... Jetzt sank er zwar nicht ganz zu dieser Vielseitigkeit herab , aber den Koch mußte er doch heute Abend mit dem Kammerherrn zu verbinden wissen ... Er versprach ein Souper herzurichten , wie es sich für eine Herzogin gebührte ... Die Mutter ordnete und schmückte die Wohnung und - sich selbst ... Das Haus war in Aufregung ... Una conoscenza della Padrona - aus Wien ... Wozu brauchte es weiterer Aufklärung ... Das beste Zimmer der Etage bot einen Ausgang auf eine prächtige Altane - das Dach eines vorgebauten , niedrigeren Hauses ... Hier war die Plateforme mit riesigen großen Blumentöpfen bestellt , mit kleinen Orangen- , großen Oleanderbäumen ... Die geöffnete Thür ließ die Wohlgerüche der Pinciogärten in das einfache , heute doppelt sorgfältig geordnete Zimmer einziehen ... Noch wurden Teppiche auf die Stellen gebreitet , die die Blumenstöcke leer ließen ... Das die unschuldigste Nachahmung der » hängenden Gärten der Semiramis « ... Ein ungehinderter Fernblick zeigte ein Häusermeer , aus dem die Kirchen , Säulen und Obelisken , schon von der sinkenden Sonne beleuchtet und rosig verklärt , emporragten ... Die Luft noch wie frühlingsmilde ... Die Mutter hätte der Welt rufen mögen : Wo ist heute eine Festesfreude , wie bei mir ! ... Marco lief hin und her und kaufte ein ... Mag er ein wenig die Ohren spitzen , mag er sogar denken : Das ist wol gar der Vielbesprochene , um den die Fürstin Rucca so manche Tasse zerbrach und so manchen Teller an den Kopf der Diener schleuderte ! ... So dachte sie ... Aber nun : Was wird Olympia sagen ! ... Da stand sie beim Arrangement ihrer Blumen still und flüsterte : Wohl ! Wohl ! Was wird Olympia sagen ! ... Mehr schon zu fassen und zu denken vermochte sie noch nicht ... Benno kam dann rechtzeitig und noch vor dem Abend ... Der Freund war nicht angekommen ... Er hieß Thiebold de Jonge - » Tebaldo « , wie man wenigstens den Vornamen behielt ... Ist es wol der ? fragte die Mutter und erzählte was sie von Lucinden über Armgart ' s drei Freier wußte ... Benno zog die gelben Handschuhe aus , knöpfte den schwarzen Frack auf , strich den langen lockigen Bart , der auf die weiße Weste niederglitt , und sagte : Es ist unwürdig , von Armgart in einem Augenblick zu sprechen , wo ich nur zu sehr verrathe , daß - ich bedauere , von Olympien vergessen worden zu sein ... Wieder dasselbe Räthsel , wie heute früh ... Die Mutter begriff diese Aeußerung nicht ... Aber sie wußte , daß die Aufklärung nicht fehlen sollte ... Jetzt hatte sie nur mit Benno ' s Person , mit dem Glück , ihn zu besitzen , zu thun und war wie eine Braut mit ihm ... Eine Braut ist in den ersten Tagen ihres Glücks ganz nur von stiller Prüfung und Beobachtung erfüllt , wie sich der Geliebteste in der ihm jetzt gestatteten engeren Vertraulichkeit des Umgangs ausnimmt ; wie ihm die Berührung mit ihrem eigenen kleinen Dasein steht ; wie ihre Blumen , ihre Bücher , ihre kleinen Pedanterieen am Nähtisch von ihm beurtheilt werden ; wie in die tägliche Ordnung des Aelternhauses sein Wesen sich bescheiden oder vielleicht gar - o Wonne und Glück ! - ihre aparten Ansichten über diesen Brauch und jenen Misbrauch den Aeltern gegenüber unterstützend fügt ... Wohl dem Bund , wo dann alles so still beklommen Beobachtete die Seligkeit des Besitzes mehrt , kein plötzlich ausbrechender Thränenstrom verräth , daß oft ein einziges , allzu sorglos hingeworfenes Wort den Cultus eines ganzen ersten Jugendlebens stürzt - Welten wie Spinneweben zerreißt ... Wohl dem Bund , wo die Harmonie der Herzen dann auch eine des Geistes und unsers irdischen , oft allerdings launisch bedingten Daseins wird ! ... Benno spöttelte immer noch gern und war nie ein - Zwirnabwickler , wie Armgart die Männer nannte , die sie nicht mochte . Aber » Mutter Gülpen « in der Dechanei hatte ihn doch ein wenig für die Schwächen der Frauen erzogen . Wo er mußte , fügte er sich dem Ton , den die Frauen lieben . Auch Gräfin Erdmuthe hatte nachgeholfen . Er kam so geschult , so rücksichtsvoll und artig , daß die Mutter ihre Freude hatte zu sehen : So nimmt er sich aus vor andern ! So gleicht er - dem bösen Vater und so gleicht er ihm auch nicht ! ... Das Haar unter dem großen Medaillon des mit Orden bedeckten weißlockigen Herzogs von Amarillas hatte er sich wieder betrachten zu dürfen erbeten ... Benno sah ebenso voll Wehmuth den Inhalt der Kapsel , wie mit Interesse das Bild des greisen Herzogs , der in jedem Zug den Spanier verrieth ... Die Politik war in der That die Seele von allem , was Benno in längerer und ausführlicherer Erörterung sprach ... Er sah sich um , ob sie unbelauscht blieben ... Die Mutter führte ihn auf die nun dunkelnde Altane hinaus ... Hier war alles still ... Da saßen sie unter den duftenden Blüten ... Ihre Hände ruhten auf dem Schoos der Mutter ineinander ... Benno ' s die Mutter außerordentlich überraschende Berührung mit den politischen Umtrieben der Jugend und den Flüchtlingen Italiens beruhte auf einem persönlichen Erlebniß ... Nachdem er seiner Fürsorge für Bonaventura ' s Gefahr noch einmal alles hatte berichten lassen , was die Mutter von Fefelotti vorgestern gehört , erzählte er es ... Sein Grübeln über den Anlaß aller dieser Lebenswirren - es war Bonaventura ' s Schmerz um das traurige Geschick seines Vaters - unterbrach er fast gewaltsam ... Er erzählte , daß er vorm Jahre mit den Depeschen des Staatskanzlers nach Triest und von dort zu Schiff nach Ancona gereist wäre - den kürzesten Weg , um Rom in Zeit von acht Tagen zu erreichen ... Auf diesem Dampfboot hätte er eine Bekanntschaft gemacht ... Ein hoher stattlicher Mann wäre ihm aufgefallen , ein Greis mit weißen Haaren , aber kräftigen dunkelgebräunten Antlitzes , eine Erscheinung , vor der die Bemannung des Schiffes ebenso wol , wie die Passagiere die größte , wenn auch etwas scheue Hochachtung bezeugt hätten ... Bald hätte er erfahren , daß dieser in einen grauen militärischen Oberrock , sonst in Civil gekleidete Mann einer der ersten Namen des Kaiserreichs wäre , Admiral der österreichischen Flotte , Francesco Bandiera1 ... Italiener von Geburt , Venetianer aus den alten Geschlechtern , hatte Bandiera die angeborene Seemannsnatur zu Gunsten des Staates ausgebildet , dem ihn die Geschicke Europas nach dem Sturz Napoleon ' s zugewiesen ... Er hatte die kaiserliche Marine ebenso vervollkommnet , wie ihrer Geschichte Lorbern errungen - er befehligte die österreichische Fregatte » Bellona « , die noch vor kurzem ein englisches Bombardement von Saint-Jean d ' Acre unterstützte ... Reisen nach Amerika hatte er gemacht und trug , wenn er sich in ganzer Repräsentation seiner Würde hätte zeigen wollen , die Brust mit Orden bedeckt - ... Die Herzogin kannte die Lage dieses Mannes ... Sie wußte , warum sein Blick so traurig und die Ehrfurcht vor ihm so scheu gewesen sein mußte ... Zwei seiner Söhne , bestätigte Benno , hatten die Loyalität des hochgestellten Vaters auf eine in Oesterreich mit Indignation , in Italien mit Jubel aufgenommene Weise compromittirt ... Attilio und Aemilio Bandiera standen als Marinelieutenants unter ihrem Vater.2 Mit dem Pistol in der Hand und im Bund mit einigen Verschworenen hatten sie sich das Commando der Fregatte » Bellona « erzwingen und mit ihr nach der Küste der Romagna segeln wollen , wo ein gleichzeitig organisirter Aufstand den Versuch einer Insurrection erneuern sollte , der schon einmal bei Forli und Rimini gescheitert war ... Bandiera selbst , der Admiral , ihr Vater , hatte sich damals den für einen Italiener zweifelhaften , für einen Oesterreicher achtbaren Ruhm erworben , die Trümmer der in Rimini und Forli gesprengten Insurrection - Louis Napoleon Bonaparte war unter den Entkommenen , sein älterer Bruder unter den Gefallenen - zur See vernichtet zu haben ... Aber der Ueberfall der Fregatte » Bellona « mislang ... Die beiden dem » Jungen Italien « affiliirten Söhne des Admirals entflohen ... Bandiera , vor dem Kaiserstaat in seinen Söhnen compromittirt , riß sich im ersten Anfall seines Schmerzes die Epauletten von den Schultern , band sich die goldene Schärpe ab , legte seine Würde nieder und begab sich nach seinem Landgut Campanede bei Mestre an den Lagunen Venedigs ; er bekannte sich seiner Stellung für nicht mehr würdig ... Die Herzogin kannte alle diese ergreifenden Vorfälle ... Wohl kannst du denken , fuhr Benno fort , wie mich der Anblick dieses Greises erschütterte ! ... Die markige Gestalt war vom tiefsten Schmerz gebeugt ... In die Wellen blickte Francesco Bandiera wie Jemand , der den Tod einem Leben ohne Ehre vorzieht ... Abgeschlossen hielt er sich von der ganzen Equipage des Schiffs ... Ich hörte flüstern , er wollte nach Korfu , wohin seine Söhne geflohen waren , wollte ihnen zureden , zurückzukehren , sich dem Kriegsgericht zu stellen , das sie ohne Zweifel zum Tode verurtheilen würde - er wollte sie ermuntern , sich der Gnade des Kaisers zu empfehlen und eine Gefängnißstrafe zu büßen , die vielleicht keine lebenslängliche war ... Auch ihm persönlich konnte dann noch vielleicht möglich bleiben , eine Stellung zu behalten , die er trotz seiner Jahre liebte ... Das Blut eines alten Seemanns fließt unruhig und geht nicht im gleichen Takt mit dem Leben auf dem Lande ... Die Mutter verstand die Schwere eines solchen Schicksals und horchte ... » Eine Mutter « , sagte sie , » ist die Vorsehung ihres Kindes ! « Das waren deine Worte , mein Sohn , als wir an Angiolinens Leiche standen ! ... Ein Vater aber , fuhr sie fort , ist der Sohn selbst ... Das ist nur Eine Person mit ihm - Vater und Sohn , beide haben nur eine und dieselbe Ehre - ... Benno seufzte ... Er verfiel auf Augenblicke in ein Sinnen . Nicht um den Kronsyndikus , wie die Mutter dachte ... Ebenso hatte Bonaventura gesprochen , der keine Ruhe mehr im Leben finden zu können erklärte , solange er wüßte , in einem Kerker der Inquisition schmachtete sein Vater ... Benno theilte die Ueberzeugung , daß Fra Federigo Friedrich von Asselyn war ... Er sah Conflicte kommen mit Friedrich von Wittekind , der ihn todt glauben mußte ... Sich aufraffend fuhr er fort : Die Begegnung des Vaters mit seinen Söhnen schien eine Scene des höchsten Schmerzes werden zu müssen ... Ich betrachtete den gebeugten Helden mit jener Rührung , die das tragische Schicksal einflößt ... Doch gerade meinen Blick vermied er ... Es hatte sich herumgesprochen , daß ich als Courier für die Regierung reiste . Meine Tasche mit den Depeschen verrieth mich ; Geheimhaltung war mir nicht anbefohlen worden ... Benno war schon so auf die Weise des politischen Lebens in Italien gestimmt daß er den besorglichen Blick der Mutter wohl verstand ... Ein Courier mit österreichischen Depeschen ist in Italien nicht vor dem Tode sicher ... Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nächte ... erzählte Benno . Die Küste der Romagna kam und verschwand wieder . Die hohen Apenninen sah das Fernrohr bald , bald verloren sich die zackigen , zuweilen schneebedeckten Höhen . Jenseits derselben lag Rom ! ... Auf die Länge war nicht zu vermeiden , daß Bandiera mit mir in Gespräche verwickelt wurde . Er erkundigte sich nach meiner Heimat . Da er sie nennen hörte , sprach er von einem mir unendlich theuern Namen , der aus dortiger Gegend gebürtig ist . Den englischen Obersten Ulrich von Hülleshoven hatte Bandiera auf der Rückreise von Rio Janeiro , wohin er die Erzherzogin Leopoldine von Oesterreich als Kaiserin von Brasilien überführt hatte , in Canada kennen gelernt ... Den Vater deiner Armgart ! ... sagte die Mutter lächelnd ... Benno erwiderte : Du sahst wol an Lucindens Schilderung , daß diese Liebe mehr ein Gegenstand des Spottes als des Glückwunsches ist ... Schon hab ' ich mich gewöhnt , sie wie meinen Stern des Morgenlands zu betrachten , dem die Lebensreise unbewußt folgt ... Ich hoffe um so weniger auf Erfüllung , als der Freund , den ich jeden Augenblick erwarte , ebenso leidet wie ich ... Mein Sohn , sagte die Mutter voll Theilnahme , es gibt in der Liebe vielerlei Wege ... Die gerade Straße führt nicht immer zu dem was für uns bestimmt ist ... Hoffe ! ... Benno hielt einen Augenblick inne und schüttelte seine ihm fast auf die Schultern reichenden schwarzen Locken ... Nach einer Weile fuhr er fort : Auf diese Mittheilung , die mich außerordentlich überraschte , wurde ich mit Admiral Bandiera vertrauter ... Daß der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag eine ganz zufällige Veranlassung hatte , schien ihn fast zu erfreuen ... Er faßte Vertrauen , als ich ihm sagte : Die Jugend des jetzigen Europa wächst in neuen Anschauungen auf ! Zwei Offiziere , die ihren Eid brächen , könnte man freilich nicht entschuldigen ; aber wie oft hätten auch die Völker und die Fürsten in diesen Zeiten ihre Eide brechen müssen ! ... Nein , wallte er auf , ich schieße sie nieder , die Fahnenflüchtlinge , Verräther an ihrem Kaiser , ihrem Schiff , dem sie angehörten , dem Palladium ihrer Ehre ! ... Die Erregung , mit der der greise Admiral diese Worte sprach , glich der des Brutus , der seine Söhne zu richten hat ... Dennoch könnt ' ich erwarten , daß diese Reise nach Korfu , wo die Söhne ein Asyl bei den Engländern gefunden hatten , die Wendung der Versöhnung nahm . Ich bemitleidete den Greis , dessen Inneres von Folterqualen zerrissen schien ... Die Mutter nahm schon längst Partei für die Söhne ... Sie machte eine jener verächtlichen Mienen , von denen auch nur , wenn innerliche Abneigung sie ergreift , die Südländerin ihre Gesichtszüge entstellen läßt ... Ihren Pahs ! und Ehs ! erwiderte Benno : Ich rechnete zu des Paters Leiden die mir vollkommen ersichtliche Liebe und Theilnahme für seine Söhne ... Sie schienen die Augäpfel seines Lebens ... Beide Söhne waren der Stolz der Mutter , die nach Mailand geeilt war , um die Gnade des Vicekönigs anzurufen ... Sie hatte tröstende Versprechungen zurückgebracht , falls die Flüchtlinge reuig wiederkehrten ... Ja im Stillen gährte in des Alten Brust die Regung des geborenen Italieners . Er glaubte vollkommen an die Möglichkeit dieser Verirrung , schrieb er sie auch nur auf Rechnung der Verführung - Er , er wollte ihnen lieber die kaiserliche Kugel vor die Stirn brennen lassen , rief er aus , als sie mit diesen Mordbrennern und Mördern in London , Malta , Korfu , wo die Junten des » Jungen Italien « säßen , Hand in Hand gehen zu sehen - Bald jedoch setzte er hinzu : Dort suchen und finden sie die Kugel sichrer , als wenn sie nach Venedig zurückkehren , ihren Richtern sich stellen und ihr Schicksal der Gnade des Kaisers empfehlen ! ... Was thun solcher Jugend , fuhr er wie - ein Italiener zu calculiren fort , ein paar verlorene Jahre ? Bis dahin ändert sich vieles . Aemilio , mein jüngerer , ist kräftig ; Attilio , der ältere , zarter - erst dreiundzwanzig Jahre alt ... Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf ... Ihr Herz schlug für die jungen Flüchtlinge , die zu jenem Bunde gehörten , von dem zwölf Logen auch in Rom wirken sollten - zu jenen Verschwörungen , um derentwillen Fefelotti und Ceccone scheinbar Frieden geschlossen ... Nur blieb sie besorglich gespannt ... Wie konnte diese Begegnung Veranlassung sein , daß Benno so plötzlich nach Rom kam und sogar , wünschen konnte , Ceccone und Olympien wieder zu begegnen ... Ihre Augen , die wie glühende Fragezeichen auf dem sonnenverbrannten Antlitz des Sohnes hafteten , sprachen : Was willst du mit alledem ? ... Mutter , sagte Benno liebevoll , ich gestehe dir ' s , ich habe bei allen diesen Beziehungen nur an dich gedacht , habe aus deinem Sinn heraus darüber geurtheilt - du hattest mich schon in Wien zum Italiener gemacht ... Divino ! flüsterte die Herzogin und küßte Benno ' s Stirn ... Benno drückte ihre Hand und fuhr fort : Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Söhnen ... Auch die Söhne schienen ihren Vater zu lieben und die Schande vollkommen zu erkennen , die sie ihm bereiteten ... Er erzählte die rührendsten Züge ihrer Anhänglichkeit ... Wie erkannt ' ich das schöne Band , das einen Sohn an seinen Vater fesseln kann - wie den Schmerz , nicht mit ihm dieselbe Bahn gehen zu dürfen ! ... Ich vergegenwärtigte mir den Mann , dessen Namen auch wir tragen sollten und sagte mir : Hättest du ihn im Leben zur Rechenschaft fordern dürfen , wer weiß , ob sein Anblick dich nicht entwaffnet hätte ... Orest tödtete seine Mutter ! wallte die Herzogin auf ... Aber die Furien verfolgten ihn ! entgegnete Benno ... Ein unheimliches Brüten trat in die Augen der Herzogin ... Sie schien sich auf die Momente Wittekind ' s zu besinnen , von denen sie selbst erzählt hatte , daß sie bestrickend sein konnten ... Sie brütete , ob sich Benno etwas daraus machen würde , sich mit der Zeit einen Wittekind zu nennen ... Fefelotti konnte mit einem Federstrich ihre Ehe legitimiren ... Für wissentliche und unwissentliche Bigamie gab es in Rom dicht an der nächsten Straßenecke die officielle Entsühnung ... In Ancona nahm ich Abschied von dem greisen Helden , fuhr inzwischen Benno fort . Obgleich das Schiff einen Tag rastete , blieb der Admiral auf seinem Elemente . Anconas Thürme schreckten ihn . Er hatte die Fahne des » Jungen Italien « auf ihnen gesehen . Er hatte die Flüchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert ... So lohnte ihm die Nemesis ... Er drückte meine Hand , ermahnte mich , wenn ich Aeltern hätte , ihnen Freude zu machen , empfahl sich dem Obersten von Hülleshoven und zeigte nach Südost , zu den jonischen Inseln hinüber . Die Heimat des Ulysses ! sagte er ... Ihm würde keine Ruhe mehr werden , deutete er damit an . Er wollte seiner Weinreben in Campanede warten . Der Gedanke an seine Gattin , die Mutter dieser geliebten Söhne , füllte sein Auge mit Thränen ... Die Herzogin machte eine Miene , als wollte sie sagen : Ah bah ! Was hilft das uns ! Kümmere dich nicht um ihn ! ... Ich erlitt in Ancona eine Verzögerung , fuhr Benno fort , weil gerade damals Grizzifalcone den Weg nach Rom besonders unsicher machte ... Der Eilwagen fuhr in Begleitung eines Detachements Carabiniers ... Ueber den Angriff bei Olympiens Hochzeit , über die Gefahr der Mutter , den Tod des Räubers hatten sich die Briefe genugsam ausgesprochen ... Dennoch kam Benno mit neuem Bedauern darauf zurück ... Dafür kürzte er die Schilderung seines Aufenthalts in Rom ab , der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der Mutter gedauert hatte ... Da entflohst du wieder ! ... sagte sie . Bereitetest meiner Sehnsucht die schmerzlichste Enttäuschung ! ... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart weiß , versteh ' ich es - und alles das nennst du deutsch ! Deutsch ist euch die Ehrlichkeit - ! ... Dein Vater war nun auch ein Deutscher und dennoch - Doch fahre fort ! ... Ich ahne - sagte die Mutter mit zagender Stimme - du lerntest die Gebrüder Bandiera selbst kennen ... Ich ging nach dem Süden , sprach Benno mit bejahender Miene , sah Neapel , schwelgte in Sorrent , kletterte über die Felsen Capris und Ischias , lernte die Sprache des Volks , die eine andere als die der Grammatik ist , und reiste nach Sicilien ... Ich machte die Reise mit einigen Engländern , die ich in Sorrent kennen gelernt hatte im Hause der Geburt Tasso ' s ... Wir stimmten beim Anblick einer alten Bronzebüste des Dichters überein , daß nach diesem Abbild Tasso die häßlichste Physiognomie von der Welt gehabt haben müßte und dadurch seine Stellung zu Leonore d ' Este eine neue und komische Beleuchtung erhielte ... Ich blieb mit diesen heitern Engländern zusammen ... Wir reisten nach Palermo ... Dort besuchten wir ein englisches Kriegsschiff , das im Hafen lag ... Wir dinirten am Bord desselben ; köstlicher und fröhlicher , als ich seit Jahren auf dem Lande gelebt ... Der Wein floß in Strömen ... Die Engländer meiner Bekanntschaft waren mit dem Kapitän von der Schule zu Eton her bekannt ... Am Tisch saßen zwei junge Männer , Italiener , die bei dieser ausgelassenen Schwelgerei die Zurückhaltung und Mäßigkeit selbst waren ... Sie sprachen Deutsch und Englisch , waren bildschön , hatten Augen von einem glühenden und doch wieder so milden Feuer - ... Wie du ! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eifersucht ... Sie weidete sich an Benno ' s Anblick , der ein edler und männlicher war ... Sage , wie - verkleidete Angiolinen ! ... entgegnete Benno ... Die Söhne Bandiera ' s waren wie Castor und Pollux ... Redete man den einen an , so erröthete statt seiner der andere ... Nach Tisch wurde auf dem freien Element bei einem Sonnenschein , der alle Herzen der Menschen mit Liebe und Versöhnung hätte erfüllen sollen , politisirt ... In der Ferne lag das rauschende wilde Palermo mit seinen Kuppeln und Thürmen ; sein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Masten ; das englische Kriegsschiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Castell und diente zur Unterstützung einer Differenz des englischen Leoparden mit der Krone Neapels 3 ... Dicht lag es an dem abgesonderten Festungshafen Castellamare ... Ich erzählte den Brüdern meine Begegnung mit ihrem Vater und fragte nach dem Resultat ... Sie sehen es , sagten beide zu gleicher Zeit und zu gleicher Zeit füllten sich beider Augen mit Thränen ... Abwechselnd , wie nach Verabredung und doch nur infolge ihrer guten Erziehung und brüderlichen Eintracht , sprach immer der eine und dann erst der andere . Ihr Gemüth schien ein einziges Uhrwerk zu sein . Was auf dem Zifferblatt der eine zeigte , schlug mit dem Glockenhammer der andere ... Sie erzählten , daß sie wol gewußt hätten , welchen Kummer sie dem Vater und der Mutter bereiteten und wie sie des erstern ehrenvolle Laufbahn unterbrächen . Sie hätten aber schon lange keinen freien Willen mehr . Einmal eingereiht in den Bund des » Jungen Italien « müßten sie vollziehen , was ihnen befohlen würde . Die Befehle kämen von London , Malta und Korfu . Nur durch diese blinde Unterwerfung und gänzliche Gefangengabe seiner eigenen Persönlichkeit könnte eine große Zukunft erzielt werden . Italien müßte frei von den Fremden , frei von seinen eigenen Unterdrückern , müßte einig werden und eine große untheilbare Republik . Ich mochte , weil dieser Wahn zu eingewurzelt schien , ihn nicht bekämpfen ... Wahn ? unterbrach die Mutter . Glaubst du , daß diese Ceccones , diese Fefelottis so zittern würden , wenn sie solche Hoffnungen für Wahn hielten ? ... Alle Cabinete Italiens fürchten sich vor diesen beiden Jünglingen ... Die Republik , sagte Benno , ist nur möglich für Völker , die in dieser Staatsform eine Erleichterung für ihre übrige tägliche Sorge , für eine vom Gewinn oder von der Furcht gestachelte einzelne Hauptthätigkeit ihres geselligen Verbandes finden . Sie ist möglich bei einem Volk , das in der Lage ist , sich täglich vertheidigen zu müssen , wie die Republiken Griechenlands ; sie ist bei leidenschaftlichen und den Erwerb liebenden Ackerbauern , wie in der Schweiz , bei leidenschaftlichen Industriellen , wie in den Niederlanden und in England , bei Handeltreibenden , wie in Holland und Amerika möglich . Jede Nation aber , die sich Zeit zum Träumen lassen darf , die nichts erzielt , nichts hervorbringt , Nationen , wie sie Südamerika , Spanien , Italien , selbst Deutschland bietet , sind unfähig zur Republik ... Die Herzogin erwiderte : Der Italiener liebt den Gewinn mehr , wie Einer ... Italien sind nicht die Gastwirthe ! entgegnete Benno und wollte dem Thema ausweichen ... Die Mutter aber hielt es fest und sah in Italien die Republik unter dem Schutz eines verbesserten Papstthums wieder aufblühen ... Rom beherrscht noch einmal die Welt ! sagte sie . Das erhöhte , zur wahren Capitale der Christenheit erhobene Rom ! ... Mit oder ohne Jesuiten ? ... fragte Benno ironisch ... Ein spanischer Jesuit lehrte , es sei erlaubt , Tyrannen zu morden ... Ketzerische Tyrannen ! ... Marco hatte sein Souper beendigt , hatte sich in seinen schwarzen Frack geworfen und ging lächelnd und schmunzelnd wie ein alter Hausfreund drinnen im Salon auf und ab ... Mutter und Sohn mußten schweigen , weil der Alte näher kam , auf die Blumenterrasse durch die halbgeöffnete Thür blickte und fragte : Altezza werden nicht mehr auf den Corso fahren - ? Marco that , als wäre es ganz in der Ordnung , wenn man hier jeden Abend ein gewähltes Souper fand ... Hier ist unser Corso - ! sagte die Mutter ... So will ich die Pferde ausspannen lassen ... blinzelte Marco und ging ... Die Pferde waren gar nicht angespannt gewesen ... Ein Miethkutscher in der Nähe lieferte sie nach Bestellung ... Wurden sie nicht bestellt , so war es eine kleine Ersparniß ... Benno , der diese kleinen Manöver , die Marco machte , um die Armuth seiner Gebieterin zu verbergen , mit Rührung bemerkt hatte , lenkte , da die Herzogin den Nachtimbiß noch etwas verschieben zu wollen Marco nachgerufen hatte , wieder auf seine Erzählung ein ... Er schilderte den Eindruck , den ihm die Brüder Bandiera gemacht hätten , als einen so nachhaltigen , daß er seit jenem Besuch des Kriegsschiffs in den Interessen dieser jungen Männer wie in denen seiner ältesten Freunde lebte ... Ich habe , sagte er , an jungen Bekannten Deutschlands die gleichen Stimmungen und Ueberzeugungen oft bespöttelt und ihnen keine Lebensfähigkeit zugestanden ; aber selten auch fand ich einen idealen Sinn in solcher Reinheit , eine dem Unmöglichen zugewandte Ueberzeugung so fest und als selbstverständlich aufrecht erhalten . Diese Brüder hatten sich ebenso zu Kriegern wie zu Gelehrten gebildet . Sie sprachen von den Wurfgeschossen bei Belagerungen mit derselben Sachkenntniß wie von Gioberti ' s Philosophie . Sie hatten Ugo Foscolo , Leopardi , Silvio Pellico , alles , was die Censur in Oesterreich verbietet , in ihr Lebensblut aufgenommen und bei alledem blieben sie Jünglinge , die wie aus der Märchenwelt gekommen schienen . Daß sie sich unter den Eindrücken der See , der rohen Matrosen , des zügellosen Hafenlebens so rein hatten erhalten können , sprach für die Mutter , die sie bildete , für die strenge Mannszucht , die der Vater übte ... Den Aeltern , sagten sie , hätten sie Lebewohl sagen müssen für diese Erde ... Der Vater hätte sie anfangs begrüßt wie - Schurken . Geschieden wäre er von ihnen wie ihr Bundsgenosse . Er wohne jetzt zu Campanede wie ein Sklave , der nur schon zu alt wäre , noch seine , Fesseln zu brechen . Die Mutter würde ihm die Freude an seinen wenig genossenen Blumen und Früchten versüßen und ihn von seinen jungen Tagen erzählen lassen , da sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm verheirathet wäre und nicht fünf Jahre ihn besessen hätte . Mögen Venedigs Gondeln , sprach Attilio , mit ihren geputzten Sonntagsgästen , mit ihren Stutzern und Damen unter leuchtenden Sonnenschirmen , an Mestre vorüberfahren und auf Campanede ' s kleine Häuser deuten , wo ihr Vater wohne - sie würden nicht lachen , sie würden ihm - um ihretwillen stille Evvivas bringen ... Ha ragione ! sagte die Mutter fest und bestimmt ... Sie hatte keine Theilnahme für den Vater , sondern nur für die Mutter und die Söhne ... Doch wollte sie diese nicht als Märtyrer , sondern als Sieger sehen ... Die Rosse sollten ihnen vom Schicksal so wild und stolz gezäumt werden , wie den olympischen , die sich drüben auf dem Monte Cavallo aus des Praxiteles Hand bäumten ... Diese Evvivas , sagte sie , werden bald laut werden und Sieg bedeuten ! ... Benno zuckte die Achseln ... In seinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels ... Es lag aber auch der Ausdruck der Kämpfe in ihnen , die schon lange in seinem Innern vor sich gingen ... Er war nie ein Ghibelline gewesen im Sinn der Bureaukratie Deutschlands wie sein Bruder , der Präsident - aber ein Welfe zu werden , wie etwa Klingsohr , Lucinde , andere Abtrünnige , widerstand ihm ebenso ... Der Mutter konnte er seine irrenden Gedankengänge nicht mittheilen ... Er erzählte nur ... Zunächst berichtete er , wie er die Brüder auf dem Kriegsschiff täglich besucht und mit ihnen politisirt und philosophirt hätte , bis das Schiff die Anker lichtete und nach Malta segelte ... Später , als die Hitze in Sicilien und bei seinen Wanderungen auf den Aetna zu unerträglich geworden , wäre auch er ihnen nach Malta gefolgt ; er hätte sie auf dem felsigen Eiland mitten unter den für sein Gefühl zweideutigen Elementen der emigrirten Verbannten wiedergefunden wie zwei Engel des Lichtes ... Schreckhaft , fuhr er in seiner Darstellung fort , war die Seefahrt selbst ... Nach Tagen der drückendsten Hitze sprang das Wetter um und ich erlebte einen Sturm . Die Küste Siciliens wurde ein einziger Nebelball . Das dunkelgraue , bald nur noch einem weißen Gischt gleichkommende Meer wälzte sich wie von einem unterirdischen Erdbeben gehoben . Das Schiff , ein englischer Dampfer , sank und stieg , wie von geheimen Schlünden ergriffen , die es bald hinunterzogen und wieder ausspieen . Jeder Balken ächzte . Der Regen floß in