draußen wehen mag ; eingesperrt im dumpfen düstern Kerker bin ich wie du ! « - Da ächzte es im trostlosen Jammer , und immer leiser und unvernehmlicher wurde das Klopfen , bis es endlich ganz schwieg ; der Morgen brach durch das Fenster , die Schlösser rasselten , und der Kerkermeister , den ich die ganze Zeit über nicht gesehen , trat herein . » Man hat « , fing er an , » in dieser Nacht allerlei Lärm in Ihrem Zimmer gehört und lautes Sprechen . Wie ist es damit ? « - » Ich habe die Gewohnheit , « erwiderte ich so ruhig , als es mir nur möglich war , » laut und stark im Schlafe zu reden , und führte ich auch im Wachen Selbstgespräche , so glaube ich , daß mir dies wohl erlaubt sein wird . « - » Wahrscheinlich « , fuhr der Kerkermeister fort , » ist Ihnen bekannt worden , daß jeder Versuch zu entfliehen , jedes Einverständnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird . « - Ich beteuerte , nichts dergleichen hätte ich vor . - Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf zum Kriminalgericht . Nicht der Richter , der mich zuerst vernommen , sondern ein anderer , ziemlich junger Mann , dem ich auf den ersten Blick anmerkte , daß er dem vorigen an Gewandtheit und eindringenden Sinn weit überlegen sein müsse , trat freundlich auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein . Noch steht er mir gar lebendig vor Augen . Er war für seine Jahre ziemlich untersetzt , sein Kopf beinahe haarlos , er trug eine Brille . In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit , daß ich wohl fühlte , gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm schwer widerstehen können . Seine Fragen warf er leicht , beinahe im Konversationston hin , aber sie waren überdacht und so präzis gestellt , daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten . » Ich muß Sie zuvörderst fragen , « so fing er an , » ob alles das , was Sie über Ihren Lebenslauf angegeben haben , wirklich gegründet ist , oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel , den Sie noch erwähnen wollen ? « » Ich habe alles gesagt , was ich über mein einfaches Leben zu sagen wußte . « » Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit Mönchen Umgang gepflogen ? « » Ja , in Krakau ... Danzig ... Frauenburg ... Königsberg . Am letztern Orte mit den Weltgeistlichen , die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt waren . « » Sie haben früher nicht erwähnt , daß Sie auch in Frauenburg gewesen sind ? « » Weil ich es nicht der Mühe wert hielt , eines kurzen , wie mich dünkt , achttägigen Aufenthalts dort auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu erwähnen . « » Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren ? « Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache , und zwar in echt polnischem Dialekt , jedoch ebenfalls ganz leichthin . Ich wurde in der Tat einen Augenblick verwirrt , raffte mich jedoch zusammen , besann mich auf das wenige Polnische , was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte , und antwortete : » Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo . « » Wie hieß dieses Gut ? « » Krcziniewo , das Stammgut meiner Familie . « » Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus . Aufrichtig gesagt , in ziemlich deutschem Dialekt . Wie kommt das ? « » Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch . Ja selbst schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen , die das Polnische von mir erlernen wollten ; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben , wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt und die bessere , eigentümliche darüber vergißt . « Der Richter blickte mich an , ein leises Lächeln flog über sein Gesicht , dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas . Ich unterschied deutlich die Worte : » Sichtlich in Verlegenheit « und wollte mich eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen , als der Richter frug : » Waren Sie niemals in B. ? « » Niemals ! « » Der Weg von Königsberg hieher kann Sie über den Ort geführt haben ? « » Ich habe eine andere Straße eingeschlagen . « » Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen gelernt ? « » Nein ! « Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen Befehl . Bald darauf öffnete sich die Türe , und wie durchbebten mich Schreck und Entsetzen , als ich den Pater Cyrillus eintreten sah . Der Richter frug : » Kennen Sie diesen Mann ? « » Nein ! ... ich habe ihn früher niemals gesehen ! « Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich , dann trat er näher ; er schlug die Hände zusammen und rief laut , indem Tränen ihm aus den Augen gewaltsam hervorquollen : » Medardus , Bruder Medardus ... ! um Christus willen , wie muß ich dich wiederfinden , im Verbrechen teuflisch frevelnd . Bruder Medardus , gehe in dich , bekenne , bereue ... Gottes Langmut ist unendlich ! « - Der Richter schien mit Cyrillus ' Rede unzufrieden , er unterbrach ihn mit der Frage : » Erkennen Sie diesen Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B. ? « » So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit , « erwiderte Cyrillus , » so kann ich nicht anders glauben , als daß dieser Mann , trägt er auch weltliche Kleidung , jener Medardus ist , der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing . Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses , und wenn dieser Mann « ... » Sie bemerken , « unterbrach der Richter den Mönch , sich zu mir wendend , » daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. hält und daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat . Sind Sie nicht dieser Mönch , so wird es Ihnen leicht werden , dies darzutun ; eben daß jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse trägt , - welches Sie , sind Ihre Angaben richtig , nicht haben können - gibt Ihnen die beste Gelegenheit dazu . Entblößen Sie Ihren Hals . « - » Es bedarf dessen nicht , « erwiderte ich gefaßt , » ein besonderes Verhängnis scheint mir die treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten , mir gänzlich unbekannten Mönch Medardus gegeben zu haben , denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken Seite des Halses . « - Es war dem wirklich so , jene Verwundung am Halse , die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte , hatte eine rote , kreuzförmige Narbe hinterlassen , die die Zeit nicht vertilgen konnte . » Entblößen Sie Ihren Hals « , wiederholte der Richter . - Ich tat es , da schrie Cyrillus laut : » Heilige Mutter Gottes , es ist es , es ist das rote Kreuzzeichen ! ... Medardus ... Ach , Bruder Medardus , hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil ? « - Weinend und halb ohnmächtig sank er in einen Stuhl . » Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen Geistlichen ? « frug der Richter . In dem Augenblick durchfuhr es mich wie eine Blitzesflamme : alle Verzagtheit , die mich zu übermannen drohte , war von mir gewichen , ach , es war der Widersacher selbst , der mir zuflüsterte : » Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist ? ... Soll Aurelie denn nicht dein werden ? « - Ich fuhr heraus beinahe in wildem , höhnendem Trotz : » Dieser Mönch da , der ohnmächtig im Stuhle liegt , ist ein schwachsinniger , blöder Greis , der in toller Einbildung mich für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält , von dem ich vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit trage . « - Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben , ohne Blick und Ton zu ändern ; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum finstern , durchbohrenden Ernst , er stand auf und blickte mir scharf ins Auge . Ich muß gestehen , selbst das Funkeln seiner Gläser hatte für mich etwas Unerträgliches , Entsetzliches , ich konnte nicht weiter reden ; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt , die geballte Faust vor der Stirn , schrie ich laut auf : » Aurelie ! « - » Was soll das , was bedeutet der Name ? « frug der Richter heftig . - » Ein dunkles Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode , « sagte ich dumpf , » aber ich bin unschuldig , gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen Sie mich ... haben Sie Mitleiden ... ich fühle es , daß Wahnsinn mir durch Nerv und Adern zu toben beginnt ... entlassen Sie mich ! « - Der Richter , wieder ganz ruhig geworden , diktierte dem Protokollführer vieles , was ich nicht verstand , endlich las er mir eine Verhandlung vor , worin alles , was er gefragt und was ich geantwortet sowie was sich mit Cyrillus zugetragen hatte , verzeichnet war . Ich mußte meinen Namen unterschreiben , dann forderte mich der Richter auf , irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen , ich tat es . Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus , der sich unterdessen wieder erholt hatte , mit der Frage in die Hände : » Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand , die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb ? « - » Es ist ganz genau seine Hand , bis auf die kleinsten Eigentümlichkeiten « , erwiderte Cyrillus und wandte sich wieder zu mir . Er wollte sprechen , ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe . Der Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch , dann stand er auf , trat dicht vor mir hin und sagte mit sehr ernstem , entscheidendem Ton : » Sie sind kein Pole . Diese Schrift ist durchaus unrichtig , voller grammatischer und orthographischer Fehler . Kein Nationalpole schreibt so , wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet , als Sie es sind . « » Ich bin in Krcziniewo geboren , folglich allerdings ein Pole . Selbst aber in dem Fall , daß ich es nicht wäre , daß geheimnisvolle Umstände mich zwängen , Stand und Namen zu verleugnen , so würde ich deshalb doch nicht der Kapuziner Medardus sein dürfen , der aus dem Kloster in B. , wie ich glauben muß , entsprang . « » Ach , Bruder Medardus , « fiel Cyrillus ein , » schickte dich unser ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und Frömmigkeit nach Rom ? ... Bruder Medardus ! um Christus willen , verleugne nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand , dem du entronnen . « » Ich bitte Sie , uns nicht zu unterbrechen « , sagte der Richter und fuhr dann , sich zu mir wendend , fort : » Ich muß Ihnen bemerklich machen , wie die unverdächtige Aussage dieses ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt , daß Sie wirklich der Medardus sind , für den man Sie hält . Nicht verhehlen mag ich auch , daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird , die Sie für jenen Mönch unzweifelhaft erkannt haben . Unter diesen Personen befindet sich eine , die Sie , treffen die Vermutungen ein , schwer fürchten müssen . Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden , was den Verdacht wider Sie unterstützt . Endlich werden bald die Nachrichten über Ihre vorgebliche Familienumstände eingehen , um die man die Gerichte in Posen ersucht hat ... Alles dieses sage ich Ihnen offner , als es mein Amt gebietet , damit Sie sich überzeugen , wie wenig ich auf irgend einen Kunstgriff rechne , Sie , haben jene Vermutungen Grund , zum Geständnis der Wahrheit zu bringen . Bereiten Sie sich vor , wie Sie wollen ; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus , so glauben Sie , daß der Blick des Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen wird ; Sie werden dann auch selbst sehr genau wissen , welcher Verbrechen man Sie anklagt . Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynski sein , für den Sie sich ausgeben , und ein besonderes Spiel der Natur Sie , selbst rücksichts besonderer Abzeichen , jenem Medardus ähnlich gemacht haben , so werden Sie selbst leicht Mittel finden , dies klar nachzuweisen . Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande , schon deshalb brach ich die Verhandlung ab , indessen wollte ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken . Nach dem , was heute geschehen , kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen . « » Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch ? ... Sie sehen in mir den verlaufenen Mönch Medardus ? « - So frug ich ; der Richter sagte mit einer leichten Verbeugung : » Adieu , Herr von Krczynski ! « und man brachte mich in den Kerker zurück . Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende Stacheln . Alles , was ich vorgegeben , kam mir seicht und abgeschmackt vor . Daß die Person , der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu fürchten haben sollte , Aurelie sein mußte , war nur zu klar . Wie sollt ' ich das ertragen ! Ich dachte nach , was unter meinen Sachen wohl verdächtig sein könne , da fiel es mir schwer aufs Herz , daß ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besaß sowie daß Viktorins Felleisen , das ich auf meiner Flucht mit mir genommen , noch mit dem Kapuzinerstrick zugeschnürt war ! - Ich hielt mich für verloren ! - Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab . Da war es , als flüsterte , als zischte es mir in die Ohren : » Du Tor , was verzagst du ? denkst du nicht an Viktorin ? « - Laut rief ich : » Ha ! nicht verloren , gewonnen ist das Spiel . « Es arbeitete und kochte in meinem Innern ! - Schon früher hatte ich daran gedacht , daß unter Euphemiens Papieren sich wohl etwas gefunden haben müsse , was auf Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Mönch hindeute . Darauf mich stützend , wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin , ja selbst mit dem Medardus , für den man mich hielt , vorgeben ; jenes Abenteuer auf dem Schlosse , das so fürchterlich endete , als von Hörensagen erzählen und mich selbst , meine Ähnlichkeit mit jenen beiden , auf unschädliche Weise geschickt hinein verflechten . Der kleinste Umstand mußte reiflich erwogen werden ; aufzuschreiben beschloß ich daher den Roman , der mich retten sollte ! - Man bewilligte mir die Schreibmaterialien , die ich forderte , um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand meines Lebens zu erörtern . Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein ; im Schreiben erhitzte sich meine Phantasie , alles formte sich wie eine geründete Dichtung , und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lügen , womit ich dem Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte . Die Burgglocke hatte zwölfe geschlagen , als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen ließ , das mich gestern so verstört hatte . - Ich wollte darauf nicht achten , aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlägen , und dabei fing es wieder an , dazwischen zu lachen und zu ächzen . - Stark auf dem Tisch schlagend , rief ich laut : » Still ihr da drunten ! « und glaubte mich so von dem Grauen , das mich befing , zu ermutigen ; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe und stammelte : » Brü-der-lein , Brü-der-lein ... zu dir her-auf ... herauf ... ma-mach auf ... mach auf ! « - Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu schaben , zu rasseln und zu kratzen , und immer wieder lachte es und ächzte ; stärker und immer stärker wurde das Geräusch , das Rasseln , das Kratzen - dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen . - Ich war aufgestanden , mit der Lampe in der Hand . Da rührte es sich unter meinem Fuß , ich schritt weiter und sah , wie an der Stelle , wo ich gestanden , sich ein Stein des Pflasters losbröckelte . Ich erfaßte ihn und hob ihn mit leichter Mühe vollends heraus . Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung , ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen . Von tiefem Entsetzen durchschauert , bebte ich zurück . Da stammelte es von unten herauf : » Brü-der-lein ! Brü-der-lein , Me-dar-dus ist da-da , herauf ... nimm , nimm ! ... brich ... brich ... in den Wa-Wald ... in den Wald ! « - Schnell dachte ich Flucht und Rettung ; alles Grauen überwunden , ergriff ich das Messer , das die Hand mir willig ließ und fing an , den Mörtel zwischen den Steinen des Fußbodens emsig wegzubrechen . Der , der unten war , drückte wacker herauf . Vier , fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert , da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem , entsetzlichem Gelächter . Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht - ich erkannte mich selbst - mir vergingen die Sinne . - Ein empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht ! - Hell war es um mich her , der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir , Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das Gewölbe . Man war beschäftigt , mich in Fesseln zu schmieden . Außer den Hand - und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt . » Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen , an das Durchbrechen zu denken « , sagte der Kerkermeister . - » Was hat denn der Kerl eigentlich getan ? « frug ein Schmiedeknecht . » Ei , « erwiderte der Kerkermeister , » weißt du denn das nicht , Jost ? ... die ganze Stadt ist ja davon voll . ' s ist ein verfluchter Kapuziner , der drei Menschen ermordet hat . Sie haben ' s schon ganz heraus . In wenigen Tagen haben wir große Gala , da werden die Räder spielen . « - Ich hörte nichts mehr , denn aufs neue entschwanden mir Sinn und Gedanken . Nur mühsam erholte ich mich aus der Betäubung , finster blieb es , endlich brachen einige matte Streiflichter des Tages herein in das niedrige , kaum sechs Fuß hohe Gewölbe , in das , wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm , man mich aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte . Mich dürstete , ich griff nach dem Wasserkruge , der neben mir stand , feucht und kalt schlüpfte es mir durch die Hand , ich sah eine aufgedunsene scheußliche Kröte schwerfällig davonhüpfen . Voll Ekel und Abscheu ließ ich den Krug fahren . » Aurelie ! « stöhnte ich auf in dem Gefühl des namenlosen Elends , das nun über mich hereingebrochen . » Und darum das armselige Leugnen und Lügen vor Gericht ? - alle gleißnerischen Künste des teuflischen Heuchlers ? - darum , um ein zerrissenes , qualvolles Leben einige Stunden länger zu fristen ? Was willst du , Wahnsinniger ! Aurelien besitzen , die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte ? - Denn immerdar , lügst du auch der Welt deine Unschuld vor , würde sie in dir Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen . Elender , wahnwitziger Tor , wo sind nun deine hochfliegenden Pläne , der Glaube an deine überirdische Macht , womit du das Schicksal selbst nach Willkür zu lenken wähntest ; nicht zu töten vermagst du den Wurm , der an deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt , schmachvoll verderben wirst du in trostlosem Jammer , wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner schont . « So , laut klagend , warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem Augenblick einen Druck auf der Brust , der von einem harten Körper in der Busentasche meiner Weste herzurühren schien . Ich faßte hinein und zog ein kleines Messer hervor . Nie hatte ich , so lange ich im Kerker war , ein Messer bei mir getragen , es mußte daher dasselbe sein , das mir mein gespenstisches Ebenbild herauf gereicht hatte . Mühsam stand ich auf und hielt das Messer in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl . Ich erblickte das silberne blinkende Heft . Unerforschliches Verhängnis ! es war dasselbe Messer , womit ich Hermogen getötet und das ich seit einigen Wochen vermißt hatte . Aber nun ging plötzlich in meinem Innern , wunderbar leuchtend , Trost und Rettung von der Schmach auf . Die unbegreifliche Art , wie ich das Messer erhalten , war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht , wie ich meine Verbrechen büßen , wie ich im Tode Aurelien versöhnen solle . Wie ein göttlicher Strahl im reinen Feuer , durchglühte mich nun die Liebe zu Aurelien , jede sündliche Begierde war von mir gewichen . Es war mir , als sähe ich sie selbst , wie damals , als sie am Beichtstuhl in der Kirche des Kapuzinerklosters erschien . » Wohl liebe ich dich , Medardus , aber du verstandest mich nicht ! ... meine Liebe ist der Tod ! « - so umsäuselte und umflüsterte mich Aureliens Stimme , und fest stand mein Entschluß , dem Richter frei die merkwürdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen und dann mir den Tod zu geben . Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen , als ich sonst zu erhalten pflegte , sowie eine Flasche Wein . - » Vom Fürsten so befohlen « , sprach er , indem er den Tisch , den ihm sein Knecht nachtrug , deckte und die Kette , die mich an die Wand fesselte , losschloß . Ich bat ihn , dem Richter zu sagen , daß ich vernommen zu werden wünsche , weil ich vieles zu eröffnen hätte , was mir schwer auf dem Herzen liege . Er versprach , meinen Auftrag auszurichten , indessen wartete ich vergebens , daß man mich zum Verhör abholen solle ; niemand ließ sich mehr sehen , bis der Knecht , als es schon ganz finster worden , hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe anzündete . In meinem Innern war ich ruhiger als jemals , doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf . Da wurde ich in einen langen , düstern , gewölbten Saal geführt , in dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte , die der Wand entlang auf hohen Stühlen saßen . Vor ihnen , an einem mit blutroter Decke behangenen Tisch saß der Richter und neben ihm ein Dominikaner im Ordenshabit . » Du bist jetzt « , sprach der Richter mit feierlich erhabener Stimme , » dem geistlichen Gericht übergeben , da du , verstockter , freveliger Mönch , vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast . Franziskus , mit dem Klosternamen Medardus genannt , sprich , welcher Verbrechen bist du beziehen worden ? « - Ich wollte alles , was ich je Sündhaftes und Freveliges begangen , offen eingestehen , aber zu meinem Entsetzen war das , was ich sprach , durchaus nicht das , was ich dachte und sagen wollte . Statt des ernsten , reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte , unzusammenhängende Reden . Da sagte der Dominikaner , riesengroß vor mir dastehend und mit gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend : » Auf die Folter mit dir , du halsstarriger , verstockter Mönch ! « Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach mir aus und riefen in heiseren grausigem Einklang : » Auf die Folter mit ihm ! « Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen , aber der Arm fuhr unwillkürlich herauf ; ich traf den Hals , und am Zeichen des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben , ohne mich zu verwunden . Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewölbe . Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach . Noch einmal forderte mich dieser auf , zu gestehen . Nochmals strengte ich mich an , aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke . - Reuevoll , zerknirscht von tiefer Schmach , bekannte ich im Innern alles - abgeschmackt , verwirrt , sinnlos war , was der Mund ausstieß . Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus , schnürten mir beide Arme über den Rücken zusammen , und hinaufgewunden fühlte ich , wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten . In heillosem , wütendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte . Der Schmerz an den Händen und Füßen dauerte fort , er rührte von den schweren Ketten her , die ich trug , doch empfand ich noch außerdem einen Druck über den Augen , die ich nicht aufzuschlagen vermochte . Endlich war es , als würde plötzlich eine Last mir von der Stirn genommen , ich richtete mich schnell empor , ein Dominikanermönch stand vor meinem Strohlager . Mein Traum trat in das Leben , eiskalt rieselte es mir durch die Adern . Unbeweglich wie eine Bildsäule , mit übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen . Ich erkannte den gräßlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück . - Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne ? Ich ermannte mich , ich richtete mich auf , aber unbeweglich stand der Mönch und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen . Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung : » Entsetzlicher Mensch ... hebe dich weg ! ... Nein ! ... Kein Mensch , du bist der Widersacher selbst , der mich stürzen will in ewige Verderbnis ... hebe dich weg , Verruchter ! hebe dich weg ! « - » Armer , kurzsichtiger Tor , ich bin nicht der , der dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden ! - der dich abwendig machen will dem heiligen Werk , zu dem dich die ewige Macht berief . - Medardus ! - armer , kurzsichtiger Tor ! - schreckbar , grauenvoll bin ich dir erschienen , wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest . Ich warnte dich , aber du hast mich nicht verstanden ! Auf ! nähere dich mir ! « Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen , herzzerschneidendsten Klage ; sein Blick , mir sonst so fürchterlich , war sanft und milde worden , Mensch , du bist der Widersacher selbst , der mich weicher die Form seines Gesichts . Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes ; wie ein Gesandter der ewigen Macht , mich aufzurichten , mich zu trösten im endlosen Elend , erschien mir der sonst so schreckliche Maler . - Ich stand auf vom Lager , ich trat ihm nahe , es war kein Phantom , ich berührte sein Kleid ; ich kniete unwillkürlich nieder , er legte die Hand auf mein Haupt , wie mich segnend . Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf . - Ach ! ich war in dem heiligen Walde ! - ja , es war derselbe Platz , wo in früher Kindheit der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte . Ich wollte fortschreiten , ich wollte hinein in die Kirche , die ich dicht vor mir erblickte . Dort sollte ich ( so war es mir ) büßend und bereuend Ablaß erhalten von schwerer Sünde . Aber ich blieb regungslos - mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen , nicht erfassen . Da sprach eine dumpfe , hohle Stimme : » Der Gedanke ist die Tat ! « - Die Träume verschwebten ; es war der Maler , der jene Worte gesprochen . » Unbegreifliches Wesen , warst du es denn selbst ? an jenem unglücklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu B. ? in der Reichsstadt , und nun ? « - » Halt ein , « unterbrach mich der Maler , » ich war es , der überall dir nahe war , um dich zu retten von Verderben und Schmach , aber dein Sinn blieb verschlossen ! Das Werk , zu dem du erkoren , mußt du vollbringen zu deinem eignen Heil . « - » Ach , « rief ich voll Verzweiflung , » warum hieltst du nicht meinen Arm zurück , als ich in verruchtem Frevel jenen Jüngling ... « » Das war mir nicht vergönnt , « fiel der Maler ein , » frage nicht weiter ! vermessen ist es , vorgreifen zu wollen dem , was die ewige Macht beschlossen ... Medardus ! du gehst deinem Ziel entgegen ... morgen ! « - Ich erbebte in eiskaltem Schauer , denn ich glaubte den Maler ganz zu verstehen . Er wußte und billigte den beschlossenen Selbstmord . Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers . » Wann , wann sehe ich dich