umherspähend und beinahe laurend ; seine Miene , sobald er will , einnehmend , aber , so wie er sich vergißt , kalt , finster , abschreckend , und wenn er zum Zorn gereizt wird , fürchterlich . Daß er überhaupt eher das Ansehen eines Demagogen als eines Königs hat , scheint ihm in seiner Lage vielmehr vortheilhaft als nachtheilig , und ist eine eben so natürliche Folge des Standes worin er geboren und der Bestimmung , für welche er erzogen wurde und sich selbst ausbildete , als daß er unendlich mehr Kenntnisse besitzt , und alles was er weiß viel gründlicher weiß , als bei Personen gewöhnlich ist , die das durch den Zufall der Geburt sind , was er durch sich selbst geworden ist . Aus eben diesem Grunde kann ihm , däucht mich , zu keinem besondern Verdienst angerechnet werden , daß er , der selbst ein Gelehrter und ein Mann von Talenten ist , Wissenschaft und Kunst liebt , Gelehrte und Künstler ehrt , und sich besser in ihrem Umgang gefällt als unter Leuten , die sich durch ihren Stammbaum oder ihre glänzenden Glücksumstände über die Nothwendigkeit eines persönlichen Werths erhaben glauben . Hingegen scheint es mir auch unbillig , ihm ( wie viele thun ) einen Vorwurf daraus zu machen , daß er in seinen Erhohlungsstunden - Verse macht , und vielleicht bessere als von königlichen Versen gefordert werden kann . Bis jetzt wenigstens scheint er seinen Umgang mit der tragischen Muse , in die er stark verliebt seyn soll , noch sehr geheim zu halten ; und in der That fordert die große Tragödie , die er selbst zu spielen vorhat , seine ganze Thätigkeit in einem so hohen Grade , daß ihm weder Zeit noch Lust übrig bleiben kann , sich in einen Wettlauf mit Sophokles und Euripides einzulassen . Ueber seinen Charakter urtheilen zu wollen , würde von mir in zweifacher Rücksicht verwegen seyn ; nur dieß wage ich zu behaupten , daß er von Natur nichts weniger als so gefühllos und grausam ist , wie ihn seine Gegner schildern . Um ihn zu dem kühnen Entschluß zu bringen , dessen guten Erfolg er viel weniger dem Glück als seiner Klugheit und Geschicklichkeit zu danken hat , brauchte es nur zwei Blicke , einen auf Syrakus und Sicilien überhaupt , und einen in sich selbst . Jenen war nur durch Vereinigung unter Einen unbeschränkten Herrscher zu helfen , und das Talent , dieser Herrscher zu seyn , fühlte er in sich . Als der Entschluß einmal gefaßt und das Spiel angefangen war , mußte er nun alles darauf setzen . Alles gewinnen oder alles verlieren ! ein Drittes gab es jetzt nicht mehr für ihn . Natürlich war das erste sein Zweck , und wer den Zweck will , will die Mittel . In seiner Vorstellungsart konnten die Kämpfe mit den Aristokraten und Demagogen , wenn sie auch noch weit mehr Köpfe und Proscriptionen gekostet hätten als sie wirklich kosteten , kein Grund seyn , der reizenden Basileia nicht nachzustreben . Aber daraus schließen zu wollen , er müsse nothwendig grausam , blutdürstig und der unmenschlichsten Gräuel fähig seyn , wäre ein eben so falscher als unbilliger Schluß . Was er that , war nicht mehr als wozu er theils durch den wüthenden Widerstand der Gegenpartei gezwungen , theils durch ihre mehr als barbarische Mißhandlung seiner Gemahlin121 auf eine Art gereizt wurde , die den sanftesten aller Menschen zum Wütherich gemacht hätte . Auch ist gewiß , daß seine Feinde das , was wirklich geschah , sehr übertrieben haben ; und ich zweifle sehr , ob unter denen , die er auf seinem Wege zum Thron , weil sie sich selbst unter die Räder seines Wagens warfen , zertreten mußte , oder den racheschreienden Manen einer geliebten Gattin opferte , nur ein einziger war , dessen Tod ein Verlust für den Staat gewesen ist . Wie dem aber auch seyn möchte , daß er , seitdem man ihn ruhiger regieren läßt , seinen höchsten Stolz darein setzt , zum Glück Siciliens zu regieren , beweisen alle seine Handlungen , und ( wie ich neulich dem Syrakusaner sagte ) wofern er in der Folge mehr in Hierons als in Gelons Fußstapfen treten sollte , so wird niemand Schuld daran seyn als die Syrakusaner selbst . Dieß , edler Learch , ist dermalen alles , was ich dir vom Dionysius zu sagen weiß , und ich setze nur hinzu , daß Hippias über dieß alles mit mir gleicher Meinung ist . Ob die Griechen des festen Landes Ursache haben , über die immer wachsende Macht dieses Fürsten eifersüchtig zu seyn , zumal wenn es ihm ( was vielleicht bei seiner Unternehmung gegen Carthago seine Hauptabsicht ist ) gelingen sollte sich von ganz Sicilien Meister zu machen - überlasse ich deiner tiefer sehenden Staatsklugheit . Mir ( wenn ich im Vorbeigehen meine unbedeutende Meinung sagen darf ) scheint Korinth bei seinen ehrgeizigen Planen am wenigsten gefährdet zu seyn , aber wohl im Gegentheil sich , durch eine gelegenheitliche Verbindung mit ihm , eine kräftige Stütze gegen die Uebermacht und die Anmaßungen der Athener und Spartaner verschaffen zu können . Uebrigens bedarf es bei dir wohl keiner Versicherung , daß ich nicht den geringsten Vortheil dabei suche noch finde , wenn ich den Syrakusischen Tyrannen aus der düstern , verzerrenden und grausenhaften Beleuchtung , in welche sein Charakter mit absichtlich bösem Willen von seinen Feinden gesetzt wird , in das reine , nichts verbergende noch verfälschende Sonnenlicht gestellt habe . Er bedarf meiner so wenig als ich seiner , und da ich im Begriff bin Sicilien wieder zu verlassen , was könnte mich bewegen , mich des Vorrechts eines Ausländers , unparteiisch zu seyn , von freien Stücken zu begeben ? Die neuesten Nachrichten , die mir aus Cyrene zugekommen sind , melden mir , daß Ariston den übel bedachten Versuch , den Dionysius nachzuahmen ohne ein Dionysius zu seyn , bereits mit seinem Leben bezahlt hat . Noch ist die öffentliche Ruhe und Ordnung nicht wieder hergestellt ; aber beide Parteien scheinen geneigt , sich auf billige Bedingungen zu vergleichen , und ich verspreche den angefangenen Unterhandlungen einen guten Erfolg , da mein Bruder Aristagoras und mein Freund Demokles an der Spitze der Parteien stehen . Was mich zur Rückkehr nöthigt , ist daher nicht sowohl die Hoffnung , meinem Vaterlande bei dieser Gelegenheit vielleicht einige Dienste thun zu können , als die Nachricht , daß mein Vater ( ein alter Freund des deinigen ) seinem Ziele nahe zu seyn glaubt , und mich im Leben noch zu sehen verlangt . Ich beurlaube mich also hiermit von Griechenland und von dir , edler und gastfreundlicher Learch . Mein nächster Brief wird dir aus Cyrene zukommen ; indessen gehabe dich wohl ! 40. Aristagoras an Aristipp . Hoffentlich hat der weise Sokrates deine weltbürgerliche Philosophie von ihrem hohen Fluge der Erde wieder nahe genug gebracht , daß dir die Schicksale deines Vaterlandes nicht ganz gleichgültig seyn werden . Es ist freilich nur ein Ameisenhaufen , wenn du willst ; aber uns Ameisen ist unsere Erdscholle eine Welt . Ich berichte dir also , lieber Aristipp , daß Ariston , dem du dich durch deinen kleinen Brief schlecht empfohlen hattest , deine Weissagung bald genug erfüllt , und mich und meine Mitarbeiter von dem undankbaren Frohndienst , seine Thorheiten , wo nicht immer zu vergüten , wenigstens zu verschleiern und den Uebermuth seiner Günstlinge in Schranken zu halten , befreit hat . Selten ist ein Mensch von den zufälligen Umständen mehr begünstigt worden als Ariston ; und wie wenig er auch des Diadems würdig war , hätte er nur so viel Thätigkeit und Gewalt über seine Leidenschaften besessen , als nöthig war , die schwärmerische Zuneigung der untern Volksclassen eine Zeit lang zu rechtfertigen , so säß ' er jetzt ruhig auf dem Fürstenstuhl der Battiaden ; seine Feinde hätten den Muth verloren ; der Bürgerkrieg wäre in der Geburt erstickt worden , und die üppigen , Ruhe und Vergnügen über alles liebenden Cyrener , durch seine Popularität , Prachtliebe und Freigebigkeit bestochen , hätten sich unvermerkt gewöhnt , seine Indolenz und Verdienstlosigkeit für Tugenden eines milden friedliebenden Fürsten anzusehen . Aber sein böser Dämon gewann gleich in den ersten Wochen seiner Regierung die Oberhand . Anstatt die Verwirrung und Schwäche seiner Feinde zu benutzen , und die Flüchtigen ohne Verzug bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfolgen , überließ er sich seinen dir wohlbekannten Neigungen , ordnete Feste an , affectirte von dem Bürgerkriege als einer geendigten Sache zu reden , und theilte die eingezogenen Güter der Proscribirten unter seine Parasiten aus . Die Vorstellungen seiner getreuesten Räthe wurden nicht gehört , und alles was ihm die Leute riethen denen er folgte , war zu seinem Verderben . Dennoch hätte alles noch leidlich ablaufen mögen , wenn er uns nur erlaubt hätte , gegen die ( sogenannten ) Rebellen , die sich in einen haltbaren Posten an den Gränzen der Cesammonen geworfen hatten , auszurücken , bevor sie Zeit gewannen , die übrigen Flüchtlinge , Mißvergnügte und Verbannte , an sich zu ziehen und unvermerkt zu einem Heer anzuwachsen . Aber Ariston wollte die Ehre , seine Truppen in eigner Person anzuführen , keinem andern abtreten , und glaubte sogar seine Sache sehr politisch anzustellen , wenn er seinen Feinden Zeit ließe , sich alle in einen Haufen zusammen zu drängen , damit er der Rebellion mit Einem Schlag ein Ende machen könnte . Und so mußte das Einzige , was allenfalls an ihm zu rühmen war , seine persönliche Tapferkeit , durch die Unklugheit , womit er sie handhabte , die Ursache seines Verderbens werden . Die republikanische Partei hatte durch sein Zögern Luft bekommen , und durch die rastlose Thätigkeit ihrer Anführer Mittel gefunden , etliche Tausend Messenier , die , von den Spartanern aus Naupaktos und Kephalonia vertrieben , sich an die Cyrenische Küste geflüchtet hatten , unter dem Versprechen , ihnen die Ländereien der Königlichen und das Bürgerrecht von Cyrene zu schenken , an sich zu ziehen , und durch diese Verstärkung zu einem furchtbaren Heer anzuschwellen . Denn die Messenier wurden von jeher unter die tapfersten und streitbarsten Völker Griechenlands gezählt , und was konnte man nicht von solchen Kriegern in einer Lage erwarten , worin sie außer einem elenden Leben nichts zu verlieren , hingegen wenn sie siegten , ein neues Vaterland , reiche Vergütung alles Verlornen , und die völligste Sicherheit vor ihrem ewigen Todfeinde , den Spartanern , zu gewinnen hatten ? Die Republicaner fühlten sich nun stark genug , etwas zu unternehmen , wozu der Mangel an Lebensmitteln sie ohnehin bald gezwungen haben würde ; sie verließen ihre Verschanzungen , unterwarfen sich das platte Land umher , und gingen muthig auf Cyrene los . Jetzt erwachte Ariston plötzlich aus seiner bisherigen Unthätigkeit . Aber der Fanatism des Volkes für ihn hatte sich abgekühlt , und es kostete Mühe , bis er mit Hülfe seiner Getulischen Leibwache so viele bewaffnete Bürger und Landleute zusammenbrachte , daß er dem Feinde , den er noch immer verachtete , die Spitze bieten zu können wähnte . Es kam einige Meilen von der Stadt zu einem entscheidenden Treffen ; beide Theile fanden einen stärkern Widerstand als sie erwartet hatten , und fochten mit desto größerer Erbitterung ; es war vielleicht der blutigste Tag , den Cyrene je gesehen hatte . Eine Menge angesehener Bürger , eine große Anzahl der vornehmsten Befehlshaber , und alle Messenier die als Verzweifelte fechtend weder Quartier gaben noch annahmen , auf der feindlichen Seite - und ein großer Theil Volks auf der unsrigen , blieben auf dem Platze ; Ariston selbst stürzte mitten unter seinen für ihn kämpfenden und um ihn her fallenden Getulischen Löwen , tödtlich verwundet zu Boden , und wurde am folgenden Tage unter einem Haufen Erschlagener hervorgezogen . Das Gemetzel währte so lange , bis die Nacht den Ueberrest beider Heere zum Rückzug zwang . Brauchte es nun etwas weiters als auf beiden Seiten wieder zur Besinnung zu kommen , um aufs lebendigste zu fühlen , daß Friede und Mäßigung der einzige Weg sey , alles Unheil , das Zwietracht und ungezügelte Leidenschaften über unser blutendes Vaterland zusammengehäuft hatten , so viel möglich wieder gut zu machen ? Friede , Aussöhnung , Verzeihung , war jetzt das allgemeinste und dringendste Bedürfniß . Demokles , der beliebteste unter den übrig gebliebnen Anführern der demokratischen Partei , und ich , von Seiten derer die es mit Ariston gehalten hatten , wurden also bevollmächtiget , in Unterhandlung zu treten , und das Resultat war : daß beide Parteien einander ewiges Vergessen alles Vergangenen zuschwören , die Verbannten zurückberufen , die eingezognen Güter zurückgegeben , und von jeder Seite fünf Männer ernannt werden sollten , um den gesammten freien Einwohnern von Cyrene eine Regierungsform vorzuschlagen , durch welche die Republik zugleich vor allen künftigen Fehden zwischen den alten Familien und dem Volke , und vor der Gefahr , wieder in die Gewalt eines Einzigen zu gerathen , sicher gestellt würde . Diese neue Regierungsform liegt noch auf dem Amboß ; alles Uebrige ist bereits vollzogen . Da die Wahl der Zehnmänner auf lauter redliche und staatskundige Bürger gefallen ist , und unser Volk zum voraus geneigt scheint , sich jeder neuen Ordnung der Dinge zu fügen , so ist nicht zu zweifeln , daß Cyrene in kurzer Zeit von den Wunden wieder geheilt seyn wird , die ihr der thörichte Ehrgeiz einiger ausschweifenden und übelberathenen Schwindelköpfe geschlagen hat . Es gibt Fälle , wo eine starke Verblutung einem Staate , so wie gewissen menschlichen Körpern , heilsam ist , und bei vorsichtiger Behandlung den Grund zu einer bessern Gesundheit legen kann . Möchte ich nicht genöthigt seyn , mein Bruder , dir diese tröstliche Nachricht durch eine andere zu verbittern , die uns beide unmittelbar betrifft . Unser guter alter Vater verspricht sich selbst die Freude nicht , die bessern Zeiten , die uns bevorstehen , zu erleben . Er verlangt sehr , dich noch zu sehen , und vielleicht würde die Erfüllung dieses Wunsches zu Verlängerung seiner Tage beitragen . Ich bitte dich also , deine Hierherkunft , so sehr du immer kannst , zu beschleunigen . Mögen die Gelübde , die wir alle um Begünstigung deiner Reise thun , dem Ohr einer freundlichen Gottheit begegnen ! 41. Aristipp an Lais . Du ahndest wohl nicht , schöne Lais , daß drei in deinem Hause gelebte Tage mich dem höchsten Ziele der Philosophie näher gebracht haben als vier Jahre in der Sokratischen Schule . Wenn es wahr ist ( und das ist es gewiß ! ) daß die Tugend der Selbstbezwingung die Wurzel aller übrigen ist , wie viel habe ich nicht dem Angedenken jenes flüchtigen Wonnetraums zu danken ! Glaube mir , diese ganze Zeit , da ich wieder von dir getrennt bin - ich erröthe dir zu gestehen , wie viel Jahre sie mir schon währt - war ein einziger unaufhörlicher Kampf meines Willens mich von dir zu entfernen , mit dem unwiderstehlichsten Drang zu dir zurück zu fliegen . Bis hierher habe ich obgesiegt ; und fortkämpfen werd ' ich ihn - diesen peinlichern Kampf als die schwersten , wodurch man die Olympischen und Isthmischen Kronen erringt - und meinen Muth mit der Hoffnung stärken , daß du ( wie bald oder wie spät mögen die Götter wissen ! ) den Sieger mit dem süßesten Kusse , den deine Nektarlippen je geküßt haben , belohnen werdest . - Lache nicht über eine so seltsame Tugendübung ! Du würdest dich , wenn du ihrer spotten könntest , an dir selbst , an mir und an der Tugend gleich stark versündigen . Wirklich und in ganzem Ernst , ich zweifle sehr ob jemals eine größere That als die meinige gethan worden ist , und es gibt Augenblicke , wo ich mit dem stolzesten Selbstgefühl auf alle zwölf Arbeiten des Thebanischen Hercules herabsehe . Denke ja nicht , Liebe , daß eine solche Selbstpeinigung nichts Verdienstliches habe , weil sie keinem Menschen in der Welt zu etwas nütze , und am Ende nichts als grillenhafter Eigensinn sey . Eben darin liegt das Verdienstliche , daß ich - bloß um mich selbst , auf künftige Fälle , die vielleicht nie kommen werden , in Bezwingung meiner Begierden zu üben - den stärksten Reizungen widerstehe , die vielleicht jemals einem Sterblichen zugesetzt haben . Bin ich tapfer genug in diesem Kampfe immer Sieger zu bleiben , welche Gefahr wird mir in meinem ganzen Leben furchtbar seyn ? bei welchen Sirenenfelsen werd ' ich nicht mit unverstopften Ohren vorbei segeln können ? Wahrlich , Laiska , ich hätte jetzt schon Ursache mich für keinen kleinen Helden auszugeben , wenn ich nicht zu ehrlich wäre , dich und mich selbst belügen zu wollen . Aber ich kann und will dir nicht verhalten , daß es Stunden gibt , wo ich den Sieg nicht mir selbst zu verdanken habe ; Stunden , wo meine mit jedem Augenblick abnehmende Kraft dem mächtigen Iynx , der mich zu dir zieht , nur noch matten Widerstand thut , kurz , wo ich im Begriff bin nach dem Hafen zu rennen , die erste beste Jacht zu miethen und mit vollen Segeln nach Korinth zurück zu eilen ; - was vielleicht in einem dieser unglücklichen Augenblicke bereits geschehen wäre , wenn nicht die gerechte Furcht , daß du mich , wenn ich so unerwartet vor dir erschiene , als einen Feigherzigen , der ohne Schild aus der Schlacht zurückkommt , auf der Stelle wieder zurückschicken würdest , mehr über mich vermöchte als der erhabene Beweggrund , mir selbst zu beweisen , daß ich - wollen kann was ich will . Denn darauf läuft doch am Ende die ganze Herrlichkeit hinaus . Die neuesten Nachrichten , die ich aus Cyrene erhalte , sind nicht sehr geschickt , mir das Herbe meiner Tugendübungen zu versüßen . Ariston ist ( wie leicht vorherzusehen war ) wieder gestürzt ; die öffentlichen Angelegenheiten , in welche unsre Familie , edle Anaximandra , ziemlich verwickelt ist , sind noch immer in Verwirrung , und was mir näher andringt als das alles , mein alter Vater , der gütigste und gefälligste Vater , den ich mir jemals wünschen konnte , scheint am Ziel seiner Tage zu seyn . Dieser Umstand nöthigt mich meinen Reiseplan zu ändern ; anstatt die Städte der südlichen Küste von Italien zu besuchen , kehre ich morgen mit einem für Hadrumetum betrachteten Schiffe nach Libyen zurück . Sollte ich , wie ich fast besorgen muß , meinen Vater nicht mehr unter den Lebenden antreffen , so sehe ich nicht was mich in Cyrene aufhalten könnte . Denn meine eignen Angelegenheiten werden mit meinem Bruder , der ein eben so edelmüthiger als kluger Geschäftsmann ist , bald abgethan seyn , und von der Pflicht , mich in die öffentlichen zu mischen , dispensirt mich glücklicherweise meine Jugend . In diesem Falle würde ich vielleicht bald genug zurückkommen können , um dich noch zu Aegina anzutreffen . Indessen lebe wohl , meine Freundin , und erinnere dich meiner , so oft du den Grazien und deinem Genius , der auch der meinige ist , opferst . 42. Aristipp an Learchus zu Korinth . Ein heftiger und anhaltender Sturm , der uns mehrere Tage im Hafen von Skandeia zurückhielt , hat mich um die beste Frucht meiner Reise gebracht . Ich bin zwar glücklich in Cyrene angelangt , aber den ehrwürdigen Aritades , den ich noch zu sehen hoffte - sah ich nicht mehr . Ich weiß , edler Learch , auch du wirst dem Andenken eines Freundes deines Hauses , den du vor dreißig Jahren bei deinem Vater gesehen zu haben dich vielleicht noch erinnerst , eine fromme Thräne schenken . Er war ein guter Mann im edelsten Sinne dieser Benennung . Hätte Cyrene unter zehntausend Bürgern nur hundert seines gleichen gehabt , so würden die armen Leute jetzt nicht so viel Noth und Mühe haben , all das Unheil wieder gut zu machen , das die Verkehrtheit einiger wenigen , und die Thorheit der Menge im Laufe des verfloss ' nen Jahres über sie gebracht hat . Das große Interesse der öffentlich Angelegenheiten verschlingt in diesem Zeitpunkt jedes Privatgefühl . Vornehmlich beschäftigt die künftige Staatsverfassung alle Köpfe und Zungen ; man hört in allen Gesellschaften und auf allen Versammlungsplätzen nichts anders ; jedermann hat entweder einen Vorschlag zu thun , oder stellt Vermuthungen über die neue Republik an , die in kurzem aus der Werkstatt der Zehnmänner hervorgehen soll , und bekrittelt sie in voraus , falls sie so oder so ausgefallen seyn sollte . Daß ich ein bloßer Zuschauer bei allen diesen Bewegungen bin , wird dich nicht befremden , da mich weder meine Erfahrenheit noch unsre Gesetze , die keinem Bürger vor seinem dreißigsten Jahre eine active Stimme gestatten , zu öffentlicher Theilnehmung an Geschäften dieser Art berufen , und vor unzeitiger Einmischung meine ganze Art zu denken mich bewahrt . Ich überlasse alles meinem Bruder Aristagoras und meinem Freunde Demokles ( die das Vertrauen ihrer Mitbürger in einem vorzüglichen Grade besitzen ) um so ruhiger , da sie durch gleiche Mäßigung und Klugheit , bei gleich redlichen Absichten , völlig dazu geeigenschaftet scheinen , uns , wo nicht die beste Verfassung , die sich denken läßt , wenigstens die beste , die unter den gegenwärtigen Umständen möglich ist , zu geben . 43. An Ebendenselben . Das neue Palladion unsrer Stadt ist nun fertig , und ( wie die Cyrener ein rasches und ungeduldiges Völkchen sind ) von der allgemeinen Volksversammlung mit großem Jubel angenommen und eingeführt worden . Dir die innere Organisation unsrer mit Griechenland in keiner Verbindung stehenden Republik bis in ihren kleinsten Aesten und Zweigen darzulegen , möchte dir und mir zu langweilig seyn : ich begnüge mich also , dir nur das Wesentlichste , und auch dieß nur mit den äußersten Linien , vorzuzeichnen . Die höchste Staatsgewalt ist in einer ziemlich zweckmäßigen Proportion ( wie mich däucht ) zwischen dem Senat , welcher ausschließlich aus den ältesten und begütertsten Familien genommen wird , und dem Volk , oder vielmehr dem aus dem Mittel desselben erwählten großen Rath , der das Volk vorstellt , vertheilt . Der Senat besteht aus hundert Personen , die ihren Platz in demselben lebenslänglich behalten . Der Vorsitzer , Epistates genannt , ist das Haupt der ganzen Republik ; er hat das große Siegel in seiner Verwahrung , und da er für die Ausführung der Beschlüsse des Senats verantwortlich ist , so ist jeder Bürger von Cyrene ohne Ausnahme seinen Befehlen und Aufträgen schleunigen und unverweigerlichen Gehorsam schuldig . Er besitzt aber diese beinahe königliche Gewalt nur dreißig Tage lang , und kann erst in fünf Jahren wieder dazu erwählt werden . Die Senatoren , die nicht unter fünfunddreißig Jahre alt seyn dürfen , sind in drei Classen abgetheilt . Die erste besteht aus zwölf Demarchen oder Polizeimeistern ( welche künftig bloß aus den monatlich abgehenden Epistaten genommen werden sollen ) , deren jeder in einem der zwölf Quartiere , in welche die Stadt abgetheilt ist , für die Erhaltung guter Zucht und Ordnung und öffentlicher sowohl als häuslicher Sicherheit zu sorgen hat . Sie sind zugleich Schiedsrichter in allen unter den Bürgern verfallenden Streitigkeiten , und berechtigt , wenn kein Vergleich statt findet , in erster Instanz abzuurtheilen . Auch kommen sie zweimal in der Woche zusammen , um sich über alles was zur allgemeinen Stadtpolizei gehört , es betreffe nun Abstellung von Mißbräuchen oder Vorschläge zu Verbesserungen , zu berathen . Sie erstatten dem Senat alle Monate Bericht über den Zustand der Stadt und legen ihm ihre Vorschläge zur Entscheidung vor . Die zweite Classe des Senats besteht aus den vierundzwanzig Personen , unter welche die hauptsächlichsten Aemter der Republik vertheilt sind , dem Kanzler und Schatzmeister , und den sämmtlichen Oberaufsehern der öffentlichen Gebäude , Tempel , Gymnasien , Bäder , Brunnen u.s.w. , ferner der Feste und religiösen Feierlichkeiten , des Kriegsstaats und Seewesens , der Zeughäuser , der öffentlichen Fruchtböden , des Ackerbaues , der Bergwerke u.s.w. Diese erscheinen gewöhnlich nur alsdann im Senat , wenn sie Vorträge zu thun , Verhaltungsbefehle einzuholen , oder Rechenschaft abzulegen haben . Alle übrigen Senatoren machen das Collegium aus , dem die Verwaltung der bürgerlichen und peinlichen Gerechtigkeit anvertraut ist , und welches wieder in verschiedene Abtheilungen zerfällt . Die Epistaten und Demarchen dienen dem Gemeinwesen umsonst ; die zweite und dritte Classe sind auf einen anständigen Gehalt gesetzt . Der Staat besoldet seine Diener aus dem Schatz ; die Richter hingegen erhalten ihren Ehrensold aus einer öffentlich verwalteten Casse , in welche alle Geldbußen und die vom Gesetz bestimmten Gerichtsgebühren fließen , welche die unterliegende Partei bezahlen muß , und wovon allein die ärmste Bürgerclasse ausgenommen ist ; denn für diese hat unsre Justiz keinen Beutel , aber dafür einen derben Knittel , um die Leute von leichtfertigen Händeln abzuschrecken . Der Senat versammelt sich gewöhnlich sechsmal in jedem Monat , und außerdem so oft es der Epistat nöthig findet . Er vereinigt unter den verfassungsmäßigen Einschränkungen alle Gewalten in sich . Alle seine Verordnungen haben , insofern sie den schon vorhandenen Gesetzen nicht widerstreiten , Gesetzeskraft ; aber diejenigen , die den ganzen Staat betreffen , nur bis zur nächsten Sitzung des großen Rathes , der aus hundert und zweiundneunzig Plebejern besteht , wozu jedes Quartier sechzehn von den Bürgern desselben erwählte Mitglieder hergibt . Dieser muß alle Monate , am ersten Tage nach dem Neumond , von dem Epistaten zusammenberufen werden , um den Verordnungen des Senats , welche die Kraft eines gemeingültigen Gesetzes erhalten sollen , die Bestätigung zu geben oder zu versagen . Diese Bestätigung ist nicht länger als auf fünf Jahre kräftig ; nach Verfluß derselben wird das Gesetz einer Revision ausgestellt , durch welche es entweder verworfen oder auf dreißig Jahre festgesetzt wird . Ueber Krieg und Frieden kann nur der große Rath entscheiden . Neue Auflagen können nur mit seiner Bewilligung stattfinden , auch muß ihm von jedem abgehenden Epistaten Bericht über den Zustand der Republik und alle Jahre von dem Schatzamt Rechnung über die Verwaltung der öffentlichen Einkünfte abgelegt werden . Auf diese Weise glaubten unsre Nomotheten122 zugleich sowohl für die Freiheit und Sicherheit , die der Staat seinen Bürgern zu garantiren schuldig ist , als für die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung , hinlänglich gesorgt zu haben . Aber sie fanden noch eine Gewalt nöthig , um der großen Macht , die dem aristokratischen Senat anvertraut ist , das Gegengewicht zu halten , und dem demokratischen großen Rath jeden Mißbrauch seiner hemmenden Gewalt unmöglich zu machen . Zu diesem Ende verordneten sie noch ein Collegium von sechs Eparchen , welche , von allen andern unabhängig , zur einen Hälfte vom großen Rath aus den Eupatriden , und zur andern vom Senat aus dem Volk erwählt werden , und keine andere Verrichtung haben , als die Bewahrer der Gesetze und der Verfassung zu seyn , und zu verhindern , daß weder der Senat und die aus dessen Mittel bestellten Magistratspersonen ihre Gewalt über die Schranken der Gesetze ausdehnen , noch der große Rath dem kleinen seine Beistimmung aus unstatthaften Ursachen versagen könne . In beiderlei Fällen haben sie den Räthen und übrigen Staatsbeamten Vorstellungen zu thun , und sind , wofern diese nicht gehört würden , berechtigt , eine von den Prytanen ergangene Verordnung zu suspendiren oder eine vom großen Rath versagte Sanction durch die ihrige zu ersetzen . Die ihnen verliehene Macht geht so weit , daß sie eine jede Magistratsperson und überhaupt jeden Bürger , der etwas gegen die Republik oder ihre Verfassung unternehmen wollte , in Verhaft zu nehmen , und einem besondern Gerichte , das aus den zwölf Demarchen , zwölf durchs Loos erwählten Prytanen , und fünfundzwanzig Plebejern , unter dem Vorsitz des ältesten Eparchen , zusammengesetzt ist , zur Untersuchung und Bestrafung zu übergeben berechtigt sind . Diese Staatsaufseher bleiben nur ein Jahr im Amte , haben den Vorsitz über alle andern obrigkeitlichen Personen , unmittelbar nach dem Epistaten , und werden vom Volk als eben so viele für seine Rechte und für die öffentliche Wohlfahrt wachende Schutzgeister angesehen ; sind aber nach ihrem Austritt einer so strengen Verantwortlichkeit unterworfen , daß auf jede Versäumniß ihrer Pflicht die Strafe einer zehnjährigen Landesverweisung steht . Ich füge diesem kurzen Abriß unsrer neuen Verfassung nur noch dieses hinzu , daß , weil die Cyrenische Priesterschaft sich bei der letzten Revolution durch eine besonders eifrige Vorliebe für die Tyrannie hervorgethan , die Einrichtung getroffen worden ist , daß die jedesmaligen Demarchen zugleich die Oberpriester in ihrem Quartier , und der Epistat als das Oberhaupt des Staats zugleich der Hohepriester desselben ist . Wie gefällt dir nun unsre Republik in dieser neuen Gestalt , edler Learch ? Sie ist mit obrigkeitlichen Personen nicht so überladen wie Athen , und hat , wenn ich ihr nicht zu viel schmeichle , so ziemlich die Miene , ihre zwanzig Jahre so gut wie irgend eine andre auszudauern . Oder meinst du nicht ? - Ernsthaft zu reden , es wäre unartig von mir , wenn ich unsern Prometheen die Freude , eine so zierlich gearbeitete Constitution zu Stande gebracht zu haben , und meinen Mitbürgern ihr Vergnügen an derselben durch Mittheilung meiner Gedanken verkümmern wollte . Aber bei dir darf ich die Weissagung wohl ingeheim hinterlegen , daß unsre Staatsmaschine , wie richtig sie auch einige Jahre spielen mag , noch ehe dreißig Jahre in die Welt gekommen sind , wieder ins Stocken gerathen und den Söhnen ihrer Verfertiger wenigstens eben so viel zu schaffen machen werde , als die vorige den Vätern . Alle bürgerliche Gesellschaften haben den unheilbaren Radicalfehler , daß sie , weil sie sich nicht selbst regieren können , von Menschen regiert werden müssen , die - es größtentheils eben so wenig können .