Aufregung des Justizrathes für völlig in der Ordnung . Sie wußte , wie gewagt es von Hackert war , in diesem Hause zu erscheinen . Sie wandte sich nach den Zimmern , die zum Hofe hinaus lagen ... Daß du auch grade heute - begann Schlurck und schien wiederum zu überlegen , ob er Hackert in die Zimmer lassen sollte oder nicht . Melanie spielte am Klavier . Das beruhigte ihn wenigstens ... es klang so wehmüthig , so schmelzend , so sanft aus den vordern Zimmern her ... Ich wollte nur wegen des Rings , von dem Sie neulich sprachen , sagte Hackert , als der Justizrath ihm zuwinkte , leise aufzutreten , und ihn auf die Thürschwelle nöthigte . Welcher Ring ? Ah so ! Ja ! ja ! Das kann ja geschehen . Komm , mein Sohn ! Leise ! Leise ! Sie spielt ... Alle diese Worte sprach Schlurck durcheinander wie Jemand , der seiner selbst nicht bewußt war ... Was ist ihm nur ? dachte Hackert und trat in die ihn so traulich begrüßenden Räume ... hier auf gebohnte Fußböden , dort auf bunte Teppiche . Er sah die überwinternden Blumenstöcke , die Porzellananhäufungen hinter Glasschränken , die Gemälde , die Vasen in den kleinen niedrigen , aber kostbar austapezierten Zimmern . Ein Papagey in einem großen Messingbauer kreischte auf , als wenn er Hackerten erkannte ... Schlurck ging voran . Sein Auftreten war schwankend . Er hielt sich zuweilen und blieb wieder stehen , sah Hackerten an und rückte die Brille hin und her ... Sind Sie krank , Herr Justizrath ? Schlurck hörte nicht , sondern brummte nur vor sich hin : Der Ring ! Warum auch grade heute ... was sagst du Hackert ? Nein , nein , rede nicht ! Sei still ! Sie könnte hören ... Damit waren sie an jenes Zimmer gekommen , von wo aus eine Wendeltreppe in die untere Arbeitsstube des Justizraths führte . Beide Gemächer gehörten ihm selbst an . Er schien in der Meinung zu sein , den Ring in dem obern Zimmer zu finden ... Er schloß einen Schrank auf und suchte überall , indem seine Hände zitterten ... Hackert kannte seinen Pflegevater hinlänglich , um sich zu sagen , daß eine solche Aufregung nur mit einem seltsamen , ganz unerhörten Vorgange in Verbindung stehen konnte . Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck so nicht entstellt , so todtenbleich , so abgefallen nicht erschienen . Er erklärte auch , sich entfernen zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen ... Nein , nein , Hackertchen , sagte der Justizrath , es liegt so viel auf mir . Deine Stelle ist noch immer nicht würdig besetzt . Der Ring ! Ich entsinne mich doch ... ein rothes Etui war ' s , worin ich ihn aufbewahrte ... ich gratulire , wenn du deinen Stammbaum entdeckst . Ich habe mir Mühe genug gegeben , dir einen bessern Vater zu verschaffen , als ich bin , Fritz ... Und während der Justizrath noch so plaudernd und seine Erregung bergend suchte und suchte , hielt er plötzlich inne , sah Hackerten mit einer Miene fast des Mitleids an , schlug sich an die Stirn und ließ die Worte fallen : Nein aber , daß grade Du ... Ich ? Was ist ? Eben so rasch wollte Schlurck den Eindruck seiner Worte verwischen . Warum ich ? Nichts ! Nichts ! Sie finden den Ring nicht ! Er liegt unten ... Unten ? Nein ! In dem Depositenschrank ... Was weißt du ? fuhr Schlurck auf . Ein rothes Etui ! Im Fach Nr. 13 links liegt ein rothes Etui ! Du irrst , du irrst ! lenkte ungeduldig , fast zitternd der Justizrath ein , wühlte noch einige Augenblicke in dem Sekretär , erklärte das Etui nicht finden zu können und wollte eben zuschließen und Hackerten wieder zurücklassen nach vorn , als er hörte , daß Melanie mit dem Klavierspiele aufgehört hatte . Thüren gingen . Schlurck ' s Unruhe verrieth , daß er annahm , seine Tochter suchte ihn vielleicht und könnte den ihr so tödtlich verhaßten Hackert hier finden ... Er winkte fast mechanisch dem Besuch , näher an die Wendeltreppe zu treten , hielt ihn dort aber zurück und bedeutete ihn zu schweigen . Er flüsterte , er wollte selbst hinuntergehen , um unten nach dem Etui zu suchen ... Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geschlossenen Fensterläden dunkel zu sein . Heut ' war es hell . Um so auffallender mußt ' es Hackerten erscheinen , daß der Justizrath ein weiteres Nachfolgen auf der Wendeltreppe entschieden verbot ... Bleibst da ! Bleibst da ! sagte er fast schnarrend und heftig . Ich kann ja unten gehen , wenn ich doch ... Bleibst da ! Bleibst da ! Hackert begriff nicht , was hier vorging . Unten hörte er den Justizrath rumoren . Er selbst blieb erst oben , dann auf der viertel , zuletzt auf der halben Treppe . Schon entdeckte er eine sonderbare Unordnung in dem Kabinet , eine Verwirrung , die sonst nie in ihm herrschte . Papiere mit Siegeln lagen auf der Erde . Die Schubläden sonst verschlossener eichner Schränke waren aufgezogen , ein Sessel umgestürzt , die Fensterläden nur leise angelehnt , Geld klimperte , wie wenn es auf der Erde läge und der nach dem rothen Etui Suchende darüber stolperte . Endlich schien Schlurck das Kästchen gefunden zu haben , sah sich um und bemerkte , daß Hackert gefolgt war . Er erstarrte darüber . Bleibst oben ! rief er tonlos . Verdammter ... Und wie Schlurck eben so fluchend hinaufstieg , hörte man ganz in der Nähe Thüren gehen und Kleider rauschen . Jemand schien den Justizrath zu suchen . Vielleicht Melanie . Unwillkürlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und war mit seinem Kopf schon in ebner Linie mit der ersten Stufe der Treppe , so hurtig , so behend , daß ihn die etwa eintretende Melanie nicht sehen konnte . Und im selben Augenblick erscholl ihre Stimme : Papa ! Schlurck konnte nicht hindern , daß Hackert nun mit zwei Sprüngen unten war . Papa ! rief es wieder von oben . Ich kann ja hier unten gehen , sagte Hackert und wollte durch jene Thür sich entfernen , durch welche damals der Justizrath dem draußen lärmenden Bello des Fuhrmanns Peters Ruhe gebot . Er wußte , daß der Schlüssel von innen stak . Doch fehlte dieser Schlüssel und Schlurck stand da , rathlos , wie vom Donner gerührt , wohl lächelnd , aber wie in wahnsinniger Verlegenheit . Zum Glück hörte man Melanie nicht wieder , aber die Unordnung , die hier unten herrschte , war doch nicht mehr zu verbergen . Durch die nichtgeschlossenen Fensterläden brach ein Lichtschimmer , hell genug , um den ohnehin an das Dunkel inzwischen schon gewöhnten Augen Dinge zu zeigen , die befremdlich genug waren ... Aber , zum Teufel , Justizrath , brach Hackert aus . Hier möchte man ja meinen , hier ist Einer eingebrochen ! Wie ? Was ? stotterte Schlurck und versuchte , aufathmend , daß wenigstens Melanie fernblieb , einige Scherze in seiner alten Art ... Hier ist der Ring , sagte er zu dem dämonisch aufblickenden Hackert und stieß zu gleicher Zeit , während er diesem ein Etui reichte , einige Schlüssel und eine eiserne Stange hinterrücks von sich . Siehst du ? Dieses zerbrochene Stück ... Komm jetzt hinauf ! Lassen Sie doch noch ! Ihr Fensterladen ist ja offen ... Hackert trat an ' s Fenster und hatte durch eine zerbrochne Scheibe nur nöthig , den Laden zurückzustoßen . Da sah man denn den Zustand des Zimmers . Nur eines einzigen Überblicks bedurfte es für den gewandten jungen Spürkopf , die Situation zu übersehen . Der furchtbarste Verdacht wurde ihm zur augenblicklichen Gewißheit . Schlurck wollte die Miene annehmen , als wär ' er an diesem stillen Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden . Das stand ihm im Nu fest . Und eben so rasch schoß ihm wie mit einem Tigersprunge der Gedanke durch den Kopf : Wärst du nicht hier unten , dem Justizrath gegenüber , nun selbst gewesen , so hättest du in die Lage kommen können , für den Dieb zu gelten ! Und darum hergelockt an einem Sonntag Vormittag ? Darum die Versuchung mit dem Ring ? Darum ... Er riß das Etui an sich mit krampfhafter Wuth , sprang auf Schlurck zu , daß dieser zurücktaumelte und rief : Schlurck ! Was ist ? Ein durchbohrender , tief in alle Falten der Seele wie mit tausend Pfeilen zugleich zielender Blick aus Hackert ' s starren Augen auf den Justizrath ... Aber zu sagen wagte er doch nicht , was er dachte ... Schlurck aber verstand ihn sogleich , bebte und meinte nur : Welche Unordnung ! Hilf mir aufräumen , Fritz ! So , so ! Wie müde bin ich ! Schon frühmorgens ! Hilf doch ! Aber denke nur nicht , ich wäre gewissenlos . Ich habe viele Clienten verloren ! Da lagen sonst Tausende , jetzt sind ' s Papierschnitzel . Hast den Ring ! Sieh nach ! v.R.v.R. Weiter nichts , aber viel gesagt ! Prinzessin von Rudolstadt , von Rußland ... ho ! ho ! Junge ! Siehst du , hier hast du oft genug gesessen und die Feder gekaut . Die Welt , mein Sohn , ist ein Dudelsack , bei dem der Wind die Hauptsache ist . Nur Luft , nur Wind , dann pfeift sich ' s und tanzt sich ' s ! Hast den Ring ? Adieu , mein Sohn ! Adieu ! Mußt oben gehen ! Leise ! Leise ! Hier fehlt der Schlüssel ! Leise ! Leise ! Und dies » Leise ! « war ' s , was Hackert nicht ertragen konnte . Er hätte sich in Alles gefunden , jeden Verdacht niedergeschlagen , er hätte mit Schlurck Mitleid haben können , sich selbst überwunden , aber jetzt : leise ? Immer leise ? Ewig leise ? Und doch sagte er noch nichts , sondern hielt an sich und lugte nur zu den Schränken und sprach : Justizrath , ich weiß noch Alles ! Da lagen die Mündelgelder der minorennen Grafen Werdenbach ; da lag eine Erbschaft , die so viel Prozesse kostete ; ist sie nun entschieden ? Da weiß ich , in Nr. 9 , die angesammelten Zinsen und Kapitalien der polnischen Äbtissin Sybille im Kloster zum Herzen Jesu , die für die Nachkommen eines gewissen Kaminski ausgesetzt waren , der nach Frankreich floh ... Recht ! Recht , mein Junge ! Warst ein Genie ! Kennst Alles : Jetzt aber leise ! Leise ! Leise ! Zum Teufel ! wandte sich Hackert . Vor wem hab ' ich mich denn zu fürchten ? Fritz , misbrauche meine Gutmüthigkeit nicht ! Gutmüthigkeit , daß ich hierhergelockt wurde , während hier Alles vorbereitet wird , zum Schein , als wär ' ich ' s , der hier gestohlen ... Hackert ! stieß Schlurck halb ohnmächtig heraus . Seine Lippen bebten , sein Auge blickte starr . Er mußte das Geländer der Wendeltreppe fassen , um sich zu halten . Er begriff jetzt doch erst ganz , was in Hackert ' s Seele vorging . Von dem Gedanken : der Unglückliche glaubt , ich wollte ihn zum Verdächtigen eines Verbrechens machen , das vielleicht in seiner eignen Brust noch schlummerte und vielleicht eben erst halb ausgeführt war , war er bis zur Ohnmacht überrascht und überwältigt ... In dem Augenblick ging oben eine Thür . Gewänder rauschten . Melanie rief ... Väterchen ! Sie war an der Treppe . Sie kam . Hackert springt in eine Ecke des Zimmers , wo jener Schirm stand , hinter welchem einst Dankmar ' s Schrein mit dem Kreuze gestanden . Melanie beugte den Kopf über das Geländer der Treppe ... ein paar Sprünge ... sie war unten ... Schlurck wie todt taumelte in einen Sessel . Dreizehntes Capitel Auferstehung Wie dumpf und stickig das hier ist ! sagte Melanie , als sie beim Vater unten war und sich staunend umblickte . Und eine Scheibe zerbrochen ! Ei welche Nachlässigkeit ! Du arbeitest , Vater ? Schlurck hatte sich in der Vernichtung , die ihn auf den Sessel geworfen , wenigstens das Ansehen gegeben , als läse er in den durcheinander geworfenen Akten . Hackert blieb in seinem Versteck unbeweglich . Die Kirche dauert lang , sagte Melanie etwas aufräumend , und ich glaube fast , die Mutter wird noch Besuche machen . Schlurck nickte . Er hatte sich noch immer nicht sammeln können . Väterchen , es ist recht lange her , daß wir uns nicht im Stillen gesprochen haben ! Schlurck seufzte und schauderte grade über die Todtenstille im Zimmer . Warum sind wir nur seit geraumer Zeit so unglücklich ! Mit diesem letzten Sommer sind alle unsre Freuden abgeblüht . Schlurck sammelte sich , griff mechanisch nach der goldnen Dose und stotterte , sich zu künstlichem Humor zwingend , den Vers : Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder - Hackert hätte dazwischen springen und rufen mögen , daß dies Wort auf Melanie nicht passe . Ihr schien ein ewiger Mai zu blühen . Wol ruhte auf der edlen Stirn eine Wolke von Melancholie , wol schienen die Formen des Antlitzes etwas herabgezogen , etwas in jenes Oval gesenkt , das den Kummer der Seele verräth ; aber ein geminderter Schönheitsglanz war darum doch nicht sichtbar . Es war die alte sylphidische Gestalt , es waren die gewölbten Schultern , der stolze Nacken , das reiche , kunstvoll verschlungene dunkle Haar , die vollen Arme , die unter einem leichten Hauspelzüberwurfe in schöner Rundung hervorschimmerten und sich über den Sessel des Vaters lehnten ... Hackert hielt den Athem an . Darf ich dir eine Neugier verrathen , Väterchen ? begann Melanie . Was hast du kürzlich mit dem Fürsten bei der Geheimräthin in dem türkischen Zelt verhandelt ? Schlurck ' s erster Gedanke war nun , zu erwidern , sie wollten hinaufgehen . Doch hinderte ihn die Angst vor Hackert . Er kannte ihn genug , um sich zu sagen , daß seine tückische Natur zu schonen war . Aber nicht nur Furcht vor dem versteckten Lauscher , sondern auch Mitleid bestimmte ihn , nicht vom Hinaufgehen zu reden . Er malte sich Alles aus , was in Hackert ' s Innern vorgehen mußte und gleichviel , welches der Grund seiner vorherigen Aufregung gewesen war , gleichviel welches Verbrechen der zerstörten , jetzt leidlich wiederhergestellten Ordnung des Zimmers zum Grunde lag , die Vorstellung war ihm fremd gewesen , Hackert zu sich zu locken und ihn in der Art , wie der Mistrauische es andeutete , verdächtig zu machen ! Er litt ernstlich ebenso unter dieser Vorstellung , wie er ohnehin halb verzweifelnd sich schon vor Schaam fühlen mußte . Und so sagte er nur : Ah ! Bah ! Laß diese Sachen ! Erzähl ' mir heitre Geschichten ! Was hat dich denn plötzlich so musikalisch gemacht ? Ich habe dich abonnirt auf die Symphoniesoireen . Siehst du ! Wo sind nur die Billete ? Hier , hier ... Er suchte ... Das ist sehr schön von dir , sagte Melanie . Aber jetzt weiche mir nicht aus , Väterchen , sondern sprich : Was hattest du so lange mit dem Fürsten ? Frag ' ihn Das selbst ! sagte Schlurck und faßte das Kinn seiner Tochter , es noch zitternd emporhebend . Nein , Vater , antwortete Melanie ernst und unter dem Pelz die Arme zusammenschlagend ; nein , ich frage den Fürsten nie nach solchen Dingen , die er mir nicht selbst erzählt . Ich habe gefunden , daß dies ein Mann ist , der seine eigne und höchst wunderliche Behandlung erfordert . Unter andern Umständen hätte Schlurck zu dem Lächeln seiner Tochter selbst mitgelächelt . Diesmal standen ihm seine Mienen , die er zu einer feinen Anerkennung der Philosophie seines Kindes verzog , mehr schmerzlich als erfreulich . Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck , fast die Gelegenheit ergreifend , vor der anwesenden , so gefährlichen , so tief ihn durchschauenden dritten Person eine Rechtfertigung zu versuchen , antwortete : Mein gutes Kind ! Ich war kürzlich unten in meinem Keller , dem einzigen Orte , wo wir Männer uns sorglos der Gefahr aussetzen , den Schnupfen zu bekommen . Wie ich auf den Gestellen die umgelegten Sorgenbrecher sah , schlanke , lange , kleine , kurze , die geschmacklosen Boxbeutel aus Würzburg und was sonst dort zur Ansprache an Herz und Gemüth ausgelegt ist , überfiel mich recht der Kummer , daß der alte Rapport zwischen mir und meinen Zöglingen da unten hin ist . Wie behaglich wählt ' ich sonst aus , was die Tafel schmücken , die Gäste erfreuen sollte ! Wie schwelgte ich in den langen spanischen und portugiesischen Etiketten , die unsre Leute beim Serviren meiner Kostbarkeiten den Gästen gravitätisch zuflüstern mußten ! Jetzt sagen alle diese Herrlichkeiten : Don Ranudo de Colibrados ! Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Theaterstück , Kind , in dem ein pauvrer Edelmann vorkam , der auf seine Würde hielt , aber sich die Löcher seiner Kleider mit Tinte verschmierte . Liebes Kind , auf meine Würde fühl ' ich leider , werd ' ich in unsrer jetzigen Lage nicht viel halten können . Die Emporkömmlinge haben nichts von der Grandezza des gebornen Adels . Ich nun vollends , meine gute Melanie , bin zum Komödianten in einem Grade untauglich , daß ich im Stande wäre , aus der einfachsten und leichtesten Rolle zu fallen . Deine Mutter hätte wol allerdings das Talent , alle Welt glauben zu machen , daß wir nur in Folge unsrer veredelten Grundsätze , in Folge unsrer geistlichen Umkehr und Einkehr uns einzuschränken anfingen . Sie könnte die Rolle einer aus himmlischen Rücksichten sich beschränkenden irdischen Glückseligkeit vortrefflich durchführen . Ich kann Das nicht . Ich war früher in meinen guten Zeiten wahr , prahlte nie , sondern gab und freute mich des blauen Sonnenscheins ; jetzt , wo mir soviel verloren gegangen ist , wo die Papiere im Werthe sanken , meine Administrationen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen dürften ... Vergiß dein letztes Opfer nicht , warf Melanie trübe den Kopf aufstützend dazwischen , Lasally ! Es kam Eins um ' s Andre , Kind ! Genug ... Nein , grade diese Summe in jetziger Zeit so baar auf den Tisch gelegt , ohne deshalb Anleihen machen zu dürfen , die du deines Credits wegen vermeiden mußtest ... Zehntausend Thaler sollten eine Bagatelle für mich sein ... Und sind es nicht , wenn sie plötzlich da sein mußten ... Da sein mußten ! Ah ! Ja , ja ! Ich fand es in der Ordnung , daß sich dies Verhältniß so löste . Es ist ja erbärmlich , einen Bewerber seiner Tochter dulden , der von der Voraussetzung großen Vermögens ausgeht und ihm hernach sagen : Da hast du nun mein Kind ! Das ist ein Kapital ! Im Übrigen findest du reinen Tisch ! Ich verurtheile Lasally nicht , daß er die Summe forderte . Er ist Philosoph wie ich . Er gehört einer andern Sekte an als ich ; aber System war immer in seinen Demonstrationen . Sie waren ruhig , kalt bis zum Prügelnswerthen , aber in seiner Voraussetzung , daß ich reich wäre , hatte er Recht , sich nur mit jener Anleihe , wie er es nennt und ein Paar von deinen getragenen langen Handschuhen abfinden zu lassen ... Hackert empfand eben ein Gelüst , als hätte er in der Ottokarstraße mögen Feuer anlegen ... Genug , lenkte Schlurck , der sich vor seinem Pflegekind in diesen Dingen um so weniger Zwang auferlegte , als er sich rechtfertigen mußte , wieder seufzend ein , genug ich besitze das Talent nicht , mit dem Gefühl der Beengung Komödie zu spielen . Nur aus der Fülle heraus kann ich fröhlich sein . Wohl gibt es einen Ausweg , den große Geister in solchen Fällen oft mit Geschick eingeschlagen haben . Es gibt bewunderungswürdige Genies des Schuldenmachens . Auch zu diesen gehör ' ich nicht . Die Elasticität , die zum Lügen gehört , kann ich mir nicht geben . Ich kann nicht bei Juden und Wucherern herumfahren , große Manieren , augenblickliche Verlegenheiten affectiren , ich kann Das nicht . Ich habe zeitlebens auf meine guten Eigenschaften gehalten und meine schlechten nie verdeckt . Ging ' es nach mir , Herzlieb , ich spielte jetzt die Rolle des Parasiten , dem seine Gönner gekündigt haben , ich ginge in Lumpen über die Gasse ... Vater ! unterbrach Melanie den schmerzlichen , von Thränen untermischten Humor des leichtsinnigen , so schlaff und doch wehmüthig haltlosen Justizrathes . Gut , gut , gut ! sagte er beschwichtigend . Ich thu ' es nicht , ich weiß , daß die Rücksicht auf Euch mir den Übergang von der Schule Epikur ' s zur cynischen verbietet . Da ich also konsequent sein soll , was that ich neulich bei der Geheimräthin ? Geh weg , der Fürst wird dir davon nicht gesprochen haben ! Nein , nein , Vater ! Aber Kind , du willst geheimnißvoll gegen deinen Vater sein ! In Schlurck ' s Blicken - die Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger Aufregung mechanisch mit seinem ostindischen Taschentuche geputzt - spielten die kleinen Schlangen der Frivolität mit den Merkmalen der Trauer durcheinander . Er zupfte Melanie flüchtig am Ohr und da sie schwieg , sagte er , trotz Hackert , der athemlos lauschte : Wirst doch mit deinem Vater nicht schäkern ? Schlurck wußte , wie Hackert zu Melanie stand . Tief durchschaut von einem jungen leichtsinnigen Manne , den er im Grunde liebte wie seinen Sohn , wollt ' er ihn wieder , wie sonst , in die ganze Lage seines Hauses einblicken lassen . Er wußte , wie Menschen nie so verwildert und gewissenlos sind , daß sie nicht dem Gefühle der Großmuth noch zugänglich blieben . Er ahnte , daß Hackert von ihm in Güte scheiden , sich mit ihm aussöhnen , ihn , komme was da wolle , nimmer verderben würde , wenn er ihn Zeuge dieser Geständnisse bleiben ließ . Jetzt hinaufgehen - Das hätte den Lauscher gefährlich gemacht . Melanie begann mit schmerzlichem Ausdruck : Papa , dies Verhältnis ist ein närrisches Buch , in dem Vielerlei zu lesen ist und doch weiß man nicht , was der Verfasser eigentlich will . Schlurck ergriff die Dose und horchte auf . Seine Blicke waren auf den dunklen Winkel gerichtet , wo Hackert mit einer Zurückhaltung , die den Justizrath ermuthigte , lauschte ... Ich sah diesen Egon zum ersten Male auf einem Ritt nach Solitüde . Neben ihm saßen die beiden Wildungen ... Dankmar Wildungen ... Der Vater seufzte . Melanie schlug die Augen nieder . Es hätte Dankmarn herabdrücken sollen , ein Geringerer neben einem Vornehmen zu sitzen . Und ich hatte den Abend doch nur Augen für ihn ! Für den Abscheulichen , sagte Schlurck , der in diesem Raume , dort auf deinem Sessel einst saß und ... Er brach ab , um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verrathen . Die Liebe für Dankmar war bei Melanie das heilige Kleinod , die wunderbare Reliquie , die im Schreine ihres Herzens , wenn auch mit hundert Gehäusen umschlossen , unentweiht ruhen geblieben . Die Sommertage von Hohenberg und Plessen konnte ihr kein Glanz überblenden . Keine Fürstenhuldigung , keine Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magischen Zauber gleichkommen , der diesen Erinnerungen geblieben war . Mit Dankmar hätte Melanie ihres eigensten Wesens sich entkleiden können , wie es der so heiß Geliebte nur von ihr fordern mochte ! Der Vater kannte diesen Schmerz , kannte diese Anbetung , diese feste , unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks . Er sagte einmal : Mit diesem Dankmar bricht die Poesie meiner Tochter zusammen ! Er wußte nicht recht , was er damit bezeichnete . Die Schönheit , die Anmuth , die Wirkung , auch der Leichtsinn , auch die Tändelei , jede flüchtigste Neigung blieb ihr ; aber das Eine , das letzte allein mächtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erst den innern Halt gebenden Liebe , die wie auf verborgenem Meeresgrunde gebettet war und für diese Erde nun nicht mehr sein sollte ! Damals nach den poetischen Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nächte daran gesetzt , Dankmarn für seinen spröden Übermuth in jener Frühstunde zu züchtigen . Er hatte mit einem Fleißaufwande , der ihn alle seine andern Angelegenheiten vernachlässigen ließ , daran gearbeitet , daß Dankmar den Prozeß mit der Stadt in beiden Instanzen fast so gut wie schon verloren hatte . Und dennoch , ihm gegenüber Sieger zu bleiben , schmerzte ihn fast um Melanie , die Dankmarn ihre stille , geheimnißvolle Liebe bewahrte und um einen Augenblick wie jenen , als sie in der Mondnacht an der Marmorvase im Hohenbergischen Garten von Dankmar ' s Arm ergriffen eine Weile an seinem Herzen ruhte , mit Freuden all ' die Huldigungen hingegeben hätte , die ihr jetzt von einem wirklichen Fürsten so überraschend zu Theil wurden . Sie erzählte : Bei der Geheimräthin sah ich den Fürsten einige Tage nach dieser Begegnung auf dem Solitüder Wege . Ich erkannte ihn kaum wieder . Er war sehr artig , sehr zuvorkommend . Als ich ihm dann auf ' s Neue begegnete , schien er sich über mich orientirt zu haben . Er beklagte die Misverhältnisse , die ihn von dir getrennt hätten . Er erwähnte Dankmar Wildungen , Hohenberg und lachte über meine Täuschungen mehr , als mein Stolz ertragen mochte . Sein Selbstvertrauen , mich um meiner Eitelkeit willen schneller erobern zu können , reizte mich . Ich war ablehnend , spröde sogar bis zur ungnädigen Rüge der Geheimräthin , die mich fast zu benutzen scheint als ein Mittel , ihre Häuslichkeit dem plötzlich so ergebenen Prinzen behaglicher zu machen ... Die Verbindung des Fürsten mit Pauline von Harder war genugsam schon im Schlurck ' schen Hause ihrer Seltsamkeit wegen besprochen worden . Schlurck ermunterte durch sein Schweigen zum weitern Bericht ... Er prüfte dabei still für sich , wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauscher wirken mußte . Als ich Egon sah , seinen Bruch mit jener Gräfin Helene aus Paris erfuhr , sein Bedürfniß , wie die Geheimräthin es nannte , mich jeden Abend bei ihr zu finden , beobachtete , entstanden bei mir Reflexionen , deren Ernst mich mögen recht langweilig gemacht haben , Väterchen ! Sie legte den Arm über den Nacken des Justizraths ... Lasally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu philosophiren . Ich wollte ihn nie anders sehen als in Gegenwart der Geheimräthin . Ich duldete von ihm nie eine Wildheit . Mag es nun sein , daß die meisten Frauen in der Ablehnung von Zärtlichkeiten es versehen oder ... Melanie stockte fast erröthend . Der Vater ergriff ihre Hand und half nach . O , sagte er , kein Oder ! Das nur allein ist ' s ! Die gewöhnliche Sprödigkeit der Frauen ist ja gleich abkühlend wie Eis . Ich glaube , daß mein Kind tugendhaft ohne Pedanterie war ... Das Lachen , in das Melanie ausbrach , dauerte nur kurz und war recht listig ... Hackert spitzte die Ohren ... Drei frivole Menschen , die sich hier so bald verstanden ! ... Melanie fuhr ernster fort : Dieser Egon ist ein wunderlicher Heiliger und nach meinem Gefühl durch und durch unliebenswürdig . Die wahnsinnige Liebe einer Grisette und die noch tollere einer Gräfin haben ihn so verhätschelt , so verzärtelt , daß in ihm jede Fähigkeit eines leidenschaftlichen Aufflammens fast erstorben ist . Das ist ein Pedant , Vater , ein langweiliger , phrasenhafter , durch und durch von sich eingenommener Mensch , dem ich versucht bin , jeden Abend eine Douche zu geben aus allen Fontainen des Witzes , wenn ich ihn besäße , oder sogar aus allen Wasser-Karaffinen der Geheimräthin , die man ihm in einer Stunde dreimal füllen muß . Aber ich halte an mich , ich schone Se . Durchlaucht und langweile mich an den quälenden Gesprächen über Politik und Parteiwesen , die dort bis in die Nacht geführt werden ... Schlurck lächelte ein wenig ... Wenn Ritter Rochus vom Westen , sagte er , auf die Dose klopfend , uns eine Summe zahlte , daß du Egon ' s langweilige Gespräche ihm mittheiltest , ich glaube , wir würden sie durch Dich nicht einmal verdienen können ... Nein ! Ich behielte nichts . Ironie , Schalkheit , Scherz sind dem Fürsten gänzlich fremd . Er faßt Alles im Ernste auf , geht an Jedes mit einer umständlichen , systematischen Vorbereitung und ist dabei von einer Grausamkeit auch gegen sich selbst , daß er sich um alle Freuden des Lebens bringt und billigerweise in einem Kloster und zwar in einem von der strengsten Regel endigen müßte . Schlurck warf nur dazwischen : Die Ehe wird doch nicht ein solches Kloster sein ? Da würden seine Geißelhiebe immer gleich zwei Menschen treffen . Melanie seufzte ... und lachte doch auch . Sie lachte so schalkhaft , so aus ihrer innersten schadenfrohen Schlauheit heraus , so sich auf den Vater mit übermüthigem Triumphe lehnend , daß sie in diesem Augenblicke eine hinreißende Liebenswürdigkeit entfaltete . Was hast du nur ? fragte der Justizrath , der sich in diesem Augenblicke sagte : Hackert hat hundert solcher Scenen beigewohnt ! Er war mein Sohn , Melanie ' s Bruder , sah , hörte Alles , er kann diese Geständnisse nicht misbrauchen ! Warum lachst Du ? wiederholte Schlurck ... Papa ! sagte Melanie