, wird immer bunter und lustiger , recht nach Masken-Weise , dort treibt Arlechino auf ' s neue sein tolles Wesen ; horen wir doch , was der Magier Colombinen sagt , sie nahen jetzt einander . Niemals ! rief der prophetische Alte der Kleinen zu , niemals findest Du , was Du hier suchst , aber der Dich sucht , wird Dich finden . Wir suchen einander wohl nicht , sagte Cesario , Stein vertraulich unter den Arm fassend . Aber lassen Sie uns unter der sichtbaren Maske , die uns das fremde Spiel giebt , jene unsichtbare abwerfen , die wir uns selbst gaben , ich wette , wir werden auf der Stelle die besten Freunde . Für jetzt , erwiederte Stein , haben wir nur den Charakter festzuhalten , den uns das Spiel vorzeichnet , der meinige ist trockner Ernst , der Ihrige , possenhafte Thorheit . Mein guter Ritter ! rief Arlechino , Ihr Ernst ist die tollste Posse von der Welt , und dient mir zu dem lustigsten Spaß . Steins Worte fielen von da an immer gewichtiger , Cesarios leichter , höhnender , und wurden eben daher aufs höchste verletzend ; er hatte sich recht muthwillig in das eigne Netz verstrickt , sein Gegner hielt ihn unerbittlich fest , und forderte die strengste Genugthuung . Arlechino sah mit komischer Gebehrde auf sein hölzernes Schwerdt , und bat Brighella um Beistand . Der Obrist wollte sich verdrüßlich von dem ungleichen Streit abwenden , allein sie befanden sich alle in einer Ecke des Saals zusammen gepreßt , Niemand konnte einen Schritt weichen . Auf morgen ! rief Stein in großer Erbitterung . Was beginnst Du , sagte eine schwarze Maske , Arlechino bei der Hand fassend ; welche neue Unbesonnenheit , Francesca ! Jesus Maria ! Fernando ! rief diese , Du hier ! Er hatte die Larve abgenommen , und sah mit unbeschreiblicher Anmuth um sich her . Der vermeinte Cesario , sagte er lächelnd , ist ein schönes Mädchen , das die Tapferkeit mehr liebt , als besitzt ; ich denke , Sie befreien das arme Herz gern von der Angst , die so viel Uebermuth muthlos macht . So steht das Spiel ? sagte Stein ; das ändert freilich alles . Sie haben Recht ; was kann ich anders wollen , als in des Herzens Qual meine Rache finden . Er sah Emilien scharf an , die sich an den Magier lehnte und von ihm fortgezogen ward . Das Schattenbild Cesario verschwindet nun , sagte Arlechino , zürne niemand der armen Francesca . Stein verlor sich unter die Menge . Es ward plötzlich leer um Luisen , nur Fernando stand , mit fest auf sie gerichteten Blicken , vor ihr , und schien jeden ihrer Gedanken zu bewachen . Der Obrist fühlte ihre Hand in der seinen zittern . Lassen Sie uns eilen , sagte er leise , die sonderbare Verwirrung übt ihre Gewalt über uns alle . Ja wohl , ja wohl , erwiederte sie zerstreut . Aber es ist ja ohnehin zu Ende ; nicht wahr ? es ist alles vorbei . Ich glaube , sagte er bewegt , darum lassen Sie uns gehn . Am Ausgange stießen sie auf Werner , der Augusten als Colombine , ohne sie zu kennen , führte . Der Spaß flüsterte diese Luisen zu , ist über Erwarten gelungen . Ich bin hinter die lustigsten Geheimnisse gekommen . Jetzt führt er mich zur Baronin , die wir vergebens im ganzen Saale suchten . Dort muß sich nothwendig alles aufklären . Ich denke , ich habe sie allesammt gehörig angeführt . Mehrere Masken traten zwischen sie . Gute Nacht , meine Luise , sagte eine bekannte Stimme kaum hörbar , ja mein , wie Du Dich und mich und die Welt auch bethörst . Wir treffen einander wohl wieder , und Du bekennst mir , wogegen Du Dich jetzt vergebens sträubst . Luise stürzte in ihren Wagen , ohne sich umzusehn , ja , ohne des Obristen freundliches Lebewohl zu erwiedern . Es war tief in der Nacht , als sie in ihr Zimmer trat . Mariane war eingeschlafen , die Lichter brannten trübe , und warfen einen unsichren Schein umher . Sie ging , ohne sich umzukleiden , in großer Bewegung auf und ab , ihr ganzes Wesen war im heftigsten Aufruhr , eine nie gefühlte Verzweiflung lehnte sich plötzlich gegen das Feindliche ihres Schicksals auf Ihr ganzes Leben trat in gedrängten , entscheidenden Momenten vor sie hin . Welt und Menschen , alles schien nur da , um sie und das was sie liebte , in ' s Verderben zu stürzen . Von ungefähr fiel ihr Blick in einen Spiegel . Sie erschrak vor sich selbst . Die fremde , veraltete Tracht , ihr bleiches , fast verzognes , Gesicht rief ihr das Bild der Ahnfrau vom Falkenstein zurück . Je mehr sie hinsah , je deutlicher glaubte sie alle Züge zu erkennen . Ha ! rief sie , ich bin die Letzte des verloschnen Namens ! soll ich büßen , was jene verbrach , und so die Schuld lösen ? Da stand es klar , wie von höherer Macht gesprochen , vor ihrer Seele : so ist es , kinderlos , ohne Liebe , in Reue über das Vergangene ; fern von jeder Hoffnung für die Zukunft , sollst Du eigne und fremde That büßen . Entsage freiwillig , denn Du begehrst vergebens , was Dir Dein Schicksal verweigert . So ist es , ja so ist es , wiederholte sie mehrmals . Alle Fäden der Hoffnung waren zerschnitten . Das Unabänderliche senkte sich tief in ihr Innres . Niemals , das fühlte sie , konnte sie in der Verwirrung des Lebens Ruhe finden vor der feindlichen Gewalt , die sichtbar und unsichtbar nach ihr griff , und alle Blüthen eines kaum erschloßnen Daseins höhnend zerstörte . Und hat er denn nicht Recht ? sagte sie . Bethöre ich mich nicht selbst ? Was ist es denn , was mich in ihm erschreckt und zusammenwirft , wie das zagende Verbrechen , wenn es nicht die unselige Liebe ist , die wie ein Fluch auf mir liegt . Die erdrückt nun und zertritt die letzte Hoffnung . Alles , alles ist vorbei . Ich muß dem höhern Rufe folgen . Sie sah den Gedanken so lange und fest an , bis er sie durchleuchtete wie ein stiller Tag , in welchem kein Wechsel ist und kein Schmerz . Aus der vollesten innren Ueberzeugung erwuchs ihr Wille und Kraft . Sie übersah die Zukunft mit festem Blick . Nichts konnte sich ändern , nichts den Schluß des Schicksals nach eigner Willkühr lenken . Alles blieb wie es war , bis an das Ende ihrer Tage ; aber da trat der Tod wie ein seliger Engel zu ihr und drückte ihr die müden Augen zu , die nicht länger aus ihren dunklen Hölen sahen , sondern den Blick nach innen richteten , wo sich eine wundervolle Welt voll nie geahndeter Herrlichkeiten aufthat . Sie sah das alles wirklich und versank in höchster Entzückung , halb schlummernd , in die heiligen Tiefen des Unsichtbaren . Als sie erwachte , war es Tag geworden . Die Lichte brannten nicht mehr . In den Gassen lebt ' es und regte sich ' s wieder . Mariane war auch munter geworden , und räumte im Zimmer umher . Allein die Erinnrung jener Seligkeit war ihr so lebhaft geblieben ; sie glaubte so fest an eine höhere Offenbarung , die sie in der Stille der Nacht wahrhaft empfangen habe , daß das erwachende Leben sie nicht stören konnte . Und als sie nun gezwungen war , auf ' s neue in dasselbe mit einzugreifen und sich um das nächste Aeußre zu bekümmern , ward ihr Vorsatz nur noch fester . Ohne sich grade ängstlich zu drängen und zu treiben , sah sie ruhig alles kommen , wie es nun kommen mußte . Ein Billet der Baronin war das Erste , was sie an die tausendfältigen Verwirrungen der Welt erinnerte . Diese schrieb ihr : » Ich könnte besorgt wegen Emilien sein , wenn ich nicht voraussetzte , daß sie meiner ruhigen Vernunft traute , und allenfalls darauf hin eine Unbesonnenheit wagen zu dürfen glaubt . Sie ist noch nicht zu mir zurückgekehrt . Wahrscheinlich ist sie bei Ihnen und Augusten . Ich bitte Sie , mir darüber Auskunft zu geben , so wie über die Veranlassung ihres Wegbleibens . Auf jeden Fall soll sie meine Mißbilligung fühlen . Sagen Sie ihr das , ich ersuche Sie darum . « Luise erinnerte sich jetzt erst an Augustens letzte Worte , und wie sie gesonnen gewesen sei , zu der Baronin zu fahren , wo sich die ganze Verwicklung auflösen sollte . Sie begriff nicht , was sie daran verhindert und zugleich bewogen habe , Emilien bei sich zu behalten . Sie wollte zu ihr gehn , um sie deshalb zu befragen , als ihr Mariane sagte , daß die Leute im Hause ihre Herrschaft vergeblich bis jetzt erwarteten , und Niemand wisse , was er er davon denken solle . In großer Besorgniß schrieb daher Luise der Baronin , was sie selbst durch Augusten erfahren hatte , und wie sie diese noch zuletzt an Werners Arm auf dem Wege zu ihr gesprochen habe , weshalb man bei Werner allein die nöthigen Erkundigungen einziehen könne . Von Emilien aber wisse sie nichts , und begreife ihr Verschwinden so wenig wie das von Augusten . Nach einigen Stunden trat Stein bleich und zerstört in Luisens Zimmer . Eine ungeheure Thorheit oder Niederträchtigkeit , rief er , ist in dieser Nacht vorgefallen . Werner , der Maler , Emilie und Auguste , alle sind fort ! Alle Nachforschungen sind vergeblich , Niemand will etwas von ihnen wissen . Ich komme sogar von Francesca . Sie schwört , der ganze Handel sei ihr fremd . Sie habe wohl den Maler in Italien gekannt , und ihn deshalb hier in ihr Interesse ziehn müssen , ohne gleichwohl seine weiteren Verbindungen und Pläne zu kennen . Geschienen habe es ihr freilich , als liebe er Emilien , und trachte im Stillen , seinen Wünschen nachzugehn , auch Emilien sei oft etwas Aehnliches entfallen , doch könne sie das alles auf keine Weise verbürgen . Luise konnte ihm nicht länger verhehlen , was sie selbst darüber wußte . Dennoch sahen beide nicht , wie das Ganze zusammenhing , besonders , in wie weit Werner und Auguste darin verwickelt waren . Was suchen wir , sagte Stein , den Grund einer Thorheit auf , die so grundlos in sich selbst ist , daß sie , wie sie entstanden , auch zerfällt . Ich wende mich auf immer von dem verächtlichen Spiel , und lasse sie sich wechselseitig verderben . In dem Augenblicke fuhr die Baronin , in einem völlig gepackten Reisewagen , vor das Haus . Sie kam auf wenige Augenblicke zu Luisen , und kündigte ihr an , daß sie im Begriff sei , auf ihr Landgut zu gehn . Es sei dies ein Mittel , das Gerede der Welt zu verwirren , und eben dadurch in den Augen der Meisten unzuverlässig zu machen . Durch ihre Abreise gewinne es das Ansehn , als habe sie die fehlenden Personen begleitet . Wenigstens würden das Manche glauben , und ehe man der Sache auf den Grund käme , wäre wohl alles längst schon im alten Gleise . Und Sie , Herr von Stein , setzte sie hinzu , gewinnen auch dadurch Muße , ihre Nachforschungen geheim und mit möglichster Schonung zu betreiben . Ich möchte ungern weiter forschen , erwiederte dieser . Gönnen Sie mir meine Unwissenheit . Ich fürchte , gnädige Frau , Sie wünschen sie sich auch in Kurzem zurück . Die Baronin lief Gefahr , alle Fassung zu verlieren . Stein faßte sanft ihre Hand . Es ist so leicht , sagte er , daß mir jetzt ein verletzendes Wort entfällt , und ich würde mir es nicht verzeihen , Sie gekränkt zu haben . Lassen Sie uns daher nicht weiter über einen Gegenstand reden , der mir fremd bleiben soll , fremd bleiben muß . Zum erstenmal sah Luise Thränen in der Baronin Auge . Sie suchte sie zu verbergen , konnte sich dennoch einer großen Rührung nicht erwähren , als sie Luisen umarmte , und nun so allein und verlassen zu dem geräumigen Wagen ging , und den leergebliebenen Platz neben sich betrachtete . Stein konnte lange das Bild der gedemüthigten , schwer gekränkten Mutter nicht los werden . Er kämpfte mit sich , ob er ihr nicht nacheilen , und ihr wenigstens seinen Beistand zusichern solle . Allein er fühlte bald , daß er sich in nichts einlassen dürfe , und nur eilen müsse , sich der nachtheiligen Erinnerungen zu entschlagen . Der Obrist trat bald darauf hinein , wodurch das Gespräch auf ' s neue auf die unerklärliche Begebenheit dieser Nacht gelenkt ward . Roll hatte die Geschichte , welche er von den Leuten der Baronin sehr zeitig erfuhr , mit großer Geschäftigkeit herumgetragen , und hinzugesetzt , die Familie sei gesonnen , Augusten , als Urheberin des Complots , öffentlich zu zitiren . Unbegreiflich , setzte der Obrist hinzu , sei es jedermann , welches Augustens Theilnahme an dieser Sache sei , die völlig ihrer Art zu denken widerspräche . Ein Mißverständniß , erwiederte Luise , kann ihr allein nur ein so böses Spiel bereitet , und sie unwillkührlich fortgezogen haben . Freilich , fügte sie hinzu , wird es ihr schwer sein , wieder einzulenken , da es so weit gekommen ist . Es ist überall mißlich mit dem Einlenken , erwiederte Stein . Wenn man die Nothwendigkeit davon einsieht , sagte Luise , muß es dennoch geschehn . Was ist aber so absolut nothwendig , fragte jener ? Das Würdige allein , erwiederte sie , was jedem auf seine Weise zu thun geziemt . Sagen Sie mir , beginnt das Verhängniß eines Menschen erst mit seiner Geburt ? oder ist es nicht vielmehr in einer Reihe vor und nach ihm lebender Wesen begründet , mit denen es sich in die Unendlichkeit fortschlingt ? Gewiß , sagte der Obrist , der Punkt , auf dem ein jeder von uns steht , ist kein zufälliger , sondern durch die Natur seines und des Daseins aller genau bestimmt . Und ein Schritt über oder unter diesen Punkt , fiel Luise schnell ein , verwirrt uns und andre . Und ist es denn nun nicht die höchste Freiheit , wenn wir uns mit Besonnenheit , und dadurch aus eigner Wahl dahin stellen , wohin uns unentgehbare Ereignisse , nach einem zerrissenen , verpfuschten Leben , zurückwerfen ? Der Obrist betrachtete sie forschend , während sie einen Augenblick gedankenvoll in sich zurücksah . Was gewinnen wir , fuhr sie nach einer Weile fort , wenn wir uns so viel und mancherlei überreden , und einen Wahn pflegen , den wir zuletzt mit aller Anstrengung nicht festhalten können ; was bleibt uns anders , als ein wehmüthiger Blick auf ein verfehltes Streben ? Ja wohl , ja wohl ! sagte Stein erschüttert . Dennoch greifen die Elemente unsers Daseins oft so wunderbar in einer Brust zusammen , und mischen und gestalten sich so verschieden , daß ihr Wesen nicht immer sogleich zu verstehn ist . Deshalb tadle Niemand die stillen Kämpfe eines vielfach gestörten Gemüthes , ehe es durch sich selbst erfährt , was es kann und soll . Er reichte beiden die Hand , und verließ in großer Bewegung das Zimmer . Muß ich meinem Gefühle trauen , Luise , fragte der Obrist , habe ich sie verstanden ? Niemand , erwiederte sie , kann weniger in Zweifel über mich sein , als Sie . Ja , Sie verstanden mich gewiß . Ach ! Sie fühlen es auch , ich darf nicht glücklich sein wollen . Und ich ? fragte er . - Sie werden es nicht bereuen , entgegnete sie , eine Freundin gesucht und gefunden zu haben . Glauben Sie mir , wir waren einander nie näher , als in diesem Augenblick , wo ich Ihnen aus voller Ueberzeugung sage , daß ich meinen Weg allein gehn muß . Mein edler Freund , es muß , gewiß , es muß so sein ! Das ist es nun also , sagte er sinnend . Es lag dunkel in meiner Seele . Nun ist es ausgesprochen . Ja , Sie haben Recht , es muß so sein . Wie wunderbar , daß uns die Wahrheit so nahe liegt , ohne daß wir sie sehen mögen ! Und gleichwohl ist es schön , daß uns ihr unerwartetes Erscheinen jetzt nicht erschreckt . Nein , Sie sollen mich nicht kleiner sehen , als Sie es erwarteten . Ihr Muth , der nicht Leichtsinn ist und nicht Verzweiflung , hebt mich zu Ihnen hinauf . Und wer muß denn nicht am Ende die liebsten Wünsche unter die Trümmer seiner Hoffnungen begraben ? Aber wenn Sie nun so alles von sich gedrängt haben , Liebe , und jeden freudigen Genuß des vielfach gestalteten Lebens , was erwarten Sie denn noch von diesem Leben ? Innre Stille - erwiederte Luise . - Und erschrecken Sie nicht vor dieser Grabesstille ? fragte er , sie mitleidsvoll betrachtend . Luise , wenn Sie sich täuschten , wenn Sie so um so sichrer Ihre Bestimmung verfehlen . - Lieber Freund , unterbrach sie ihn , die ist verfehlt , und kann nur auf dem umgekehrten Wege wieder errungen werden . In dem Leben der Frauen muß alles den einfachsten , ruhigsten Gang gehen . Weder große Kämpfe noch heftige Leidenschaften dürfen es verwirren , sonst geht die Richtung verloren , die in scheinbarer Beschränktheit das Herrlichste erzielt . Wie die Gestirne ihre abgeschloßnen Bahnen still vollenden , so muß der Kreislauf weiblicher Wirksamkeit nach einem ewigen Gesetz gleichmäßig fortlaufen , die innre , oder Schattenseite des Lebens beschreiben , und nur unsichtbar in die mannigfache Gestaltung der Dinge eingreifen . Wie das Fremdartige sie zu nahe berührt , ist dieser ruhige Lauf unterbrochen , und sie schwanken und fassen nach dem verlornen Gleichgewicht umher , das sie nur in dem freiwilligen Hingeben alles dessen , was ihnen nicht mehr gehört , wiederfinden . In der Liebe geht den Frauen der Himmel auf . Wo diese aber mit der Natur in Streit ist , da müssen die bethörten Herzen in Reue und Buße erst den Himmel und in ihm die Liebe suchen . Das ist so wahr , fuhr sie lebhaft fort , das habe ich in dieser Nacht durch höhere Eingebung erfahren , und das steht nun so fest in meiner Seele , daß ich eher sterben , als es verleugnen könnte . O glauben Sie mir , es giebt Ahndungen , die unser dunkles Dasein durchblitzen , die wir festhalten , denen wir unbedingt folgen müssen . Sie redeten von da an sehr klar und bestimmt über ihre beiderseitige Zukunft . Der Obrist versicherte , es könne ihr Entschluß ihn nicht abhalten , sie sobald als möglich wieder aufzusuchen . Weshalb , sagte sie , sollten wir einander auch fliehen ? Der Friede , der in dieser Stunde über uns kommt , der kommt von Gott , der gründet sein stilles Reich in ewiger , heiliger Erinnrung . Ich werde Ihr liebes Auge nie vergessen , das so mild und schonend in mein gestörtes Innre blickte . Als sie sich am Abend von einander trennten , wandte sich der Ob ist noch einmal zu Luisen , und sie mit festem Blicke betrachtend , sagte er : nicht wahr , meine Freundin , es muß so sein ! Ja Lieber , entgegnete sie bewegt . Lassen Sie uns auf das innre Wort achten , und es durch ein treues , wahrhaftes Leben aussprechen . Am folgenden Tage kam Frau von Seckingen zu Luisen . Ihre verweinten Augen und die zitternde Stimme bestätigten dieser , was sie geahndet . Er ist fort ? fragte sie . Ja , rief Sophie mit verhülltem Gesicht , und Du hast ihn einer Grille wegen hingegeben , von Dir gestoßen ; hätte er Dich doch nie gesehen ! So sagte er nicht , erwiederte Luise sanft , er kennt mich besser . O nenne keine Grille , was mein ganzes Wesen so lebhaft und dringend heischt ! Und wie mißverstehst Du mich denn ? Kannst Du verkennen , was eine nähere Verbindung zwischen uns unmöglich macht ? Siehst Du nicht , wie ein früherer Eindruck jeden stillen Genuß meines Lebens vergiftet ! Soll ich die Ruhe des edelsten Herzen einem Ungefähr , einem zufälligen Zusammentreffen mit dem Erbfeinde meines Glückes aussetzen ? O Du solltest gerechter sein ! Ich bin nicht unbillig , erwiederte Sophie . Ich finde Dich nur inconsequent . Liebst Du jenen , warum verkennst Du den Wink der Natur , warum zögerst Du ? - Die Natur ist ewig , unterbrach sie Luise , vergiß es nicht , daß ihr Reich nicht allein von dieser Welt ist . Was hier die Nothwendigkeit versagt , erringt dort die Freiheit wieder ! Hier tritt Julius Schatten zwischen mir und ihn . Und dennoch liebst Du ihn ? fragte Sophie . Ja , ach Gott ja , ich liebe ihn . Eine unbegreifliche Gewalt zieht mich zu ihm hin ; ich weiß nicht , woher ? ich weiß nicht weshalb ? aber es ist so , und dennoch dürfen die unsichtbaren Bande nicht sichtbar werden , ja ich muß streben , so viel an mir ist , sie zu zerreißen . Dann sind alle versöhnt , dann ruhen die Leiber in ihren Gräbern , und alle seligen Geister freuen sich des Lichtes . Frau von Seckingen sah sie fremd an . Du schwärmst , Luise , sagte sie , gewiß Du hättest besser gethan , Dich einem sichren Führer auf der einfachen Straße des Lebens anzuvertrauen , als auf eine so unnatürliche Höhe allein hinaufzusteigen . Luise fühlte , daß sie ihr nichts erwiedern könne . Sie versuchte noch einigemal , von dem Obristen zu reden ; allein Sophie wich ihr verstimmt aus , und sie schieden zum erstenmal , jedes in sich zurückgedrängt und entfremdet . Sie erkaltet wohl nun auch , sagte Luise betrübt . Sie hat eine Andre in mir , nur um des Bruders Willen , geliebt . So fällt eines nach dem Andren ab , und zerstreut sich in einem Leben , das ich fliehen muß . Sie lehnte sich gedankenvoll an ' s Fenster , und sah dem wegrollendem Wagen nach , als Fernando , in reicher Uniform , an Francescas Seite vorüber ritt . Er redete mit dieser , und blickte auf zu Luisen , welche schnell zurücktrat . So hatte sie beide in Julius frühester Schilderung zuerst gesehen . Das war das erste Bild , das sich von beiden in ihre Seele drückte . Der Kreis ihres damals beginnenden Lebens schien nun geschlossen . Jetzt wie damals ging er , einer Erscheinung gleich , an ihr vorüber . Von nun an , sagte sie , will ich ihn nicht wieder sehen . Sie wußte durch den Obristen , daß er französischer Offizier , und nicht aus eignem Triebe , sondern in Aufträgen , in der Residenz war . Sie beschloß , diese so schnell als möglich zu verlassen , und sich für immer in den dichten Mauern des Falkensteins vor jeder neuen Störung zu bewahren . Noch am selben Abend ward ihr Minchens Ankunft gemeldet . Diese kam , sie von des Onkels Tod zu benachrichtigen , und sich sodann bei der einzigen Verwandtin ihrer Mutter hier in der Stadt aufzuhalten . Liebes Kind , sagte ihr Luise , wir sind wohl beide mit unsren Anforderungen an die Welt fertig . Wir bleiben nun zusammen , und flechten , wie ehemals , Veilchen- und Cyanenkränze , und lassen sie nun über Julius stilles Grab in den Zweigen spielen . Das bescheidene Mädchen hatte nie so große Hoffnungen gehegt , und ähnliche auffliegende Wünsche schnell unterdrückt . In großer Rührung fühlte sie sich jetzt zu der Jugendgespielin hingezogen , die ihr so liebreichen Schutz anbot . Luise aber sah in das bleiche Gesicht ihrer neuen Gefährtin , wie in den Mond , der eine stille Winternacht erhellet . Der flüchtige Tagesschein ihres jungen Lebens war beiden untergegangen . Wünsche und Erwartungen , ruheten in dem heiligen Schooß des innren Daseins , aus welchem späterhin der neue Morgen hervorgehen soll ; aber Minchens Blick und Gruß rührte die stille Nacht an , und warf einen milden Silberschein über die schlafende Welt , die nun in Erinnerungen fortträumte , und ihr innigstes Leben nicht verbergen konnte . Noch vor ihrer Abreise erhielt Luise folgenden Brief von Augusten : » Ich müßte verzweifeln , wenn sich der Mensch überall selbst verlieren könnte . Aber das drückendste im Leben ist , sich zu kleinen Zwecken in fremder Willkühr gehalten zu sehn . Sie kennen meine schuldlose Spielerei an jenem Abend . Wem das Böse fremd ist , der ahndet es auch da nicht , wo es ihm ganz nahe tritt . Ich begegnete Ihnen , in der Absicht , mit Werner zur Baronin zu fahren . Die Nacht war dunkel , keine Laternen brannten mehr in den Straßen , mein Begleiter unterhielt mich mit großer Lebhaftigkeit , und verwickelte sich immer mehr durch neue Entdeckungen , an denen ich mich dergestalt ergötzte , daß es mir entging , als wir aus dem Thore auf abgelegenem Wege fuhren . Endlich hielt der Wagen . Ich sah der Entdeckung mit großer Lust entgegen , als der Maler an den Schlag trat , und ungeduldig rief : schnell Werner , wir haben keine Zeit zu verlieren . Dieser bot mir den Arm , und ohnerachtet mich jene Worte befremdeten , so stieg ich dennoch in der Erwartung aus , die Sache nun beendigt zu sehn . Es war so dunkel , daß man keine Hand vor Augen sahe . Geschwind , geschwind , rief der Maler auf ' s neue . Nun , erwiederte Werner , mich zu ihm führend , mäßigen Sie Ihre Ungeduld , da ist sie . Was zum Teufel , schrie jener , noch Eine ! Noch Eine - ? fragte Werner bestürzt . Nun ja , sagte der Maler , Emilie ist dort im andern Wagen . Wir haben uns vollkommen verständigt . Sie willigt in Alles . Ich hatte die Maske abgenommen , und sagte mit meiner natürlichen Stimme : Erschrecken Sie nicht , Herr Werner , ich habe nur Ihren Gedanken ausgeführt , und als zweite Colombine Ihre Pläne und Absichten durchkreuzt ! Auguste ! riefen beide zugleich ! - Das ist eine schöne Geschichte , sagte Werner , unmäßig lachend . Ja , gnädige Frau , fuhr er fort , Sie erinnern sich , daß ich ein gegenseitiges Durchkreuzen der Pläne beabsichtigte . Dem sind Sie nun hülfreichst entgegen gekommen . Wir sind Alle in demselben Gewebe gefangen . Sie dürfen wir nicht freilassen . Sie müssen uns nun schon weiter begleiten , da Sie einmal bis hieher kamen . Sie wollten uns anführen , wir müssen Sie entführen , und zwar nach Italien , wohin unser Weg geht . Ich schrie bei diesen Worten aus Leibeskräften um Hülfe , allein beide Männer faßten mich unter die Arme , und schleppten mich in den Wagen , der , ehe ich mich besinnen konnte , unaufhaltsam fortrollte . So führten sie mich nun , von Station zu Station , wie eine Gefangene , aus Furcht , daß ich sie verrathen werde , mit sich fort . Heute , da Emilie des Malers Frau geworden ist , und sie überdem einen großen Vorsprung gewonnen haben , hat man mir erlaubt , zu schreiben , weil es mir unmöglich ist , ohne Geld allein zurück zu kehren . Ich bin durch Noth an diese elende Seelen gebunden , die durch Betrug erringen , was der kühne Sinn in offner That erzwungen hätte . Eilen Sie daher , mir durch meinen Sachwalter Geld nach Venedig zu schicken , von wo aus der Maler verspricht , es in meine Hände zu besorgen , da er mir weder über die Richtung unseres Weges , noch über den Ort unseres Aufenthalts , etwas Näheres sagen will . Emilie ist kindisch mit allem Neuen was sie sieht , beschäftigt , und hofft nach einem Jahre auf die Verzeihung und Einwilligung ihrer Eltern . Ich gönne ihr diese Hoffnung , von der es mir übrigens gleich ist , ob sie erfüllt wird , oder nicht , da sie in sich nichts bedeutet . Ganz anders beschäftigt mich meine Rückkehr , die ich Sie , so sehr als möglich , zu beschleunigen bitte . « Luise besorgte den erhaltenen Auftrag , und sandte Stein sodann diesen Brief , der mit kalter Hand jede Erinnerung an Emilien niederschlug . Ohne jene oft empfundene Scheu , in einer Art seeligem Erwarten , hatte Luise ihre Reise angetreten und zurückgelegt . Tage und Wochen waren ihr auf dem Falkensteine verflossen , mit dessen einsamen Schauern sie sich immer mehr befreundete . Das Dunkle , Fremdartige , war ihr näher getreten . Sie freuete sich selbst an den Bildern , die sie vormals schreckten . Deshalb war sie oft , in den weniger verzierten Zimmern nach der Waldseite , mit allem beschäftigt , was sie eine kurz verflossene Gegenwart vergessen machte . Wunderbar ergriff sie das Rauschen der hohen Tannen , jene dumpfe , hallende Töne einer verschollenen Natursprache , dem Menschen nur noch in wehmüthigen Ahndungen vernehmlich . Dazwischen murmelte der nahe Wasserfall aus dem geöffneten Mund der grauen Felsen , und darüber hin zogen Sterne herauf , in ihren bedeutsamen Bildern . Alles redete sie an , ernst , aber tief aus dem Herzen des Daseins hervor . Aber seltsamer und