zwei Söhnen nicht angetreten werden konnte , zugunsten anderer Personen zu verfügen . Dies geschah denn auch in einem Testamente vom Jahre 1745 . In eben diesem Schriftstücke setzte sie fest , daß nach ihrem , übrigens unmittelbar danach tatsächlich erfolgenden Ableben 1. die Verwaltung der Gesamtgüter an eine Vormundschaft überzugehen und 2. eben diese Vormundschaft für das leibliche Wohlergehen ihrer unglücklichen Söhne Sorge zu tragen habe . Nach dem Hinscheiden derselben aber solle 3. das Gesamterbe , weil es von Krautengeld erstanden sei , nicht an die Bredowfamilie , sondern an die Krautenfamilie fallen . Und hiernach wurde denn auch in allen Stücken verfahren und nach erfolgtem Tode der Testierenden eine Vormundschaft eingesetzt , die sich nicht nur die Verwaltung der Güter , sondern , wie vorgeschrieben , auch die leibliche Pflege der beiden überlebenden Söhne der Dompröpstin angelegen sein ließ . Als am 3. August 1788 auch der letzte dieser beiden Söhne , der in seiner Jugend als ein durch Leibes- und Geistesgaben ausgezeichneter Offizier im Regiment der Leibkarabiniers gestanden , aus dieser Zeitlichkeit geschieden war , war nunmehr der Moment da , wo das Gesamterbe , dem Testament gemäß , an die Krautenfamilie fallen mußte . Dem Testament , aber nicht dem Rechte gemäß . Die Dompröpstin , unausreichend oder übel beraten , hatte das Lehngut Hoppenrade , das seit 1460 unausgesetzt ein Bredowsches Eigentum gewesen und durch Krautengeld nicht erst rückerworben war , irrtümlicherweise mit wegtestiert , und dadurch das Lehnserbrecht der Bredowschen Familie verletzt , die denn auch mit ihrem Protest dagegen nicht säumte . So viel zunächst über das Krautenerbe . Sie aber , der dies Erbe zufiel , war die Krautentochter , und im Hinblick auf diese stellen wir nunmehr die zweite Frage : Wer war die Krautentochter ? Wer war die Krautentochter ? Sie war die Erbnichte der in vorstehendem oft genannten Dompröpstin von Bredow , geborenen von Kraut , zugleich Heldin unserer Geschichte , das einzige Kind des Obersten und Barons von Kraut , Hofmarschall am Hofe des Prinzen Heinrich von Preußen . Über ihn , diesen Hofmarschall von Kraut , zunächst ein Wort . Karl Friedrich von Kraut wurde 1703 als der Sohn des Geheimen Kriegsrats von Kraut ( Bruder des Ministers von Kraut ) in Berlin geboren . Als er 1723 , nach Ableben von Vater und Oheim , ein sehr bedeutendes Vermögen ererbt hatte – die zweite Hälfte desselben fiel an seine Schwester die Dompröpstin – ging er , zwanzig Jahre alt , nach Paris , um in der französischen Armee Dienste zu nehmen , in der er sich alsbald auch hervortat und zum Obersten aufstieg . Näheres über diesen französischen Waffendienst hab ' ich nicht in Erfahrung bringen können , auch nicht wie lange derselbe dauerte . Keinenfalls indes wird er über das Todesjahr seiner Schwester hinaus ausgedehnt worden sein , in welchem Jahre ( 1745 ) ihn eben diese Schwester nicht nur zum Vormund über ihre beiden geisteskranken Sohne , sondern auch zum ersten Kurator über das große Bredow- beziehungsweise Krautenerbe bestellte . Dieser seiner Aufgabe sich unterziehend , begegnen wir seinem Namen von 1746 an bis an seinen Tod in den Rechnungs- und Kirchenbüchern des Landes Löwenberg . Er zeigte sich übrigens gleichzeitig beflissen , bei seiner Rückkehr nach Preußen auch in den Staatsdienst oder wenigstens in eine Hofstellung einzutreten und wurde zu nicht genau zu bestimmender Zeit Hofmarschall am Prinz Heinrichschen Hofe . Wahrscheinlich um das Jahr 1750 . 1754 finden wir ihn als Taufpaten im Liebenberger Kirchenbuch , und ungefähr um dieselbe Zeit war es , daß er am Hofe der Königinmutter die Bekanntschaft des schönen Fräuleins Else Sophie von Platen machte , mit der er sich bald danach vermählte . Während des zwei Jahre später ausbrechenden Krieges verblieb er nicht bloß in seinem Hofmarschallamte , sondern auch in steter Umgebung der ebenso schönen , wie liebenswürdigen Prinzessin Heinrich , gebornen Prinzeß von Hessen-Kassel , die damals noch in keinem Zerwürfnis mit dem Prinzen , ihrem Gemahl , lebte , vielmehr als » la belle fée « , » La Divine « , » L ' incomparable « usw. die gefeiertste Dame des Hofes war . Auch 1760 befand sich von Kraut in unmittelbarer Umgebung der Prinzessin und begleitete dieselbe nach Magdeburg , wohin sich um eben diese Zeit alles , was zum Hofe gehörte , flüchtete , weil das Vorrücken der Russen und Österreicher ein Verbleiben in der Hauptstadt als mindestens unrätlich erscheinen ließ . In den Tagebuchblättern der Gräfin von Voß , geborene von Pannwitz , begegnen wir vielfach Aufzeichnungen aus jener Magdeburger Zeit , in denen neben anderem auch unseres Hofmarschalls Erwähnung geschieht . Ich gebe die betreffenden Stellen . » 1. September 1760 . Ich schrieb heute nach Berlin , aß bei Frau von Kraut , spielte nach Tisch Komet mit dem Prinzen von Usingen , Baron Müller und Kraut und fuhr um fünf nach Hause . 11. September . Als ich frisiert und angezogen war , ging ich zur Prinzessin . Zu Tische war ich bei der Kraut , deren Geburtstag wir feierten . Auch die Knesebeck , Prinz Usingen und Oberst Lilienberg waren zugegen . Alles war in heiterer und übermütiger Laune , und nach dem Kaffee wurde wie immer Karte gespielt . 12. September . Am Abend zunächst in die Assemblé beim Grafen Lamberg , wo ich mit Kraut und dem Prinzen von Nassau eine Partie machte . Von Lamberg aus ( wo es sehr voll war ) fuhr ich mit Kraut an den Hof . Die Königin war sehr verstimmt . Sie schalt über die großen Aufmerksamkeiten , welche man hier den gefangenen Ausländern erweise . 11.Oktober. Am Abend war ich bei der › Belle Fée ‹ , die sehr böse auf Kraut war und ganz mit Recht , denn er hat in den Vorzimmern der Prinzessin aus Sparsamkeit Talglichter anstatt der Wachskerzen brennen wollen . 14. Oktober . Ich ging an den Hof und spielte Komet mit dem Prinzen von Preußen und der › Belle Fée ‹ . Man erzählte , daß die Prinzessin Amalie zu Mittag bei der Prinzessin Heinrich angekommen sei und sich und ihr das Diner mitgebracht habe , um dem Hofmarschall Kraut einen Streich zu spielen , der zwei Speisen von dem bisherigen Küchenzettel der Prinzessin gestrichen hatte . 22. Februar 1761 . Am Nachmittage hatten wir noch eine letzte Probe des Schäferspiels und um sechs Uhr ging Kraut hinunter und bat die Prinzessin , die Treppe heraufzukommen . In dem Moment , als sie eintrat , ging auch schon der Vorhang auf und der Chor fing an zu singen ... « Aus diesen wenigen Tagebuchstellen ergibt sich nicht bloß ein Zeit- und Lebensbild , sondern zugleich auch eine Charakteristik unseres Hofmarschalls . Und nicht zu seinen Ungunsten . Er hatte das Einsehen von einer gerade damals von allen Seiten her hereinbrechenden äußersten Gefahr , und empfand sehr richtig , daß in Tagen , in denen der König schrieb : » es gibt freilich Leute , die sich allen Schickungen unterwerfen , ich aber werde es nicht ; ich habe für andere gelebt , für mich will ich sterben « , ich sage , der Hofmarschall empfand sehr richtig , daß in solchen Tagen eine kleine Prinzessin allenfalls auch ohne Wachslichter im Vorzimmer und mit zwei Gerichten weniger auskommen konnte . 25 Die vorgeschilderten Magdeburger Tage verlängerten sich bis in den Spätherbst 1761 . Erst im November oder Dezember ebengenannten Jahres kehrte die Königin mit allem , was zum Hofe gehörte , nach Berlin zurück , allwo denn auch wenige Wochen später , und zwar am 24.Januar 1762 , dem Hofmarschall von Kraut eine Tochter geboren wurde : Luise Charlotte Henriette von Kraut , unsere Krautentochter . Über die folgenden fünf Jahre , soweit der Hofmarschall in Betracht kommt , schweigen alle Memoiren und Briefe . Das nächste , was wir von ihm erfahren , erfahren wir aus dem Löwenberger Kirchenbuche , woselbst es unterm 23. Dezember 1767 heißt : » Am heutigen Tage beschloß sein ruhmreiches Leben zu Berlin Abends 7 Uhr der weyland hochwohlgeborene Herr , Herr Carl Friedrich Freyherr v. Kraut , Hofmarschall im Hofstaate S. K. H. des Prinzen Heinrich und Vormund der beiden geisteskranken Herren v. Bredow zu Löwenberg . Er war der Mutter-Bruder dieser beiden v. Bredow ' s , ein Herr der edelsten Gemütsart , der vielen Menschen in der Welt , zum Theil durch schwere Kosten zu zeitlichen Ehrenstellen verholfen und ihr irdisch Glück befördert hat . Er zeigete sich gegen alle Mitmenschen als ein Menschenfreund , und war Allen , ohne jede Nebenabsicht des Eigennutzes , willfährig und gefällig . Hiervon zeugete insonderheit seine Fürsorge für die Kranken . Er pflegte zur Sommerzeit , wenn er sich auf seinen Gütern aufhielt , eine Menge von Medikamenten aus Berlin mitzubringen . Und wenn sich Kranke bei ihm meldeten und er ihren Zustand erkundet hatte , gab er ihnen die Medikamente , von woher die Kranken auch sein mochten . Am vierten Tage nach seinem Hinscheiden , am 27. Dezember Abends , sind die erblaßten Gebeine des wohlseligen Herrn Hofmarschalls in dem Freyherrlich von Kraut ' schen Erbbegräbniß in der Nicolaikirche zu Berlin beigesetzt worden . Und nachdem dieser Todesfall auf die beweglichste Art der Gemeinde zu Löwenberg am 1. Januar 1768 zur Kenntniß gebracht worden ist , ist darüber zwei Wochen lang auf allen v. Bredow ' schen Gütern geläutet worden . Er hinterläßt eine über seinen Tod betrübte Frau Wittwe aus dem hochadligen v. Platenschen Geschlecht und eine trotz ihrer frühen Jahre schon hoffnungsvolle Tochter . « 3. Kapitel 3. Kapitel Wie die Mutter der Krautentochter ihre Tochter erzog , und wer diese Mutter war Die Krautentochter war erst fünf Jahre alt , als der Vater starb . Die Erziehung lag also bei der Mutter . Wer war nun diese Mutter ? Und wie war sie ? Wir antworten darauf , eh ' wir uns der Frage nach der Erziehung der Tochter zuwenden . Else Sophie von Platen kam 1748 an den Hof der Königinmutter . Sie mochte damals achtzehn Jahre alt sein . In dem Tagebuch der Gräfin von Voß geschieht auch ihrer Erwähnung : » An die Stelle des Fräulein von Bredow « , so heißt es darin , » die sich mit einem Herrn von Schwerin verheiratete , trat Fräulein von Platen , ein wunderhübsches Mädchen , das aber wenig Geist und eine sehr melancholische Gemütsart besaß . « In diesen wenigen Zeilen wird die junge Dame , die spätere Hofmarschallin von Kraut , sehr wahrscheinlich am zutreffendsten gezeichnet sein . Alles andre , was an Aussprüchen über sie vorliegt , geht nach der einen oder andren Seite hin ins Extrem und widerspricht sich untereinander . Es scheint , daß sie , von einzelnen objektiv urteilenden Personen ( wie die Gräfin Voß ) abgesehen , nur leidenschaftliche Verehrer und leidenschaftliche Feinde hatte . Zu den ersteren gehörte Thiébault , in dessen immerhin schätzenswertem Werke » Mes Souvenirs de vingt ans de séjour à Berlin « auch der Hofmarschallin von Kraut ( die bald nach dem Ableben ihres ersten Gatten den holländischen Gesandten de Verelst heiratete , bald indes abermals Witwe wurde ) an verschiedenen Stellen Erwähnung geschieht . » Unter den Damen « , so heißt es in dem eben genannten Buche , » die Prinz Heinrich auszuzeichnen pflegte , befand sich auch eine Madame de Verelst , zuletzt Witwe des holländischen Gesandten . Es wurde ihr von seiten Monseigneurs , außer einer an Aufmerksamkeiten reichen Freundschaft , auch ein ganz besonderes Vertrauen bewiesen , was dahin führte , daß sie die Sommermonate beinahe regelmäßig in Rheinsberg zubrachte . Sie war aufrichtig , ernst und überlegend und dabei von einer durchaus honetten Gesinnung , daß niemand begriff , was sie vordem hatte bestimmen können , einem so langweiligen und übellaunigen Menschen wie dem Baron von Kraut , ihrem ersten Manne , die Hand zu reichen . « In vollem Gegensatze dazu steht alles , was ihr späterer Schwiegersohn , Baron Knyphausen , über sie sagt . Ihm zufolge war sie nicht bloß » une femme vaine , bornée et détestable « , sondern rund heraus » un monstre « , und nur darin einigen sich beider Urteile , daß sie gut zu repräsentieren verstand , Reste früherer Schönheit aufwies , und über den freien und sicheren und , wenn ihr daran lag , auch über den hohen Ton der Gesellschaft eine vollkommene Verfügung hatte . Une femme adroite nach Thiébault , une femme détestable nach Knyphausen , das war die Frau , der jetzt die Sorge der Erziehung ihrer Tochter oblag , eine Frau , der es unter allen Umständen an der Fähigkeit gebrach , ihrem Kinde mehr zu geben , als eine den Rheinsberger Verhältnissen angepaßte Tournüre . Worauf es in ihren Augen ankam , das war , vor » Monseigneur « erscheinen und in der großen Welt ein » sort « machen zu können . Dazu gehörte nicht mehr , als eine Kammerjungfer aus dem gelobten Lande Frankreich und ein Tanz- und Sprachmeister von eben daher . Auch verlautet an keiner Stelle , daß etwas darüber Hinausliegendes jemals ernsthaft gepflegt worden wäre . Das Ernsthafte galt für langweilig und pedantisch und war Sache gewöhnlicher Leute . Freilich man mußte die Phèdre kennen und die Médée und die Mérope , aber doch auch nur um ein Zitat des Prinzen verstehen und allenfalls erwidern zu können . Alles hatte nur so viel Wert und Bedeutung , als der Hof gut fand , ihm zuzumessen . In Gunst stehen , reich sein und Einfluß haben , war das einzige , das zu leben lohnte . Und wenn es überhaupt Pflichten gab , so war doch erste Pflicht jedenfalls die , von der Sorge kleiner Leute nichts zu wissen und einem Prinzen zu gefallen . 4. Kapitel 4. Kapitel Die Krautentochter wird Frau von Elliot In diesem Geiste ging denn auch der Gang der Erziehung , und es glückte damit so vollkommen , daß schon einige Monate vor der Einsegnung , an Charlottens ( der Krautentochter ) Verheiratung gedacht werden konnte . Die Jugend derselben war kein Hindernis , war doch ihres Vaters Schwester , als sie dem Dompropsten die Hand reichte , nur um ein halbes Jahr älter gewesen . Und überhaupt war es denn nötig alt und weise zu sein , um zu heiraten ? Gewiß nicht . Also Charlotte sollte heiraten . Aber wen ? Das Auge der Mutter richtete sich vor allem auf einen Gesandten . Ein solcher empfahl sich doppelt , einmal weil es unter allen Umständen eine vornehme Partie war , und zweitens und hauptsächlichst weil ein Gesandter eine gewisse Garantie bot , über kurz oder lang abberufen und an einem vielleicht weit entfernten Hofe beglaubigt zu werden . Trat dieser Fall ein , so lag ihr , der Mutter , ob , in der Heimat nach dem Rechten zu sehen , sie war dann Herrin aller Güter , viel viel mehr als die Tochter , die sich mit beliebigen Erklärungen abfinden lassen mußte . Diesem Kalkül entsprach es , daß ihr unter allen Gesandten die britischen am begehrenswertesten erschienen . Ein britischer Ambassadeur war sogar in der Möglichkeit , über das bloß Gesandtschaftliche hinaus , als ost- oder westindischer Gouverneur und Vizekönig seine Tage ruhmvoll beschließen zu dürfen . Und Ost- oder Westindien , welches Ideal von Entfernung ! In der Tat , es war ein Engländer und zwar der als Nachfolger von Sir John Mitchell am Berliner Hofe beglaubigte Mr. James Harris ( später Lord Malmesbury ) , auf den sich das Auge der Madame de Verelst richtete , bevor ihre Tochter Charlotte noch das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte . Das war ein Schwiegersohn nach ihrem Sinne ! Aber James Harris verhielt sich durchaus ablehnend gegen alles Preußische . » Die Preußen « , so schrieb er gerade damals , » sind im allgemeinen arm , eitel , unwissend , und ohne Grundsätze . Wären sie reich , so würde der Adel sich nie dazu verstanden haben , in Subalternstellen mit Eifer und Tapferkeit zu dienen . Ihre Eitelkeit zeigt sich darin , daß sie ihre eigene Größe in der ihres Monarchen erblicken , ihre Unwissenheit aber erstickt in ihnen jeden Begriff von Freiheit und Widerstand . Und was endlich ihren Mangel an Grundsätzen angeht , so macht sie dieser Mangel zu bereitwilligen Werkzeugen aller ihnen erteilten Befehle ; sie überlegen gar nicht , ob sie sich auf Gerechtigkeit gründen oder nicht ! « 26 So Mr. Harris , der zum Überfluß auch noch eine speziell ungünstige Meinung in betreff der Madame de Verelst unterhielt . Er ridikülisierte sie , was natürlich alle Pläne von seiten der Dame rasch hinschwinden ließ und an die Stelle des Entgegenkommens jene hautäne Miene setzte , auf die sie sich so gut verstand . Aber in ihren Grundanschauungen von dem , was wünschenswert sei , war durch diesen Mißerfolg nichts geändert worden , und als einige Monate später James Harris abberufen und Hugh Elliot an seine Stelle gekommen war , nahm sie dasselbe Spiel wieder auf . Und diesmal mit besserem Erfolg . Zu Beginn des Jahres 1778 war die nunmehr sechzehnjährige Charlotte bereits Gemahlin Hugh Elliots , über den , zu besserem Verständnis dessen , was sich später ereignete , hier schon das Folgende stehen mag . Hugh Elliot , als er nach Berlin kam , war noch sehr jung und von noch jugendlicherem Ansehen . Er hatte nichts von dem Ruhigen , Gesetzten , Distinguierten , das eine Gesandtschaftsstellung erheischt , wirkte vielmehr in seiner Bartlosigkeit und halb knabenhaften Figur absolut unfertig und nicht viel besser als ein von einer steten Unruhe geplagter Springinsfeld . Ungeachtet dessen war er in den Hof- und Gesandtschaftskreisen beliebt , galt für amüsant ( war es auch ) und erfreute sich ganz besonders einer gewissen Vorliebe von seiten des Prinzen Heinrich . Am Hofe dieses war es denn auch , wo Thiébault ihn kennenlernte . » Geistreich und von delikater Struktur ( délié ) , sehr lebhaft und liebenswürdig « das sind die Worte , die die » Souvenirs « für ihn haben . » Und dabei durch und durch Original , denn man ist nicht Engländer ohne das « , setzt ihr Verfasser in guter Laune hinzu . Zu gleicher Zeit erzählt er ein paar Anekdoten , die mir sehr geeignet scheinen , ihn in seinen Vorzügen wie seinen Schwächen zu charakterisieren , weshalb ich dieselben hier wiedergebe . Eines Tages beim russischen Gesandten entstand ein erregter Streit , ob England oder Frankreich den größeren dramatischen Dichter hervorgebracht habe . Thiébault schwärmte für Racine , Elliot für Shakespeare . Thiébault operierte dabei viel mit » plus sublime « , worauf ihm Elliot erwiderte : » gerade das › plus sublime ‹ sei das , was er für Shakespeare beanspruche . Denn den Eindruck des Sublimen habe man immer nur da , wo sich der Gegensatz von hoch und niedrig , von Erhabenheit und Alltäglichkeit fühlbar mache , während überall da , wo sich ein gleichmäßiges Plateau zeige ( wenn auch Hochplateau ) von einem Eindruck des Erhabenen nie die Rede sein könne . Und so käme es denn , daß die › Niedrigkeiten ‹ , 27 die seinem englischen Dichter mit Recht vorgeworfen würden , eigentlich nur dazu dienten , die Größe desselben um so deutlicher erkennen zu lassen . « Um eben diese Zeit war es auch , daß Elliot einer Steinoperation halber nach Paris mußte . Man sah diese Reise , weil sich die französische Regierung kurz vorher zugunsten der amerikanischen Kolonien , will also sagen gegen England entschieden hatte , ziemlich allgemein als ein Wagnis an , und auch die Königin äußerte sich in diesem Sinne . » Oh , Madame « , replizierte Elliot , » England und Frankreich sind seit lange zivilisierte Nationen . « Es ging dies von Mund zu Mund , und die fremdländischen Gesandten , die , wie gewöhnlich , wenig Zärtlichkeit für Preußen übrighatten , freuten sich der nonchalanten , echt englischen Dreistigkeit , in der Elliot überhaupt exzellierte . Freilich bedingte dieselbe Dreistigkeit und Nonchalance zuletzt auch seinen Sturz , und zwar war es dieselbe Frage der » amerikanischen Kolonien « , was bald danach zu seiner Abberufung vom preußischen Hofe führte . » Seitens dieser Kolonien « , so berichtet Thiébault , » waren zwei Vertrauensmänner in Berlin eingetroffen , die mit Fug und Recht als amerikanische Geheimgesandte angesehen werden konnten . Es wurde selbstverständlich aus Courtoisie gegen England vermieden , sie als Gesandte zu begrüßen , aber im stillen wußte jeder , was sie nach Berlin und Sanssouci geführt hatte . Wenigstens Elliot wußte es . Er wollte jedoch positive Gewißheit haben und leitete deshalb ein ziemlich gefährliches Spiel ein , das er sich nur im Hinblick auf die hinter ihm stehende Macht Englands erlauben durfte . Voll Bonhomie zog er die beiden Amerikaner , als › Landsleute von älterem Datum ‹ , in seinen intimeren Umgangskreis und überschüttete sie mit kleinen gesellschaftlichen Auszeichnungen . Eines Abends , nach vorher eingenommenem gemeineschaftlichen Diner , fuhr er mit ihnen in die Oper . Als sie jedoch zu später Stunde in ihre Wohnung zurückkehrten , fanden sie die Tür erbrochen und eine Kassette geraubt . Es zweifelte niemand , auf wessen Geheiß dies geschehen ; aber Elliot ging weiter und ließ ihnen am anderen Tage , wenn auch ohne direkte Namensnennung , die Kassette wieder zustellen , aus der nichts herausgenommen war , als die die beiden Abgesandten einigermaßen kompromittierenden Papiere . Jeder war neugierig , wie der Affront geahndet werden würde , doch blieb anscheinend alles ruhig , bis plötzlich , als man eben die Sache zu vergessen anfing , Elliots Abberufung erfolgte . Der König hatte bei der englischen Regierung , unter Darlegung des Sachverhalts , auf seine Zurückberufung gedrungen . « In diesen Zügen spricht sich Elliots Charakter aus , und ohne seinem Rivalen Knyphausen , der ihn abwechselnd als › ruhmredig , leichtfertig und unkonsequent ‹ und zum Schluß einfach als › fou und furieux ‹ bezeichnet , in all und jedem zustimmen zu wollen , er scheint doch so viel richtig , daß er mit jener gefährlichen Lebhaftigkeit des Geistes ausgestattet war , die beständig geneigt ist , in Willkür und Rücksichtslosigkeit überzugehen . In der Tat , er war nervös , launenhaft , exzentrisch und entbehrte ganz und gar der Möglichkeit , einer jungen , in Oberflächlichkeit und Eitelkeit erzogenen Frau das zu geben , was ihr fehlte . Nur eins wird ihm zuzugestehen sein : er liebte sie wirklich , soweit er einer wirklichen Liebe fähig war , und hatte seine Wahl aus Sinn und Herz und nicht aus allerhand Rücksichten getroffen , am allerwenigsten aber aus Rücksichten auf ein Erbe , das nach englischen Vorstellungen überhaupt nicht bedeutend und jedenfalls erst in Zukunft zu gewärtigen war . Nach diesen Bemerkungen über Elliots Charakter , die nötig waren , um unsere Heldin in dem , was später geschah , nicht ungünstiger und zweifelhafter als nötig erscheinen zu lassen , nehme ich den Faden der Erzählung wieder auf und kehre zu der Ehe des jungen Paares zurück , die das mindeste zu sagen , keine glückliche war . 5. Kapitel 5. Kapitel Die Krautentochter ( nunmehr Frau von Elliot ) führt eine unglückliche Ehe Nicht gleich anfangs zeigte sich der Bruch , ein Jahr nach der Vermählung wurde eine Tochter geboren , Elliot war glücklich und vielleicht war es auch die junge Frau . Aber es währte nicht lange . So sehr Elliot seine Frau liebte , so war es doch eine tyrannisch-launenhafte Liebe , die Zuneigung eines Kindes , das heute mit der Puppe spielt , morgen sie schlägt und piekt und übermorgen sie aufschneidet , um zu sehen , wie ' s drin aussieht und ob sie ein Herz hat . Es scheint indessen , daß die junge Frau diese Launen ertrug , bis das ridikül eifersüchtige , vor aller Welt sie bloßstellende Benehmen ihres Gatten ihr ein Zusammenleben mit ihm unerträglich machte . Es war 1781 oder 1782 , als Elliot , der sich schon vorher in ähnlichen Phantastereien ergangen hatte , plötzlich auf den Einfall kam , seine Frau unterhalte ein Liebesverhältnis mit dem holländischen Gesandten . Der Name desselben wird nicht genannt . Gleichviel . Dieser Gesandte war nicht mehr jung und dachte nicht an Liebesabenteuer . Elliot indessen hatte sich ' s in den Kopf gesetzt und wollte nur noch Gewißheit haben . Um diese sich zu verschaffen , begann er eines Tages nach dem Schlafengehen ( er liebte mitternächtliche Konversationen ) seiner Frau Mangel an Zärtlichkeit vorzuwerfen und ihr bei der Gelegenheit die Namen einer ganzen Anzahl von Personen zu nennen , für die sie sich unerklärlicherweise mehr interessiere als für ihn . Und zuletzt nannt ' er ihr auch den Namen des alten holländischen Gesandten . Sie nahm alles zunächst als einen Scherz , als er aber fortfuhr , sie mit den unziemlichsten und beleidigendsten Fragen zu quälen , riß ihr endlich der Faden der Geduld . » Ob ich ihn liebe ? Jedenfalls lieb ' ich ihn mehr als dich , weil er mich weniger gequält hat als du . « Kaum daß diese Worte gesprochen waren , so sprang Elliot aus dem Bett und lief in nur halb vollendeter Toilette nach dem andern Ende der Stadt , um den holländischen Gesandten wecken zu lassen . Als dieser bestürzt erschien und die Mitteilung einer Nachricht von höchster politischer Dringlichkeit erwartete , fuhr Elliot auf ihn los : » er unterhalte ein Verhältnis mit seiner Frau , was ihm diese vor einer halben Stunde selber gestanden habe . Die Sache müsse sofort geregelt werden , weshalb er hiermit anfrage , ob er seine Frau zu heiraten gedenke ? « Der geängstigte Gesandte versicherte , » daß er Frau von Elliot überhaupt nur zweimal in seinem Leben gesprochen habe ; was aber das Heiraten an gehe , so steh ' es bei ihm fest , überhaupt nicht zu heiraten « . Elliot hörte dies mit Befriedigung , war aber weit entfernt , dadurch beruhigt zu sein , drang vielmehr in den Gesandten , auf der Stelle mit ihm zu kommen und in Gegenwart seiner Frau dieselbe Versicherung abzugeben . Um allerlei Rücksichten willen , die namentlich in den nahen Beziehungen der Madame de Verelst zur Prinzessin von Oranien ihren Grund hatten , ließ sich der Gesandte bestimmen , dem halb unsinnigen Elliot in seine Wohnung zu folgen und hier in Gegenwart der herbeigerufenen Frau von Elliot zu wiederholen » daß ihm beide Male , wo er die Ehre gehabt mit ihr zu sprechen , ein Heiratsgedanke durchaus fern gelegen habe « . Die schon durch sein Erscheinen , aber viel mehr noch durch diese Versicherung aufs äußerste bestürzte Frau verlangte schließlich nur » ein diskretes Schweigen über das Vorgefallene « , was denn auch Elliot nicht bloß zusagte , sondern sofort auch in einem feierlichen Eide beschwor . Aber natürlich nur , um am nächsten Morgen all seinen Freunden und Freundinnen das nächtliche Vorkommnis unter den ungeheuerlichsten Zusätzen als Anekdote zum Besten zu geben . Eine Folge davon war , daß sich die Hofgesellschaft zu größerem Teile von der um ihrer Triumphe willen ohnehin vielbeneideten Frau von Elliot zurückzog . Bis zu diesem Punkte waren die Dinge gediehen , als Baron Knyphausen , der in einem entfernten Verwandschaftsverhältnis zu der jungen Frau stand , aus seiner ostfriesischen Heimat an den Rheinsberger Hof , an dem er eine Kammerherrnstelle bekleidete , zurückkehrte . Hier in Rheinsberg fand er neben Madame de Verelst auch das Elliotsche Paar vor , und wurde , da die Mißhelligkeiten desselben kein Geheimnis waren , alsbald der Vertraute der unsagbar unglücklichen Frau . Sie sahen sich oft , berieten und planten und unterhielten , als Frau von Elliot den Rheinsberger Hof wieder verlassen hatte , sowohl nach Berlin wie nach Hoppenrade hin eine lebhafte Korrespondenz . Um dieselbe Zeit etwa , wo die Korrespondenz geführt wurde , fand die schon vorerwähnte Versetzung Elliots an den Kopenhagener Hof statt , was übrigens ein beständiges und intimes Eingeweihtbleiben in das , was in seinem Berliner Hause vorging , nicht hinderte . Madame de Verelst unterhielt ihn über die fortgesetzten , abwechselnd persönlichen und brieflichen Beziehungen ihrer Tochter zu Baron Knyphausen und entwarf allerlei Pläne mit ihm , diesem Treiben ein Ende zu machen . In Ausführung dieser Pläne war es denn auch , daß von seiten Elliots eine Herausforderung an Knyphausen erging . Und hiermit war der erste Schritt zu jenem zelebren Renkontre geschehen , das uns , auf den nächsten Seiten unter Zugrundelegung einer Anzahl Knyphausenscher Briefe beschäftigen soll . Einiges , was in vorstehendem schon angedeutet wurde , findet darin Bestätigung und weitere Ausführung . Fürstenberg ( in Mecklenburg-Strelitz ) , 4. Juli 1783 . Mein hochgeehrter Herr Vater . Sie werden überrascht sein , von diesem unbekannten mecklenburgischen Städtchen aus einen Brief von mir zu erhalten . Aber das Nachstehende wird Aufklärung darüber geben . Als ich letzten Sommer von meinem Besuch bei Ihnen nach Rheinsberg zurückkehrte , fand ich daselbst eine zahlreiche Gesellschaft vor und darunter auch den englischen Gesandten Elliot , samt seiner Gemahlin Frau von Elliot , einer geborenen Baronesse von Kraut . Frau von Elliot , die bis dahin ihrer großen Schönheit unerachtet niemals einen Eindruck auf mich gemacht hatte , rührte mich durch ihr eheliches Unglück , das viel viel größer war als ihre Schuld , wenn von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann . Was stattgefunden hatte , waren Unvorsichtigkeiten , die leider nicht bloß seitens Mr. Elliots , eines ebenso großsprecherischen und eitlen , wie leichtsinnigen und charakterlosen Mannes , sondern auch seitens der eigenen Mutter ausgebeutet worden waren , um der jungen Frau zu schaden . Wirklich Frau von Elliot war das Opfer eines Komplotts , einer Intrige dieser beiden rücksichtslosen Personen , eine Tatsache , die mich empörte . Verfolgungen ,