beliebt und ein » guter Kamerad « . Er überschätzte sein Vermögen sehr , weil er den Wert von Hoppenrade-Löwenberg , als deren eigentlichen Erben er sich trotz der Existenz seiner drei Schwestern betrachtete , viel zu hoch anschlug , und erschrak erst , als in der Mitte der dreißiger Jahre die Pachtsummen ausblieben und die helle Not vor der Tür stand . In persönliche Schulden verstrickt , nahm er als Major den Abschied und lebte zurückgezogen in Oranienburg oder in der Nähe desselben . Anfang der vierziger Jahre befiel ihn eine Krankheit und er starb unter traurigen Verhältnissen in der Charité . Die letzten dreißiger Jahre waren überhaupt Unglücksjahre für das Haus Arnstedt , und wohin man um die genannte Zeit in Mark Brandenburg auch blicken mochte , mit vielleicht alleiniger Ausnahme des von Arnstedt auf Groß-Kreuz , überall sah man die Familie von Leid und schweren Schicksalsschlägen getroffen . Ob verschuldet oder nicht , änderte wenig . In Hakenberg , wie schon erwähnt , pflegte man einen alten von Arnstedt zu Tode , während in Oranienburg ein jüngerer ( der Sohn jenes Alten ) in Bitterkeit auf ein verfehltes Leben zurückblickte . Trauriger aber als alles war die Geschichte vom Fähnrich von Arnstedt , die sich um eben diese Zeit , Winter 1836 auf 1837 , in Frankfurt a. O. abspielte . Wir kommen am Schluß dieses Abschnittes ausführlicher darauf zurück , während es zunächst , in unsrem 14. Kapitel , uns obliegen wird , die Geschichte des Krautenerbes zum Abschluß zu bringen . 14. Kapitel 14. Kapitel Hoppenrade von 1819 bis jetzt . Hoppenrade kommt unter ein Kuratorium ( von Rabe ) und wird an den Amtmann Haupt verpachtet 1819 – 1836 Nach dem Ableben der Frau von Arnstedt ( 1819 ) hätte der einzige Sohn derselben , der vorerwähnte damals in Düben stehende Husarenleutnant von Arnstedt , die Güter übernehmen und jeder seiner drei Schwestern ihren Anteil auszahlen oder verzinsen müssen . Er empfand indes , daß er weder der wirtschaftlichen noch der geschäftlichen , am allerwenigsten aber einer sich vielleicht erhebenden finanziellen Schwierigkeit auch nur annähernd gewachsen sei , weshalb er sich mit seinen Schwestern dahin einigte , daß man dem Landrate Grafen von Wartensleben und neben diesem dem Kammerdirektor von Rabe eine Generalvollmacht über Hoppenrade-Löwenberg erteilen und ihr und der Güter Schicksal in die Hände dieser beiden Kuratoren niederlegen wolle . Graf Wartensleben war nur ein Name , der Kammerdirektor von Rabe jedoch , der von jetzt ab in seiner Kuratoreneigenschaft auf fast vierzig Jahre hin erst in den Vordergrund und später wenigstens in die Mitte der Szene tritt , unterzog sich seiner Aufgabe mit Ernst und Eifer , wenn auch zeitweise nicht mit ausreichendem Erfolg , und schritt sofort zur Verpachtung der großen Güterkomplexe . Hoppenrade , das uns hier ausschließlich interessiert , kam bei dieser Gelegenheit an den Amtmann Haupt in Pacht , einen renommierten Landwirt , und nach dem Tode desselben an den jüngeren Haupt . Aber weder der eine noch der andere , von Förderung der Kulturen gar nicht zu sprechen , zeigte sich auch nur imstande , den Betrieb au niveau zu halten . Unter dem älteren Haupt waren wenigstens die Pachtzahlungen immer noch prompt geleistet worden , unter dem jüngeren nahm auch das ein Ende . Ja , der eintretende Verfall war ein so vollkommener , daß nicht einmal mehr die Steuern und Abgaben bezahlt werden konnten . So kam es denn , daß sich 1836 der Pächter , der jüngere Haupt , für insolvent erklärte . Hoppenrade bleibt unter dem Kuratorium von Rabe , wird aber , statt an die Familie Haupt , an den Kammergerichtsrat von Wülknitz verpachtet 1836 – 1856 Die Folge dieser Insolvenz würde notwendig die Sequestration der Güter gewesen sein , wenn nicht , in so bedrängter Lage , der Kammergerichtsrat Otto von Wülknitz , einer der Schwiegersöhne der Frau von Arnstedt , ein kühnes und kluges Spiel gespielt und dadurch sein und seiner Anverwandten Vermögen gerettet hätte . 1836 trat er , ohne sich durch die Hauptsche Bankrotterklärung abschrecken zu lassen , in die Pacht ein und schritt ungesäumt zur Wiederherstellung einer auf jedem Gebiete devastierten Wirtschaft . Er würde dies , bei den bedeutenden Mitteln , die dazu nötig waren , einfach nicht gekonnt haben , wenn ihm nicht kürz vorher ein kleines , aber ziemlich wertvolles Gut , das Gut Hohenturm bei Halle , durch Erbschaft zugefallen wäre . Er verkaufte Hohenturm für 80000 Taler , teilte diese Summe mit seiner miterbenden Schwester , einer Frau von L ' Estocq , und warf nun den ganzen , ihm verbleibenden Rest von 40000 Talern in Hoppenrade hinein . Alles gewann dadurch rasch ein anderes Ansehen , und schon Anfang der vierziger Jahre ließ sich an einem zufriedenstellenden Resultate nicht mehr zweifeln , immer vorausgesetzt , daß der Ausgang des 1809 erst vorläufig abgeschlossenen und seitdem von seiten der Familie von Bredow wieder aufgenommenen Erbschaftsprozesses nicht alles wieder in Frage stellte . Wülknitz indessen , ein eminent kluger Mann und speziell durch seine juristische Kenntnis unterstützt , erwies sich auch auf diesem Gebiet als glücklich und überlegen , und hatte den Triumph , eine hüben und drüben mit Aufwand aller Kraft geführte Streitsache zum zweiten Male zu seinen und seiner Anverwandten Gunsten entschieden zu sehen . 32 Das war im Sommer 1848 . Von diesem siegreichen Prozeßschluß an , der endlich einen , bis dahin nie dagewesenen Sicherheitszustand geschaffen hatte , durchdrang ihn nur noch der eine Wunsch , das bis dahin lediglich in Pacht gehabte Hoppenrade zu seinem freien Eigentum zu machen . Dazu waren , voraufgehend , drei Dinge nötig , erstens : Zustimmung der Familie behufs Aufhebung der Fideikommißeigenschaft von Hoppenrade , zweitens : entsprechender Antrag und Durchsetzung dieses Antrages bei den Gerichten , und drittens : Abfindung aller Gläubiger aus den alten von Arnstedtschen Zeiten her , will sagen Abfindung aller der Geldleute , die bis dahin an das Fideikommiß-Hoppenrade mit ihren endlosen Geldansprüchen nicht herangekonnt hatten , das allodgewordene Hoppenrade dagegen sofort mit Beschlag belegt haben würden . Am meisten Schwierigkeit unter diesen drei Punkten bot der erstgenannte : die Zustimmung der Familie . Dies hing so zusammen . Es lag selbstverständlich bei Beginn dieser Umwandlungs-Angelegenheit Herrn von Wülknitz ob , allen anderen Erbschaftsberechtigten gegenüber – deren Interessen nach wie vor von dem Kurator und Kammerdirektor von Rabe wahrgenommen wurden – Erklärungen darüber abzugeben , bis zu welcher Höhe Hoppenrade , seinen Erträgen nach , von ihm , Wülknitz , bezahlt werden könne . Die Summe , die von Wülknitz bei dieser Gelegenheit nannte , war keine geringe . Frau von Kettler indes , eine scharf rechnende Frau , fand sie zu niedrig , protestierte mithin und schuf aus dieser Anschauung heraus allerlei Schwierigkeiten . Ihnen zu begegnen würde nun freilich dem klugen Wülknitz , der unter anderm auch die Klugheit hatte , den Bogen nie zu straff zu spannen , ein leichtes gewesen sein , wenn nicht der Widerstand der damals in Dresden lebenden Frau von Kettler von Berlin aus und zwar durch niemand anders als durch den Kurator und Generalbevollmächtigten von Rabe beständig genährt worden wäre . Was diesen zu diesem Widerstande bewog , ob Kuratoren-Herrschergewohnheit oder Launenhaftigkeit oder bloß die Lust , einem andern die Pläne zu kreuzen und das Spiel zu verderben , ist nicht recht ersichtlich , aber das steht fest , daß er sich von Anfang an gegensätzlich , ja geradezu feindlich gegen Wülknitz stellte , den er doch , aller zuzugebenden Eigennützigkeit des letzteren unerachtet , als einen Retter der Familie hätte begrüßen müssen . Aber davon war er weit entfernt und faßte vielmehr seine Kuratorenstellung einfach dahin auf , daß die beiden unschuldigen und bedrohten Parteien , Kettler und Örtzen , gegen die beständig machinierende Partei Wülknitz unter allen Umständen geschützt werden müßten . Dieser in der Persönlichkeit beider begründete Antagonismus zeigte sich im großen und kleinen , und als Wülknitz , um nur ein Beispiel zu geben , unmittelbar nach der Pachtübernahme die doch mindestens nicht zu verachtende Summe von 40000 Talern in das devastierte Hoppenrade hineingesteckt hatte , schrieb Rabe an Baron Örtzen : » Er wird bald damit ausgewirtschaftet haben ; uns aber kommen die 40000 Taler unter allen Umständen zugute . « Das waren nicht Worte , die freundliche Beziehungen anknüpfen konnten , und so ging denn der Krieg durch volle zwanzig Jahre hin . Im Vorteil blieb auch hier wieder Wülknitz , weil er doch der gescheitere war , was von Rabe selbst schließlich anerkannt wurde . » Respekt vor Wülknitz . An dem hab ' ich meinen Mann gefunden . Der hat mich überlistet . « Und Wülknitz seinerseits versicherte : » Wo Rabe hinsieht , gibt es ein Loch ; sein Blick brennt bis auf die Haut und wenn ich den dicksten Flaus anhabe . « Beide waren märkische Naturen , wie sie nicht schöner gedacht werden konnten , scharf und schneidig , auch wohl , wenn es nichts kostete , mit Gemütlichkeitsallüren , aber immer eulenspiegelsch , vorsichtig und sarkastisch . Unter allem , was in ihrer Seele blühte , war die blaue Blume der Romantik , insonderheit aber die des romantischen Vertrauens am spärlichsten vertreten . Im Jahre 1856 ( nach anderen Angaben erst am 4. Dezember 1858 ) war Wülknitz auf jedem Punkte Sieger , alles war geglättet und er erstand Hoppenrade für die Summe von 350000 Talern . Hoppenrade wird freier Besitz des Kammergerichtsrats von Wülknitz 1856 – 1860 Wülknitz , so sagt ' ich , war Sieger , und dieser endliche Sieg war ihm zu gönnen , ihm , der auf jedem erdenklichen Gebiete so viel Rührigkeit und Energie gezeigt hatte . Denn was sich auch , wie wohl kaum zu bestreiten , von Selbstischem in sein Tun mit eingemischt haben mochte , das Geleistete war groß und alle Teile hatten schließlich ihren Vorteil davon . Aus den brachliegenden Ländereien waren wieder gut bestellte Felder , aus dem niedergeschlagenen 9000 Morgen-Forst ein neu heranwachsender Wald und aus dem vernachlässigten Viehstand eine Stammschäferei geworden . Er hatte gewonnen , wonach er gestrebt , aber eigentliches Glück war doch nicht seiner Mühen Lohn gewesen . Er kam , wie schon mehrfach bemerkt , aus dem Kampfe nicht heraus , und wenn auch zuzugestehen ist , daß er sein lebelang nicht bloß kampfesmutig , sondern auch kampfeslustig war , so ward ihm doch schließlich des Kämpfens zu viel . Besonders hart litten die Seinen unter seiner beständigen Arbeit und Unrast , am meisten die Frau , die nicht nur die ruhigen und idyllisch-heiteren Prinz-Heinrich-Tage , wenigstens als Kind , noch mit erlebt hatte , sondern auf deren Herz und Gemüt auch alle die weichen und liebenswürdigen Eigenschaften ihrer Mutter , unsrer Krautentochter , übergegangen waren . Es ist erschütternd , in einem mir vorliegenden Briefe von ihrem Betroffensein zu lesen , als sie nach siebzehn Jahren , und nun als » Pächterin « , in das einst so schöne Schloß Hoppenrade zurückkehrte . » Das war also die Stätte meiner Kindheit und meiner Jugend ; alle Tapeten von den Wänden gerissen und Löcher in den Dielen . Niemand da , der mich empfing , und da saß ich denn auf dem Koffer , der eben abgeladen war , und sah vor mich hin und in eine sorgenvolle Zukunft . « Hoppenrade seit 1860 Und was nun noch zu berichten ist , ist kurz . Hoppenrade blieb nur auf wenige Jahre hin ein freier und ritterschaftlicher Besitz in von Wülknitz ' Händen . Am 15. Oktober 1860 bereits ging es durch Kauf an den Kammerherrn und Erbmundschenk von Vorpommern , Hellmut von Heyden-Linden über , der die ganze Kaufsumme bar auszahlte . Sämtliche Kinder und Enkel aus der Krautentochter-Deszendenz , und zwar , außer den Wülknitzens , drei Schwerine , drei Kettlers , drei Örtzens , empfingen ihren Anteil , und alle Beziehungen zu Hoppenrade waren gelöst . von Wülknitz selbst , nachdem er sich eine Zeitlang an Baugründungen in Berlin beteiligt hatte , ging nach der Schweiz . Daselbst starb er 1866 zu Montreux . Auch Herr von Heyden-Linden , in Pommern reich begütert , hatte sich seines neuen märkischen Besitzes nur kurze Zeit zu freuen . Er starb bald danach , und Hoppenrade kam an seine beiden Enkel : Georg Freiherr von Werthern und Ida Maria Freiin von Werthern . Ersterer ist der gegenwärtige Besitzer . Er hat die schönen Räume wieder herstellen lassen und bewohnt sie wenigstens zeitweilig . * Eine stille Stätte jetzt , dies abseits vom Wege gelegene Schloß , eine Stätte , von der niemand mehr spricht , am wenigsten vielleicht die , die tagaus tagein es umwohnen . Aber von ihr , die hier auf ein paar Jahrzehnte hin ein poetisches und fast märchenhaft phantastisches Leben hervorzuzaubern wußte , von ihr erzählen sie noch , und in den Spinnstuben horcht alles auf , wenn von Elliot und seiner goldenen Kutsche , von den tausend Lichtern im Harenzackenwald und von dem Badegetümmel in Mon Caprice , versteht sich unter allerlei Zusätzen aus eigener erregter Phantasie , gesprochen wird . Ja , die schöne , längst aus dieser Zeitlichkeit geschiedene Krautentochter , sie lebt fort an dieser Stelle . Von allen denen aber , die nach ihr kamen , erzählt niemand mehr , und nur ein Grab im Park noch gibt Andeutung von dem , was später und bis in unsere Tage hinein hier halb zu Gast und halb zu Hause war . Ein Grab im Park und auf einem Steine die wenigen Worte : » Clara von Wülknitz , geboren am 10. September 1826 , heimgegangen am 1. November 1850 . « Blumen und Efeu wachsen drüber hin und zur Seite steht eine Gruppe von Zypressen und Weymouthskiefern . Einer Enkelin letzte Ruhestatt und darunter ein Leben , das vielleicht ernst und schwermütig gerade hier erlosch , an einer Stelle , wo die schöne » Grandmama « den Becher der Freude leerte , erst den Schaum und dann – den Rest . Ohne Beziehungen zu Hoppenrade selbst , noch zu seiner vieljährigen Herrin , der schönen Frau von Arnstedt , steht der schon auf Seite 199 von uns erwähnte Fähnrich von Arnstedt , der uns in einem Schlußkapitel dieses Abschnittes beschäftigen soll . Nur eine Namensvetterschaft liegt vor , freilich begleitet von einer in mehr als einem Stück verwandten , keine Selbstbeherrschung kennenden Natur- und Temperamentsanlage , die die schöne Frau schließlich bis an den Rand des wirtschaftlichen Ruins , den Namensvetter aber auf das Schafott führte . Emil von Arnstedt , Fähnrich im Leibregiment ; enthauptet am 25. April 1837 I. Am 25. April 1837 mittags stand an den Straßenecken in Frankfurt a. O. die folgende Warnungsanzeige : Der Portepeefähnrich Emil Otto Friedrich Alexander von Arnstedt des 8. Infanterie-Regiments , 21 Jahre alt , aus Ballenstedt im Herzogtum Anhalt-Bernburg gebürtig , hatte – aus Rache für angeblich von seinem Lehrer an der hiesigen Divisions-Schule , dem Lieutnant Wenzel , unverdient erhaltene Zurechtweisungen und vermeintliche aber unbegründet befundene Verleumdungen bei den höheren Vorgesetzten – am 5. Dezember v. J. morgens , mit schon tags vorher überlegtem Vorsatze , den Wenzel im Gange der Kaserne durch einen Pistolenschuß getötet . Das in der Untersuchungssache wider den von Arnstedt am 7 Januar d. J. angeordnete Kriegsgericht hatte seinerseits dahin erkannt : daß der Angeschuldigte wegen Ermordung des Vorgesetzten mit dem Rade von oben herab vom Leben zum Tode zu bringen , welcher Ausspruch durch Allerhöchste Cabinets-Ordre vom 14. d. M. dahin mildernd bestätigt worden : daß der Angeschuldigte wegen Ermordung des Vorgesetzten , statt der verwirkten Strafe des Rades von oben , durch das Beil vom Leben zum Tode zu bringen sei , und ist diese Todesstrafe heut öffentlich an dem von Arnstedt vollzogen worden . 33 Frankfurt , 25. April 1837 . Königl . Gericht der 5. Division . Hierdurch war eine Sache zum Abschluß gebracht , die , vom ersten Augenblick an , nicht nur in Frankfurt a. O. , sondern auch in den Adels- und Militärfamilien der ganzen Provinz ein großes und gerechtfertigtes Aufsehn erregt hatte . Hinsichtlich des voraufgegangenen Lebens des von Arnstedt aber stehe hier , was ich darüber bei Personen , die dem Unglücklichen einst nahe standen , erfahren konnte . Emil von Arnstedt wurde 1816 zu Ballenstedt im Anhaltischen geboren . Sein Vater war der Hauptmann von Arnstedt , der sich zu nicht genau zu bestimmender Zeit , wahrscheinlich gleich nach Schluß der Befreiungskriege , mit einer sehr schönen Dame , einer geborenen Aldobrandini , vermählt hatte Während der zwanziger Jahre wurde von Arnstedt , der Vater als Hauptmann in das 12. Infanterieregiment , dessen eines Bataillon damals in Sorau stand , versetzt und auf dem Sorauer Gymnasium empfing Emil von Arnstedt , der Sohn , seine Ausbildung . » Wir vergeudeten unsere Zeit « , so heißt es in Mitteilungen eines ihn überlebenden Mitschülers . » Es wurde uns nichts geboten , was wir im späteren Leben hätten brauchen können . Immer Latein und Griechisch und daneben etwas Mathematik , noch dazu bei Lehrern , die selber keinen Begriff davon hatten . Wir mußten uns damit getrösten , einen Direktor zu haben , der als ein Ausbund von klassischer Gelehrsamkeit galt und vielleicht es auch war . Aber daß diese Gelehrsamkeit einem von uns zugute gekommen wäre , dürfte sich kaum behaupten lassen . So war uns die Schule widerwärtig , und anstatt etwas zu lernen , gingen wir Abenteuern nach oder durchlebten sie doch in unserer Phantasie . Bei Arnstedt kam noch sein Äußeres hinzu . Er war bildhübsch und schien für Aventüren und Liebesverhältnisse wie geboren . Etwa mit 18 Jahren kam er nach Frankfurt und trat ins Leibregiment . Sein Umgang und seine Lektüre waren , wie sie damals zu sein pflegten . Avantageure , Fähnriche , dann und wann auch ein paar der jüngeren Offiziere , versammelten sich , um sich von gehabten oder noch zu habenden erotischen Triumphen zu unterhalten . Es war nicht das Feinste , was da zur Sprache kam , um so weniger , als man sich ' s angelegen sein ließ , das ohnehin nicht sehr Lobesame noch durch Übertreibung und Renommisterei zu würzen . Idealen wurde nachgestrebt , aber woher waren diese Ideale genommen ? Aus lasziven Romanen , die mit Hilfe zahlreicher Übersetzungen eben damals in die Mode kamen . Die knappen Geld- und Lebensverhältnisse besserten nichts ; im Gegenteil , alles was sonst vielleicht einen wenigstens äußeren Anstand gezeigt hätte , verlor auch diesen noch . Es war eine traurige Zeit , innerlich haltlos , äußerlich mittellos . Arnstedt persönlich hatte Verfügung über Esprit und Energie , beide Vorzüge jedoch traten in den Dienst von etwas Schlechtem und verhäßlichten sein Bild mehr , als daß sie es verschönert hätten . Auch der › Dienst ‹ litt schließlich in unzulässiger Weise . Von Ordnung , Pünktlichkeit und Adrettheit konnte keine Rede sein , wo Debauchen aller Art auch dem von Natur kräftigsten Körper den Frohsinn und die Frische nahmen . Allerlei kleine Strafen waren an der Tagesordnung und steigerten sich mehr als einmal bis zu strengem Arrest . Aus dem Arrestlokale wurde dann fleißig in Zetteln korrespondiert , meist an einen Freund und Vetter Adalbert von L. « Neben den weiterhin mitzuteilenden Hauptbriefen liegt mir auch eine der Vorspielzeit angehörige Korrespondenz vor und ich entnehme derselben einige charakteristische Stellen . Am 6. November 1836 , einen Monat vor der unheilvollen Tat , heißt es , aus dem Arrest , auf einem dieser Zettel : » Wie bist Du mit dem lettre d ' amour angekommen ? Vergiß heute Abend die Guitarre nicht . Ist es wahr , daß Jolly übergefahren ? Es sollte mir sehr leid tun . Vergiß auch nicht die Pfeifenspitze , das Buch und den Zucker « . Und am 12. November . » Heut ist Dein Geburtstag . Ich erinnere Dich an die Bibelworte : › Habe Gott vor Augen und im Herzen ‹ und an das für Dich noch gewichtigere : › Hüte Dich , daß Du in keine Sünde fallest ‹ . « Und nun folgt eine völlige Kapuzinerpredigt , abwechselnd in Reim und Prosa , darin er sich selbst als ein sittliches Vorbild aufstellt und den Freund , versteht sich ironisch , auffordert , ihm auf dem einzig heilbringenden Tugendwege zu folgen . Am 25. schreibt er auf rosafarbenem Papier und fühlt sich deshalb zu besonderen Zartheiten veranlaßt . Wenigstens eine kleine Weile . » Grüße meine liebe Modeste , vor allem aber grüße meine liebe Klara . Du kennst ja meine Connaissancen besser als ich . Klara steht mir am höchsten . Wenn es in Deinen Kräften steht , so verschaffe mir wieder etwas Geld und Zucker . Es braucht ja nicht harter zu sein , wenn er nur halbwege süß ist . Und schicke mir auch das Gesangbuch . Es liegt linker Hand in meinem Fach . « Dieser Brief vom 25. ist unterzeichnet » Dein unglücklicher E. v. A. « Ob dies » unglücklich « ernsthaft oder scherzhaft gemeint war , ist nicht recht ersichtlich , ich vermute jedoch das erstere . » Mein Onkel , der Oberst von Werder « , so heißt es nämlich zwei Tage später , am 27. , » hat mich wissen lassen , daß ich wahrscheinlich nicht länger im Regimente bleiben könne . Das ist mir unangenehm . Doch laß ich mir deshalb keine grauen Haare wachsen . Mein Capitain hat ihm alles gesagt und ich habe sein ganzes Mißfallen erregt . Bei seinem letzten Besuch las ich in einem Deiner Bücher , worauf er mir sagte : › ich sollte mich lieber mit etwas Nützlicherem beschäftigen , statt Romane zu lesen . ‹ Wie kann der gute Mann nur glauben , daß ich jetzt zu etwas anderem Lust hätte ! Vorzüglich aber ist er darüber aufgebracht , daß ich , wie er sich ausdrückte , mit lüderlichen Referendarien und sogar mit einem Küper Umgang hätte . Kommt es zum Schlimmsten und werd ' ich entlassen , so findet ein junger Kerl wie ich auch wohl sonst noch sein Fortkommen , in einer andern Stadt oder einem andern Land oder unter einer andern Zone . Leute meines Schlages sind nie ganz zu verachten und werden als Soldaten zum Totschießen immer gesucht . Mißlingt aber alles , so befreit mich wohl ein Lot Pulver von meiner Qual . Es sollte mir aber leid tun , scheiden zu müssen , denn erstens wäre es doch schade um ein so fideles Haus und zweitens , weil ich verliebt bin « . Nun folgen sentimentale Betrachtungen , eine ganze Seite lang , die dann wieder in Zynismen auslaufen . II. Der vorstehende Brief vom 27. November ist der letzte vor der Tat geschriebene . Vielleicht , daß diese schon beschlossene Sache war , als er drei Tage später ( am 30. November ) aus dem Arrest entlassen wurde , wenigstens war ihm der Offizier , der seinem Rachegelüste zum Opfer fiel , seit lange verhaßt . Einige behaupten , daß auch Eifersucht mit im Spiele gewesen sei . Gleichviel , am 5. Dezember früh geschah die Tat , Arnstedt selbst machte die Meldung davon und wurde , kaum aus dem Gefängnis entlassen , aufs neue dahin abgeführt . Die vorgesetzte militärische Behörde nahm es , wie selbstverständlich , sehr ernst , sah von allen Rücksichten ab und ließ ihn in Ketten legen . Er machte jedoch das Unmögliche möglich und führte , trotz dieser Ketten und sonstiger Behinderungen , eine lebhafte Korrespondenz , die nicht bloß bruchstückweise wie die vorhergehende , sondern in ihrer Totalität mir vorliegt . Ihr charakteristischer Zug ist ein ungeheures Maß von Selbstsucht und Leichtsinn . An diesem Leichtsinn nimmt einigermaßen auch der Freund , Adalbert v. L. , teil , an den sich die Briefe richten . Bis zuletzt sprechen sie von Ball , Vereinen , Kotillonorden und Liebesgeschichten . Aber das ist nicht das Schlimmste . Schlimmer ist der Gefühlsmischmasch , das entsetzliche Durcheinander von Sentimentalität und Obszönität , in welcher Hinsicht diese Briefe vielleicht einzig dastehen und geradezu ein psychologisches , sicherlich ein zeitbildliches Interesse beanspruchen dürfen . Oft wechselt der Inhalt von Zeile zu Zeile ; Liebe zu Mutter und Geschwistern , Anflüge wirklicher Herzensneigung , Anruf und Gebete zu Gott , Gedichte , Flehen um Erhörung , Freundschaftsversicherungen ( auch ehrlich gemeinte ) , Rachegelübde , Vergiftungspläne , Samtrock , Blumensträuße , Pikschlitten und Gitarre , Witzeleien und Zynismen , – in diesem Mengemus geht es fort bis zur letzten Stunde , bis ans Schafott . Von Reue keine Spur ; es ist als ob er einfach ein ihm feindliches Tier über den Haufen geschossen habe . Was ihn beschäftigt , ist nur die Frage : » Komme ich bald wieder frei ? Und wie hübsch wird es dann sein ! « Eine bodenlose Rücksichtslosigkeit in jedem Wort , und nur immer auf Augenblicke dämmert in ihm die Vorstellung von dem Ernst seiner Lage . Eine wahre Höllenlektüre , deren Kernstücke sich der Mitteilungsmöglichkeit entziehen , aber deren anständigere Stellen auch vollkommen ausreichen , um die Häßlichkeit jener halben , unehrlichen und verlogenen Zeit der dreißiger Jahre zu demonstrieren . Emil von Arnstedts erster Brief aus dem Gefängnis 30. Dezember 1836 . Mein lieber Adalbert . Mit Dir unterhalte ich mich am liebsten , denn Du bist mein Vertrauter . Daher sollst Du etwas von jenem Morde hören . Du reistest doch Freitag Abend ab , an jenem Tage , dem der schönste Abend meines Lebens folgte . Ich sprach mit Deiner Mutter und äußerte ihr mein Bedauern über die Reise . Klara war so gut , so liebenswürdig , wie ich sie nie sah ; ich überließ mich ganz der Freude , obgleich ich schon eine trübe Ahnung hatte . Leutnant Keßler , Putlitz , Gauvain , waren auch da ; mit letzterem tauschte ich noch die Kotillon-Dame ( Klara gegen Modeste ) und wir waren sehr vergnügt . Emma Bantz , die Schiller , die eine Faller ( Sidonie ) und mehrere hübsche Mädchen ( Flora ) waren da . Nach dem Balle fuhr Klara nach Hause und ich begleitete Flora . Sonnabend gehe ich in die Divisionsschule , Sonntag auf Parade ; fragt Wenzel mich , ob ich Donnerstag 9 Uhr abends zu Hause gewesen sei ? Ich sage » ja « . Da meint er , » es ist eine ungeheure Frechheit von Ihnen , das zu behaupten « . Er zeigt mich an , beide Obersten machten mich schlecht , und ich erhalte wieder mal 24 Stunden Arrest . Es kochte fürchterlich in mir . Ich wollte zu Schlomkas gehen , wo Klara war , auf dem Beamtenverein . Alles war vor bei , ich mußte in der Stube bleiben . Kurze Zeit nach der Parade kommt Wenzel wieder zu mir und macht mich schlecht , » daß meine Stube nicht so in Ordnung sei « , während doch mein Bursche auf Wache war . Nicht die Worte selbst , sondern die Art und der Ton , wie sie gesagt wurden , haben mich so in Wut gesetzt . Dazu kam , daß mir mein Onkel ( es war dies der später kommandierende General von Werder ) sagte , » er würde sich genötigt sehen , den König um meine Entlassung zu bitten « . Ich war wütend . Hätte nur ein Mensch freundlich mit mir gesprochen , so wär ' ich auf andere Gedanken gekommen . Hättest Du mir doch zur Seite gestanden ! Kurz , ich faßte den Entschluß , meinem Leben ein Ende zu machen . Pistol , Pulver , Blei , alles war bald angeschafft und die Waffe geladen . Da dacht ' ich an meine Mutter , an meine Freunde und Kameraden , an Dich und vor allem an meine liebe Klara . Ohne Abschied konnte ich nicht von euch scheiden . Ich war , offen gesagt , zu schwach , mich schon von der Welt loszureißen . Da fuhr mir der Gedanke durch den Kopf , er muß sterben . Dieser Gedanke hat mich nicht wieder verlassen . Da ich überzeugt war , daß ich meine Lieben nicht mehr sprechen würde , so nahm ich schriftlich von den drei mir am teuersten auf dieser Welt Abschied . Es sind dies die Briefe an Dich , Klara und meine Mutter . Mein Tagebuch hatte ich geschlossen und eine meiner Locken solltest Du nebst diesem Brief erhalten . Am Montag früh ( um fortzufahren ) kam Wenzel zu mir und fuhr mich an , » warum ich nicht in der Schule sei ? « Ich sagte ihm » weil ich Arrest habe « . Schon den vorigen Nachmittag hatte ich ihn erwartet und die geladene Pistole in Bereitschaft ; er kam nicht . Jetzt antwortete ich ihm » daß ich gleich kommen würde « , worauf er eilig mein Zimmer verließ , da er wohl meine wütenden Blicke sah . Ich sprang nach dem Spinde , holte die Waffe und stürzte ihm nach . Auf 15 bis 20 Schritte schoß ich das Pistol ab und traf ihn , da er sich gerade umdrehte , in die linke Achsel quer durch die Brust , so daß die Kugel , nachdem sie den rechten Arm noch zerschmettert hatte , dicht unter der Haut sitzen blieb . Er ging nun noch einige Schritte taumelnd zurück und stürzte dann vorwärts aufs Gesicht . Ich meldete mich sogleich selbst als Mörder und wurde nach der Wache gebracht . Am folgenden Tage hatte ich an der Leiche Verhör ; der Körper wurde seziert und die Brust ganz aufgeschnitten . Keine Miene habe ich verzogen , bloß um zu beweisen , daß dieser Anblick mich nicht schreckte . Die ersten Tage meiner Einkerkerung waren für mich fürchterlich ; nur alle 24 Stunden erhielt ich warmes Essen , bis ich dann von mitleidigen Menschen gespeist wurde . Du hast hier ein offenes wahres Bekenntnis einer schrecklichen