Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte , lag ein Wirthschaftsgebäude , wo , wie Benno sah , an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab er zur Hut das Pferd aus Ercolano ' s , ihres jungen Fürsten , Stall ... Ueber sich schlängelnde und terrassirte Wege ging es aufwärts zur Villa , die sich an Großartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so klein , daß Lucinde hier höchstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schön aber war auch sie , wenn auch alterthümlicher , als die auf der andern Seite des Berges ... Die Decke des Vestibüls enthielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der Garten bot Laubengänge und Boskets ... Man zeigte einen Gang hinunter , den die Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und Graf Sarzana verweilen ... Dieser Gang endete in einem Rundbogen von geschnittenen Myrten ... Hob sich hier vom dunkelgrünen Hintergrund in blendendweißem carrarischen Marmor eine in Schilfblättern kniende Nymphe mit einem Schöpfkrug als eine Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon bedeutungsvoll ab , so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte Gestalt Lucindens ... Benno sah , was das Glück vermochte ... Lucinde , die in St.-Wolfgang von der alten , über die Alpen ihrem Pflegling , dem Bischof , gefolgten Renate verachtet wurde , von Grützmacher nach einem Steckbrief verglichen , von Tante Gülpen aus der Dechanei verwiesen , Lucinde , die sich in der Residenz des Kirchenfürsten nur durch Nück ' s Interesse für sie erhielt , die nicht unverdächtig der Theilnahme an einem Verbrechen auf Schloß Westerhof geblieben war - sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno nicht verrathen - sie , die Bonaventura in Männerkleidern nach Wien gefolgt war - soviel hatte Benno von ihm erfahren - sie , ein Kind der Armuth , in ihrer ersten Jugend eine Magd - ... Da stand sie jetzt - in einem purpurrothen Kaschmirshawl , den sie um beide Arme geschlungen hielt ... Ihr weißes Gewand lag eng an ihrer schlanken Hüfte ... Ihr Haar , um den Kopf in Flechten gewunden , war frei ... Im starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks , ihre Rache an dieser Welt für etwas , das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde Augenwimper , ihre leise , zurückhaltende Sprache ... Letztere schon in der Todtenstille angedeutet , die Benno antraf , obgleich ihr gegenüber auf seinen langen Degen sich stützend Graf Sarzana stand , den bebuschten silbernen Helm in der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst erblicken , als sein Fuß schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich - Sie , die Richterin über das Geheimste , was mit seinem Dasein zusammenhing ... Herr von Asselyn ! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend - ohne einen Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verändern ... Zu Benno sagte sie lächelnd : Kommen Sie also endlich ? ... Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und längst ihrem Blute Ruhe geboten ... Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ... Benno betrachtete Lucinden , die so ruhig that , als hätte sie ihn erst gestern zum letzten mal gesehen , betrachtete den Cavalier , der in so seltsamer Umstrickung lebte ... Beide mit dem größten Befremden ... Graf Sarzana war ein Mann zwischen den Dreißigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr finster , als freundlich ... Er verneigte leicht sein Haupt und sagte , daß er schon von Signor d ' Asselyno gehört hätte ... Benno hatte auf den nahe liegenden Besitzungen des Cardinals Verwandte des Grafen gesprochen , die da und dort die Oekonomie verwalteten ... Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu sehen glauben ... Die Kälte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der höchsten Abspannung ... Graf Sarzana schien aufgeregter , wenigstens stand ein unausgesetztes Streichen der Haare seines Helms mit seiner scheinbaren Ruhe im Widerspruch ... Unwillkürlich bot sich für Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen Hugo ... Wie anders dies Gegenbild ! ... Der Abschied des Grafen verzögerte sich ... Benno ' s scharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem sich Empfehlenden auf Lucindens Lippen zu sehen ; sie wollte wol nur damit an ihre Liebe für Bonaventura erinnert haben ... Aber auch der Graf schien nur eine eingelernte Rolle zu spielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige Dinge , die einen Fremden interessiren durften . Die Stunden , wo der Heilige Vater seine Segnungen ertheilt , sind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit ; sie sind das , was anderswo die Wachparaden und Manöver . Einige Paläste , einige Sammlungen sind schwer zugänglich ... Graf Sarzana ' s Erbieten zur Vermittelung war freundlich ... Auch schien er unterrichtet und behauptete Sammler zu sein ... Er bewunderte , wie beide Deutsche sich in die italienische Art gefunden hätten , rühmte die deutschen Schulen und schien vorauszusetzen , daß Lucinde eine Erziehung genossen hätte , die ihr die Kenntniß des Lateinischen schon durch die Fürsorge des Staats verschafft hätte ... In allem , was er sprach , lag ein Anflug von Ironie ... Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papieren gedeutet , das auf einer Bank lag ... Das sind deutsche Acten ! sagte Lucinde und fuhr fort : Der Graf thut , als wenn ich so frischweg die Gedichte lesen könnte , die drüben auf den Wasserfall Catull gemacht hat ! ... Ich verstehe das Breviarium - Das ist alles ... Der Graf that , als hinderte ihn am Gehen eine Zärtlichkeit , die Benno für gemacht halten mußte ... Er wollte Lucinden die Hand küssen , die ihm diese mit Koketterie entzog ... Ihre Reserve hatte immer etwas Anlockendes ... Der Graf hörte in der Ferne das Stampfen und Wiehern seines schönen neapolitanischen Rosses und konnte nicht fortkommen ... Unter anderm sprach er von einem Fest , das der Heilige Vater noch dem jungen Rucca ' schen Ehepaar nachträglich geben wollte ... Es war eine Gunstbezeugung , die nicht zu selten ertheilt wird , ein Mahl im Braccio nuovo des Vatican ... Die dort aufgestellten Meisterwerke der alten Bildhauerkunst werden dann im Glanz der festlichsten Beleuchtung gesehen ... Lucinde kannte diese Wirkung noch nicht und bedauerte , daß nur Eine Dame , die die Honneurs macht , dabei zugegen sein dürfte - diesmal Olympia ... Der Vatican , bestätigte Graf Sarzana , gilt allerdings für ein Kloster ... Lucinde kannte allerlei Ausnahmen von der Regel der Klöster ... Ihr Lächeln konnte beim Nennen der im Braccio nuovo aufgestellten Sculpturen dem Vorfall mit dem von Thorwaldsen restaurirten Apollin gelten ... Sie that , als sähe sie ganz die Furcht , die Benno schon in Wien hatte , für die junge Fürstin das zu werden , was dem Uebermuth des Kindes jene Statue gewesen ... Ihr Blick blieb forschend ... Inzwischen zeigte sich der Graf unterrichtet über die Meister und die Schulen , denen jene Bildwerke zugeschrieben werden ... Endlich ging er und bald hörte man nur noch das Klirren seiner Sporen , bald nur noch den Hufschlag seines dahinsprengenden Rosses ... Nun kommen Sie ! sagte Lucinde . Wir haben dort einen bequemeren Platz und ich bin ermüdet ... Sie deutete an , daß sie den Grafen nicht im mindesten liebte und von seiner Bewerbung nur fatiguirt würde ... Mit einigen Schritten befand man sich in einem ringsumschlossenen traulichen und völlig einsamen Bosket , wo mehrere gußeiserne Sessel standen ... So finden wir uns wieder ! ... sprach sie jetzt ... Und ich sehe schon - Sie kommen voll Zorn auf mich ! ... Hat mich die Herzogin so verklagt ? ... Im Gegentheil , erwiderte Benno , des Mädchens , ihrer Umgebung , ihrer Haltung staunend ; meine Mutter rieth mir , mit Ihnen Frieden zu schließen ... Sie wissen , ich habe das immer als das beste Mittel erkannt - mit Ihnen auszukommen ... Ein Lachen deutete an , daß sie sich nicht verletzt fühlen wollte ... Nun , nun , sagte sie , verwundern Sie sich nur erst recht aus ! ... Ja , das ist hier Italien , das ist Rom , die Villa des Mäcenas drüben - das hier Villa Tibur ! ... Nicht wahr , wer das alles von Ihrem und unserm Leben geahnt hätte , als ich unreifes Kind auf Schloß Neuhof lebte , unter Männern voll Grausamkeit und Tücke , von denen der ärgste Ihr Vater war ! ... Der beste von allen - war mein guter , närrischer Jérôme , Ihr - Bruder ! Seltsam ! Ich hatte dort schon Träume , die mir alles zeigten , was seither eingetroffen ist ... Ich sah Ihre Mutter - wie oft ! - in den Kellern des Schlosses ... Ich sah die alte Hauptmännin Buschbeck mit der Giftschale in der Hand ... Ich sah das Dasein Ihrer Mutter in den Visionen Ihres Vaters ... Wie ich Ihnen dann zum ersten mal an der Maximinuskapelle begegnete ! ... Wissen Sie noch ? Sie trugen den rothen Militärkragen jener blonden , hellblauäugigen Sandlandsklugheit , der Sie Gott sei Dank ! Valet gesagt haben ... Frau von Gülpen ahnte schon meine Mitwissenschaft an so manchem und wies mich deshalb aus der Dechanei ... Wie ich diese stille Stätte des Friedens und der Hoffnung verlassen mußte , brach mir das Herz ... Ihr Onkel war so gut ... Und Ihnen ist er der Retter Ihres Lebens geworden ! ... Ich liebe , im Vertrauen gesagt , die Reue nicht , ganz wie die Spinozisten - alle Magdalenenbilder sind mir schrecklich - Aber schön und ein ganzes Leben verklärend war Ihres Pflegvaters Reue über einen schlimmen Antheil , den er doch wol auch an Ihrem Dasein hatte - denn der Kronsyndikus war sein intimster Freund ... Wie geht es dem Dechanten ? ... Er freut sich jeder frohen Botschaft aus Italien ... Grüßen Sie ihn von mir ! ... » Frohe Botschaften aus Italien ! « ... Kämen ihrer nur mehr ! ... Ich fürchte , ihr , ihr gerade siedet und kocht ihm nichts , was ihn laben wird ... Euer Bischof bringt ein Ungestüm über die Berge , das diesseits nicht am Platze ist ... Wer ist denn nur jener Eremit , um den er sich noch ins Verderben stürzt ? ... Ein Deutscher ! ... Erinnern Sie sich Ihrer Scherze zu dem Gypsfigurenhändler , als wir über den St.-Wolfgangberg keuchten ? ... Halt ! unterbrach sie sich plötzlich ... Ich vergaß die Papiere , wo wir standen ... Holen Sie sie mir ! ... Benno folgte , wie von einem mächtigen Willen regiert ... Er hörte und hörte nur ... Ueber den Eremiten hatte sie harmlos und sozusagen waffenlos gesprochen ... Nach wenigen Schritten war Benno zurückgekehrt und gab Lucinden ein Pack sauberer Velinpapierbogen , die deutsche Scripturen enthielten ... Sie war aufgestanden und setzte sich wieder ... Sie ahnen schwerlich , was diese Papiere enthalten ! - sprach sie , das Convolut neben sich legend ... Sie verwies ihn auf den nächsten Stuhl ... Ich höre , Sie und Klingsohr sind die Referenten der Curie in deutschen Angelegenheiten geworden ! erwiderte Benno ... Wir haben , wissen Sie gewiß , eine Reformation in Deutschland ... Sind das die betreffenden Actenstücke ? ... Sie schüttelte den Kopf , ließ den angeregten Gegenstand fallen und fixirte nur Benno mit prüfenden Blicken ... Seltsam ! sagte sie ... Ihr Haar ist von der Mutter ... Die Augen haben Sie vom Vater ... Ihr Blut scheint von Natur langsam zu fließen , wie - durch Kunst bei Ihrer Mutter ... Ihr Verstand , der ist hitzig , wie beim Kronsyndikus - und wissen Sie , ich hätte Sie schon in St.-Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei Unglück sehen können - Nicht dafür , weil Sie kein Interesse für mich hatten - Armgart hatte es Ihnen schon damals angethan - Nein , Sie trugen den Kopf so schrecklich hoch - um Ihrer Klugheit willen ! ... Das haben Sie ganz von Ihrem Vater ... Der konnte auch jedem einen Thaler geben , wer ihn klug nannte ... Ich lästere ihn nicht ... Mir war der Schreckliche gütig ... Nur zuletzt nicht mehr ... Hätt ' er mich da noch aufrecht gehalten , ich würde nicht so elend in die Welt hinausgefahren sein ... Es - ist - nun so ... Dafür machen Sie jetzt Ihren Weg ! fiel Benno mit Bitterkeit ein ... Wann werden Sie Gräfin Sarzana sein ? ... Sie hörte auf diese Frage nicht , sondern sagte träumerisch : Wenn ich rachsüchtig wäre ... Manche bezweifeln Ihre Großmuth - ... Und wenn ich sie nun nicht hätte , habt ihr mich nicht dahin kommen lassen ? ... Etwa auch meine arme Mutter ? ... Der Herzogin , das ist wahr , war ich zu Dank verpflichtet ; aber sie war nicht gut gegen mich ... Wir Frauen wissen , daß wir Ursache haben , uns im Leben an eine starke Hand zu halten ... Nun finde ich hier vielleicht eine solche ... Konnt ' ich ertragen , daß Ihre Mutter über mich lachte und ihrem Briefwechsel mit Ihnen , den ich voraussetzen durfte , Ihre und des Bischofs Urtheile über mich entnahm und weiter verbreitete ? ... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine ehemalige Lage ... Ich weiß auch , daß mich im Leben noch niemand gemocht hat , und habe mir längst darüber mein System gemacht . Ich ahne sogar - im Vertrauen - daß auch diese Herrlichkeit hier bald zu Ende sein wird ... Aber was ich mir an Unglücksfällen ersparen kann , das will ich denn doch nicht unterlassen haben . Ihrer Mutter , einer höchst gefährlichen , völlig in sich unklaren , halb ehrlichen , halb listigen Frau , einer echten Italienerin , mußt ' ich einen Vergleich anbieten ... Ich will wünschen , daß sie die Bedingungen ebenso hält , wie ich sie halte ... Sie sind mit der jungen Fürstin Rucca intim , fragen Sie sie in einer Schäferstunde , ob ich geplaudert ! ... Selbst über Armgart werden Sie sie nicht unterrichtet finden - Sie Ungetreuer ! Was wird Armgart sagen ! Nicht nur Sie , sondern auch Herr de Jonge brechen ihr die Treue ! ... Meine Herren , sie erfährt alles ! Darauf verlassen Sie sich ... Herr von Terschka wird sie von allem in Kenntniß setzen ... Apropos , hüten Sie sich doch vor den politischen Grillen Ihrer Mutter ... Benno mußte anerkennen , daß der Ton des Wohlwollens durch alle diese Reden klang ... Dennoch lag er auf der Folter und hätte mit einem einzigen Wort die Maske seiner Selbstbeherrschung abwerfen mögen ... Werden Sie den Namen Asselyn behalten ? fragte Lucinde nach einer Weile ... Benno konnte die quälende Erörterung nicht mehr pariren ... Auch sah er , daß sich ihr Sinnen immer mehr und mehr auf den Bischof richtete ... Der Name Asselyn - erwiderte er - klingt dem Italiener nicht fremd - ... Der Präsident , Ihr Bruder , ist kinderlos - fuhr sie fort - Wenn Sie da - Nein , nein - lassen Sie die Wittekinds aussterben ! Bleiben Sie der räthselhafte » Sohn der Spanierin « , der Neffe des guten Dechanten , ein Asselyn ! ... Ich habe mir viel Mühe gegeben , hinter Ihr Geheimniß zu kommen , das ist wahr ... Aber es wissen nicht mehr darum , als der Bischof , ich , ohne Zweifel der Dechant und meine alte Freundin , Frau von Gülpen ... Aber Thiebold de Jonge scheint eingeweiht ... Das ist thöricht ... Sie müssen ihn freilich erprobt haben ... Ganz so dumm , wie Piter Kattendyk ist er nicht ... Sagen Sie , wie können Sie Dergleichen um sich ertragen ! ... Benno erhob sich und sagte halb scherzend , halb im Ernst : Nun wollen wir von den neuesten mailänder Moden sprechen ... Sonst erleben Sie , daß ich Sie auf Pistolen fordere ... Pistolen ! sagte sie kopfschüttelnd . Auch das kommt , in Italien nicht vor ... Wer uns hier beleidigt , fällt durch das Stilet eines Rächers , den man dafür bezahlt ... Das ist schrecklich und doch - ist es nicht eine unendliche Wonne , aus den deutschen Verhältnissen erlöst zu sein ? ... Rom hat seine Lügen , seine Schlechtigkeiten - aber dieses Maß von schwatzhafter Tugend , eitler Sittsamkeit , biederer Langeweile von jenseits der Berge gibt es hier gar nicht ... Erzählen Sie mir aber - ! ... Ja wie geht es Nück ? Ich weiß durch Herrn de Jonge , daß er ohne seine Frau in Wien ist und noch unentschlossen sein soll , ob er nach dem Orient geht oder nach Rom ... Ein solches unentschlossenes Umherblicken wird seine Halsschmerzen vermehren ... Sie sind boshaft ! ... Lucinde erröthete und schwieg ... Woher erfuhren Sie die näheren Umstände meines Geheimnisses ? Gewiß ist vorzugsweise Nück betheiligt ? ... begann Benno , der endlich mehr die Oberhand gewann ... In diesem Augenblick läutete es von Tivoli herüber ... Lucinde senkte den Blick und sprach für sich den englischen Gruß ... Benno durfte der frommen Sitte sich nicht entziehen ... Darüber hatte sie Zeit gewonnen und kam auf die verfängliche Frage wegen Nück nicht zurück ... Die Dämmerung war hereingebrochen ... Ueber die Höhen des Gebirgs sah man Streifen des Monds schimmern , die bald ihr mildes Licht über die dunkelnde Schlucht verbreiteten ... Läßt mir der Bischof nichts , gar nichts sagen ? begann Lucinde ... Nein ! erwiderte Benno und sprach der Wahrheit gemäß ... So war es ja immer , sagte sie mit stockender Stimme ... Lieblos entzogt ihr mir die rettende Hand ! ... Hinweggeschleudert habt ihr mich wie ein Wesen ohne Bildung ! ... Wie hab ' ich gerungen nach euerer Freundschaft , nach euerer Schonung nur ... Kalt , grausam habt ihr mich zurückgestoßen ! ... Nun mußt ' ich mir freilich selbst helfen ... Das ist die größte Feigheit der Männer : Ein Weib um ihrer Thorheit willen leiden sehen und sie dann auf Vernunft und Besinnung verweisen ... Vernunft und Besinnung haben wir ja nicht ... Nur in der That , sei ' s der That der Liebe , sei ' s dem Rausch des Wahns oder dem Klagegeschrei der Enttäuschung , nur in Handlungen und Zuständen sind wir , was wir sind ... Vernunft und Besinnung ! ... Nachdenken und Reflexion ! ... Was soll das uns ! ... Ich vergebe dem Bischof - doch nie , was er alles , alles an mir gethan hat ... Benno wußte kaum , was er einem weiblichen Wesen erwidern sollte , das auf einen katholischen Priester Rechte der Liebe zu haben behauptete ... Er begnügte sich , die Wildaufgeregte zu beruhigen mit einem einfachen und ironischen : Sie beteten doch eben voll Frömmigkeit das Ave Maria - und verlangen das Unheiligste ... Sie haben nie das Gemüth dieses edelsten der Menschen verstanden ... Ein Gemüth ist ' s , wie das dieser Bildsäule ! sagte Lucinde zornig ... Als wenn ein Priester von seinen Gelübden sprechen könnte , der sie doch einer andern gegenüber nicht hält ! ... An jenem Abend auf dem Friedhof von St.-Wolfgang schon , wo wir unter den - - Gräbern wandelten , funkelten die Sterne herab , als wollten sie sagen : Halte sie doch fest , die Stunde der Versöhnung ! ... Sieh , dies wahnsinnige Weib , so sprachen die Sterne , hat zwei Jahre geschmachtet nach Wiedervereinigung mit dir ! Nun kommt sie und pocht , voll Hoffnung an deine Hütte ! Du - du opferst sie aber schon der alten Magd , die dich bedient ! ... Lachen Sie nicht ! - Die Sterne sprachen mehr ... Sie sagten : Du schmähst ihre Verehrung , die so ganz ohne Interesse , nur ein reines Opfer der Liebe ist ! - Ich bin um diesen Mann katholisch geworden - ich wäre schon glücklich gewesen , nur dann und wann mit ihm sprechen zu dürfen ... Daß ich seine Magd hätte sein können , mich wirklich als Bäuerin bei Renate verdingen , davon will ich gar nicht reden ... Ich war heimisch in ihm , als ich ihn das erste mal sah ... Ich fand einen Menschen wieder , der todt war und in ihm sein Testament zurückgelassen hatte ... Schon damals , als Ihr Vetter geweiht wurde , kannte ich seine Zukunft ; ich kannte die ganze kommende Zerrissenheit seines Gemüths ; wußte , daß er dort enden würde , wo er jetzt steht - an einem furchtbaren Abgrund , den nur noch seine äußere Würde deckt ... Ich kannte alles , was ihm über die Leiden dieses Daseins hinweggeholfen hätte ... Er verschmähte es ... Nun folg ' ich dem Ruf in die Dechanei , erlebe die Demüthigung , zum Hause hinausgeworfen zu werden ; ich klammere mich an den Saum seines Kleides , an den Teppich der Altäre , die sein Fuß berührt ; ich wage mich in die schwierigsten , demüthigendsten Lebensverhältnisse , nur um eine Erhörung meines - um Güte und Vertrauen - Gott , ich sage nicht : um Liebe - verschmachtenden Herzens zu finden ... Keine Hülfe ! ... Nichts als die kalte Sprache der Lehre und Ermahnung ... Mit der Zeit konnt ' ich ihm furchtbar erscheinen , konnte ihm drohen , ich that es auch - ... Als ich dennoch mich bekämpfte , dennoch von dem beweinenswerthen , rasenden , wahnsinnigen Gefühl für diesen Mann mich beherrschen lasse , alle meine Waffen senke , sind ' ich noch immer keine Regung der Versöhnung , kein Wort der Güte , keines des Vertrauens ! ... Noch in Wien stößt er den Nachen zurück , auf dem ich mich zu ihm geflüchtet ... Das ist wahr - er nahm mir in Wien eine Bürde ab , die mich zum Tod niederdrückte - aber kaum fließen meine Thränen , so läßt er mich auch wieder hinaus auf die stürmende See in ein Leben , das bisher nur Noth und Demüthigung mir gebracht ... Jetzt hab ' ich einen kurzen Augenblick des Glücks ! Er macht - euch alle schwindeln ... - Mich nicht ! Ich weiß , was ich thue ! ... Ja ! Wie eine Bettlerin - will ich nicht wieder vor euern Thüren stehen ! ... Lucinde war aufgestanden ... Benno erbebte vor ihrem Blick ... Er fürchtete für Bonaventura ' s schwierig gewordene Stellung ... Sie sind bei alledem dem Bischof werth ... sagte er und mit voller Ueberzeugung ... Sie anerkannte diese Aeußerung , fuhr aber fort : Weil er mich fürchtet ! Weil ihr alle mich fürchtet ! ... Ich habe mich freilich rüsten müssen gegen euch ! Gesucht hab ' ich nichts - ich fand alles von selbst ... Auf dem Schlosse Ihrer Väter hab ' ich schon als Mädchen von sechzehn Jahren die sibyllinischen Bücher aufgeschlagen gesehen und verstand nur noch nicht die Zeichen , die in ihnen wie durchstochene blutige Herzen funkelten ... Jetzt liegt mir jeder Traum der Kindheit offen ... Ich verstehe das Wimmern und Seufzen in den Ulmen des Schloßparks von Neuhof , ich sehe die Verwirrung euerer ganzen Familie und euer - tragisches Ende ... Mit dem Bischof hab ' ich Mitleid ... Er liebt , ein umgekehrter Jupiter , statt eines Weibes eine Wolke ... Erzählen Sie mir von Paula ! Ich denke , ich verdiene , daß Sie sich ' s etwas kosten lassen , mich wenigstens - zu unterhalten ... Diese Worte waren freundlich ... Benno mußte ihr den vorangegangenen Ton des übermüthigen Emporkömmlings vergeben ... Sie setzte sich wieder ... Benno sollte es ebenfalls thun ... Angezogen hatte sie ihn niemals so wie heute ... Die Leidenschaft verjüngte Lucinden zu ihrer ersten Jugendschönheit ... Ja sie fiel sogar in ihren naiven » Hessenmädchen « -Ton ... Also - Paula ! Bitte , bitte ! ... Erzählen Sie ! ... Ich kann Ihnen nur erzählen , sagte Benno , was alle wissen ! Ich ehre den Bischof zu sehr , als daß ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben sollte , sich über Gefühle auszusprechen , die ihm schmerzlich sind - ... Die Wunde nicht berühren , heilt sie euch ! ... schaltete Lucinde ein ... In den meisten Fällen ist es auch so ... Ob beim Bischof und bei Paula - ich weiß es nicht ... Ich kann nur berichten , daß dieser Ihnen so undankbar erscheinende Bonaventura an Verklärung und Hoheit der Gesinnung von Tage zu Tage wächst ... Er entschwebt dem Irdischen und ich mag ihn durch Fragen nicht niederziehen aus seinen reinen Höhen ... So viel aber weiß ich , daß doch Er es war , der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nück geschützt hat ... Ich weiß , Graf Hugo gab seine Absicht , die Urkunde anzuzweifeln , erst nach einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ... Lucinde horchte ... Sagen Sie selbst , fuhr Benno fort , was hätte den Bischof verhindern können , dem Grafen zu rathen : Handeln Sie getrost nach allem , was Ihnen Terschka mitgetheilt hat ! Zu offen lagen aller Welt die räthselhaften Vorgänge des Brandes in Westerhof . War ich nicht selbst ein Zeuge derselben ? Dieser Bruder Hubertus - der - leider - so räthselhaft auch - jetzt verschollen ist - ... Den ich unter die Räuber und Mörder schickte ? ... sagte Lucinde verächtlich ... In der That - überall stellen sich seiner Vernehmung eigenthümliche Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet , hat die Hälfte seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt , wohin dieser Mensch , unzweifelhaft ein Brandstifter , über Bremen entkommen sein soll ... Also wer und was schützte mich - - vor dem Zuchthause ? ... unterbrach Lucinde ... Wenigstens vor der Anklagebank schützte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen ... Er that dies infolge einer Bürgschaft , die doch ohne Zweifel nur der Bischof für Sie übernahm ... Er mag dem Grafen Dinge über Sie gesagt haben , die Ihnen nicht würden gefallen haben ; aber sie bestimmten ihn , sich dem Unvermeidlichen zu fügen ... Er hat die Urkunde anerkannt - ... Lucinde hätte gern gesagt : So kann also euer Bischof wirklich auch - lügen ? ... Sie hörte nur voll Spannung über die Folge von Bekenntnissen , von denen Benno nicht einmal zu wissen schien , daß sie in kirchlicher Form stattgefunden hatten ... Dann , fuhr Benno fort , erfolgte die Verständigung mit Schloß Westerhof ... Worin lag zuletzt für Paula die Bürgschaft des Werthes , den Graf Hugo , nach dem Zeugniß , das der Bischof ihm ausstellen sollte , ihr haben durfte ? fragte Lucinde ... Die Bedingung , die Paula gestellt haben soll , kannte ja die ganze katholische Welt ... Ich denke in der Art , sagte Benno , wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner Rücksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal kennen , sprachen sich aus und schätzten sich ... Ganz und ohne Rückhalt ? zweifelte Lucinde lachend ... Ich traue ihm zu , daß er ehrlich zu Bonaventura sagte : Sie lieben die Gräfin Paula ! ... In der That ? ... Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ... Nie an den Sieg des Wahren und Guten ... So weiß ich keine andere Erklärung ... Der Graf kennt ebenso Paula ' s Empfindungen für Bonaventura wie Bonaventura ' s für Paula ... Dieser blieb mit jenem einen Tag auf Schloß Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen nach Westerhof ... Eine Andeutung , daß der Graf - katholisch werden wird ! sagte Lucinde . Er hat unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt die Mutter dazu ? ... Benno schwieg eine Weile ... Er wußte allerdings , daß der Graf seit jener Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura ' s durchdrungen war ... Er wußte , daß die alte Gräfin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des Grafen für den Bischof nur deshalb nicht nachdrücklicher bekämpfte , weil dieser ihre Theilnahme für die Waldenser und für den Eremiten Federigo theilte ... Benno erstaunte , daß Lucinde , die alles wußte , was ihn und Bonaventura betraf , nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura ' s sah ... Alle diese Rückhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten : Die beste Religion , die wir haben könnten , wäre eine auf die Erkenntniß der tiefsten und edelsten Möglichkeiten und Fähigkeiten unserer Menschenbrust begründete ! Liebe , Freundschaft , Vertrauen , alles Edle im Menschenherzen - ich dächte , das ist die einzig wahre Bürgschaft der Gottesnähe ... Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel , der auf der Höhe des Gebirges über dem Katarakt wie ein weißer Nebelring schwebte ... Sogar Benno von Asselyn schwärmt ! sagte sie . Nein , diese Religion , die Sie da nennen , ist keine ... Oft schon hat die Gottheit versucht , ob sie sich im reinen Menschenthum offenbaren könnte ... Die Götter kamen auf die Erde in allem Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch das - im Vertrauen gesagt - erlag - für den Denker ... Die Götter wohnen jenseits dieser Welt ... Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre religiöse Maske ab ... Aber als wenn sie Reue darüber befiel , so ergriff sie die Papiere , erhob sich und deutete auf einen Weg zur Villa , wo es heller war ... Dabei sprach