auch wenn sie nicht mich , sondern andere treffen , berühren mich stets als Unerträgliches und bestimmten mich auch hier zu Schritten , die mir die Dankbarkeit der jungen Frau , aber freilich auch die Feindschaft ihrer Mutter und ihres Mannes eintrugen . Dieser wurde zum Überfluß auch noch eifersüchtig und gab mir schließlich den Rat , mich um die Angelegenheiten seiner Frau nicht weiter zu kümmern , auf welche Drohung hin ich nur antwortete : » daß ich meinen Eifer von jetzt ab verdoppeln würde « . Dasselbe sprach ich auch gegen die Mutter , eine vom unerträglichsten Herrschsuchtsteufel geplagte Närrin aus , als sich dieselbe veranlaßt sah , einen ähnlich hohen Ton wie der Schwiegersohn gegen mich anzustimmen . Inzwischen war der Winter herangekommen und der Prinz Heinrichsche Hof übersiedelte wie gewöhnlich von Rheinsberg nach Berlin . Auch Madame de Verelst bezog wieder ihre Stadtwohnung , ebenso Frau von Elliot . Diese letztere nunmehr jeder Selbständigkeit und jeder Freiheit zu berauben , war ein mittlerweile herangereifter Plan . Ich sah klar , daß man gewillt war , die junge Frau , sei ' s mit , sei ' s ohne Zustimmung , auf ein Elliotsches Schloß zu schaffen , um sich derweilen ihres Vermögens bemächtigen zu können . Und das zu hindern , wurde von nun an meine Aufgabe . Bald nach Neujahr 1783 erfolgte Elliots Versetzung vom Berliner Hof an den Kopenhagener . Er akzeptierte die Versetzung und ließ seine Frau samt einem vierjährigen Töchterchen mit der Weisung zurück , ihm in der schönen Jahreszeit zu folgen . Aber Frau von Elliot war nicht gesonnen , dieser Weisung zu gehorchen . Voll Abneigung gegen ihren Gatten , erbat sie sich meinen Rat in dieser Angelegenheit und führte dadurch einen Briefwechsel herbei , der zunächst den heftigsten Zorn der Mutter erregte . Sie setzte sich denn auch mit Elliot selbst in Verbindung und vereinbarte folgenden Plan . Er , Elliot , solle plötzlich erscheinen , in die Zimmer seiner Frau dringen , ihre Büreaus erbrechen , die sträfliche Korrespondenz an sich nehmen und unter Androhung eines gerichtlichen Verfahrens die Zustimmung der jungen Frau zu jedem von Mutter und Ehemann gewollten Schritt erzwingen . Auch hinsichtlich der vierjährigen Enkelin wurden Bestimmungen getroffen ; das Kind sollte für immer bei der Großmutter bleiben und von dieser erzogen werden . Auf all dies ging Elliot ein , erschien wirklich in aller Plötzlichkeit in Berlin , bemächtigte sich der Papiere , zugleich auch des Kindes und schickte das letztere dieselbe Nacht noch in Begleitung eines vertrauten Dieners nach Kopenhagen . Er folgte selbst tags darauf , ohne seine Frau gesehen zu haben . Nur mit seiner Schwiegermutter , die gegen die dem Programm widersprechende Wegführung ihrer Enkelin protestiert hatte , war er schließlich in eine heftige Streitszene geraten . So der erste Akt . Einige Zeit danach erhielt ich einen Brief Elliots , in dem es hieß , es stünde jetzt in seiner Hand , mich der Strenge des Gesetzes oder des Königs in Person zu überliefern , er verzichte jedoch darauf , wenn ich meinerseits nach Dänemark kommen und mich in der Nähe von Kopenhagen mit ihm schlagen wolle . Das war eine sonderbare Zumutung . Ich antwortete ihm , daß er ein Narr wäre , dem nachzulaufen ich nicht die geringste Veranlassung hätte ; während seiner Anwesenheit in Berlin hätte sich notwendig die Zeit zu solcher Begegnung finden müssen , das wäre das Korrekte gewesen , jedenfalls korrekter , als per Post abreisen und nachträglich eine solche Bravade in die Welt zu schicken . Auch an Madame de Verelst schrieb ich , unter nur zu gebotenem Hinweise darauf , wie wenig geraten es sei , derlei Familienangelegenheiten an die große Glocke zu hängen . Elliots Freunde veröffentlichten inzwischen Elliots Brief an mich und behaupteten : » ich habe Satisfaktion verweigert « . Das zwang mich nunmehr , auch meinen Brief zur allgemeinen Kenntnis zu bringen und unter anderm eine Kopie desselben an unsern preußischen Gesandten in Kopenhagen gelangen zu lassen . All dies ereignete sich im April . Zwei Monate waren bereits vergangen , als ich plötzlich erfuhr und andere mit mir : Elliot komme nach Berlin , um sich mit mir zu schlagen . Die Sache machte begreiflicherweise Sensation und im Publikum sprach man eine Zeitlang von nichts anderem . Ich meinerseits ließ die Leute reden und wartete der angekündigten Dinge , bis ich eines Tages in Erfahrung brachte , der Generalfiskal habe Befehl erhalten , ein Renkontre zwischen Elliot und mir unter allen Umständen , ja nötigenfalls mit Gewalt zu hintertreiben . Auf diese Mitteilung hin verließ ich Berlin sofort , um mich behufs ungehinderter Ausfechtung unserer Sache hierher ins Mecklenburgische zu begeben . Es war das um so nötiger , als man seitens der Elliotschen Partei , die sich durch Rücksichtslosigkeit und Lüge auszeichnet , bereits verbreitet hatte , die angedrohte Einmischung des Generalfiskals sei durch mich veranlaßt worden . So liegt momentan der Streit . Elliot ist brieflich benachrichtigt worden , daß ich mich hier in Fürstenberg befinde . Mehr konnte mir nicht obliegen . Sobald sich weiteres ereignet haben wird , werd ' ich nicht säumen , Sie , teuerster Vater , davon in Kenntnis zu setzen . Ihr G. W. Kn . 6. Kapitel 6. Kapitel Die Krautentochter wird Ursache eines Duells zwischen Mr. Elliot und Baron Knyphausen So weit Knyphausen in seinem ersten , die Duellfrage berührenden Schreiben . Als er vierzehn Tage später einen zweiten Brief an seinen Vater richtete , hatte das Duell bereits stattgefunden , nachdem demselben ein seltsames Vorspiel , ein Überfall , vorausgegangen war . Ich gebe diesen Brief , der im wesentlichen ( alle Briefe sind französisch geschrieben ) des folgenden Inhalts ist . Baruth in Sachsen , 18. Juli 1783 . Mein hochgeehrter Herr Vater . Der letzte Brief , den ich an Sie richten durfte , war von Fürstenberg im Mecklenburgischen aus datiert . Ich schrieb Ihnen damals , daß ich Elliot von meiner Anwesenheit in dem genannten Grenzstädtchen Mitteilung gemacht und dieser Mitteilung hinzugefügt hätte , » ich befände mich daselbst , um auf ihn zu warten « . Übrigens will ich Ihnen , mein hochgeehrter Herr Vater , gleich an dieser Stelle bemerken , daß mir Fürstenberg , als zu nah ' an der preußischen Grenze gelegen , zur Ausfechtung unserer Sache nicht sonderlich geeignet erschien , weshalb ich schon damals den Plan hegte , meinem Gegner , bei seinem Eintreffen , einen Zweikampf auf schwedisch-pommerschen Grund und Boden zu proponieren . Auf solchem waren Störungen kaum zu gewärtigen . So waren vierzehn Tage vergangen , als ich eines Abends erfuhr , daß Elliot in Rostock gelandet und von dort aus , nach einem Souper in Strelitz , auf Rheinsberg zu gefahren sei . Von Rheinsberg aus aber , nach erfolgter Weigerung des Prinzen , ihn zu sehen oder zu begrüßen , habe er sich nach Hoppenrade begeben , und zunächst seiner Schwiegermutter , der Madame de Verelst , einen Besuch zu machen . Ich erwartete hiernach eine baldige Nachricht von Elliot oder einem seiner Vertrauten und saß andern Tages bei Sonnenuntergang ruhig in meinem Zimmer und las , als ich einen Kutschwagen die Straße heraufkommen und vorfahren sah . Ich rief meinem Diener zu , die Türe zu schließen , » ich wolle niemand empfangen « ; aber im selben Augenblicke sah ich auch schon einen Wütenden , etwa im Zustand eines türkischen Opiumrauchers , in mein Zimmer eindringen . Es war Elliot , der , mit einem spanischen Rohr in der Hand , ohne weiteres auf mich losstürzte . Durch eine Seitenbewegung wich ich aus , ergriff ihn und warf ihn ohne sonderliche Mühe zu Boden . Und würd ' ihn er würgt haben , wenn ihn nicht einer seiner Kammerdiener mir aus den Händen gerissen hätte . Jetzt wieder frei , zog er ein Pistol , das er mir auf zwei Schritt Entfernung entgegenhielt . Es war ein regelrechter , von drei Komplicen unterstützter Mordanfall . Ein ihn begleitender Irländer , den er mir später als seinen Sekundanten vorstellte , war mit zwei Pistolen und einem Degen bewaffnet ; ebenso führten seine zwei Leute Pistolen und Hirschfänger . In diesem bedrohlichen Moment erschien der Wirt und einige Bürger auf dem Hausflur , um mich zu schützen , fragten mich , was es sei , und machten Miene , über die Eindringlinge herzufallen . Ich hinderte dies und sagte , » daß ich alles mit dem Herrn allein abzumachen hätte « . Darauf forderte mich Elliot auf , ihm bis vor die Stadt zu folgen und mich dort mit ihm zu schlagen . Ich erwiderte , dies gehe nicht wohl an , weil ich ohne Sekundanten sei , den dritten Tag aber wollten wir uns auf neutralem Boden , in Schwedisch-Pommern treffen und daselbst unsern Streit unter Innehaltung herkömmlicher Formen ausfechten . Er wollte jedoch von einer solchen Vertagung nichts wissen und fragte mich , und zwar der Umstehenden halber auf deutsch » ob ich keine Courage hätte ? « Dies zeigte , daß er mich aufs äußerste treiben wollte . So nahm ich denn die Herausforderung an . Er ging nun auf das Stadttor zu , zunächst von seinen drei Begleitern und im weiteren von etwa fünfhundert Personen jedes Alters und Standes gefolgt . Als ich ein paar Minuten später ebenfalls aufbrechen wollte , fand ich den Bürgermeister vor meiner Tür , welcher mich beschwor , mich nicht mit Mördern einzulassen , » er werde Elliot und seine Bande verhaften lassen « . Ich lehnte diesen Beistand indessen abermals ab und erschien auf dem Rendezvous mit zwei Pistolen und meinem Diener , einem guten , nur leider wenig encouragierten Menschen , der vor Furcht halb tot war . Es dämmerte schon , aber trotz der Dunkelheit , die herrschte , sah ich doch deutlich die halb komischen Vorbereitungen , die Elliot getroffen hatte : vier Degen waren feierlich in die Erde gesteckt , acht Paar Pistolen lagen davor und daneben einige Kleidungsstücke , deren sich Elliot entäußert hatte . Ich fragte ihn » was das alles solle « , worauf er mir wutschäumend antwortete : » mich aus der Welt blasen . Er hoffe , daß es die Pistolen tun würden , wenn aber nicht , so wären auch noch die Degen da . « Niemals in meinem Leben war ich kälteren Blutes , und so sagt ' ich ihm denn in aller Ruhe : » der Umstand , daß ich noch zurechnungsfähig sei , gäbe mir einen Anspruch die Sache zu regeln . Einen Sekundanten hätt ' ich nicht , und so wollten wir denn einfach Stellung nehmen und zweimal auf fünfzehn Schritt Distance schießen . « Er aber wollte von einer solchen Regelung nichts wissen und schrie nur immer : » In des Teufels Namen , nein , nein . Wir wollen freieres Spiel haben . Ich meinerseits werde erst auf zwei Schritt Distance schießen . « Es war alles Torheit ; indessen mocht ' er es halten wie er wollte , war ich doch sicher , daß er nicht ungestraft bis auf zwei Schritt herankommen würde . So stimmte ich denn zu und nahm meine Position . Elliot hatte jedoch mittlerweile mit seinen Pistolen in der ungeeignetsten Weise herumgefuchtelt und sich dadurch neben dem Unwillen der Umstehenden auch allerlei Schimpfreden einer Gruppe von Personen zugezogen , unter denen zufällig einige Beurlaubte der königlichen Armee waren . Er bemerkte dies , und rasch erkennend , daß ihm im Fall eines Konflikts mit der erregten Volksmenge meine Fürsprache nicht retten werde , schlug er mir , einlenkend , nunmehr vor , die Sache , da es ohnehin schon dunkel sei , für heute ruhen zu lassen und an einem der nächsten Tage erst wieder aufzunehmen . Es handelte sich nun für mich vor allem darum , einen Sekundanten zu beschaffen . Ein Herr von Maltzahn hatte mir , nach einer früheren Verabredung , diesen Dienst leisten wollen , war aber behindert worden , weshalb ich mich denn gezwungen sah , eine Estafette nach Berlin zu schicken , um mich des Beistandes eines dort lebenden Offiziers , des Kapitäns Koppi , zu versichern , der mir schon einige Zeit vorher für den Fall , daß Maltzahn nicht könne oder wolle , seine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte . Koppi kam auch , forderte jedoch hundert Louis für seinen Dienst , und ließ sich einen Schuldschein darüber ausstellen , nachdem ich ihm erklärt hatte , daß mir die Summe für den Augenblick nicht zur Verfügung stehe . Den Generalfiskal hatte mittlerweile nicht aufgehört , die Sache zu verfolgen , ja mir wurde Mitteilung , daß er damit umgehe , mich in Fürstenberg verhaften zu lassen . Einer solchen Verhaftung mich zu entziehen , ging ich weiter landeinwärts und ließ Elliot , unter Angabe der Gründe , weshalb ich den Ort gewechselt hätte , wissen , daß ich ihn zu der zwischen uns festgesetzten Zeit in dem Städtchen Penzlin erwarten würde . Wer aber nicht kam , war Elliot . Erst am fünften Tage ließ er mir sagen , daß er Anfang August in Lübeck sein werde . Zu gleicher Zeit erfuhr ich , daß er in hauptstädtischen Kreisen in echt Elliotscher Weise mit der Versicherung von Haus zu Haus gegangen sei , mich in Fürstenberg » malträtiert « zu haben . Ich beschloß nun , auf jede Gefahr hin inkognito nach Berlin zu gehn und ihn am selben Tage noch , oder doch am folgenden , zum Duell zu zwingen . Es gelang mir auch , unentdeckt in die Stadt zu kommen , woselbst ihm Kapitän Koppi dieselbe Nacht noch meine Herausforderung zutrug , in der ich ihm zwischen einer Berliner Vorstadt und der sächsischen Grenze die Wahl ließ . Er wählte Baruth und zwar für den nächsten Tag . Und hier kam es denn auch wirklich zum Duell . Wir wechselten zwei Kugeln auf fünfzehn Schritt . Als dieser doppelte Kugelwechsel ohne Resultat geblieben war , verlangte Elliot mich zu sprechen und sagte mir : » daß der Überfall in Fürstenberg ihm unendlichen Schaden tue , so sehr , daß er weder aufs neue seinen Posten antreten , noch auch nach England zurückkehren könne , wenn ich dem Gerüchte , daß er mich à la mode d ' un assassin angegriffen habe , nicht in einer Erklärung entgegen träte . « Nach meiner Weigerung , eine solche Erklärung abzugeben , schritten wir zum dritten Gang . Ich hatte wieder den ersten Schuß und verwundete ihn an der Hüfte . » Geben Sie mir das Papier « , rief er mir zu , » so schieß ich in die Luft . « Ich antwortete : » Nein , mein Herr ; schießen Sie zunächst ; nachher werd ' ich mich erklären « . Er legte auf mich an , gab aber seinem Pistol plötzlich eine veränderte Richtung und schoß in die Luft . Dadurch war ich entwaffnet und gab ihm nunmehr eine noch viel weitergehende Erklärung als die war , die er von mir gefordert hatte . Noch an Ort und Stelle ließ er mich wissen , daß er nach Berlin gehe , daselbst das Scheidungs-Erkenntnis in Empfang zu nehmen , und knüpfte daran die Frage , » ob ich gesonnen sei , seine Frau zu heiraten ? « Ich antwortete , » daß dies nicht der Platz sei , darüber zu verhandeln « , worauf wir uns trennten . Er kehrte danach auch wirklich nach Berlin zurück , was er in seiner Eigenschaft als fremder Gesandter konnte , wohingegen ich erst abwarten mußte , wie man den ganzen Hergang aufnehmen werde . So begab ich mich denn zunächst in die Stadt Baruth hinein , um von dort aus nach Dessau weiter zu reisen . Aber ehe ich noch Pferde vom Postmeister erhalten konnte , wurde ich schon durch einige Gerichtsdiener arretiert , die gemeinschaftlich mit sechzehn Bürgergardisten mein Haus umstellten . Am Tage danach erschien ein Unteroffizier mit sechs Mann , der aus der nächsten sächsischen Garnisonstadt zu meiner weiteren Bewachung abkommandiert worden war . Ich schickte sofort einen reitenden Boten an unseren Dresdener Gesandten , aber alles geht hier langsam , und so verbrauch ich denn viel Geld und zwar um so mehr , als ich nicht bloß für mich , sondern auch noch für meinen Sekundanten aufzukommen habe . Man rät mir Flucht und ich werde es , aller Mißlichkeit unerachtet , versuchen . Sobald etwas in diesem Sinne geschehen ist , schreib ' ich aufs neue . Heute bitt ' ich nur noch , von dem , was sich in vorstehendem auf das Duell und meine Baruther Internierung bezieht , Abschrift nehmen und diese Kopie meines Briefes an Herrn von Gaudi gelangen lassen zu wollen . Unter der Versicherung tiefsten Respekts , hochgeehrter Herr Vater , Ihr ergebenster und gehorsamster Sohn George . 7. Kapitel 7. Kapitel Was nach dem Duell geschah Baron Knyphausen , wie sein letzter Brief es andeutete , befreite sich wirklich aus seinem Baruther Gewahrsam und kam glücklich nach Berlin . Aber freilich ohne seines Aufenthaltes daselbst froh zu werden . Er hatte durch seine Handelsweise niemanden zufrieden gestellt . Die Gerichte zogen ihn vor ihr Forum und trafen ernstlich Anstalt , ihn als einen Duellanten , Friedensbrecher und Raufbold zu bestrafen , während ihm umgekehrt die Bevölkerung , insonderheit aber die vornehme Welt , einen Vorwurf daraus machte , nicht raufboldig genug , vielmehr viel zu schwach und ängstlich gewesen zu sein . Er litt unter jedem dieser Vorwürfe , zumal unter dem zweiten , und die dieser Zeit angehörigen , an seinen Vater gerichteten Briefe geben Zeugnis von einer gewissen Niedergeschlagenheit . Ich fahre fort in Mitteilung dieser Briefe . Berlin , 30. Juli 1783 . Mein hochgeehrter Herr Vater . In meinem letzten , aus Baruth datierten Briefe , hatt ' ich bereits die Ehre , Ihnen über mein Duell mit Mr. Elliot und daran anschließend über meine Gefangenschaft in dem kleinen sächsischen Städtchen zu berichten . Gestatten Sie mir in diesem Berichte fortzufahren . Ich versuchte jedes Mittel in Dresden , meine Freilassung zu bewirken , aber man antwortete mir , » daß man trotz des besten Willens nichts ändern oder beschleunigen könne , da der Kurfürst selbst nicht das Recht habe , dem Gange der Justiz vorzugreifen . « Einem Schreiben unseres Gesandten konnte ich entnehmen , daß es das Beste sein würde , Begnadigung nachzusuchen , will sagen Pardonnierung um Geld . Ich überlegte mir , daß man mich in jenem Lande nach Willkür taxieren und meine Begnadigung auf etwa 200 Dukaten festsetzen würde . Das war mir zu hoch , und da mich auch Herr von Hertzberg um eben diese Zeit wissen ließ , » er rate mir , mich anderweitig aus der Sache heraus zu ziehen « , so beschloß ich Flucht . Ein Doppelposten hatte mich zu bewachen , indessen war mir um meiner Gesundheit willen gestattet worden , in einer Ausdehnung von etwa hundert Schritt vor dem Hause zu promenieren . Ich benutzte dies als Mittel , mich zu befreien , instruierte meinen ängstlichen , aber durchaus verständigen und zuverlässigen Diener und ließ ihn , als er genau wußte , was zu tun war , abreisen . Am andern Tage fünf Uhr früh erschienen denn auch zwei berittene Leute vor der Stadt , jeder noch mit einem Handpferde neben sich , und gaben sich , während sie ruhig einritten , das Ansehen , als ob sie die Hauptstraße der Stadt und bei der Gelegenheit meine Wohnung passieren wollten ; in demselben Augenblick aber , wo sie bis dicht heran waren , schwangen wir uns , Koppi und ich , hinauf und jagten auf das Tor zu . Die Straße war sehr lang und ehe wir den Ausgang erreichen konnten , sahen wir schon , daß man Miene machte , das Gatter von obenher herabzulassen . Jetzt galt es Eile . Auf die Gefahr hin , mir den Kopf einzuschlagen , prescht ' ich durch , Koppi mir nach , und nur unsere zwei Leute , die den rechten Augenblick versäumten , wurden gefangen genommen . Sind übrigens inzwischen auf Reklamation unserer Behörden wieder in Freiheit gesetzt worden . Unsere Flucht war also geglückt . Ich wandte mich nunmehr von Baruth aus direkt nach Britz , wo mir Herr von Hertzberg ein vorläufiges Asyl zugesichert hatte . Daselbst erfuhr ich denn auch , daß meinem Inkognito-Aufenthalt in Berlin aller Wahrscheinlichkeit nach nichts im Wege stehen werde , worauf hin ich mich , von Britz aus , in die Stadt begab . Aber sehr zur Unzeit , da bereits am anderen Morgen auf eine von Baruth her an das Kammergericht gerichtete Requisition meine Verhaftung erfolgte . Beiläufig eine Dummheit , insoweit das Kammergericht dieser Requisition keine Folge zu geben brauchte , vielleicht nicht einmal durfte . Sechs Tage später erst wurd ' ich auf Fürsprache des Herrn von Hertzberg und nach eidlicher Versicherung meinerseits , mich wieder stellen zu wollen , aus der Haft entlassen , nachdem ich all die Zeit über in der Hausvogtei ( ganz wie Vetter Dodo nach seinem Duell mit Herrn von Bredow ) eingesperrt gewesen war . Zwei Landreiter vor meiner Tür . Ich hatte bei meiner Hierherkunft wenigstens gehofft , vor einem aus der Duellgeschichte hergeleiteten Kriminalprozeß sicher zu sein , aber sehr mit Unrecht ; ein schändlicher Kerl , der Generalfiskal , hat mich , auf ich weiß nicht welche Veranlassung hin , denunziert und so wird denn doch ein Prozeß stattfinden , an dem ich wiederum das am meisten beklage , daß er mutmaßlich große Kosten verursachen wird . In meinem nächsten Briefe werde ich wohl von diesem Prozesse zu berichten haben . Bis dahin und für immer in tiefstem Respekt Ihr ergebener und gehorsamer Sohn George . Berlin , den 15. August 1783 . Mein hochverehrter Herr Vater . Meine Verhöre sind beendigt . Bei der Unzahl von Zeugen , die sowohl die Fürstenberger wie die Baruther Affäre gehabt hat , hab ' ich in bezug auf das Tatsächliche nichts verheimlichen können , aber in bezug auf alles das , was vorausging , habe ich vieles unterdrückt , entstellt und gedreht , um unseren Streit als ein » Renkontre « und nicht als ein » Duell « ( worauf härtere Strafen stehn ) erscheinen zu lassen . Im übrigen brauch ' ich Ihnen nicht zu versichern , mein hochgeehrter Herr Vater , wie sehr man bemüht gewesen ist , mich , besonders bei Behandlung des » delikaten Punkts « , in die Enge zu treiben . Sie haben , so schreiben Sie mir , von den Gerüchten gehört , die betreffs meiner umgehen , und verlangen Aufklärung darüber . Was mir zu sagen obliegt , ist kurz das : alle diese Gerüchte sind begreiflich und erstaunen mich nicht . Ich habe , dies bitt ' ich rund heraus versichern zu dürfen , zu viel Vertrauen und Entgegenkommen , zu viel versöhnlichen Geist und Delikatesse gezeigt , um auf ein volles Verständnis meiner Handelsweise rechnen zu können . Am wenigsten bei dem großen Haufen . Ich begegne hier tagtäglich Personen , auch Gebildeten , die mir ihre Verwunderung darüber ausdrücken , daß ich aus meiner Fürstenberger Situation nicht größeren Vorteil gezogen und die mir günstig gesinnte Bevölkerung nicht einfach zum Angriff gegen Elliot angeregt habe . Wohlan , soviel ist gewiß , daß ich bei solchem Verfahren in meinem vollen Recht gewesen wäre . Doch lag es mir fern , mein Recht in solcher Ausdehnung üben zu wollen . Wieder andere begreifen nicht und tadeln mich bitter , einem solchen Gegner die von ihm so sehr gewünschte » Er klärung « und in eben dieser Erklärung die Verzeihung für all seine Tollheiten gegeben zu haben . Und alle solche Vorwürfe muß ich ruhig hinnehmen . Es gibt eben wenig Personen , die von Generosität eine Vorstellung haben und sich klar machen , daß ein Ehrenhandel etwas anderes ist und einer anderen Beurteilung unterliegt , als ein Zivil- und Kriminalprozeß . Eine noch geringere Zahl von Menschen erwägt die Macht des Moments , und wie sehr der Moment angetan war , mich wenigstens vorübergehend zugunsten Elliots zu stimmen . Er schoß in die Luft , statt auf mich , und das alles , nachdem er mir eine Minute zuvor in Gegenwart meines Sekundanten erklärt hatte , » daß er , wenn ich ihn nicht rehabilitierte , sich selber eine Kugel durch den Kopf jagen müsse . « Daneben freilich , mein teurer Herr Vater , soll nicht bestritten sein , daß im Laufe dieser Angelegenheit auch meinerseits allerhand Unklugheiten und Unvorsichtigkeiten begangen wurden , Unvorsichtigkeiten , die gewiß zu tadeln sind , aber unter gewöhnlichen Verhältnissen jedenfalls minder tadelnswert erscheinen würden . Ich hatte nur von Anfang an das Unglück , in diesem Ehrenhandel mit einem Menschen engagiert zu sein , der , schon von Natur ein Narr , bei jedem aussbrechenden Streit ein Verrückter , ein Tobsüchtiger wird . Ich hoffe , mein teurer Vater , daß dies der letzte Kummer ist , den ich Ihnen bereitet habe . Wenn ich Ihnen wieder schreibe , so wird es geschehen , um Ihnen einen Plan vorzulegen , der , denke ich , Ihre Zustimmung finden soll . Ich bitte nur , ein ganz klein wenig meinem Urteil und meiner ruhigen Überlegung vertrauen und ein für allemal davon ausgehen zu wollen , daß meinerseits nichts geschehen wird , was Ihre oder meine Ehre zu kompromittieren imstande wäre . Ihr ergebener und gehorsamer Sohn George . 8. Kapitel 8. Kapitel Die Krautentochter wird in zweiter ( heimlicher ) Ehe Baronin Knyphausen » Wenn ich Ihnen wieder schreibe , so wird es geschehen , um Ihnen einen Plan vorzulegen , der , denke ich , Ihre Zustimmung finden soll « , so hieß es am Schlusse des zuletzt mitgeteilten Briefes , aber es scheint nicht , daß es zur Vorlegung dieses oder irgendeines anderen Planes kam . Als der junge Freiherr in seinen brieflichen Mitteilungen fortfuhr , war das , was sich in jenem Briefe mehr oder weniger mysteriös angekündigt hatte , bereits ausgeführt und anstatt einer zu diskutierenden Sache lag einfach eine Tatsache vor . Die Tatsache hieß : Ehe zwischen Baron Knyphausen und Frau von Elliot . Am 1. Oktober 1783 hatte die Heirat stattgefunden , indessen zunächst nur heimlich und nach gegenseitigem Übereinkommen auch nur » auf Versuch « . Dem jungen Freiherrn aber , nachdem er die betreffende Mitteilung lange hinausgeschoben , lag es jetzt ob , über all dies an seinen » Herrn Vater « zu berichten . Er tat dies in einem langen und weit zurückgreifenden Exposé , weit zurückgreifend deshalb , weil er daß Mißliche seiner Situation einsah und sich von einer im Zusammenhange gegebenen historisch-psy chologischen Darstellung am ehesten noch eine gute Wirkung auf das Herz seines alten Vaters versprechen mochte . Hoppenrade , 1. März 1784 . Seit meinem letzten an Sie gerichteten Briefe haben sich Dinge vollzogen , die Sie , mein hochgeehrtester Herr Vater , aus dem einen Umstande schon , daß diese Zeilen das Datum Hoppenrade tragen , erraten werden . Ich habe mich , nachdem bereits am 30. Juni die Scheidung ausgesprochen war , am 1. Oktober vorigen Jahres mit Frau von Elliot , geborenem Fräulein von Kraut , verheiratet , aber heimlich und , was am verwunderlichsten erscheinen mag , auf Probe . Die Reihe von Ereignissen , die zu diesem Schritte führte bitt ' ich , Ihnen noch einmal vor Augen und Seele stellen zu dürfen . Ich werde dabei manches , was ich schon in früheren Briefen sagte , wiederholen müssen , aber diese Wiederholungen werden kurz sein und keinen anderen Zweck verfolgen , als einen Zusammenhang in meiner Erzählung und einen Überblick über das Geschehene herzustellen . Fräulein Charlotte von Kraut ( ich nenne sie mit Vorliebe bei diesem ihren Geburtsnamen ) wurde , dank ihrer Mutter , mit kaum sechzehn Jahren einem Manne ohne Geist und Herz , dem englischen Gesandten Mr. Elliot , vermählt . Auch er war jung , nicht über vierundzwanzig , und glich mehr einem Pagen , als dem Minister und Bevollmächtigten einer großen Macht . Das Verhältnis zwischen beiden gestaltete sich bald so , wie sich ' s erwarten ließ und wie sich ' s überall gestalten wird , wo sich ein Kind mit einem Narren verheiratet . Indiskreter als irgendwer , den ich in meinem Leben kennengelernt habe , gefiel er sich darin , auf seiner regelmäßigen Vormittags-Tournee häusliche Szenen und eheliche Geheimnisse vor aller Welt auszukramen . Dabei kam es ihm auf die schreiendsten Widersprüche nicht an , und wenn er heute seine Frau an den Pranger gestellt hatte , konnte man sicher sein , sie morgen von ihm in den Himmel erhoben zu sehen . Dazwischen fielen Andeutungen , daß seine Frau gestört sei und zum mindesten der Überwachung , vielleicht sogar einer gelegentlichen Internierung bedürfe . Hinter Äußerungen , wie diese , deren Unberechtigtheit Elliot selbst am besten kannte , stand übrigens nicht er , sondern die Mutter der jungen Frau , die mehrerwähnte Madame de Verelst , ein hochmütiges , von einem unsinnigen Verlangen nach Macht und Besitz beherrschtes Weib , das nur den einen Wunsch kannte , die leibliche Tochter , ihr einziges Kind , unter Kuratel gestellt oder eingesperrt – oder mindestens an einen entfernten Punkt der Erde verschlagen zu sehen , alles nur , um das Vermögen dieser Tochter verwalten , das heißt also eben dies Vermögen sich und ihrem Herrschergelüste dienstbar machen zu können . Es bestand zu diesem Zwecke ein vollständiges Komplott zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn und gipfelte zunächst in Heraufbeschwörung eines öffentlichen Skandals , um an eben diesem die geistige Gestörtheit oder doch wenigstens die verdorbene Moral der Tochter demonstrieren zu können . Es wurde dies alles auch wirklich inszeniert und lief auf ein angedichtetes , absolut lächerliches Liebesverhältnis hinaus , das die junge Frau zu dem alten holländischen