nach Alcala und Salamanca als alter bemooster Bursch , in der einen Hand den heiligen Augustinus , in der andern seinen alten Hieber , der ihm noch manche schlimme Händel zuzog und manchen Rückfall in die alte Landsknechtssitte zu verantworten gab . Überall zog der alte lateinische Knabe ein consilium abeundi und wanderte mit ein paar Commilitonen nach Paris , wo er endlich mit den Wissenschaften Ernst machen mußte und in seinen harten , des Denkens ungewohnten Kopf wenigstens so viel Logik und Scholastik hineinbrachte , daß man ihm bei den Jakobinern die Magisterwürde ertheilte . Bei den Jakobinern ? bemerkte der Ritter Rochus künstlich erschreckend . Er war aus seinen Depeschen und Zeitungsnachrichten her gewohnt , mit diesem Namen jede Debatte abzuschließen . Bei den Jakobinern , General ? Schlimme Vorbedeutung ! Ignaz , fuhr aber Voland unbekümmert fort , Ignaz behielt seinen Zweck , einen neuen geistlichen Ritterorden , einen Orden des damaligen Geistes , zu stiften , im Auge , fand jedoch üble Aufnahme bei den bequemen Professoren der Sorbonne , die lieber in Ruhe ihre Pfründen verzehrten und die Ketzer mit Traktaten widerlegen wollten . Man drohte ihm oft mit Ruthenstreichen . Dennoch fand er Anhänger . Nicht viel . Ihrer fünf bis sechs ... Fünf bis sechs ? fuhr fast unwillkürlich Dankmar auf , der gespannt zuhörte und den bekannten Thatsachen , die er von dieser Seite aus sonst nie beurtheilt hatte , ein neues Licht abgewann . Nicht mehr , HerrWildungen ! erzählte der General . Mit diesen wenigen Männern verabredete sich der alte lateinische Haudegen zu einem Bunde , der später so allmächtig wuchs . Sie gingen aus Paris in ein entlegenes Kloster , stiegen dort in unterirdische Kapellen , nahmen das Abendmahl und schwuren , entweder nach Jerusalem zu wallfahrten oder nach Rom , um sich dem heiligen Vater zu Füßen zu werfen und ihre Dienste ihm anzubieten . Sie zogen die kürzere Reise nach Rom vor , bemerkte Rudhard nicht ohne Bitterkeit . Nicht ohne anderswo erst jene Anerkennung zu verdienen , sagte Voland , die sie später in Rom allerdings fanden . Sie gingen nach Venedig und andern Städten Oberitaliens , wo sie predigten , eine Art innerer Mission trieben und von Visionen sprachen , die ihnen geworden wären . Man hat diese Visionen für Lügen erklärt . Ich glaube wohl , daß sich die jungen spanischen und französischen Schwärmer selbst belogen . Aber ich weiß nicht , ob es nicht aufrichtiger , jedenfalls poetischer ist zu sagen : Ich sah die Mutter Gottes und hörte ihre Worte , die mir Ermunterung zusprachen , mich im Dulden stärkten , mich mit der künftigen Märtyrerkrone trösteten , oder , wie dies bei den Freimaurern der Fall ist , mit geheimnißvollem Grauen und eleusinischen Enthüllungen zu locken und das Nichtssagende , oft Triviale in ein Gewand allegorischer Bedeutsamkeit zu hüllen . Das Auge sieht den Himmel offen ! So spricht der Mensch vermöge seiner höhern Inspiration und seiner Ahnung eines großen Jenseits . Aber das Auge sieht einen Vorhang offen , eine Gardine , einen Lappen offen - welche Thorheit ! Diese Äußerung verrieth eine innere glühende Schwärmerei , die sich hinter Kälte und weltmännischer Glätte verbarg . Wie kommen Sie zu dieser Polemik gegen die Freimaurer ? fragte der Ritter Rochus . Die Freimaurer haben sich in jüngster wilder Zeit außerordentlich bewährt ! Und ich fürchte fast , sagte der Wirth , der seine kurzen Beine übereinanderschlug und in einer Sophaecke fast verschwand , Rudhard ist selbst ein Freimaurer ... Ich muß in diesem Falle um Entschuldigung bitten , bemerkte angeregt der General . Ich bewege mich auf diesem ganzen Gebiete religiöser Wirren und Streitfragen nur als Dilettant und Geschichtsfreund . Allein das Kapitel von den geheimen Gesellschaften führt unwillkürlich auf Vergleiche und ich weiß den Orden der Jesuiten mit keiner andern historischen Erscheinung in Analogie zu bringen , als daß ich ihn an die alten geistlichen Ritterorden anknüpfte und endlich andeutete , wie der letzte Versuch , die Templerei wieder in Schwung zu bringen , eben die Freimaurerei ist . Lassen Sie uns alle Ausartungen des Jesuitenordens bei Seite stellen , vergleichen Sie , was dieser Orden , der , als ihn der Papst bestätigte , zehn , sage zehn Mitglieder zählte und was die Freimaurerei bewirkte ? Ich bin , nahm Rudhard jetzt das Wort , kein leidenschaftlicher Maurer . In Rußland sind alle geheimen Gesellschaften verboten und mit Recht . Die Menschheit soll in offner Form leben und ihr Licht da leuchten lassen , wo es die Finsterniß bedarf . Sie hören daraus nochmals , daß ich kein leidenschaftlicher Maurer bin . Aber Sie sind ungerecht , Herr General ! Die Jesuiten hatten in ihrer Art trefflich gewirkt . Der Kreuzzug gegen die Ketzer war mit Blut , Scheiterhaufen , Folterqualen bezeichnet . Ganze Länder fielen in die Nacht des Irrthums , in die Fallstricke Roms zurück . Die Rückbekehrung hat z.B. Böhmen zu einem düstern tückischen Czechenlande gemacht , während es ein freiblickendes , edles Hussitenvolk sein konnte . Der jesuitische Geist pflanzte sich in die Kirchenverbesserung über . Pfaffenthum überall ! Nirgend ein freier Lichtstrahl mehr und keine Tugend außer im christlichen Gewande der Demuth . Da trat die Freimaurerei auf . Sie kam von England , dem Lande der klaren Begriffe . Ich will nicht leugnen , daß sie eine Frucht jenes Freigeistes war , der damals von England sich auf den Kontinent verpflanzte . Man wollte die Lehren von Bolingbroke und Locke zu einer neuen Religion erheben , man fand eine Symbolik , die man von äußern Zufälligkeiten hernahm , von einer Art von Ressource oder Casino und übertrug in ein heitres geselliges Zusammenleben allegorische Wahrheiten . Wir sind in der That an Bruderliebe nicht so gesegnet in unserm Dasein , daß wir nicht eine systematische Beförderung derselben gern begrüßen sollten . Ich verwerfe jeden alten Ursprung der Maurerei . Es ist Thorheit , sie an die Tempelherren anzuknüpfen . Es ist sehr fraglich , ob die Baugilden des Mittelalters irgend etwas mit ihr gemein haben . Allein wenn sie auch nur aus dem veredelten Prinzipe der Geselligkeit entspringt und sich mit affektirtem Ernste spielende Formen gab , die sie selbst bei ihrer ersten Stiftung belächelte und die nur später wie Geheimnisse erfaßt und fortgepflanzt wurden , so hat sie Segensreiches gewirkt . Ich will von den gespendeten Wohlthaten und beförderten Humanitätszwecken nicht reden . Ich will nur darauf hindeuten , was sie in der Geschichte der Kultur und der freien Geistesentwickelung gewesen ist .... Ja , rief Ritter Rochus vom Westen plötzlich wie elektrisirt und von Eifersucht gegen den General angeregt . Ja , ich bin sicher kein Maurer . Aber bester General , die Logik , die gesunde Vernunft hat die Maçonnerie befördert . Sie hat den Menschen als Menschen erfaßt und ihn vom Gängelbande der Konfession und der Vorurtheile der Stände befreien helfen . Sie arbeitete allerdings der französischen Revolution , aber der guten und lobenswerthen Phase ihrer Entwickelung vor . Sie hat das Gemeingefühl der Geister gestärkt , die die Aufklärung fördern wollten und ohne die Unterstützung der Logen allein gestanden hätten und bald verzweifelt wären . Die Logen waren eine Ergänzung der historischen Gesellschaft , wie sie einmal geworden ist und ohne blutigen Umsturz , den wir verabscheuen , nicht geändert werden kann . Sind die größten Geister der Literatur ohne den Zusammenhang mit den Logen zu denken ? Lessing , Herder , Wieland , Goethe waren Logenbrüder . Der hohe Geist , der in ihnen wirkt , pflanzte sich durch die geheime Verbrüderung gleichgestimmter Seelen rascher fort als auf der freien Arena des Marktgewühles , wo die Kritik und der Neid der Schulen ihr Wirken begeiferte ... Der General blickte lächelnd auf den Ritter , in dem sich der alte , vorurtheilslose Gelehrte regte . Alle staunten , Niemand mehr als Dankmar , der , ein einfacher Referendar , so in die Lage kam , einen berühmten Diplomaten einmal frisch von der Leber weg reden zu hören . Man sah die Wirkung der Tafel , der Natürlichkeit des Wirthes . Die Reserve war aufgehoben . Es regte sich in dem Gesandten » wie der Wein im Fasse , wenn die Reben blühen . « Er vergaß , welche Thatsachen er in der Welt zu vertheidigen hatte und welche Grundsätze ihm bezahlt wurden . Dystra hielt es seiner Wirthspflicht für angemessen , den Ernst dieser Unterhaltung , die für Louis und Dankmar grade in den Gegensätzen so spannend war , etwas zu mildern und sagte : Ich versichre Sie , meine Herren , wenn ich den Tempelstein accaparire - ich hoffe , Freund Voland , Sie verwenden Ihren Einfluß , daß mir dies Vorhaben gelingt - so werd ' ich dort weder einen Jesuitensitz noch eine Freimaurerloge etabliren , sondern auf die alten Zeiten zurückkehren und mich an das Sprichwort halten , das Rudhard vorhin erwähnte : Er trinkt wie ein Templer ! Man lächelte ... Diese alten Templer waren viel vernünftigere Personen als Eure Loyoliten und Eure Salomonischen Meister vom Stuhle ! fuhr Dystra fort . Sie liebten die Freude , den Wein , den Gesang , die Weiber ! Sie bauten sich Werbeplätze für den Sarazenenkrieg , exercirten die Mannschaften und blieben zuletzt zu Hause ! Sie wählten sich die besten Aussichten zu ihren Burgen und Abteien . Sie hatten Geschmack für natürliche Veduten . Die Sünden , die sie als Ritter begingen , konnten sie sich als Priester gleich selbst wieder vergeben . Ich finde , daß die Wiederherstellung dieses Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem Tempelstein sein könnte . Ich baue die Ruine aus , trotz Rheinstein und Stolzenfels . Die Erker , Thürmchen , gezackten Mauern behalt ' ich bei . Der Burggarten mit Springbrunnen , die Altanen , Söller , das Alles waren sehr amüsante Ideen des Mittelalters . Nur in dem Burgverließe würde ich vorziehen , meinen Champagner kühl und petillant zu erhalten . Die steinernen Fußböden würd ' ich mit wärmern Parquets vertauschen . Die Öfen würd ' ich mir in neuester Konstruktion ausbitten und vielleicht , um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden , eine Petersburger Luftheizung versuchen . Hinten auf der Abtei mach ' ich eine bequeme Neusiedelei mit englischem Comfort . Eine Bibliothek soll da sein für Sie Alle ! Alle Kirchenväter , alle Streitschriften der Jesuiten ; aber auch alle Werke Voltaire ' s , Hume ' s , Locke ' s und wiederum alle Predigten Bossuet ' s. Ich wette , Freund Voland liest da nicht einmal die Kirchenväter ! Ebensowenig , wie ich Ihnen gestehe , lieber Rochus , daß ich die Maurerreden in den deutschen Klassikern ... immer übersprungen habe . Mit einem ganz natürlichen Instinkt , lieber Dystra , nahm der General den Gegenstand wieder auf . Sie haben wahrscheinlich immer gefühlt , daß diese Maurerreden in der That Dasjenige , was wir an Herder und Goethe bewundern , nicht ausdrücken . Wahrlich , durch diese Reden ist Das nicht hindurchgegangen , was an unsern deutschen Klassikern so groß , so befruchtend war . Ich will nicht von der romantischen Schule sprechen und den Nachdruck darauf legen , daß man sich Tieck , Schlegel , Brentano , Novalis , Schenkendorf nicht als Maurer denken kann . Aber auch Jean Paul , Herder , Goethe ! Jean Paul , der Herrliche , Geistesreiche , trug in Alles seine bedeutsame , kindliche Auslegung hinein . Herder ist nur befruchtend und anregend gewesen in den Bestrebungen , die ihn uns als den Erwecker der verstummten Völkerstimmen zeigen . Goethe vollends als Maurer hat sich im Großkophtha selbst persiflirt , wie er sich im zweiten Theil des Faust als Minister persiflirte . Der große allgewaltige Olympier , den wir in ihm bewundern , hat mit der Loge nichts gemein . Man zeigte mir einmal in Weimar Goethe ' s Schurzfell ; es hat mich nicht erbaut . Ebensowenig , bemerkte Rudhard , wie mich der Franziskanerstrick erbauen würde , den Zacharias Werner in Wien trug . Diese Entgegnungen waren wieder herausfordernd . Der General warf einen scharfen Blick auf den Ritter , der sich inzwischen besonnen zu haben schien und seiner öffentlichen Funktionen eingedenk wurde . Rochus von Westen , der mit Voltaire ' schem Esprit Zacharias Werner ' sche Zeitauffassung vertreten mußte , schwieg ... Sehen Sie , wandte sich Dystra jetzt zu Louis Armand , Das sind die Gegensätze , die uns dies sonderbare Deutschland so verworren erscheinen lassen ! Ich bin durch die halbe Welt gereist , habe die Pyramiden Ägyptens und die heißen Fontainen in Island gesehen , überall streitet man sich , aber nirgends so viel wie in Deutschland und nirgends spukt noch das tolle Ritter-und Mönchswesen wie bei uns , während unsre ganze Tournierfähigkeit jetzt kaum noch darin besteht , daß wir im Lesekasino ... wissen Sie , Rochus , worin wir uns im Kasino als die letzten Ritter erscheinen müssen ? Man horchte gespannt ... Unser letztes Ritterthum besteht in dem Rest der Kunst des Ringelstechens , vermöge dessen wir die Journale , die wir gelesen haben , wieder an die Haken hängen , von wo wir sie herabgenommen . Meine Ahnen können nicht künstlicher in den Karroussels nach dem Ring gestochen haben , wie ich jedesmal angeln muß , um die Times wieder an ihren Riegel Nr. l zu hängen . Während man diesem Einfall applaudirte , fragte Dystra Louis : Sie sind aus Lyon gebürtig ? Aus Lyon , mein Herr ! Sie sprechen vortrefflich deutsch . Es ist die Sprache meiner nächsten Verwandten . Louis litt unter der Vorstellung , daß Otto von Dystra vielleicht nicht wußte , daß er die Ehre seiner Einladung einem in der Gesellschaft so tiefstehenden Arbeiter hatte zu Theil werden lassen . Rudhard , Dankmar , selbst Voland fürchteten dieselbe Aufklärung . Sie wußten wohl , daß Dystra keine Vorurtheile hegte , dennoch würde er seiner Gäste wegen sich vielleicht betroffen gezeigt haben . Deshalb ergriff Dankmar sogleich das Wort und lenkte das Gespräch auf Egon , den Beschützer Armand ' s , hinüber . Als dieser Name ausgesprochen wurde , wandte General Voland seine durchdringenden Augen zu Dankmar und hörte mit Spannung , was über den jetzt die Geschicke des Landes lenkenden jungen Fürsten würde gesprochen werden . Rudhard ertheilte aber dem neuen Premierminister sogleich die entschiedensten Lobsprüche . Er besitze ganz jene zähe Ausdauer , sagte er , ohne welche man jetzt nicht Politik treiben könne . Er hätte der Hydra der Revolution auf den Nacken getreten , er werde es bändigen , das Ungethüm , das in seinen Verheißungen die Sprache der Engel rede , in Wahrheit aber eine blutige Wolfsnatur wäre . O wie stimmten die beiden vornehmen Gäste bei ! Wie überschüttete man Rudhard mit Dank , mit Bewunderung ! Aber gerade in dem Übermaaß lag der Mangel an Aufrichtigkeit ... Man stockte sogleich . Man ließ Rudhard reden , preisen . Man schwieg , bis General Voland zu Louis sagte : In Lyon machten Sie des Fürsten Bekanntschaft ? Wie schön dies Lyon ! Wie eigenthümliche historische Luft weht in jenen südlichen Abdachungen , die von da mit den großen Strömen sich zum Meere hinuntersenken ! Lyon ist eine der ältesten Städte Frankreichs . Der Zusammenfluß der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein gefälliges Schauspiel . Noch sind hier die Überbleibsel der alten römischen Niederlassungen sichtbar . Mancher römische Kaiser hat in Lyon gewohnt , manches christliche Märtyrerblut ist dort geflossen , wofür denn freilich diese Stadt die Ehre genießt , von sich rühmen zu dürfen , daß sie die erste christliche Kirche Galliens aufzuweisen hat . Ich kenne nur zwei Empfindungen , die mich bei Wanderungen und Reisen ganz erfüllen können . Die eine ist Die : historische Luft zu athmen . Wo genösse man diese Wonne in größeren Zügen als im Süden Europas ? Wie ich in Lyon war , sah ich Königreiche vor mir wieder neu erstehen , die nun mit dem Schutt der Vergessenheit bedeckt sind . Ich sah das Arelatische Reich , das hier blühte , ich sah Burgund , dessen Kraft an den Morgensternen der Schweizer bei Murten zersplitterte - 1476 - Wie weht da ein Geist der Kraft , der Auferstehung , der Verjüngung ! Wie sieht das Auge reisige Geschwader herniederkommen von den Bergen und Alles drängt sich dem Mittelpunkte der großen Weltbegebenheiten zu , dem Mittelländischen Meere , um das herum doch eigentlich allein nur wahre Geschichte gemacht wird ! Das zweite nicht minder erhabene Gefühl hab ' ich beim Anblick jener Uranfänge des Christenthums , die uns aus alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten . Die großen Münster , die aus der Blütezeit der Kirche herrühren , machen mir lange nicht den Eindruck , als wenn ich jene kleinen , oft ganz versteckt liegenden , niedrigen Kapellen und Kirchen mit Kreuzgängen sehe , die noch fast das Ansehn alter Kastelle haben und sozusagen die cyklopische Zeit der Kirchenbaukunst bedeuten . So empfand ich in Mailand bei jener entlegenen Kirche , die einst der heilige Ambrosius vor dem Kaiser Theodosius schloß und ihm nicht gestattete , früher den heiligen Boden zu betreten , ehe er sich nicht von dem in Thessalonich vergossenen Märtyrerblute gesühnt hatte . Wie jung war damals die Christuslehre ! Wie neu und frisch der Eindruck einer Begebenheit , die in die alte erstorbene Welt der Heiden wie ein junges Reis hinein sich rankte und bald lebenskräftig die ganze gebildete Welt der Erde mit grünem Laube umzog ! Auch in Pavia , Genua , vor allen Städten aber in Rom folgt man mit Wonneschauern diesen allerersten Fußtapfen der Kirche und kann sich mit etwas Phantasie aus schwarzen , niedrigen , byzantinisch gerundeten Bauten die ganze Vergangenheit zusammensetzen , die wir kaum kennen würden , wenn nicht irgendwo doch ein sinniger Mönch in einem Kloster die Erzählungen durchreisender Pilger als Schreib- und Stylübung verzeichnet hätte . Wahrlich , fiel Otto von Dystra , des Ritters ironisches Niederblicken bemerkend , lachend ein , ich muß sagen , Voland , Ihre poetische Spürkraft hat sich merkwürdig ausgebildet . Für einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge aller Ehren werth ! Aber es ist wahr , Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem Druck der rationellen Erziehung Fellenberg ' s und sehnten sich zu jenen jungen Fürsten und Grafen hin , die in Freiburg erzogen wurden ... Das nicht , Dystra , sagte der General , der auch im Pädagogischen sattelfest war . Aber ich fand früh heraus , daß Fellenberg uns Alle täuschte . Fellenberg gab sich die Miene , zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenansprüchen der Gesellschaft hindurchsegeln zu können und wollte gleichsam Jeden für seinen von dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen . Ich will nicht sagen , daß ich schon damals die Einsicht besaß , diesen Widerspruch zu durchschauen , aber ich fand , daß die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit , mit mehr Gleichheit in besserem Sinne erziehen . Sie stellten die Stände gleich und gaben dem Fürstensohne , wie dem künftigen Priester dieselbe Erziehung ... Das ist ja grade das Gewagte , Herr General , erlaubte sich Dankmar dem in allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken . Wir erhalten aus jener Gegend her Priester , die wie Fürsten regieren wollen und Fürsten , die wie Pfaffen denken ... Sehr wahr , sehr wahr , bemerkte Dystra . Schelten Sie mir nur unsern alten Fellenberg nicht , Voland ! Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren Appetit keine Ehre ! Sie scheinen von Nichts zu leben . Sie lassen mir jede gute Schüssel , jedes Glas aus Küche und Keller der » Stadt Rom « vorübergehen . Die alten Mönche tranken Wein , wenn sie auch noch so fromm waren . Otto von Dystra war völlig unbekannt damit , daß der General der Mann der Fabel hieß . Er verstand des Ritters halb verlegenes , halb schadenfrohes Lächeln nicht , verstand nichts von der eigenthümlichen Ruhe , mit der Dankmar seine Cigarre rauchte und gewissermaßen Louis Armand ermunterte , nur auszuharren und sich nicht einschüchtern zu lassen . Er ahnte nicht , daß Ritter Rochus vom Westen , médisant , anekdotenhaschend , negativ wie er war , sich auf die Lippen biß , um die Bemerkung zu unterdrücken : Wissen Sie denn nicht , daß General Voland in dem Rufe steht , wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu genießen und nur von einem himmlischen Manna zu leben , das er zuweilen aus einer in seiner Uniform verborgenen Dose nimmt ? Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelüst , diesen Gedanken auszusprechen und fragte den Baron , wie lange er in Europa bleiben würde und ob er nicht Kalifornien gesehen hätte ? Kalifornien war dem General so gleichgültig , wie z.B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand . Aber dem Ritter Rochus war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes . Otto von Dystra sprach von dem Versuche , in Deutschland zu leben , wenn er hoffen dürfte , sein Vermögen aus Rußland herauszuziehen und gewisse Familienfragen auf deutschem Boden zu lösen . Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren bemerken und fand bei den hochgestellten Herren , die sich zum Gehen rüsteten , eine Beistimmung , die ihn überraschte . Rudhard aber nahm Veranlassung , wiederum die strenge , gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den unromantischen , aber beglückenden Absolutismus zu preisen . Die Diplomaten nickten , suchten nun aber doch davonzukommen . Eben im Begriff , die Hüte zu ergreifen und sich zu empfehlen , hörte man draußen auf der Straße plötzlichen Lärm . Man stutzte . Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgänge lenken wollen , die sie in den Straßen beobachteten . Erst ein Murmeln , dann ein Sausen , immer hörbarer anwachsend und an den Häusern des Platzes , an welchem die Stadt Rom gelegen war , widerhallend . Ein Rauschen und Brausen . Das Getümmel wuchs . Man hörte rufen , man hörte schreien , die Gesellschaft , statt sich aufzulösen , eilte an die Fenster . Der Platz wimmelte von Menschen ... Was ist Das ? Man drängt sich an jenes Haus - Ein Auflauf - Wer wohnt dort ? Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgängen unterrichtet . Sie sagten , dort an dem umstandenen Hause pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu halten . Ihr Verein wäre heute aufgehoben , weil man wieder drohende Reden gehalten . Die Polizei überwache die Sitzungen und schlösse sie jedesmal , wenn etwas Anstößiges gesprochen würde . Heute hätte man nicht auseinandergehen wollen ... Indem kam schon eine Kolonne Militair und trieb erst die neugierigen Massen auseinander , dann rückte sie auf das Haus selbst zu . Die Agenten der Polizei waren in voller Thätigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die Übersicht gestattete , sah man , daß unter Geschrei , Pfeifen , Lärmen , zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden ... Das ist so schon das dritte Mal ! berichtete der Bediente und Voland sagte mit einem eignen sardonischen Lächeln : Man gewöhnt sich an dies Chaos . Es stört Niemanden mehr in seiner Abendruhe . Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte . Er hatte in einem solchen Sturm vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren . Er wußte an Beispielen , daß man dabei auch sein Leben verlieren konnte , trotz der Privatverehrung von Voltaire und Bolingbroke . Abscheulich , sagte Dystra , einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich selber zu wissen ! Hören Sie nur das Pfeifen , dies Höhnen , das Zertrümmern der Fensterscheiben ! Die Trommel wirbelt . Es kann nicht lange währen , so hört man eine Salve und wir sehen Todte und Verwundete ... Ritter Rochus gerieth außer sich . Meinen Sie ? rief er und trippelte hin und her ... Das ist modernes Staatsleben ! sagte Voland fast triumphirend . Im Mittelalter war es nicht besser ! rief Rochus ärgerlich - Ehe man Macchiavelli kannte ! warf Rudhard dazwischen . Allerdings , sagte Voland , den Militairmantel überwerfend , allerdings in kleinen Staaten . Man hat gezählt , daß in Pisa allein vom Jahre 132O bis 152O über dreihundert Aufstände vorgekommen sind ... Ha ! schrie Ritter Rochus . Es trommelt ! Eine Salve krachte . Verzweiflungsruf , eine allgemeine rasende Flucht . Der Platz leer . Ein paar Verwundete , ein Todter , den man der Polizei übergab . Die Ruhe schien auf dem Platze hergestellt . Exaltirte Köpfe rannten durch die Straßen und riefen : Waffen ! Die Thoren ! sagte Dankmar . Waffen ! Sie wissen nicht , was Das für ein Anachronismus ist ! Die Zeit der panischen Begeisterung und die der panischen Furcht ist auf lange vorüber . Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft , wo sich die Demokratie einbildet , mit dem alten Apparate , Waffen und Barrikaden , noch kämpfen zu können ... Und ist es nicht ein Glück , daß sie an Kraft gewinnen ? sagte Rudhard streng . Mein Bester ! Die Ruhe der Welt dankt Ihnen für Ihren Zögling ! rief der Ritter Rochus und schüttelte Rudhard ' s Hand . Das Ministerium Hohenberg bezeichnet eine Epoche der Geschichte . Nur Ruhe ! Wie würden Sie diese Verwirrung lösen , General ? sagte Dystra , indem er einen schwachen Versuch machte , seine Gäste wieder zum Sitzen zu bringen - Sie stehen über dem Momente , Sie haben die Jahrhunderte vor Augen , was erwarten Sie von dieser Zeit ? Eine Droschke ! rief der Ritter , wenn mein Wagen nicht da ist ! Die Bedienten sagten , er wäre in ' s Thor des Hotels gefahren , weil man draußen Barrikaden fürchtete ... Jetzt wäre alle Gefahr vorüber . O sehr gut ! Sehr gut ! Guten Abend , Baron ! Dankmar und Louis , obgleich im höchsten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor dem Wirthshause , wo sich der Maschinenarbeiterverein versammelte , ängstlich ohnedies um die Verwundeten und den Todten , horchten gespannt , was der General antworten würde , allein dieser lehnte freundlichst ein längeres Bleiben ab . Er berief sich auf seine gemessene Zeit , seine Berufspflichten , seine besetzten Abende . Sein Abschied , sein Dank für die Bewirthung war einfach und wohlwollend . Er sagte Dankmarn und Louis gleich Verbindliches , bewahrte aber bei aller Freundlichkeit einen so eigenthümlichen Ernst , daß man unwillkürlich staunend hinter ihm hersagen mußte : Er sagt fast Alles , was er weiß und von Dem , was er nicht weiß , muß man doch noch glauben , daß er es nur verschweige ! Der General schloß sich dem Ritter an . Rudhard , der das Anliegen Louis ' und Dankmar ' s bei Dystra nicht stören wollte , ging mit den Worten : Baron , Sie sind ein Neuling in Europa ! Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum wieder erkannt haben . Dystra lachte und sagte : Der General hätte Priester werden sollen . Ich sagte es ihm schon bei Fellenberg . Wer weiß , ob er es nicht ist ! meinte Rudhard . Rußland hat ganz Recht , daß es die Freimaurer und die Jesuiten verbannt . Ich möchte dem General Voland nicht das Schicksal dieses Staates anvertraut wissen und finde es ganz in der Ordnung , daß Egon vor einem Manne , der sich des Wirrwarrs zu freuen scheint , auf der Hut ist . Es ist kein Jesuit , eher ist es Ritter Rochus , der die Jesuiten bestreitet , sagte Dystra . Glauben Sie mir ! Ich fange an , Europa zu begreifen ! Mein alter Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom Geiste ; er ißt nicht , er trinkt nicht . Dieser Mann scheint eine Abstraction geworden zu sein . Aber ich wette , daß er eben einige Beafsteaks gegessen hatte , ehe er zu mir kam . Jetzt geht er schlafen und um zehn Uhr ist er bei Hofe , um bis ein Uhr nach Mitternacht mit dem Könige Gold zu kochen . Mein alter Freund aus Athen und Stambul , der Ritter Rochus , fährt jetzt nach Hause und chiffrirt unsre ganze Unterhaltung nach seiner Hauptstadt , wo sie nicht die Minister , wohl aber deren Frauen allenfalls interessiren könnte . Rudhard ging mit einigen Fragen nach Siegbert kopfschüttelnd . Dystra , aufhorchend wegen Olga ' s , doch sich zurückhaltend , begleitete ihn ... Als der Baron zurückkehrte , zog er Louis und Dankmar zu sich auf das Sopha nieder und hörte nun von ihnen mit Erstaunen , daß jener Murray , von dem ihm schon Mangold so Sonderbares erzählt hatte , der ihm wohlbekannte Morton aus New-York war . Er hielt Morton für verschollen , für todt . Er erklärte sich mit Freuden bereit , seine Bemühungen mit denen der Freunde zu verbinden , um Murray , dessen deutscher Ursprung ihm kein Geheimniß war , aus einer so gefährlichen Lage und jedenfalls einem , wie es ihm vorkam , vorgefaßten Misverständnisse über seine Person zu erlösen . Er erklärte sich bereit , jede nur irgend verlangte Caution zu hinterlegen , damit Murray auf freien Fuß gestellt würde . Die Verabredung , morgen in der Frühe gemeinschaftlich auf das Profoßamt zu gehen und sich für den Gefangenen zu verbürgen , war ihm ganz genehm . Er trennte sich von seinen neuen Bekannten mit der Bitte , ihm ferner ihr Vertrauen zu schenken und ihm zu gestatten , ihre Zeit zuweilen in Anspruch zu nehmen . Dankmar fand an dem offnen , gentlemännlichen Benehmen des von der Natur vernachlässigten und doch durchaus nicht ungefälligen Barons große Freude und schlug in die dargebotene Rechte herzlich ein . Louis aber zog seine Hand zurück und sagte , um endlich ein ihn peinigendes Gefühl los zu werden , in französischer Sprache