Gesandten unterhalten haben sollte . Sie wissen davon , mein teurer und hochgeehrter Herr Vater , indem ich mich entsinne , gerad ' über diesen Punkt ausführlicher an Sie geschrieben zu haben . Es war dies um die Zeit , als ich von Ostfriesland nach Rheinsberg zurückkehrte . Was ich hier am Hofe des Prinzen sah , empörte mich ; ich machte mich also zum Verteidiger der unglücklichen Frau , sprach für sie , riet ihr , und erregte dadurch jene Zorn- und Wutausbrüche , die , wie Sie sich gütigst erinnern wollen , erst zur gewaltsamen Wegnahme der Papiere , dann aber zu dem Fürstenberger Überfall und dem Baruther Renkontre führten . Ein Gutes nur begleitete diese Vorgänge : die Scheidung wurde eingeleitet . Und hier , mein teurer hochgeehrter Herr Vater , bitte ich nunmehr etwas ausführlicher werden zu dürfen , weil ich in allem Folgenden nicht mehr bloß zu rekapitulieren , sondern auch Neues zu sagen haben werde . Der erste Schritt war , daß man die junge Frau dem Gedanken einer Scheidung zugänglich zu machen suchte . Dies hielt bei den Gefühlen , die sie hegte , nicht schwer , und alles , was sie forderte , lief darauf hinaus , daß nicht eine Schuld ihrerseits , sondern einfach eine gegenseitige unüberwindliche Abneigung als Grund der Trennung angegeben werden möge , was ihr denn auch bewilligt wurde . Bald danach aber erschrak sie heftig , als sie den beigebrachten Motiven entnehmen mußte , daß nicht » unüberwindliche Abneigung « , sondern ein unerlaubter Briefwechsel die Scheidungsklage veranlaßt habe . Die junge Frau , wie sich denken läßt , wollte gegen diese Perfidie protestieren , indessen ihr nebenher auch noch im Solde der Gegenpartei stehender Anwalt gab ihr zu verstehen , daß es mit der » unüberwindlichen Abneigung « immer ein mißliches Ding sei , jedenfalls aber zeitraubend , und daß es kein besseres Mittel für sie gäbe , die Scheidung rasch durchzusetzen , als das Zugeständnis , einen solchen unerlaubten Briefwechsel geführt zu haben . Übrigens würde ihr aus diesem Zugeständnis kein weiterer Schaden erwachsen ; es handle sich einfach um Anerkennung der Tatsache . So , halb beschwatzt und halb in die Enge getrieben , gab die geängstigte , freilich zugleich auch von einem äußersten Verlangen nach Scheidung erfüllte Frau nach , nachdem man ihr noch die Zusatzworte zugestanden hatte , daß sie sich , infolge von Eifersüchteleien ihres Gatten und eines jeden anderen Verkehrs beraubt , in gewissem Sinne gezwungen gesehen habe , mit befreundeten Personen wenigstens eine Korrespondenz zu führen . Ob dieser ihr zugebilligte Satz in der Folge wirklich aufgenommen worden ist , habe ich nicht in Erfahrung bringen können , und nur Eines , mein teurer und hochgeehrter Herr Vater , möge hier noch stehen , um Ihnen die schändliche List zu zeigen , mit der von seiten Elliots und seiner schwiegermütterlichen Komplicin in dieser Angelegenheit verfahren wurde . Das einzige Schuldobjekt , wenn denn schon von einem solchen die Rede sein soll , war die Korrespondenz . Aber wie stand es mit dieser ? Es waren einfache Briefe , wie sie zwischen Freunden und Bekannten gewechselt zu werden pflegen , und die wenigen , aus denen vielleicht etwas in gesetzlichem Sinne Straffälliges hergeleitet werden konnte , waren ununterzeichnet . In der Tat , niemand mehr als Elliot selbst , war von der au fond absoluten Bedeutungslosigkeit dieses angeblichen Schuldmaterials überzeugt . Aber was demselben an wirklicher Schuld fehlte , damit mußt ' es künstlich ausgestattet werden , und so trug denn Elliot eine beständige Sorge , daß die sogenannte » Schuldkorrespondenz « immer nur als ein mit vielen Gerichtssiegeln ausgestattetes Riesenkonvolut erschien , auf dessen Öffnung und Befragung er » aus Anstandsgefühl und zarter Rücksicht gegen seine Frau « zu verzichten vorgab . In Wahrheit aber lag es so , daß das geöffnete Konvolut gar nichts bewiesen haben würde , während es mit seinen sieben Siegeln ein großes Geheimnis darstellte , das zu lüften und zur Kenntnis von aller Welt zu bringen , im Interesse der Gesellschaft und der Sittlichkeit am besten unterbliebe . Sie haben hierin ein Musterbeispiel , wie verschlagen man verfuhr . Und das alles um nichts weiter , als um ein paar Dutzend Briefe willen , in denen ich eine gequälte Frau gewarnt und ihr zur Bekämpfung ihrer Gegner ein paar Ratschläge gegeben hatte . Ja , das war alles . Und doch muß ich in diesem Augenblicke selber ausrufen : oh , diese leidige Korrespondenz ! Denn so wenig sie nach der Seite wirklicher Schuld hin bedeutet , so viel bedeutet sie gesetzlich und leider auch praktisch . Ausschließlich auf diese zugestandene Korrespondenz hin , heißt es jetzt in dem Scheidungsurteil : » daß sich die gesetzlich Geschiedene ohne vorgängigen Dispens nicht wieder verheiraten dürfe « , eine Klausel , die hundert Ungelegenheiten im Gefolge hat . Allerlei Schritte sind freilich schon geschehen und geschehen noch , um diese Klausel aus dem Urteile herauszuschaffen , aber vergeblich , vergeblich wenigstens bis zu diesem Zeitpunkte , wobei gesagt werden muß , daß diese Schritte sehr wahrscheinlich einem geringeren Widerstande begegnet sein würden , wenn sich die durch Madame de Verelst inszenierte Familienkabale nicht bis in die Gerichtshöfe hinein fortsetzte . Was zur Partei dieser Dame gehört , hat ein für allemal einen Trumpf darauf gesetzt , mich wenigstens in meinen Plänen und Wünschen scheitern zu sehen , in Plänen und Wünschen , die man darauf zurückführt ( ich darf sagen törichterweise ) , daß mir mehr an dem Besitz einer großen Erbschaft , als an dem Besitz einer schönen und liebenswürdigen Frau gelegen sei . Jeder beurteilt eben andere nach sich selbst und sucht hinter der Tür , hinter der er selber gestanden . Erbschaft ! Ich weiß nicht , ob ich Ihnen früher schon über diesen Erbschaftspunkt geschrieben habe , fast bezweifl ' ich es . So gestatten Sie mir denn einige kurze Notizen , die vielleicht ein Interesse für Sie haben werden . Das Erbe , um das es sich in den Hoffnungen und Befürchtungen so vieler Personen handelt , ist die sogenannte Löwenbergsche Herrschaft , ein Komplex von Gütern , unter denen Löwenberg und Hoppenrade die bedeutendsten sind . Nun , diese Löwenbergsche Herrschaft ist zur Zeit ein Bredowscher Besitz und wurde durch den verstorbenen Propst von Bredow , insonderheit aber durch das Vermögen der reichen Gemahlin desselben , einer Schwester des Hofmarschalls von Kraut , erworben . Sie ersehen hieraus unschwer , auf welche Verwandtschaftsgrade hin , das Erbe von seiten der Tochter des Hofmarschalls einst angetreten wird . Ich bitte jedoch , dieser allgemeinen Notiz auch noch einiges Besonderes hinzufügen zu dürfen , um Sie , hochgeehrter Herr Vater , bestimmter in dieser Sache sehen zu lassen . Aus der Ehe des dompröpstlich Bredowschen Paares wurden im ersten Viertel dieses Jahrhunderts zwei Söhne geboren , unter die sich , unter gewöhnlichen Verhältnissen , der große Besitz geteilt haben würde . Beide Brüder indes fielen in Krankheit , ihre Krankheit wurde Geistesgestörtheit , und als die Dompröpstin ( ihr Gatte war vor ihr gestorben ) in die Jahre gekommen und ihres Ablebens gewärtig war , sah sie sich gezwungen , mit der Tatsache zweier erbunfähiger Söhne zu rechnen und über die Köpfe dieser Söhne hinweg in betreff ihres Vermögens zu testieren . In der Tat fand sich beim Tode der Dompröpstin ein Testament vor , in dem es der Hauptsache nach hieß , » daß bei Lebzeiten ihrer zwei geistesgestörten Söhne die Löwenberger Herrschaft unter bestimmten Modalitäten verwaltet , nach dem Hinscheiden dieser zwei Söhne jedoch der gesamte Besitz an ihren Bruder , den Hofmarschall von Kraut , eventuell an die Deszendenz eben dieses Bruders übergehen solle . « Die Deszendenz dieses Bruders aber , wie schon vorstehend hervorgehoben , ist das ehemalige Fräulein Charlotte von Kraut , geschiedene Frau von Elliot , seit 1. Oktober vorigen Jahres mir in heimlicher Ehe vermählt . Im übrigen bleibt es zweifelhaft , ob die » Krautentochter « , wie sie der Volksmund zu nennen pflegt , das Erbe , das so viel von sich reden macht , antreten und , wenn antreten , auch behaupten wird . In diesem Augenblicke nämlich leben noch die beiden geistesgestörten Söhne der Dompröpstin und vertagen durch ihr einfaches Noch-am-Leben-sein den Austrag einer komplizierten Erbschaftsfrage ; von dem Moment an aber , wo der Tod derselben erfolgen und das zugunsten der Familie Kraut abgefaßte Testament in Kraft treten wird , wird aller Wahrscheinlichkeit nach gegen dies Testament ein Protest erhoben und die Rechtsgültigkeit desselben , ich lasse dahin gestellt sein , ob mit Grund oder Ungrund , von seiten der Bredowschen Familie bestritten werden . Über diese diffizilen Punkte jedoch will ich mich heute nicht weiter verbreiten . Dazu wird Gelegenheit sein , wenn jener Zeitpunkt eingetreten sein wird , von dem ich kaum weiß , ob ich ihn mehr wünschen oder fürchten soll . Nur über den Wert dieses Erbes , dessen Einkünfte , laut Testament , schon jetzt zu weitaus größezem Teile der Krautschen Erbtochter , als meiner mir heimlich angetrauten Gemahlin , zufließen , bitte ich noch einiges sagen zu dürfen . Der Wirtschaftsertrag erreicht etwa die Höhe von 10000 Taler , in welche Summe die Forsterträge mit eingerechnet sind . Meine Gemahlin , in ihrer Erbtochter-Eigenschaft , genießt außerdem das Wohnungsrecht in Hoppenrade , sowie das Recht einer freien Wohnung im Bredowschen Hause zu Berlin . Es muß dabei bemerkt werden , daß die gegenwärtige Kuratorenwirtschaft eine Räuberwirtschaft ist , und daß sich die zur Zeit verhältnismäßig geringen Erträge bei selbständiger und besserer Administration leicht verdoppeln lassen werden . Hier , mein teurer und hochverehrter Vater , haben Sie , soweit meine Kenntnis und Einsicht reicht , ein Bild der Lage . Lassen Sie mich hinzufügen , daß ich begründete Hoffnung habe , den eingangs erwähnten königlichen Dispens , aller Widersacherei zum Trotz , über kurz oder lang eintreffen zu sehen . 28 Ich sehne mich danach , weil ich dieser Heimlichkeiten müde bin , und ein herzliches Verlangen trage , die , die vor dem Altar meine Fraue wurde , auch vor der Welt als solche präsentieren zu können . Und nun noch Eines . Ich habe vorstehend mehrfach auf die Tatsache meiner heimlichen und sogar bloß versuchsweise abgeschlossenen Ehe hingewiesen . Erlauben Sie mir , daß ich Ihnen auch darüber noch ein Wort sage . Sie werden mir glauben , daß ich für das Sonderbare darin ein volles Gefühl habe , ja mir bewußt bin , das Lächeln der Welt dadurch herausgefordert zu haben . Eine Verheiratung » auf Probe « hat etwas Ridiküles . Aber trotz dieser klaren Einsicht erschien mir eine solche Vorsicht geboten . Wie lag es zwischen uns ? Frau von Elliot und ich hatten zwar viel miteinander verhandelt , aber wir kannten uns eigentlich wenig . Ich fragte mich nach dem Charakter der Frau , deren Berater und Beschützer ich gewesen , und hatte keine rechte Antwort darauf . War sie gut und edel oder war sie ' s nicht ? Sie zeigte mir eine große Neigung und Anhänglichkeit , und was mehr war , eine mich geradezu rührende Bescheidenheit in bezug auf alles das , was ihr , ihrem eignen Zugeständnisse nach , noch fehle ; nichtsdestoweniger blieb ich in Zweifel , ob nicht der Einfluß der Mutter und vor allem das mehrjährige Zusammenleben mit einem eitlen , oberflächlichen und total depravierten Narren ihr ein für allemal eine Richtung auf das Niedere hin gegeben habe . Brauch ' ich Ihnen zu versichern , mein teurer und hochgeehrter Herr Vater , daß ich in meinem Herzen alle diese Zweifel mit einem » nein « beantwortete . Dennoch fehlte mir Gewißheit , Gewißheit , die mir so nötig erschien , und so kamen wir denn beiderseits überein , unsere Verheiratung nicht bloß eine heimliche , sondern zugleich auch eine bloße Versuchsehe sein zu lassen . Es wurde stipuliert , daß wir , wenn wir nach einer bestimmten Zeit den Versuch als gescheitert betrachten müßten , in aller Stille wiederum uns trennen wollten , ein Weg , der um so leichter zu beschreiten sei , als den Gerichten nicht obliegen könne , Verträge wieder aufzuheben , die die Zustimmung der Landesgesetze noch gar nicht empfangen hätten . Dieser Art war das Übereinkommen , das wir unmittelbar nach unserer Trauung trafen . Die Zeit , die seitdem vergangen ist , hat mich in meiner Liebe bestärkt und als endliches Resultat ergeben , daß ich Sie hiermit , mein teurer und hochverehrter Herr Vater , um Ihre Zustimmung und Ihren Segen bitte . Sie werden mit Ihrer Schwiegertochter zufrieden sein ; ebenso werden meine Brüder und Schwägerinnen sie des Namens nicht unwürdig finden , den sie nun führen soll . Dessen bin ich sicher . Sie hat übrigens selber schreiben wollen , und wenn es geschehen sollte , so bitt ' ich ihrem Briefe mit Ihrer stets bewiesenen Nachsicht und Güte zu begegnen . Unterdessen nehmen Sie die Versicherung meiner tiefsten Ehrerbietung , mit der ich bin Ihr ganz ergebener und gehorsamer Sohn George . 9. Kapitel 9. Kapitel Die Krautentochter , nunmehr Baronin Knyphausen , reist nach Lützburg . Es wird ein Sohn geboren . Baron Knyphausen wird krank und stirbt Am 30. Juni 1783 hatte die mehrerwähnte Scheidung von Mr. Elliot , am 1. Oktober desselben Jahres die heimliche Trauung mit Baron Knyphausen zu Rosenthal in Sachsen und am 25. April 1784 unter Vorzeigung einer inzwischen eingetroffenen königlichen Dispensation die öffentliche Trauung mit letztgenanntem Baron Knyphausen stattgefunden . Unsere Krautentochter war nun also Baronin Knyphausen . Im Mai oder Juni wurde dem zweimal getrauten Paar ein Sohn geboren , Karl Wilhelm Tido , und abermals zwei Monate später erfolgte die seit lange geplante Reise nach Ostfriesland , um daselbst die junge Schwiegertochter dem alten Freiherrn und der gesamten Verwandtschaft vorzustellen . Alles , was voraufgegangen war , konnte sie dem in strenger Zucht und Sitte stehenden Hause nicht sonderlich empfohlen haben , demungeachtet würde sie bei den vielen Vorzügen , über die sie Verfügung hatte , die Herzen aller , insonderheit aber das des alten Freiherrn unschwer gewonnen haben , wenn dieser nicht , als man eintraf , ein bereits bedenklich Kranker gewesen wäre . Sein Zustand verschlimmerte sich rasch , und vor Ablauf der dritten Woche starb er . Das waren denn nun freilich nicht Zeiten , um durch Schönheit und Liebenswürdigkeit alte Schulden quitt zu machen . Alles kleidete sich in Trauer , und als der Ernst der Begräbnistage vorüber war , war er nur vorüber , um dem noch größeren Ernst erbschaftlicher Verhandlungen Platz zu machen . Es gab dabei die herkömmlichen Verstimmungen , ein Plus von Anspruch und ein Minus von Gewährungslust , was aber all diesen Verstimmungen erst die rechte Schärfe gab , war einfach ein Resultat der eigentümlich veränderten Situation , in der man sich durch den Todesfall des Vaters befand . Als ein Besuch , der um Nachsicht zu bitten hatte , war die schöne junge Schwägerin ins Haus gekommen , und eben diese Schwägerin , die gestern noch beflissen war , allerlei kleine Huldigungen darzubringen , eben diese war über Nacht in ihrer Eigenschaft als Gattin des ältesten Sohnes und nunmehrigen Chefs des Hauses in die vordere Linie gerückt , war eine Respektsperson geworden , und nicht mehr dazu da , Huldigungen darzubringen , sondern umgekehrt entgegenzunehmen . Es scheint auch nicht , daß dieselben verweigert wurden , im Gegenteil , aber die diese Besuchstage besprechenden Aufzeichnungen der Lützburger Chronik lassen doch so viel erkennen , daß unsere Krautentochter schließlich nicht unfroh war , aus Ostfriesland scheiden zu können , und daß die Schwäger und Schwägerinnen noch weniger unfroh waren , sie scheiden zu sehen . Im Oktober 1784 war das junge Paar wieder in der Mark zurück und teilte nun während der nächsten zwei , drei Jahre den Aufenthalt zwischen Berlin und Hoppenrade . In Berlin bewohnte man das auf der Jägerbrücke gelegene Bredowsche Haus , in welchem auch im Herbste 1785 eine Tochter geboren wurde : Sophie Oranie Konstanze Friederike . Das Verhältnis zu der ostfriesischen Verwandtschaft blieb auch bei wiederholten Besuchen dasselbe , will sagen freundlich und förmlich , ohne daß es geglückt wäre , die Freundlichkeit in Herzlichkeit umzuwandeln . Ob ein Glück im eigenen Hause dies aufwog ? Es mag fast bezweifelt werden . Wohl war es eine gegenseitige Neigung gewesen , was sie zusammengeführt hatte , nebenher aber lief eine große Sinnes- und Charakterverschiedenheit : er war reserviert , mit einem Anfluge von Nüchternheit , sie sanguinisch , mit einem Anfluge von Gefallsucht . Das Leben bei Hofe , das ihn degoutierte , hatte für sie nicht bloß Reiz und Zauber , sondern war auch , aller trüben persönlichen Erfahrungen unerachtet , eigentlich das , wonach sie sich sehnte . So waren wohl von Anfang an Differenzpunkte gegeben , aber möglich , daß es nichtsdestoweniger zu Verständnis und Ausgleich auf diesem Gebiete gekommen wäre , wenn nicht ein schweres Leiden , in das der Freiherr verfiel , ihm und alsbald auch seinem Hause jede Lust und Freudigkeit genommen hätte . Schon Ende 1787 traten Anzeichen einer bedenklich komplizierten Krankheit hervor , einer Krankheit , die sich zunächst in Taubheit und heftigen Ohrenschmerzen äußerte . Nach dem Rate der Ärzte wurde Spa versucht , aber erfolglos , und der Patient unterbrach alsbald seine Kur , um auf der Rückreise den berühmten braunschweigischen Leibarzt Ritter von Zimmermann zu konsultieren , der einige Zeit vorher auch an das Sterbebett König Friedrichs II. gerufen worden war . Wie kaum gesagt zu werden braucht , verordnete die konsultierte Berühmtheit das , was in aussichtslosen Fällen immer verordnet zu werden pflegt : » eine Reise nach dem Süden « , und diese Reise sollte denn auch eben begonnen werden , als die Nachricht eintraf , daß der letzte Löwenberger Bredow gestorben und der Augenblick für den Antritt des großen Erbes gekommen sei . Das wog denn freilich so schwer , daß die Reise , nötig oder nicht , vorläufig wenigstens zurücktreten mußte ; dringendste Geschäfte forderten tagtäglich Erledigung , und die Reihe jener Aufregungen und Ärgernisse begann , die von Gutsübernahmen und Erbschaftsauseinandersetzungen unzertrennlich zu sein pflegen , und wovon das , was einige Jahre vorher in Lützburg gespielt hatte , nur ein Vorgeschmack gewesen war . Endlich aber war alles geregelt , und der jetzt im Besitz einer großen Doppelherrschaft , einer ostfriesischen und einer märkischen , stehende Freiherr hätte sich füglich auf der Höhe des Lebens fühlen müssen . Aber er stand nur angesichts des Todes , und als es das Jahr darauf , im Sommer 1789 , kein Geheimnis mehr war , wie schlecht es stehe , traf , neben anderen Besuchern , auch sein Bruder Edzard auf dem Hoppenrader Schloß ein , um den schwer krank Darniederliegenden noch einmal zu sehen . Edzard war erschüttert von dem Anblick und schrieb tags darauf in die Heimat : » Ich fand ihn sehr verändert und konnte ihn kaum noch verstehen , weil auch seine Sprachorgane gelitten haben . Außerdem aber haben seine langen und heftigen Schmerzen im Kopf , dazu seine Schlaflosigkeit und der beständige Opiumgebrauch , auf seine Seelenkräfte merklich eingewirkt und jenen hellen und glänzenden Verstand eingeschränkt , mit Hilfe dessen er sonst die schwersten Begriffe zu ordnen und überhaupt im Umgange mit der Welt so hervorragend zu gefallen wußte . Er hat nun oft Mühe , seine Gedanken so zu fügen , wie sie sich , seinem Wunsche nach , wohl fügen sollten , und gerät darüber in solchen Unmut , daß er es mehrmals vorzog , mitten im Sprechen abzubrechen . Ich habe wenig Hoffnung auf seine Wiederherstellung . « In der Tat , eine solche Wiederherstellung war unmöglich ; aber eine lange Leidenszeit war ihm doch nichtsdestoweniger noch vorbehalten . Er wurde sehr bald nach diesem Besuch , einer vorzunehmenden Operation halber , von Hoppenrade nach Berlin geschafft , indessen stand man hier von einem chirurgischen Einschreiten ab , als man das Übel in seiner Unheilbarkeit erkannt hatte . Es war Knochenfraß und Drüsenverhärtung . So konnt ' es sich nur noch um beständige Linderungen handeln . Er bekam Laudanum und Moschus . öfters wurden die Wohnungen gewechselt , um ihn wenigstens nach Möglichkeit vor Straßenlärm zu schützen . Aber all das ergab nur ein Hinfristen . Er war so elend , daß selbst kein Fieber mehr eintrat , und am 25. Dezember 1789 entschlief er und wurde die Woche darauf im Krautschen Erbbegräbnis in der Nikolaikirche beigesetzt . Auch hinsichtlich seines Charakters , genau so wie hinsichtlich der Charaktere seiner Schwiegereltern , also des Hofmarschalls von Kraut und der Gemahlin desselben , der späteren Madame de Verelst , gehen die zeitgenössischen Aufzeichnungen auseinander . Thiébault erwähnt des Barons mehrfach . » Unter den dem Prinzen Heinrich am aufrichtigsten ergebenen Personen « , so schreibt er , » befanden sich auch zwei Barone Knyphausen , von denen der eine , Baron Dodo von Knyphausen , längere Zeit preußischer Gesandter in Paris und dann in London gewesen war . Er führte den Beinamen › der große Knyphausen ‹ oder › der alte ‹ zur Unterscheidung von einem jüngeren Träger desselben illustren Namens , der einer der Kavaliere des Rheinsberger Hofes war und › le beau Knyphausen ‹ hieß . Er hatte nicht nur den frischesten Teint und das feingeschnittenste Profil , sondern war überhaupt von einer apollonischen Schönheit ; nur schade , daß ein kaltes , stolzes und etwas steifleinenes Wesen ( peu compassé ) seine große Schönheit wieder in Frage stellte . « Dieser » le beau Knyphausen « ist der unsrige . Thiébaults Worte lauten nicht allzu günstig , und der als » kalt und stolz « Bezeichnete wird unmaßgeblich seine Schwächen und Fehler gehabt haben , vielleicht sogar solche , die sich in der Gesellschaft sehr fühlbar machten . Andererseits ist es unmöglich , seine Briefe zu lesen , ohne von der Überzeugung erfüllt zu werden , daß er dem ganzen Rest der in dieser Tragikomödie mitspielenden Personen , Elliot an der Spitze , sehr überlegen war . Und so werden denn auch die von seinem Bruder in der Lützburger Chronik über ihn geschriebenen Zeilen sehr wahrscheinlich das Richtige treffen . Sie lauten : » Er war wie von einer vorzüglichen körperlichen Schönheit , so ganz besonders auch von einem hervorragenden und mit allerlei Kenntnissen und Fähigkeiten ausgestatteten Verstande . Reisen und langer Umgang an Höfen hatten ihm die feinsten Umgangsformen gegeben , die den Verkehr mit ihm , wenigstens bis zum Eintritt seiner Krankheit , ungemein angenehm und anziehend machten « . Im Einklange hiermit ist das , was sich im Hoppenrader Kirchenbuche ( das übrigens , abweichend von der Lützburger Chronik , den 1. Januar 1790 als seinen Todestag angibt ) über ihn aufgezeichnet findet . Es heißt daselbst wörtlich : » Am 1. Januar 1790 starb in Berlin Herr Georg Freyherr von Inn und Knyphausen , Majoratsherr der Herrschaft Knyphausen in Ostfriesland , Herr auf Hoppenrade , Loewenberg , Teschendorf , Grüneberg . Er verfiel vor zwei Jahren in schwere Krankheit , von der wieder zu genesen ihm nicht beschieden war . Er war ein vernünftiger und menschenfreundlicher Herr . Wenn ihm Gott das Leben und Gesundheit geschenkt hätte , würd ' er viel Gutes auf den hiesigen Gütern gestiftet haben . « Ebenso günstig beurteilt ihn sein späterer Schwiegersohn von Wülknitz , der , bei den zahlreichen und andauernd von ihm geführten Prozessen ( ich komme darauf zurück ) , aus einem intensiven Aktenstudium der Knyphausenschen Zeit all sein Lebtag nicht herausgekommen ist . Wülknitz schreibt über Knyphausen : » Er war ein tüchtiger , umsichtiger und charakterfester Mann , in betreff dessen es lebhaft zu bedauern bleibt , daß der Tod ihn so frühzeitig abrief . « Alle ruhig Urteilenden sprechen in ähnlicher Weise für ihn . Zum Schluß erübrigt nur noch ein Wort über seine Duellaffäre mit Elliot . Ich habe bereits hervorgehoben , und Knyphausen bestätigt es in seinen Briefen , daß sich die damalige Berliner Gesellschaft , und unter ihrem Einfluß auch das große Publikum , ungleich mehr auf Elliots als auf Knyphausens Seite stellte , was sich denn auch – und zwar ganz abgesehen von Elliots eminenter Begabung , alle Welt ( nötigenfalls auch durch Lügen ) auf seine Seite zu ziehen – einfach aus den Tatsachen heraus erklären läßt . Elliot , was immer seine Fehler sein mochten , war und blieb der gekränkte Ehemann . Das war eins . Was ihm indessen , weit über dies Maß einer immerhin fraglichen Teilnahme hinaus , eine ganz aufrichtige Bewunderung eintrug , das war , aller gegenteiligen Versicherungen unerachtet , der Fürstenberger Überfall , der Brutalakt » à la mode d ' un assassin « . Er hatte Knyphausen zum Duell nach Kopenhagen hin zitiert , war ob dieser seiner Zitierung verspottet worden , und erschien nun in seines säumigen Gegners Wohnung , um nicht bloß diesen , sondern , wenn es nötig sein sollte , die ganze Stadt Fürstenberg zum Kampfe herauszufordern . Was darin ungesetzlich und unsinnig war , übersah man gern , man sah nur die Waghalsigkeit und freute sich ihrer , und es hätte der Großsprechereien , an denen es Elliot wie gewöhnlich so auch diesmal nicht fehlen ließ , gar nicht bedurft , um ihn in einem glänzenden Licht erscheinen zu lassen . Wer übermütig hazardiert und zugleich für den nötigen Lärm sorgt , ist immer eine populäre Figur . Und eine solche war denn auch Elliot in dieser ganzen Affäre . Man sympathisierte mit ihm . Aber sympathisierte man mit Recht ? Ich glaube nein . Es ist der Haltung seines Gegners Knyphausen nur dann gerecht zu werden , wenn man Elliots Charakter beständig im Auge behält . » Er war ein Narr , der bei jeder ihm passend erscheinenden Gelegenheit ein Tobsüchtiger wurde . « So wird er geschildert , und diese Schilderung wird im wesentlichen richtig sein . Vielleicht hätte Knyphausen , als die Herausforderung zum Duell an ihn herantrat , besser getan , dieser Herausforderung zu folgen und nach Kopenhagen hin abzureisen . Er hätte seinem Gegner mit den Worten entgegentreten müssen : » Ihr Brief hat mich getroffen ; hier bin ich . Ich bekenne mich gern und mit allem Nachdruck zu jedem Vorwurfe , den Sie mir machen . Ich hasse Sie . Sie haben Ihre Frau schlecht behandelt , was sag ' ich , schlecht , nein als ein Nichtswürdiger , und voll Empörung darüber hab ' ich getan , was ich getan . Und nun bestimmen Sie Zeit und Ort « . Eine derartig freie Sprech- und Handelsweise hätte meinem Geschmack mehr entsprochen , hätte frischeren Sinn und besseres Gewissen gezeigt ; aber wenn eine solche Sprache bei Durchfechtung einer auf diesem Gebiete liegenden Affäre vielleicht überhaupt nicht gefordert werden kann , so gewiß nicht einem Elliot gegenüber , der , ohne jede Disziplin und Selbstkontrolle herangewachsen , nicht bloß aller möglichen Extravaganzen fähig , sondern auch mit Hilfe seiner gesandtschaftlichen Stellung in all seinen Extravaganzen so gut wie vorweg freigesprochen war . So wird sich denn bei billiger und gerechter Würdigung aller Verhältnisse – darunter auch die Geldverhältnisse – mit Fug und Recht sagen lassen , daß Knyphausens Haltung im großen und ganzen nicht bloß eine richtige , sondern auch eine mutige war . Wenn sein Mut andere Formen hatte , wie der seines Gegners , so kann ihm daraus kein Vorwurf gemacht werden , auch dann nicht , wenn er bei dem Erscheinen Elliots in Fürstenberg und dem gleichzeitig erfolgenden Eindringen einer ganzen Rotte Bewaffneter einen Augenblick lang von der Vorstellung beherrscht gewesen sein sollte , » das ist ja eine verteufelte Situation , und ich wollt ' ich wär ' aus ihr heraus « . Einem Maniac , einem Tollen gegenüber hat der bei Verstand und Ruhe Gebliebene nicht nur tatsächlich allemal ein mehr oder weniger bedrücktes und selbst ängstliches Gefühl , nein , er darf es auch haben . Es ist sein Recht . Allerdings ein Recht , das ihm der große Haufe nie zugestehen wird , am wenigsten aber der Flanellphilister , der von jedem , nur nicht von sich selbst , eine nie müde werdende Heldenschaft verlangt und Mutgeschichten nicht auf ihre menschliche Wahrscheinlichkeit , sondern immer nur auf sein allerpersönlichstes Gruselbedürfnis hin ansieht . 10. Kapitel 10. Kapitel Die Krautentochter wird Frau von Arnstedt Baron Knyphausen war im Krautschen Erbbegräbnis in der Berliner Nikolaikirche beigesetzt worden und eine Woche lang läuteten allabendlich auch die Löwenberger Glocken und verkündeten dem umherliegenden Lande , daß der Gutsherr gestorben sei . Dann saß auch seine Witwe , die Krautentochter , am Fenster und sah in die Schneelandschaft hinaus , die lange Linie der Pappelweiden hinunter , aus deren Gipfeln einzelne Krähen in den dunkelgeröteten Abendhimmel aufflogen . Sie sah das alles und sah es auch nicht , und ging die Rechnung ihres Lebens durch , dabei des Toten gedenkend , dem zu Ehren es draußen läutete . Trauerte sie ? Vielleicht . Aber wenn sie trauerte , so geschah es , weil alles so traurig war ; nicht aus Schmerz um ein hingeschiedenes Glück . Nein , sie war nicht geschaffen , einem Schmerz zu leben oder gar unglücklich zu sein . Und nun gar dieser Tod ! War er denn überhaupt ein Unglück ? Was er ihr mit Sicherheit bedeutete , hieß : Befreiung . Sie sagte sich ' s nicht , aber es war so , trotzdem sie jeder guten Stunde gedachte . Gewiß , es war aus Liebe gewesen , daß sie sich gefunden hatten , und sie hatte Gott aufrichtig und von ganzem Herzen gedankt , einer doppelten Tyrannei , der eines exzentrischen Gatten und einer imperiösen Mutter entrissen zu sein , wohl , er war ihr Retter gewesen und dazu schön und gesittet und klug . Ja , sehr klug sogar , und sie hatte sich seiner Überlegenheit gefreut . Aber dieser Klugheit