, daß alles ohne mich gerade eben so ist und fortgeht , ich nur neben , nicht mit meinen Freunden lebe , ach , und daß keiner ahnet , oder ahnen will , welche eine Welt voll Liebe ich in meinem Herzen trage . Ich bleibe allen fremd , auch dir , Rodrich , glaube nicht , ich wolle dir einen Vorwurf machen , du kannst nicht anders , daher kehre ich auch in meine Berge zurück , da leben die frommen Eltern und alle freudigen Erinnerungen der Kindheit . Vielleicht suchst du mich dort auf , wenn dir alles einmal mißlingt , und die Welt dir keinen Ersatz bietet . « Rodrich mochte nicht lange bei den wehmüthigen Klagen seines Freundes verweilen . Er scheuete in diesem Augenblick jede tiefere Rührung , und eilte daher zu dem andern Briefe , dessen Ausschrift ihn lebhaft an das geheimnißvolle Billet nach dem Maskenballe erinnerte . Allein , wie erstaunte er , als er Viormona ' s Unterschrift entdeckte , und Blick und Mienen ihm sogleich aus den ersten Worten entgegen blitzten . Der Karnaval , schrieb sie , ist vorüber , eine Larve nach der andern fällt , so mögen Sie mich denn in diesen Zügen immerhin erkennen . Es war ein Augenblick , in welchem wir uns verstanden . Sie fühlten meine Schmach , und der Flug unserer Gedanken berührte sich . Damals erkannte ich in dem großherzigen Jüngling nur das Mittel , meine Pläne durchzusetzen , ich mußte Ihnen noch unbekannt bleiben . Jetzt ist es bei weitem anders . Ihr beschimpftes , bis auf den Schein vernichtetes Daseyn wird Zweck meines Lebens . Könnte ich doch in ein Wort alles zusammendrängen , was mich seit zwölf Stunden unaufhörlich mit Abscheu , Lust , Rache , ja , mit allen gewaltigen Leidenschaften erfüllt , aber ich darf nicht . Fliegen Sie zu mir , die Brieftasche des Kardinals ist in meinen Händen , ohne daß er sie vermißt . Rodrich , ich kann so nicht schließen , was sind alle abgemessene Regeln der Klugheit , gegen die tosende Flut eines überwallenden Herzens . Nun denn , mein Unglücksgefährte , ich grüße in Ihnen den Neffen des Herzogs . Um Gotteswillen , bezähmen Sie die losbrechenden Flammen , Sie brauchen Besonnenheit , die Gewalt ist in den Händen Ihrer Feinde , List und Gewandheit können es allein rächen , daß man Sie über zwanzig Jahr um den stolzen Genuß hoher Geburt betrog , und den Zweig königlichen Stammes in die Gemeinheit niederer Naturen verstieß . Rodrich schlug hier zähneknirschend den Brief zusammen . Aline fuhr in die Höhe , er bemerkte erst jetzt , daß sie weinend zu seinen Füßen lag , und niemand als sie im Zimmer war . Armes , armes Kind , rief er bewegt . Ja wohl , sagte sie , die Mutter wird nun alles erfahren , sie ist bei dem Onkel , der uns zuverlässig in der Nacht gesehen hat . Laß nur , erwiederte Rodrich gedankenlos , es kann ja noch alles gut werden ! Ja ? fragte sie halb getröstet , und drückte seine Hand an ihr Herz , ach , mein lieber , lieber Rodrich , könntest du die Angst fühlen , die mich - ich fühle sie , Aline , unterbrach er sie heftig , ich fühle sie , daher laß mich fort , ich könnte mich sonst in Gegenwart deiner Familie verrathen . Er reichte ihr flüchtig die Hand , und eilte , ohne ihre Antwort abzuwarten , zur Thür . So willst du gehen ? fragte Aline betroffen . - Lebe wohl , Engel , rief er schnell , ich höre draußen Jemand . - Ach Gott ! sagte sie , und wandte sich langsam von ihm ab . Er stürzte fort , ohne noch zu wissen , was er eigentlich wollte und durfte . Es kochte und wüthete in seiner Brust . Alles was er je erlebte , träumte und fühlte , ging verwirrend an ihm vorüber . Nur vorwärts , vorwärts , sagte er halb laut , es muß jetzt alles klar werden . Er beschloß , noch in dieser Nacht zu reisen , und da der Friede unterzeichnet war , so hielt es weiter nicht schwer , Urlaub nach der Hauptstadt zu bekommen . Als er deshalb von dem General zurückkehrte , fand er Stephano auf einem freien Platz der Stadt gedankenvoll auf und niedergehen . Er wollte ihn Anfangs nicht bemerken , indeß sein Blick , in welchem eine Thräne glänzte , traf ihn , und er rief unwillkührlich , ist dir etwas begegnet ? Nein , es ist alles schön und gut , sagte Stephano , halb bitter halb ergeben , uns erwarten Friedensfeste und Hochzeitfeiern . - Hochzeitfeiern ? wiederholte Rodrich . Ja , ja , was denkst du denn , erwiederte jener , soll der Herzog etwa den Staat noch länger ohne Erben lassen ? Miranda ' s schöne Hand wird ihn beglücken . Der Kardinal betreibt es recht angelegentlich , und es kann ja auch nicht fehlen , wer wird ein Herzogthum ausschlagen ? Du träumst , sagte Rodrich halb sinnlos , drückte den Hut in die Stirn , und eilte in seine Wohnung . Mehrere Stunden saß er hier ohne einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen . Die innere Angst stieg fast in jedem Augenblick . Die Zeit ist gekommen , rief er endlich voll Grimm , bei Gott und allen Heiligen , er soll mir Rechenschaft geben . - Er rief seine Leute , sie mußten schnell das Gepäck ordnen , und er ging , seinem Wirthe einen flüchtigen Besuch zu machen , um bei den Alltagsgesichtern Gleichmuth für die letzten Augenblicke zu gewinnen . Mitternacht kam indeß heran . In einer Stunde wollte er reisen . Sein Herz klopfte bang , er öffnete das Fenster , überall war es still . Ob Aline wohl schläft ! dachte er mit wehmüthiger Rührung . Die Kirche neben ihrer Wohnung ragte so fest und ernst über die übrigen Gebäude hervor , ihm war , als bewegten sich die langen Fenster der Kapelle , und Aline breite ihm flehend die weißen Arme entgegen . Unglückseliger , rief er , ist denn nun alles , alles vorbei ! soll die unschuldige , hingebende Liebe nie wieder dies Herz berühren , und ist nicht vielleicht hier und dort alles verloren ? Rodrich , sagte eine weiche Stimme , du entgehst mir nicht , glaube mir , ich weiß , du willst dich von mir losreißen , er blickte erschrocken auf , Aline stand bleich wie ein Geist hinter ihm . Du hier ? sagte er sich fassend . Ich bitte dich , fuhr sie fort , laß uns jetzt nicht untersuchen , ob ich zu viel wage , jede ruhige Überlegung gehörte einer frühern Zeit an , ich komme blos , dich zu fragen , wie du es über dich gewinnen konntest , mich heimlich zu verlassen ? Rodrich , wolltest du mich schonen oder übersahest du mich ganz ? Liebe Aline ! - sagte er ausweichend . O , um alles , unterbrach sie ihn , nur jetzt keine Ausflüchte , schäme dich nicht zu sagen was du fühltest , ich bin dir nichts , Rodrich , gar nichts , ich empfand das diesen Nachmittag , du sahst meine Todesangst , ein einziges Wort hätte mich in den Himmel gehoben , du hast es nicht ausgesprochen . - Ich glaube es gern , daß ich nur eine unbedeutende Erscheinung deines Lebens seyn konnte , aber warum stehst du an , mich ganz zu vernichten ? Glaubst du , es sey besser , mir ein dumpfes , ödes Daseyn zu lassen , das Niemand beglücken kann ? Friede und Vertrauen sind aus unserm Häuschen geflohen , die Mutter hat zum erstenmal in die Welt gesehen , ihr frommer Blick kehrt scheu und getrübt in sich zurück , ich bin alt geworden , lieber Rodrich , die Jugend , ja , die Welt stürzte mir in einem Augenblicke zusammen , habe Erbarmen , rief sie mit einem zerreißenden Ton , indem sie vor ihm niedersank , nimm mir dies quaalvolle Leben . Hier klopfte es leise an die Thür . Verzeihen Sie , sagte Beate im Hereintreten , fuhr aber , als sie Alinen bemerkte , laut schreiend zurück . Bleiben Sie , sagte Rodrich , mit Blick und Stimme , die ihr fast jede weitere Bewegung unmöglich machte ; was führt Sie hierher ? fuhr er fort . Diese Bücher , sagte sie gefaßter , ihm mehrere überreichend , die ich unter den meinigen fand , und die ich über ihre plötzliche Abreise beinahe vergessen hätte . Nun , erwiederte Rodrich , dasselbe Geschäft führte die gütige Aline hierher . Ich zweifle doch , fiel Beate vornehm und beleidigt ein , daß wir einander auf gleichen Wegen treffen können . Sie neigte sich spöttisch und ging . Ich danke dir , Lieber , sagte Aline , du wolltest mich vor den Menschen retten , aber das ist nun doch alles vorbei . Meine liebe , liebe Aline ! rief er auf ' s höchste gerührt , sieh nicht so verzweifelnd in die Zukunft , glaube nur , ich kann nicht anders , mein verworrenes Schicksal umstrickt mich mit tausend Schlingen , und ich darf sie nicht so zerreißen , wie ich wohl möchte , ohne alles mit mir in den Abgrund zu ziehen . Ich tadle dich auch nicht , sagte sie ruhiger , es war wohl unrecht , so klagend und wimmernd vor dir zu erscheinen , gewiß , ich will dich nicht quälen , aber könntest du - sie stand einen Augenblick schweigend vor ihm da . Was foderst du , meine Aline ? fragte Rodrich ; nichts , rief sie unter heißen Thränen , ach , du kannst mir nichts , selbst den Tod nicht geben ! - Lebe wohl , sieh , ich kam - ach mein unaussprechlich geliebter Rodrich , stammelte sie und sank ohnmächtig in seine Arme . Er trug sie leise in Laura ' s Zimmer . Sorgen sie für die Unglückliche , rief er der erschrockenen Frau entgegen . Sie sind Mutter , in Ihrer Brust lebt ein menschliches Gefühl , dulden Sie nicht , daß man den Engel beleidige , ich warne sie , sie und Erwin sind in meinen Händen . Er drückte einen Kuß auf Alinens Stirn , und flog zum Hause hinaus . Ohne Aufenthalt und Ruhe eilte er nun der Hauptstadt entgegen . Alle Herrlichkeiten des erwachenden Frühlings , die lachendsten Gegenden , nichts konnte ihn aus sich selbst herausziehen . Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um einen Punkt , ohne ihn gleichwohl zu erfassen . So in sich versenkt , dumpf und befangen kam er an das Thor . Hier spannten sich alle seine Gefühle zur höchsten Erwartung . Er glaubte , sein Anblick müsse die Menschen ungewöhnlich erschüttern , und jedes Auge an dem seinen entzünden . Statt dessen ging alles den gewohnten Gang . Niemand , außer der Schildwache am Thore bemerkte ihn . In thatenloser Geschäftigkeit eilte Jung und Alt an ihm vorüber . Ein Jeder hatte sein kurzes Ziel vor Augen , und kümmerte sich wenig um die ausgedehntern Plane Anderer . Ich werde euch nicht lange fremd bleiben , dachte er , und eilte zu Viormona . Schon hier ? rief diese , nun , ich konnte es denken . Ihr guter Engel führte sie im rechten Augenblicke hieher . Das Schicksal hat vorgearbeitet . Der Herzog ist weich und erschüttert wie ein Kind . Sie wissen vielleicht , daß er Miranda mit seiner Hand beglücken wollte . Vor einigen Tagen ist diese mit ihrer Mutter und Elwire in ein fernes Kloster geflohen , und droht den Schleier zu nehmen . Den Schleier ? - unterbrach sie Rodrich . Nun , lassen wir sie , fiel sie ungeduldig ein , sie paßte ohnehin nicht hieher . Wichtiger ist , daß der Herzog in seinen gescheiterten Hoffnungen eine Strafe des Himmels sieht , und sie um so leichter Eingang finden werden . Wollen sie sich mit langsamen Gifte nähren , fuhr sie fort , einige Papiere aus einem Kästchen langend , oder soll ich - doch besser , sie lesen selbst . Nehmen sie zuerst diesen angefangenen Brief des Kardinals , dem er wohl noch mehreres hinzufügen wollte . Rodrich las mit flammenden Blicken . » Ihre früheren Vermuthungen sind eingetroffen . Der Knabe lebt , und tritt jetzt sehr unberufen als Mann in meinen Weg . Der dumpfe Trotz , mit dem er sich einst Ihren Händen entwand , hat sich zur frechen Verachtung aller gesetzlichen Ordnung und hergebrachten Weise entwickelt . Er ist zu klug , um genügsam zu seyn , und wird eben deshalb furchtbar . Zum Glück besitzt er noch etwas von jener schwankenden Reizbarkeit , die man Herz und Gemüth nennt , und die uns kältern Naturen die Welt unterwirft . Sonst ist er stolz , es regt sich so etwas von Herrschersinn in ihm , er könnte vielleicht an der Hand eines Gewaltigen höhern Stufen entgegen reifen , allein er muß in die Dunkelheit zurück . Sie wissen , wie ich bemüht war , jede Spur eines beschämenden Ereignisses zu verwischen , und den Hohn der Kirche im eignen Blute zu rächen . Das Daseyn des Knaben wandte sich indeß wie ein Dolch gegen die eigne Brust . Ich war nicht ruhig , seit er ihnen entwich . Sie erinnern sich des Fehlgriffes mit dem Sänger , ich forschte vergebens . Ganz unerwartet fand ich endlich hier , was ich suchte . Die abentheuerliche Erscheinung eines jungen Mannes , der unter dem Schutze des alten Alwarez , plötzlich Offizier wird , bei dessen Anblick der Herzog ohnmächtig niedersinkt , der durch ein gebieterisches , vornehmes Wesen jede Nachfrage zurück drängt , und so alles , bis auf die Neugier der Menschen unterjocht , mußte nothwendig tausend Muthmaßungen erregen , mit denen man mich sogleich bei meiner Ankunft bekannt machte . Ich ward begierig , mehr zu erfahren . In einer Abendversammlung trat er vor mich hin . Ich glaubte , fünf und zwanzig Jahr jünger zu seyn , und den Bruder des Herzogs zu sehen . Nur in Vater und Sohn kann sich die Natur so wiederholen . Derselbe Blick , Mienen und Gebehrden . Ich konnte nicht länger zweifeln . Dazu kam die enge Verbindung mit dem Grafen , der augenscheinlich mehr von seinem Schicksale weiß . Ich setzte alles in Bewegung , um der Sache auf den Grund zu kommen , und erfuhr , daß er in einem Gasthofe , mehreren jungen Leuten seine Geschichte nach Jugend-Art laut genug mitgetheilt hatte , um den Wirth mit einigen Zügen derselben bekannt zu machen , die mir weiter keinen Zweifel übrig lassen . Die Erinnerung des Mantels lebt noch frisch in seiner Seele , und er würde sicher nicht anstehen , ihn von den Schultern seines herzoglichen Oheims zu reißen , wenn er eine Ahnung der Wahrheit hätte . Dies ist hinreichend , um ihn bald wieder in Ihre Hände zu liefern . Vorerst habe ich ihn ruhig in den Krieg ziehen lassen , vielleicht gebietet das Schicksal ohne meine Hülfe über ihn . Seine Entfernung thut dem Herzoge wohl . Dieser schwache Mensch sitzt ohnehin unsicher auf dem fremden Thron . Ich kam , um ihm eine schickliche Haltung zu geben . Es wird mir gelingen . Seine Feinde sind nicht gefährlich , Trägheit und Furcht augenblicklicher Störung halten die meisten Menschen in der mißlichsten Lage gefangen . Ein rachsüchtiges , eitles Weib steht an ihrer Spitze . Sie ist in meinen Schlingen , indem ich ihr glauben ließ , sie könne mich als Mittel ihrer Plane gebrauchen . Der Herzog soll sich vermählen . Der Bastard darf ihm nicht in der Regierung folgen , aus diesem könnte etwas werden , wenn er nicht alles seyn wollte . Leben sie wohl . Vielleicht sende ich ihnen bald ihren Flüchtling zurück . Entgehen wird er uns schwerlich . Sind sie gewiß , daß der andere Knabe in Martins Hütte starb ? « Rodrich wollte hier losbrechen . Halten sie sich noch einige Augenblicke , sagte Viormona , ihm das Blatt entwindend , lesen sie erst diesen zweiten Brief des Herzogs an den Kardinal , der hebt die Decke , und läßt in ein weites Feld menschlicher Verirrungen sehen . Er gehorchte , ohne sich irgend einer deutlichen Vorstellung bewußt zu seyn , und las Folgendes : » Sie haben von jeher meinen Willen gelenkt , und in unsichern Augenblicken meinem Gefühl die Richtung gegeben , die Sie nothwendig hielten . Ich kenne ihre Gewalt , und flüchte zu ihr , jetzt , da alle Wunden auf ' s neue aufspringen , und die alten Quaalen mich foltern . Reue , sagt man , sey ohnmächtiges Wollen . Es kann wahr seyn , allein die Menschen haben das so auf Treu und Glauben angenommen , weil jeder Rückblick Anstrengung kostet , und der Wille lieber erzeugt als herstellt . Ich möchte gern nicht bereuen , aber wenn nun die Wahrheit so vor mich hintritt , und mich mit ihrer zermalmenden Gewalt anfaßt , daß ich schreien möchte , wie kann ich ihr , wie kann ich mir selber entfliehen ? - In solchen Augenblicken verliere ich auch den Glauben an Ihre Unfehlbarkeit , und das ist von allem das Schrecklichste . Warum ließen sie mich , meiner frühern Bestimmung gemäß , nicht in einem Kloster still und unbeachtet verblühen ? Ich brauchte es , so ein scharf ausgesprochenes , dürres Ziel vor mir zu sehen . Die Mauer wäre meinen schwankenden Vorstellungen eine selige Gränze geblieben . Hätten sie sich wirklich in mir geirrt ? Ich glaube es nicht . Rache war es gegen meinen Vater , der einst im tollen Übermuthe einige Klosterfrauen entführte , die Sakramente verspottete , und das Hochamt entweihen half . Darum überredeten sie ihn , ein zweiter Abraham , seinen Liebling zu opfern , darum schürten sie die dürftige Flamme in mir an , damit ich den ernsten Bruder überstrahlen und die Welt glauben machen sollte , ich gehöre ihr an . Mußte das ganze Erdenglück eines Menschen in meinen Händen zerbrechen , damit ich ungenießend darbe ? Mich knüpfte kein Band an die Menschen , nüchtern und leer blickte ich auf ihr buntes Treiben . Ja meiner Brust lag die Welt unberührt und todt , und dennoch , dennoch konnte ich den Bruder opfern . Nehmen sie mir die Erinnerung jenes Augenblickes , in welchem er mir zuerst sein großes Herz eröffnete . Mit glühenden Blicken bekannte er mir seine Liebe zu Mathilden , beschwor mich , alles zu nehmen , und ihm nur so viel zu lassen , daß er still an ihrer Seite leben könne , seine Brust schlug zum erstenmal an der meinigen , ja , er sank zu meinen Füßen , und ich verrieth ihn , zwang beide , schimpflich zu fliehen , und ihr Glück und ihre Schande in der Dunkelheit zu verbergen . Und als nun ihr spähender Blick sie auch hier entdeckte , die schöne Mathilde starb , mein Bruder auf ' s neue verschwand , und seine unglücklichen Kinder in niedrer Vergessenheit verschmachteten , da schwieg ich , da bewahrte ich das tiefe Geheimniß , da vermochten feige Rücksichten mehr als die heiligste Liebe . Sagen sie mir , ich beschwöre sie , daß ich ein kindischer Thor sey , schleudern sie alle Blitze ihres Zornes auf mich nieder , zertreten , zermalmen sie mich , damit ich wieder in der alten Demuth an sie glauben lerne , und ruhig werde . So kann ich es nicht seyn , meine kurzsichtigen Blicke verwirren sich in dem Erfolge jener Thaten . Es ist nirgend ein Punkt , wo sie freudig ruhen könnten , nichts , was die erwachenden Zweifel beschwichtigte . Mein Vater starb in herbem Leide , sein finstrer Sohn herrscht in seinen blühenden Staaten , indeß ich allein , ungeliebt und verlassen , unter fremden Gesichtern , vergebens ein Auge suche , das dem meinigen begegne . Verstoßen sie mich nicht , lehren sie mich , tiefere Blicke in die verworrnen Ereignisse des Lebens werfen , und die Bedeutung der Dinge erkennen . Ich stehe auf halbem Wege der Erkenntniß , und weiß nicht , wohin ich mich wenden soll ! « Rodrich ließ das Blatt fallen , und eilte , ohne ein Wort zu sagen , aus dem Zimmer , indeß ihm Viormona in höchster Unruhe nachsahe , und sich vergebens bemühete , ihn zurück zu rufen . In wenigen Augenblicken war er im Schlosse . Er flog die Treppen hinauf , niemand redete ihn an , der Anblick eines Offiziers ließ in dieser Zeit auf irgend eine wichtige Sendung schließen . So kam er durch die Vorzimmer zum Eingang der Gallerie . Der Tag neigte sich schon , alle Gegenstände verschwammen in ein schauerliches Halbdunkel . Gedankenvoll blieb er stehen , seine Blicke hefteten sich gerührt auf die alten Bilder , in denen er zuerst seine Ahnherrn begrüßte , er suchte den Einsiedler , und bemerkte den Kardinal , der ihm gegenüber nachdenklich an einem Pfeiler lehnte . In dem Augenblicke öffnete sich dieselbe Tapetenthür , aus welcher ihm der Herzog zuerst entgegen trat . Er erschien auf ' s neue , indem er dem Kardinal sehr heiter zurief : sie wird mein , Therese schreibt , sie sey bei weitem ruhiger , und füge sich immer mehr ihren Bitten , sie hatten Recht , ich kann dennoch glücklich werden ! Nein , das sollst du nicht , feiger Bösewicht , schrie Rodrich , und stieß ihn wüthend nieder . Ewiger Gott , stammelte der Kardinal , ist das deine Rache ? Rodrich wandte sich langsam , und ging wie im Traume , durch die weiten Hallen zu Viormona ' s Wohnung . Haben sie sich anders besonnen ? fragte diese , über seine schnelle Rückkehr erfreut . Besonnen ? wiederholte er vor sich hin . Ich glaubte wirklich , fuhr sie fort , sie wären in dieser Stimmung zum Herzoge gegangen . Der ist ja todt , sagte Rodrich . Todt ? schrie sie , todt ? - um Gotteswillen , wer hat jetzt - ich , erwiederte er dumpf und gedankenlos . - Viormona betrachtete ihn einen Augenblick zweifelhaft . Wahnsinniges Kind , rief sie endlich , mußte ich meine Rache ihren Händen anvertrauen ? so plump und zwecklos konnte sie nur durch einen Mann vollführt werden ! Nun ist alles verloren , der gemeine Mörder bleibt verachtet , wie sehr die That auch den meisten willkommen seyn möge . Mußten sie sich so freventlich bloß stellen , glaubten sie wirklich , mit blutigen Händen das Zepter zu ergreifen ? War denn ihre Phantasie so arm , daß sie diesen letzten Triumph nicht fest halten , daß sie ihn wegen einer schwächlichen Aufwallung hingeben konnten ? Jetzt gehen sie nur , ich will nicht das Ansehen haben , als theile ich ihre Schuld . Recht gern , erwiederte Rodrich , und schwankte zur Thür . Ach , Rodrich ! Rodrich ! sagte sie , ahnet ihnen nicht , was sie verloren ? war denn keine andere Regung in ihrer Brust , als die Rache ? Glauben sie nur , so zum bloßen Werkzeuge wollte ich sie nicht herabwürdigen , das konnte ich entbehren . Er stand noch immer untheilnehmend und kalt vor ihr da . Fühlst du nicht , rief sie , sich an seine Brust stürzend , daß ich hier mein höchstes Glück suchte ? daß ich hier allen Schmerz und alle Wuth der Liebe kühlen , und meinen Stolz in deiner Glorie erhöhen wollte ? Du solltest siegen , durch die Gewalt hoher Natur , den Mord mußtest du Andern überlassen . - Sie haben sich geirrt , sagte Rodrich kalt , meine Hand war zu grob zu dem feinen Gewebe , ich habe sie nicht verstanden , oder besser , sie gar nicht gehört - ich fühlte nichts , als mich , mich selbst , sie waren mir gar nichts . Es ist nun auch mit mir vorbei , darum lassen sie mich . Er ging , in seinen Mantel gehüllt , weit hin zur Stadt hinaus . Sein Herz schlug matt und krank , er wußte nicht , wohin ihn die unsichern Schritte führten , und dennoch lief er , daß ihm der kalte Schweiß über die Stirn rann . Die Nacht brach endlich herein , er sank erschöpft auf einer Anhöhe nieder . Seine Augen richteten sich unwillkührlich gen Himmel , kein Stern leuchtete , die Wolken zogen schwer und langsam über ihn hin , alles um ihn war stumm und unbeweglich , die Natur schwieg , als habe sie ihm nichts mehr zu sagen . In der düstern Stille erwachte sein Inneres , wie aus einem bangen Traume . Es stand alles einzeln und zerrissen vor ihm da , er konnte kein Ganzes zusammen finden . Warum gerade ihn - ? fragte er sich laut , warum nicht den Kardinal ? - Dahin also , dahin sollte es kommen ! ach , du armes , thörichtes Herz , wie hast du dich betrogen ! rief er wehmüthig , das Gesicht unter heißen Thränen am Boden verbergend . Er weinte so heftig , als wolle sich die wunde Seele in Thränen auflösen . Endlich schlossen sich seine Augen , er schlief ein , und begrüßte im Traume fast alle freudigen Momente seines Lebens . Seraphinens lustige Umgebungen nahmen ihn wie in den ersten Tagen gefangen . Er ging hier an den lieblichsten Gestalten vorüber . Aline war unter ihnen . Der Graf führte sie durch die Reihen , sie reichte ihm zutraulich die Hand , und er steckte ihr Miranda ' s Ring an den Finger . Als er erwachte , stand der Mond hell am Himmel , und beleuchtete die Thürme der Stadt , daß sie glänzend vor ihm da lagen . Er konnte sich lange nicht besinnen , ihm war , als wenn er dahin zurück müsse , er ängstete sich , daß man ihn vermissen könne , und stand eilig auf , um sich auf den Weg zu machen . Plötzlich fiel ihm die Wahrheit wie ein Stein auf ' s Herz . Ach Gott , sagte er , es ist ja alles vorbei . Sie hatte Recht , der gemeine Mörder bleibt ewig verachtet . Wer wird mir es jetzt glauben , daß ich der Neffe des Herzogs sey ? Viormona verläugnet mich , und ich muß wie ein Wahnsinniger erscheinen . Er wußte lange nicht , wohin er sich wenden sollte . Endlich dachte er an Florio . Ja , ja , du frommes Kind , ich suche dich wieder , rief er , es ist alles mißlungen , mit einem Schlage alles zertrümmert , die Welt bietet mir keinen Ersatz - ich flüchte zu dir . - Er wandte sich noch einmal mit nassem Blicke zur Stadt . Alle Wünsche und Hoffnungen , sagte er , liegen in dir zertrümmert , so trage ich mich denn selbst mit diesem erschöpften Herzen zu Grabe . Er ging langsam die Anhöhe hinunter , die nun mit einemmale , wie eine Scheidewand , zwischen ihm und seiner Welt da stand . Schweigend breitete er ihr zum letztenmale die Arme entgegen , und wanderte so verlassen weiter . Nach vielen Tagen und Nächten kam er in das Gebürge . Er hatte gehofft , die Erinnerung jener schuldlosen , frommen Zeit sollte sein Herz wohlthuend berühren , allein , was er sah , schien ihm so klein und ärmlich , die dürftigen Umgebungen so drückend , daß er vor dem Gedanken zurück schreckte , hier seine Tage zu beschließen . Er nahete sich indeß Martins Hütte , die er an einem Ziehbrunnen erkannte , an dessen Rande er wohl mit Florio zu spielen pflegte . Eine hagere , zusammengefallene Gestalt , trat ihm entgegen . Es war Sara . Sie blickte ihn starr und fremd an , und hieß ihn leise hineintreten , da eine Kranke in ihrem Kämmerchen schlummere . Ihr Anblick drängte ihn vollends in sich zurück . Er folgte ihr schweigend in das enge Stübchen . Alles war hier wie ehemals , aber es konnte ihn nichts erfreuen , er fühlte schmerzlich , daß ihn nur der Fluch seines Schicksals dahin zurück triebe , von wo er einst mit so stolzen Hoffnungen schied . Ist euer Sohn nicht bei euch ? fragte er nach einer Weile . Nein , erwiederte Sara mürrisch , er ist verreist , und es ist auch uns gut , denn ich habe so Wunder genug im Hause . Die Kranke dort mußte auch gerade hierher kommen ! Wer ist sie denn ? fragte Rodrich , weiß ich es ? erwiederte sie . Ein geistlicher Herr kam in voriger Nacht mit ihr an , um sie in ein nahes Kloster zu einer Verwandten zu führen . Plötzlich erkrankte sie , und er mußte nur eilen , einen Arzt herbei zu schaffen . Aber es ist mehrere Stunden Weges bis zur Stadt , sie werden nicht vor Nacht ankommen , und derweil habe ich nun die Sorge allein ! Es ist sonst ein liebes , feines Kind , und es geht einem durch ' s Herz , sie so leiden zu sehen . Mich dünkt indeß , da wird wohl kein Arzt helfen , denn sie weint gar zu viel und wünscht sich den Tod in den herzbrechendsten Worten . Hört ihr , wie sie betet , die fromme Seele ! Rodrich beugte sich zur halb geöffneten Kammerthür . Jesus , schrie er , meine Aline ! und stürzte an ihr Bett . Rodrich , ach , mein Rodrich , rief sie , ihn erkennend , Gott hat mein Gebet