verwirrt und seltsam geschrieben , selbst ihre Züge schienen verändert und hatten etwas Fremdes und Verwildertes . Ganz unten stand noch : » Letzthin , als Du auf dem Balle beim Minister warst , war Friedrich unbemerkt auch da und hat Dich gesehen . « - Rosa versank über dieser Stelle in tiefe Gedanken . Sie erinnerte sich aller Umstände jenes Abends auf einmal sehr deutlich , wie sie Friedrich versprochen hatte , ihn zu Hause zu erwarten , und wie er seitdem nicht wieder bei ihr gewesen . Ein Schmerz , wie sie ihn noch nie gefühlt , durchdrang ihre Seele . Sie ging unruhig im Zimmer auf und ab . Sie konnte es endlich nicht länger aushalten , sie wollte alle Mädchenscheu abwerfen , sie wollte Friedrich , auf welche Art es immer sei , noch heute sehn und sprechen . Sie war eben allein , draußen war es schon finster . Mehrere Male nahm sie ihren Mantel um und legte ihn zaudernd wieder hin . Endlich faßte sie ein Herz , schlich unbemerkt aus dem Hause und über die dunklen Gassen fort zu Friedrichs Wohnung . Atemlos mit klopfendem Herzen flog sie die Stiegen hinauf , um , so ganz sein und um alle Welt nichts fragend , an seine Brust zu fallen . Aber das Unglück wollte , daß er eben nicht zu Hause war . Da stand sie im Vorhaus und weinte bitterlich . Mehrere Türen gingen indes im Hause auf und zu , Bediente eilten hin und her über die Gänge . Sie konnte nicht länger weilen , ohne verraten zu werden . Die Furcht , so allein und zu dieser Zeit auf der Gasse erkannt zu werden , trieb sie schnell durch die Gassen zurück , das Gesicht tief in den seidenen Mantel gehüllt . Aber das Geschick war in seiner teuflischen Laune . Als sie eben um eine Ecke bog , stand der Prinz plötzlich vor ihr . Eine Laterne schien ihr gerade ins Gesicht , er hatte sie erkannt . Ohne irgendein Erstaunen zu äußern , bot er ihr den Arm , um sie nach Hause zu begleiten . Sie sagte nichts , sondern hing kraftlos und vernichtet vor Scham an seinem Arm . Er wunderte sich nicht , er lächelte nicht , er fragte um nichts , sondern sprach artig von gewöhnlichen Dingen . - Als sie an ihr Haus kamen , bat er sie scherzend um einen Kuß . Sie willigte verwirrt ein , er umschlang sie heftig und küßte sie zum ersten Male . Eine lange Gestalt stand indes unbemerkt gegenüber an der Mauer und kam plötzlich auf den Prinzen los . Der Prinz , der sich nichts Gutes versah , sprang schnell in ein Nebenhaus und schloß die Tür hinter sich zu . Es war Friedrich , den der Zufall eben hier vorbeigeführt hatte . Sie hatten beide einander nicht erkannt . Er saß noch die halbe Nacht dort auf der Schwelle des Hauses und lauerte auf den unbekannten Gast . Die wildesten Gedanken , wie er sie sein Lebelang nicht gehabt , durchkreuzten seine Seele . Aber der Prinz kam nicht wieder heraus . - Rosa hatte von der ganzen letzten Begebenheit nichts mehr gesehen . - Der Prinz hatte sie überrascht . Noch niemals war er ihr so bescheiden , so gut , so schön und liebenswürdig vorgekommen , und sein Kuß brannte die ganze Nacht verführerisch auf ihren schönen Lippen fort . Es war ein herrlicher Morgen , als Friedrich und Leontin in den ewigen Zwinger der Alpen einritten , wohin auch sie von der Gräfin Romana zur Jagd geladen waren . Als sie um die letzte Bergecke herumkamen , fanden sie schon die Gesellschaft auf einer schönen Wiese zwischen grünen Bergen bunt und schallend zerstreut . Einzelne Gruppen von Pferden und gekoppelten Hunden standen rings in der schönen Wildnis umher , im Hintergrunde erhob sich lustig ein farbiges Zelt . Mitten auf der glänzenden Wiese stand die zauberische Romana in einer grünen Jagdkleidung , sehr geschmückt , fast phantastisch wie eine Waldfee anzusehn . Neben ihr , auf ihre Achsel gelehnt , stand Rosa in männlichen Jagdkleidern und versteckte ihr Gesicht an der Gräfin , da der Prinz eben zu ihr sprach , als sie Friedrich mit ihrem Bruder von der andern Seite ankommen sah . Von allen Seiten vom Gebirge herab bliesen die Jäger auf ihren Hörnern , als bewillkommneten sie die beiden neuangekommenen Gäste . Friedrich hatte Rosa noch nie in dieser Verkleidung