; » irgendeine Stimmung muß man doch mitbringen ; warum nicht die günstigste , die weichste , da das Herz ja ihr wahrer Sangboden ist ? - Aber deine Lehre will ich nicht vergessen , nämlich voraus- und zurückzuhören . « » Wie gings dir sonst ? « fragte Vult mürrisch . » Denn ich bleibe dabei , Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an manchen Deckengemälden , in welche der Perspektive wegen noch wirkliche Gips-Figuren geklebet sind . Erzähle ! « Walt - der Vults Murrsinn bloß seiner unkünstlerischen Hörkunst zuschrieb und über welchen ohnehin die Liebe ihren Traghimmel hielt - erzählte sanft und gern , wie eifrig er bisher den Grafen gesucht , wie er ihm bei Neupeter , dessen Diner er beschrieb , gegenüber gesessen , mit ihm gesprochen und an ihm gefunden , daß er durch die stolze Gewandtheit seines Geistes und durch den philosophischen Schwung über enge Blicke und Winke dem Flötenspieler so ungemein ähnlich sei . » Du liebst Dubletten , doch wahrlich hier sind keine , Freund ; aber nur weiter ! « versetzte Vult , dem , wie Frauen , kein Lob der Ähnlichkeit gefiel . Darauf zeigt ' er Winas Briefumschlag her als Einlaßkarte in Klothars Zimmer und Ohr . » Ja , ja , ganz natürlich - überhaupt ( fing Vult an ) ; aber nenne nur ins Henkers Namen nicht Spieß- und Pfahlbürgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen ; in großen Städten , an Höfen gibts Damen , aber in Haßlau nicht . Dein höllisches Preisen ! Ich will gehangen sein , sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den Verstand ab als fünfen , den fünf törichten im Neuen Testamente . - Und was hältst du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen , der fünf klugen , der Rosenmädchen , der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sängerinnen ? Aber ich weiß es schon . « » Nun , ich scheue mich nicht « , versetzte der Notar , » wenigstens dir , meinem leiblichen Bruder , zu bekennen , daß ich bis diese Stunde keinen Begriff habe , daß ein vornehm gekleidetes schönes Frauenzimmer sich sündlich vergessen könne ; etwas anders ist eine Bäuerin . Gott weiß wie heilig und zart alle insgeheim sind ; wer wills wissen ? Aber mein Blut , das weiß ich , könnt ' ich für jede hingeben . « Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und nieder , schnappte mit beiden Händen wie mit Schnappweifen , nickte mit dem Kopfe und wiederholte : » Vornehm gekleidetes ! « - Es wäre zu wünschen , daß die Leserinnen sein anstößiges Erstaunen , wenn nicht rechtfertigen , doch entschuldigen wollten mit den Verhältnissen , worein er auf seinen großen Reisen geraten mußte , da es , wie schon gemeldet worden , wenig größere Städte und höhere Stände gab , denen er nicht blies als anerkannter Flötenmeister . Das bessert seinen Handel um vieles . Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt : » Rede wenigstens ! « sagt ' er , » denn dies widerlegt mich nicht . « - Aber Vult versetzte mit dem gleichgültigsten Tone von der Welt : » De gustibus non und so weiter . Von etwas Schönerem ! Äußertest du nicht vorhin etwas , als ob beide Dlles Neupeter sich in der Tat für häßlich ansähen , und zeigtest ein Mitleid ? « - » Desto besser « , sagte Walt , » wenn sie sich schöner finden . Bei allen Mädchen entschuldige ich das , weil sie sich nur im Spiegel sehen , mithin , wie du aus der Katoptrik wohl weißt , gerade in einer noch einmal so großen Ferne als der Fremde sie ; jede Ferne aber , auch die optische , macht schöner . « » So scheints « , sagte Vult erstaunt . » Spaßeshalber will ich dir doch nur die drei Weiber , so weit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen , aufstellen . Die alte Engelberta - nein , das ist die Tochter - die Mutter also , mag noch hingehen ; ihr Herz ist ein ausgesessener Großvaterstuhl , und übrigens hat sie von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt , sondern auch die Perlen . Freilich , wäre der Agent weniger bemittelt , so würde sie wohl , als Widerspiel der Österreicher Infanterie , die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsäcke machen muß21 , seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden . - - Engelberta , nun sie scherzt zuweilen - viele nennens Verleumden - wie Festungen bei schlimmem Wetter , so tut sie immer Ausfälle , wiewohl man sie nicht eben belagert - wehrt sich , wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde , und ich könnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen , worein sie sich eingebissen . - Raphaela - sie empfinde , sagst du ; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel oder meine Ferse ? frag ' ich . Freilich will sie , ich bekenne es , an der Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hübschen Walfisch von Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen . An ihrem Ufer , zu ihren Füßen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte , der gern lebte und sich gern als ein Goldfischchen in einem Gehäuse auf einer Tafel stehen sähe , Semmelkrumen aus schönsten Händen fressend . Die andern - Aber was solls ? An der ganzen Tafel dauert mich nichts als der südliche - Wein . Es ist Sünde , wenn ihn jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz . Es ist Sünde gegen den heiligen Geist des Weins , wenn er Fracht-Mägen gemeiner Menschen durchziehen muß . « » O Gott « , sagte Walt , » wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine Menschen , aber so erzürnt dabei , als habe sich das Gemeine freiwillig von einer Höhe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf , indes du doch milder von Tieren und Feuerländern sprichst ! « » Warum ? - Mich erbittert die Zeit , das Leben , der Satan . Überhaupt - aber was hilfts ? - Grüße den Grafen von mir herzlich morgen . Von den ehrlichen sieben Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen , ganz gegen meine Meinung weniger als gegen deine . Inzwischen Addio ! « sagte Vult , schied hastig , über den geringen Erfolg verdrüßlich , womit er mit seiner Welt und Kraft den unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot . Walt sagte mit zärtlichster Stimme gute Nacht , aber ohne Umarmung , und er sah ihn nur mit Lieb ' und Trauer an . Er warf sich vor , daß er durch seine Urteile den künstlerischen Bruder so wenig belohnet , und daß er diesem die - Beete verloren habe . » Wenigstens aber hab ' ich ihm doch « , sagt ' er , » die Tafelschmähungen gegen ihn22verschwiegen . « Er hielt es nur für erlaubt , ein Lob hinter dem Rücken , nicht einen Tadel hinter dem Rücken dem Gegenstande mitzuteilen . Nr. 28. Seehase Neue Verhältnisse Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen , übergab aber nichts , weil vergoldete Wagen und Bediente an der Türe und deren Herren im Besuchszimmer standen ; was hätte ich davon ? fragt ' er sich . » Ich komme wieder , wenn niemand darin ist « , sagt ' er zum Bedienten , dem das wie eine Diebs-Erklärung klang . Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klothars gedruckte Bitte darin , ein redlicher Finder soll ' ihm seinen Brief wieder zustellen . Am Tische hört ' er , daß der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubiläum feiern lasse . Der Komödiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals , ein Offizier aus dessen Gaumen und Magen her ; » der Jubelkoch « , fügt ' er bei , » ist ihm so nahe wie eine Kompanie oder sein Schwiegersohn . « Walt lief wieder in die Villa des Grafen hinaus - Dieser aß eben bei dem General . Zu erklären ist allerdings einer der keckesten Gedanken - die je Walten Sporen und Flügel angesetzt - , welcher ihm unter Klothars Gartentüre anflog , sobald man erwägt , daß er das Sonntags-Konzert noch im Kopfe haben mußte und im Herzen ohnehin . Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabei - aber er trug mit bei - , daß der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein Linker . Gleichwohl wollt ' er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten , ob er angehe , der Gang ; ließ es aber unterwegs , um ihn , hofft ' er , abends mehr mit der Nachricht zu fassen und aufzurütteln , daß er ganz kühn beim polnischen General gewesen , um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern . Sehr spät brach er dahin damit auf , um nicht ins Essen zu fallen . Auch sollte jeder Mensch gegen Abend - nämlich nie gegen Morgen , wo der Geist noch den Körper und das Gestern verdauet - mit Gesuchen und sich zu Großen kommen , welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halb-menschlich , es sei vom Mittags-Essen oder Mittags-Trinken , zu finden hoffen darf . Auf dem Wege dahin wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf , daß er dem Hause zugehe , worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt . Auf der letzten Gasse mußt ' er mit dem Plane der Übergabe ins Reine kommen . » Anders « , sagt ' er sich , » kanns doch nicht gehörig delikat ausfallen , als wenn ichs so mache , daß ich mich beim General - denn der Graf ist doch nur Gast - ordentlich melden lasse , mich dann entschuldige und sage , daß ich dem Hrn . Grafen etwas in einem Seitenzimmer zu übergeben habe , dieser und seine Braut mögen nun dabeistehen oder nicht ; und dabei seh ' ich doch auch einmal einen General , ja einen polnischen . « Sehr sucht ' er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten als die , einen General zu hören . Drei Viertel-Stunden hatt ' er einmal in Leipzig am Hotel de Baviére gelauert , um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen . Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preußischen Ministers . Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt , der Feinheit und des Verstandes ; feinere Turnüren , als die sind , womit dieser Staats-Trident guten Morgen , guten Abend und alles sagen werde ( indes ohne Blumen ) , konnt ' er nicht wohl für möglich halten , weil er glaubte , sie denen gleichsetzen zu können , womit Louis XIV. und Versailles auf die Nachwelt kamen . Nur drei Personen , gleichsam Kuriatier , stellt ' er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus - deren Gemahlinnen ; oft ließ er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf gehen , welche es war , eine russische , dänische , französische , englische etc. - » Bei Gott « , sagt ' er , » sie ist ganz Göttin sowohl in betreff der zartesten Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints , Gesichts und Anzugs ; - aber warum hab ' ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen ? « Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast . - Die Auffahrt und das Ketten-Gehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel für seine Phantasie ; er freute sich auf die Nacht , wo er diese gespannte bange Stunde auf dem Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde . Er trat in den Palast , er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengeländern - große Flügeltüren - sogar einen rennenden Mohr mit weißem Turban - geputzte Menschen gingen herab , heraus , hinein - Türen wurden oben auf- und zugemacht - Treppen berennt . Schwer wars für einen Notar , sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen , dem die Bitte vorzutragen war , daß er zum General wolle . Eine Viertelstunde stand er , hoffend , einer der Leute wende sich an ihn und frag ' ihn und entwickle dann alles ; - aber man lief vorüber . Zuletzt spazierte er frei in der Hausflur auf und nieder - einmal eine halbe Treppe hinan - hielt sich die größten Männer aus der Weltgeschichte vor , um einen lebendigen besser zu handhaben - und bracht ' es endlich zu einer Frage nach dem General an ein Mädchen . Sie wies ihn an den Portier . Der Himmel hat öfter eine Vorhölle als einen Vorhimmel - tröstet ' er sich - vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon auf ähnlichen Palast-Fluren geschwitzt . Eine Himmelstüre tat sich ihm auf ; heraus trat ein ältlicher gepuderter verdrüßlicher Mann , der ein breites Gehänge über dem Leib und einen Stock mit einem schweren Silber-Giebel trug . Walt , ganz unvermögend , das lederne Bandelier für etwas anders zu halten als für ein Ordensband und den Portier-Stab für einen Kommando-und Generalstab und den Portier für den General , machte ohne viele Umstände einige Verbeugungen und näherte sich dem Türsteher höflich murmelnd . » Das hilft alles nichts « , sagte der Portier , » gegenwärtig schlafen Exzellenz , man muß sich gedulden . « - - Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen , wenn man soviel von der Welt gesehen , daß - keine möglich ist , - sondern daß jeder vornehme Inhaber eines Türhüters selber wieder einer ist , nur an einer höhern Türe , entweder an einer kaiserlichen , königlichen , fürstlichen Gnaden- oder an einer Falltüre , entweder als Klopfer , der das Hereinwollen , oder als Klingel , die das Hereinkommen ansagt , und jeder wie Janus als Schwellen-Gott ein anderes Gesicht gegen die Gasse kehrend , ein anderes gegen das Haus . - Sind manche gute Gemüter nur Portiers an blinden Toren : so stecken sie doch ihren Sperrgroschen von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten , die wenigstens den Janustempel wie eine öffentliche Bibliothek gern öffnen . Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer , das Geißelgewölbe eines dürftigen Gelehrten . Bediente sind parasitische Menschen an Menschen , Dörfer , wo auf den Briefen die nächste Poststation angezeigt werden muß . Doch die Zablockischen waren gut gelaunt und schön-betrunken vom Küchen-Jubel ; - Walt saß unbeunruhigt da . » Wo ist der Bonsoir , Freund ? « fragte ein eintretender Lakai . Walt glaubte sich gemeint und den Abendgruß vermisset , nicht aber den Licht-Töter ; er versetzte frisch : » Bon soir , mon cher ! « In der Tat kam es endlich dahin , daß ein Bedienter vor ihm vorausging und er hinterdrein , durch Vorsäle voll langer Kniestücke - über glatte Zimmer weg - und endlich vor ein Kabinett , das der Bediente zwar auf- , aber erst zumachte , da er hinein war , bevor ers ihm auftat . Der General , ein stattlicher , männlich-schöner , stark genährter , lächelnder Mann , fragt ' ihn mit freundlicher Miene und Stimme , was Monsieur Harnisch wünsche . » Exzellenz , ich wünsche « , fing er an und hielt die Wiederholung des Zeitworts für Welt , » dem Hrn . Grafen von Klothar einen verlornen Brief zu übergeben , da ich ihn hier zu finden hoffe . « - » Wen ? « fragte Zablocki . » Den Hrn . Grafen von Klothar « , versetzte Walt . » Wollen Sie mir den Brief vertrauen , so kann ich ihn sogleich übergeben « , sagte Zablocki . Der Notar hatte sich viel schönere Entwicklungen versprochen ; jetzt lief alles fast auf nichts hinaus ; dem Vater mußt ' er den Brief der Tochter abstehen und lassen . Er tats , da der Umschlag entsiegelt war , mit den feinen Worten : er bring ' ihn so offen , als er ihn gefunden . Er wollte damit vielerlei leise andeuten - seine eigene Rechtschaffenheit , ihn nicht gelesen zu haben , sein Erwarten der Nachahmung und noch allerhand Gefühle . Der General steckte ihn , nach einem leichten Entzifferungsblick auf die Überschrift , gleichgültig ein und sagte , er habe soviel Schönes über seine Flöte gehört , er wünsche sie selber einmal zu hören . - Große sind ebenso vergeßlich als neugierig ; doch konnt ' es Zablocki auch tun , um reden zu hören . Walten wars angenehm , zu berichtigen : » Ich wünschte « , sagt ' er fein , » ich würde nicht verwechselt , oder vielmehr ( fügt ' er bei , da ihm das gerade einen zweiten , ganz entgegengesetzten Sinn geben wollte ) ich könnt ' es werden . « - » Ich verstehe Sie nicht « , sagte der General . Walt entdeckte ihm kurz , er sei aus dessen Elterleinischem Territorium gebürtig , und sein Vater sei der Schulz . Jetzt glaubte er an Zablocki den wahren menschenliebenden Menschen-Dulder ganz zu erkennen , als dieser sich des Schulzen , der so oft als ein Mauerbock sich an dessen Gerichtsstube die Hörner abgestoßen , vielmehr mit den freundlichsten Mienen und sogar der van der Kabelschen Erbschaft entsann , ja teilnehmend eine genauere Geschichte derselben zu hören begehrte . Die lieferte Walt gern , nett und heiß ; indes halb schwindelte er vor Freude , wenn er von der Höhe und Spitze in die Dörfer hinuntersah , auf der er neben einem Großen stand und ihn so lange anreden und sich gut ausdrücken durfte . Mit Freuden hätt ' er für ein so menschenliebendes Herz , das er nie im Verband eines Ordensbandes gesucht hatte , einen Zacken oder Stein aus der polnischen Krone ausgebrochen , oder diese für den schönen Kopf zugeschmolzen , um durch ein Präsent damit erkenntlich zu sein . In etwas drückt ' er seine Liebe - weil er nichts Näheres hatte , die Blicke ausgenommen - streichelnd auf dem Kopfe eines Windhunds aus , der sich hochbeinig an seine Schenkel anpreßte . » Haben Sie eine französische Hand ? « fragte der General auf einmal und schob ihm ein Papier vor zu einem Probeschuß . Walt sagte : er verstehe es leichter zu schreiben , in mehr als einem Sinn , als zu sprechen und verdank ' es seinem Lehrer . Allein welchem Worte er unter so vielen Tausenden , die Gallien hat , das Schnupftuch zuwerfen sollte , das wußt ' er schwer , da das Wort doch etwas vorstellen sollte . - » Was Sie wollen « , sagte endlich Zablocki . Er sann aber fort . » Das Vaterunser « , sagte jener . In der Geschwindigkeit konnt ' ers unmöglich übersetzen . » Vorzüglich « , fuhr der General fort , als jener noch nachdachte , » würd ' ich auf rein französische Endbuchstaben sehen , dergleichen , wie Sie wissen , s , x , r , t , p sind . « Walt verstand die französische Benennung dieser Lettern nicht recht , aber sehr wohl das französische Camnephez23 ; Schomaker , der jahrelang keinen gallischen Dialog und Brief zu machen hatte - erstlich weil dazu stets eine zweite Person gehört , zweitens weil auch eine erste erforderlich ist , er aber gar nichts davon verstand - , dieser Kandidat hatte echt-französische Handschrift und Aussprache vermittelst dergleichen Kaufmannsbriefe und Reisediener zu einer so außerordentlichen Höhe hinaufgetrieben wie vielleicht , außer Hermes und einem zweiten Romancier , kein Autor von Gewicht ohne Stand . Und Walt hatte beides bei ihm erlernt . » O vortrefflich ! « sagte der General , als endlich jener Winas französische Adresse an Klothar probierend hinschrieb . » Recht gut ja ! - Nun hab ' ich ein ziemliches Paket französischer Briefe über einen Gegenstand auf meinen Reisen gesammelt - von verschiedenen alten und neuen Personen - , welche ich sehr gern in ein Buch abgeschrieben sähe , da sie sonst leicht sich verspringen . Wenn Sie denn täglich an dem Buche - mémoires éotiques mag es heißen - eine Stunde - hier in meinem Hause - schrieben .... « » Exzellenz « , stotterte Walt mit blitzenden rednerischen Augen , » wenn über den zärtesten Gegenstand kein Ja zart genug sein kann « - - » Gehts nicht ? « fragte der General . - » O am besten « , versetzte jener , » und jede Minute . « - » Ich werde « , sagte Zablocki , » die Briefe zusammensuchen und Ihnen die Kopier-Stunde nächstens bestimmen lassen . « Darauf machte Zablocki den vornehmen Entlassungs-Bückling , Walt macht ' ihn leicht zurück und harrte lange auf weitern Verfolg , bis er endlich - da der General sich umstellte und durchs Fenster guckte - den Abschied , dessen Schnelle er schwer mit dem warmen Gespräche paaren konnte , herausbrachte durch Überlegung . Jetzt mußt ' er etwas suchen , was ebenso schwer zu finden war als vorhin der Eingang , nämlich der Ausgang am glatten Kabinett . Keiner wollte vorstechen . Leise überstrich er mit den Händen die fugenlosen Wandtapeten , weil er sich schämte , zu fragen , wie er hereingekommen . Über drei Wände glitt er mit dem Bügel der Hand , bis er endlich in eine Ecke auf ein goldenes Kreuz einer Türe griff . Er dreht ' es mit Vergnügen um , und es tat sich ein Wandschrank auf , worin Winas himmelblaues Konzert-Kleid lang und nahe niederhing . Staunend guckte er hinein und wollte noch lange davor erstaunen , als sich der General , der das Handstreicheln und Glätten vernommen , endlich umdrehte und ihn vor dem Schranke mit dem Schauen halten sah ; » ich wollte hinaus « , sagt ' er . » Das geht hier « , sagte Zablocki und öffnete eine Türe , wo das wirklich zu machen war . Das Schicksal mag ihm absichtlich die kleine Schamröte auf seinen Sieges-Weg mitgegeben haben , um damit einigermaßen das Bewußtsein zu dämpfen , womit er , so mit Ehrenmedaillen und Bassas-Roßschweifen behangen , so mutig durch Zimmer und Haus marschierte , daß er sich auf der Straße mit einigen maß , die , wie er , zu Fuße kamen von Hof . Indes hatte er alle Welt lieb und verbarg sich am wenigsten , wie mancher dahin gehe , der ohne Schuld solche Erhebungen nie erlebe . Daraus messe die Welt ab , wie vollends ein dürftiger Leutnant , der Sonntags seine seidenen Beine unter der Hoftafel gehabt , um 4 1 / 4 Uhr , mit dem Kurial-Krätzer und der Champagner-Folie im Kopfe , nach Hause gehen mag , mit welchem Selbstbewußtsein , meint man ; Julius Cäsar selber kann dem Ortshalter aufstoßen , und dieser wird bloß fragen : » Jul , aber woher kömmst denn du , wüste Fliege ? « Mit größter Sehnsucht , vor allen Dingen auf Vults Tisch einige schwache Zeichnungen der heutigen Krönungsstadt und Ehrenpforte zu legen , klopfte Walt an dessen Türe ; sie war zu und mit Kreide stand daran : » Hodie non legitur . « Nr. 29. Grobspeisiger Bleiglanz Schenkung Nach einigen Tagen kam der Gärtner von Alkinous ' Gärten - denn das war Walten Klothars Kutscher - und lud ihn in die Villa ein . Der Notar hatte kaum in größter Eile ein ganzes Philadelphia der Freundschaft auf einer Freundschaftsinsel gebauet und ein Sortiment Lorenzosdosen gedreht - weil er die Einladung für einen Lohn der Brief-Gabe nahm - , als der Eden-Gärtner die Treppe wieder heraufkam und durch die Türspalte nachholte , er solle was zum Verpetschieren einstecken , es wären Notarius-Händel . Indes wars in jedem Falle etwas . Er traf als Notarius im reichen Landhaus Klothars zugleich mit dem Fiskal Knoll ein . Aber als er die vergoldeten Quartanten , die vergoldeten Wandleisten und das ganze Wohnzimmer des Luxus übersah : so rückte die eigne Wohnung den Grafen weiter von ihm weg als die fremden bisher . Klothar fuhr , ohne aus beiden Ankömmlingen viel zu machen , im Streite mit dem Kirchenrat Glanz und dessen flachem Tolerieren so fort : » Der Wille arbeitet den Meinungen mehr vor als die Meinungen dem Willen ; man gebe mir eines Menschen Leben , so weiß ich sein System dazu . Glaubens-Duldung schlösse auch Handelns-Duldung in sich ein . Ganz tolerant ist daher niemand , Sie sind es z.B. nicht gegen Intoleranz . « Glanz gab recht , bloß weil sein Ich beschrieben wurde . Aber der Notar stellte - weil er ohnehin müßig stehen mußte - den Einwand auf : » Ganz intolerant ist auch kein Mensch , kleine Irrtümer vergibt jeder , ohne es zu wissen . Aber freilich sieht der Eingeschränkte , gleichsam im Tal Wohnende nur einen Weg ; wer auf dem Berge steht , sieht alle Wege . « » Ins Zentrum gibts nur einen Weg , aus dem Zentrum unzählige « , sagte der Graf zu Glanz . » Wollen Sie indessen sich an meinen Sekretär setzen , Hr . Notar , und den gewöhnlichen Eingang zu einem Schenkungs-Instrument für Fräulein Wina von Zablocki in meinem Namen machen ? Ich heiße Graf Jonathan von Klothar . « Die Namen Jonathan und Wina zitterten dem Notar wie Apfelblüten auf die Brust herab . Er setzte sich und schrieb voll Lust : » Kund und zu wissen sei jedermann durch diesen offenen Brief , daß ich Graf Jonathan von Klothar heute den « - Walt fragte den Juristen um den wievielsten ; » der 16. « , sagte dieser . Höflich nahm er keinen neuen Bogen , sondern schabte am Schreibfehler des alten lange . Unter dem Schaben konnt ' er auf des magern haarigen Knolls Vorlesung über Ehekontrakte hinhören , neben welchem der schöne Graf ihm wie der edle Hugo Blair in der Jugend , dessen geist-erhebende Predigten seine Flügel und seine Himmel zugleich gewesen , vorkam . Ein Kontrakt zwischen Wina und Jonathan - ein eigensüchtiges do ut des - war ihm eine widrige widersprechende Idee , da man wohl mit dem Teufel einen Pakt macht , aber nicht mit Gott . Er benutzte das Wegschaben des Datums als eine freie Sekunde und sagte ( ebenso keck , wenn ihm etwas Rechtes einfiel , als blöd ' im andern Falle ) : » Ob ich gleich ein Jurist bin , Hr . Fiskal , und ein Notar , so bedauer ' ich bei jedem Ehe-Kontrakt , den ich machen muß , daß die Liebe , das Heiligste , Reinste , Uneigennützigste , einen groben juristischen eigennützigen Körper annehmen muß , um ins Leben zu wirken , wie der Sonnenstrahl , der feinste , beweglichste Stoff , mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis . « Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Hälfte des Perioden gehört ; der Graf aber mit einem gefälligen . » Ich lasse « , sagt ' er , aber mit sanftester Stimme , » wie schon gesagt , keine Ehestiftung machen , sondern nur ein Schenkungs-Instrument . « Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein . Klothar schnitt ihn aus dem Siegel - ein zweiter , aber entsiegelter lag darin . Als er einige Zeilen im ersten gelesen , gab er dem Notar ein schwaches Zeichen einzuhalten . Den eingeschlossenen macht ' er gar nicht auf ; Walten kam er sehr wie der von ihm gefundne vor . Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klothar den Boten ; aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius : er sei zweifelhaft , sagt ' er , ob er jetzt fortfahren lasse ; aber da ers sei , so lass ' er lieber nicht . - Einige Schatten von innern Wolken flogen Über sein Gesicht . Walt sah zum ersten Male einen geliebten Menschen , noch dazu einen Mann , in verhehlter Bekümmernis - und die fremde besiegte wurd ' in ihm eine siegende . Eigennützig wär ' es jetzt , dacht ' er , nur daran zu erinnern ( wie er anfangs gewollt ) , daß er den Brief gefunden und gegeben ; desgleichen wahrhaft grob , nur darnach zu fragen , ob der Schwiegervater solchen ausgehändigt . Beim Abschied wollte der Graf ihm etwas Härteres in die Hand drücken als seine eigne . » Nein , nein « , stotterte Walt . - » Meine Verbindlichkeit « , sagte der Graf , » ist dieselbe , Freund . « - » Ich nehme nichts an als die Anrede ! « sagte Walt , wurd ' aber wegen seines Ideen-Sprungs wenig verstanden . Klothar drang verwundert und halb beleidigt in ihn . » Aber meinen Bogen nähm ' ich gern « , sagte Walt , weil es ihm so wohlgetan , darauf zu schreiben : Ich Jonathan von Klothar . - » Hr . Graf « , sagte Knoll , » der Bogen gehört wohl uns sieben Erben , schon wegen der Rasur « ; und wollt ' ihn nehmen . » Sie sei ja eingestanden , o Gott ! « sagte Walt erzürnt und behauptete den Bogen - ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt ' in seinen blauen Augen - diesen zu entschuldigen , drückt er eilig Klothars Hand und floh davon , um sich zu trösten und andern zu vergeben . » Ach « , dacht ' er unterwegs , » wie weit ists von einem ähnlichen Herzen zum andern ! Über welche Menschen , Kleider , Ordenssterne , Tage geht nicht der Weg ! Jonathan ! ich will dich lieben , ohne geliebt zu werden , wie ich deine Wina liebte ; es ist mir vielleicht möglich ; aber ich wünschte doch dein Porträt .