und Überlegenheit war sie doch manchmal auch überdrüssig geworden , und als sich zu der unbequem werdenden geistigen Überlegenheit auch noch körperliche Krankheit und zu der körperlichen Krankheit ein bittres und menschenscheues Wesen zu gesellen begann , da hatte sie geseufzt und die Liebe war geschwunden . Und was geblieben war , war Leid und Last . All das überschlug sie jetzt und sah hinauf in den Abendstern , der eben durch die Dämmerung blitzte , blaß und zitternd , und sie frug ihn nach ihrem Glück . Und siehe , da war es , als ob er plötzlich heller aufleuchtete . War es der Stern ? oder war es nur ihre Hoffnung , die sein Licht verdoppelte ? Zu Trost und Segen wurde es ihr , daß es viel zu tun gab . Alles Geschäftliche widerstritt eigentlich ihrer Natur , aber es war ihr jetzt willkommen , weil es ihr die Möglichkeit eines Verkehrs gewährte . Sie brauchte Leben und Menschen , und sehnte sich um so mehr danach , je weniger ihr die nächste Verwandtschaft Anlehnung und Stütze bot . Nach Lützburg hin , an ihren Schwager Edzard , wurden wohl ein paar Briefe gerichtet , aber sie waren anders als zu Lebzeiten ihres ihren Stil und ihre Grammatik überwachenden Gatten und mochten bei dem Empfänger ein Lächeln wecken . » Es ist mir gesagt worden « , so hieß es in einem dieser Briefe , » daß in Lützburg versiegelt worden ist und daß diese Versiegelung vor neun Monaten nicht aufgehoben werden soll . Ich begreife , wie lästig dieses für Ihnen ist , und so sagen Sie mir denn , liebster Bruder , ob ich an der Regierung soll schreiben lassen . « Am Berliner und auch am Rheinsberger Hofe waren diese Dativa nicht anstößig , aber in Lützburg ließen sie doch aufs neue fühlen , was der preußischen » Frau Schwester « fehlte , die , trotzdem sie » charmant « und voll natürlicher , vielleicht sogar überlegener Klugheit war , ihrem Benehmen und Wesen nach zu dem alten ostfriesischen Hause nicht recht passen wollte . Wie sich um diese Zeit ihr Verhältnis zur eignen Mutter ( wenn diese noch am Leben war ) gestaltete , darüber erfahren wir nichts , ebenso wenig darüber , um welche Zeit unsere » Krautentochter « , nunmehrige verwitwete Baronin von Knyphausen , ihr einsames Hoppenrade verließ , um wenigstens zeitweise wieder die Rheinsberger Luft zu atmen . Es kann aber kaum später als im Sommer 1790 gewesen sein , da wir sie schon vor Eintritt des Spätherbstes in Rheinsberg wieder verlobt und noch vor Abschluß des Jahres zum dritten Male verheiratet sehen . Verheiratet mit dem , dem Prinz Heinrichschen Hofe zugehörigen Rittmeister von Arnstedt . An die Sitte hatte man sich dabei nicht allzu rigorös gebunden , indem bereits vierzehn Tage vor Ablauf der Trauerzeit eine große Hochzeit ausgerüstet worden war , ausgerüstet von niemand Geringerem als dem Prinzen selbst , der bekanntlich eine große Vorliebe für Festlichkeiten hatte . Das war am 16. Dezember 1790 gewesen , und die Frau Baronin von Knyphausen war nun also Frau Rittmeister von Arnstedt . Eigentlich war sie jetzt erst an ihrem Platz . An Elliot war sie durch Befehl , an Knyphausen , neben Dank und Liebe , durch die Verhältnisse gekommen ; aber zu beiden hatte sie nicht recht gepaßt . Auch zu Knyphausen nicht . Er war ihr zu superior gewesen , zu klug , zu verständig , zu solide . Solche Vorwürfe ließen sich nun dem Rittmeister nicht machen . Er war hübsch und heiter , ein enfant gaté der Gesellschaft , ein bon camerade , ganz besonders aber kein Kopfhänger , vielmehr umgekehrt immer geneigt einen Scherz zu machen und sich über das Morgen nicht zu grämen , solange nur das Heute noch allenfalls erträglich erschien . Das entsprach ihrer eignen Natur . Vor allem war er weder Schotte noch Ostfriese , sondern ein allermärkischster Märker , der an Preußen und Rheinsberg glaubte , beides für etwas Besonderes hielt , ein Pferd über ein Buch , eine besetzte Tafel über ein Bild oder ein sonstiges Kunstwerk und einen Spieltisch über alles stellte . Das paßte . Nun gab es doch wieder Ausgelassenheiten , und an die Stelle von Elliotscher Eifersucht und Brutalität und nicht minder an die Stelle von Knyphausenscher Krankheit samt Trauer und Krepp ( von Krepp , der ihr nicht einmal kleidete ) konnte doch nun wieder ein Leben treten , ein Leben , das sich zu leben verlohnte . Sie lachte so gern . Und warum nicht ? War sie doch noch jung . Ihr neunundzwanzigster Geburtstag fiel in die Flitterwochen ihrer dritten Ehe . So gingen ihre Hoffnungen , und es scheint , daß sie sich erfüllten , obwohl speziell in dem , was ihr Glück ausmachte , die Keime künftigen Unglücks bereits erkennbar waren . Aber ihrem Auge waren sie ' s nicht , und so wird sich denn von dem ersten Jahrzehnt ihrer dritten ( von Arnstedtschen ) Ehe wie von einer Reihe glücklicher und beinah ungetrübter Jahre sprechen lassen . Unbedingt waren es die glücklichsten ihres an Wechselfällen so reichen Lebens . Es wurden Kinder geboren , deren man sich freuen konnte , weil sie hübsch waren und gediehen , und der Eitelkeit der Eltern immer neue Nahrung gaben . Aus den Gütern aber mehrten sich die jährlichen Erträge . Dabei verband ein reger und beinah unausgesetzter Verkehr all jene kleinen und großen , über die ganze Grafschaft Ruppin hin ausgestreuten Edelsitze , die damals als die Dependancen und Außenwerke von Rheinsberg gelten konnten , und wenn heute die mit vier Schimmeln bespannte Chaise von Hoppenrade nach Köpernitz im Sande mahlte , so ging es morgen auf Meseberg und den dritten Tag auf Wulkow oder Wustrau zu . Heute war es die schöne Kaphengst , morgen die schöne La Roche-Aymon , der man huldigte , bis sich der Besuchszirkel in dem reichen und gastlichen und deshalb neben Rheinsberg tonangebenden Hoppenrade wieder schloß . Eigentliche Festins aber gab es nur dann , wenn der » Prinz « in Person und zwar in formellster Weise seinen Besuch angesagt hatte . Dann galt es , ihn zu » surprenieren « , und dem Meister im Festarrangement wenn nicht gleich , so doch nahezukommen . Und hierin exzellierte Frau von Arnstedt . Eine dieser Feiern lebt noch fort in der Erinnerung der Enkel . An der Granseer Straße hin , eine Viertelmeile südlich von Hoppenrade , zieht sich der » Harenzackenwald « , ein damals und vielleicht auch heute noch reich bestandener Forst , in den man , an einem dieser Besuchstage , den Prinzen zu führen und es derartig einzurichten gewußt hatte , daß sich Monseigneur in Wald und Abenddämmer verirren mußte . Verzeihungen wurden erbeten , Entschuldigungen gestammelt , bis man endlich auf eine mit Erlengebüsch überwachsene Wiese hinaus trat . Da wurde es plötzlich hell und licht , und ehe sich der Prinz von seinem Erstaunen erholen konnte , stand der Waldrand um ihn her in mehr als tausend Lichtern , denn alles , was auf den umliegenden Gütern wohnte , war aufgeboten und an die Bäume postiert worden , um in einem einzigen Moment eine Beleuchtung der Waldwiese mit buntfarbigen Lampen in Szene setzen zu können . Da küßte der Prinz der schönen Frau die Hand und erklärte sich für besiegt , und eine Woche lang zehrte man von diesem gnädigen Wort und fühlte sich gehoben in der Idee , nicht umsonst gelebt zu haben . Auch von Berlin her kam Besuch , und wenn es junge Frauen waren und die Jahreszeit es gestattete , so ging es bei Sonnenuntergang oder auch wohl in aller Morgenfrühe nach » Mon Caprice « hinaus , welchen Namen ein Badetempelchen , ein Pavillon führte , den Frau von Arnstedt am Ufer eines von Schilf und hohem Werft umstandenen Seetümpels errichtet hatte . Da hinaus ging es , um zu baden und zu plätschern und allerhand Spiele zu spielen . In dem Schilf- und Werftgürtel standen alsdann die jüngeren Gefährtinnen und hielten sich an dem herniederhängenden Gezweige , während Frau von Arnstedt , eine brillante Schwimmerin , über den See schoß und die Losung gab , ihr zu folgen und sie zu haschen . Und nun schwamm und jagte man ihr nach und zog den Kreis immer enger , aber im selben Augenblicke , wo man sie schon umstellt und gefangengenommen glaubte , schlüpfte sie durch und entkam siegreich bis an die rettende Tempelschwelle . Das gab denn ein Lachen und ein Bewundern , und in Rheinsberg und an den Prinz Heinrichschen Edelhöfen , an denen nichts so voll und üppig in Blüte stand als die Medisance , medisierte man wieder von » Diana und ihren Nymphen « . Aber es waren nicht Zeiten , um durch Scherze der Art empfindlich berührt oder in irgendeiner guten Laune gestört zu werden . Im Gegenteil . Alles war Lust und das Leben ein Feiertag . 11. Kapitel 11. Kapitel Die Krautentochter kommt in schweres Leid Aber dieser Feiertag ging zu Rüste . Den 3. August 1802 , als man überall in den Rheinsberger Dependanzen und nicht zum wenigsten in Schloß Hoppenrade festlich zu Tische saß , um den Geburtstag König Friedrich Wilhelms III. in Wein und Rede zu feiern , erschien ein Bote mit einem Flor um Hut und Arm und brachte Meldung , daß » Monseigneur « in vorhergehender Nacht aus dieser Zeitlichkeit geschieden sei . Da wandelte sich das Festmahl in ein Trauermahl , weil alle fühlten , daß ihnen ein guter Herr und wahrer Freund genommen sei , der nicht bloß philanthropische Sentenzen hergesagt und klugen Rat gegeben hatte , nein , der auch half und Fürsprache tat und immer verzieh . Und aufrichtige Tränen flossen ihm , auch bei denen , die sich längst der Tränen entwöhnt hatten , und als endlich die Grabpyramide fertig und der große Grabstein mit der berühmt gewordenen Inschrift : » Jetté par sa naissance dans ce tourbillon de vaine fumée , Que le vulgaire appelle Gloire et grandeur , Mais dont le sage connait le néant « , in das Grabmahl eingelassen war , da war ein Trauern im ganzen Lande Ruppin , und alles fuhr heim und hatte seiner Schwatzhaftigkeit ein Maß , denn jeder wußte , daß man in dem heimgegangenen Freunde den letzten Großen aus einer großen Zeit begraben hatte . Niemand aber wußt ' es besser als unsere Krautentochter , und in ihrem Herzen regte sich die Vorstellung , daß ein Wendepunkt für sie gekommen sei , bald vielleicht , und daß eine Reihe böser Tage vor der Türe stehe . Wirklich sie kamen . Es begann daheim , im eigenen Hause . Sie hatte kein Glück mit den Männern , wenigstens nicht in der Ehe . Der Rittmeister war ein Mann nach ihrem Sinne gewesen , als sie , verwitwet und vertrauert an seiner Lebenslust sich aufgerichtet hatte . Das alles aber lag jetzt eine gute Weile zurück . Ihre Temperamente hatten miteinander gestimmt , nichts mehr , nichts weiter , und wenn sie vorher jahrelang in einer gewissen Verdrossenheit zu dem ostfriesischen Baron , ihrem zweiten Manne , hinaufgeblickt hatte , so sah sie jetzt auf diesen dritten herab . Und auch das wollt ' ihr nicht gefallen . Wohl war sie das Kind ihrer Zeit und verabscheute nichts mehr als die Langeweile gelehrter Allüren , aber zu gleicher Zeit entbehrte sie doch keineswegs eines feineren ästhetischen Sinnes , und wenn ihr Gründlichkeit verhaßt war , so war es ihr Seichtheit und Oberflächlichkeit noch mehr . Oberflächlichsein war nur statthaft oder ein Vorzug , wenn es sich mit Witz und guter Laune paarte . Davon hatte der Rittmeister seinerzeit ein freundlich und bescheiden Teil gehabt . Aber das war längst aufgezehrt , und sie litt jetzt unter seiner Unbedeutendheit und Schwäche . Möglich nichtsdestoweniger , daß sich ihr Leben in jenem wohlbekannten Halbzustande von nicht glücklich- und nicht unglücklich-sein über den Rest der Tage hinweggeschleppt hätte , wenn nicht unmittelbar fast nach dem Tode des bis zuletzt einen gewissen Kontrolleinfluß ausübenden Prinzen , eine Verschlimmerung und bald danach eine Zeit völligen Niedergangs bei von Arnstedt eingetreten wäre . Wo früher nur das Gute gefehlt hatte , zeigte sich jetzt auch das positiv Schlechte , lautwerdende Vorwürfe verdarben es völlig , und eh ' abermals ein Jahr um war , war aus dem lustigen Rat und liebenswürdigen Gesellschafter ein Trinker und Spieler geworden , ein nur noch Halbzurechnungsfähiger , über dessen traurigen Lebensausgang in einem folgenden Kapitel zu berichten bleibt . Und das Unglück , wie das Sprichwort sagt , kommt nie allein . Auch hier nicht . Um dieselbe Zeit , wo die Sorgen um den Mann sich mehrten , mehrten sich auch die Sorgen um Gut und Habe , weil der , wie schon vorstehend erzählt wurde , fast vom Momente der Besitzergreifung an über Löwenberg und Hoppenrade schwebende Prozeß inzwischen nicht nur überhaupt angestrengt , sondern auch von Jahr zu Jahr immer energischer und bedrohlicher in Angriff genommen worden war . Die Bredows verlangten ihr ihnen wegtestiertes Erbe zurück . An der gerichtlichen Entscheidung dieser Frage hing Leben und Sterben . 12. Kapitel 12. Kapitel Die Krautentochter stirbt Die Gefahr ging vorüber . Der 1791 begonnene Prozeß wurde 1809 zugunsten der Krautentochter entschieden . Aber so viel Grund zu Dank und Freude vorliegen mochte , durch diesen Entscheid vor einem Äußersten bewahrt geblieben zu sein , so wenig Grund lag doch überhaupt zu Dank und Freude vor . Es waren durchweg traurige Zeitläufe , Kriegsbeunruhigungen und Truppendurchzüge nahmen kein Ende , Gesindel aller Art fiel lästig , und Strolche , denen man ein Almosen oder ein Nachtquartier verweigerte , ließen die Scheunen und Kornmieten in Feuer aufgehen . Unglück über Unglück . Aber zu Kalamitäten wie diese , die damals allgemein waren , gesellten sich für unsere Krautentochter doch noch besondere : der Hausfrieden schwand immer mehr , und mit dem Ehemanne , dessen Wandel seit Jahr und Tag im Niedergange war , wurd ' es schlimmer und schlimmer . Es zeigten sich Geistesstörungen , und neben einer äußerlichen erwies sich schließlich auch eine gesetzliche Scheidung als unerläßlich . In welchem Jahre diese stattfand , hab ' ich nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen können , doch muß es annähernd um dieselbe Zeit gewesen sein , in der sich der Prozeß entschied . Wenigstens find ' ich in einer Taufpaten-Aufzeichnung unterm 28.September 1809 das Folgende : » Frau Luise , 29 geschiedene von Arnstedt , geborene von Kraut « . Im Herbste genannten Jahres also war die Scheidung bereits ausgesprochen . Dieses Fazit an sich konnte , wie die Dinge lagen , unmöglich als ein Unglück gelten , im Gegenteil . Aber was mit dem geschiedenen Ehemanne beginnen ? Das gab eine neue schwere Sorge . Privatinstitute , wie sie jetzt existieren , existierten damals noch nicht , und ihn , den von Arnstedt , einer jener allgemeinen , in jener Zeit noch nach einem gewissen Schreckenssysteme verwalteten Irrenanstalten anzuvertrauen , widersprach durchaus dem feinen Sinn unserer Krautentochter und fast mehr noch ihrem gütigen Herzen . Endlich indessen einigte man sich dahin , ihn in einem Predigerhause , gegen hohe Zahlung , unterzubringen , und gab ihn auch bald danach nach einem in der Nähe von Fehrbellin gelegenen Dorfe hin in Pension . Dieses Dorf war Hakenberg , und in der Pfarrpension daselbst hat er noch an die vierzig Jahre gelebt . Im Hakenberger Kirchenbuche findet sich folgende Stelle : » Herr Karl Heinrich von Arnstedt , Rittmeister außer Dienst , starb 79 Jahre alt am 30. Mai 1847 und ist am 2. Juni selbigen Jahres auf dem Kirchhofe bei der Kirche begraben worden . « Zweien Briefen aus Dorf Hakenberg darf ich noch Folgendes entnehmen : » Alte Leute hier erinnern sich noch sehr wohl des Rittmeisters von Arnstedt . Er soll bald nach 1813 von Hoppenrade her zu Prediger Drake gekommen sein und hat dort bis zu seinem Ende gelebt . Er war ein schöner , großer Mann , freundlich und gesprächig , aber sofort wütend , wenn das Gespräch auf die Franzosen kam . Er haßte sie , weil ihm seine Frau durch einen französischen Offizier entführt worden war . Auch ist derselbe nie wieder nach Hoppenrade zurückgekehrt . 30 Wegen seiner aufgeregten Gemütsart war stets ein Wärter um ihn , der ihn auch auf seinen Spaziergängen begleitete . Während der ersten Jahre wurde er öfters von seinen Brüdern besucht , später nicht mehr . Er starb im Pfarrhause . Geboren war er in Liebenberg . « Ein zweiter Brief bestätigt das in vorstehendem Gesagte : » Der Familie von Arnstedt lag daran , den Rittmeister von Arnstedt nicht in eine öffentliche Irrenanstalt gebracht zu sehen ; so gab man ihn denn zu dem hiesigen Pastor in Pension . Die Küche der Frau Pastor Drake jedoch soll ihm wenig zugesagt haben , weshalb es oft vorkam , daß er das Essen ohne weiteres zum Fenster hinausschüttete . Bemerkte das eine dem Pfarrhofe gegenüber wohnende , sehr gutmütige Pächtersfrau , so wurde ihm von dieser oder ihrem Töchterlein heimlich ein Töpfchen Kaffee gebracht , wofür er immer sehr dankbar war . Er war ein großer , schlanker Herr von durchaus militärischer Haltung , und hing , solang er rüstig war , seinen fixen Ideen mit einer gewissen Energie nach . Auf seinen Spaziergängen sprach er viel vor sich hin , empörte sich über die › französischen Spitzbuben ‹ und fuchtelte dabei mit seinem Stocke umher . Begegneten ihm dann Kinder , so wurd ' er ruhig und gab ihnen kleine Stückchen von seinem Frühstückszucker , den er sich zu diesem Zwecke absparte . Hart am Wege , zwischen dem Turm und dem Kirchhofseingang , ist er begraben worden . Ein Denkmal fehlt . Ein Wärter , der ihn bewachte , hatte nur Tagesdienst und ging abends in sein Tagelöhnerhäuschen nach Linum zurück . « Das ist alles , was ich von dem schmucken Rittmeister , dem einst verwöhnten Liebling der Rheinsberger Gesellschaft erfahren konnte . Wunderbare Wege ! Die Hinterlassenschaft der beiden geisteskranken Bredows war unter Fehlern , um nicht zu sagen unter direkten Unzulässigkeiten , aus der Bredowfamilie wegtestiert worden , und der erste , der in den Mitgenuß dieses unter mindestens zweifelhafter Berechtigung angetretenen Erbes eintrat , erlag demselben Los und wurde geistesgestört wie sie » zu Tode gefüttert « . Im Hoppenrader Schloß atmete man inzwischen auf , aber nur eine kurze Weile ; der Zug gegen Rußland und die Kriegsoperationen , die folgten , sogen aufs neue das Land aus , und wer nicht fest im Sattel saß ( wie beispielsweise der alte Hertefeld auf dem benachbarten Liebenberg ) , der erlag unter einer Last von Schulden . Unter diesen Schwerbedrängten und fast Erliegenden war auch unsere Krautentochter , und gleich nach dem Kriege bot sich ihr nur ein einzig Mittel noch , um sich zu halten : der Wald . Er mußte niedergeforstet und alles zu Gelde gemacht werden , und derselbe Harenzackenwald , der einst , in zurückliegenden Tagen , der Schauplatz unvergeßner Triumphe gewesen war , er fiel jetzt unter der Axt der Holzschläger , und die schönen Stämme wurden verschleudert , um einigermaßen die Mittel für ein auch jetzt noch auf vornehmem Fuße geführtes Leben herbeizuschaffen . Von in Betracht kommenden Erträgen aus der Landwirtschaft konnte keine Rede sein in einer Zeit , wo der Scheffel Roggen einen Taler und unter Umständen auch nur einen Gulden kostete . So war denn » Geld und wieder Geld « die Losung im Leben unserer Hoppenrader Erbherrin geworden , und einer ihrer Untergebenen , ein Förster , dem sie durch ihren Einfluß nicht bloß einen höheren Titel erwirkt , sondern zu dessen Klugheit und Umsicht sie gleichzeitig ein großes Vertrauen hatte , war ihr dabei zu Willen . Es war dies der Oberförster oder Forstinspektor Görwitz , ein Lebemann , frank und frei , der aller Welt gefiel , vor allem auch seiner Herrin , und ein Jahrzehnt lang oder länger eine Försterexistenz führte , von der noch jetzt gesprochen wird , und die damals in der halben Grafschaft Ruppin eine Mischung von Neid und Bewunderung erregte . Mit Hilfe der ihm unterstellten Forsten , deren Gesamtheit mehr als 9000 Morgen umfaßte , war er der eigentliche » Mann der Situation « , ja , in gewissem Sinne der große Finanzier der Löwenberg-Hoppenrader Herrschaft geworden , und lebte denn auch seinerseits im Vollbewußtsein dieser seiner Machtstellung auf dem Fuße der haute finance . Zweimal wöchentlich führten ihn Geschäfte , wirkliche oder vorgebliche , nach Berlin , und im elegantest aufgeschirrten Jagdwagen oder noch lieber in einer in Löwenberg genommenen Extrapost fuhr er um 11 Uhr vormittags bei Lutter und Wegner vor , um ein Gabelfrühstück zu nehmen . Aber der Nachmittag kam und ging und am Abend hielten und warteten die Pferde noch , und erst wenn die Theater aus und das Neueste , das die » Habitués « aus dem Schauspielhause mit herüberbrachten , unter den Kommentaren der Witzköpfe mit durchgeredet war , ging es um mitternächtige Stunde wieder bis in seine Försterei zurück . Die war nun selber keine » Försterei « mehr , sondern präsentierte sich als ein villenartiges Landhaus , auf dessen Vorplatz allerlei seltene Pflanzen im Freien oder in großen Kübeln standen : Aloë , Hortensien und Georginen , die gerade damals in Mode gekommen waren . Alles das unter Zustimmung seiner Herrin , die klug und recht tat , ihn gewähren zu lassen . Denn er hatte neben dem raschen Blick auch die glücklich rücksichtslose Hand des Lebemannes und half , eben weil er der war , der er war , ohne Skrupel und Schwerfälligkeiten über den Tag hinweg . Und » après nous le déluge « . Und wirklich , als die Sintflut kam , war es » après « , und die lebenslustige Dame , die nicht sparen und marchandieren und aller wachsenden Lebensnot unerachtet auch nicht entbehren oder gar entsagen gelernt hatte , war nicht mehr unter den Lebenden . Am 13. September 1819 starb sie während ihres Aufenthaltes in Berlin und wurde , wie es einer » Krautentochter « zukam , im Krautenerbbegräbnis zu Sankt Nikolai beigesetzt . Mutmaßlich als die letzte , die diesen Namen geführt . Sie war ihres Alters 57 Jahre und hinterließ eine beträchtliche Last persönlicher Schulden , weil eben diese Schulden auf ihre Güter , die Fideikommißgüter waren , nicht eingetragen werden konnten . Es hatte sich ein reiches und bewegtes Leben geschlossen . Ob auch ein glückliches ? Alles in allem , ja . Sie verstand die Kunst , den Augenblick zu genießen , und sich das , was die Stunde bot , durch Zukunftsbetrachtungen oder gar durch Zukunftsbefürchtungen nicht allzusehr trüben zu lassen . Sie war sanguinisch und erfreute sich der Vorzüge dieses Temperaments . Es liegen mir hinsichtlich ihres Charakters allerhand Aussprüche vor . Am ungünstigsten lautet das , was Thiébault in seinen » Souvenirs « über sie sagt . Aber Thiébault war nicht von der Partei der » Krautentochter « . Überdies , als diese sich – und zwar weit über das Ansehen ihrer Mutter , der Madame de Verelst , hinaus , – im Jahre 1790 , in Rheinsberg etablierte , war Thiébault längst aus Preußen nach Frankreich zurückgekehrt . Er spricht anerkennend nur von ihrer Schönheit ( » elle était sans contredire la plus belle personne de ce payslà « ) , versichert aber an selber Stelle , » daß sie leichtfertig , kapriziös und eigentlich beschränkt gewesen sei . « Dies trifft nun sicherlich nicht zu , und der Sohn Thiébaults , General in der französischen Armee , hielt es , bei Publizierung einer späteren Auflage der » Souvenirs « seines Vaters für angemessen , in einer Anmerkung einen im Jahre 1813 geschriebenen Brief abzudrucken , der ihm behufs Richtigstellung dieser Dinge zugegangen war . » Die frühere Frau von Elliot « , so heißt es in dieser kritikübenden Zuschrift , » ist weit entfernt davon , eine beschränkte Dame zu sein , so weit , daß vielmehr um gekehrt ihre zahlreichen Erfolge mehr noch ihrem Esprit als ihrer Schönheit zuzuschreiben sind . Und bis zu dieser Stunde noch erfreut sie sich des Vorzuges , in ihrem Auftreten ebenso gefällig zu sein , wie tatsächlich zu gefallen . « Hiermit stimmt auch das Bild überein , das in dem zweiten Zirkel ihrer Verwandtschaft von ihr fortlebt . In einer mir zugehenden Zuschrift heißt es : » Sie war der Typus einer Grande Dame des vorigen Jahrhunderts , und hatte viel Verwandtes mit der entzückenden Gräfin La Roche Aymon ( geborenen von Zeuner ) , die mit ihr gleichzeitig am Rheinsberger Hofe glänzte . Doch war sie dieser letzteren – an der , außer ihrer Schönheit , nur eine gewisse Naivität des Nichtwissens hervorleuchtete – durch Esprit und ein natürliches Verständnis für Dinge der Kunst und Literatur überlegen . « Über all das , was ihr fehlte , geben die mehr zu Beginn dieses Aufsatzes mitgeteilten Briefe , die Baron Knyphausen an seinen Vater schrieb , und aus denen ich seinerzeit alles Wichtigste mitgeteilt habe , den genauesten Aufschluß . Aber fast möcht ' ich die darin Geschilderte mehr noch und entschiedener in Schutz nehmen , als es seitens ihres damaligen , ihr » heimlich « und » versuchsweise « angetrauten Gatten geschah . Indem er sie verteidigt , klagt er sie doch zugleich auch an , und dieser Ton klingt überall durch . Er persönlich mochte dazu berechtigt sein , ebenso sehr seiner seriösen Natur als seiner aparten Lage nach , wir Nachlebenden aber können milder und in dieser Milde vielleicht auch gerechter sein . Ist es richtig ( und es wird richtig sein ) , daß sie der Typus einer » vornehmen Dame « des vorigen Jahrhunderts war , so liegt uns die Pflicht ob , sie nicht bloß aus ihrer Epoche , sondern vor allem auch aus ihrem Gesellschaftskreise heraus zu beurteilen , will sagen aus einem Kreise heraus , darin der Charakter nicht viel und die Tugend noch weniger bedeutet , und in dem , bei Beurteilung schöner Frauen , über vieles hinweggesehen werden durfte , wenn sie nur über drei Dinge Verfügung hatten , über Schönheit , Esprit und Charme . 13. Kapitel 13. Kapitel Der Krautentochter Deszendenz Als Frau von Arnstedt , verwitwete Baronin Knyphausen , geschiedene von Elliot , am 13. September 1819 gestorben war , hinterließ sie Kinder aus drei Ehen . Und zwar Aus der Ehe mit Hugh Elliot 1. Luise Isabelle von Elliot . Dieselbe wurde wahrscheinlich 1779 geboren , da die Verheiratung ihrer Mutter mit Elliot im Jahre 1778 stattfand . Als Ende Juli 1783 die gerichtliche Trennung erfolgte , wurde nachstehende Festsetzung getroffen : » Madame Elliot , geborne Baronesse von Kraut , verspricht ihrer Tochter Luise Isabelle von Elliot ein Kapital von 25000 Talern in Gold sicher zu stellen , und zwar derart , daß an dem Tage , wo Madame Elliot in den Besitz des Bredowschen Erbes ( Hoppenrade-Löwenberg ) eintritt , obiges Kapital von 25000 Talern auf der königlichen Bank deponiert werden muß . « Gemäß dieser Anordnung wurde denn auch , als der vorgesehene Fall eintrat , verfahren . Zu welcher Zeit das Geld erhoben worden ist , ist aus den Aufzeichnungen nicht ersichtlich . Miß Elliot aber vermählte sich später mit einem Mr. Payne . Weitere Schicksale nicht bekannt . Aus der Ehe mir Baron Knyphausen 2. Sophie Friederike Oriane Konstanze , geboren 1785 . 31 Sie war zweimal verheiratet , in erster Ehe mit dem Landrat von Schwerin , in zweiter Ehe mit dem Rittmeister , späteren Major Freiherrn von Kettler auf Jeesch-Kittel . Aus beiden Ehen wurden je drei Kinder geboren . Der Tod der Frau von Kettler kann nicht vor 1856 erfolgt sein , in welchem Jahre sie noch an weiterhin zu nennenden Erbschaftsverhandlungen teilnahm . Sie war eine kluge Dame , praktisch , energisch , und in allen Stücken mehr ihres Vaters ( Baron Knyphausens ) als ihrer Mutter Tochter . Ihren zweiten Gatten , von Kettler , verlor sie auf tragische Weise . Kettler war 1830 aus dem preußischen in den russischen Dienst getreten und machte die gleich darauf ausbrechende Kampagne gegen Polen mit . In der Schlacht bei Grochow wurde er erheblich verwundet und gefangengenommen . Als man ihn auf einem Wagen nach Warschau brachte , drängte sich der Pöbel heran und heulte und johlte ; einer aber stieg auf das Wagenrad und spie ihm ins Gesicht . Ein Faustschlag war Kettlers Antwort . Aber freilich war es auch das Signal , um über ihn herzufallen und ihn buchstäblich zu zerreißen . – Auch seinem ältesten Sohne war ein jäher Tod vorbehalten . Ein herabstürzender schwerer Baumast erschlug ihn . Aus der Ehe mit Rittmeister von Arnstedt 3. Henriette Sophie Rosalie . Verheiratete sich um das Jahr 1820 ( oder vielleicht auch schon zu Lebzeiten der Mutter ) mit dem Baron von Wülknitz und starb 1861 im Bade zu Doberan . Auf dies von Wülknitzsche Paar komm ' ich am Schlusse des Kapitels zurück . 4. Mathilde Julie Friederike war 1802 geboren . Vermählte sich 1826 mit Hans von Örtzen auf Ankershagen , Schloßhauptmann und Kammerherr in Neu-Strelitz . † 1878 . 5. Heinrich Adolf Friedrich von Arnstedt . Wahrscheinlich 1796 geboren . Er trat unter Major von Sohr ins brandenburgische Husarenregiment und machte die Kriege von 1813 bis 1815 mit . An dem Unglückstage von Versailles ( Juli 1815 ) , an dem auch der junge York fiel , war er mit unter den Verwundeten . In die Heimat zurückgekehrt , entschied er sich für Verbleib im Regiment , und suchte durch ein Leben auf großem Fuße über die Langeweile des kleinen Dienstes und über die noch größere der kleinen Stadt ( abwechselnd Beeskow , Düben , Kemberg ) hinwegzukommen . Natürlich war er