gefälligen Mann als seinen Begleiter vor . Indem er nun bald mit Charlotten und Ottilien , bald mit Gärtnern und Jägern , öfters mit seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich , so konnte man seinen Bemerkungen wohl ansehen , daß er ein Liebhaber und Kenner solcher Anlagen war , der wohl auch manche dergleichen selbst ausgeführt hatte . Obgleich in Jahren , nahm er auf eine heitere Weise an allem teil , was dem Leben zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann . In seiner Gegenwart genossen die Frauenzimmer erst vollkommen ihrer Umgebung . Sein geübtes Auge empfing jeden Effekt ganz frisch , und er hatte um so mehr Freude an dem Entstandenen , als er die Gegend vorher nicht gekannt und , was man daran getan , von dem , was die Natur geliefert , kaum zu unterscheiden wußte . Man kann wohl sagen , daß durch seine Bemerkungen der Park wuchs und sich bereicherte . Schon zum voraus erkannte er , was die neuen , heranstrebenden Pflanzungen versprachen . Keine Stelle blieb ihm unbemerkt , wo noch irgendeine Schönheit hervorzuheben oder anzubringen war . Hier deutete er auf eine Quelle , welche , gereinigt , die Zierde einer ganzen Buschpartie zu werden versprach , hier auf eine Höhle , die , ausgeräumt und erweitert , einen erwünschten Ruheplatz geben konnte , indessen man nur wenige Bäume zu fällen brauchte , um von ihr aus herrliche Felsenmassen aufgetürmt zu erblicken . Er wünschte den Bewohnern Glück , daß ihnen so manches nachzuarbeiten übrigblieb , und ersuchte sie , damit nicht zu eilen , sondern für folgende Jahre sich das Vergnügen des Schaffens und Einrichtens vorzubehalten . Übrigens war er außer den geselligen Stunden keineswegs lästig ; denn er beschäftigte sich die größte Zeit des Tags , die malerischen Aussichten des Parks in einer tragbaren dunklen Kammer aufzufangen und zu zeichnen , um dadurch sich und andern von seinen Reisen eine schöne Frucht zu gewinnen . Er hatte dieses schon seit mehreren Jahren in allen bedeutenden Gegenden getan und sich dadurch die angenehmste und interessanteste Sammlung verschafft . Ein großes Portefeuille , das er mit sich führte , zeigte er den Damen vor und unterhielt sie teils durch das Bild , teils durch die Auslegung . Sie freuten sich , hier in ihrer Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen , Ufer und Häfen , Berge , Seen und Flüsse , Städte , Kastelle und manches andre Lokal , das in der Geschichte einen Namen hat , vor sich vorbeiziehen zu sehen . Jede von beiden Frauen hatte ein besonderes Interesse , Charlotte das allgemeinere , gerade an dem , wo sich etwas historisch Merkwürdiges fand , während Ottilie sich vorzüglich bei den Gegenden aufhielt , wovon Eduard viel zu erzählen pflegte , wo er gern verweilt , wohin er öfters zurückgekehrt ; denn jeder Mensch hat in der Nähe und in der Ferne gewisse örtliche Einzelheiten , die ihn anziehen , die ihm seinem Charakter nach , um des ersten Eindrucks , gewisser Umstände , der Gewohnheit willen besonders lieb und aufregend sind . Sie fragte daher den Lord , wo es ihm denn am besten gefalle und wo er nun seine Wohnung aufschlagen würde , wenn er zu wählen hätte . Da wußte er denn mehr als eine schöne Gegend vorzuzeigen und , was ihm dort widerfahren , um sie ihm lieb und wert zu machen , in seinem eigens akzentuierten Französisch gar behaglich mitzuteilen . Auf die Frage hingegen , wo er sich denn jetzt gewöhnlich aufhalte , wohin er am liebsten zurückkehre , ließ er sich ganz unbewunden , doch den Frauen unerwartet , also vernehmen : » Ich habe mir nun angewöhnt , überall zu Hause zu sein , und finde zuletzt nichts bequemer , als daß andre für mich bauen , pflanzen und sich häuslich bemühen . Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich nicht zurück , teils aus politischen Ursachen , vorzüglich aber , weil mein Sohn , für den ich alles eigentlich getan und eingerichtet , dem ich es zu übergeben , mit dem ich es noch zu genießen hoffte , an allem keinen Teil nimmt , sondern nach Indien gegangen ist , um sein Leben dort , wie mancher andere , höher zu nutzen oder gar zu vergeuden . Gewiß , wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben . Anstatt daß wir gleich anfingen , uns in einem mäßigen Zustand behaglich zu finden , so gehen wir immer mehr ins Breite , um es uns immer unbequemer zu machen . Wer genießt jetzt meine Gebäude , meinen Park , meine Gärten ? Nicht ich , nicht einmal die Meinigen : fremde Gäste , Neugierige , unruhige Reisende . Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause , besonders auf dem Lande , wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt . Das Buch , das wir am eifrigsten wünschten , ist nicht zur Hand , und gerade , was wir am meisten bedürften , ist vergessen . Wir richten uns immer häuslich ein , um wieder auszuziehen , und wenn wir es nicht mit Willen und Willkür tun , so wirken Verhältnisse , Leidenschaften , Zufälle , Notwendigkeit und was nicht alles . « Der Lord ahnete nicht , wie tief durch seine Betrachtungen die Freundinnen getroffen wurden . Und wie oft kommt nicht jeder in diese Gefahr , der eine allgemeine Betrachtung selbst in einer Gesellschaft , deren Verhältnisse ihm sonst bekannt sind , ausspricht ! Charlotten war eine solche zufällige Verletzung auch durch Wohlwollende und Gutmeinende nichts Neues ; und die Welt lag ohnehin so deutlich vor ihren Augen , daß sie keinen besondern Schmerz empfand , wenngleich jemand sie unbedachtsam und unvorsichtig nötigte , ihren Blick da - oder dorthin auf eine unerfreuliche Stelle zu richten . Ottilie hingegen , die in halb bewußter Jugend mehr ahnete als sah und ihren Blick wegwenden durfte , ja mußte von dem , was sie nicht sehen mochte und sollte , Ottilie ward durch diese traulichen Reden in den schrecklichsten Zustand versetzt ; denn es zerriß mit Gewalt vor ihr der anmutige Schleier , und es schien ihr , als wenn alles , was bisher für Haus und Hof , für Garten , Park und die ganze Umgebung geschehen war , ganz eigentlich umsonst sei , weil der , dem es alles gehörte , es nicht genösse , weil auch der , wie der gegenwärtige Gast , zum Herumschweifen in der Welt , und zwar zu dem gefährlichsten , durch die Liebsten und Nächsten gedrängt worden . Sie hatte sich an Hören und Schweigen gewöhnt , aber sie saß diesmal in der peinlichsten Lage , die durch des Fremden weiteres Gespräch eher vermehrt als vermindert wurde , das er mit heiterer Eigenheit und Bedächtlichkeit fortsetzte . » Nun glaub ich « , sagte er , » auf dem rechten Wege zu sein , da ich mich immerfort als einen Reisenden betrachte , der vielem entsagt , um vieles zu genießen . Ich bin an den Wechsel gewöhnt , ja er wird mir Bedürfnis , wie man in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet , gerade weil schon so viele dagewesen . Was ich mir von dem besten und dem schlechtesten Wirtshause versprechen darf , ist mir bekannt ; es mag so gut oder so schlimm sein , als es will , nirgends find ich das Gewohnte , und am Ende läuft es auf eins hinaus , ganz von einer notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkürlichsten Zufälligkeit abzuhangen . Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdruß , daß etwas verlegt oder verloren ist , daß mir ein tägliches Wohnzimmer unbrauchbar wird , weil ich es muß reparieren lassen , daß man mir eine liebe Tasse zerbricht und es mir eine ganze Zeit aus keiner andern schmecken will . Alles dessen bin ich überhoben , und wenn mir das Haus über dem Kopf zu brennen anfängt , so packen meine Leute gelassen ein und auf , und wir fahren zu Hofraum und Stadt hinaus . Und bei allen diesen Vorteilen , wenn ich es genau berechne , habe ich am Ende des Jahres nicht mehr ausgegeben , als es mich zu Hause gekostet hätte . « Bei dieser Schilderung sah Ottilie nur Eduarden vor sich , wie er nun auch mit Entbehren und Beschwerde auf ungebahnten Straßen hinziehe , mit Gefahr und Not zu Felde liege und bei soviel Unbestand und Wagnis sich gewöhne , heimatlos und freundlos zu sein , alles wegzuwerfen , nur um nicht verlieren zu können . Glücklicherweise trennte sich die Gesellschaft für einige Zeit . Ottilie fand Raum , sich in der Einsamkeit auszuweinen . Gewaltsamer hatte sie kein dumpfer Schmerz ergriffen als diese Klarheit , die sie sich noch klarer zu machen strebte , wie man es zu tun pflegt , daß man sich selbst peinigt , wenn man einmal auf dem Wege ist , gepeinigt zu werden . Der Zustand Eduards kam ihr so kümmerlich , so jämmerlich vor , daß sie sich entschloß , es koste , was es wolle , zu seiner Wiedervereinigung mit Charlotten alles beizutragen , ihren Schmerz und ihre Liebe an irgendeinem stillen Orte zu verbergen und durch irgendeine Art von Tätigkeit zu betriegen . Indessen hatte der Begleiter des Lords , ein verständiger , ruhiger Mann und guter Beobachter , den Mißgriff in der Unterhaltung bemerkt und die Ähnlichkeit der Zustände seinem Freunde offenbart . Dieser wußte nichts von den Verhältnissen der Familie ; allein jener , den eigentlich auf der Reise nichts mehr interessierte als die sonderbaren Ereignisse , welche durch natürliche und künstliche Verhältnisse , durch den Konflikt des Gesetzlichen und des Ungebändigten , des Verstandes und der Vernunft , der Leidenschaft und des Vorurteils hervorgebracht werden , jener hatte sich schon früher und mehr noch im Hause selbst mit allem bekannt gemacht , was vorgegangen war und noch vorging . Dem Lord tat es leid , ohne daß er darüber verlegen gewesen wäre . Man müßte ganz in Gesellschaft schweigen , wenn man nicht manchmal in den Fall kommen sollte ; denn nicht allein bedeutende Bemerkungen , sondern die trivialsten Äußerungen können auf eine so mißklingende Weise mit dem Interesse der Gegenwärtigen zusammentreffen . » Wir wollen es heute abend wiedergutmachen , « sagte der Lord , » und uns aller allgemeinen Gespräche enthalten . Geben Sie der Gesellschaft etwas von den vielen angenehmen und bedeutenden Anekdoten und Geschichten zu hören , womit Sie Ihr Portefeuille und Ihr Gedächtnis auf unserer Reise bereichert haben ! « Allein auch mit dem besten Vorsatze gelang es den Fremden nicht , die Freunde diesmal mit einer unverfänglichen Unterhaltung zu erfreuen . Denn nachdem der Begleiter durch manche sonderbare , bedeutende , heitere , rührende , furchtbare Geschichten die Aufmerksamkeit erregt und die Teilnahme aufs höchste gespannt hatte , so dachte er mit einer zwar sonderbaren , aber sanfteren Begebenheit zu schließen und ahnete nicht , wie nahe diese seinen Zuhörern verwandt war . Die wunderlichen Nachbarskinder Novelle Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Häusern , Knabe und Mädchen , in verhältnismäßigem Alter , um dereinst Gatten zu werden , ließ man in dieser angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen , und die beiderseitigen Eltern freuten sich einer künftigen Verbindung . Doch man bemerkte gar bald , daß die Absicht zu mißlingen schien , indem sich zwischen den beiden trefflichen Naturen ein sonderbarer Widerwille hervortat . Vielleicht waren sie einander zu ähnlich . Beide in sich selbst gewendet , deutlich in ihrem Wollen , fest in ihren Vorsätzen ; jedes einzeln geliebt und geehrt von seinen Gespielen ; immer Widersacher , wenn sie zusammen waren , immer aufbauend für sich allein , immer wechselsweise zerstörend , wo sie sich begegneten , nicht wetteifernd nach einem Ziel , aber immer kämpfend um einen Zweck ; gutartig durchaus und liebenswürdig und nur hassend , ja bösartig , indem sie sich aufeinander bezogen . Dieses wunderliche Verhältnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen , es zeigte sich bei zunehmenden Jahren . Und wie die Knaben Krieg zu spielen , sich in Parteien zu sondern , einander Schlachten zu liefern pflegen , so stellte sich das trotzig mutige Mädchen einst an die Spitze des einen Heers und focht gegen das andre mit solcher Gewalt und Erbitterung , daß dieses schimpflich wäre in die Flocht geschlagen worden , wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav gehalten und seine Gegnerin doch noch zuletzt entwaffnet und gefangengenommen hätte . Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam , daß er , um seine Augen zu erhalten und die Feindin doch nicht zu beschädigen , sein seidenes Halstuch abreißen und ihr die Hände damit auf den Rücken binden mußte . Dies verzieh sie ihm nie , ja sie machte so heimliche Anstalten und Versuche , ihn zu beschädigen , daß die Eltern , die auf diese seltsamen Leidenschaften schon längst achtgehabt , sich miteinander verständigten und beschlossen , die beiden feindlichen Wesen zu trennen und jene lieblichen Hoffnungen aufzugeben . Der Knabe tat sich in seinen neuen Verhältnissen bald hervor . Jede Art von Unterricht schlug bei ihm an . Gönner und eigene Neigung bestimmten ihn zum Soldatenstande . Überall , wo er sich fand , war er geliebt und geehrt . Seine tüchtige Natur schien nur zum Wohlsein , zum Behagen anderer zu wirken , und er war in sich , ohne deutliches Bewußtsein , recht glücklich , den einzigen Widersacher verloren zu haben , den die Natur ihm zugedacht hatte . Das Mädchen dagegen trat auf einmal in einen veränderten Zustand . Ihre Jahre , eine zunehmende Bildung und mehr noch ein gewisses inneres Gefühl zogen sie von den heftigen Spielen hinweg , die sie bisher in Gesellschaft der Knaben auszuüben pflegte . Im ganzen schien ihr etwas zu fehlen , nichts war um sie herum , das wert gewesen wäre , ihren Haß zu erregen . Liebenswürdig hatte sie noch niemanden gefunden . Ein junger Mann , älter als ihr ehemaliger nachbarlicher Widersacher , von Stand , Vermögen und Bedeutung , beliebt in der Gesellschaft , gesucht von Frauen , wendete ihr seine ganze Neigung zu . Es war das erstemal , daß sich ein Freund , ein Liebhaber , ein Diener um sie bemühte . Der Vorzug , den er ihr vor vielen gab , die älter , gebildeter , glänzender und anspruchsreicher waren als sie , tat ihr gar zu wohl . Seine fortgesetzte Aufmerksamkeit , ohne daß er zudringlich gewesen wäre , sein treuer Beistand bei verschiedenen unangenehmen Zufällen , sein gegen ihre Eltern zwar ausgesprochnes , doch ruhiges und nur hoffnungsvolles Werben , da sie freilich noch sehr jung war : das alles nahm sie für ihn ein , wozu die Gewohnheit , die äußern , nun von der Welt als bekannt angenommenen Verhältnisse das Ihrige beitrugen . Sie war so oft Braut genannt worden , daß sie sich endlich selbst dafür hielt , und weder sie noch irgend jemand dachte daran , daß noch eine Prüfung nötig sei , als sie den Ring mit demjenigen wechselte , der so lange Zeit für ihren Bräutigam galt . Der ruhige Gang , den die ganze Sache genommen hatte , war auch durch das Verlöbnis nicht beschleunigt worden . Man ließ eben von beiden Seiten alles so fortgewähren , man freute sich des Zusammenlebens und wollte die gute Jahreszeit durchaus noch als einen Frühling des künftigen ernsteren Lebens genießen . Indessen hatte der Entfernte sich zum schönsten ausgebildet , eine verdiente Stufe seiner Lebensbestimmung erstiegen und kam mit Urlaub , die Seinigen zu besuchen . Auf eine ganz natürliche , aber doch sonderbare Weise stand er seiner schönen Nachbarin abermals entgegen . Sie hatte in der letzten Zeit nur freundliche , bräutliche Familienempfindungen bei sich genährt , sie war mit allem , was sie umgab , in Übereinstimmung ; sie glaubte glücklich zu sein und war es auch auf gewisse Weise . Aber nun stand ihr zum erstenmal seit langer Zeit wieder etwas entgegen : es war nicht hassenswert ; sie war des Hasses unfähig geworden , ja der kindische Haß , der eigentlich nur ein dunkles Anerkennen des inneren Wertes gewesen , äußerte sich nun in frohem Erstaunen , erfreulichem Betrachten , gefälligem Eingestehen , halb willigem halb unwilligem und doch notwendigem Annahen , und das alles war wechselseitig . Eine lange Entfernung gab zu längeren Unterhaltungen Anlaß . Selbst jene kindische Unvernunft diente den Aufgeklärteren zu scherzhafter Erinnerung , und es war , als wenn man sich jenen neckischen Haß wenigstens durch eine freundschaftliche , aufmerksame Behandlung vergüten müsse , als wenn jenes gewaltsame Verkennen nunmehr nicht ohne ein ausgesprochnes Anerkennen bleiben dürfe . Von seiner Seite blieb alles in einem verständigen , wünschenswerten Maß . Sein Stand , seine Verhältnisse , sein Streben , sein Ehrgeiz beschäftigten ihn so reichlich , daß er die Freundlichkeit der schönen Braut als eine dankenswerte Zugabe mit Behaglichkeit aufnahm , ohne sie deshalb in irgendeinem Bezug auf sich zu betrachten oder sie ihrem Bräutigam zu mißgönnen , mit dem er übrigens in den besten Verhältnissen stand . Bei ihr hingegen sah es ganz anders aus . Sie schien sich wie aus einem Traum erwacht . Der Kampf gegen ihren jungen Nachbar war die erste Leidenschaft gewesen , und dieser heftige Kampf war doch nur , unter der Form des Widerstrebens , eine heftige , gleichsam angeborne Neigung . Auch kam es ihr in der Erinnerung nicht anders vor , als daß sie ihn immer geliebt habe . Sie lächelte über jenes feindliche Suchen mit den Waffen in der Hand ; sie wollte sich des angenehmsten Gefühls erinnern , als er sie entwaffnete ; sie bildete sich ein , die größte Seligkeit empfunden zu haben , da er sie band , und alles , was sie zu seinem Schaden und Verdruß unternommen hatte , kam ihr nur als unschuldiges Mittel vor , seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen . Sie verwünschte jene Trennung , sie bejammerte den Schlaf , in den sie verfallen , sie verfluchte die schleppende , träumerische Gewohnheit , durch die ihr ein so unbedeutender Bräutigam hatte werden können ; sie war verwandelt , doppelt verwandelt , vorwärts und rückwärts , wie man es nehmen will . Hätte jemand ihre Empfindungen , die sie ganz geheimhielt , entwickeln und mit ihr teilen können , so würde er sie nicht gescholten haben ; denn freilich konnte der Bräutigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht aushalten , sobald man sie nebeneinander sah . Wenn man dem einen ein gewisses Zutrauen nicht versagen konnte , so erregte der andere das vollste Vertrauen ; wenn man den einen gern zur Gesellschaft mochte , so wünschte man sich den andern zum Gefährten ; und dachte man gar an höhere Teilnahme , an außerordentliche Fälle , so hätte man wohl an dem einen gezweifelt , wenn einem der andere vollkommene Gewißheit gab . Für solche Verhältnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren , und sie haben Ursache sowie Gelegenheit , ihn auszubilden . Je mehr die schöne Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich nährte , je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall war , was zugunsten des Bräutigams gelten konnte , was Verhältnisse , was Pflicht anzuraten und zu gebieten , ja was eine unabänderliche Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern schien , desto mehr begünstigte das schöne Herz seine Einseitigkeit ; und indem sie von der einen Seite durch Welt und Familie , Bräutigam und eigne Zusage unauflöslich gebunden war , von der andern der emporstrebende Jüngling gar kein Geheimnis von seinen Gesinnungen , Planen und Aussichten machte , sich nur als ein treuer und nicht einmal zärtlicher Bruder gegen sie bewies und nun gar von seiner unmittelbaren Abreise die Rede war , so schien es , als ob ihr früher kindischer Geist mit allen seinen Tücken und Gewaltsamkeiten wiedererwachte und sich nun auf einer höheren Lebensstufe mit Unwillen rüstete , bedeutender und verderblicher zu wirken . Sie beschloß zu sterben , um den ehemals Gehaßten und nun so heftig Geliebten für seine Unteilnahme zu strafen und sich , indem sie ihn nicht besitzen sollte , wenigstens mit seiner Einbildungskraft , seiner Reue auf ewig zu vermählen . Er sollte ihr totes Bild nicht loswerden , er sollte nicht aufhören , sich Vorwürfe zu machen , daß er ihre Gesinnungen nicht erkannt , nicht erforscht , nicht geschätzt habe . Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie überallhin . Sie verbarg ihn unter allerlei Formen ; und ob sie den Menschen gleich wunderlich vorkam , so war niemand aufmerksam oder klug genug , die innere , wahre Ursache zu entdecken . Indessen hatten sich Freunde , Verwandte , Bekannte in Anordnungen von mancherlei Festen erschöpft . Kaum verging ein Tag , daß nicht irgend etwas Neues und Unerwartetes angestellt worden wäre . Kaum war ein schöner Platz der Landschaft , den man nicht ausgeschmückt und zum Empfang vieler froher Gäste bereitet hätte . Auch wollte unser junger Ankömmling noch vor seiner Abreise das Seinige tun und lud das junge Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer Wasserlustfahrt . Man bestieg ein großes , schönes , wohlausgeschmücktes Schiff , eine der Jachten , die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das Wasser die Bequemlichkeit des Landes überzutragen suchen . Man fuhr auf dem großen Strome mit Musik dahin ; die Gesellschaft hatte sich bei heißer Tageszeit in den untern Räumen versammelt , um sich an Geistes- und Glücksspielen zu ergötzen . Der junge Wirt , der niemals untätig bleiben konnte , hatte sich ans Steuer gesetzt , den alten Schiffsmeister abzulösen , der an seiner Seite eingeschlafen war ; und eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht , da er sich einer Stelle nahte , wo zwei Inseln das Flußbette verengten und , indem sie ihre flachen Kiesufer bald an der einen , bald an der andern Seite hereinstreckten , ein gefährliches Fahrwasser zubereiteten . Fast war der sorgsame und scharfblickende Steurer in Versuchung , den Meister zu wecken , aber er getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge . In dem Augenblick erschien auf dem Verdeck seine schöne Feindin mit einem Blumenkranz in den Haaren . Sie nahm ihn ab und warf ihn auf den Steuernden . » Nimm dies zum Andenken ! « rief sie aus . » Störe mich nicht ! « rief er ihr entgegen , indem er den Kranz auffing ; » ich bedarf aller meiner Kräfte und meiner Aufmerksamkeit . « - » Ich störe dich nicht weiter , « rief sie ; » du siehst mich nicht wieder ! « Sie sprachs und eilte nach dem Vorderteil des Schiffs , von da sie ins Wasser sprang . Einige Stimmen riefen : » Rettet ! rettet ! sie ertrinkt . « Er war in der entsetzlichsten Verlegenheit . Über dem Lärm erwacht der alte Schiffsmeister , will das Ruder ergreifen , der jüngere es ihm übergeben , aber es ist keine Zeit , die Herrschaft zu wechseln : das Schiff strandet , und in eben dem Augenblick , die lästigsten Kleidungsstücke wegwerfend , stürzte er sich ins Wasser und schwamm der schönen Feindin nach . Das Wasser ist ein freundliches Element für den , der damit bekannt ist und es zu behandeln weiß . Es trug ihn , und der geschickte Schwimmer beherrschte es . Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schöne erreicht ; er faßte sie , wußte sie zu heben und zu tragen ; beide wurden vom Strom gewaltsam fortgerissen , bis sie die Inseln , die Werder weit hinter sich hatten und der Fluß wieder breit und gemächlich zu fließen anfing . Nun erst ermannte , nun erholte er sich aus der ersten zudringenden Not , in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt ; er blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermögen einer flachen , buschichten Stelle zu , die sich angenehm und gelegen in den Fluß verlief . Dort brachte er seine schöne Beute aufs Trockne ; aber kein Lebenshauch war in ihr zu spüren . Er war in Verzweiflung , als ihm ein betretener Pfad , der durchs Gebüsch lief , in die Augen leuchtete . Er belud sich aufs neue mit der teuren Last , er erblickte bald eine einsame Wohnung und erreichte sie . Dort fand er gute Leute , ein junges Ehepaar . Das Unglück , die Not sprach sich geschwind aus . Was er nach einiger Besinnung forderte , ward geleistet . Ein lichtes Feuer brannte , wollne Decken wurden über ein Lager gebreitet , Pelze , Felle und was Erwärmendes vorrätig war , schnell herbeigetragen . Hier überwand die Begierde zu retten jede andre Betrachtung . Nichts ward versäumt , den schönen , halbstarren , nackten Körper wieder ins Leben zu rufen . Es gelang . Sie schlug die Augen auf , sie erblickte den Freund , umschlang seinen Hals mit ihren himmlischen Armen . So blieb sie lange ; ein Tränenstrom stürzte aus ihren Augen und vollendete ihre Genesung . » Willst du mich verlassen , « rief sie aus , » da ich dich so wiederfinde ? « - » Niemals , « rief er , » niemals ! « und wußte nicht , was er sagte noch was er tat . » Nur schone dich , « rief er hinzu , » schone dich ! denke an dich um deinet- und meinetwillen . « Sie dachte nun an sich und bemerkte jetzt erst den Zustand , in dem sie war . Sie konnte sich vor ihrem Liebling , ihrem Retter nicht schämen ; aber sie entließ ihn gern , damit er für sich sorgen möge ; denn noch war , was ihn umgab , naß und triefend . Die jungen Eheleute beredeten sich ; er bot dem Jüngling und sie der Schönen das Hochzeitskleid an , das noch vollständig dahing , um ein Paar von Kopf zu Fuß und von innen heraus zu bekleiden . In kurzer Zeit waren die beiden Abenteurer nicht nur angezogen , sondern geputzt . Sie sahen allerliebst aus , staunten einander an , als sie zusammentraten , und fielen sich mit unmäßiger Leidenschaft , und doch halb lächelnd über die Vermummung , gewaltsam in die Arme . Die Kraft der Jugend und die Regsamkeit der Liebe stellten sie in wenigen Augenblicken völlig wieder her , und es fehlte nur die Musik , um sie zum Tanz aufzufordern . Sich vom Wasser zur Erde , vom Tode zum Leben , aus dem Familienkreise in eine Wildnis , aus der Verzweiflung zum Entzücken , aus der Gleichgültigkeit zur Neigung , zur Leidenschaft gefunden zu haben , alles in einem Augenblick - der Kopf wäre nicht hinreichend , das zu fassen ; er würde zerspringen oder sich verwirren . Hiebei muß das Herz das Beste tun , wenn eine solche Überraschung ertragen werden soll . Ganz verloren eins ins andere , konnten sie erst nach einiger Zeit an die Angst , an die Sorgen der Zurückgelassenen denken , und fast konnten sie selbst nicht ohne Angst , ohne Sorge daran denken , wie sie jenen wiederbegegnen wollten . » Sollen wir fliehen ? sollen wir uns verbergen ? « sagte der Jüngling . » Wir wollen zusammenbleiben , « sagte sie , indem sie an seinem Hals hing . Der Landmann , der von ihnen die Geschichte des gestrandeten Schiffs vernommen hatte , eilte , ohne weiter zu fragen , nach dem Ufer . Das Fahrzeug kam glücklich einhergeschwommen ; es war mit vieler Mühe losgebracht worden . Man fuhr aufs ungewisse fort , in Hoffnung , die Verlornen wiederzufinden . Als daher der Landmann mit Rufen und Winken die Schiffenden aufmerksam machte , an eine Stelle lief , wo ein vorteilhafter Landungsplatz sich zeigte , und mit Winken und Rufen nicht aufhörte , wandte sich das Schiff nach dem Ufer , und welch ein Schauspiel ward es , da sie landeten ! Die Eltern der beiden Verlobten drängten sich zuerst ans Ufer ; den liebenden Bräutigam hatte fast die Besinnung verlassen . Kaum hatten sie vernommen , daß die lieben Kinder gerettet seien , so traten diese in ihrer sonderbaren Verkleidung aus dem Busch hervor . Man erkannte sie nicht eher , als bis sie ganz herangetreten waren . » Wen seh ich ? « riefen die Mütter . » Was seh ich ? « riefen die Väter . Die Geretteten warfen sich vor ihnen nieder . » Eure Kinder ! « riefen sie aus , » ein Paar . « - » Verzeiht ! « rief das Mädchen . » Gebt uns Euren Segen ! « rief der Jüngling . » Gebt uns Euren Segen ! « riefen beide , da alle Welt staunend verstummte . » Euren Segen ! « ertönte es zum drittenmal , und wer hätte den versagen können ! Eilftes Kapitel Der Erzählende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt , als er bemerken mußte , daß Charlotte höchst bewegt sei ; ja sie stand auf und verließ mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer ; denn die Geschichte war ihr bekannt . Diese Begebenheit hatte sich mit dem Hauptmann und einer Nachbarin wirklich zugetragen , zwar nicht ganz wie sie der Engländer erzählte , doch war sie in den Hauptzügen nicht entstellt , nur im einzelnen mehr ausgebildet und ausgeschmückt , wie es dergleichen Geschichten zu gehen pflegt , wenn sie erst durch den Mund der Menge und sodann durch die Phantasie eines geist-und geschmackreichen Erzählers durchgehen . Es bleibt zuletzt meist alles und nichts , wie es war . Ottilie folgte Charlotten , wie es die beiden Fremden selbst verlangten , und nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken , daß vielleicht abermals ein Fehler begangen , etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes erzählt worden . » Wir müssen uns hüten , « fuhr er fort , »