ihre kleinen Kröten ; aber nehmen Sie es nicht übel ! « - Beim Henker ! das sagen gerade die Leute am häufigsten , die sich nichts übelnehmen . Der Graf- der ihm zu andrer Zeit verachtend den Rücken zugekehrt hätte - steckt ' es errötend und schweigend vor dem Retter seiner Liane zu sich , auch weil es für die Kinder seines geliebten Dians war , an dessen Gattin er Grüße und Nachrichten bringen wollte . 43. Zykel Lilar ist nicht , wie so viele Fürstengärten , ein herausgerissenes Blatt aus Hirschfeld - ein toter Landschafts-Figurant und Vexier- und Miniaturpark - ein schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugericht von Ruinen , Wildnissen und Waldhäusern : sondern Lilar ist das Naturspiel und bukolische Gedicht der romantischen und zuweilen gaukelhaften Phantasie des alten Fürsten . Wir kommen bald insgesamt hinter dem Helden hinein , aber nur ins Elysium ; der Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Teil . Die Absonderung der Kontraste lob ' ich noch mehr wie alles ; ich wollte schon längst in einen bessern Garten gehen , als die gewöhnlichen chamäleontischen sind , wo man Sina und Italien , Lust- und Gebeinhaus , Einsiedelei und Palast , Armut und Reichtum ( wie in den Städten und Herzen der Inhaber ) auf einem Teller reicht und wo man den Tag und die Nacht ohne Aurora , ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt . Lilar hingegen , wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknüpfte Lustlager und Lusthaine rechtfertigt , wie der Tartarus seinen düstern durch einsame überhüllte Schrecken , das ist mir recht aus der Brust gehoben . Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen ? - - Noch auf der romantischen einleitenden Straße nach Lilar , eigentlich dem ersten Gartenwege desselben . Er wanderte auf einer belaubten Straße , die sanft auf Hügel mit offnen Baumgärten und in gelbblühende Gründe stieg und die wie der Rhein sich bald durch grünende Felsen voll Efeu drängte , bald fliehende lachende Ufer hinter den Zweigen auftat . Jetzt wurden die weißen Bänke unter Jesminstauden und die weißen Landhäuser vielfältiger , er kam näher , und die Nachtigallen und Kanarienvögel60 Lilars streiften schon hieher , wie Land ansagende Vögel . Der Morgen wehte frisch durch den Frühling , und das zackige Laub hielt noch seine leichten ätherischen Tropfen fest . Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem Leiterwagen , den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten Wege zogen . Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der drängenden Arbeit , sondern die Ruhe-Glocken der Türme ; im Morgengeläute spricht die zukünftige , wie im Abendgeläute die vergangene Zeit ; und an diesem goldnen Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust . Jetzt zuckten gabelschwänzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust über das Himmelblau des wilden Gamanders und kündigten mit ihren Wohnungen unsre an : als seine Straße durch ein zerstörtes altes offnes , von fetten dicken Blättern wie Schuppen behangnes Schloß durchwollte , an dessen Ein- oder Ausgange ein wegweisender roter Arm sich mit der weißen Aufschrift : » Weg aus dem Tartarus ins Elysium « gegen eine nahe Waldung ausstreckte . Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nähe so verschiedener Tage . Mit weiten Schritten drang er gegen den Elysiums-Wald , den ein breiter Graben abzuschneiden schien . Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grüne Brücke , die sich in den Bogen der Riesenschlange über den Graben , aber nicht auf die Erde , sondern in die Gipfel schwang . Sie trug ihn durch die hereinblühende Wildnis von Eichen- , Tannen- , Silberpappeln- , Frucht- und Linden-Wipfeln . Dann hob sie ihn hinaus in die freie Gegend , und Lilar warf ihm schon von Osten über die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen . Die Brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde Geniste , und unter und neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvögel , Singdrosseln , Finken und Nachtigallen , und die geätzte Brut schlief gedeckt unter der Brücke . Endlich stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Licht - er sah schon die grünende Bergkuppe mit dem weißen Altar , woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet hatte ; und mehr südlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus , einen hochaufgebäumten Wald - und wie er weitertrat , deckte sich ihm das Elysium weiter auf - eine Gasse kleiner Häuser mit welschen Dächern voll Bäumchen lachte den Blick freudig und einheimisch aus der grünen Weltkarte von Tiefen , Hainen , Bahnen , Seen an - und in Morgen schlossen fünf Triumphtore dem Auge die Wege in eine weitausgespannte , wie ein grünendes Meer fortwogende Ebene auf , und in Abend standen ihnen fünf andre mit geöffneten Ländern und Bergen entgegen . - So wie Albano die langsam-niederschwebende Brücke herabging , so kamen bald brennende Springbrunnen , bald rote Beete , bald neue Gärten im großen entwickelt hervor , und jeder Tritt schuf das Eden um . Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen geheiligten Boden heraus , auf die geweihte Erde des alten Fürsten und des frommen Vaters61 und Dians und Lianens ; sein wilder Gang wurde wie von einem Erdbeben umwickelnd gehalten ; das reine Paradies schien bloß für Lianens reine Seele gemacht ; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage über die Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht , zum ersten Male ihrem genesenen Auge zu begegnen , den frohen Busen enge . Aber wie festlich , wie lebendig ist alles um ihn her ! Auf den Wassern , die durch die Haine glänzen , ziehen Schwanen , in die Büsche schreitet der Fasan , Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde , über den er gegangen war , und weiße und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren , und an den Abendhügeln hängen rufende Schafe neben liegenden Lämmern ; sogar der Turteltaube zittert in irgendeinem verhüllten Tale die Brust vom Languido der Liebe . Er schritt durch ein langes hochstaudiges Rosenfeld , das die Niederlassung und Pflanzstadt von Grasmücken und Nachtigallen schien , die aus den Büschen auf die wachsenden Grasbänke hüpften und vergeblich ausliefen nach Würmchen ; und die Lerche zog oben über diese zweite Welt für die frömmern Tiere und fiel hinter den Toren in die Saaten nieder . Berausche dich immer , guter Jüngling , und kette deine Blumen so ineinander wie der Knabe , dem du zueilst ! - Nämlich oben auf dem welschen Dache , vor dessen Brustgeländer Silberpappeln von breiten Rebenblättern umgürtet spielen , und das er in der Frühlingsnacht für eine Laube in Rosen angesehen , stand einkerniger herübergebückter Knabe , der eine Dotterblumenkette niederließ und dem zu kurzen grünen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte . » Pollux heiß ' ich , « ( versetzt ' er frisch auf Albans sanfte Frage ) » aber meine Schwester heißet Helena62 , aber das Brüderchen heißt Echion . « - » Und dein Vater ? « - » Er ist gar nicht da , er ist weit draußen in Rom ; gehe nur hinein zur Mutter Chariton , ich komme gleich . « - An welchem schönern Tage und Orte , mit welchem schönern Herzen konnt ' er in des geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser Brust ? Er ging ins helle lachende Haus , das voll Fenster und grüner Jalousieladen war . Als er in die Frühlingsstube eintrat : so fand er Chariton , ein junges , schmächtiges , fast noch jungfräulichaussehendes Weib von 17 Jahren , mit dem kleinen Echion an der säugenden Brust , sich wehrend gegen die kränklich-lebhafte Helena , die , auf einem Stuhle stehend , immer aus dem Fenster eine vielblättrige Rebenschlinge hereinzog und die Hülle um die Augen der Mutter gürten wollte . Mit zauberischer Verwirrung , da sie zugleich aufstehen , mit der Linken die belaubten Fessel ohne Zerreißen abnehmen und den Säugling tiefer verhüllen wollte , trat sie dem schönen Jünglinge gebückt entgegen , kindlichfreundlich und feurig , aber unendlich schüchtern , nicht seiner standesmäßigen Kleidung wegen , sondern weil er ein Mann war und so edel aussah , sogar ihrem Griechen ähnlich . Er sagte ihr ! mit einer zauberischen Liebe auf dem kräftigen Angesichte , die sie vielleicht nie so herrlich gesehen , seinen Namen und den ! Dank , den sein Herz ihrem Gatten aufbewahre , und Nachrichten und Grüße von diesem . Wie loderte an der furchtsamen Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen ! » War denn mein Herr « ( so nannte sie ihren Mann ) » sehr gesund und froh ? « Und so fing sie jetzt , unbefangen wie ein Kind , ein langes Verhör bloß über ihren Gatten an . Pollux sprang mit seiner langen Kette herein - Alban nahm den Trank vom Doktor scherzend aus der Tasche und sagte : » Das sollst du einnehmen . « - » Soll ichs gleich aussaufen , Mutter ? « sagte der Heros . Hier erkundigte sie sich ebenso unbefangen nach dem ausführlichen Rezepte des Doktors und so lange , bis der kleine Säugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer über die Wiege trieb . Sie entschuldigte sich und sagte , der Kleine müsse schlafen , weil sie mit Lianen spazieren gehe , auf die sie jede Minute aufsehe . Kinder lieben kräftige Gesichter ; Alban wurde zugleich von Kindern und von Hunden geschätzt ; nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der kleinen springenden Truppe agieren , wenn erwachsene Logen dabei waren . » Ich kann sehr viel « , sagte Pollux ; - » ich kann auch lesen , Herr ! « versetzte dem Bruder Helena . » Aber doch nur deutsch ; ich aber kann lateinische Briefe prächtig herlesen , du ! « erwiderte ihr das junge Männlein und lief in der Stube nach Lektüre und Leseproben umher , aber umsonst . » Mann ! warte ein wenig ! « sagte er und lief die Treppe hinauf in - Lianens Zimmer und holte einen Brief von Lianen . - - 43. Zykel Albano wußte nicht , daß Liane ordentlich das obere , so blühend beschattete Zimmer für sich innenhabe , worin sie häufig - zumal wenn die Mutter in der Stadt zurückblieb - zeichnete , schrieb und las . Die kindliche Chariton , vom Liebestranke der Freundschaft begeistert , wußte gar nicht , wie sie nur der schönen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte ; ach was war ein Zimmer ! - In dieses immer offne kamen nun die Kinder , die Liane zuweilen lesen ließ ; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen , den sie an diesem Morgen geschrieben . Als Albano während des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen Jugendfreundes neben dessen stiller , blasser Tochter saß , die bald auf ihn , bald auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte Spiel-Schäferei hinsah - als das Morgenwehen durchs kühle Fenster das herrliche Getümmel hereintrieb - besonders als im lichten Ausschnitte des Fußbodens die sinesischen Schatten des Wein- und Pappellaubes sich ineinander kräuselten - und als endlich Chariton den Säugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang , das ihm tönte wie ihr nachhallender Seufzer nach dem schönen Jugendlande : so wurd ' ihm das volle , vom ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und - besonders durch das wankende Schattengefecht - fast bis zum Weinen bewegt ; und das Kind blickt ' ihm immer bedeutender ins Gesicht . Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblättern zurück und setzte sich nun selber auf seine Leseprobe . Schon die erste Seite komponierte zu Albans innern Liedern die Melodie ; aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des Briefes , außer später durch ein hin- und herspringendes Lesen . Die Blätter gehörten zu vorigen - nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt ( denn Liane war zu höflich , einen zu brauchen ) - ferner waren alle Namen anders ; nämlich Julienne , an die sie gerichtet waren , hatte leider , in d ' Argensons bureau décachetage , d.h. am Hofe wohnhaft , verzifferte verlangt , und sie hieß mithin Elisa , Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda . Linda ist bekanntlich der Taufname der jungen Gräfin von Romeiro , mit welcher die Prinzessin am Tage jener für Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzens-und Korrespondenz-Bündnis aufgerichtet hatte ; - Liane , vor deren reinen dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und Heroine , der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und reinigte , liebte die hohe Gräfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und ihrer Freundin zugleich , und die sanfte Seele nannte sich , ihres Wertes unbewußt , nur die kleine Linda ihrer Elisa . Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht ; Julienne liebte die gallische Sprache bis zu den Lettern , aber Lianens ihre glichen nicht den gallischen Sudel-Protokollen , sondern der reinlichen geründeten Handschrift der Briten . Hier ist endlich ihr Blatt - - O du holdes Wesen ! wie lange hab ' ich nach den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedürstet ! - Sonntags-Morgen - » Aber heute , Elisa , bin ich so innig-froh , und der Abendnebel liegt als eine Aurora am Himmel . Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben . Ich war zu bekümmert . Konnt ' aber nicht meine liebe Mutter , die doch bloß meinetwegen hierher gegangen war , dadurch noch kränker werden , so leidlich sie auch eben deswegen sich gegen mich anstellte ? - Und dann kam ja deine Gestalt , Geliebte , und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier , o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz ! - Sieh , als wir vor dem Hause der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen Tränen küßte : so war ich so schwach , daß ich auch abgewandte vergoß , aber andre und über die Frohlockende selber , die ja nicht wissen konnte , ob nicht in dieser Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe . - Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda ganz verweht , und alle Blüten des Lebens glänzen in ihren reinen hohen Farben vor ihr . - - Nach Mitternacht wich die Migräne meiner Mutter fast ganz , und sie schlummerte so süß noch an diesem Morgen . O wie war mir da ! - Nach 5 Uhr schon ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen , der im Taue und zwischen den Blättern brannte - die Sonne sah erst unter den Triumphtoren herein - alle Seen sprühten in einem breiten Feuer - ein glänzender Dampf umfloß wie ein Heiligenschein den Erdenrand , den der Himmel berührte - und ein hohes Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht - - - Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurück und so froh ; ich wollte immer rufen : ich habe dich wieder , du helle Sonne , und euch , ihr lieblichen Blumen , und ihr stolzen Berge , ihr habt euch nicht verändert , und ihr grünet wieder wie ich , ihr duftenden Bäume ! - - In einer unendlichen Seligkeit schwebt ' ich wie verklärt , Elisa , schwach , aber leicht und frei , ich hatte die drückende Hülle - so war es mir - unter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten , und im entzückten Busen flossen warme Tränenquellen gleichsam über Blumen über und bedeckten sie hell . - - Ach Gott , sagt ' ich in der großen Freude schreckhaft , war es denn ein bloßer Schlaf , das unbewegliche Ruhen der Mutter ? und ich mußte - lächle immer - , eh ' ich weiterging , wieder zu ihr hinauf . Ich schlich atemlos vor das Bette , bog mich horchend über sie , und die gute Mutter schloß die immer leise schlummernden Augen langsam auf , sah mich müde , aber liebreich an und tat sie , ohne sich zu regen , wieder zu und gab mir nur die liebe Hand . Nun durft ' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen ; ich brachte aber der immer heitern Chariton den Morgengruß und sagt ' ihr , daß ich auf dem breiten Wege zum Altare64 bliebe , sollt ' ich etwan gesucht werden . - Ach Elisa , wie war mir dann ! Und warum hatt ' ich dich nicht an meiner Hand , und warum sah mein bekümmerter Karl nicht , daß seine Schwester so glücklich war ! - Wie nach einem warmen Regen das Abendrot und das flüssige Sonnenlicht von allen goldgrünen Hügeln rinnt : so stand ein zitternder Glanz über meinem ganzen Innern und über meiner Vergangenheit , und überall lagen helle Freudenzähren . Ein süßes Nagen nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben , und alles war mir so nahe und so lieb ! Ich hätte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frühlingslüften danken mögen , die so kühlend das heiße Auge umwehten ! Die Sonne hatte sich mütterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle , die kalte Blume , den jungen nackten Vogel , den starren Schmetterling und jedes Wesen ; ach so soll der Mensch auch sein , dacht ' ich . Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des armen Gräschens und der liebäugelnden Blume , die ja hauchen und erwachen wie wir - ich vertrieb die weißen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht , die sich nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bückten - o ich hätte die Wellen streicheln mögen- - diese Schöpfung ist ja so kostbar und aus Gottes Hand , und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine Sehnsucht , und in das Augen-Pünktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze Sonne und ein kleiner Frühling ein . - Ich lehnte mich , ein wenig ermattet , unter den ersten Triumphbogen , eh ' ich zum Altare aufstieg ; und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dörfer und Baumgärten und Hügel ; und der flimmernde Tau und das Läuten der Dörfer und das Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vögel über allem füllte mich mit Ruh ' und Licht . Ja , so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes Leben führen , dacht ' ich : redet mir nicht der Trauermantel zu , der vor mir mit seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert ; und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab , der erkältet an der harten Statue klebt und sich nicht zu den Blüten des Tages aufschwingen kann ? - Darum will ich nie von meiner Mutter weichen - bleibe nur die teure Elisa auch so lange bei uns , als ihre kleine Linda lebt , und rufe sie ihre hohe Freundin bald 65 , damit ich sie sehe und herzlich liebe ! Ich stieg den grün-schattigen Berg hinan , aber mit Mühe ; die Freude entkräftet mich so sehr ; - denk an mich , Elisa , ich werde einmal an einer großen sterben , oder an einem großen , allzugroßen Weh . Der Schneckenweg zum Altare war von den Farben des Blütenstaubes gemalt , und droben wanden sich nicht gefärbte feste , sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges . Warum stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst ? 66 Und als die Morgenluft mich wie ein Flügel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel tauchte , so sagt ' ich : nun bist du in Elysium . - Da war mir , als sage eine Stimme : das ist das irdische , und du bist noch nicht geheiligt für das andre . O feurig faßt ' ich wieder den Entschluß , mich von so manchen Mängeln loszuwickeln und besonders dem zu schnellen Wahne der Kränkung abzusagen , den ich andern zwar verhehle , womit ich sie aber doch verletze . Und da betete ich am Altare und sagte der ewigen Güte Dank und weinte unbewußt vielleicht zu sehr , aber doch ohne Augenschmerzen . Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht , das ich in Verse bringe , wenn es der fromme Vater gutheißet . Dankgedicht So schau ' ich wieder mit seligen Augen in deine blühende Welt , du Alliebender , und weine wieder , weil ich glücklich bin ? Warum hab ' ich denn gezagt ? Da ich unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die Geliebten und den Frühling über mir vernahm : warum war das schwache Herz in Furcht , es gebe keine Öffnung mehr zum Leben und zum Lichte ? - Denn du warst in der Finsternis bei mir und führtest mich aus der Gruft in deinen Frühling herauf ; und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle meine lächelnden Geliebten ! - - O ich will nun fester hoffen ; brich immer der siechen Pflanze üppige Blumen ab , damit die andern voller reifen ! Du führest ja deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir , und sie gehen durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet , nicht getroffen hindurch , und nur unser Auge wird naß . - - Aber , wenn ich zu dir komme , wenn der Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in die tiefere Höhle zieht und du mich , Allgütiger , noch einmal freimachst und in deinen Frühling trägst , in den noch schönern als diesen herrlichen : wird dann mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute , und wird die Menschenbrust in deinem ätherischen Frühlinge atmen dürfen ? O mache mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben , als wenn ich schon in deinem Himmel ginge ! - - « * Wenn schon euch , ihr Freunde , die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und rührend wird , die sich ergeben freuen kann , daß doch die Wetterwolke nur Platz-Tropfen und keine Schloßen auf sie warf : wie mußte sie erst das bewegte Herz ihres Freundes erschüttern ! - Er fühlte eine Heiligung seines ganzen Wesens ; gleichsam als komme die Tugend , in diese Gestalt verkörpert , vom Himmel nieder , um ihn heiligend anzulächeln , und fliege dann leuchtend zurück und er folg ' ihr begeistert und gehoben nach . Er drang eifrig dem Knaben das Zurücktragen der Blätter ab , um ihr und sich , da sie jede Minute erscheinen konnte , die peinlichste Überraschung zu ersparen ; doch beschloß er fest - was es auch koste - , wahr zu sein und ihr noch heute sein Lesen zu beichten . Der Kleine lief die Treppe hinauf , wieder herab , blieb lange vor der Türe und kam herein mit - Lianen an der Hand , die weiß gekleidet und schwarz verschleiert war . Sie sah ein wenig betroffen umher , als sie mit beiden Händen den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zurückhob , hörte aber Charitons Wiegenlied . Sie kannt ' ihn nicht , bis er sprach ; und hier errötete ihr ganzes schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen ; sie habe die Freude , sagte sie , seinen Vater zu kennen . Wahrscheinlich kannte sie den Sohn durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten ; auch bewegte sich gewiß ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme ; denn der Reiz und sogar Vorzug der Ähnlichkeit und Kopie ist so groß , daß sogar einer , der einem gleichgültigen Wesen ähnlich sieht , uns lieber wird , wie das Echo eines leeren Rufs , bloß weil hier wie in der nachahmenden Kunst die Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart wird . Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des Säuglings an , und endlich verstummte das Diminuendo , und Chariton lief mit blitzenden Augen der Hand Lianens zu . Eine heitere offne Freundschaft blühte zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen Pappeln . Chariton erzählte ihr Albanos Erzählung mit der Voraussetzung der innigsten Teilnahme ; Liane hörte gespannt-aufmerkend der Freundin zu ; aber das war ja so viel , als blicke sie die nahe historische Quelle selber an . 44. Zykel Endlich reisete man in den Garten aus ; Pollux blieb ungern und nur auf Lianens Verheißung , ihm heute wieder ein Pferdstück zu zeichnen , als Schutzheiliger der Wiege zurück . Alban sagte zur höchsten Freude der Baumeisterin , die nun alles dem schönen Manne zeigen konnte , er habe noch wenig von Lilar gesehen . Wie reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander ! Chariton , wiewohl eine Frau , doch griechisch-schlank , flatterte als die kleinere Schwester neben der Lilientaille seiner ein wenig längern Liane fort ; jene schien , nach der Einteilung der Landschaftsmaler , die Natur in Bewegung zu sein , Liane die Natur in Ruhe . Als er wieder neben Liane trat , an deren linken Hand Helena lief - zur rechten die Mutter - , so fand er ihr weich-niedergehendes Profil unbeschreiblich-rührend und um den Mund Züge , die der Schmerz zeichnet , die Narben wiederkehrender Tage ; indes das schöne Mädchen in der Sonnenseite des Vollgesichts wie in ihrem leichten Gespräche eine unbefangene beglückende Heiterkeit entfaltete , die Albano , der noch an keiner Schultüre eines weiblichen Philanthropins angeklopft , mühsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ausglich . O wenn die weibliche Träne leicht flieht , so entflattert ja noch leichter das weibliche Lächeln , und dieses ist ja noch öfter als jene nur Schein ! Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Händchen der Kleinen zu fassen , allein sie hing sich mit beiden auf Lianens Linke ; entlief aber gleich und holte drei Irisblumen - wie sie , den Schmetterlingen ähnlich - und teilte der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei : » Gib dem auch eine ! « Und Liane reichte sie ihm freundlich-anschauend mit jenem heiligen Mädchenblicke , der hell und aufmerksam , aber nicht forschend , kindlich-teilnehmend ohne Geben und Fordern ist . Gleichwohl senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals nieder ; aber - das zwang sie dazu - auf Zesaras felsigem , obwohl von der Liebe erweichtem Gesichte ruhte ein physiognomisches Recht des Stärkern , er schien eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen , und seine beiden wahren loderten so warm , obwohl ebenso rein , wie das Sonnenauge im Äther . Die Irisblumen haben das Sonderbare , daß der eine sie riecht , der andre aber nicht ; nur diesen dreieinigen Menschen taten sich die Kelche gleich weit auf , und sie erfreueten sich lange über die Gemeinschaft desselben Genusses . Helena lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebüsche ; sie erwartete auf einer Kinderbank neben einem Kindertische lächelnd die Erwachsenen . Der gute alte Fürst hatte überall für Kinder niedrige Moosbänke , kleine Gartenstühle , Tischchen und Scherben-Orangerien und dergleichen um die Ruheplätze ihrer Eltern gestellt ; denn er trug diese erquickenden offnen Blumen der Menschheit so nah ' an seinem Herzen ! - » Man wünscht so oft , « ( sagte Liane ) » in der patriarchalischen Zeit , oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben ; die Kinder sind ja - glauben Sie es nicht ? - überall dieselben , und man hat eben an ihnen das , was die fernste Zeit und die fernste Gegend nur gewähren mag . « - Er glaubt ' es wohl und gern ; aber er fragte sich immer : wie wird aus dem toten Meere des Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren , wie aus dem salzigen Seewasser reiner Tau und Regen steigt ? - Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein holdes - wie soll ichs beziffern - » Hm « nach , das , wiewohl ein Cour-Donatschnitzer , eine unsägliche Gutmütigkeit verriet ; ich schreibe es aber nicht dazu her , damit den nächsten Sonntag alle Leserinnen diesen Interpunktionsreiz hören lassen . » Das nämliche « ( versetzte Albano , aber gutmeinend ) » gilt von den Tieren ; der Schwan dort ist wie der im Paradiese . « Sie nahm es ebenso auf , wie ers meinte ; aber die Ursache war der fromme Vater , Spener , ihr Lehrer ; denn auf Albans Frage über Lilars Fülle an schönen sanften Tieren antwortete sie : » Der alte Herr liebte diese Wesen ordentlich zärtlich , und sie konnten ihn oft bis zu Tränen bringen . Der fromme Vater denkt auch so ; er sagt , da sie alles auf Gottes Geheiß tun durch den Instinkt , so sei ihm , wenn er die elterliche Sorge für ihre Jungen sehe , so , als tue der Allgütige alles selber . « Sie stiegen jetzt eine halbbelaubte Brücke über einen langen , von Pappeln umflatterten Wasserspiegel hinauf , worin Lianens Ebenbild , nämlich ein Schwan , auf den Wasserringen schlief , den gebognen Hals schön auf den Rücken geschlungen , den Kopf auf dem Flügel , und leise mehr von den Lüften gedreht als von den Wellen . » So ruht die unschuldige Seele ! « sagte Albano und dachte wohl an Liane , aber ohne Mut zum Bekenntnis . » Und so erwacht sie ! « setzte bewegt Liane dazu , als diese weiße vergrößerte Taube den Kopf langsam von dem Flügel aufhob ; denn sie dachte an das heutige Erwachen ihrer Mutter . Chariton wandte sich , wie ganz aus hüpfenden Punkten zusammengesetzt , immer fragend an Liane : » Wollen wir