. Dieser Trieb verband sich mit dem behaglichen Gefühl seiner sorglosen Lebenslage , seiner reichlichen Mittel , vorzugsweise dann freilich auch - mit dem ungewissen Halt seiner eigenen Bildung . Sah er kluge Leute von einer Sache interessirt , so war er selbst klug genug , ihren Meinungen » vollständig Rechnung zu tragen « ... Italien und Rom » waren nun einmal da « ... Die Interessen dieses » überhitzten und in einem südlichen Klima gelegenen Landes « waren ebenso abzuwarten , wie der Hemmschuh des Vetturins ... Vollends war » die Guillotine kein Spaß « ... Thiebold besaß jene seltene Toleranz , die eine fremde Welt um so mehr achtet , je weniger sie davon versteht ... Nur schade , daß die Herzogin der » neuerfundenen Mischsprache « Thiebold ' s nicht immer folgen und so recht die Gegensätze und Natürlichkeiten genießen konnte , die in dieser empfänglichen Seele zu gleicher Zeit Platz hatten ... Die Nacht war herniedergestiegen ... Millionen Sterne funkelten am dunkeln Himmel ... Auf der Altane , auf die man nach dem Souper , dem sogar Champagner nicht fehlte , zurückkehrte , brannte eine Lampe ... Drei so traulich Verbundene saßen unter dem Duft der Blumen und in dem ganzen Zauber südlicher Natur , der sich selbst beim nächtlichen Gewirr der Städte nicht verliert ... Glocken läuteten ; die Luft , die nach dem Untergang der Sonne anfangs kühl geweht , hatte wieder ihre alte Weiche gewonnen ; die Lampe warf geheimnißvolle Reflexe in das tiefdunkle Grün der hohen Zierpflanzen und zog schwirrende kleine Käfer an , die in ihr eine lichtere Schlummerstätte zu finden glaubten , als die Orangen- und Granatenblüten , in deren Kelchen sie schon gebettet lagen ... So erliegen wir den Ausstrahlungen höherer Ziele , die ein Gesetz unserer schwachen , dem Irrthum unterworfenen Natur rastlos uns auch dann noch suchen läßt , wenn wir uns schon längst hätten genügen sollen ... Benno und die Mutter knüpften an die frühere , von Thiebold unterbrochene Stimmung an ... Thiebold konnte nun selbst das sagen , was eben Benno als seine Hülfe in der möglicherweise verhängnißvollen Wiederbegegnung mit Olympien hatte berichten wollen ... Ja - Armgart - ! seufzte Thiebold ... Wir lieben ein und dasselbe Mädchen , Hoheit , und längst hab ' ich entsagt zu Gunsten meines Freundes . Ich beanspruche nur noch bei ihm Pathenstelle ... Seine Großmuth lehnt nun freilich mein Opfer ab und darin hat er Recht : Der Gegenstand unserer Liebe neckte einen mit dem andern ... Diese Cigarrentasche , die von ihr ist - sehen Sie , Hoheit , diese so - mangelhafte Arbeit - deutet auf eine Berechtigung , das Andenken der Geliebten gleichsam zur Lebensgefährtin machen zu dürfen , während mein Freund einen Aschenbecher erhielt , ein Mobiliar , das sich nur in den vier Wänden benutzen läßt ... Er vergaß es in Robillante - ich hab ' s mitgebracht , lieber Freund - ... Andererseits könnte damit freilich das Princip der Häuslichkeit angedeutet sein ... Genug - » sei dem , wie ihm wolle « und wie sehr wir besorgen müssen , daß eine raffinirte Natur wie die des Ex-Paters Stanislaus mit Hülfe der so fanatisch lichtfreundlichen Aeltern uns beide aus dem Felde schlägt , ich habe meinem Freund als einzigen Ausweg aus dem Labyrinth seiner möglichen Verirrungen mit Fürstin Rucca den Ariadnefaden meiner eigenen Liebe zu ihr vorgeschlagen ... Die Herzogin begriff nicht ... Altezza ! Ich kenne überraschende Wirkungen der blonden Haare in Italien ! unterbrach Thiebold Benno ' s Erläuterung ... Ich habe haarsträubende Erfolge erlebt ! Ich werde noch mehr gewinnen , wenn ich Fortschritte in dieser verdammten - göttlichen Sprache mache , die mich beschämend genug an mein altes Latein - Secunda - erinnert ... Ich liebe die Fürstin Rucca bereits bis zur Narrheit ! Ich werde Benno ' s Erfolge paralysiren ... Die Herzogin fragte nach dem Sinn dieser Worte und fixirte den Sohn , den Thiebold nicht aufkommen ließ ... Es ist dies : Ich , ich liebe Gräfin Olympia Maldachini bereits aus dem Garten von Schönbrunn , schon aus der Menagerie im Prater ... Die Erzählungen über sie wirkten so auf mich , daß ihr die Wahl zwischen mir und Benno unmöglich werden soll ... Schon vor fünf Tagen sollt ' ich im Palazzo Rucca meine Karte und einen Empfehlungsbrief von Benno an den jungen Elefantenkämpfer abgegeben haben ... Nun ist es später geworden und der Fürst ist auf dem Lande ... Ich reise morgen in erster Frühe nach Villa Torresani , auch nach Villa Tibur , wo Lucinde wohnt , im Widerspruch mit allen , die sie verdammen , bekanntlich eine leidenschaftliche Neigung von mir ... Scherz bei Seite , Hoheit , die Schilderung der Persönlichkeit der Fürstin Olympia hat mehr , als meine Neugier erregt . Grüner Teint , blaue Haare , Wuchs bis Benno ' s Taille - ich werde Lucinden sofort Erklärungen machen und um die Vermittelung meiner Wünsche bitten . Ich mag diese kleinen Figuren ! Armgart ist auch nicht groß . Ich werde der Fürstin zeigen , was bei uns in Deutschland schwärmen heißt . Weiß ich dann auch , daß mich die spätere Ankunft Benno ' s , die ich in Aussicht stelle , aus dem Sattel heben wird , so werd ' ich doch sein Schicksal so lange durchkreuzen , aufhalten und nur über meine Leiche hinweg ihn zum Sieger über diese gebietende Göttin des Kirchenstaates werden lassen , daß darüber das Schicksal der Gebrüder Bandiera sich entschieden haben dürfte ... Ich weiß nicht , ob ich deutlich gewesen bin , Hoheit ? ... Die Mutter begriff halb und halb und sah lachend auf Benno , der eine abwehrende Miene machte ... O , fuhr Thiebold auf , ich weiß durchaus nicht , ob es nach genommener Verabredung ist , daß mich mein Freund Asselyn hier in unserm Plan durch ein ironisches Lächeln unterstützt ! ... In Robillante waren wir einig : Wir wagen uns beide in die Höhle des Löwen ! Wir bitten die Herzogin von Amarillas um ihre Protection ! Wir unterwerfen uns Sr. Eminenz dem Cardinal Ceccone in gebührender Demuth ! Wir lassen in dieser großen , vornehmen Welt , in der Sie leben , gnädigste Frau Herzogin , unser Licht leuchten so gut es geht und sollte mir mein Freund Asselyn wirklich von jenem grünen Teint und jenen blauen Haaren in Gefahr für seine Tugend gerathen , so verderb ' ich ihm jedes Rendezvous und setze das so lange fort , bis Rom entweder eine Republik geworden ist oder Ceccone , was mir wahrscheinlicher erscheinen dürfte , die Sentenz für die Gebrüder Bandiera zu unterschreiben hat - ... Die Herzogin sah den Irrthum Thiebold ' s über ihre gegenwärtige Lage , unterstützte aber seinen überraschenden Einfall durch jede Geberde ... Sie unterdrückte jede Einsprache Benno ' s , nannte Ceccone ihren Freund , ihren Gönner , Olympia ihr treuestes Pflegekind ... Sie ermuthigte beide , mit der jungen Frau ihr Heil zu versuchen ... Es schlug nun elf Uhr ... Thiebold mahnte an den Aufbruch ... Benno blieb traurig und schien keinen Willen mehr zu haben ... Die Mutter ließ ihn nur mit den Beruhigungen scheiden , die sie verlangte ... Er mußte versprechen , morgen im Palazzo Rucca nach dem Principe Ercolano zu fragen und seine Karte abzugeben - Thiebold sollte inzwischen schon ins Gebirge und auf die Villa Torresani reisen ... Das alles stand fest und unwiderruflich ... Die Mutter führte Benno an das Medaillon des Herzogs von Amarillas , ergriff seine drei Schwurfinger und flüsterte ihm - » bei Angiolinens Angedenken ! « - einen Schwur ... Er sollte geloben , daß er sich mit Lucinden verständigte und in die Welt Ceccone ' s und Olympiens einträte , ohne die mindeste Rücksichtsnahme auf irgendetwas , was ihr persönlich begegnet war ... Benno erwiderte : Rom ist die Tragikomödie der Welt ! ... Er gab der Mutter in dem , was sie vorläufig begehrte , nach ... Beim Nachhausegehen war Thiebold entzückt von dieser » seltenen Frau « ... Er verwünschte seine mangelhaften Kenntnisse im Italienischen , schwur , täglich sechs Stunden Unterricht nehmen zu wollen und erstaunte dann nicht wenig , als ihm Benno beim Herabsteigen von jener großen Treppe , die auf den spanischen Platz führt , erzählte , daß sich die Stellung seiner Mutter zu Ceccone und Olympia gänzlich verändert hätte ... Nun erst begriff Thiebold die kalte Aufnahme , die er an Piazza Sciarra erfahren hatte , als er dort nach der Herzogin von Amarillas fragte ... Er verwünschte die römische Welt nicht wenig ... Dann verglich er Rom bei Nacht mit seiner Vaterstadt bei Nacht ... Die Beleuchtung war hier » unter der Würde « - Rom verwarf bekanntlich damals als » revolutionäre Neuerung « nicht blos die Eisenbahnen , sondern auch die Gasbeleuchtung4- ... Die Freunde verabredeten sich , morgen in alter Weise gemeinschaftlich zu frühstücken und das Weitere ernst zu berathen ... Thiebold wollte zu Benno kommen ... Den Aschenbecher vergaß ich in Robillante ! rief Benno Thiebold nach , als dieser schon an die Pforte seiner Wohnung geklopft hatte , die derjenigen Benno ' s gegenüber lag ... Bringen Sie ihn doch morgen früh mit ... Das einzige Wort , mit dem Benno die zum Tod betrübte Stimmung seines Innern verrieth . Fußnoten 1 Geboren 1780 in Venedig . 2 Wir geben nur Thatsachen . 3 Die bekannte » Schwefelfrage « . 4 Thatsache . 7. Die Wirkung einer Karte , auf der zu lesen stand : » Monsieur Thiebold de Jonge , recommandé par le Baron Benno d ' Asselyn « war außerordentlich ... Sie fiel in die Siestenstunde , wo auf Villa Torresani die junge Fürstin Rucca bei herabgelassenen Jalousieen auf schwellenden Polstern ausgestreckt lag und vielleicht in Liebesschauern vom schönen Cardinal Ambrosi träumte ... Sie fuhr empor ... Halbentkleidet lag sie auf einem Ruhebett ausgestreckt ... Dicht war sie gegen die bösen » Zanzari « in Musselinvorhängen eingehüllt ... Mit halbschlafendem Brüten hatte sie ein Deckenbild des Bettes , eine Amorettenscene von Albani angestarrt ... Diese Villa war der Mittelpunkt einer durch Kunst und Natur zum reizendsten Aufenthalt bestimmten Schöpfung ... Die Villa Torresani lag auf Bergabhängen hingehaucht wie im tändelnden Musenspiel ... Alles an ihr war leicht , zierlich und gleichsam ohne Mühe geschaffen ... Die Treppenaufgänge waren in ihren Geländern mit zierlichster Symmetrie durchbrochen , auf ihren Wangen mit Statuen , Aloë- und Cactustöpfen geschmückt ... Wo sich bei jeder neuen Etage die Treppe zwiefach theilte , plätscherten Springbrunnen oder muschelblasende Tritonen ... Oben auf der gekieselten Plateforme erhob sich ein Bau voll Pracht und Schönheit , in zwei Stockwerken , verschwenderisch geziert von Säulen , Nischen , Statuen , abgeschlossen hoch oben von einer Attika , deren vier Ecken freischwebende Marmorbilder begrenzten ... Eine silberweiße Herrlichkeit war es , weithin leuchtend aus einem dunkeln Boschetto von Lorberhecken und urmächtigen Eichen ... Hier rauschten die Wasser , dort sangen die Vögel , summten die Käfer ... Weit hinaus zur Ebene verfolgte das Auge die gelblichen Fernsichten herbstlicher Stoppelfelder ; sie milderten sich durch die quer hindurchlaufenden Weingehänge und die breitastigen , nicht ängstlich beschnittenen Pappeln ... In der Ferne erhob sich Rom , die Peterskuppel , sie , der immer hocherhobene Finger , der die Welt aus dem Erdendunst gen Himmel weisen soll ... Wer aber schweift hinaus bei so beglückender Nähe ! ... Hier waltete die Kunst und die in ihren Weihemomenten überraschte Natur ... Durch die zur Erde gehenden Fenster des Palastes sah man die an den Capitälen bronzirten schwarzen Marmorsäulen eines großen Speisesaals mit dem weißschwarzen Marmorgetäfel des Fußbodens ... Nach hinten empfingen die Schlaf-und Siestenzimmer die Kühle einer angrenzenden Cypressengruppe , den Duft des zur Berglehne reichenden Blumengartens , in dem die Pflanzen eines noch tieferen Südens im Winter durch Glasdächer geschützt wurden ... Dort reiften Bananen ... Dicht am Fenster , wo Olympia schlief , hauchte eine Gruppe Gardenien aus ihren weißen , großmächtigen Blütentrichtern und aus der wollüstig feuchten Wärme der fortdauernd zu erneuernden Berieselung einen Duft aus , gegen den der Duft der Rose verschwand ... Olympia lachte im Halbschlaf - Sie lachte sogar des Cardinals Ambrosi , der sich ihren Sorgen für eine seiner würdige Einrichtung durch den eifersüchtigen Fefelotti hatte entziehen müssen ... Dann erschrak sie , weil den - Cardinal-Conservator der Reliquien nichts als Todtenschädel umgaben ... Durch eine nahe liegende Ideenverbindung kam sie auf den deutschen Mönch Hubertus und Grizzifalcone ... Sie warf sich auf die andere Seite und wieder lachte sie ihrer Schwiegermutter , die sie fortwährend hofmeistern wollte ... Sie lachte Lucindens , des Cardinals und der Herzogin von Amarillas - ... Da eben erscholl das Klopfen des betreßten Dieners - Da kam die Karte ... Drei , vier Klingeln gingen durcheinander , als sie die Karte gelesen hatte ... Portier , Diener , Kammerzofe - wem hatte sie nicht alles Befehle zu ertheilen ! ... » Recommandé par le Baron d ' Asselyn « ... Die Fürstin , außer sich , weckte ihren nebenan schnarchenden Ercolano ... Für diesen war sogar ein Brief vom Signor d ' Asselyno durch den draußen harrenden mit Extrapost vorgefahrenen Monsieur Thiebold de Jonge selbst überbracht worden ... Sie herrschte dem schlaftrunkenen Gatten zu , er sollte den Fremdling so lange unterhalten , bis sie sich in Toilette geworfen hätte ... Den Brief nahm sie selbst und erbrach ihn ... Benno von Asselyn beklagte in diesem Briefe sein bisheriges Los , das ihn in der Welt hin- und herzureisen gezwungen und erst jetzt nach Rom zurückgeführt hätte ... In acht Tagen spätestens würde er dem Fürsten seine Glückwünsche und der Fürstin sich selbst zu Füßen legen ... So schallen auf der Insel Ceylon plötzlich wunderbare Klänge aus der Luft ... So richtet sich die Blume auf , die nach langer Dürre ein stürzender Regen erfrischt ... Olympia flog in ihre Garderobe ... Thiebold de Jonge hatte inzwischen in einer Empfangsrotunde Gelegenheit , die Geschichte der alten Kunst zu studiren ... Neun Marmorstatuen zierten sie , geschmackvoll in Nischen angebracht ; sie sowol wie der Mosaikfußboden gehörten dem wirklichen Alterthum an ... Hier war alles echt ... Das alte Rom war hier noch nicht untergegangen ... Später hat es Thiebold oft erzählt , wie ihm der erste Anblick der » kleinen Heuschrecke « , die nach einer halben Stunde in gelbnaturseidenen , mit grünen Blättern und bunten Blüten bedruckten Gewändern hereinrauschte , Lexikon , Grammatik , Alberti ' s Complimentirbuch in vollständigste Verwirrung brachte ... Die » gelbe Hexe « wäre viel , viel anziehender gewesen , als er erwartet ... Dennoch mußte er sich früh erholt haben ... Er » reussirte « schon beim ersten Gruße ... Benno hätte sich getrost noch acht Tage in Rom können versteckt halten ... Thiebold beschäftigte den Fürsten und die Fürstin schon am ersten Tag mit all den Erfolgen , die wir als die gewöhnliche Belohnung seiner geselligen Talente kennen ... Sogar ein Begrüßen der Villa Tibur wurde ihm am ersten Tag nicht möglich ... Das Französische unterstützte die Verständigung ... Olympia und Ercolano ließen den liebenswürdigen » Baron « de Jonge nicht wieder frei ... Der Brief , die Ankunft Thiebold ' s hatten sich verspätet ... Folglich erschien Benno schon am Tag nach dem Siestentraum ... Ercolano holte ihn aus Rom ab und er holte ihn im Triumph ... Da hatte denn der junge Römer den Mann , der es möglich machte , die Geschichte von seinem » Kampf mit einem Elefanten « zu wiederholen ... » Dies ist der Herr , der mich damals in Wien - « ... Ercolano erdrückte Benno mit seinen Umarmungen ... Und siehe da ! ... Als Benno auf Villa Torresani ankam , hatten sich gerade - Thiebold und Olympia schon bei einem Ausflug in den Gebirgen verspätet ... Es konnte kein Wunder nehmen , daß in drei Tagen Thiebold und Benno schon auf der Villa Torresani selbst wohnten ... Im Garten gab es mehrere , die reizendste Aussicht gewährende Pavillons ... Diese allerliebsten kleinen Häuschen mit den grünen Jalousieen ! hatte Thiebold seltsam kokettirend zur Fürstin gesagt und sogleich wurde eines für sie aufgeschlossen ... Es war die Zeit , wo alles auf dem Lande lebte ... Was wollen Sie in Rom , was in Tivoli ! - wo die Freunde sich eingerichtet hatten im Gasthof zur Sibylle - Sie wohnen bei uns ! jubelte Ercolano ... Lucinde wohnte tausend Schritte weiter von den Wasserstürzen Tivolis ... Weder Benno noch Thiebold hatten sie begrüßt und schon wohnten sie in dem Pavillon der Villa Torresani ... Die Italiener sind sonst nicht gastfrei ... Hier aber traten Gründe ein , diese beiden jungen Fremdlinge nicht wieder frei zu lassen ... Schon das erste Zusammentreffen des Besuchs mit einer Visite der Schwiegermutter , das Hinzukommen anderer Nachbarschaften entschied - ... Alle sagten : Diese beiden Deutschen werden die Löwen der römischen Gesellschaft ! ... Thiebold ' s Kunst , die Menschen und Verhältnisse in Verwirrung zu bringen , ohne die erstern übermäßig zu reizen und die letztern zu unglücklich ausgehen zu lassen , bewährte sich auf eine bestrickende Art ... Benno konnte in der That einige Tage zweifelhaft sein , ob nicht Thiebold den Sieg davontrug ... Thiebold hatte sogar den Muth , des Abends sentimental zu werden ... Beim Anblick der Wirkungen , die er damit auf die junge Fürstin machte , erleichterte sich ihm die anfangs beklommene Brust , erheiterte sich sein Rundblick auf die Verhältnisse , in die ihn die Sorge um zwei dem Tod bestimmte Freunde Benno ' s wider alle Neigung gezwängt hatten ... Benno , dem die Fürstin noch gleichsam schmollte , blieb ernst und düster ... Nun haben wir ' s , sagte Thiebold , als Benno das reizende Gartenhaus mit seiner Aussicht auf das vom Kaiser Hadrian » Tempe « genannte glückselige Thal mit ihm bezogen hatte und voll Verdruß die glänzende Einrichtung , die bronzirten Sessel , die Sammtkissen , die Verschwendung an Marmor und Krystall sah , nun werden Sie eifersüchtig auf mich ! ... Wir streiten uns , entgegnete Benno , wie zwei Fechter , die zum Tode bestimmt sind ! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geschieht dem einen weniger Ehre , als dem andern ! ... Bin ich darum wol - etwa traurig ? ... Das Verhältniß Olympia ' s zu Benno war in Wahrheit dies : Als sie mit Benno zum ersten male allein war und von Wien zu reden begann , erbleichte sie , zitterte und verließ , keines Wortes mächtig , das Zimmer ... Um nur Fassung zu gewinnen , gab sie sich den Schein mit ihm zu schmollen ... Eine Täuschung nur ... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglücks ... Sie ritt , sie fuhr , wie in ihrer fröhlichsten Zeit ... Thiebold machte sich zu ihrem dienenden Cavalier und sie ließ sich ' s gefallen ... Thiebold plauderte zu amusant , war immer lebhaft und gefällig - immer » präsent « - das wollen die Frauen - ... Sie konnte vollkommen mit zwei solchen jungen Männern zu gleicher Zeit fertig werden ... Thiebold hatte Recht , wenn er sagte : Unsere Tugend rettet ihr Embarras de richesses ! ... An lange Einsamkeit und ein ungestörtes Begegnen war freilich wenig zu denken ... Die Fürstin war eine Neuvermählte , Ercolano rauchte nicht eine Cigarre ohne sie , trank nicht ein Glas deutscher » Birra « ohne Benno und sein Leben bestand aus Trinken und Rauchen ... Reiter und Fuhrwerke belagerten die Thore der Villa Torresani ... Zankte auch wol der alte Fürst , der aus der Stadt ab und zu kam , über einen Landaufenthalt , der seinen Zweck , zu sparen , gänzlich verfehlte , so war nun einmal Olympia die Nichte des regierenden Cardinals und hatte als solche den Zustrom der Fremden und Einheimischen ... Da gab es hundert Monsignori , die Carrière machen wollten ; Aebte , Bischöfe kamen von nah und von fern ; Fefelotti sogar ordnete sich Ceccone ' s gesellschaftlicher Stellung unter ... Fremde kamen , die aus Kunstinteresse , andere , die aus Frömmigkeit , die meisten , die aus Geselligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten ... Das Princip der römischen Aristokratie , so unzugänglich wie möglich zu sein , ließ sich hier nicht durchführen ... Olympia wollte nicht aufhören , die Beherrscherin Roms zu bleiben ... Und wie war die Zeit bewegt ... Couriere kamen und gingen ... Außerordentliche Botschafter von Neapel , Florenz und Modena gab es zu empfangen ... Schon hörte man von Verhaftungen in Rom ... Von Aufhebung einzelner » Logen « ... Die Gefängnisse der Engelsburg und des Carcere nuovo füllten sich so , daß die Gefangenen des Nachts , mit starken Escorten , nach Civitavecchia und Terracina geschickt wurden ... Von ungewöhnlichen Streifcolonnen hörte man , die durch die Gebirge zogen ... Die Marine Neapels , Sardiniens , Oesterreichs kreuzte in den Gewässern von Genua , um Sicilien her und im Adriatischen Meere ... Schon wurden allgemein die Brüder Bandiera als Anführer von Trupps genannt , die demnächst an verschiedenen Stellen Italiens landen würden ... Ceccone , der Benno sehr artig begrüßt und dem devoteren Gefährten Thiebold die Hand zum Kusse gereicht hatte , war , das beobachteten beide , in äußerster Aufregung ... Seine Kutsche fuhr hin und her ... Sie wurde regelmäßig von zwölf Berittenen der Nobelgarde begleitet , wenn er nach Castel Gandolfo fuhr , wo der Heilige Vater eingeschlossen lebte und mismuthig über sein Körperleid die Bullen , Breves und Allocutionen unterschrieb , die man ihm aus den verschiedenen Collegien seiner Weltregierung überbrachte . Bücher wurden verboten , Excommunicationen ausgesprochen ... Wächter der Kircheninteressen gab es genug ... Wenn auch der Hohepriester nichts las , als medicinische Schriften , nichts hören wollte , als ärztliche Consultationen ... Seine Zuflucht war damals , wie bekannt , ein deutscher Arzt geworden ... Olympia hatte in der That jetzt keine geringe Abneigung gegen die » Erhebung Italiens « ... Sie räderte und köpfte - » Ein paar Handschuhe monatlich - Ein Bedienter nur - Und deine Hemden selbst flicken - « ? Mazzini , Guerazzi , Wenzel von Terschka - jeden erwartete , wenn man seiner habhaft wurde , ein eigener Galgen ... Bekanntlich unterschreibt der Heilige Vater nie die Todesurtheile selbst ; man überreicht sie ihm - wenn er nichts dagegen einwendet , hat die Gerechtigkeit ihren Lauf ... Man kann die Religion der Milde nicht milder betrügen ! sagte Benno ... Als Benno zum ersten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte , bedurfte er der ganzen Erinnerung an die Verstellungskunst - des ihm schon einmal in seinem Leid aufgegangenen Hamlet ... Er gab jede Auskunft , die der geschmeidige Priester zu hören wünschte ... Er widersprach keinem Urtheil , das sich ja auch hier nicht berichtigen ließ ... Er hörte nur mit Schrecken : Wir wissen alles ! Wir sind unterrichtet über die Personen ! Wir kennen die Orte ... Wir wissen , wo die Fackel der Empörung zuerst auflodern soll ! ... Zwanzig Mitglieder der » Junta der Wissenden « haben auf die Hostie geschworen , mich binnen einem Jahre zu tödten ! ... Ich weiß , daß geloost worden ist ! Ich weiß , daß ein Mann in Rom , in meiner unmittelbaren Nähe leben soll , der die Aufgabe hat , mich zu ermorden ! ... Nun wohlan ! Ich will es aufgeben zu forschen - sonst mistrau ' ich jedem , der mich grüßt , jedem , der in die Nähe meines Athems kommt ... Eben war bei Tisch gesprochen worden von einigen Königsmördern , die kurz hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden ... Benno horchte , ob bei allen diesen Schilderungen ein Advocat Clemente Bertinazzi würde genannt werden , der ihm als Mittelpunkt der Verschwörer in Rom bezeichnet worden und - der ihn sogar selbst erwarten durfte ... Er erblaßte , als Cola Rienzi genannt - Rienzi ' s Haus am Tiberstrand geschildert wurde - Bertinazzi wohnte dicht in der Nähe ... Niemand sprach von Bertinazzi ... Benno bedurfte der neuen Anmahnung seiner Mutter , um in dieser peinlichen Lage harmlos und unbefangen zu bleiben ... Nur endlich zu Lucinden zu gehen , beschwor sie ihn ... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen ... Die Schwiegermutter Olympiens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Streit - Lucinde sollte » Farbe halten « , und nicht auf Villa Torresani erscheinen ... Das verlangte die alte Fürstin ... Und die junge verlangte gleiches von ihren Hausgenossen ... Ceccone emancipirte sich ... Das sahen Benno und Thiebold mit Erstaunen - Nach den Diners fuhr Ceccone auf Villa Tibur ... Die Voraussetzung , daß Graf Sarzana dennoch dieser Donna Lucinde in redlichster Absicht den Hof machte , hörte Benno in der That ... Noch hatte er diesen Cavalier nicht gesehen ... Aber die Art , wie in Italien die Ehe geschlossen wird und um ihrer Unauflöslichkeit willen sich mit allen Verirrungen der Leidenschaft vertragen muß , hatte er genug beobachtet ... Lucinde - eine Gräfin ! ... Er konnte sich nicht genug die Wirkung davon in Witoborn , Kocher am Fall und in der Residenz des endlich freigegebenen Kirchenfürsten ausmalen ! ... Thiebold war nicht mehr zurückzuhalten , Lucinden zu besuchen ... Er kam von ihr zurück und hatte sie außerordentlich vornehm gefunden ... Sie gäbe Audienzen wie eine Fürstin ... Sie hätte sich höchst bitter über Benno beklagt , der sie nicht zu begrüßen käme ... Nur die Nähe eines » Conclaves von Prälaten « , darunter Fefelotti , hätte verhindert , daß er sich darüber ganz mit seiner » alten Freundin « ausgesprochen - mit ihr , die ihm den Streit über die Kreuzessplitter als Ursache ihrer gegenwärtigen Anwesenheit in Rom dankte ... Olympia hörte diesen Bericht voll Neid und sagte grimmig lachend : Benissimo ! Die Kammerzofe meiner Schwiegermutter ! ... Sie aber werden sie nicht sehen ... Ich verbiete es ... wandte sie sich zu Benno ... Benno brauchte sich nicht zu verstellen , wenn er seine Geringschätzung Lucindens andeutete ... Da aber mahnte jetzt sogar der Cardinal um den Besuch in Villa Tibur ... Olympia hörte diese Flüsterworte und wollte aufs neue widersprechen ... Benno warf einen einzigen Blick auf sie und sagte : Ich reite morgen hinüber , Eminenz ! ... Die junge Fürstin sah empor zu ihm , wollte bitter schmählen , dann schlich sie still davon ... Welch ein Glück beherrscht zu werden von dem , den man liebt ... Wie gern hätte sie so ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben ... Der Cardinal sah das und verstand alles ... Er lachte dieser demüthig niedergeschlagenen Augen , mit denen sein Kind , erst zornig aufwallend , sich beherrschte und hinter den Säulen des Eßsaals verschwand ... Dergleichen war ihm an Olympien noch nicht vorgekommen ... Am andern Tage fuhr sie dann aber doch mit Thiebold und ihrem Mann nach Rom - eines Modeartikels wegen , sagte sie - Sie schmollte mit Benno ... Als dieser fest blieb und bat , ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten , weinte sie und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus ... Lucinde schien ihr die Einzige , die ihren beiden Freunden gefährlich werden konnte ... Benno durfte hoffen , Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehört , daß auch die alte Fürstin in Rom war , wo sie öfter verweilte als auf dem Lande - Pumpeo ' s wegen - Seine erste Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht ... Lucinde , die Benno in so vielen sich widersprechenden Situationen , in Demuth und Glück , in Verzweiflung und Uebermuth , schön und häßlich , fromm und heuchlerisch , verführerisch und abstoßend gesehen hatte - Sie jetzt auf solcher Höhe ! ... Ihr sich beugen zu müssen , von ihr durchschaut zu werden , sich und seine Mutter abhängig von ihrer Großmuth , von ihrer Selbstbeherrschung zu wissen - wol durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismuth erfüllen ... Er umritt das schon im Abendgold schwimmende Tivoli und suchte dem Bett des Anio von der Seite seines rauschenden Sturzes beizukommen ... Der Lärm des Städtchens oben , die Schrei-Concerte der Esel , das Lachen und Schwatzen des Volks , das Begegnen der Fremden hätten seiner Stimmung wenig entsprochen ... Anfangs mußte er sich vom Rauschen des Wasserfalls in seinen verschiedenen Spaltungen entfernen , dann kam er ihm wieder näher ... Vögel flogen über ihn her , wie aufgeschreckt vom Donnerton der stürzenden Gewässer . Sie flogen zur Linken - Unglücksboten , wie er nach antikem Glauben sich sagen durfte beim Anblick des wohlerhaltenen Vestatempels , der oben auf der Höhe schimmerte , und in Erinnerung an die Sibylle Albunea , die einst hier die Orakel verkündete ... Liegt die Villa Tibur so nahe dem Rauschen des Anio ? sprach er zu sich selbst und gedachte - Armgart ' s , die einst so im Rauschen der Mühlen von Witoborn Ruhe und ihre Aeltern gefunden hatte ... Die schon dunkle Schlucht mit ihren silbernen Schaumterrassen , ihren feuchtkühlen Grotten , ihrem wilden Baum- und Pflanzengewucher blieb zur Rechten ... Villa Tibur lag noch höher in die Berge hinaus ... Nur wie ein fernes Meeresrauschen , immer gleich , immer rastlos , nie endend als nur durch die einstige Zerstörung dieser Felsen beim Weltgericht - so mußte der Sturz vernommen werden in der kleinen Villa , die sich durch Olivenwälder und Bergzacken endlich unterscheiden ließ ... Hoch oben glänzte noch der goldene Sonnenschein , der hier unten im Geklüft schon fehlte ... Die Cypressen an der endlich erreichten Thorpforte standen so ernst , wie nebenan einige Hermen ... Ein Reitknecht in Livree war zunächst zur Hand , der schon ein Roß am Zügel hielt ... Das Roß des Grafen Sarzana ! dachte Benno ... In der That war dieser der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn , sagte er , jeden