Strömen . Das Arbeiten der Maschine mehrte unsere Beklemmung , die den Untergang vor Augen sah . Schreckhaft , wenn nur immer die Räder der Maschine hochauf ins Leere schaufelten - man fühlte dann die furchtbare Gewalt des Dampfes , der keinen Gegenstand fand und die Esse hätte sprengen müssen . Aber in diesem Toben und Rasen des Sturms und des Wassers erkennt man die allgemeine Menschenohnmacht und ergibt sich zuletzt - fast wie der Träger einer Schuld , die gleichsam unser Vorwitz schon seit Jahrtausenden gegen die Natur auf sich geladen hat . Auf dem engen Lager der Kajüte hingestreckt , erfüllte mich zuletzt Seelenruhe , auch wenn in der Nacht das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geschleudert worden wäre . Der Tod infolge einer Naturnothwendigkeit hat , wenn man sich daran zu gewöhnen Zeit bekommt , nichts Schreckhaftes mehr ... Ich erzähle das alles , weil Aemilio Bandiera ganz ebenso vom Segeln auf den Wogen der Zeit sprach ... Die Mutter machte alle möglichen Zeichen der Abwehr und des Protestes gegen eine solche Ergebung in das Unglück ... Mitgefühl und Aberglaube lagen auf den gespannten Zügen ihres Antlitzes , das jedesmal , wenn eine edle Leidenschaft es erregte , einen lichtverklärten Anhauch ehemaliger Schönheit erhielt ... Attilio setzte hinzu , fuhr Benno fort , bei solchen Schrecken stünden soviel unsichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der Nothwendigkeit auf und soviel , Tausende riefen : Uns ging es ja ebenso ! ... Oft , wenn ich mit den Brüdern auf dem Molo von La Valette spazieren ging , rings das weite Meer wie nach beruhigter Leidenschaft in lächelnder Majestät lag , wenn ich mich in allem erschöpft hatte , was die Geschichte und die gesunde Vernunft gegen die italienische Form , die Freiheit der Völker zu erringen , lehrten - antworteten sie : Das mag auf euch passen , aber nicht auf uns ! Und auch auf euch paßt es nur den Männern , nicht der Jugend ! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der Ueberlegung nicht , sondern dem Instinct . Wir wissen , daß unsere Einfälle , die wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen , noch scheitern müssen . Aber weit entfernt , daß sie darum dem Spott unterliegen , lassen sie immer etwas zurück , was dem nächstfolgenden Versuch zugute kommt . Immer ist wenigstens Ein heroischer Zug , Ein überraschender kleiner momentaner Erfolg vorgekommen , der dann für den nächsten Versuch ermunternd wirkt ; man hatte ein Schiff , einen Thurm erobert , es waren einige der Gegner gefallen - Wenn Sie Recht haben sollten , daß die Freiheit immer nur eine Folge eines andern historischen großen Impulses ist - wie Graf Cesar Balbi lehrt , der für Italien erst den Untergang des osmanischen Reichs als erlösend betrachtet - so muß für eine solche möglicherweise eintretende Krisis die Gesinnung vorbereitet sein . Wir müssen diese Aufstände , so nutzlos sie scheinen , nur allein der Anregung wegen machen . Sie werden noch lange Jahre hindurch scheitern , manche Kugel wird noch die Besiegten mit verbundenen Augen in den Festungswällen niederstrecken , manches Haupt wird auf dem Henkerblock fallen : das thut nichts ; alles das hält nur die Frage wach und bereitet vor für ihre künftige Entscheidung ... Die Mutter horchte voll Grauen ... Als ich entgegnete : Lehrt durch Schriften und Gedanken ! - lachten beide und erwiderten : Italien und ein Kind begreifen nur durch Beispiele ! Der Buchstabe , Dank der langen Beschränkung desselben , kommt unserm ungebildeten , wenn auch geistesregen Volk nicht bei ; hier will man sehen , hier mit Händen greifen , die Wundenmale berühren ! Von den Jesuiten erzogen , wird dies Volk belehrt , daß die Patrioten lächerlich und schwach wären . Aber das Beispiel eines Aufstands in Genua oder Sicilien oder in der Romagna muß deshalb auf einige Tage das Gegentheil beweisen . Italien bewundert Räuber um ihres Muthes willen ! ergänzte Attilio . Was ist der Tod ! fiel Aemilio , der jüngere , wieder ein . Schreckhaft nur , wenn man im Leben Dinge verfolgt , die sich ausschließlich an unsere eigene Person knüpfen . Aber schon der Krieger gewöhnt sich und sogar im Frieden durch die Tausende , die mit ihm in gleicher Lage sind , von seinem Ich als einem völlig Gleichgültigen zu abstrahiren . Einer da mehr oder weniger - wen darf das schrecken ! Vollends , sprach der ernstere und ruhigere Attilio , wenn man die Philosophie zu Hülfe nimmt ! Die Erde ist ein Atom im Weltgebäude ; diese Luft , diese Gestirne , diese Welten , diese Bäume , diese Menschen sind nur Schatten eines andern wahren Seins , das mit unzerstörbarer Göttlichkeit über dieser Welt der flüchtigen Erscheinungen thront ! ... Die Herzogin erhob sich , überwältigt von den angeregten Empfindungen ... Sie wollte , wenn von Italien die Rede war , nur vom Siege , nur von Kränzen des Triumphes hören ... Der Tod ist nur für die Feigen da , für die Tyrannen ! rief sie ... Auch Benno war in höchster Erregung aufgestanden ... Auch durch seine Adern pulste das Blut in mächtigerer Strömung ... Nach einigen Gängen hin und her auf der dunkelgewordenen Altane beruhigte er sich und fuhr leiser sprechend fort : Ich blieb länger auf Malta als meine Ueberlegung hätte gestatten sollen ... Die liebenswürdigen jungen Männer , mit denen ich auch über Deutschland , über unsere Dichter und Denker so gut wie über Italien sprechen konnte , fesselten mich zu lebhaft . Ich wußte nicht , um was ich sie mehr lieben sollte , ob um ihrer Freundschaft und brüderlichen Eintracht willen oder um einen sich so bewundernswerth ruhig gebenden Fanatismus . Was nur Schönes in der Menschenbrust leben kann , das hatten diese Jünglinge sich zu erhalten und auszubilden gewußt . Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs , in der sie nach ihrer von London erhaltenen Weisung beschließen mußten , zu Verräther an ihren nächsten Lebenspflichten , an ihres Vaters Ehre , an ihrer eigenen , am Herzen der Mutter zu werden , war erschütternd - Sie erzählten , daß sie unschlüssig gewesen wären , ob sie sich nicht selbst erschießen sollten ... Ich nannte im Gegentheil das Martyrium unserer Zeit : Sich dem nicht entziehen , worauf uns Geburt , Stellung und das Vertrauen der Menschen angewiesen haben ! ... Möglich , daß ich dies Axiom zu sehr von Priestern entnahm , die unter dem Druck ihrer Gelübde leben müssen und sie nicht brechen wollen - aus Furcht , einer Sache zu schaden , die sie in ihrem Wesen lieben ... Mit einem Wort - ich ließ ein Herz voll Freundschaft in Malta zurück ... Auch voll Dankbarkeit ... Das felsige Eiland fesselte mich mit seinen geschichtlichen Erinnerungen länger , als ich hätte bleiben sollen ; bald bildeten sich unter den Flüchtlingen zwei Parteien ; eine , die das Vertrauen der Brüder Bandiera zu mir theilte , eine andere , die mich für einen Spion erklären wollte . Meine Kurierreise von Wien war bekannt geworden und sprach gegen mich . Ich fing an mich vertheidigen zu wollen und , wie in solchen Fällen es geht , verwickelte mich dadurch nur desto mehr . Ich fürchtete Concessionen zu machen , die über mein noch nicht reifes Nachdenken über diese Fragen hinausgingen . Die Mischung der Charaktere , die ich antraf , war abenteuerlich genug . Kaum waren reine und consequente Gesinnungen unter Menschen vorauszusetzen , unter denen ein wankelmüthiger , schwacher , aus Furcht vor seiner Schwäche wieder tückisch gewaltsamer Mensch wie Wenzel von Terschka eine Hauptrolle zu spielen scheint ... Auch Pater Stanislaus war zugegen ? ... wallte die Mutter erschreckend auf ... Nicht in Person - er dirigirt von London aus ... Wo er dein Nebenbuhler ist - ... Lucinde hat dich gut unterrichtet ! ... sagte Benno ... Da sprach sie sicher auch von Thiebold de Jonge ? ... Auch von ihm ... Thiebold wurde die Ursache , daß ich endlich von Malta und den immer bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach ... Mein Freund war nach Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante ... Wenn ich dir die Versicherung gebe , daß Thiebold de Jonge zwar das närrischste Italienisch spricht , aber das beste Herz von der Welt und eine Freundschaft für mich hat , wie sie nur die Brüder Bandiera gegeneinander besitzen , so wirst du mir vergeben , wenn ich ihn zum Vertrauten - meiner ganzen Lebenslage gemacht habe ... Die Mutter horchte auf ... Noch mehr ! fuhr Benno fort . Ich habe nur im vollen Einverständniß mit ihm gewagt hierher zu reisen und einen Plan zu verfolgen , der - mir - eine Sache des Herzens war ... Indessen - jetzt ... Welchen Plan ? fragte die Mutter , noch immer der letzten Aufklärung harrend ... Marco meldete sich im Eßzimmer mit dem Geklapper seiner Anrichtungen ... Benno sprach leiser : In so hastiger , völlig unüberlegter Eile hat mich die Freundschaft für die Brüder Bandiera hergeführt ... Nachdem ich Malta verlassen , blieben sie mit mir im Briefwechsel ... Ich kann sagen , es sind die ersten Männer , die mir im Leben nächst meinem Freund Bonaventura imponirten . Selbst wo ich ihre Ansichten verwerfen muß , rühren sie mich . Ich ordnete mich ihnen schon in Sicilien unter ... Ich möchte diese herrlichen Jünglinge ebenso meinem Leben , wie dem Leben der Menschheit erhalten ; ich möchte sie dem Vater , der Mutter erhalten , ihnen , die zwar äußerlich tief gebeugt und voll Demuth an den Ufern der Lagunen wandeln , innerlich aber doch ihren Stolz auf » die Knaben « behalten haben - ... Mein Gott ! Die Stunden der armen Unglücklichen sind gezählt - ... Wie ? Warum ? ... rief die Mutter ... In wenig Wochen vielleicht schon - flüsterte Benno ... Ein Aufstand ? ! fuhr die Mutter empor und hielt Benno ' s Hand mit ihrer eigenen krampfhaft ausgestreckten Rechten ... Ein umfassend vorbereiteter ! sprach Benno leise ... Es gilt Rom selbst ! Der Herrschaft Ceccone ' s ! Der Einschränkung dieses freiheitsfeindlichen Papstes ... Man erwartet Mazzini in Genua , Romarino in Sardinien , erwartet einen Aufstand in Sicilien ... Die Brüder Bandiera sind von Malta aufgebrochen ... Sie ließen zweifelhaft , wohin sie gingen ... Einige ihrer Freunde waren weniger gewissenhaft ... Sie dirigirten Flüchtlinge , die über die Alpen aus der Schweiz kamen , nach Robillante ... Unter mancherlei Gestalten , als Pilger , als Mönche reisen sie vorzugsweise nach der adriatischen Küste der Romagna ... Dort , bei Porto d ' Ascoli , dort , wo seltsamerweise jener Pilger und der deutsche Mönch verschwunden sind , soll alles vorbereitet sein zu einem Handstreich ... Die Brüder Bandiera werden eine Landung befehligen ... Ancona , Ravenna , Bologna werden von den Verschworenen an einem und demselben Tage überfallen werden ... Der Erfolg kann meiner Ueberzeugung nach kein glücklicher sein ... Warum nicht ? rief die Mutter . Die Brüder werden in die Hand Ceccone ' s fallen .... Nimmermehr ! ... Sie werden das Schaffot besteigen ... Die Führer all dieser Aufstände des » Jungen Italien « sollen , das ist die gemeinschaftliche Verabredung der betheiligten Cabinete , auch des Cabinets der gekreuzten Himmelsschlüssel , den Tod durch Henkershand erleiden ... Jesu Maria ! rief die Mutter ... Ich sehe diese edeln Jünglinge das Schaffot besteigen ! ... Das ist die Angst , die mich nach Rom geführt hat ... Die Mutter stürzte an den Hals ihres Sohnes ... Nun hatte sie die Ursache , warum Benno wünschte , sie wäre bei Olympien und - Olympia begrüßte ihn noch mit ihrer frühern Neigung ... Benno hatte gehofft , so den Brüdern Bandiera das Leben retten zu können ... Marco ! Einen Augenblick ! Laß doch ! Laß doch ! rief die Mutter in den Salon und warf die Glasthür zu ... Als sie mit Benno auf der Altane abgeschlossen war , warf sie sich ihm wiederum mit Ungestüm an die Brust ... Ich Olympien zürnen ! sprach sie . Nimmermehr ! Wenn du ihrer bedarfst , so hab ' ich nichts von ihr erduldet ! Laß sie mich mit Füßen getreten haben - wenn sie dich nur liebt , wenn sie deinen Wünschen nur Erhörung gibt - Jesu Maria , nur diese Söhne Italiens vor dem Henkersschwert bewahrt ... Benno stand gedankenverloren ... Die Mutter fuhr fort : Ich weiß es , Ceccone brütet furchtbare Dinge ... Er muß es thun ... Fefelotti , das Al Gesù , der Staatskanzler , seine eigene Liebe zur Macht treiben ihn dazu ... Aber - sei ruhig , mein Sohn ! ... Laß Olympien in deinen Armen ruhen ! Laß sie die Hände zu deinem stolzen Nacken erheben ... O sie sind zart , diese Hände ... Sie mordeten - nur Lämmer ... Olympia ist ein Kind ! Noch jetzt ! Noch jetzt ! ... Vielleicht , daß du , du sie zum Guten erziehst ! Vielleicht , daß du mit deinem Liebeskuß das Eis ihres Herzens aufthaust ! ... Sie kann schön sein , wenn sie liebt ! sagt ' ich dir schon in Wien ... Sie kann vielleicht auch gut sein , wenn sie liebt ! ... Mein Sohn , habe Muth , vertraue ! Wir Frauen sind alles , was ihr aus uns macht ! ... Fliege hin zu ihr , höre das Jauchzen ihrer gestillten Sehnsucht , fühle die Glut ihrer Zärtlichkeit , sei , sei , was sie will - ! ... Es ist zu spät - ! erwiderte Benno ... Um meinetwillen zu spät ? fuhr die Mutter fort und raunte ihm ins Ohr : Ich beschwöre dich ... Ich habe dich hier nie als einen Rächer für mich erwartet ... Pah ! Attilio Bandiera hat Recht : Was sind unsere Personen ! ... Das Vaterland ist die Losung ... Sollen diese Jünglinge , deine Freunde , die Hoffnungen Italiens verderben - ? ... Nimmermehr ! ... Ein Kuß von deinem Munde und Olympia zerreißt alle Todesurtheile ! ... Benno strich sich das Haar in wildester Erregung ... Seine Augen glühten ... Seine Brust hob sich ... Der Raum der Altane war zu eng für das mächtige Ausschreiten seines Fußes ... Ist es denn aber auch gewiß , fragte die Mutter leise , gewiß , daß diese Invasion bevorsteht ? ... Die Küste der Adria ist reif zum Aufstand ! flüsterte Benno ... Die Zollbedrückungen Rucca ' s sollen unerträglich sein ... Die achtbarsten Kaufleute arbeiten der Insurrection in die Hände ... Und hier in Rom - Zwölf Logen gibt es hier ! ... fiel die Mutter ein ... Benno schwieg ... Er schien mehr zu wissen , als er sagte ... Die Brüder Bandiera , fuhr die Mutter fort , sind , wenn ihr Beginnen scheitert und sie nicht fallen oder entfliehen können , nicht anders vorm Tode zu retten , als durch Olympia ... Ich weiß es , selbst die Hand des Heiligen Vaters scheut das Blut der Rache nicht mehr für die , die die dreifache Krone antasten - Auch das zweischneidige Schwert Petri ist gezückt - Laß alles ! Geh ' zu dem jungen Rucca ! Verständige dich mit deinen wiener Freunden - Auch mit Lucinden ! Kenne mich nicht mehr in Rom ! ... Ich verlange es ! ... Benno stand , immer in dumpfes Brüten verloren ... Ich verlange es ! wiederholte die Mutter ... Weiß ich dich nur in meiner Nähe ! Kann ich deine Stirn nur zuweilen küssen ! ... Laß mich , mein Sohn - Du fühlst wie ein Sohn meines Landes ! Das macht mich allein schon glücklich ! Benno - Soll ich so dich nicht lieber nennen - nicht Cäsar ? ... Wage du dich nicht selbst an Dinge , die mich um das Glück deiner Liebe bringen müssen ... Oder - doch ? ... Thu , wie du mußt ! Nur geh ' morgen zum jungen Rucca , den du - in Wien vorm Tode durch einen Elefanten rettetest ... Dein Name , dein Anblick wird Wunder wirken ... Ich kenne Olympiens verzehrende Sehnsucht ... Nach den Begriffen des italienischen Volks ist Größe der Empfindung mit List vollkommen vereinbar ... Wie ihr mir , so ich euch ! lautet die Moral des Südens ... Die Herzogin schilderte die Lächerlichkeit des jungen Ercolano Rucca , sein Prahlen mit jenem Angriff eines Elefanten auf ihn , die Sehnsucht , die er noch immer nach dem Bestätiger seines Muthes ausspräche , seine Sorglosigkeit Olympien gegenüber , die bald über sie gekommene Langeweile , die sie vorläufig im Gebirge in Reformen der Ackerwirthschaft austobe ... Zwar wäre sie auf die Grille gekommen , den ehemaligen Pater Vincente , von dem ich dir in Wien schon erzählte , sagte sie ; zum Cardinal zu erheben und ihn jetzt wie ihre Puppe zu behandeln , die sie schmückt ... Aber dein erster Gruß löscht alle diese Flammen aus - ... Im Lauf der sich überstürzenden Schmeichel- und Ermuthigungsreden der Mutter bemerkte Benno : Von diesem Vincente Ambrosi hab ' ich in Robillante seltsame Dinge gehört ... Jener Eremit von Castellungo bekannte sich zu den Lehren der Waldenser , die das erste apostolische Christenthum besitzen wollen ... Eine zahlreiche Gemeinde bildete sich ... Zu ihr gehörte ein junger Zögling des Collegs von Robillante , der sich zum Priester bilden wollte . Die Lehren des Eremiten zogen ihn an ... Oft soll er Tage und Nächte bei ihm im Walde zugebracht haben . Die Gesetze verbieten aufs strengste den Uebertritt zu den Waldensern . Eines Tags verschwand der junge Ambrosi und war Franciscaner geworden ... Man schickte ihn zu seiner weitern Ausbildung nach Rom . Seine dortigen Schicksale erzähltest du ... Ueberraschend ist es , daß mancher in Robillante glaubt , er hätte sich durch sein Buß- und Leidensleben nur einem von jenem Eremiten ihm ertheilten Auftrag unterzogen und stünde noch jetzt mit ihm in Verbindung ... Die Herzogin hörte nichts mehr ... Sie war zu erfüllt von der einzigen Nothwendigkeit , daß Benno zu Olympien müßte ... Sie blieb bei ihrem Wort : Olympia läßt von allen , wenn du erscheinst ! ... Du bleibst der Sieger ! ... Wenn sich Benno im Lauf dieser Ermunterungen und Versicherungen allmählich scheinbar für überwunden erklärte , ja sogar dem Ernst seiner Mienen einige Streiflichter des Scherzes folgen ließ , so war ein Gedankengang daran schuld , den die Mutter nicht sofort verstehen konnte ... Er sagte , mit dem Kopf nickend : Bin ich nicht glücklich ? ... Ich habe eine Mutter , die mich verzieht und mir gegen alles Verdienst schmeichelt ; einen Bruder , der mir bei Torlonia einen Creditbrief offen hält , von dem ich dir die Pension Ceccone ' s verdoppeln zu können hoffe ; einen Oheim , der mich und Bonaventura zu seinen Erben macht , wenn auch Frau von Gülpen bis an ihr Lebensende , die Nutznießung seines Vermögens behält ; dann hab ' ich in meinem jungen Leben schon vier wahre Freunde gefunden , Bonaventura , Thiebold , Attilio , Aemilio ... Nun höre noch dies , Mutter ! Ich wollte nicht übermüthig sein ... Ich wollte mich in die Strudel des Wiedersehens der jungen Fürstin mit Vorsicht wagen ... Hatten wir Stunden der Trauer zu erwarten , mein Freund Thiebold de Jonge sollte uns Erheiterung bringen ... Das Idol seines Herzens - schon einmal hat er es mir geopfert ... Und auch jetzt wollte er meinem Gewissen einen tapfern Beistand leisten ... Mit einer Gemüthsruhe , die nur verständlich ist , wenn man die persönliche Bekanntschaft dieses närrischen Menschen gemacht hat , sprach er , als er meinen Kampf und die Furcht sahe , mich nach Rom zu begeben : Bester Freund - - ... Noch hatte Benno das Lieblingswort Thiebold ' s : » Ich kann mich vollkommen auf Ihren Standpunkt versetzen « nicht ausgesprochen , als es draußen heftig klingelte ... Wer stört uns ! rief die Herzogin , stand auf und wollte Befehle geben , die sie für niemand anwesend sein ließen ... Schon aber klingelte es zum zweiten mal ... Mutter , sagte Benno , das kann nur mein stürmischer Freund sein ! An dieser kurzen Pause zwischen dem ersten und zweiten Klingeln erkenn ' ich Thiebold ... Gegen alle Verabredung hat er sich verspätet ... Ich ging zu Land , er den kurzen Weg über Genua zu Wasser - ... Man hörte die laute Stimme eines radebrechenden Fremden , der nach » Ihrer Hoheit der Herzogin von Amarillas « verlangte ... Er ist es ! sagte Benno ... Ich bin wenigstens froh , daß er noch am Leben ist ! ... Die Mutter wußte , daß der alte Marco die Gewohnheit hatte , vertraute Gespräche seiner Gebieterin nicht zu unterbrechen ... Sie wußte , daß er solche Störungen mit völlig unklarem Bewußtsein , ob Altezza zu Hause wäre oder nicht , zu beantworten pflegte ... So kam er auch jetzt mit einer fragenden Miene ... Aber kaum sah er : Willkommen ! im Antlitz seiner Gebieterin , so war er auch schon wieder draußen und mit den heitersten Scherzen hörbar ... Die gute Laune kam wieder , da er sah , es fing um seine Gebieterin an lebhafter zu werden ... Thiebold de Jonge trat ein ... Er sah aus wie ein Räuberhauptmann ... Nur mit dem Unterschied , daß dieser einmal gelegentlich , etwa zum Behuf einer ihm von Aerzten vorgeschriebenen Badereise , eine elegantere Toilette gemacht hat ... Sonst konnte er von seiner » Verwilderung kein Hehl machen « ... Die Gesichtsfarbe war braun » wie ein kupferner Kessel « ... Sein Bart wie die Mähne eines Löwen ... Sonst trug er sich vom Kopf bis zum Fuß in Nankingstoffen ... Auf dem weißausgelegten Hemd von bielefelder Leinwand blitzte eine Brustnadel von Diamanten , die abends jedem Räuber eine Aufforderung zu einem kühnen Griff erscheinen durfte ... Weste , Pantalons , gefirnißte Stiefel , alles war von jener Fashion , die dem Modejournal und den heimatlichen Gewohnheiten entsprach ... Mindestens glich er bei alledem doch einem » Schiffscapitän , der zweimal die Linie passirte « ... Mit einem Gemisch von Worten , das wahrscheinlich bedeutete : » Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten , Frau Herzogin ! « kam er über die Schwelle des Salons gestolpert ... » Noch taumelte das kaum verlassene Schiff mit ihm « ... An seinem Strohhut , den er , wie er Benno zuraunte , » in erster Verlegenheit « zerdrückte , flatterten zwei rothe Bänder , wie am Hut eines Matrosen ... Seine Corpulenz hatte zugenommen ... Bei alledem war er anziehend und für Italien als Blondin doppelt interessant ... Seinen Freund Benno noch in der Hauptsache ignorirend , radebreche er , immer zur Herzogin gewandt , daß er eben angekommen wäre und seinen Freund aufgesucht und dessen Spur bei Piazza Sciarra und endlich auf dem Monte Pincio aufgefunden hätte ... Bitte , Hoheit , ich bin nur da , um ihm meine Adresse , die auf ein vis à vis seiner Wohnung lautet , zu bringen oder etwa eine Verabredung für morgen zu treffen oder falls Hoheit heute Abend noch Befehle hätten , sie auszuführen - Ich werde überhaupt in Rom lieber Eurer Hoheit , als einem Menschen folgen , der mir den Weg über Genua angerathen hatte , ohne zu wissen , daß die Dampfschiffe von Genua nicht auf Passagiere warten , die sich von wunderbaren Kaffeehäusern und Hotels in Nizza und Genua nicht gut trennen können ... So bin ich aus Zerstreuung in Genua sitzen geblieben und wider Verabredung um fünf Tage zu spät gekommen , hoffe indessen , daß der von meinem Freunde beabsichtigte Feldzug auch ohne die Tranchéen , die ich - ... Dies schwierige Bild aus der Kriegstaktik auszuführen scheiterte nicht gerade an Thiebold ' s Sprachkenntnissen , wol aber an seinem Gedächtniß ... Er hatte seine Rede italienisch gehalten und auswendig gelernt ... Die Ehren , die er der Herzogin ließ , waren ungefähr die , die er etwa in Deutschland einer regierenden Landesmutter von Braunschweig oder Nassau hätte erweisen müssen ... Die Herzogin reichte dem närrischen Signore Tebaldo die Hand und bat ihn , sogleich zum Souper zu bleiben ... Sie klingelte , ließ ihr kleines Mahl anrichten , trat am Arm Tebaldo ' s in ein Eßzimmer , wo die kleine Tafel sinnig geordnet war , und fand sich in ihn so gut , als hätte sie ihn seit Jahren gekannt ... Das Gefühl , in ihm einen Mitwisser des Geheimnisses zwischen ihr und Benno zu sehen , durfte sie nicht stören ; Signore Tebaldo war nur durch die ihm nicht geläufige Sprache und die Anwesenheit der Diener verhindert , sofort jeden » Zwang als bei ihm völlig überflüssig « zu bezeichnen und die » Sachlage « und die » vollendete Thatsache « und überhaupt alles auf » seine natürlichen Voraussetzungen zurückzuführen « ... Sein Sprachgemisch , zu dem sich als letzte Aushülfe Französisch gesellte , sein Benehmen gegen Benno , die Art , wie er die Terrasse » himmlisch « und » stellenweise die drei Treppen belohnend « fand , die Kritik des » kühlen Speisesaals « , die Leichtigkeit , mit der er seinen Stuhl ergriff und die entzückende Natur Italiens , selbst mit » radicaler Unerträglichkeit « solcher Strecken wie von Civita-Vecchia bis hierher , die Einfachheit der Sitten , die Frugalität der Soupers - » mit Ausnahmen « - anerkannte , Roms Trümmerwelt als einen » das Auge mehr oder weniger beleidigenden polizeilichen Skandal der Jahrhunderte « bezeichnete , alles das hatte etwas so Vertrauenerweckendes und über jede Schwierigkeit sogleich Hinwegsetzendes , daß die Herzogin nicht die mindeste Scheu vor ihm empfand ... Zwischen eine Erzählung über seine Reiseabenteuer von Robillante bis hierher und die ersten Erfahrungen in einem römischen Hotel , das er sofort verlassen hätte , weil der » erste Cameriere sich gegen ihn das Benehmen eines Ministers erlaubt hätte « , ließ er bei Abwesenheit der beiden Diener die kühn stilisirten Worte fallen : Altezza , anch ' io suon un ' filio perduto , ma ritrovato ! ... Auch ich hab ' nmal eine Mutter gehabt , die in einem Zeitalter gestorben ist , von dem ich mir nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe ! Jedoch an jedem Sterbetag der frühvollendeten Dulderin hab ' ich mit dem alten Mann , meinem Vater , eine Messe für sie lesen lassen und ging in die Kirche , was sonst meine Gewohnheit weniger ist ... Gott , das sind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich schlechten Menschen diese Gewohnheit genirt . Aber ich that ' s um meines Vaters willen . So lang ' ich lebe und es noch Kirchen gibt , setz ' ich diese Gewohnheit fort an jedem vierzehnten October , Tag des heiligen Burkard , vorausgesetzt , daß unsere Kalender stimmen , Hoheit ! ... Ich bin nicht ganz so aufgeklärt , wie mein Freund da - Asselyn . Ich kann Ihnen , wenn Sie es wünschen , Herzogin , auf jede Hostie - selbst eine wunderthätige - beschwören , daß ich mir die Ehre , Mitwisser Ihres » übrigens längstgeahnten « Geheimnisses zu sein , durch eine Discretion verdienen werde , die Ihnen möglicherweise selbst auf die Länge peinlich werden dürfte ! ... Unglaublich ! Wirklich - der Kronsyndikus - ! Na , wissen Sie , Benno , wie wir damals bei dem Leichenbegängniß - ... Doch kein Wort ! ... In der Kunst , sich dumm zu stellen , hab ' ich die Vortheile voraus , die einem gemeinschaftlichen Freund von uns zugute kamen , der eines Tags die Entdeckung machte , daß durch systematisches Ignoriren sich am besten die Ignoranz verdecken läßt ! ... Bruto e muto ! ... So wahr wie - Marco ' s Kommen unterbrach einen , wie es schien , auf Haarsträubendes berechneten Schwur ... Die Herzogin verstand aus den französischen Beimischungen seiner Rede , was er andeuten wollte , und Benno küßte die Hand der Mutter - Thiebold bat um die gleiche Gunst ... Die Glückliche saß , wie sie sagte , wie die Perle im Golde ... Marco schien ihr alles das von Herzen zu gönnen ... Er sah auf nichts , als auf die Leistungen seiner Kochkunst ... Die trauervollste , ernsteste Stimmung mußte durch Thiebold de Jonge immer mehr gemildert werden ... Thiebold erzählte , bald italienisch , bald deutsch , bald französisch und noch öfter Benno zum Uebersetzen veranlassend , von einem aus Paris von Pitern vorgefundenen Brief ... Er verbreitete schon damit über die Züge der Herzogin den Ausdruck einer Heiterkeit , die sie seit Jahren nicht gekannt hatte ... Thiebold ' s Humor hatte die seltene Eigenschaft , beim Scherz dem etwaigen Ernst , der eingehalten werden mußte , nicht im mindesten seine Würde zu nehmen ... Jede vom ab- und zugehenden Marco und seinem Genossen , der eine stattliche Livree trug , gelassene Pause , benutzte er , die Saiten zu berühren , die in Benno ' s Innern zu mächtig nachbebten ... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn , als die Mutter sah , daß Benno solche Freunde gewinnen konnte ... Thiebold äußerte in noch verstärkterem Grade die Besorgniß , die Benno über das Schicksal der beiden Männer hatte , die ihm so werth geworden ... Er theilte » unbekannterweise « ganz diese Sympathie für die Gebrüder Bandiera - ohne allen Neid ... Er sah eine Sorge im Gemüth des Freundes und suchte ihr abzuhelfen ; das war ihm Aufgabe genug ... Ohne selbst Politik zu treiben , konnte er sich » dergleichen Wahngebilde von einem fremden Standpunkt aus vollständig erklären « ... Es war der immer gleiche Trieb der Gefälligkeit , der in Thiebold ' s Herzen so freundliche Wirkungen hervorbrachte