sich freiwillig zurückzog . Ich achte Das und ehre es . Mesalliancen existiren übrigens für mich nicht - Baron - Ich sage nicht , Rudhard , daß ich aus diesen Konflikten heraustrete ... Der Wunsch des Fürsten ... Meines guten Alexei ... aber selbst wenn ich den andern Ausweg ergriffe und seine Witwe heirathete , wie eine Stimme mir zuruft ... ich käme ja in dieselbe Position . Der blonde Maler verrennt mir ja nach allen Seiten den Weg . Ich kann nicht den Gedanken , den Sie eben ausgesprochen , Baron , befördern helfen , aber was die Stimmung Adelens anlangt , so hoff ' ich auf Besinnung . Ich meine , es war nur eine falsche Form , in der bei ihr ein mütterliches Gefühl der Fürsorge zum Vorschein kam . Zu künstlich erklärt , Pfarrer ! Wirklich ? Doch scheint mir über die Mutter ein eignes Wesen gekommen . Sie ist zurückgezogen , liest , schreibt , beschäftigt sich nur mit sich allein . Das heißt , sie liebt , bester Freund ! Das ist der Frühling , der oft noch nach dem Spätsommer kommt . Es ist eine stille , sinnige Verklärung in der Fürstin ! Ich finde Adelen innerlicher , wärmer . Sie schließt sich von oberflächlichen Menschen ab und sucht nur tüchtige Naturen , wie Anna von Harder und ähnliche rein weibliche , edle Erscheinungen . Das ist die Trauer der Verlassenen , das Schlummern der Wintersaat , die im Frühling gleich am mächtigsten aufschießt . Sie ist mütterlicher denn je gegen Rurik und Paulowna . Achtungswerth , aber bedenklich ... Unverdorbene Frauen wollen das Glück der Liebe durch Güte des Herzens verdienen . Rath ' ich Ihnen denn eine Änderung zu treffen ? sagte Rudhard fast empfindlich . Geben Sie mir die Hand , bester Pfarrer ! fiel Dystra ein . Zürnen Sie mir nicht ! Ich trete da in psychologische Konflikte , die ich nicht erwartet habe ! Weil ich auf Alles dilettire , liebe ich überall das Bedeutende und Eigenthümliche . Aber ich gestehe , ich liebe es mehr als Beobachter . Ergriffen mitten inne stehen , selbst da eine handelnde und leidende Figur in leidenschaftlichen Scenen abgeben , ich gestehe Ihnen , Das ist etwas , was ein Tourist , ein flüchtiger , civilisirter Beduine , ein Mann , der den Vorwurf , unschön zu sein , von seinen breiten Schultern nicht abschüttelt , nicht brauchen kann . Es handelt sich um den Wunsch eines sterbenden Freundes , um ein Gelöbniß , das ich selbst verrichtete , vor allen Dingen um mein Geld , um die bessre Existenz der Fürstin , um die Erziehung und künftige Versorgung der Kinder . Das sind philanthropische Ideen , die ganz in mein Fach schlagen und für die wir nur suchen müssen , eine möglichst anständige , aber auch höchst bequeme Form zu erfinden . Stoff zu einem Roman will ich unter keiner Bedingung abgeben . Hören Sie ! Dagegen sträubt sich meine ganze innre und äußre Natur und ich gestehe Ihnen sogar , ein Rest von Eitelkeit , den ich mir von manchen frühern glücklichen Aventüren erhalten habe , wo man mich liebte quand même ! Bekümmert reichte Rudhard dem Baron , der diese Worte mit liebenswürdiger , schalkhafter , aber doch ernster Freimüthigkeit gesprochen hatte , die Hand und schwieg . Die Verständigung wird schon kommen ! sagte der kleine Kosmopolit . Blicken Sie heiter ! Wir wollen gut diniren - es schlägt fünf - zwei alte Freunde von mir - hochangesehene , wichtige Springfedern der Maschine ... Spartakus trat ein und überreichte Visitenkarten von zwei Herren , die den Baron von Dystra bei etwa gelegner Zeit zu sprechen wünschten . Die eine war gestochen , die andre geschrieben . » Dankmar Wildungen « , » Louis Armand « las Dystra für sich und bedauerte , die Herren jetzt nicht empfangen zu können ... Er wollte , da ihm der Name Wildungen auffiel , selbst in ' s Vorzimmer . Aber die Fremden schienen sich schon eine Antwort gegeben zu haben ; denn als sie einen Offizier in Generalsuniform und bald darauf einen Herrn in Civil mit vielen Orden von den Schwarzen empfangen sahen , waren sie nach Abgabe ihrer Karten verschwunden ... Rudhard wurde den beiden vornehmen Größen als ein Geistlicher aus Odessa vorgestellt . Die Nebenthür öffnete sich . Ein erleuchtetes Zimmer bot ein geschmackvoll servirtes Diner , das nicht ganz so heiter von Statten ging , wie es der Wirth wünschte . Seine beiden Jugendfreunde , General Voland von der Hahnenfeder und Ritter Rochus vom Westen , waren , obgleich Beide in ihrer Art auch wahre Ritter vom Geiste , doch unter sich nicht auf gleichen Ton gestimmt und Rudhard litt unter dem Druck seiner häuslichen Angelegenheiten . Der General führte zwar fast allein die Conversation , allein sie knüpfte nur an Amerika , an die bedienenden Schwarzen , an die Pyramiden , an die Bauten von Niniveh an . Erst am Schluß der Tafel horchte Rudhard auf , als Dystra zufällig wieder die Visitenkarten in die Hand nahm und die Gesellschaft fragte , ob ihnen diese Namen bekannt wären ? Wie , sagte der General , diese beiden merkwürdigen , alle Welt interessirenden Charaktere ? Und ehe noch Dystra Rudhard an den Namen Wildungen erinnerte , der ihn nun erst selbst überraschte , hatte Spartakus angezeigt , daß jene Herren wieder draußen wären , um zu erfahren , wann sie Massa aufwarten dürften ? General Voland hatte schon die Karten , als Sammler , zu sich gesteckt ... Ja , sagte Ritter Rochus , ein feiner , geschliffener Weltmann , die Gebrüder Wildungen sind die Löwen des Tages - Und Louis Armand ... O , Das ist ja der intimste Freund des Premierministers - Darauf hin war Otto von Dystra schon aufgesprungen , um selbst hinauszugehen ... Soll ich sie zum Dessert , zum Kaffee eintreten lassen ? fragte er , der Zustimmung fast gewiß ... Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armand ' s Stande sprechen , aber schon hatte der Baron das bedeutsame Schweigen seiner diplomatischen Gäste für Zustimmung genommen , schon war er hinaus und sprach durch die geöffnete Thür in das Vorzimmer , wo Rudhard Dankmar ' s Stimme nicht hören konnte , ohne nicht aufzustehen und ihn an der Schwelle zu begrüßen . In einem Hotel sind die Räumlichkeiten beschränkt . Dankmar und Louis waren schon veranlaßt , einzutreten , während noch der General und der Ritter überrascht , verlegen von den Stühlen aufstanden . Man wird Dankmar ' s Erstaunen , Louis Armand ' s Schrecken ermessen , als in leichter weltmännischer Weise der kleine Baron die Namen : General Voland und Ritter Rochus nannte . Diese selbst waren nicht wenig begierig auf die eigenthümliche Situation , die sich hier für sie ergab . Seltsames mußten sie ohnehin schon bei Dystra erwarten . Rudhard ' s freundliche Bewillkommnung löste einstweilen die wirklich ängstliche Spannung . Elftes Capitel Voland von der Hahnenfeder Drängt der Gegenstand , meine Herren , der Sie zu mir führt und mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gewährt ? begann Otto von Dystra mit wohlwollendster Bonhommie und mit einem Blicke andeutend , daß die Zahl der Tassen vermehrt würde . Er nöthigte die Gesellschaft in sein Wohnzimmer zurück , als Dankmar mit raschem Blick sich orientirend Louis Armand zugeblinkt und gesagt hatte , es dränge nicht und auch ein ander Mal fände sich Gelegenheit zu ihrer Erörterung . Die in Livreen gesteckte Bedienung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran . Man nahm Platz , Dystra theilte Cigarren aus ... Hier wurde ein Nachmittag unter andern Verhältnissen gefeiert , als in der Neustraße , drei Treppen hoch , bei Eulalia Schievelbein . General Voland hat erklärt , daß Sie Beide , meine Herren , berühmt und interessant sind , sagte Dystra . Ich kann das Letztere erst als Physiognomiker unterscheiden . Warum Sie berühmt sind , gesteh ' ich armer hier in Europa über Nacht aufgeschossener Pilz nicht zu wissen - aber General Voland hat Ihre Visitenkarten eskamotirt und von gewöhnlichen Menschen thut man Das nicht . Es klang wie eine dämonische Satyre , als der General erklärte : Herr Dankmar Wildungen ist auf dem Wege , der hiesigen Stadtkommune ein bis zwei Millionen durch einen höchst romantischen Prozeß abzugewinnen und Herr Louis Armand ist jener junge Franzose , der mit unserm jetzigen Chefminister , dem Fürsten Egon , durch die engsten Bande der Freundschaft verbunden ist . Ritter Rochus hätte sich die Lippen abbeißen mögen , wenn er seine meist falschen Zähne nicht zu scheuen gehabt hätte und behutsam in ihnen stocherte ... Rudhard , der die Verhältnisse kannte , mußte über die Erklärung des Generals lächeln , die Louis in Verlegenheit setzte zur großen Befriedigung des Ritters , der schon die Feder spitzte , um seinem Hofe diese merkwürdige Begegnung in seinem gewählten , nur etwas schwülstigen Style zu schreiben . Dankmar erzählte zum lebendigsten Antheil Rudhard ' s auf dessen Nachfragen in aller Kürze den Verlust seiner Mutter , sein Erstaunen über Siegbert ' s langes Schweigen , die Ergebnisse seines Aufenthalts in Schönau und Randhartingen , so weit sie ihm bekannt waren und Dystra dachte : Siegbert ! Das ist dein Nebenbuhler ! Und diese Angelegenheit führt die jungen Männer zu mir ! Inzwischen wurde Louis schon vom General Voland und dem Ritter Rochus in ein Gespräch verwickelt , bei dem es ohne Ironie über den verlegenen , bescheidenen Arbeiter nicht ablief . Dystra , laut vor sich hinbrummend : Romantisch ? Romantisch ? Prozesse sind nie romantisch ! sorgte für die Bedienung . Dankmar fand Gelegenheit , den besternten Herrn und den General , zwei Lichter der Welt , zu mustern . Ritter Rochus vom Westen war in jungen Jahren ein Gelehrter gewesen , dann in die diplomatische Laufbahn gekommen , jedoch immer nur als Attaché benutzt worden . Er schrieb Berichte sowol für die Zeitungen , die seine Regierung subventionirte , wie für den Premierminister selbst , besonders aber die Gemahlin desselben , deren Neigung zu scharfen Persönlichkeiten und zur Médisance er kannte . Er überwachte seine Chefs in Paris , in London , in Konstantinopel und Athen . Bei diesen verschiedenen Stellungen hatte er Otto von Dystra kennen gelernt , der vor seiner Bildung , seinen antiquarischen und philosophischen Studien die größte Hochachtung empfand . Damals war es leicht , sich einen Anstrich von Frei-muth zu geben . Der Chevalier vom Westen galt für geistreich , fein und witzig . Er imponirte selbst in Florenz den Alterthumsforschern , in Stambul den reisenden Orientalisten , in Paris trieb er Sanskrit und ließ griechische Handschriften wieder neu aufkratzen , trotz Letronne und Villoison . Schrieb er ein politisches Memoire , so wurde es in allen Salons seiner Hauptstadt bewundert und von dem Gemahl der geistreichen Frau , die ihn protegirte , an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung übersandt . Das währte bis zur Revolution . Die alten adligen Repräsentanten in der Diplomatie wurden damals gestürzt . Ritter Rochus vom Westen wurde erst in ' s Ministerium berufen , dann , als er den verschiedenen Phasen der Revolution bald zum Opfer fiel , zu einer großen Legation beordert . Hier machte er sich mit Meisterschaft geltend . Er haßte den Staat , zu dem er als Wächter gestellt wurde , ohne grade den Staat , den er selbst vertrat , besonders zu lieben . Er hätte Philosoph genug sein müssen , die Erbärmlichkeit der Zumuthungen , die ihm der Gang der Ereignisse stellte , zu verachten , allein es flossen ihm außerordentliche Summen zu , die ihm eine glänzende Stellung gaben und sein natürlicher Hang zur Intrigue fand eine Nahrung , die ihn immer in Athem erhielt . Seine Studien waren zum größten Theil abspringend und oberflächlich gewesen . Zu ihnen zurückzukehren war ihm um so weniger Bedürfniß , als ein angeborner , gutgeschulter Geist ihn auch der Nothwendigkeit zu überheben schien , nur todte Materialien zu sammeln . Dieser scharfe Kopf übersah die Zeit vollkommen . Er war vollkommen überzeugt , daß die Welt ein großes Chaos erwarte und daß der ganze Wirrwarr des Tages eigentlich leer und erbärmlich zu nennen sei . Après nous le déluge ! war seine stehende Redensart . Er erklärte hundert Mal des Tages , daß ihn ein Grauen überfiele , wenn er dächte , daß die Schläuche des Äolus sich einst entladen und über die Welt hin die Stürme der demokratischen Bewegung blasen würden , und so weit ging er schon vor Dystra , ja vor Voland sogar , daß er die Berechtigung dieser Bewegung anerkannte und welthistorisch auf demselben Standpunkte sich befand , den er in Folge seiner Stellung bekämpfte . Diese Intelligenz schrieb dennoch Depeschen und Cirkularnoten in dem Style , wie ihn Metternich und Gentz eingeführt hatten . Sie nannte die Revolution eine Hydra , die Revolutionäre die Sendboten der Hölle und im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen , als wenn Niemand bemitleidenswerther wäre als grade die Fürsten , die angestammte Liebe und Treue verlangten , naiv durch die Städte reisten , vom guten Geist der Unterthanen redeten , Verweise ertheilten , Beamte , Magistrate brüskirten und nach seiner innersten Idee doch in einem wahrhaft babylonischen Irrthume und blinden Wahne lebten . Völlig abweichend von General Voland war er Neolog , las lieber Volney und Payne , als Burke und Haller , und hatte dabei in seinem ganzen Wesen das Kleinliche , Verzärtelte , Pedantische , Leichtverletzbare der alten Garçons in völligem Gegensatze zu dem Garçon Otto von Dystra , den die Natur verwahrlost hatte , der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte , um sich für Entbehrungen schadlos zu halten , die er eben so gut auch ertragen konnte . Die tiefe Lüge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Lüge in dem General Voland außerordentlich ab . General Voland von der Hahnenfeder glaubte an positive Möglichkeiten . Seine Phantasie war so schöpferisch , daß er sogar die Wiederbelebung des Todten für möglich hielt . Er lebte in einem ewigen Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich , wie ein nächtlicher Adept , der über den Stein der Weisen brütet . Er suchte eine Tinktur des Lebens auf für die Geschichte , für die Menschheit selbst . Er glaubte an Formeln , die wie ein Ecce homo , ein Bild des Gekreuzigten , auf Verdammte wirkten . Er war ein romantischer Spätling der Wöllner ' schen Periode und würde Geister citirt haben wie Bischofswerder , wenn nicht der Fluch der Lächerlichkeit auf einer solchen Nachahmung gelegen hätte , die er origineller gestaltet hätte ; denn er hätte sicher gesagt , wir wissen , daß Das Lüge ist , was wir sehen , aber unser Schauer , unsre Erwartung , unser Zittern über das Mögliche ist keine Lüge und die Dämmerung ist die eigentliche Poesie des Geistes . Auch ihm ging die Zeit in ganz andrem Lichte auf , als man auf der Rednerbühne und Ministerbank der Kammern sagen durfte . Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre Unfehlbarkeit eben so rococo , wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt und unromantisch ; er wühlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag immer mit dem Ohre auf der Erde , um den Maulwurf des Weltgeistes zu hören , immer auszuspüren , wo er die Wünschelruthe des Schatzgräbers hinlegen sollte . Eine kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht , handeln zu sollen , Entschlüsse für den nächsten schwierigen Augenblick zu fassen . Da war erst eine entsetzliche Angst , ein Zittern und Zagen über ihn gekommen . Das Regieren in alter Form , bureaukratisch , war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen . Aber was sollte er an die Stelle setzen ? Es ergriff ihn , da er nicht Rath wußte und sich tief des alten Materials der Regierungskunst schämte , plötzlich die Idee von einem allgemeinen Weltbrand . Tod , Vernichtung , Völkerkampf und aus ihm erst ein Neues , wie ein Dämon , der sich aus dem Brande erhebt , jenem Typhon gleich in Calderon ' s wunderthätigem Magus . Großartigkeit der verworrenen Anschauungen ließ sich dem General nicht absprechen . Auch bezweifelte man eine gewisse Güte des Herzens nicht und fand das Teuflische , das ihm Viele imputirten , nur in seinem Namen , d.h. - seinem Rufe . Er wirkte auf die Vögel der Unbedeutendheit wie der Blick der Schlange . Sie zitterten vor ihm und stürzten todt auf seine ausgestreckte Zunge . Merkwürdig , wie solche so Ungeheures in sich schließende Naturen so ruhig dasitzen , so plaudern , so erst Austern essen , dann Kaffee trinken können ! Dankmar betrachtete darauf den General und den Ritter scharf genug . Der Erste war über funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur , ohne jedoch durch seine Größe aufzufallen . Sein Wuchs war breitschulterig , der Kopf von bedeutendem Umfang . Ein struppiges , fast negerartiges Haar bedeckte seinen Schädel , der sich durch eine sehr breite , Verstand und Combination verrathende Stirn auszeichnete . Die Nase , die Backenknochen kräftig . Über der Oberlippe stand ein kleiner Bart , der mit dem hie und da etwas grauen Haupthaare durch seine penetrante Schwärze im Widerspruche stand und ohne Zweifel mit dem besten militärischen Hülfsmittel gefärbt war . Die Hautfarbe des Gesichts war eher grau als weiß . Ein gelblicher Schimmer fuhr über die fast erstarrten und todten Züge , die sich immer gleich blieben , immer eine scheinbare innere Regungslosigkeit bezeichneten , in Wahrheit aber nur von der großartigsten Selbstbeherrschung und einer wühlenden , lauernden Beobachtung herrührten . Die Augen , die aus kleinen Höhlen funkelnde Blitze schossen , widersprachen der kirchhofähnlichen Ruhe dieses Antlitzes . Der Mund bewegte sich , wenn der General sprach , nur mäßig . Es schien ihm unbequem , daß die Lippen die Reserve dieser Gesichtszüge stören sollten . Selbst wenn der General etwas Heitres äußerte , bewegten sich die Flächen um die Mundwinkel nicht im Mindesten in jene mephistophelischen Falten hinüber , die oft die gutmüthigsten Menschen satyrischer erscheinen lassen , als ihr Herz denkt . Man kann nicht sagen , daß der General nur etwas Unheimliches hatte . Im Gegentheil flößte sein beobachtendes Wesen Vertrauen ein , er war zuvorkommend , ohne zudringlich zu erscheinen ; er wollte gewinnen und gewann oft . Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebäumte wirre Haar gab ihm etwas Ängstliches . Er bewegte sich in der Uniform , die neu und sehr geschmackvoll war , mit etwas beklommener Haltung . Man sah ihm an , daß er nur durch Zufall , nicht aus besondrer Leidenschaft Militär war und daß er sich im Frack , den er auf seinen vielen offnen und geheimen Missionen trug , freier bewegte . In bürgerlicher Kleidung mußte General Voland noch einen bedeutenderen Eindruck machen . Dankmar , Louis und Rudhard wußten , daß der General , der zufälligerweise Katholik war , in dem Rufe stand , der Hierarchie Vorschub zu leisten und eine große Vorliebe für das Mittelalter zu hegen . Er war der Erzieher des jungen Königs gewesen und hatte wohl verstanden , ihm jene träumerische Richtung und jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflößen , durch welche man Zeitlebens einen einmal auf so hohe Herrschaften errungenen Einfluß auch dauernd behaupten kann . Der König sammelte schon als Kind Käfer und Schmetterlinge , als Jüngling Siegel und Wappen , als Fürst Münzen , Waffen , Urkunden , Manuscripte , Glasmalereien . Gab es keine politischen Meinungen auszutauschen , so tauschte man alte Siegel und Gemälde aus . Jedes Ministerium , das mit Verzweiflung seine Maßnahmen von dem Spiritus familiaris der » kleinen Cirkel « durchkreuzt sah , war in seinen Vorwürfen und Anklagen dadurch widerlegt , daß der General Voland mit dem Könige ja nur über wissenschaftliche und künstlerische Zwecke korrespondire . Schon oft war es geschehen , daß eine Berechnung des Generals nicht zutraf , seine politischen Rathschläge Mistrauen erregten ; eine streng lutherische Partei , die immer daran Anstoß nahm , daß man einen Katholiken so nahe an die Person des Monarchen herantreten ließ , unterließ niemals , jede Blöße , die sich der allweise und allberechnende Rathgeber doch oft genug gab , schonungslos aufzudecken ( und in früheren Jahren that dies Niemand rücksichtsloser als Propst Gelbsattel ) , allein der General war nicht zu entfernen ; denn wer durfte dem Fürsten zumuthen , seine kleinen Neigungen und harmlosen Studien aufzugeben ? Voland reiste auch wohl , wenn ihm irgend eine Berechnung misglückt war , auf irgend einen außerordentlichen Botschafterposten oder mit einem militärischen Auftrag , den man ihm nach Außen hin gab , allein wer konnte hindern , daß er ein altes Breviarium fand mit schönen Miniaturen , das er der Königin schickte oder an den König selbst ein paar alterthümliche eiserne Sporen , deren der König nicht genug sammeln konnte ? So erhielt sich immer der vertraulichste Verkehr . General Voland war niemals abgenutzt und bei allen seinen gescheiterten Plänen und Rathschlägen immer neu , immer interessant , immer dem Hofe nach tiefster Neigung willkommen . Ritter Rochus vom Westen , eine glatte Salonfigur , mit reizbar beweglichen Mienen , stechenden Augen verschwand neben dem General , der seit einiger Zeit über den allgemeinen Weltbrand grübelte . Man konnte beide berühmte Männer so unterscheiden : Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge ; aber Voland durch Feuer und Ritter Rochus durch Wasser . Der mystische Krieger war in dieser Art Vulkanist , der skeptische Diplomat Neptunist . Après moi l ' enfer ! sagte der Eine . Après moi le déluge ! der Andre . Die genauere Angabe , in wiefern Dankmar hoffen könne , von der Stadt eine so gewaltige Summe , wie Voland eben gesagt , zu gewinnen , führte den General gleich mitten auf ein Terrain , wo er heimisch war und wo ihm Niemand gleichkommen konnte . Er hatte die genaueste Kenntniß über den Dystra so überraschenden Wildungen ' schen Prozeß und schien sogar die Akten zu kennen , ohne dies jedoch einzugestehen . Er besaß die Gabe einer fließenden Darstellung und war mit einem milden wohltönenden Organe ausgestattet . Man hörte ihn gern reden . Er sprach ohne Leidenschaft , immer anregend und aus der Fülle der Thatsachen heraus , die ihm wie Keinem zu Gebote standen . Er sprach sogleich über die Templerei und die Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlaßte seinen Jugendfreund Otto von Dystra , mit dem er zusammen in der Schweiz ( nicht bei den Jesuiten , sondern in Hofwyl bei Fellenberg ) erzogen war , zu der Frage : So wäre wol auch bei dem königlichen Schlosse Buchau im Westen die alte Ruine , der Tempelstein genannt , im Zusammenhang mit ... Der Tempelstein ist eine alte Kommende des im Jahre 1310 in Deutschland de jure , aber nicht de facto aufgehobenen Tempelherrenordens , begann der General sogleich im sichersten Vollgefühl der Thatsachen . Jener Tempelstein diente mehr der ritterlichen Bestimmung des Ordens , während die an seinem Rücken gelegenen Trümmer einer Abtei angehörten , an die sich die kirchliche Bestimmung desselben schloß . Der Tempelstein lieferte die zahlreichsten Contingente nach dem gelobten Lande und entsprach in dem im Ganzen schon damals geistig trägen westlichen Theile Deutschlands noch am Meisten der Bestimmung der Tempelhöfe , nämlich nur Werbeplätze zu sein für die Kreuzzüge . Da sollte die Trommel mit der Predigt , das Exercitium auf dem Waffenplatz mit der Messe abwechseln ... Der Ritter Rochus lachte über die beginnende Salbung des Vortrags und die Fährte der Ideen , in die hier der General gerieth ... Ganz so wie manche fromme Generäle es jetzt bei Euch hier halten wollen , bemerkte Otto von Dystra zu nicht geringem Erstaunen des fein lächelnden Dankmar , der entweder bei ihrem sonst so freundlichen Wirthe eine offenbare satyrische Absicht auf den General voraussetzte oder annehmen mußte , daß Otto von Dystra die gegenwärtige ideelle Stellung seines Jugendfreundes nicht kannte ... Vom Beten , bemerkte Rudhard , mag damals doch wol nicht viel geworden sein , soviel Breviere die Ritter auch in ihrem Sattelzeuge versteckt haben mochten . Die Templer sind als übermüthige Kumpane im ganzen Mittelalter verschrieen gewesen und das Sprichwort ging überall : Er trinkt , wie ein Templer ! Diese rationell-kritische Bemerkung streifte natürlich den Duft sehr von den Erinnerungen ab , auf die General Voland mit besondrer Vorliebe einging . Ausnahmen ! sagte er , den dunkelschwarzen Kaffee schlürfend . Späterer Verfall ! Unter den Johannitern schlummerte leider der große welthistorische Zweck dieses Ordens immer mehr ein und zur Zeit der Reformation waren seine Besitzungen nur eine Beute der Habgier und Gewissenlosigkeit von Seiten der untreuen Ritter selbst . Ihr Ahn , Hugo von Wildungen nur , blieb mannhaft und stät ... Wir sind hier in der Stadt Rom , bemerkte Dystra , der die Genealogie der Wildungen ' schen Ansprüche nun kannte . Stocken Sie nicht , Voland ! Man darf hier Das scheinen , was man ist . Die Weine des Hotels schienen auf ein gewisses Negligé der Verhältnisse und Äußerungen gewirkt zu haben . Doch nicht Jesuit ? sagte Rudhard gereizt . Ich gönne unsern Freunden Dankmar und Siegbert alle Schätze dieser alten Verlassenschaft aus dumpfen und geistesunfreien Zeiten , aber im Grunde stammen Ihre Ansprüche von der jesuitischen Pfiffigkeit her , daß Rom sagte : Hugo von Wildungen hat mannhaft und stät gehandelt , wie der Herr General sagen , allein die Klugheit gebeut , in partibus infidelium , unter den Ketzern , festen Fuß zu behalten . Wir dispensiren ihn von dem Ordensgelübde persönlichen Nichtsbesitzes und gestatten ihm , sein Theil zu nehmen , wie die andern Räuber auch . Ritter Rochus , der im Cigarrendampf sich etwas unbehaglich fühlte , horchte auf . Dieser Erguß sprach seine Ansicht aus , er kam ihm nur etwas zu scharf stylisirt vor . Er war solcher Derbheiten im Urtheilen entwöhnt und hatte sie früher nur als Gelehrter oder in Korrespondenzen an Zeitschriften gekannt . Ich bezweifle , sagte General Voland mit der ihm eignen Ruhe , daß diese Licenz des päpstlichen Stuhles eine jesuitische Einflüsterung war . Ich bezweifle es nicht , sagte Rudhard mit Nachdruck ; aber der General erwiderte : Mein Grund ist der , daß jene Licenz des Komthurs Hugo von Wildungen aus dem Jahre 1539 stammt , die Bulle aber , die den Orden der Jesuiten bestätigte , vom Jahre 1540 herrührt , dem 27. September 1540 . Dankmar staunte theils über die Bekanntschaft mit seinen Angelegenheiten , theils über des Generals vielseitigste Kenntnisse , und Dystra mußte über diese treffende Widerlegung lachen . Er bat den Pfarrer , sich mit dem General , der sehr wenig gegessen hatte , an dem Brete mit Dessertweinen zu versöhnen , das eben Spartakus voll kleiner geschliffener Gläser servirte und damit den ganzen Beifall des Ritters Rochus fand , der über Weine und Süßigkeiten so scharfsinnig sprechen konnte wie ein Philolog über verschiedene Lesarten . Rudhard war aber in seinem Fahrwasser . In solchen Ideengängen gab er sich nicht zufrieden und stieß mit Niemand gleich versöhnt an . Er behauptete , es hätte Jesuiten gegeben , lange vor der förmlichen Anerkennung des Ordens . Der Jesuitengeist , sagte er sogar mit Paradoxie , ist älter als Loyola . Hildebrand und Innocenz waren schon Jesuiten ... Wenn Sie es so meinen , Herr Pfarrer , bemerkte der Chevalier vom Westen , so haben Sie Recht . Geben Sie nach , Herr General ! Bei einem Glase so vortrefflichen Curaçao kann man die Jesuiten nur deshalb leben lassen , weil sie sich um die Bodenkultur Amerikas verdient machten . Der General war aber in seinem Vortheil . Siegreich wie ein Wörterbuch , majestätisch wie ein Conversations-Lexikon , äußerte er Folgendes : Loyola nahm die Idee der geistlichen Ritterorden wieder auf , aber in andrer Gestalt . Er wollte mit den Waffen des Geistes kämpfen . Der Geist jener Zeiten war der Glaube . Loyola , selbst Soldat , von unbestrittner Tapferkeit , ist - ich theile seinen Fanatismus sonst nicht , ob ich gleich Katholik bin - Loyola ist deshalb ein so merkwürdiger Mensch , weil er im Stande war , als Krieger die Macht der geistigen Waffen anzuerkennen . Es verräth viel Einsicht , daß er fühlte , wie sehr das Ritterthum der Waffen im Abnehmen war . Er ahnte schon das Schicksal des Don Quixote , den Cervantes zum letzten Ritter des Mittelalters machte , und zog für sich ganz allein nach dem gelobten Lande , um die Türken nicht mit dem Schwerte , sondern durch den Glauben zu bekehren . Er war ein Kreuzfahrer auf eigne Hand . Als er sich natürlich überzeugt hatte , daß es ihm unmöglich war , einen Türken zu bekehren ( aus Rücksicht auf unsre Bedienung , sagen Sie wol nicht : Einen Mohren weiß zu waschen ? schaltete der Chevalier unruhig ein und setzte seinen Curaçao auf den Tisch zurück ) , kehrte Ignaz nach Europa zurück und beschloß , das Kreuz unter den Christen selbst zu predigen . Die inzwischen eingetretene Reformation bot ihm für diese eigenthümliche Auffassung der Kreuzzüge - später haben die Freimaurer sehr geistlos dieses nach innen gewandte Tempelbauen und Tempelpflegen nachgeäfft - bot ihm , sag ' ich ... Rudhard biß sich auf die Lippen und räusperte sich . Ich sage , fuhr der General fort , später bot ihm die Reformation ein günstiges Schlachtfeld und wiederum ehrte es den Krieger , daß er geistige Waffen vorzog - Gift und Dolch ! schaltete Rudhard heftig ein . Voland ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen . Nennen Sie Das Gift und Dolch , sagte er , daß Ignaz , ein drei und dreißig Jahre alter Soldat , in Barcelona sich in eine kleine Knabenschule setzte , unter Kindern ein Fibelschütz wurde und lateinisch lernen wollte ? Ignaz zog