sie : Sie haben ganz Recht ! Paula , Graf Hugo und Bonaventura gehören einer einzigen Kirche an ... Doch die Kinder ? sagte sie plötzlich , zu den Religionsformen der Erde zurückkehrend und des oft an ihr nagenden Bundes gedenkend , den der heilige Franz von Sales gerade mit einer verheiratheten Frau , mit der Stifterin der Visitandinen geschlossen - ... Nein ! Nein ! beantwortete sie sich selbst ihre Frage ... Die werden nicht kommen ! ... Wenigstens nach dem Urtheil der Aerzte nicht - Die Gräfin hat ihre Visionen noch immer ... Sogar jetzt in Witoborn , wohin sie nach dem wiener Winter mit dem Grafen gereist ist ... Die in Salem heftig eintretende Rückkehr ihrer Visionen , die Aufregung derselben für Wien , das Andrängen der Aerzte , die Neugier der Forscher und Träumer brachten beim Grafen den Entschluß zu Wege , seine Güter um Westerhof zu besuchen ... Vielleicht regte sich in Paula die Sehnsucht nach des Obersten von Hülleshoven magnetischer Hand ... Ueberraschend ! entgegnete Benno ... Diese Nachrichten hatten wir selbst noch nicht in Robillante ... Woher wissen Sie alles das ? ... Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Papiere , die ihm Lucinde entzog ... Seine Neugier mußte sich steigern , als sie fortfuhr : Auch Sie sollten nun doch für immer in Rom bleiben und sich hier nützlich machen ... Sie sollten Partei ergreifen ... Wem kann das Glück mehr lächeln als Ihnen ? ... Fürchten Sie sich doch nicht so sehr vor einem Roman mit Olympia Rucca ! ... Die Zeiten sind vorüber , wo böse Frauen ihre ausgenutzten Liebhaber vom Thurm zu Nesle stürzten ... Jetzt geben sie ihnen Anstellungen und manchmal sogar - Frauen ... Bleiben Sie in Rom ! Nehmen Sie hier eine Stelle , die nicht zu gebunden ist ! ... Schon ließ Sie , hör ' ich , der Staatskanzler in eine verlockende Zauberlaterne blicken ... Für Ihre Heimat haben Sie seit Ihrer Courierreise doch den Credit verloren ... Auf dem Venetianischen Platz kann ich das große schöne Haus mit dem schwarzgelben Banner nie ansehen , ohne nicht die Stelle wenigstens eines österreichischen Legationssecretärs an Sie zu vergeben ... Rom ist die Welt ... Und selbst wenn Sie Rom nur studiren wollten - ich kenne Ihr Verhältniß zu Ihrem Bruder , dem Präsidenten von Wittekind nicht - so brauchen Sie dazu ein Leben ... Sie können hier jeden Tag eine andere Inschrift , jeden Tag einen andern Marmorstein vornehmen ... Und verstellen Sie sich nicht ! Ganz gleichgültig ist Ihnen Olympia keineswegs ... Man flieht nicht so eifrig vor dem , was man verachtet ... Wär ' ich ein Mann , mich würd ' es sogar reizen , diesen Panther zu bändigen ... Schwärmen Sie in der That noch immer für die Lindenwerther - Kindereien ? ... Da Sie alles wissen , erwiderte Benno mit dem Ausdruck jener Toleranz , die Männer ein für allemal der kecken Rede aus Frauenmund zu gewähren haben , was wissen Sie von Armgart ? ... Von den englischen Cardinälen , entgegnete Lucinde , von jenen Aermsten , die sich alle drei Jahr dem Martyrium aussetzen , sich in England von den Roheiten John Bull ' s beschimpfen lassen zu müssen , hat Cardinal Talbot Armgart in London gesehen ... Bei guter Laune verglich er sie dem Heiland , der als Kind im Tempel predigte ... Sie legt die Bibel aus , wie ihre Mutter ... Eine Krankheit das - nur findet sie bisjetzt noch immer das in der Bibel , was die Engländer erst sehen , wenn sie in den Katakomben waren ... Wenn sie nicht auf die andern Thorheiten der Engländer einginge , würde man sie kaum dulden ... Glücklicherweise reitet sie nicht nur und schießt , sie schwimmt und angelt auch ... Sie könnte die Herzogin von Norfolk sein , hör ' ich , wenn die Auswahl ihrer Bewerber nicht zu groß wäre ... Ob sie für die beiden jungen Männer , die ihr einmal eine Flucht aus der Pension erleichterten , noch die alte Pietät bewahrt , zweifl ' ich fast ... Im Bericht des Cardinals erfuhr ich nichts davon ... Mit Baron Terschka hat sie sich ausgesöhnt ... Ja , ja , die Gefühle junger Mädchen wollen ihre Nahrung haben . Thut man auch gar nichts , lieber Herr , um sie an sich , zu erinnern , so unterhält solche kleine Koketten mehr noch der Haß , den sie auf manche . Menschen werfen , als eine bald verklingende Liebe aus dem Pensionat ... Benno widersprach nicht ... Er war in die Erinnerung an sein zu Armgart gesprochenes Wort , sie würde noch einst lange in der Irre gehen und dann voll Wehmuth an ihn zurückdenken - so versunken , daß Lucinde eine Frage wiederholen mußte , die sie an ihn gerichtet hatte : Was halten Sie von Paula ' s Visionen ? ... Ich glaube nicht an sie , aber sie können zutreffen , sagte Benno ... Das ist ein Widerspruch ... Nein ! ... Niemand kann freilich sehen , was erst die Zukunft ins Leben rufen muß ... Aber ein Auge wie Paula ' s blickt unbeirrt von den Verhältnissen , die uns andere zerstreuen ... Wir würden alle ein wenig sozusagen allwissend sein , schärften wir nur unser inneres Auge , jenes Auge , das nicht mit dem Verstand , sondern mit dem Herzen sieht ... Nun - dann hoffen Sie ! ... Paula sieht Armgart in ihren Visionen - immer nur mit Ihnen verbunden ... Sie staunen ? ... Ueber diese Papiere ? ... Nun ja , freilich , das sind Abschriften der Visionen Paula ' s ... Genau gesammelt seit einer Reihe von Jahren und fortgeführt bis in die neueste Zeit ... Ich erwarte schon morgen aus Witoborn eine neue Sendung ... Wer sie niederschreibt , weiß ich nicht . Frau von Sicking - oder Norbert Müllenhoff in ihrem Auftrag - möglich ... Sie wissen vielleicht nicht , daß Fefelotti die Frage zu entscheiden hat , ob das magnetische Leben innerhalb des Christenthums Berechtigung hat ... Ich fürchte , man wird den Magnetismus verwerfen ... Die Concilien sprechen nichts davon ... Mich ängstigen die Gefahren des Bischofs , wenn ich auch beim Lesen dieser Blätter lachen - freilich auch viel mich ärgern muß ... Ich sehe die Zipfelmütze des alten Onkels Levinus und seine gelehrten Forschungen - Ich sehe die Tante Benigna und ihre Schweinemast ... Aber auch vieles Andere ... Nur seltsam ! Die wahren Verhältnisse der Asselyns und Wittekinds , wie ich sie kenne , sind Paula unbekannt ... Benno wurde eben von einem der näher gekommenen Diener mit einem Blick befragt , ob sein Pferd in Bereitschaft gehalten werden sollte ... Im Wandeln waren sie schon dicht bei der Thorpforte angekommen ... Reiten Sie jetzt zurück ! sagte Lucinde ... In Italien ist die Nacht unheimlich ... Und Sie , Sie übersetzen diese Visionen ins Italienische ? fragte Benno erstaunt ... Im Auftrag Fefelotti ' s ! bestätigte Lucinde ... Fefelotti ist es , der die Kirche regiert ... Und glauben Sie nicht , daß man dem Bischof hier die Kerker der Inquisition öffnet und jenen greisen Bewohner des Thals von Castellungo herausgibt ? ... Das ist nicht möglich - und zwar deshalb nicht , weil man ihn gar nicht in Gewahrsam hat ... Das glaubt der Bischof nicht ... Aber es ist so ... Als es hieß , Pasqualetto hätte den Vielbesprochenen in Gestalt eines Pilgers von Loretto gefangen genommen , freuten wir uns alle des Beweises , den jetzt die Dominicaner nicht mehr zu geben brauchten , indem sie ihre Gefängnisse öffneten ... Letzteres thun sie nicht ... In Rom gewiß nicht , verlassen Sie sich darauf ... Hubertus wurde entsandt , den Pilger aufzusuchen ... Seither sind leider beide verschwunden ... Warnen Sie den Bischof , diesen Streit nicht wieder aufzunehmen ... Fordert man ihn vor die Schranken eines geistlichen Gerichts , schlägt man hier in den Archiven nach , wo über Tausende von Seelen der katholischen Welt - Geständnisse und Aufklärungen liegen - ... Lucinde hielt inne ... Sie konnte nicht wissen , ob nicht in der That die Curie von Witoborn von Leo Perl ' s Geständnissen damals nach Rom Bericht gemacht hatte ... Daß man die Frage über den Magnetismus anregt , ist mir schon ein Beweis , wie man in unsers Freundes Vergangenheit einzudringen sucht - fuhr sie nach einiger Besinnung fort ... Ich wünsche ja aufrichtig , daß Bonaventura hier eine ganz andere Krone als die des Märtyrers trägt ... Wäre er darum nach Italien gekommen , um hier - in einem Kloster elend unterzugehen - ? ... - ? ... Die Wasser des Anio rauschten so mächtig , daß sie das Gespräch übertönten ... Beide hatten die Eingangspforte mehrmals umkreist ... Das Roß scharrte schon im Kieselsande ... Es wird zu spät ! sagte sie . Ich lade Sie nicht ein , bei mir zu einem Nachtimbiß zu bleiben ... Auch ist die Fürstin Ihnen gram ... Sie hat ihrem Sohn Vorstellungen gemacht über die Aufführung seiner jungen Frau ... Sie verlangt - hören Sie ' s nur - daß Sie und Thiebold von Villa Torresani wegziehen ... Das alles findet sich - besonders wenn Sie der guten Dame selbst ein wenig den Hof machen ... Wir haben soviel gemeinschaftliche Sorgen ! ... Aber - vielleicht auch Freuden ! ... Glückauf in Rom ! ... Geben Sie mir die Hand ! Lassen Sie uns Verbundene bleiben ! ... Benno reichte die erstarrte , kalte Hand ... Lucinde schied mit einer Miene der Protection , wirklicher Theilnahme und - Koketterie ... Sie sagte : Versprechen Sie mir , daß Sie auf Villa Torresani nie anders von mir reden , als so , daß ich Männern noch in einer einsamen Abendstunde gefährlich werden könnte - ... Damit schlug sie nach ihm mit einer Päonienblüte , die sie am Wege abgebrochen hatte und in ihrer gewohnten Weise zu zerzupfen anfing ... Der Diener hatte den Rücken gewendet ... Die deutsche Unterredung schützte beide vor dem verfänglichen Inhalt ihrer Worte ... Benno schwang sich in den Sattel ... Lucindens » Auf Wiedersehn ! « war wie ein Gruß zu einer Reihe der unterhaltendsten und vertraulichsten Beziehungen auf lange , lange Zeit ... Benno schied halb außerordentlich gefesselt , halb in der Hoffnung , binnen wenig Wochen vom giftigen Hauch dieser ganzen Atmosphäre befreit zu sein - ... Der Weg war dunkel und abschüssig ... Er mußte langsam reiten ... Hinter der finstern , scheinbar vom Silber des Wassersturzes mehr als vom Mond erleuchteten Schlucht unterhalb Tivolis verbreiterte sich der Weg ... Die Krümmungen des Anio hatten hier Anbau ... Zur Linken ragten die Trümmer der zu einer Schmiede gewordenen Villa des Mäcenas mit dem Schimmer der Cascatellen , die aus ihren Fenstern gleiten , und mit Feueressenglut auf ... Ringsum war es still , doch nicht einsam ... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne ... Da und dort erhob sich aus den hohen , noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein spitzer Hut ... Benno ritt tief verloren in Gedanken ... Paula , Bonaventura , alles was ihm theuer war , umschwebte ihn ... Welche Welt gestaltete sich in seiner Brust ! Welches Chaos rang zum Lichte ! Es waren nichts als glühende Tropfen , die Lucinde auf seines Herzens geheimste Stätten hatte fallen lassen ... Allmählich belästigte es Benno , von drei Reitern , in der Tracht römischer Landbesitzer , mit hohen Flinten auf dem Rücken , ledernem Gürtel , Gamaschen bis weit übers Knie , auf unruhigen , ohrspitzenden Maulthieren , fast in die Mitte genommen zu werden ... Eben wollte er seinem Roß die Sporen geben , um sich dieser unfreiwilligen Begleitung zu entziehen , als die Reiter innehielten , wie der Blitz abschwenkten und zur Schlucht zurückritten ... Hatten sie sich in seiner Person geirrt ? ... Wenige Secunden und Benno begriff , daß ihr Auge und Ohr schärfer als das seinige gewesen war ... Er hörte den gleichmäßigen Trab bewaffneter Reiter ... Bald sah er einen Trupp Carabinieri , denen in einiger Entfernung eine Kutsche folgte ... Es war die Kutsche des Cardinals Ceccone ... Benno gab seinem Pferd die Sporen ... Windschnell suchte er vorüberzufliegen ... Er mußte vor einem zweiten Reitertrupp abschwenken , der die Arrièregarde des Wagens bildete ... In die unheimlichsten Gespenster schienen sich ihm jetzt rings die Bäume und Felsen zu verwandeln ... Wie von einem Höhnen der Natur verfolgt , sprengte er dahin ... So schuldlos ihm sein eigenes Innere erscheinen durfte , immer mehr Schrecken begehrten Einlaß in seine Brust ... Ist das Rom , das gelobte Zauberland der Christen - ! ... Ceccone fuhr soeben zu Lucinden , die der Mann im Purpur ohne Zweifel allein wußte ... Die Unterredung mit ihr hatte Benno ' s ganzes Interesse gewonnen ... Er hatte erkannt , daß Lucinde in der That aus dem Trieb ihrer Liebe zu Bonaventura auf Wegen wandeln könnte , wo man ihr eine Anerkennung nicht versagen durfte ... Nun stürzte alles zusammen ... Er sah nur noch - die Buhlerin ... Wie glücklich war er , als er , die hohen spitzen Aloes und Statuen erblickend , die die Treppengelände der Villa Torresani zierten , unterschied , daß in den Sälen kein Licht war ... So war Olympia doch noch nicht zurück ... Und sie blieb wol über Nacht in Rom ... Er sprang vom Pferde und flüchtete sich in die Einsamkeit seines Pavillons ... Wer waren die drei Reiter ? ... Schwerlich Räuber ... Man kennt dich in den geheimverbundenen Kreisen als einen Freund der Bandiera - du hast die Begrüßungsformeln des » Jungen Italien « und dennoch weilst du in der Nähe eines Mannes , den - Mord und Verrath umschleichen - ! ... In seiner gewagten Doppelstellung glaubte Benno sich nicht mehr lange halten zu können ... Es mußte zu Entscheidungen , zu Entschlüssen fürs Leben kommen ... So suchte er die Ruhe , von der er wußte , daß er sie nicht finden würde ... Man brachte ihm noch einen Brief , der während seiner Abwesenheit angekommen war ... Die verstellte Handschrift war die der Mutter ... Die Mutter schrieb , daß sich in seiner Wohnung , dann bei ihr selbst der berühmte Advocat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen lassen , ob Herr von Asselyn nicht bald aus dem Gebirge zurückkehrte ... Das war eine Mahnung , der er sich entschließen mußte , Folge zu leisten ... Sie konnte gefährliche Folgen nach sich ziehen , wenn er nicht auf sie hörte ... 8. Als nach Mitternacht Olympia von Rom zurückgekehrt war und sie ihm dann in der Frühe beim Wandeln im Garten begegnete - Thiebold freilich immer in der Nähe , heute mit dem Begießen von Blumen beschäftigt - sah Benno wol , daß auf die Länge des Freundes Beistand nicht mehr vorhielt ... Mit der Gießkanne und ähnlichen Hülfsmitteln konnte er nicht überall hin folgen ... Olympia wollte heute sogar ihre Schmähungen über Lucinden Benno nur allein vertrauen ... Menschen wie Thiebold können für den Umgang unentbehrlich werden ; doch erfüllen sie nicht die Phantasie ... Sie lassen sich als Freunde , als Gatten , nicht als Liebhaber denken ... Benno erhielt seinen vollen Platz in Olympiens Herzen und die Stunde rückte näher und näher , wo die zunehmende Vertraulichkeit um so mehr eine schwindelnde Höhe erreichen mußte , als sein » bester Freund « Ercolano plötzlich schüchtern und verlegen zu werden anfing . Die Mutter hatte in der That seine Eifersucht angeregt ... Das Wohnen auf seiner Villa hatte sie eine lächerlichen Beweis von Schwäche genannt ... Olympia trotzte der Zumuthung , die deutschen Freunde aus ihrer Nähe entfernen zu sollen ... Darüber ging Ercolano wie in der Irre ... Thiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimnisses mit Benno ... Er wurde nichts als eine » schöne Eigenschaft « seines Freundes mehr ... Thiebold übernahm die Commissionen ihrer Launen , für die sie den Angebeteten selbst zu hoch hielt ... Thiebold mußte » das Verhältniß zum Cardinal Ambrosi « lösen , d.h. die letzten Aufmerksamkeiten und Geschenke überbringen , die noch für dessen Einrichtung bestimmt waren ... Sonst aber ärgerte sie sich schon lange über Thiebold ' s Allgegenwart ... Bald hatte dieser Unbequeme gerade an derselben Stelle , wo niemand anders als Benno erwartet wurde , seine Brillantnadel , bald sein Portefeuille verloren ; er suchte und fand den Freund immer an einer Stelle , wo sie mit Benno allein zu sein hoffte ... Wenn sie geneigt wurde , beide aus dem Pavillon der Villa Torresani nach einer ihr noch bequemeren Besitzung des Cardinals umzulogiren , so war es , weil Thiebold wahrhaft Benno ' s Schatten blieb ... In Rom spielte selbst im Sommer eine Operntruppe ... Olympia besuchte diese Vorstellungen wieder ... Das Sitzen in den Logen bot Zerstreuung , kokette Unterhaltung , neckendes Fächerspiel , Gelegenheit zum Hin- und Herfahren , Abholen , Sichbegleitenlassen , Verfehlen u.s.w. ... Da die Freunde trotz der Schönheiten des Landlebens doch von den Merkwürdigkeiten Roms gefesselt sein mußten und manchen Tag in der Stadt blieben , so wollte die junge Fürstin zu gleicher Zeit mit Villa Torresani auch die » Brezel « an der Porta Laterana bewohnen ... Die Aeltern waren entschieden dagegen und beriefen sich auf die Ehepacten , die jeden Punkt der Vergünstigungen bezeichneten ... Sie verlangten , daß ihre Schwiegertochter die Villa Torresani bis zu einem bestimmten Tage nicht verließ ... Manchen Menschen , sagte Lucinde zu Thiebold , der hier vermitteln sollte , ist es Bedürfniß , sich zu ärgern ... Wenn die Fürstin ihre Tochter in ihrer Nähe entbehren sollte , entgeht ihr ein Motiv der Aufregung ... Die Mutter ist so gut gewachsen , daß sie sich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient ... Wir Frauen heben nicht den Arm auf , ohne nicht zu berechnen , wie unser herabströmendes Blut ihn weißer machen muß ... Bester Herr de Jonge , heirathen Sie niemals ! ... Vierzehn Tage - drei Wochen gingen in dieser Weise vorüber ... Zum Glück hatte man Anzeichen , daß die Nachricht einer Insurrection jeden Augenblick von der Küste des Adriatischen Meers kommen mußte ... Couriere gingen und kamen ; die bewaffnete Macht war aufgeboten , vervollständigt , marschfertig ... Die Consulta hielt täglich Sitzungen ... Der Verkehr mit den auswärtigen Gesandten nahm Ceccone ' s ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ... Von Angst und Sorgen sah er in der That niedergedrückt aus ... Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus verschließt und den Gefahren der Zerstörung vorzubeugen sucht , so zeigte sich auch jetzt in den Umgebungen dieser Machthaber mehr politisches Leben , als sonst ... Mancher Mund sprach sogar beredt und frei ... Manche geheime Hoffnung sah eine Erfüllung voraus und verrieth vorschnell ihre Freude ... Jene große Mehrzahl von Menschen , die als Ballast nur den ruhigeren Gang der Fahrt entscheidet , gleichviel unter welcher Flagge ihre Fahrzeuge segeln , warf sich unruhig hin und her ... Vorahnend machte sie gleichsam nur ihr Gepäck leichter , um bequemer von einem Lager ins andere überlaufen zu können ... Wie richtig hatten diese Bandiera die Italiener beurtheilt ! sagte sich Benno . Der Erfolg ist hier alles ! Der Muth einer That entscheidet ihre Bedeutung ... Nur in der Priestersphäre waltete unerschütterliche Zuversicht ... Dort stand es fest , daß ein Kampf mit dem Interesse » Gottes « Jeden zerschmettern müsse - » Selbst die Pforten der Hölle werden dich nicht überwinden ! « lautete der tägliche , seit dreihundert Jahren im Mund der Katholiken übliche Refrain , der auch hier über das Antlitz der jungen und alten Prälatur einen lächelnden Sonnenschein verbreitete ... Den » bösen Mächten « gehört ja die Welt , dem Zufall , der Intrigue , der Selbstverstrickung alles Guten - Wie kann - gesetzt die Revolution wäre das Gute - » in dieser Welt das Gute siegen ! « hatte Lucinde ganz im Geist der Jesuiten gesagt ... Unter den Freigesinnten gab es zwei Richtungen , die sich mit Schärfe bekämpften . Für die ausführlichere Begründung ihrer Ansichten fanden sich in England , in Frankreich , in der Schweiz und auf den Inseln um Italien Gelegenheiten zum Druckenlassen ... Die eine Partei wollte ein einiges Italien , an dessen Spitze der Heilige Vater als wahrer Friedensfürst und Verbreiter aller Segnungen stehen sollte , die durch die Christuslehre dem Menschen verbürgt und nur noch nicht genug anerkannt sind ... Die andere sah im apostolischen Stuhl die gefährlichste Anlehnung der Despotie , verwies den Papst aus den Reihen der Souveräne , ließ ihm nur allein noch die Bedeutung , Pfarrer einer Metropolitankirche der Christenheit , der Peterskirche , zu heißen und nahm seinen irdischen Besitz in die allgemeine Verwaltung eines republikanisch regierten Italiens ... Freiheit von Oesterreich wollten beide Parteien . Die Souveräne und Würdenträger der Hierarchie waren auf die Hülfe dieses Staates angewiesen ; die Väter der Gesellschaft Jesu machten die Vermittler zwischen Wien und allen denen , deren Besitz in Italien bedroht war ... Da die Jesuiten dem Staatskanzler zu wesentliche Dinge überwachten , da sie zu viel Dämonen der Weltverwirrung ihm mit gebundenen Händen überlieferten , so hatte er sich wol gewöhnen müssen , sie zu schonen und ihnen über seine eigene Macht hinaus den Paß zu gewähren , den sie gewinnen wollten für die ganze Welt ... Das übrige Deutschland , selbst im Norden , gehörte schon den Jesuiten ... Der Kirchenfürst war freigegeben ... Der Protestantismus schien alles Ernstes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die Innere Mission und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden ... Das Wunderlichste war der Contrast , in welchem die Rücksichten der Geselligkeit zu den Zerwürfnissen in der Rucca ' schen Familie standen ... Selbst wenn Ceccone keine Fremden zu bewirthen hatte , keine Prälaten aus der Provinz , keine Gesandten und hohe Reisende , so fehlten doch auf Villa Torresani Ercolano ' s Freunde nicht , die jeunesse dorée Roms , Aristokraten , deren Leben nur von Liebesabenteuern und den neuesten Moden erfüllt wurde ... Der Baron d ' Asselyno und der Marchese de Jonge wurden in alle Geheimnisse derselben eingeweiht ... Niemand verbreitete mehr Geräusch von seinem Dasein , als die jungen Prälaten ... Diese geistlichen Stutzer machten das Glück der Familien zweifelhaft ... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe , der Andre die stolze Zuversicht eines künftigen Papstes an ... Ehrgeiz und Selbstgefühl drückte jede ihrer Lebensäußerungen aus ... Einige Jahre hatten sie in der Gefangenschaft der Jesuiten gelebt , die die Studien an sich gerissen haben ; dann traten sie in die Welt mit all den Ansprüchen , die schon eine geringe Bildung unter einem Volk voll Ignoranz geben darf ... Sie standen spät des Morgens auf , machten wie Frauen ihre Toiletten , ließen sich stutzerhaft frisiren , schlugen in ihren Listen nach , wo sie seit lange in diesem oder jenem Hause nicht zum Besuch gewesen - Den Tag über rannten sie müßiggängerisch durch Rom und seine Kirchen ... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen sie ernst und führten duftende , oft versificirte Correspondenzen ... Alles das verband sich auf das leichteste mit einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor diesem Altar , jenem Crucifix , vor jeder geweihten Stelle , die zu küssen die Sitte verlangte , selbst wenn damit kein besonderer Ablaß verbunden ... Die Religion ist in Rom ein Gesetz der Höflichkeit , wie bei uns das Hutabnehmen und Grüßen vor Hochgestellten oder guten Bekannten ... Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit seiner Mutter vorgezogen , dem Baron d ' Asselyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier seiner Gattin zu geben ... Das ist in Italien eine sociale Position wie etwa die jedes Geschäftscompagnons ... Ercolano wollte keinen Bruch . Er war im Stande , außer sich in den Gartenpavillon zu rennen und Benno zu beschwören , » besser « mit seiner Frau zu sein , nachgiebiger , aufmerksamer ... Sie drohte , krank zu werden , wenn Benno Zerstreuung , Abwesenheit , Melancholie verrieth und sie vernachlässigte ... Zwei Tage vor dem glänzenden Fest in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine große Gesellschaft auf Villa Torresani ... Olympia saß in den Reihen der Geladenen und lebte nur für Benno ... Ihre Augen sogen sich den seinigen mit dem zärtlichsten Verlangen ein ... Die Mutter Ercolano ' s verließ voll Verdruß darüber sogleich nach Tisch die Villa Torresani ... Herzog Pumpeo eilte ihr nach , um sie zu beruhigen ... Sogar Thiebold wollte folgen ... Er hatte die Absicht , Lucindens Rath zu befolgen und die feindselige Stimmung der alten Fürstin durch ein neues » Opfer seiner Tugend « zu paralysiren ... Lucinde hielt ihn jedoch zurück ... Der Augenblick war nicht günstig ; Herzog Pumpeo galt für einen Raufbold ... Sarzana fehlte gleichfalls nicht ... Lucinden führte er zu Tisch ... Sein Benehmen war lebhafter , denn je ... Ausgelassenheit stand ihm aber nicht ... Lucinde mußte sagen : Benno überragt alle ... Nach der Tafel besuchte die Gesellschaft eine der großartigsten Trümmerstätten , die in jener Gegend das Alterthum zurückgelassen hat , die nahe Villa des Kaisers Hadrian ... Weitverzweigt ist dieser Riesenbau , den Benno in elegischer Reflexion das Sanssouci jenes alten Kaisers genannt hatte ... Thiebold begann , diesen Gedanken seines Freundes in die entsprechenden Einzelheiten zu zerlegen ... Die Zimmer sah er , wo Kaiser Hadrian nach Tisch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle Dichter und Künstler ermunterte , in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies Hadrian die Flöte ! sagte er ... Hier lagen seine Lieblingshunde begraben ! ... Dort spielte er wahrscheinlich Billard ! ... In der That war hier das Leben eines Kaisers jener Universalmonarchie in allen Momenten beisammen ... Raths- und Erholungssaal , Bäder , sogar die Kasernen fehlten nicht , in denen die zur Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden ... Für allzu heiße Tage schien gesorgt durch einen halbunterirdischen , bedeckten Gang , den einst die kostbarsten Mosaikfußböden , die schönsten Frescobilder und eben jene Statuen geziert hatten , die sich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican versammelt finden ... Hier nun war es , wo sich plötzlich die Gesellschaft in den Gängen verirrte und beim Lachen über die Vergleichungen des Marchese de Jonge , der eine ganz neue Art von Alterthumskunde lehrte , auseinander kam ... In einem Seitenraum dieser Gänge blieb Benno mit Olympia allein zurück ... Thiebold ' s Stimme klang in weiter Ferne ; kein Fußtritt wurde mehr hörbar ... Der Augenblick , den Benno immer noch verstanden hatte , nur flüchtig andauern zu lassen , der entscheidende , den seine eigene Selbstbeherrschung immer noch vermieden , Thiebold ' s List durchkreuzt hatte , schien gekommen ... Jetzt , wo es vielleicht nur noch acht Tage währte , daß die siegreiche oder gescheiterte Unternehmung der Gebrüder Bandiera dieser falschen Position des Herzens und der Gesinnung ein Ende machte ... Olympia hielt Benno zurück und sagte mit einer einzigen Geberde , die einem Strom begeisterter Worte glich : Wir - sind - allein ! ... Und ihr Flammenblick schien diese Trümmerwelt neu zu beleben ... Die verwitterten Moose und Schnecken an den feuchten Wänden verschwanden ... Die hier und da noch erkennbaren Farben der alten Wandgemälde glühten zu Bildern der Mythenwelt auf ... Amor und Psyche , Venus und Adonis schwebten ringsum ... Selbst der Fußboden wurde belebt zum kunstvollsten Mosaik ... Wohl konnten der beglückten Phantasie noch die goldenen Armsessel stehen , vor denen die schöngefleckten Felle der Leoparden und Tiger gebreitet lagen ... Benno mußte seinen Arm um die luftige Gestalt winden , mußte ihre Linke , eine Kinderhand , weich wie Flaum , an sich ziehen und küssen ... Die junge Frau blickte zu ihm auf mit jenem Ausdruck der Liebe , der in der That ihre Züge verschönte ... Ihr Mund zitterte ; ihre Augen waren von einem so hellen Glanz , als spiegelten sich die Bilder , die sie aufnahmen , in einer reinen Seele ... Mit weicher zitternder Stimme , die ihre Worte wie aus einem der Welt ganz an ihr fremden Register der Stimme ertönen ließ , hauchte sie : Ja , ich sollte dich hassen , du Treuloser ! ... Wüßtest du - was ich alles um dich gelitten - um dich für Thorheiten beging ... Rom , die Welt hätt ' ich zerstören mögen und am meisten mich selbst ... Benno hatte schon Tausenderlei zu seiner Entschuldigung gesagt ... Auch wollte sie jetzt nichts mehr vom Vergangenen hören ... Ihre Lippen wollten gar keine Worte ... Sie verlangten nur die Berührung der seinigen ... Die blendend weißen Zahnreihen blieben wie einer Erstarrten geöffnet stehen ... Liebe verklärte jede Fiber ihres Körpers , wurde das Athmen der Brust , das ersterbende Wort ihres Mundes - Das Geheimniß der Welt Liebe , Religion Liebe , Leben Liebe ... Sie senkte die langen Wimpern über die im träumerischen Vergessen verschwimmenden , ihren Stern ganz innenwärts und hoch hinauf einziehenden Augen ... Leicht lag sie ihm im Arm wie eine Feder ... Benno , kaum noch seiner Sinne mächtig , zuckte absichtlich wie über eine Störung ... Da die Fürstin nur in den Bewegungen des Geliebten lebte , machte sie die gleiche Geberde ... Jeder Zug der Schönheit verschwand auf eine Secunde ... Das Ohr spitzte sich ... Das Auge blickte groß und starr ... Alles blieb aber still ... Nur über die feuchten Mauertrümmer sickerte draußen ein Wässerchen ... Und im Nu , wie von unsichtbarer Musik regiert , verwandelten sich ihre Züge zur seligsten Harmonie ... Ihr Sein war nur Eine Hingebung , Eine Hoffnung ... Die zartesten Sylphenglieder schwebten in Benno ' s Armen ... Er hätte sie emporschleudern können ; wie ein Kind würde sie sich um seinen Nacken mit den Armen festgehalten haben ... Auf diesen ihren entblößten Armen schimmerte ein großmächtiges goldenes Armband - eine einzige Spange nur , von unverhältnißmäßiger Größe ... Das Gold