erinnerte auch die Gräfin gähnend , daß es spät sei . » ... wirklich ist es auch heute zu spät , der schönen Gräfin noch meine Schäfer-Odyssee vorzulesen . Der schöne gewogene Takt meiner Hexameter brächte sie ganz zum Schlafe ; es sind die besten , die je in deutscher Sprache verfaßt worden . Ich habe ein eigenes Ohr dafür , selbst Voß hat mir längst den Preis zuerkannt ; kraft sechzig destillierter Eierschnäpse bin ich hinter das Geheimnis dieses Pfiffes gekommen . Sie glauben nicht , wie unterhaltend die Reise des Schäfers durch Spanien , Frankreich und Deutschland , wie lächerlich er alles in seiner Einfalt faßt , wie wunderlich er sein Haus wiederfindet , wo unterdessen der Feind gehaust . « - Mit diesen Worten ging er zur Türe , blickte aber noch einmal mit seinen verdrehten Augen zurück , und sagte : » Ein Glas Punsch hätte ich gerne getrunken . « - » Lieber Waller « , antwortete der Graf , » warum sagten Sie das nicht zur gehörigen Zeit , jetzt schlafen alle meine Leute . « - » Nun , es schadet auch nichts weiter « , rief er , und ging fort . Der Graf konnte sich doch nicht enthalten , auszurufen , als er bedachte , wie viel der Mensch so bedeutsam geallerleit und doch so gar nichts gegeben : dieser sei eigentlich kein Phantast , sondern ein Faselant , der mit einer ganzen Möbelkammer alter Phantasien herum hausiere . Zweiundzwanzigstes Kapitel Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches Verlöbnis Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt ; Waller hatte seine Frau , als er sie zum Frühstücke erwecken wollte , tot gefunden , und lag seitdem in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette . Der Graf scheute sich erst , seinem tiefen Schmerze zu begegnen , nur die Zeit vermag für jeden wirklichen Verlust zu trösten ; bald wurde er aber von den schönen Elegien angezogen , die den Lippen des Unglücklichen entströmten ; da fehlte keine Silbe in den Versen , trotz der schreckenvollen Erscheinungen , die sie ausdrückten . Leicht ließ er sich überreden , was er vorher durchaus nicht zugeben wollte , daß der entseelte Körper in ein andres Zimmer gebracht würde , nachdem der Graf ihm versichert , daß die Ausdünstung der Toten die Lebenden nachzöge . Noch bestrich er dreimal eine Warze über seinem Auge mit der kalten Hand der Toten , daß sie ihm noch einen Liebesdienst erweise ; dann überließ er sie den fremden Gewalten , und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nächsten evangelischen Geistlichen zu sich . Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses getragen , denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen . Die Kinder blieben in fürchterlichem Weinen bei dem Grafen , der in die angefangene Zeichnung der Gegend schaute , die halb von der Verstorbenen ausgewischt war ; die Semmelkrumen lagen noch umher . Es war ihm heilig , dieses Bild , als der letzte Lichtfunken eines schönen Malertalentes ; er ließ alles an derselben Stelle liegen , und führte die beiden Kinder in seinen Garten . Nichts war im Stande , sie zu trösten , der Strom der Tränen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuüben , kein Geschenk sie zu erfreuen ; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu einer Angelbank zu führen . Dies Geschäft war ihnen ganz neu ; das Suchen der Regenwürmer , das Aufstecken , das Warten auf die Bewegung des schwimmenden Federkieles , zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar , daß sie ausgelassen lustig wurden - wie leicht trösten sich Kinder um ihre Eltern . In dieser Beschäftigung erhielt er sie den Vormittag , dann ging er mit ihnen zurück , ohne daß sich ihre gute Laune gemindert hätte . Der Graf trat in das Zimmer , wo Waller auf dem Bette lag ; der Prediger Frank und drei schöne Landmädchen , die Töchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nähe , standen umher und hörten mit Tränen seinen Schwärmereien zu . Waller begrüßte die drei Mädchen in recht anmutigen Versen als die drei Grazien , die gekommen wären , ihn für den Verlust der Geliebten zu trösten . Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glück , beschrieb seine künftige Einsamkeit , seine verlassenen Kinder ; dann glaubte er die Stimme seiner verstorbenen Frau zu hören , er wiederholte schauerlich ihre einzelnen gebrochenen Worte , die ihm geboten , die Hand der Schönsten von den drei Mädchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken , sie könne , sie würde ihn trösten ; ihr zeichnete er ein reizendes Künstlerleben vor . Der Graf glaubte , es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau gewesen , um so mehr staunte er , als die drei Mädchen ganz bleich das Zimmer verließen und die Erwählte den Grafen ängstlich bat , als er sie zum Hause hinaus begleitete , er möchte ihm den Ring zustellen , und ihm sagen , daß sie ihn sehr hochachte , daß sie ihn aber unmöglich heiraten könne , denn dazu gehöre doch mehr ; daß sie von je , seit er in diesem Hause gewohnt , seine unglückliche Frau bedauert , die er mit seinem Unsinn zu Tode gequält , und daß sie jedem Mädchen von einer Heirat mit ihm abraten würde . Mit diesen Worten verließen die entschlossenen Landmädchen das Haus und der Prediger Frank , der neben dem Grafen stand , lachte aus vollem Halse . » Ich bin in Geschäften hier , Herr Graf « , sagte er , » also nicht gegen Ihren Befehl , aber ich hätte nicht erwartet , mein Geschäft so reichlich bezahlt zu sehen . « - Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener Beleidigungen am Hochzeitabend , die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm gesprochen . » Heute « , fuhr Frank fort , » sollen Sie noch ganz andre Erfahrungen über den Dichtercharakter machen ; bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den Gruß der Mädchen . « - Der Graf trat ein und berichtete mit möglicher Vorsorge in vollkommener Treue . Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen , er fragte die anwesende Gräfin , was er getan ; er verwunderte sich , als ihm die Verlobung erzählt wurde , lächelte , sagte , es sei eine schöne milde Täuschung seiner Sinne gewesen ; sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend : Willst du nicht den Ring bewahren , Den die Freundin lange trug , Der geschmückt mit ihren Haaren ; Nahmst du ihn aus bloßem Trug ? Schickest ihn mit klaren Sinnen Und mit ernstem Wort zurück ! Kann ich mich doch nicht besinnen , Was ich dacht in deinem Blick , Tröstend ist es mir gewesen , Was ich damals zu dir sprach , Denn ich bin davon genesen Und ich war vorher so schwach . Warum willst du nicht behalten , Was ich gern im Traum verlor , Kann ich doch nichts fester halten , Denn ich bin und bleib ein Tor . Nimm statt eines , beide Ringe , Daß ich nicht mein Unglück seh , Halt mich nicht so ganz geringe , Daß ich dich mit List umgeh . Alles Glück hab ich empfunden , Mit der Liebsten schwand es hin . Immer bluten meine Wunden , Bis ich ganz verblutet bin . Glück soll dir die Hände bieten , Unglück brächte meine Hand , Denn gefallen sind die Blüten , Und ich bin vom Schmerz verbrannt . Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei , und bat den Grafen dringend sie fortzusenden ; dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lächerlich , daß alle sich auf die Lippen beißen und das Zimmer verlassen mußten . Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung über den wunderlichen Menschen an . Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zurückgeschreckt ; die Gräfin fand darin viel Rührendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen , um es in dem ewigen Spiritus seines unverwüstlichen Gedächtnisses aufzubewahren . - FRANK : » Ich glaube , wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt ; ein Dichter von der Art wie Waller erlebt selten etwas , wovon sein Buchhändler nicht auch Vorteil oder Schaden hätte . « GRÄFIN : » Ich fürchte immer noch , er tut sich ein Leides an ; sein Zustand war nicht natürlich , er war heftig und schrecklich , mehr als ein Mensch ertragen mag . « FRANK : » Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen , wie viel wunderliche Falten auf der Backe , über den Augen ; ich kenne Wallern ; in einer Tragödie , die er liest , macht er zehnfach ärgere Gesichter noch , als er heute um seine Frau angelegt , ob er gleich mit jedem , der ins Zimmer trat , noch eine Falte aufzog , noch ein Stück Holz in sein Trauerfeuer legte . « GRAF : » Sie haben recht , das ist mir ganz verhaßt , daß er mit keinem ein daurendes wahres Verhältnis ungestört durch die Gegenwart anderer bewahrt ; aber während er noch vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach , ward dieselbe Sache ihm gleich zum Spotte , wenn z.B. meine Frau hereintrat . « FRANK : » Sehen Sie , Herr Graf , das ist eine Eigentümlichkeit des Künstlercharakters , vieles Traurige und Lustige , Ernst und Spaß wie eine Schimäre zusammen zu denken . Die Frauen sind zufrieden , wenn man ihnen nur etwas zu tun macht , sie mit Hülfe und Mitleid anstrengt . « GRÄFIN : » Nicht zu allgemein . « FRANK : » Das Pflegen eines ausgezeichneten Menschen , der sich leidend stellt , setzt die Frauen in eine gewisse Autorität gegen ihn . « GRÄFIN : » Ich kann keinen Kranken pflegen und wär er mein eigener Mann . Nicht wahr , Karl , das hast du erfahren , als du ein paar Tage nicht wohl warst ? Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhaßt . « GRAF : » Du hast recht . Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen . « FRANK : » Und doch waren Sie so allseitig um den großen Dichter beschäftigt ; es ist unglaublich , wie ein großer Name wirkt ; denn aufrichtig gesprochen , haben Sie etwas anders von ihm vernommen als Unsinn ? « GRAF : » Nein , mein Herr Prediger , viel Schönes hat er uns vorgetragen , aber freilich in einer Art , die sich unter einander vernichtet , wie jene zwei Löwen , die sich so lange bissen , daß endlich nichts als die beiden Schwänze übrig blieben . « FRANK : » Sehr wahr , und das ist wieder Künstlercharakter ; dieses Hetzen in sich , dieses ewige Kritisieren , das in aller Berührung mit der Welt durchaus tötet und nie belebt , jedes Spiel verdirbt , jeden frohen Gesang ängstiget , ob er auch an seiner Stelle . So wirkt die frische Literatur , wie die frischen Zeitungen gar böse auf die Augen ; ein junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit , einer ganzen Gesellschaft alle eigenen gewohnten Straßen der Fröhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen sogenannter Laune , Phantasie , Humors , Witzes und Genies zu verleiden , indem er sich wie ein Fallsüchtiger quer drein legt . « GRAF : » Da müssen wir ja die Künstler absondern von aller Gesellschaft , wie der ägyptische König die dreißig Kinder in eine Wüste verpflanzte , damit sie die Ursprache erfänden . « FRANK : » Ja wohl , lieber Graf , wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht , die Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen , Tonkünstler leicht taub werden , und mit diesen Krankheiten alle die anstecken , die in ihren Werkstätten hausen , so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit , die sie sich zu ihrer Werkstatt erlesen , und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze Welt und denken nicht daran , daß ihnen nachher keine Leser übrig bleiben . « GRÄFIN : » Sie wissen , ich sage meine Meinung . Sie sind ein Verstandesmensch , Sie wissen nicht , was Begeisterung sei , wie ein Mensch darin im Augenblick über alle erhaben die Welt überschaut , wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken ; muß er da nicht hart sein gegen die , welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben sich nicht erfreuen ? « FRANK : » Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten etwas dargestellt ? « GRÄFIN : » Nein , ich wagte es nie , die Worte waren mir immer entfernter als Musik und Zeichnung . « FRANK : » Nun kann ich es mir erklären , wie Sie Dichter für so ganz besondre Menschen halten . Erst in eigner Übung lernt man bei aller Kunst das Übereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem Streben erkennen ; wie die Körper nur flüssig auf einander wirken , so bedarf das Geisterreich einer vieljährigen lösenden Wärme , ehe es seine edlen Metalle in einem Geiste niederschlägt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen zur Bewunderung herstellt . Ob einer unter Büchern , oder auf einsamer Heide , oder in sich verschlossen unter einer Menschenmenge , dieser Sehnsucht seines ganzen Herzens nachhängt , das kommt auf eins : dieses sind die wahren Dichter ; jene aber , die , wie Waller , auf halbem Wege stehen bleiben , möchten ohne eine Sehnsucht nach dem Herrlichsten , diese heilige Gabe immerdar empfangen , und so wird jede Torheit , die ihnen durch den Kopf geht , als eine heilige Gabe von ihnen geachtet und ausgeschrieen . Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer Torheit ein , so ist es ein ewiges Rühren und Erquicken zwischen der mittelmäßigen Welt und den mittelmäßigen Dichtern . « GRÄFIN : » Denken Sie auch , was Sie mir darin sagen . « FRANK : » Ich darf es sagen , denn Sie denken eigentlich höher und tiefer , aber Ihr guter Glaube , Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige Urteil über Waller . « Die Gräfin stellte sich ärgerlicher , als sie war ; sie ging zu Waller , der gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte . Der Schlaf schien den Mann verwandelt zu haben ; während er mit großer Begierde aß und trank , ließ er schon seiner ganzen Lustigkeit den Zügel . Die Kinder mußten ihm ein Puppenspiel bringen , das er von einem Freunde , dem Puppenspieler Rubald , zum Geschenke erhalten hatte , nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen . » Ein großer wunderlicher Kerl « , so beschrieb ihn Waller , » in allen Weltteilen hatte er schon gefochten und mit Puppen gespielt ; er zeigte mir einmal seine Brust , da war jede Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert , die er mitgemacht ; keinen andern Orden hatte er bewahrt . Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen um den Hals , das hatte er dem Hinterfuß vom Pferde seines eignen fliehenden Feldherren , um ihn aufzuhalten , abgerissen , und war dabei mehrere Schritte weit halb tot fortgeschleift worden . Er hatte einen törichten Haß gegen die Juden ; vergebens stellte ich ihm oft vor , daß sich die Juden in unsrer Zeit in jeder Tugend , in jedem Talente bewährt hätten ; noch sein letztes Stück war zum Teil gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet , die sich in der Art , wie sonst reiche adlige Häuser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Fürsten aufgelehnt hatte , nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden . « - Alle baten , er möchte das Stück geben , denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren ehemaligen Fürsten , den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen . Waller hatte das ganze Stück und war bereit es aufzuführen . Sein Theater wurde hinter einer Türe aufgeschlagen ; jeder half dabei , was er konnte , und die meisten standen dabei im Wege . Am Abend , als Licht angezündet wurde , war der geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt . Nach einer kurzen Musik , die er mit Händen und Füßen und dem Mundwaldhorne klapperte und brummte , erhob sich der Vorhang , und die Zuschauer sahen den großen Kopf des Waller , der das Theater fast füllte , durch Schminke und Schwärze lächerlich charakterisiert . Dreiundzwanzigstes Kapitel Übersicht der Tragikomödie von dem Fürstenhause und der Judenfamilie Prolog des Dichterkopfes Was ist für Freude noch bei großen Bühnen , Da ist nichts Lust ' ges mehr , kein wild Erkühnen , Auch ich war einst dabei , hab mitgemacht , Und hab in Jahren nicht dabei gelacht . Die guten alten Spieler werden schwach , Und ach das junge Volk wächst schwächlich nach , Was kann die Welt für Lust an Kindern haben ? Es dankt das Publikum für künftige Gaben , Will Fert ' ges sehn ; was sich erst bilden soll , Das mache kein Geschrei , sonst heißt es toll . Den Kindern springt die Quint , wie ich ' s gehört , Das Publikum ward ganz von Haß betört , Es pocht , es lärmt , und keiner schien mehr recht , Es flohn die Schauspielleut aus dem Gefecht . Da nahm ich nun mein Tuch , macht einen Knoten , Und hab ein Kinderspiel dem Volk geboten , Und wackelte damit und ließ es tanzen , Ich ward vergnügt und es gefiel im ganzen . Ich nahm das Buch recht wie ein Kind in Lehre , Als ob ' s das Publikum , das edle wäre , Und fragt es aus , wie es uns möchte haben ? Da sprach ' s so viel von hohen Künstlergaben , Doch wußt es nicht , wo die zu Kaufe waren ; Da mußte ich es billig drin belehren : » Die Kunst ist frei , sie brauchet viel Theater , Das eine bild das Kind , dies zeig den Vater , Wenn jenes reif , da tret es hier erst ein ! Doch weil für jetzt dies Schauspielhaus allein , So müßt ihr auch den Schülern gnädig sein . « Auf dieses Wort folgt Klatschen allgemein , Ei dachte ich , und konnt es gar nicht fassen , Dies Schnupftuch kann jetzt mehr , als Künstler spaßen ; Die Künstler sind zum Spaß zu vornehm worden , Und doch nicht groß genug zum trag ' schen Morden . Ich ging davon und machte kleine Puppen ; Viel hatt ich nicht zu brocken in die Suppen , Doch essen auch nicht viel die kleinen Leut , Sie sind zu jeder Rolle stets bereit , Um Kleider ist kein Streit , auch nicht um Tugend , Auch nicht um Liebhaber , auch nicht um Jugend . Sie sind so alt , wie ich sie eben brauch , Die weißgenasten häng ich in den Rauch . Mein Kopf füllt mein Theater ganz allein ; Sind meine Menschen gegen mich nur klein , So bin ich darum wahrlich groß zu nennen , Kann sie verbinden , und sie trennen , Nach Eigensinn und nach Verstand , Und bin ein rechter Gott in diesem Land ; Weiß ich nichts mehr aus meinem Kopf zu sagen , So brauchen sie nur tüchtig sich zu schlagen , Und weil mein Kasperl trefflich Tritte gibt , So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt , Ein jeder lacht , ein jeder gibt sein Geld , Jetzt ist mein Kasperl hier der größte Held . Kasperl kuckt bei diesen Worten neugierig in ein Fenster , wo eine ansehnliche Judenfamilie unter versetzten Sachen bei einem Gewitter kauert . Sie glauben der Messias komme , worüber die Tochter Rachel hochmütig lächelt ; aber nun springt Kasperl herein , alle erschrecken und die ohnmächtige Tochter bittet um ein Zuckererbschen aus dem silbernen Büchschen ; Kasperl gibt ihr einen Nasenstüber und gibt sich für den Messias aus . Der Jude frägt , woran er ihn dafür erkennen soll ; Kasperl gibt ihm Tritte wegen seines Unglaubens , der alten Jüdin einen Kuß und so glauben alle an ihn . Er wird ungemein mit Räucherungen geehrt , nimmt ihnen aber das Opferfleisch vor der Nase weg , und sagt ihnen , das sei also die neue Mode im Himmel . Nachdem er gut gegessen , will er zu Bette ; der alten Jüdin sagt er heimlich , er wolle sie heiraten , und dem jungen Mädchen gleichfalls . Sie geben ihm ein großes Bette , da erschrickt er über die Decke , worauf das fürstliche Wappen gestickt ; er ruft alle herein , wie sie dazu gekommen . Sie sagen , das müsse er in seiner Allwissenheit auch wohl wissen , daß sie es im Versatz hätten . Er sagt , daß er nur der Ordnung wegen gefragt , und schickt sie wieder fort . Nun hebt er einen Judenschlafrock auf , dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist ; er fängt die Cymbeln an zu bewegen , alle laufen zusammen und fragen nach der Neuigkeit . Er sagt ihnen , es sei bloß der Wachsamkeit wegen ; sie gehen ärgerlich ab . Nun besieht er seine Leibwäsche , die er ausgezogen und die voll Löcher , und zieht ein Judenhemde an , das voll Flicken , den Schlafrock mit den Cymbeln drüber , und so geht er fort aus dem Fenster , um seinen Herrn , den Prinzen von Mesopotamien , zu bedienen , dem er im Gasthofe Quartier machen sollte . Die beiden Jüdinnen , Mutter und Tochter , kommen jetzt herein und wollen zum Messias , und eine hält die andre dafür ; der alte Jude hat sie aber vermißt und kommt mit Licht ; da erkennen sie sich , und der alte Jude meint , der Messias wäre wegen ihrer Unkeuschheit davon gegangen ; sie aber sagen , er sei vor ihnen gen Himmel gefahren ; der Jude wird böse und will sie schlagen , wird aber jämmerlich von ihnen am Barte gezaust . So schließt der erste Akt , und der zweite beginnt , indem eine Lerche nachgeahmt wird . Es ist Morgen , des Fürsten Schloß auf dem Berge wird von der Oberhofmeisterin Gretel ausgefegt , sie will dabei allerlei geistliche Lieder singen , doch fällt ihr immer der verlaufene liebe Mann Kasperl ein ; dann schimpft sie auf ihren schweren Dienst und erzählt von ihren Erziehungsgrundsätzen , wie sie die beiden Prinzessinnen Spaßine und Ernestine klug gemacht . Spaßine und Ernestine kommen gelaufen ; jene bringt einen Apfel , worin ein Gesicht geschnitten , und frägt sie , wem es gleiche ? Gretel fängt an zu weinen : so sehe ihr lieber verlaufener Mann Kasperl aus . Nun lassen sie sich von ihr den Mann beschreiben ; sie erzählt unter andern , daß er vom Reiten auf Abenteuer schöne krumme Beine gehabt , seine Nase dabei als Meilenzeiger , die Augenbraunen als Regenschirm gebraucht habe . Hierauf kommt der Fürst mit Jagdzeuge beladen von der Jagd zurück , er hat einen Zaunkönig geschossen und der soll zum Mittagessen gebraten werden ; dann macht er sich bequem und examiniert seine Kinder , was sie gelernt und getan : » Nun liebe Ernestine « , sagt er , » du hast was auf deinem Gewissen , bekenn es nur , du bist so still heute . Wie ? Du fängst bitterlich an zu weinen , hab ich dich mit dem Kamm gerissen ? Sieh , ich muß mit weinen , und das kostet mir mehr als dir . « ERNESTINE : » Weinen Sie nicht lieber Vater , ich will alles sagen , aber Sie müssen mich nicht so anblicken . « FÜRST : » Sprich nur liebes Kind , ach Gott gib mir Kraft , was werde ich hören müssen . « ERNESTINE : » Ich war in den Garten hinuntergesprungen , ganz traurig bin ich zurückgeschlichen . « FÜRST : » Du armes Kind . « ERNESTINE : » Weil er weggegangen . « FÜRST : » Je wer denn ? « ERNESTINE : » Ei nun der Bettler , dem ich den Kuß gegeben . « FÜRST : » Ein Bettler ? Ist denn mein Bettlermandat nicht angeschlagen ? « ERNESTINE : » Lieber Vater , ich hatte gar nichts , ihm zu geben , Sie wissen ja ; und es war so ein schöner junger Mann , den ich ohne Trost nicht weglassen durfte , da fragt ich , ob ihm ein Kuß nicht zu wenig wäre - und da sagte der gute Mensch , er sei ihm nicht zu wenig , und da gab ich ihm doch zwei , und den dritten nahm er sich , und den vierten gab ich ihm obenein , und den fünften in den Handel , und den sechsten , weil ungerade Zahlen nicht gedeihen und ... « FÜRST : » Der Bettler muß dir was angetan haben . « ERNESTINE : » Er hat mir was abgenommen , meine Ruhe ; aller Orten suche ich ihn und singe : Wo suchen dich Herzliebster meine Gedanken ? Es findet dich nirgends mein Blick , dein Bild bleibt vor mir im Schwanken , wie ' s Glück . O du mein einziges Glück , dir nach meine Seufzer rufen ! Dir nach die Seufzer grüßen , mein Mund folgt nach dem Kuß , den deine Lippen küssen , und deine Küsse sind Luft ; der Wind kann sie nicht wegnehmen , er müßte sich ja schämen , daß er mir alles nähm , das wär ja unverschämt . « FÜRST : » Ach , was ist das für ein Unglück ; das Armut will ich doch gar nicht mehr in meinem Lande dulden ; es soll alles Armut freien Abzug zum Nachbar haben . « SPASSINE : » Vater , da müßten wir und Sie ja auch zum Lande heraus . « FÜRST : » Schweig , in Regierungssachen mußt du dich nicht mischen ; ihr macht mir heute vielen Kummer . Ernestine , blase die Gedanken weg , heute kommt dein Bräutigam , der Prinz von Mesopotamien ; schlag Federball , das vertreibt dir die bösen Gedanken . « ERNESTINE : » Ich kann nichts anders denken , als ihn , ich kann niemand anders heiraten , als ihn ; den Prinzen kann ich nicht lieben . « FÜRST : » Ei was lieben , darauf kommt ' s beim Heiraten nicht an , das Heiraten ist eine Sache für sich ; deine Mutter selig war mir ganz abscheulich , ich habe sie doch geheiratet . « ERNESTINE : » Lieber Vater , ich kann ihn nicht nehmen ; ich würde eine Lust bekommen , ihn umzubringen . « SPASSINE : » Lieber Vater , wenn die Schwester den Prinzen nicht haben will , geben Sie ihn mir ; ich möchte gar zu gerne heiraten . « FÜRST : » Ei meine Tochter , so was müßt ihr gar nicht sagen , wenn das unten bei den reichen Juden bekannt würde , die ließen es in ihre Zeitungen und Journale einrücken ; Frau Gretel , sag Sie mir doch , was hat Sie den Kindern für Sachen in den Kopf gesetzt ; merk ich so was von Ihr , so geb ich Ihr eine Backpfeife , daß es Ihr noch lange vor den Ohren summen soll . « - Frau Gretel setzt hierauf ihre Pestalozzische und Vakzinations-Erziehungsmethode auseinander ; der Fürst will die alte Methode verteidigen , sie zieht aber den Pantoffel aus und weiset ihn zur Ruhe . - Während dieses pädagogischen Gefechtes tritt Kasperl in den Kleidern seines Herren , der ausgeblieben , mit einigen Reden , die seinen Spaß erklären , herein und gibt sich für den Prinzen von Mesopotamien aus . Gleich erkennt er seine Gretel ; sie hat aber zu viel Respekt gegen ihn und seufzt vor sich , daß es schade sei , ihr Kasperl habe doch nie so was Vornehmes an sich gehabt . Der Fürst und die Töchter sind sehr verlegen ; doch faßt sich Spaßine und gibt die Schlägerei für ein Pantoffelspiel aus ; der Fürst bezeugt auch sein Vergnügen an dem schönen Spiele , und sucht seine blutende Nase zu verstecken . Kasperl dankt für dergleichen Spiel und schlägt ihm dafür das große Eßspiel vor . Als ihm dies nicht gewährt werden kann , weil der Zaunkönig noch nicht gebraten , so soll er inzwischen raten , welches seine Braut ; Spaßine macht ihm viele Artigkeiten und Ernestine weiset ihn sehr hart ab ; er bestimmt sich also aus Respekt gegen das Pantoffelspiel für Spaßine , die ihm auch von dem Fürsten für seine Braut angegeben wird . - Der Fürst will darauf seinem Eidam das Reich vom hohen Turme zeigen und Kasperl frägt , ob auch kein starker Wind , daß er etwa über die Grenze geweht werden könnte ? - Ernestine bleibt allein zurück und stellt sehr tiefsinnige Betrachtungen in ganz philosophischer Sprache über die fürstlichen Heiraten an , die alle Fürstenhäuser verderben , indem sie aus Naturen nie in Leidenschaft die falsche Richtung wegschaffen , die sie auch in sich gefühlt habe , ehe sie geliebt ; nur in der Liebe sei Wahrheit , Volkssinn , der sich allem anschließe , alles verstehe , selbst den Bettler . Sie setzt sich nieder und weint . - Der wahre Prinz , der am Morgen als Bettler verkleidet ihr die Küsse abgenommen , tritt in anständiger Tracht herein und bemerkt sie nicht . Er erzählt von seinen Absichten , eine Heirat aus Liebe zu stiften , und wie er so ganz seeleneigen dem armen Mädchen geworden , das in diesem Schlosse diene und ihm nichts , als ein paar Küsse , habe geben können ;