ihm für ein Glas Wasser bekommen hätte ... Das ist Diogenes in der Tonne ! sagte Dystra . Er zieht ein Glas Wasser allen Capweinen vor . Man kommt zuletzt dahin . Freilich auch , fuhr Mangold mit einer Art schamhafter Verlegenheit fort , freilich auch dargebracht von so weißen , zarten Händen , mit so freundlicher Miene , unter so rührenden Umgebungen ! Dies Mädchen , Louise Eisold ist ihr Name ... Teufel ! sagte Dystra ; Sie sind sehr verliebter Natur , Inspektor ! Und die neue Bekanntschaft schlug ein , sie geht mit nach Buchau und wir sind vom Frühjahr an zu Drei Nachbarn ? Das ist noch weit im Felde ! Neue Schwierigkeiten ? Das Mädchen lachte mich aus , als ich ihr gleich nach dem dritten Worte sagte : Ich möchte sie heirathen ... Sie hielt Sie mit Recht für einen Don Juan . Mangold seufzte und verrieth , daß er noch nicht am Ziele seiner Wünsche war . Leider , sagte er , ist schon Einer da , der die Hand auf sie gelegt hat ... Lassen Sie sich nur nicht wieder wie bei der Auguste - - Nein ! Das hatt ' ich gleich weg , ich gefiel ihr besser als der ... Mangold nahm Anstand , Danebrand ' s Wuchs zu erwähnen . Der Baron war eine Miniaturausgabe von dem Schleswiger Kanonenträger . Er unterbrach sich : Eins , sagte sie , gefällt mir an Ihnen ! O die Kokette ! Ihr Amt , sagte sie , Ihr Wohnort , fern von hier , weit weg , in der schönen Gottesnatur - weg von diesen elenden Menschen , von diesen Dachkammern , diesen Katzen und Nachteulen - die aber doch noch besser als die Menschen sind ... Sprach sie so ? Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliothek , Mangold ! Viel Bücher werden Sie für die Dame nöthig haben . Wirklich ! Manchmal wie ein Buch ! Sogar in Redensarten , die sich reimen - Mangold , Mangold , vorsichtig ! Die Emancipation der Frauen fing bei den Grisetten an und scheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhören ... Vorsichtig Herr Baron ? Diesmal bin ich ' s. Sie sollten sie sehen , unter ihren kleinen Geschwistern - fünf , sechs Geschwister ... wie wir vorgestern Abend Alle Punsch tranken ... da ... Was ? Schon Punsch ? Und doch noch Tugend ? Herr Baron , wenn ich wo sage : hier gefällt ' s mir , dann muß es lustig hergehen . Ich legte gleich Hut und Stock ab , die Geldbörse heraus , Kaffee , Kuchen , Alles herbei ! ... was konnte sie machen ? Die Kinder sprangen ja deckenhoch . Sie hungern ja halb . Ich nahm Besitz von der Familie , als wär ' s schon meine eigne . Sie weinte fast , erst vor Zorn , dann vor Scham und zuletzt vor Kummer und Liebe zu den Kindern . Die leckten und schleckten ! Ich pfiff ihnen Liedchen . Das jüngste nahm ich auf den Schooß und küßt ' es mit meinem garstigen rothen Bart und küßt ' es ganz wund . Aber es strampelte und zauste mich und ich gefiel dem Würmchen . Die Louise weinte und bat mich zuletzt flehentlich , ich sollte gehen ; es käme Einer , den sie selbst nicht möchte , der sie aber liebe und den sie würde nehmen müssen . Da ging ' ich und am Morgen war ich doch wieder da und saß wieder bei ihr am Nähtisch , sie mocht ' es leiden oder nicht und die Taschen hatt ' ich wieder voll Äpfel , voll Nüsse , voll Birnen . Da wurde denn ausgetheilt , gesprungen , gesungen . Danebrand , so heißt mein Nebenbuhler , kam gar nicht . Ich will ihn in der Willing ' schen Maschinenfabrik besuchen und ihm aufrichtig meine Vorstellung machen . Er wird in sich gehen , er ist ... er hat ... Kurz , Baron , ich bring ' s schon dahin , daß ich ein gesundes , gutes , frisches , saubres , gescheutes Mädchen heimführe und gleich das ganze Nest mit Kindern auch ausnehme und in Buchau Alles lebendig damit mache . Halten Sie sich nur dran ! Das Gartenamt schlägt Ihnen den Tempelstein zu . Man braucht Geld , um die Erinnerung an Herrn von Harder ' s Verwaltung zuzudecken ! Dann bauen Sie aus und was die Frau Liebste anlangt , mein ' ich fast , es wäre nun auch für Sie Zeit , Herr Baron ... Dystra schwieg . Der Jubel des Mannes rührte ihn . Nichts für ungut , Herr Baron ... Es wäre Zeit ! sagte Dystra . Er nahm den Fez ab . Sehen Sie nur meinen chinesischen Kopf , den die Jahre geschoren haben , vielleicht auch ein wenig der Sonnenstich von Nubien und Abyssinien ... Cicero trat bei diesem Akte der Selbsterkenntniß , den Otto von Dystra vor dem Spiegel ausführte , bestürzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit , daß es erst vier Uhr und einer der Gäste schon da wäre . Es war der Pfarrer Rudhard , der dem Schwarzen folgte . Erschrecken Sie nicht , Baron - sagte Rudhard , der in schwarzem Frack und noch weißerem gebleichten Haar , als wir früher an ihm sahen , eintrat - erschrecken Sie nicht , Baron ! Ich weiß , Sie diniren um fünf - Bester Pfarrer , ich habe noch keine Toilette gemacht ... Thun Sie Das in meiner Gegenwart ! Legen Sie sich keinen Zwang an ! Ich komme früher , weil ich Sie - Er sah auf den Inspektor , der schon im Begriff gewesen war , sich zu empfehlen ... Adieu , Herr Baron , sagte Mangold . Stör ' ich ? war Rudhard ' s höfliche Entschuldigung . Wir waren schon nahe daran , grade den Pfarrer zu brauchen , bemerkte Dystra mit Beziehung auf den heirathswüthigen Mangold ... Nein , nein , sagte Mangold , so weit sind wir noch nicht . Aber Sie sollen ' s bald erfahren . Noch einige Tage bleib ' ich . Wegen dem Tempelstein können Sie getrost oben anfragen . Und nun Adieu , Herr Baron ! Damit empfahl sich der gute Mangold bis auf Weiteres und ließ den ihm so wohlwollend gesinnten Baron mit Rudhard und Cicero allein . Schon gut , schon gut , Cicero , bemerkte Dystra , beruhige dich nur ! Noch eine Stunde ist Zeit . Liegen da meine Kleider ? Gut ! Jetzt geh ! Cicero ging erleichtert . Die beiden Männer , die uns an die fern in Italien unter Goldorangen schwärmende Olga Wäsämskoi erinnern und die ganze Verwickelung einer zu tragischen Konflikten reifen Familie zurückrufen , standen sich allein gegenüber . Otto von Dystra schlug die großen Kupferwerke zu , räumte den Tisch in Ordnung , trug Rudhard selbst einen Sessel zu und verrieth , daß er doch nicht moderner Philosoph genug war , um über Das , was zwischen diesem ehrwürdigen , ruhigen , gefaßten Besucher und ihm jetzt zu verhandeln sein mußte , ganz ohne Erregung zu bleiben . Zehntes Capitel Helenen ' s Schule Was bringen Sie , Rudhard ? begann Otto von Dystra . Nachrichten von meiner kleinen entflohenen Braut ? Einen Gruß von der Fürstin ? Sie sehen so trübe und bedenklich aus ? Oder sind Sie unzufrieden , daß ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden , dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Westen heute zugleich zu Tische einlud ? Im Gegentheil , sagte Rudhard in seiner gemessenen , immer ernsten Weise . Man hört so viel von diesen beiden Männern , daß ich mich freue , sie einmal von Angesicht zu sehen . Die Fürstin empfiehlt sich Ihnen ; aber ... von Olga erhielt ich heute diesen Brief . Lesen Sie ihn vor ! sagte Dystra , indem er Anstalten machte , sich anzukleiden und durch die Lektüre Rudharden Veranlassung geben wollte , sich zu stellen , als bemerkte er seine Toilette nicht . Lesen Sie selbst , Pfarrer ! Rudhard las , indem er sich dicht an ' s Fenster stellte : » Guter Papa Rudhard ! Tante Helene hat mir gesagt , daß die Wahrheit über Alles ginge ; ich sollte dir ganz so schreiben , wie mir ' s um ' s Herz wäre und keine weitläuftigen Umschweife machen . Sie meinte : Die Lüge wäre der Leute Verderben und da du mir Das auch gesagt hast und es in der Bibel steht , so will ich auch nicht lügen und Euch nun sagen , daß ich unglücklich bin , weil ich Keinen von Euch wahrhaft vermisse , Keinen mit Sehnsucht entbehre , Paulowna und Rurik ausgenommen . « Brava ! unterbrach , die schwarzen Pantalons anziehend , Dystra den bekümmerten Vorleser , der nach einer Weile so fortfuhr : » Die Tante ist mein Schutzengel geworden , mein Erlöser , meine Priesterin . Wir haben Beide viel geweint und da unsre Thränen sich ineinander mischten , so fühlten wir , wie Georges Sand sagt , die Annäherung eines Engels , der - « Wer sagt Das , unterbrach Dystra , die Tragbänder überschlagend , wer ? Georges Sand ? Eine Lektüre , die ich ihr niemals gestattet habe ... O Rudhard ! Sie hätten sie ihr gönnen sollen , wenigstens der Mutter . Da die Tochter die Mutter haßt , die Mutter auf die Tochter eifersüchtig ist , so würde Olga auch die Lektüre der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel schöner gefunden haben als Lelia und Consuelo . Aber ich schwelge in diesem bizarren neunzehnten Jahrhundert ! Fahren Sie fort ! Weiter ! Weiter ! Rudhard fuhr fort : » So fühlten wir die Annäherung jenes Engels , der in einer krystallenen Schaale die Thränen der Menschen sammelt und damit das Paradies bewässert , wo sie sich in silbernen Thau und in goldne Freuden verwandeln . « Sehr schön gesagt , unterbrach der kleine Elegant , der sich sehr rasch und gewandt adonisirte . Ich liebe alle Phrasen , die uns irgendwie einen Trost gewähren . Krystall , - Gold - Silber ist ein Service , das immer wohlthut . Da Olga eine Russin ist , fehlt nur noch Platina . » Die Tante reiste mit einem gebrochenen Herzen « , las Rudhard . Auf der Reise ist ein gebrochenes Herz viel weniger gefährlich als eine gebrochene Achse ... ergänzte Dystra . » Sie fand zuletzt einen Trost , den einzigen , der sie am Leben ließ . Es war der Haß . La haine dans l ' amour , c ' est un mystère . « Schreibt sie Das wirklich , Pfarrer ? Wörtlich ! Ohne orthographische Fehler ? Georges Sand hat ein Drama über den Haß in der Liebe geschrieben . Vortreffliche Lektüre ! Ah , meine Braut wird Mühe brauchen , bis sie an Layard ' s Alterthümern von Niniveh und Humboldt ' s Kosmos Gefallen findet . Rudhard mußte innehalten . Der Schmerz überwältigte ihn . Tieferschüttert war er von diesen romantischen Verirrungen eines jungen seiner Pflege anbefohlengewesenen Mädchens . So war ihm einst schon Helene geistig entschlüpft , als sie den Grafen d ' Azimont heirathete ! So hatte ihn Olga verlassen ! So drohte jetzt sogar die kaltblütigere , phlegmatische Adele sich ihre eigne Welt aufzubauen ! Und er , er war verantwortlich für diese Seelen ! Dystra , der die Kennerschaft des Menschen für sein Lieblingsstudium erklärte , hatte etwas auf der Zunge von der Einseitigkeit des Verstandes und den Gefahren der Poesielosigkeit , aber er verschwieg es , dem alten Manne zu Liebe , der sich eingebildet hatte , mit Vernunfttheorieen ließe sich das menschliche Herz leiten , mit Geschichte , Logik , Realien eine weibliche Seele fesseln , das Romantische ließe sich durch einen Witz entfernen , das Dämmernde , Unbestimmte im Menschenherzen durch mechanische Beschäftigungen ersticken ... Fahren Sie nur fort , Rudhard , sagte er ironisch . Es ist sehr unterhaltend . Rudhard , der wohl fühlte , daß er eine Selbstkritik vortrug , las : » Dieselbe Empfindung in der Brust , die man Liebe nennt , kann sich in Haß verwandeln . Die Tante sagte es und ich glaube es , denn nur Auge in Auge tödtet man den Basilisk . « Sieh ! Wie war Das ? rief Dystra laut auflachend . Auge in Auge ? Basilisk ? Ist Das eine naturgeschichtliche Re-miniscenz aus Odessa ? Sie meint wohl , sagte Rudhard mit wehmüthiger Trauer , daß man einem Schmerze scharf in ' s Auge blicken müsse , um ihn langsam zu tödten . Ich habe wenigstens diese Theorie immer gepredigt . Da hätte sie das Gleichniß von der Homöopathie nehmen sollen ! bemerkte Dystra und setzte lachend hinzu : Aber Basilisken tödten ! Tödten durch Menschenblicke ! Und gleich Basilisken ! Welche Aussicht für meine künftige Ehe ! Meine Braut spricht so wild wie Eine jener Indianerinnen , die sich in Amerika mit der gefährlichen Liebkosung von Schlangen auf öffentlichen Märkten sehen lassen ... » Helene « , fuhr Rudhard fort , haßt jetzt den Prinzen Egon ; Das allein kann sie für seine Treulosigkeit trösten . Sie haßt ihn , wie der Märtyrer die Sünde haßt , die er überwunden hat . Sie verachtet diesen Egon wie die Schlange die Haut liegen läßt , deren sie sich jährlich entkleidet ! « Dystra hielt im Zuknöpfen seiner weißen Weste vor Lachen inne . Bravissima , rief er , doch etwas Naturgeschichte dabei ! Bester Pfarrer , Ihr Zögling wendet seine Kenntnisse doch mit Vortheil an ! O und sie hat Recht : Sie lehrt die Moral aller Weltdamen ! Ich fand Das in Petersburg , in Moskau , in Wien , Madrid ganz so , ja sogar die reiche weibliche Handelsaristokratie von Newyork haßt , wo sie aufgehört hat zu lieben und geliebt zu werden . Das ist ganz in der Ordnung . Ich bin begierig , ob noch mehr aus der Naturgeschichte kommt . Basilisken , Schlangen haben wir schon . Jetzt fehlen nur noch die Hyänen ! » Ich bin früh angeleitet und gelehrt worden « , fuhr Rudhard fort , daß man Wesen wie Tante Helene hassen soll ; allein nun liebe ich sie und Die , die ich geliebt habe , könnt ' ich hassen , Die , die ich verehrt habe , wie Gott und seine Heiligen ... « Dieu et ses saints ? sagte Dystra . Das ist eine katholische Reminiscenz ! Die Tante wird noch ihr Heil in der katholischen Kirche suchen , obgleich dies jetzt schon fast zu früh ist . Diese Art Damen wird erst dann katholisch , wenn naturgemäß die Huldigungen der Männer aufhören und man durch den Übertritt zur andern Kirche sich einen Verkehr mit Beichtvätern oktroyirt , der nicht ausbleiben kann und um so angenehmer ist , als diese katholischen Geistlichen das Bequeme haben , daß sie unverheirathet sind und vor allen Familienzerrüttungen sicherstellen . Also die Menschen , die sie liebte , wie Gott und seine Heiligen , die haßt sie jetzt ? Nicht wahr ? » Die hass ' ich jetzt . Ja Euch ! Euch Alle ! Meinen lieben Rurik ausgenommen und die gute Paulowna , die ich herzlich lieb behalte und oft im Geiste küsse , weil ich glaube , ich belauschte sie an ihrem Schlummerbettchen . Nur wenn wir schlummern , sind wir gut . « Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia ! » Du aber , Papa Rudhard , hast nie geliebt ! Dein Herz ist kalt wie Marmorstein . Du liebst nur Bücher und nicht die Menschen . Du hast niemals ein menschliches Herz brechen , nie Augen von Thränen erblinden sehen . Du meinst , der Mensch könnte Alles über sich gewinnen und hast auch einst Tante Helenen gesagt , sie sollte immerhin nur Desiré zu lieben versuchen ... « Wer ist Desiré ? Graf d ' Azimont ! Ah so ! Sie glaubt also nicht an die Macht der Gewöhnung ? Schlimm für Otto von Dystra ! » Du hast gelehrt , der Mensch , der gut wäre , könnte Alles , was er nur wolle . Die unglückliche Helene ! Sie liebt den Mann nicht , der ihr Gatte wurde und nun verlangst du , daß auch ich einem Manne mich vermähle , den ich nicht lieben kann ? « Aber , meine gnädigste Comtesse , lernen Sie mich doch erst kennen ! warf Dystra dazwischen und trat seinen Frack anziehend , sich musternd vor den Spiegel . Bin ich nicht der fashionabelste Elegant ? Können Fracks besser sitzen , als an einem solchen Oberkörper , wie der meinige ? Meine liebe Olga , Sie verletzen mich und meine kleinen Füße , die so klein sind , daß die Fimißstiefeln nicht einmal meinen Antinous-Kopf widerspiegeln ! » Nie werd ' ich diesen Baron von Dystra lieben , den ich nicht kenne und von dem mein Vater bestimmt hat , daß ich ihn heirathen soll . Alle die Romane , welche ich unterwegs gelesen habe , fangen damit an , daß ein Mädchen ist gezwungen worden , Den zu heirathen , welchen sie nicht liebt , und dann ist Das der Anfang ihres Unglücks gewesen . Kann ich den Baron von Dystra lieben , der schon zu alt und ... « Nicht gestockt ! » zu ... « Vorwärts ! » zu häßlich ist ? Wie er angekommen , hab ' ich einen Schrei ausgestoßen ... « En deed ! Das ist beleidigend ! rief Dystra mit unerschütterlichem Humor . Wissen Sie wohl , Mademoiselle , daß ich stark vermuthe , Sie haben sich nur vor dem Mohren gefürchtet , der mich anmeldete ? Ganz Recht , sagte Rudhard , dem diese kindliche Protestation doch zuletzt ein Lächeln abnöthigte , sie gesteht dies selbst ein . » Ein Mann will mich lieben , der sich mit Mohren , Affen und Hunden umgibt , weil er glaubt , daß ich eine Närrin bin , so dumm , wie Feodorowna Lapuschin in Odessa , die den Titularrath Kryloff heirathete , weil er ihr von Petersburg die ganze Krongarde , alle Offiziere und den Kaiser selbst , in bleiernen Figuren schenkte ! Ich werde mich niemals so unglücklich machen lassen wie die Tante , die , weil sie lieben muß , jetzt das Schicksal hat , von einem Manne nach dem andern betrogen zu werden - « Dystra bat hier Rudhard innezuhalten ; er fürchtete vor Lachen zu ersticken . Diese Feodorowna Lapuschin , die den Titularrath Kryloff heirathete , weil er ihr das Petersburger Offiziercorps in Bleifiguren schenkte - diese Helene d ' Azimont , die sich deshalb von allen Männern betrogen sieht , weil sie lieben » müsse « - nein , sagte Dystra , das ist naive Tollheit oder tolle Naivetät ! Ich liebe Olga ! Ich muß diese Unterhaltung für den ganzen Rest meines Lebens besitzen . Ich werde keinen Arzt mehr nöthig haben . Die Komik meiner Frau wird mir das Leben versüßen . Wer will mir ein Mädchen streitig machen , das ich in Gold fasse und der ich alle Launen bewillige , alle , selbst wenn sie mich ruiniren ! Rudhard fuhr bekümmert fort : » Ich will den Mann , den ich liebe , nicht anders als ewig lieben . Denn Liebe ist das süßeste und herrlichste Gefühl auf Erden . Sie ist für unser Herz Das , was die Sonne für die Erde . Nur wo die Sonne ihre Strahlen entsendet ... « Lance ses rayons ... übersetzte Dystra , um die Reminiscenz anzudeuten ... » Nur da sprießen Blumen auf , und unsre Gefühle sind Blumen . « Doch hübsch , Rudhard ! Ich finde die Stelle besser , auch wenn es Plagiate sind . » Ich bitte dich , Papa Rudhard , sage Das auch meiner Mutter , die mich nie geliebt hat und ein Herz besitzt , so kalt wie das Eis in Sibirien . « Sie hat ' s immer mit den Bildern ! Dies ist weniger gut gewählt . Es ist in Grönland kälter . » Ich bin ein unglückliches Kind , weil ich meine Mutter nicht kann so lieben , wie es die Pflicht eines Kindes ist . Sie hat schon gegen die Tante gehabt ein kaltes Herz . Niemals hat sie die Tante vertheidigt und doch war Helene unglücklich , als sie Desiré mit sich fort von Odessa nahm . Sie muß noch jetzt die Thränen auf ihren Wangen brennen fühlen , so zärtlich war der Abschied der Tante von der Mutter , aber die Mutter kann nicht lieben . Sie hat wenig geweint , als der Vater starb . « O , Das ist entsetzlich ! Das ist abscheulich ! rief Dystra jetzt ernst ... » Der Vater war ein Engel . Wir Kinder haben den Vater mehr geliebt , als Menschen dürfen , die da wissen , daß es einen Gott gibt . « Phrase ! Abscheuliche Phrase ! rief Dystra , vor liebevoller Erinnerung an seinen Freund , den Fürsten Alexei , fast zornig ... » Ich liebe meinen Vater , auch wenn dieser Vater mein Unglück wollte , daß ich die Gattin eines Menschen werden soll , den ich nicht kenne . Er meinte es gut für mich . Er glaubte , daß wir darben würden . Dieser Otto von Dystra ist sehr reich . Und ha ! wie eitel ! Seine Mohren sollten uns gleich sagen , daß er aus dem Lande käme , wo das Gold wächst . « Die Stelle ist dumm . Abscheuliche Schwätzerin du ! Oder richtiger gesagt , sie beweist , daß sie mich doch noch lieben lernen wird . Die Liebe der Frauen fängt immer damit an , es für Eitelkeit auszulegen , wenn die Männer verlangen , daß sie von ihnen erhört werden . Nur wo man künftig doch lieben wird , macht man die Frais eines solchen höhnischen Ha ! Sie denkt doch schon an die künftige Livree ihrer Dienerschaft . » Er gedachte uns reich zu machen , weil wir arm sind und er nicht wußte , wie gut Tante Helene sein kann , die mir gesagt hat , daß Alles , was sie besitzt , einst mein Eigenthum sein würde , wenn sie in ein Kloster ginge - « Da läutet ' s schon ! Das Kloster ist da ! Waldkapelle , stiller Murmelbach ! Büßende Magdalena ... Todtenkopf und vielleicht doch noch ... selbst im Kloster eine Strickleiter ! Verdammte kleine Hexe Capulet ! » Den guten Vater lieb ' ich , weil er dachte : So mach ' ich die Meinigen , die ich so jung verließ , glücklich ! Er liebte seinen Jugendfreund und beurtheilte ihn nach seinem Herzen . « Darüber sagt sie also kein Wort , daß ich ein Thor bin und aus reiner Gutmüthigkeit dem kränkelnden Freunde verspreche , mein fahrendes , abenteuerliches Leben aufzugeben , mein Vermögen in Ruhe zu genießen und es , meinen Verwandten ein Schnippchen schlagend , mit Einer seiner Töchter zu theilen ? Diese Olga müßte es doch nun sein , die mir diese Dummheit möglich machte ! Sie ist sechszehn Jahre . Von siebzehn könnte sie mein Weib werden . Auf Paulowna kann ich doch nicht mehr warten . Wahrlich , es ist verletzend ! Parbleu , so beurtheilt zu werden ! So beim besten Willen en coquin behandelt ! Diese kleine Amazone ! Wenn man Das so liest , so vorgelesen bekommt , denkt man sie sich bei alle Dem allerliebst . Es ist die neuromantische Emancipationstheorie , aber ein gutes Herz liegt doch zum Grunde . Diese Liebe zum Vater rührt mich . Wäsämskoi war ein Pedant , aber ein edler Mensch . Wenn Adele , seine Gattin , so kalt und indifferent fühlte , wie Olga beschreibt , thut er mir leid , der brave , gute Alexei ! Ich könnte die Frau hassen und gestehe Ihnen , ich bin ganz portirt für meinen kleinen italiänischen Deserteur ... Trotz dieses abscheulichen Briefes ? sagte Rudhard , gerührt von Dystra ' s gutmüthigem Humor , für den ihm eigentlich das Verständniß fehlte . Trotz dieses Briefes , an dem mich nur Wunder nimmt , daß sie meinen glücklicheren Nebenbuhler , den Maler Siegbert Wildungen nicht erwähnt . Es kommt noch ! ergänzte Rudhard diesen Einwand , der den Beweis gab , daß man im Hause der Fürstin so aufrichtig gewesen war , die Existenz Siegbert ' s nicht zu verschweigen . Aber wol nur Rudhard war es gewesen , der Siegbert in Beziehung auf Olga erwähnt hatte . Die Fürstin wäre dieser Selbstüberwindung nicht fähig gewesen . Ich will den Kelch zu Ende schlürfen , sagte Dystra ernster und setzte sich . » Der gute Vater umschwebt mich oft wie im Traume « , las Rudhard , » und sagt zu mir : Olga , vergib , ich glaubte , du wärst herzlos wie deine Mutter ! Du würdest Den zum Gatten wählen , den du nicht kennst , nicht liebst . « Gegen die Mutter ist Das ein wirklicher Haß ! bemerkte Dystra kopfschüttelnd . » Und ich sage ihm im Traume : Laß mich Den wählen , Vater , den meine Seele liebt ! Und sein Bild verdüstert sich vor Gram , daß sein hinterlassenes Weib , die Witwe Alexei Wäsämskoi ' s , den Jüngling lieben kann , den sein Kind liebt ! O Rudhard , sage Das meiner Mutter ! Sage ihr , daß es einen Gott im Himmel gibt , der sie strafen wird ! Der Herr richtet die Schuldigen . Was ist mehr eine Todsünde , die Niemand vergeben kann , als wenn ... « Les sept péchés capitaux ! unterbrach Dystra . Nun springt sie in Eugène Sue über ! » Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt ! Ich weiß es , mein Treuer flieht sie , wie ich sie geflohen bin ! Sein Segen folgt mir , seine Liebe begleitet mich . Ich will mich bilden , ich will an den heiligen Quellen Italiens schöpfen , daß ich mich erfülle mit der hohen Wissenschaft der Kunst , die er liebt , um seiner würdig zu sein . Ich lese Bücher der Poesie , aber auch Schriften der Prosa und verweile bei Allem , was zu wissen merkwürdig ist . Ich zeichne mir die schönen Gebäude ab und erkundige mich nach Allem , was in einer Stadt lehrreich zu sehen ist . Auch frag ' ich alle Menschen an jedem Ort , ob sie gut und glücklich leben können und welche Früchte bei ihnen wachsen ... « Was ? rief Dystra . Das noch einmal ! Sie fragt Jeden , welche Früchte bei ihm zu Lande wachsen ? Das Mädchen gibt entweder eine Närrin oder ein Ideal . » Von Italien aus , Papa , schreib ' ich dir wieder . Wir reisen nun über die Alpen . Wir sind immer allein . Nur die Bedienten und die beiden Mädchen . Tante will gar keine andre Gesellschaft . Nur über die Alpen wird es uns recht einsam vorkommen . Aber wir haben Muth und wenn er uns manchmal entsinkt , umarmen wir uns und sind wieder neugestärkt . Leb ' wohl , Papa ! Denke zuweilen über mein Glück nach ! Grüß ' unser liebes Gärtchen , das jetzt schon recht welk und kahl aussehen wird ! Grüße den garstigen Sensenmann auf deinem Zimmer , der uns ewig zugerufen hat : Du mußt sterben , deine Stunden sind gezählt ! Aber noch leben wir . Erst Neapel sehen und dann sterben ! Deine Olga Wäsämskoi . « Kein Postcript ? bemerkte Dystra kopfschüttelnd und satyrisch . Wohl , sagte Rudhard und las , während Dystra einschaltete : Doch ein Frauenzimmer ! » Wenn ich sage , daß ich dich hasse , Papa , so brauchst du Das nicht so ernst zu nehmen . Es ist keine Gefahr dabei . Aber dem Baron und der Mutter verschweige nichts . So lange sie mein Herz bedrohen , kehr ' ich nie zurück und sollt ' ich betteln gehen und vor den Häusern singen . Das sage ihnen ! « Oder Kunstreiterin werden oder auf dem Seile tanzen oder an dem ersten besten Pariser Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen ! Dystra ' s schmerzlicher Ton und seine ernste Miene bestätigte , was Rudhard fühlte , daß hier in der Erziehung ein Versehen begangen war . Rudhard überreichte Dystra den Brief und legte ihn , da dieser ihn nicht nehmen wollte , auf den Tisch . Was ist da zu thun ? Ich habe , begann Rudhard , das Buch der Wahrheit vor Ihnen aufgeschlagen , gleich als Sie kamen . Ich sagte Ihnen von Siegbert Wildungen , von der Mutter , von Olga ' s schnellentzündetem Kinderherzen . Helene hat alle Dem , was in dieser leidenschaftlichen Natur schlummert , den modischen , tagesüblichen Ausdruck gegeben , das Kind , statt zurückzuführen zu uns , wie eine Puppe , an der sie ihre Gefühlständeleien auslassen kann , mit sich hinweggenommen , meine dringende Aufforderung zur Rückkehr mir so beantwortet ! Den übersandten Wechsel schickte Olga gleichfalls zurück . Sie sehen den offnen Thatbestand . Was läßt sich thun ? Fassen Sie die Entschlüsse , die Ihnen die rechten scheinen ! Mein natürliches Gefühl , sagte Dystra , der sich inzwischen angekleidet hatte , fordert mich auf , entweder unmittelbar diesen Flüchtlingen nachzureisen oder Alles auf sich beruhen zu lassen und die weitere Entwickelung abzuwarten . Ich gestehe , daß ich erst jenen Siegbert Wildungen kennen lernen muß , der hier so viel heillose Verwirrung angerichtet hat . Es ist ein liebenswürdiger , nur zu weicher Schwärmer - sagte Rudhard . Ein edler Mensch , wenn er