Tat ; nur die Liebe zu euch , ihr Lieben , hielt mich an diesem Leben fest . Denn ich zog doch die Festung dem Tode vor , und daß ich nicht hingerichtet würde , davon war ich damals fest überzeugt . Jetzt ist es freilich anders , denn ich sehe nicht nur die Möglichkeit , sondern sogar die Wahrscheinlichkeit ein . Aber laß das gut sein , es kann alles noch besser werden , als wir denken . Für jetzt freue ich mich nur , daß meine liebe Mutter hier ist , und daß ich mich mit Dir unterhalten kann . Denn obgleich mir Weitze und Landvoigt so viel Gutes erweisen , so kann ich doch nicht das für sie fühlen , was mein Herz für Dich empfindet . Mit welcher Gefahr ich schreibe , glaubst Du gar nicht , denn an meiner Stubentür , in welcher eine Scheibe ist , steht der Posten und ich habe nur einen kleinen Winkel , wo er mich nicht beobachten kann . Wenn ich nur bald von hier wegkomme . Zwar werde ich dann Dir und meiner Klara entführt , doch mein Herz bleibt bei euch und gewiß werde ich Dich stets von meinem Befinden benachrichtigen . Nur muß ich bitten , daß auch Du mich recht ausführlich benachrichtigst und mir schreibst , was ihr für den Silvesterball vorhabt . Du weißt gar nicht , wie glücklich es mich macht , von Dir und Klara etwas zu hören ; daher sei nicht karg mit Deinem Schreiben , es soll Dir keinen Schaden verursachen . Grüße meinen guten Heinrich , August , Jean etc. , aber vor allen grüße sie , die ich so heiß liebe . Sage ihr , daß alle Pulse nur für sie schlagen , daß kein Augenblick vergeht , in welchem ich nicht an sie denke . Ach , es heißt mit Recht : » Süße Quelle meiner Leiden , ewig , ewig lieb ich Dich « , denn jener unvergeßliche Abend ( Freitag , den 2. Dezember ) ist die Hauptursache . Aber ich klage keinen Menschen an , nur mich allein und meine fürchterliche Verblendung . Ich kann mit Recht sagen » ich opferte mich für andere « , denn mir bleiben von der Tat nur die Hefen , meine Kameraden genießen das Gute . Nur bleib mir treu , erfreue mich mit einem recht langen Schreiben und grüße Klara von Deinem immer noch verliebten Vetter Emil Zweiter Brief Emil von Arnstedts an seinen Vetter Adalbert von L. 1. Januar 1837 . Mein lieber Adalbert ! Von Herzen Glück zum neuen Jahr . Du bist doch mein bester Junge und wirst es bleiben , daher will ich Dir auch vertrauen . Ist mein Tod nicht zu umgehen , so steht mir der Weg der Flucht immer noch offen . Ich habe schon im stillen gearbeitet und Du wirst mich gewiß dabei nicht im Stiche lassen . Als ich gestern gegen sieben Dein kräftiges » Oho ! « erschallen und die Schellen läuten hörte , war ich schon im Begriff , als Maske auf den Silvesterball zu kommen . Nur der Gedanke an die Bemühungen meiner guten Mutter 34 hielten mich davon ab . Daß es mir gelungen wäre , wirst Du wohl nicht bezweifeln , denn ich gab Dir schon Beweise der Art. Über Deinen Brief habe ich eine unaussprechliche Freude gehabt . Schreibe mir ja , was Klara macht , wie sie von mir denkt , ob sie sich meiner noch erinnert . Glaube mir , nichts straft mich mehr , als das Vernageln meiner Fenster , aber ich muß gestehen , es war in den ersten Tagen auch zu auffallend . Alle Mädchen gingen an meinem Fenster vorüber und schauten herauf . Mir war so rasend zumute ; doch habe ich mich köstlich dabei amüsiert . Denn Du kennst mich ja , wenn ich hübsche Mädchen sehe . Aber nur eine erfreut mich wahrhaft , wenn sie mich eines Blickes würdigt . Schon oft hatte ich das Vergnügen , sie zu sehn . Ach , wenn ich sie nur noch einmal sprechen könnte ! Oh , guter , treuer Freund , wenn Du ein kleines Liebeszeichen für mich empfangen könntest , es sollte mir meine Ketten tragen , ja vergessen helfen . Meine gute , liebe Mutter arbeitet Tag und Nacht für mich und ihren Bemühungen verdanke ich so viel . Ach , wenn ich ihr doch genug dafür danken könnte ! Wenn Du wüßtest , wie es in mir gärt und kocht ; wenn das so fort geht mit meiner Behandlung , werd ' ich nächster Tage verrückt . Denke Dir alle 24 Stunden wird bei dieser Kälte nur einmal eingeheizt ; wenn ich schlafen gehe , darf ich mich nicht ausziehen und was dergleichen Schikanen mehr sind , die man sich ausdenkt . Keine Binde , keine Hosenträgerschnalle , nichts darf ich haben ; daß ich andere Sachen habe , das wissen sie nicht . Aber nun will ich alles gern ertragen . Ich besitze eine liebe , treue Mutter , eine gute Schwester , geprüfte , treue Freunde und vielleicht auch das Herz eines Mädchens , das mein ganzes Sein ausmacht . Ich bin nicht verlassen , denn man nimmt sich meiner tätig an . Wenn nur nicht gerade meine Richter auch meine Feinde wären . Aber laß das gut sein , ihren Zweck erreichen sie nicht , denn obgleich ich dem Tode mit Trotz ins Gesicht sehe , so ziehen mich doch alle Pferde der Erde nicht zum Schaffot . Dafür sage ich Dir gut , und Du kennst mich alte , treue Seele . Der Frau kannst Du unbedingtes Vertrauen schenken , sie ist treu wie Gold , und obschon sie sehr beobachtet wird , Weiberlist geht über alles . Und ich bin Gott sei Dank auch nicht auf den Kopf gefallen . Bald mehr Lebe froh , genieße Deine Zeit ; man ist bloß einmal jung . Grüße meine Freunde und meine heißgeliebte Klara , und sage ihr wie unaussprechlich ich sie liebe und wie ich nur stets an sie denke . Lebe wohl . Adalbert von L. an Emil von Arnstedt 3. Januar 1837 . Mein lieber Arnstedt . Von Klara soll und will ich Dir schreiben . Ja , sie liebt Dich noch mit der Liebe , wie sie Dich stets geliebt hat und Deine Locke trägt sie beständig auf ihrem Herzen . Sie lebt nur für Dich ; auf dem Beamtenverein sprachen wir nur von Dir und heut noch gehe ich zu ihr , um sie zu einem Briefe zu vermögen . Es war am Silvester wenig los auf dem Verein , nur ungefähr 10 bis 12 tanzbare Damen ; ich habe mit Klara den Kotillon getanzt und wie gesagt nur von Dir gesprochen . Als ich nach Frankfurt zurückkam , hörte ich gleich , daß Du im Gefängnis ungeheuer bekurt worden wärest ; aber Du hast auch wirklich die ganze Damenwelt auf Deiner Seite . Wenn Deine Richter Damen wären , so würdest Du gewiß freigesprochen und noch obendrein General . Deinem vis-à-vis traue ich nicht ; sprich nicht davon , daß ich mit Dir korrespondiere . Wenn Du heraus könntest , fast glaub ' ich , ich würde Dich wegbekommen . Überlege Dir die Sache und schreibe mir darüber . In der Stadt geht das Gerede , ich korrespondiere mit Dir und sollte deshalb festgenommen werden ; es ist aber nichts und ich mache mir auch nichts daraus . Nimm Dich nur in acht , daß Du nicht schlecht dabei wegkommst , denn der alte Oberst von Werder sieht mir höllisch auf die Finger und sitzt jetzt den ganzen Tag am Fenster . Soweit schrieb ich heute vormittag ; jetzt kann ich Dir auch etwas von Klara erzählen . Ich fuhr sie heute Pikschlitten , und ich hoffe von meiner Überredungskunst das Beste . Es würde mich glücklich machen , wenn sie Dir ein paar Zeilen schriebe . Mein lieber Arnstedt , bist Du in Deinem Briefe auch ganz offen gegen mich gewesen ? Hast Du wirklich ganz allein den Entschluß gefaßt ? Ich nehme zwar nicht an , daß Du eine Verbindung mit andern in dieser Hinsicht gehabt hast , aber wenn es wirklich so sein sollte , so rette uns Dein teures Leben . Du hast vielleicht Dein Ehrenwort gegeben ; es ist so , nun gut , in Amerika , wenn Du los kämest , weiß niemand etwas davon , und Du stehst so gut als Ehrenmann da , wie jeder andre . Glaube mir , meine einzige Bitte zu Gott ist jetzt Dein Leben , und wenn alle die Gebete erhört werden , welche dafür zum Himmel emporsteigen , so wirst Du gewiß erlöst . Verzweifle nur nicht , stelle Dich wahnsinnig , aber werde es nicht . Kann ich Dir in sonst etwas dienen , so sprich es aus . Alles was ich tun kann , tue ich gewiß mit Freuden . Tu nur keinen übereilten Schritt ; Dein Entschluß , nicht auf dem Schaffot zu sterben , ist Dir von Gott eingegeben . Ich könnte nicht leben , wenn ich Dich hinrichten sähe . Dein Adalbert von L. Emil von Arnstedt an Adalbert von L. 12. Januar 1837 . Mein guter lieber Adalbert . Meine Flucht aus dem Kerker , auf die Du hinweist , ist kinderleicht ; bedenke aber dann weiter . Ich bin hier entblößt von allen Mitteln , zur Reise braucht man Geld , auch müßt ' ich von Kopf bis Fuß anders gekleidet werden . Die Sache ist also kostspielig und ich kann von Dir solches Opfer gar nicht annehmen . Reißen aber alle Stränge , so muß Rat geschafft werden , auch Geld , es mag kommen woher es will , und wenn ich mich dem Satan verschreiben sollte . Ich warte mit Schmerzen auf die Rückkehr meiner Mutter ( wahrscheinlich von Berlin , wo sie dem König ein Gnadengesuch überreichen wollte ) , von der hängt viel ab . Fällt das Resultat glücklich aus , so bleib ' ich vernünftig , wo nicht , so werd ' ich wahrscheinlich wahnsinnig , und dann fang ' ich damit an , daß ich alles kurz und klein schlage . Ich werde meine Rolle schon spielen . Du mußt mir jedesmal schreiben , wann Du meinen Brief erhalten hast und das Datum darauf setzen . Ich schicke Dir Deine Briefe mit ; Du hebst sie mir auf , daß , wenn ich sie fordere , Du sie mir geben kannst . Verwahre die von mir geschriebenen so , daß , wenn man bei Dir nachsuchen sollte , man keinen findet . Ich schicke Dir hier einen Brief an meine liebe Kl . mit ; ich überlasse es Deinem Gutachten , denselben abzugeben oder nicht . Zugleich liegt hier die Zeichnung zu dem Schlüssel meiner Ketten bei , zur Flucht muß ich sie lösen , habe ich aber den Schlüssel nicht , so muß ich das Schloß zerbrechen , was mich verraten möchte . Kannst Du mir nicht diesen Schlüssel machen lassen ? In diesem Falle benachrichtige mich , wenn er fertig ist . Das Weitere sollst Du dann hören ... Ach wenn ich Dir doch mit Worten schreiben könnte , welche Freude ich über Deinen Brief empfand ! Im Vertrauen auf diesen Brief schreib ich an Klara . Möchte sie mir doch antworten . Sie ist mein Gedanke bei Tag und Nacht . Im Traume umgaukelt sie mich . Liege ich abends so wachend auf meiner Pritsche , so ist es oft , als stände sie vor mir und lächelte mich freundlich an . Sehnend breit ' ich meine Arme Nach der Teuren Schattenbild , Ach ich kann es nicht erreichen Und das Herz bleibt ungestillt . Wenn Du , lieber Vetter , mir von ihr einen Brief senden könntest , ich würde vielleicht schon aus Liebe wahnsinnig . Es ist doch ein köstlich Ding , daß wir uns so unterhalten können . Ja , ja , die Liebe und die Not sind erfinderisch , und wer weiß wie es stünde , wenn dies nicht wäre . Benachrichtige mich doch offen , was die Leute so über meine Bestrafung sprechen . Ob der Entschluß in mir oder bei Andern gereift ist und ob ich freiwillig oder durch das Los zum Mörder wurde , darüber laß mich schweigen , und auch Du schweige gegen andre . Nun lebe wohl , schreibe bald und sei nicht so kurz mit Deinen Worten ; Du schreibst fünf Zeilen und ich Dir immer ellenlange Briefe . Laß ja den Schlüssel machen ; siehe Dich aber mit dem Schlosser vor , er muß Dich entweder genau oder gar nicht kennen . Dein Emil III. Um die Mitte Januar bricht die Korrespondenz ab , um erst zwei Monate später wieder aufgenommen zu werden . Ob hier Briefe fehlen oder ob einfach die Wachsamkeit eine größere geworden war , läßt sich aus der Korrespondenz selbst nicht entnehmen . Diese wird immer äußerlicher und zum Teil auch zynischer , je näher die Katastrophe rückt , was unerklärlich wäre , wenn man nicht annehmen müßte , die Hoffnung auf Begnadigung habe ihn bis zuletzt begleitet . Ich lasse nun wieder die mit dem 10. März aufs neue beginnenden Briefe sprechen . Adalbert von L. an E. von Arnstedt 10. März 1837 . Lieber Arnstedt . Gott sei Dank , endlich mal wieder etwas von Deiner lieben Hand . Meine Freude beim Anblick Deiner letzten Zeilen war unaussprechlich . Du verlangst einen ausführlichen Bericht und ich versuche es . Mit Deiner lieben Mutter und Deiner schönen , Dir sehr ähnlichen Schwester waren wir am Abend vor Deiner Abreise ( dieses ist unverständlich ) recht vergnügt bei Landvogts ; Dein Schwesterchen war etwas angetrunken und daher sehr liebenswürdig und heiter . Auch von Klara , so verlangst Du , soll ich Dir schreiben . Nun , ich darf Dir der Wahrheit gemäß versichern , daß sie Dich liebt und immer lieben wird . Unsre Gespräche haben nie einen andern Gegenstand als Dich , und Du erfüllst ihre ganze Seele . Nur einmal hat sie mich geärgert : als ich ihr Deinen Brief gab , hat sie diesen Brief an Kirchner gezeigt . Neulich , auf dem Beamtenvereine , haben wir uns ziemlich amüsiert ; die Stelle dicht an der Tür , wo Du mit Klara das letzte Mal gesessen , wird jetzt immer von uns eingenommen , weil sie ihr die liebste ist . In der Loge war ich auch neulich . Franziska wird jetzt von einigen Dragoner-Fähnrichen becourt ; zugleich macht sie Gedichte an Dich . 35 Es ist alles weder gehauen noch gestochen , doch es sind ja Verse . Woher weißt Du , daß ich jetzt einen kurzen schwarzen Samtrock habe ? Tanze nur fleißig schottisch , damit Du doch etwas Bewegung hast . Schreibe mir auf die Rückseite dieses Briefes . Dein treuer Vetter A. L. Arnstedt antwortete denselben Tag noch ( 10. März ) und schrieb , wie proponiert war , auf die Rückseite des Briefes . Mein lieber guter schwarzröckiger Vetter . Daß Du einen schwarzen Samtrock hast , habe ich längst gewußt , aber das ist neu , daß ich Dich vielleicht nächstens darin sehen werde . Ich habe nämlich Hoffnung als » Staatsgefangener « nach Magdeburg zu kommen ; ist das aber der Fall , so werde ich mit Extrapost fortgebracht . Da können wir uns dann möglicherweise sehen und sprechen ; man muß nur alles ausspekulieren und pfiffig sein . Was hat denn Kirchner zu dem Briefe gesagt ? Ihr werdet mich übrigens sehr verändert finden . Mein Haar umhüllt mich wie ein Mantel , und mein Bart hängt bis zur Erde , denn es sind jetzt runde fünfzehn Wochen , daß ich eingesperrt wurde . In zwei bis drei Jahren hoff ' ich wieder frei zu sein ; kann und darf ich dann in unserem Heere nicht fortdienen , so ist Rußland oder Griechenland mein Asyl . Aber erst verlebe ich einige Zeit bei Dir . Nächsten Freitag kommt Vetter Fritz wieder zu mir ; da könntest Du mir etwas Herzstärkendes zuschicken , eine Flasche Wein oder einen guten Leckher oder Leckhin . Aber es muß in einer Flasche sein , die der Vetter in die Tasche stecken kann . Franziska dichtet . Nun ich auch und mein Neuestes ist ein Lied » An den Arrest « . Als ich dich zum ersten Mal erblickte , Diesen Augenblick vergeß ich nie , Als ich mich auf deine Pritsche drückte , Wurde mir , ich weiß es selbst nicht wie . Du siehst , ich bin auch ein Dichter . Dein Emil , Suitier in Ketten Fünf Tage später , derselbe an denselben 15. März 1837 . Mein lieber Adalbert ... Mein Urteil wird und muß bald kommen und wird hoffentlich nicht so streng ausfallen . Daher Geduld . Bin ich erst an meinem Bestimmungsort , so erhältst Du die erste Nachricht . Nun aber , was macht Klara ? Denkt sie meiner noch oder bin ich vergessen . Laß mich nicht vergebens auf Antwort warten . Grüße sie und sage ihr , daß mein Herz nur für sie schlägt , daß ich durch sie lebe und atme ... Ich hoffe noch auf frohe Tage und rufe deshalb auf Wiedersehen . Grüße Klara . Gesund bin ich und fidel wie immer , obgleich mir die Flügel beschnitten sind . Dein Emil Adalbert von L. an Emil von Arnstedt 24. März 1837 . Mein guter , lieber Arnstedt . Dein liebes Briefchen habe ich erhalten . Du fragst darin unter andern , wie Klaras Vater und ihre Mutter von Dir denken ? Ersterer urteilt wie fast alle Männer , also lieblos , die letztere jedoch bedauert Dich von Herzen . Du frägst auch , wer jetzt Klara bekurt ? Die Leute meinen , ich täte es ; aber es ist nicht wahr , unser Gespräch dreht sich immer nur um Dich . Du schreibst auch , Deine Locken wären jetzt Dein Mantel und Dein Bart reichte bis zur Erde . Junge , da mußt Du ja allerliebst aussehen , doch bitte ich Dich , opfere etwas davon und schicke es mir , aber einen recht großen Wusch , denn alle Welt will eine von Deinen Locken haben . Heute zum Charfreitag ist nirgends etwas los , aber am Ostermontag bin ich auf dem dritten Club . Dein A. von L. Emil von Arnstedt an Adalbert von L. 25. März 1837 . Mein lieber Adalbert . Heute ist der Geburtstag meiner Mama , ich durfte ihr direkt keinen Gruß , keinen Glückwunsch senden und mußte es durch einen Mann tun lassen , dem ich nicht gewogen bin , durch meinen Hauptmann . Früher trat ich an der Hand meiner Geschwister und meines guten sel . Vaters vor meiner Mutter Ruhebett und beschenkte sie mit Blumen und anderen Kleinigkeiten , sagte auch als der Älteste ein hübsches Gedicht her . Jetzt darf ich ihr nicht einmal schreiben ! Bei Gott , das schmerzt tief , das kränkt mich ; doch weg mit trüben Gedanken . Wiederkommen bringt Freude . Weiß ich doch , daß liebende Herzen mir entgegenschlagen . Ich sende Dir auf Deinen Wunsch eine Locke so gut ich sie habe . Gib aber davon nicht jedem oder auch nicht jeder . Brauchst Du mehr , so steht mein Kopf zu Diensten , doch bitte ich Dich um die Namen der Expektanten . Habe Dank für die Flasche . Hast Du nicht ein altes Spiel Karten zu meiner Unterhaltung , es wird Tod und Leben gespielt . Morgen also siehst Du Kl . » Ach , süße Quelle meiner Leiden , ewig , ewig lieb ich Dich . « Beobachte sie gut . Wenn sich irgend ein fremder Schnippschnapp an sie machen sollte , sieh , ich schwöre Dir , meine Hand griffe zum zweiten Male nach der Mordwaffe und dieses Ziel würde sie noch weniger fehlen . Ach , ich bin ein schrecklicher Mensch in meiner Einsamkeit geworden und denke nur an blutige Rache . Du verzeihst mir , daß ich so rede . Aber Du weißt , lügen ist nicht meine Passion . Auf ein fröhliches Wiedersehn . Gott segne Dich ! Wie immer Dein Vetter Emil von A. Adalbert von L. an Emil von Arnstedt Lieber guter Arnstedt ! Ich habe eben jetzt keine guten Nachrichten für Dich bekommen ; der König soll das kriegsgerichtliche Urteil dem Kammergericht übergeben und dieses das Urteil bestätigt haben . Doch harre und hoffe . Vielleicht , daß Dir doch noch die Gnade offen steht . Wenn Dir Dein Urteil publiziert ist , kannst Du verlangen , die zu sehen und zu sprechen , welche Du gern hast , und ich glaube , ich werde doch einer der ersten sein . Hoffentlich aber ist alles nur Fama . Emil von Arnstedt an Adalbert von L. Lieber Adalbert ! Laß das gut sein . Im Fall der Not weiß ich zu sterben . Ich beschwöre Dich bei allem was Du liebst , laß Dir ein schnell wirkendes Gift für mich bereiten , denn ich bin fest überzeugt , daß Du mich nicht willst richten sehn . Wenn es dann Not am Mann ist , schickst Du mir die Pülverchen oder die Mixtur und ich lache dem Schaffot Hohn . Du wirst mir dies nicht abschlagen . Volto ( ? ) subito . Dein Emil von A. Derselbe an Denselben 2. April 1837 . Mein lieber Vetter Adalbert . Du antwortest mir nicht . Das ist nicht recht ; denke Dir doch meine Ungeduld ! Ich rechne zum 5. auf einen langen Brief von Dir . Ich habe jetzt die Erlaubnis , Reisebeschreibungen zu lesen und bin deshalb bald in den Sandwüsten Afrikas , bald in Amerikas reizenden Gefilden . Könnt ' ich dort in Wirklichkeit mit Dir sein ! Wie lauten die Nachrichten über mich ? Zum Tode wird es wohl noch nicht gehen ; ich habe ja noch nichts gemacht im Leben und sollte schon sterben ! Aber sorge nur immer für eine kleine Phiole mit Rettung aus der Not . Wie ist es Dir am Freitag ergangen ? Was macht Modeste , Louise , Flora , Agnes , und vor allem was macht sie ? Schreibe bald Deinem alten Vetter . Nachschrift . Das Wetter ist furchtbar und tobt und heult . Es würde sich bessern , wenn ich frei wäre . Dein Aemilius Buridan , Hauptmann der schwarzen Bande . Adalbert von L. an Emil von Arnstedt 6. April 1837 . Lieber Arnstedt . » Harren und Hoffen , hat oft eingetroffen . « Ich rufe es Dir heute zu . Deine Sache soll jetzt wie folgt stehen . Der König hat zu seiner Beruhigung das ( wahrscheinlich auf Tod lautende ) Urteil dem Ober-Auditoriat übergeben ; dieses hat sich die Zeichnung des Ganges , in welchem Du Wenzel erschossen hast , schicken lassen und hat nach Kenntnisnahme dieser Zeichnung den Ausspruch getan : daß ein Zielen in diesem Gange nicht möglich gewesen sei . Worauf Du nun , so heißt es , und in gleichzeitiger Berücksichtigung Deiner Jugend , zu zwanzig Jahr Festung verurteilt seist . Nun weiß der König nicht , was er tun soll . Das ursprüngliche Urteil liegt zu seiner Unterschrift da . Er wird es aber hoffentlich nicht unterschreiben ... ( Es folgen nun wieder ganz gemütlich Ball- und Gesellschaftsnachrichten , allerlei kleiner Klatsch , Rendezvous und zuletzt Bemerkungen über Treue und Untreue ... ) » Du darfst nicht zu viel von Klara fordern und darfst nicht vergessen , daß sie Deine erste Liebe nicht war und Deine letzte hoffentlich nicht sein wird . Ich glaube bestimmt , wenn Du schönere Mädchen sähest , würdest Du Klara vergessen . « Und zuletzt : » Was mir angenehm ist , ist das , daß Du Reisebeschreibungen zu lesen hast . Suche nur ein hübsches Plätzchen in jenen Regionen aus ; ich ziehe mit Dir so weit der Himmel blau ist . « Dein Adalbert Emil von Arnstedt an Adalbert von L. Mein lieber Adalbert . Ein ruhiges Plätzchen in jenen Regionen aufzusuchen , ist wohl leicht ; doch ob Du mit mir dort Freud und Leid teilen willst , das bedenke . Man verläßt nicht gern ohne Not Eltern , Hab und Gut . Nein , wähle Dir ein hübsches junges Weib , habe Kinder , und wenn ich dann vielleicht aus jenen Regionen ohne Fuß oder Arm zurückkehre , so gewähre dem alten zerschossenen aber gewiß noch fidelen Krüppel ein Plätzchen an Deinem Herd . Doch das liegt in weiter Ferne . Vorläufig nur das , daß ich in der ganzen Welt mein Fortkommen zu finden hoffe , denn wennschon ich nichts als Blut zu vergießen gelernt habe , so braucht man doch Leute , die sich für Geld und gute Worte totschießen lassen , allerorten , sogar bei den Wilden und Negern . Es umarmt Dich Dein Vetter Emil Adalbert von L. an Emil von Arnstedt Lieber Arnstedt . Noch eins , aber etwas Ernsthaftes . Ich glaube , ja ich bin gewiß , daß wir einander gut sind und uns von Herzen lieben . Versprich mir , so wie ich Dir jetzt hier verspreche , daß wir – – – nein , es ist zu phantastisch ; laß den Satz unausgeschrieben . Wenn wir uns lebendig wiedersehn , will ich Dir mündlich sagen , was ich eigentlich wollte . Da dies vielleicht die letzten Briefe sind , die wir wechseln , so noch einen Vorschlag . Wenn Du verurteilt wirst , ist das einzige Mittel , Dich nicht auf das Schaffot bringen zu lassen , Du beißt Dir die Pulsadern durch . Es ist der beste Tod und man soll sanft einschlafen . Wenn Du leben bliebest und wie Du schreibst als Krüppel wiederkämst , so wollt ' ich das letzte Stückchen Brot mit Dir teilen . Lebewohl . Dein Adalbert Emil von Arnstedt an Adalbert von L. ( Letzter Brief . ) Lieber Adalbert ! Dank , tausend Dank für Speis und Trank und für Deine Nachrichten . Aber was meinst Du mit dem , was Du unausgesprochen läßt ? Du machst mich neugierig . Freund , was lange währt , wird gut ; laß nur sein , und wenn ich 7000 Jahre auf Festung komme , das schadet nichts ; dann leben wir doch noch einmal vergnügt zusammen und gedenken vergangener Mißgeschicke . Zittre nicht , zage nicht , Sei nicht ungeduldig , Was du nicht bezahlen kannst , Bleib ' den Leuten schuldig . Dein Vetter Emil von A. * Mit diesem , dem Kommersbuch statt dem Gesangbuch entnommenen Trostesverse ging er aus der Welt : » Was du nicht bezahlen kannst , bleib ' den Leuten schuldig . « Am liebsten ( und dies soll ihm unverdacht sein ) wär ' er den Leuten seinen Tod schuldig geblieben . Aber es war anders beschlossen und er mußte mit sei nem Leben zahlen . Der König , wie schon eingangs hervorgehoben , bestätigte am 14. April das schon am 7. Januar vom Kriegsgericht gefällte Urteil und elf Tage später erfolgte die Hinrichtung . Dem Berichte eines Augenzeugen entnehm ' ich darüber das Folgende . » Fähnrich von Arnstedt wurde den 25. April 1837 , 5 Uhr morgens , auf einen mit zwei Pferden bespannten bäuerlichen Korbwagen gesetzt und begleitet von einer kleinen Abteilung seines Regiments ( Leibregiment ) in einem raschen Schritttempo nach dem für die Hinrichtung bestimmten Platze hinausgefahren . Ihm gegenüber rückwärts saßen zwei Unteroffiziere . Der Weg war nicht allzu weit und lag auf den Frankfurter Wiesen , dicht am sogenannten Meisterwerk . Am Ende der hier die Dammvorstadt durchschneidenden Sonnenburger Straße war ein Sandhügel aufgeworfen und vor dem in der Nähe davon aufgestellten Richtblock stand der Scharfrichter . Als Arnstedt all dieser Vorbereitungen von seinem Sitze her ansichtig wurde , gab er sich einen Ruck und sagte zu den Unteroffizieren : › er werd ihnen zeigen , wie ein preußischer Soldat sterben müsse . ‹ Gleich danach angekommen , sprang er rasch vom Wagen , trat an den Scharfrichter heran und fragte diesen › was er zu tun habe , um ihm sein Amt zu erleichtern . ‹ Worauf dieser antwortete , › daß er den Atem anhalten solle . ‹ Nach Verlesung der Order wurde dann das Urteil rasch vollstreckt und der Körper eingesargt und an Ort und Stelle begraben . « In einem zweiten Briefe , der von seinem noch lebenden Vetter an mich gerichtet wurde , heißt es : » Als der Zug vorüberkam , lag ich im Fenster meines elterlichen Hauses und empfing ein letztes , freundliches Kopfnicken . Ein mir unvergeßlicher Moment . Worte des Abscheus über von Arnstedts Tat hab ich nie vernommen , aber viel Tränen sind dem bildhübschen Menschen nachgeweint worden , ja , eine mir bekannte ältere Dame , die jenen Hinrichtungstag mit erlebt hat , gerät noch jetzt in ein nervöses Zittern , wenn sie desselben gedenkt . « * Ich meinerseits füge hinzu : das Ganze ( neben manch ' andrem , was sich daraus lernen läßt ) kann als ein merkwürdiger und beängstigender Beweis von der berückenden Macht einer dämonisch sinnlichen Persönlichkeit gelten . An dem siegreichen Einflusse dieser Persönlichkeit scheiterten alle moralischen Bedenken . Einem ungewöhnlich hübschen Menschen zuliebe verwirrten sich die Begriffe von Recht und Unrecht und ein Verbrecher wurd ' ein Held . Die Frauen , alt und jung , gingen natürlich mit gutem Beispiel voran . Andererseits können wir einzelnen Briefen der vorstehend mitgeteilten Korrespondenz wenigstens das als Trost entnehmen , daß es neben diesem innerhalb der Frankfurter Frauenwelt epidemisch auftretenden Fähnrich-Enthusiasmus auch Männer gab , die das Ding als das ansahen , was es war , als die schnöde , schändliche Tat eines reichbegabten , aber durchaus bösen