Italiener ... Fefelotti lachte sich weidlich aus ... Sowol über die Höhe der Treppen , die er hatte ersteigen müssen , wie über die Möbel , wie über die Dienerschaft und - ein » Sommerlogis « auf dem Monte Pincio ... Sie kluge Frau , sagte er , ich habe Sie immer so gern gehabt ! Wie konnten Sie sich nur von meiner Fahne entfernen ! ... Sie haben sechzehn Jahre Ihres Lebens verloren ... Wie hoch ist die Pension , die Ihnen mein alter Freund Don Tiburzio zahlt ? ... Die Herzogin hatte die Schule der Leiden in einem Grade durchgemacht , daß sie sich weder über Fefelotti ' s Besuch allzu erstaunt zeigte , noch auch Ceccone ' s Undankbarkeit ganz nach den Empfindungen schilderte , die sie darüber hegte ... Sie wünschte dem Großpönitentiar Glück zu seiner neuen Erhebung , ließ die von ihr betonte wahrscheinlich nahe bevorstehende Papstwahl nicht ohne Bezüglichkeit für die Hoffnungen des ehrgeizigen Priesters - sie klagte aber Ceccone keineswegs allzu heftig an ... Fefelotti sah die Schlauheit der weltgewandten Frau ... Sich mäßigend schlug er die Augen nieder , beklagte die Leiden Seiner Heiligkeit und gestand offen , daß durch die Wiederherstellung des Jesuitenordens , dessen Affiliirter er schon seit lange war , in die schwankenden und von den Persönlichkeiten der Päpste abhängigen Zustände der Kirche endlich Festes und Dauerndes gekommen wäre ... Seine eigene Wiederberufung bewiese , daß sich ohne den Rath des Al Gesù nichts mehr in der katholischen Welt unternehmen lasse ... In der Art , wie Fefelotti es sich dann unter den von dem trippelnden Marco inzwischen angezündeten Kerzenbüscheln bequem machte , wie er sogar herbeigeholte Erfrischungen nicht ablehnte , lag das ganze Behagen ausgedrückt , sich bei einer Frau zu befinden , die nach aller Berechnung menschlicher Natur seine Verbündete werden mußte ... Von Ceccone ' s » häuslichen « Verhältnissen ließ er sich erzählen ... Er hatte seine Freude an dem kleinsten Verdruß , den » seinem Freunde « das Schicksal bereitet hatte ... Er stellte sich wie ein in einem kleinen Landstädtchen begraben Gewesener , nur um recht viel Neues , Ausführliches und pikante kleine Details erfahren zu können ... Und die Herzogin war klug genug , trotz ihrer Abneigung gegen den häßlichen Mann , dessen falsche Zähne nach jedem Satz , den er sprach , ein eigenes Knacken der Kinnlade von sich gaben und gegen den Ceccone noch jetzt ein Apoll war , doch dies Verlangen nach Befriedigung seiner Schadenfreude nicht ganz unerfüllt zu lassen ... Sie gab eine ungefähre Schilderung der Mühen und Sorgen , unter denen Ceccone ' s Ehrgeiz allerdings stöhnte und schmachtete ... Fefelotti schlürfte Sorbett ... Seine Zähne bekamen vorübergehend einen bessern Duft von den Orangen , aus denen es bereitet war und sie knackten jetzt nur noch von der Berührung mit dem Löffel ... Immer mehr gewöhnte sich die Herzogin an das Wiedersehen eines Mannes , der ohne Zweifel doch nur allein der Anstifter der den Jesuiten nicht geglückten Verfolgung gegen sie wegen Bigamie gewesen ... Kannte er alle Geheimnisse ihres Lebens ? ... Kannte er die Existenz Benno ' s ? ... Ihr Antheil an seinem Kampf mit Bonaventura , gegen den er vielleicht einen Proceß auf Absetzung instruirte , rüstete sich , ihn möglichst unverfänglich über dies und anderes zu befragen ... Sie ließ dem Gefährlichen den Vorschmack der Annehmlichkeiten und Vortheile , die er denn doch durch diesen Besuch gewinnen konnte ... Roms Lage ist schwierig , sagte Fefelotti bei Erwähnung des Ceccone ' schen Aufenthalts in Wien ... Auf der einen Seite bilden wir das Centrum der Welt , auf der andern das Centrum Italiens ... Wir sollen rein geistlich und für die Ewigkeit auf die Gemüther wirken und sind von allen politischen Strudeln des Tags ergriffen ... Die neue Zeit hat dem apostolischen Stuhl eine fast unerschwingliche Aufgabe gestellt ... Ohne die weltliche Würde kann die geistige Souveränetät des Heiligen Vaters nicht auf die Dauer bestehen ... Beides für die Zukunft zu einen , erfordert die äußerste Anstrengung ... Ich billige ganz , wenn Ceccone seine kleinen Koketterieen mit den sogenannten » Hoffnungen Italiens « zu unterlassen angefangen hat ... Erzählen Sie mir noch mehr - von Wien ! ... Die Herzogin bestätigte , daß Ceccone von Wien in seinen politischen Neuerungstrieben bedeutend abgekühlt zurückgekehrt wäre . Der Fürst Staatskanzler hätte ihn belehrt , daß die Tribunen Roms sich immer zuerst am Entthronen der Päpste und am Halsabschneiden der Cardinäle geübt hätten ... Fefelotti lachte mit vollem Einverständniß ... Die Herzogin dachte an Benno und seine Freunde ... Sie gab der guten Laune des Schrecklichen die gewünschte Nahrung ... Sie erzählte : Ceccone hätte beim Nachhausefahren von einer solchen Scene mit dem Staatskanzler immer nur Fefelotti ! Fefelotti ! gerufen ... Bestia ! unterbrach der Cardinal ... Dann hätte Ceccone Olympien geschildert , was » politische Reformen « wären ... » Nur Ein Bedienter für dich , monatlich nur Ein Paar neue Handschuhe und die Nothwendigkeit , deine Hemden selbst nähen zu müssen ! « ... Fefelotti hielt sich die Seiten vor Lachen ... Ich bin mit Ceccone ' s politischer Haltung ganz einverstanden , sagte er ... Sie ist jetzt streng und fest ... Sie läßt sich auf keine Transactionen mehr ein ... Rom ist unterwühlt von Verschwörungen ... Verbannung nur und Galeere können helfen ... Das geringste ist das Verbot aller zweideutigen Schriften ... Wissen Sie - apropos - nichts Näheres über - Grizzifalcone - ? ... Die Herzogin hörte Gesinnungen , die sie haßte , verbarg jedoch ihre Aufwallung hinter einem Erstaunen über das , was Grizzifalcone mit Roms - Politik gemein haben könnte - ? ... Der Cardinal drückte seine kleinen Rattenaugen zu ... Ein bedeutsames Knacken seiner Zähne trat wieder an die Stelle seiner Worte ... Der Duft der Orangen verflog ... Glücklicherweise nahm er eine zweite Schale Sorbett ... Die Herzogin mußte die Geschichte der Gefahr erzählen , die sie an Olympiens Hochzeitstage überstanden hatte ... Lucindens Name mußte genannt werden ... Dieser war ihm keineswegs unbekannt ... Eine Neubekehrte ? warf er ein ... Sie hütete sich ein Wort der Misachtung zu sagen ... Fefelotti kehrte dringender auf Grizzifalcone zurück ... Glauben Sie , sagte er , daß Ceccone jene für den Fürsten Rucca bestimmte Liste in den Taschen des Räubers fand und einsteckte ? ... Ich glaube nicht ... Diese Liste besaß Ceccone ohne allen Zweifel schon vorher in Abschriften genug ... Er brauchte sie ja - Hm ! ... Räthselhaft sind die Aufträge , die dem wilden deutschen Franciscanerbruder gegeben wurden ... Nun sagt man ja , er wäre spurlos verschwunden ... Mit jenem Pilger zugleich ... Hörten Sie davon ? ... Der Pilger und der Mönch sind von den Zollwächtern , die verrathen zu werden fürchteten , ohne Zweifel todt geschlagen worden ... Die Herzogin entsetzte sich ... Und warum » brauchte Ceccone die Liste « ? ... Eine Weile verzog sich der bisherige heitere Ausdruck der Mienen Fefelotti ' s , seine schwarzen Brauen senkten sich auf die kleinen Augen , die ein verderbliches wildes Feuer zu verbergen schienen ... Dennoch suchte er die Stimmung des Scherzes zurückzuführen und sprach lieber von Olympien , die er beschuldigte , in der » Argentina « bei allen neuen Opern die Stellen zu beklatschen , die für die Tausende von Carbonaris , die auch in Rom wären , oft ein Losungswort gäben ... Das Junge Italien hat allein zwölf Logen in Rom ! schaltete Fefelotti ein ... Doch erzählen Sie von Olympien ! ... Die Herzogin hörte nur und hörte ... Fefelotti sah , daß die Herzogin in politischen Dingen nicht mehr Ceccone ' s Vertrauen besessen hatte ... In die Argentina geht Olympia jetzt seltener , sagte sie mit bitterer Erinnerung an den neulichen Spott Olympiens über ihre Beziehung zur Musik ... Sie verlangte von mir , daß ich erklärte : Unsere neuere Musik anhören zu müssen verdiente , daß die Componisten mit den Ohren angenagelt würden ... Diese Strafe trifft in der Türkei die Bäcker , wenn sie schlechtes Brot backen ! ... Dieser Witz wird den alten Rucca geärgert haben , wenn er ihn hörte ... sagte Fefelotti ... In dieser heitern Weise dauerte die Unterhaltung fort ... Auch auf den Cardinal Ambrosi kam Fefelotti zu sprechen ... Ich habe ihm , sagte er , sofort eine Amtswohnung anweisen lassen , indem ich ihn zum Vorstand der » Congregation der Reliquien und Katakomben « machte ... Vielleicht ist er so galant , Olympien mit der Heiligsprechung der Eusebia Recanati ein Gegengeschenk für seine Erhebung zu machen ... Sie wissen doch noch , daß wir einst um die kleine » Wölfin « bei den » Lebendigbegrabenen « auseinander gekommen sind - Sie schlimme Frau , die Sie mir auch in Wien einen noch gottseligeren Priester auf Erden entdeckt haben - Ja Sie ! Sie ! Ich weiß es - Meinen Nachbar bei Coni - den magnetischen Bischof Bonaventura von Asselyn ... Sie haben ihn zuerst Olympien empfohlen ... Der Spott dabei auf mich kam allerdings wol nur von dem kleinen Grasaffen ... Die Herzogin spitzte ihr Ohr ... Jedes Wort in diesen leichten Scherzen und drohenden Neckreden war bedeutungsvoll ... Ihr Palais an Piazza Sciarra stand also noch leer ... Cardinal Ambrosi hatte sich Olympiens Verehrungscultus entzogen ... Bonaventura ' s heiliger Ruf wurde keineswegs von ihr abgelehnt ... Mit einem fast schelmischen Trotz berief sie sich auf das Urtheil der deutschen Kirche ... Gut , daß ich mich an diesem Eindringling auf italienischen Boden habe überzeugen können , wie gefahrvoll diese deutsche Kirche wird , erwiderte Fefelotti ... Kaum in sein Amt eingeführt , begeht der Freche eine Unthat nach der andern ... Der Verbündete einer Ketzerin , die auf dem Schlosse Castellungo haust , wahrt er den durch die Milde der Zeiten übrig gebliebenen Resten einer schismatischen Sekte die Rechte , die sie verbrieft besitzen wollen , bestreitet das ihnen streng eingeschärfte Verbot , Proselyten zu machen , behauptet , die Dominicaner hätten außer diesen gefänglich eingezogenen , dann freigegebenen religiösen Fanatikern noch einen Eremiten eingekerkert , der den Wohlthäter des Volkes machen wollte und nur ein Verbreiter ruchloser Lehren war ... Auch dieser Eremit war ein Deutscher ! ... England und Deutschland ! Das wird unser Kampfplatz werden ! ... In Deutschland ist es schon wieder wie zur Zeit Luther ' s ... Ein Priester ist aufgestanden , der dem Bischof von Trier die Aussetzung des Heiligen Rocks zum Verbrechen am » Geist der Zeit « macht ! ... Die ketzerischen Bewegungen auf dem Gebiet der Lehre , ja des Cultus nehmen überhand ... Erkundigungen , die wir über den Bischof von Robillante eingezogen haben , machen ihn zur Absetzung reif ... Und der blinde Wahn dieses Mannes geht so weit , hieher nicht als ein Angeklagter , sondern als ein Richter kommen zu wollen ... Hieher - ? Er wird berufen ? ... fragte die Herzogin erbebend vor Angst und doch auch vor Freude ... Der Bischof behauptet , fuhr Fefelotti in gesteigerter Aufregung fort , die Nachricht , daß man jenen Eremiten in der Mark Ancona als Pilger gesehen hätte , wäre ein absichtlich ausgesprengter Irrthum ... Dieser Eremit wäre nach Rom überführt worden und säße hier in irgendeinem Kerker ... Der Pilger von Porto d ' Ascoli , erklärte er noch kürzlich , wäre ein anderer ... Seit man jetzt verbreitet , er wäre ermordet worden , hatte ich eine Scene mit ihm , die zu seiner sofortigen Verhaftung hätte führen müssen , wäre nicht die besonnene Vermittelung eines seiner Verwandten von ihm dazwischen getreten ... Des Signore - Benno - ? ... fragte die Mutter nach Gleichmuth ringend ... Der Cardinal bestätigte diesen Namen ... Benno lebt denn also noch ! ... dachte die Mutter und verbarg hinter Bewegungen , die ihr als Wirthin eines so hohen Besuches zukommen durften , das Gemisch ihrer Freude und Besorgniß ... Fefelotti sprach Benno ' s Namen harmlos aus ... Er schleuderte nur seinen Bannstrahl über Deutschland und Bonaventura ... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden ... Er wußte , daß sie dem Cardinal nahe stand und Aussicht hatte , Gräfin Sarzana zu werden ... Nach den Berichten der kirchlichen Fanatiker Deutschlands nannte er sie eine Hocherleuchtete , der sich nur die eine Schwäche nachsagen ließe , für jenen Bischof von Robillante eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben ... Die Herzogin nahm ihm nichts von allen diesen Vorstellungen ... Sie sah , dem Großpönitentiar lag das Leben aller Menschen aufgedeckt ... Er fragte wiederholt , was die Herzogin über Donna Lucinde wisse und ob sie gut mit ihr stünde ... Die Herzogin sah , daß Fefelotti bei Ceccone eine Spionin suchte ... Vielleicht fand er sie in Lucinden ... Sie hütete sich , Lucinden nach ihrer Auffassung und eigenen Erfahrung zu charakterisiren ... Eine Vermittelung dieser Bekanntschaft durfte sie aus nahe liegenden Gründen - um Ceccone ' s willen - ablehnen ... Es war schon halb elf Uhr , als der Cardinal sich endlich erhob ... Er hatte ein paar angenehme , höchst trauliche , für ihn mannichfach anregende Stunden verbracht ... Er hatte sich schnell wieder in den römischen Dingen orientirt ... Er versprach wiederzukommen ... Dann küßte er der Herzogin mit aller Galanterie die Hand , sagte ihr die Tage und die Orte , wo er » zum ersten male aufträte « - d.h. die Messe lesen oder sie mit Pomp anhören würde ... Das waren Schauspiele , wo sich alles , was zur Gesellschaft gehörte , versammeln mußte ... Er versprach ihr die » besten Plätze « , unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der Sixtina ... Daß ich , sagte er beim Gehen , Ceccone ' s Feind nicht mehr sein will , beweise ich dadurch , daß ich den Schein von ihm entferne , als könnte er einer Dame , der er sich lebenslang verpflichtet fühlen sollte , wie Ihnen , undankbar gewesen sein ... Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ... Die ganze Dienerschaft , die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen vermehrt hatte , stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf versagt , um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ... Fefelotti ' s Pferde trugen am Kopfgestell der Zäume die rothen Quasten . Die Kutsche war vergoldet ; zwei Lakaien sprangen hinten auf , während ein dritter mit dem Ombrellino an der Hausthür wartete und beim Einsteigen den kleinen stämmigen Priester begleitete , der seinerseits nur einfach , nur mit dem rothen dreieckigen Interimshut erschienen war ... Einige Freude empfand die gedemüthigte Frau denn doch über diesen Besuch ... Sah sie auch Gefahren über den Häuptern der ihr allein noch im Leben werthen Menschen sich zusammenziehen , so blitzte doch in solchen Nöthen ein Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so mächtigen Mann , der glücklicherweise ihren vollen Antheil an den Schicksalen der Bedrohten nicht ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem Sohn mittheilen , worin sie alles ihre Sorge auf ihn , seinen Rath und seinen Beistand werfen müßte ... Die Vorladung Bonaventura ' s schien noch nicht entschieden zu sein ... Am Abend nach dem Besuch Fefelotti ' s kam die Herzogin aus der Sixtinischen Kapelle , wo Fefelotti sein » erstes Abendgebet « gehalten hatte ... Der kleine Raum war überfüllt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphäre so vieler Menschen ließen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller Frühe schon einen reservirten Sitz zur Verfügung gestellt ... Wie kräftig sprach er sein » Complet « - las den 90. Psalm Qui habitat in adjutorio Domini , sang mit jenem conventionellen Ton , der vom Herzen sanft der Rührung den Weg durch die Nase läßt , sein Gloria Patri , worauf die Kapelle mit Simeon ' s Lobgesang : Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu Ceccone ' s engeren Beziehungen gehörenden Persönlichkeiten war zugegen ... Ceccone hatte die ersten Weihen , er nahm vor kurzem auch die letzten ; er übte sich täglich im Messelesen , um seinerseits mit den unerläßlichen Bedingungen zur Papstwahl hinter andern nicht zurückzubleiben ... Fefelotti ' s Virtuosität in allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besondern Neides ... Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwärmerischste Sehnsucht nach ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle , die für die Hausandacht der Päpste bestimmt ist , enthielt Michel Angelo ' s » Jüngstes Gericht « ... Man sieht nur noch ein wüstes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrußgeschwärzten Wänden ... Benno hatte ihr geschrieben , der berühmte Gesang in dieser Kapelle hätte ihm nie die mindeste Erhebung gewährt ; die unglücklichen Verstümmelten , die zur päpstlichen Kapelle gehörten , hätten im Discant gesungen wie Hühner , die plötzlich den Einfall bekämen , wie die Hähne zu krähen ; die Bässe wären küstermäßig roh ; die alten Weisen Durante ' s und Pergolese ' s kämen in ihrer einfachen Erhabenheit unwürdig zu Gehör ... Und für alles das schwärme der deutsche Sinn ! Diese Sixtinischen Kapellenklänge allein schon wirkten wie ein Zauber der Sehnsucht nach Deutschland hinüber ! Erst der germanische Geist , der schon sonst das Christenthum überhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemüths gemacht hätte , hätte auch hier wieder in das Abgestorbenste , in die Kirchenmusik , neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim Schlußgebet des Erzbischofs von Coni nach : Omnipotens , sempiterne Deus ! ... Gestern Nacht hatte sie in die Asche » Sano ? « geschrieben und der Wind hatte in der That an diesem Morgen » Canto « daraus gemacht ... Darum war sie mit Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen an den salutirenden , hanswurstartig gekleideten Schweizern vorüber ; sie hatte , vorschriftsmäßig vom schwarzen Schleier verhüllt , zur Menschenmenge nicht aufgeblickt vom kleinen ihr reservirten Plätzchen aus ... Die von Michel Angelo in die Hölle geschleuderten Bischöfe und Cardinäle waren ihr heute nicht wie sonst Gegenstände der Zerstreuung , wenn sie in ihnen zum Sprechen ähnlich getroffene noch lebende Würdenträger suchte ... Das verschrumpfte Antlitz Achille Speroni ' s auf dem Singchor sah sie ohne Lächeln ... Speroni , der Cousin der jungen Fürstin Rucca , stand in seinem violetten Rock mit dem weißen Spitzenüberwurf und der rothen Halsbinde anfangs wie ein Mann , sang auch eine Zeit lang wie ein Mann : Maria , ad te clamamus exules filii Evae ! ... Dann aber , bei den für einen exul filius Evae doppelt rührenden Worten : » Maria zu dir seufzen wir auf , weinend und flehend , in diesem Thal der Thränen ! « sprang der Unglückliche in die äußerste Kopfhöhe über , fistulirte eine Weile und war zuletzt bei den für einen Entmannten erschütternden Worten : » Zeig ' uns , Maria , die gesegnete Frucht deines Leibes ! « ein vollständiges Frauenzimmer ... Die Herzogin kannte nicht wörtlich den Inhalt dieser für die Trinitatiszeit normalen abendlichen Horengesänge ; sie verstand nicht , wie die Worte in schneidender Ironie zur Verstümmelung des Sängers standen ; im Geist aber hörte sie Benno ' s Aeußerung : Schon um diese krähenden Hühner der Sixtinischen Kapelle allein muß die römisch-katholische Kirche , wie sie jetzt ist , untergehen ! ... Mancher lächelnde und ironische Blick haftete an der Herzogin ... Er sollte ihrem Sturz gelten ... Sie dagegen durfte diesen Monsignores , Ordensgeneralen , Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironisch lächeln ... Wie nur eine Hofdame bei einer großen Cour die Geheimnisse all dieser so steif sich verbeugenden Welt von ihrer Reversseite übersieht , so blickte auch sie auf alle diese tonsurirten Häupter , die das Frauenthum aus ihrem Leben ausgeschlossen zu haben schienen und die alle , alle doch gerade vom Frauenthum am meisten abhängig waren - nächst ihrem Ehrgeiz ... Ihren Wagen behielt sie und befahl dem Kutscher , sie heute auf den Corso und in den Park der Villa Borghese zu fahren ... Sie kam sich wie wiederhergestellt vor ... Wie sie gegen neun Uhr nach Hause kam , hörte sie , daß ein Fremder nach ihr verlangt hätte ... Er wollte morgen zeitig wiederkommen - hieß es ... Dem beschriebenen Wüchse nach war es Benno ... Ein dunkler , voller Bart , der das ganze Gesicht beschattete , ein grauer Calabreserhut - das stimmte freilich nicht zu ihrer Erinnerung ... Aber - wer konnte es denn anders sein ? ... Zu Nacht speiste sie nichts vor Aufregung ... Mit zitternder Hand schrieb sie in ihre Asche : » Sano « ? Kaum , daß sie einige Stunden schlief ... Am Morgen las sie : » Salve ! « ... In der That lag sie einige Stunden später in Benno ' s Armen . Fußnoten 1 Die Stelle Augustin Theiners aus Schlesien . 6. Ein geliebter Freund , der aus weiter Ferne von Reisen zurückkehrt , breitet zuvor seine Geschenke aus ... Benno brachte genueser Korallenschmuck und mailänder Seidenstoffe ... Kostbarer aber , als alles , war sein eigenes Selbst ... Und war er es denn auch wirklich ? ... War es jener liebenswürdige junge Mann , der vor einem Jahr am Kärnthnerthor zu Wien aus dem vierspännigen Wagen der Herzogin von Amarillas sprang ? ... Aeußerlich machte er geradezu den Eindruck eines Italieners ... Gestern , frisch vom Postwagen gekommen , hatte er noch einen Calabreser aufgehabt ... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut eines schwarzen Hutes gebracht , seinen verwilderten Bart ein wenig gestutzt ; aber das lange schwarze Haar , die Bräune des Antlitzes , die leichte , heitere Beweglichkeit , alles das war nicht so , wie es die Mutter kannte aus den wenigen unvergeßlichen wiener Augenblicken des äußersten Schmerzes und der äußersten Freude ... Aber es war schöner noch ; es war verwandter , heimatlicher als in der Erinnerung . Sie erstickte seine ersten Worte mit ihren Küssen und Umarmungen ... Er war es - ihr Julio Cäsare ... Nichts ist anziehender als ein lebensmuthiger , froher , sorgloser junger Mann ... Ihm gehört die Welt ... Alles , was die Gegenwart bietet , muß sich ihm zu Gefallen ändern ... Der Tag rauscht dahin , Jahre vergehen ; den Reichthum seiner Lebenskraft scheint nichts zu berühren ... Gefühle , Leidenschaften , Gedanken , mit denen das Alter geizt , von denen die Erfahrung nur noch Einzelnes und Abgegrenztes entgegennimmt , ihm ist das alles noch eine in sich zusammenhängende große Welt , die den ganzen Menschen ergreift , alle Sinne zu gleicher Zeit , die Seele und den Leib - den Leib und die Seele ... Benno verrieth anfangs nur die Stimmung , in die ihn die glückliche Lage versetzen durfte , von seinem Bruder Wittekind anerkannt worden zu sein ... Seine Geldmittel flossen nach Bedürfniß ... Schon hatte er sich bei Sopra Minerva eine Wohnung gemiethet ... Endlich - er war bei seiner Mutter ... Allmählich erstaunte er , die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden ... Wie oft hatte er im letzten Herbst den Palast betrachtet , wo er wußte daß sie wohnte ... Das ihm nun enthüllte Schicksal der Mutter durfte ihm , was die Geldmittel anbelangte , gleichgültig erscheinen ... Dennoch betraf es ihn tiefschmerzlich ... Mehr noch , er deutete fast mit Vorwurf an , wie verdrießlich es ihm war , diese Veränderung erst jetzt zu erfahren ... Warum , mein Sohn - ? fragte die Mutter voll Besorgniß ... ... Er wäre dann vielleicht nicht gekommen ! sagte er ... Die Betroffene erzählte ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone ... Dieser Elende ! rief Benno ... Dann aber sprach er dumpf vor sich hin : Hätte ich - das geahnt ! ... Aber was hast du ? fragte immer besorgter die Mutter ... Du rechnetest auf Olympiens Liebe - ? setzte sie angstbeklommen , wenn auch lächelnd hinzu ... Benno erröthete und erwiderte nichts ... In seinem Schweigen lag - ein aufrichtiges Ja ! ... Die Mutter stand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt seine beiden Hände ... Benno verhieß jede Aufklärung ... Jetzt sprach er von einem Freund , der ihn vielleicht bei dem jungen Fürsten Rucca schon angemeldet hätte ... Ich Thörin ! wehklagte die Mutter . Ich mistraute der Sicherheit unserer Briefe und schrieb dir nichts ... Die Mutter wagte noch nicht von Lucinden zu sprechen ... Benno wurde zerstreuter und zerstreuter ... Er schützte für eine vorläufige Entfernung das Suchenmüssen seines Freundes vor ... Dieser hatte bereits vor ihm eintreffen wollen ... Er erzählte nur noch einiges von Bonaventura ' s schwieriger Stellung , vom Dank , den sich sein Freund erworben durch die Befreiung einiger Opfer der Inquisition , von Bonaventura ' s Mistrauen in die ihm von Rom durch Lucinde und die Mutter gewordenen Mittheilungen über die Identität jenes Pilgers mit dem Eremiten Fra Federigo , der sich nach allgemein dort verbreiteter Meinung in den Kerkern der Inquisition zu Rom befinden müsse , von der bedenklichen Feindschaft Fefelotti ' s , die es indessen zu einer förmlichen Anklage durch die Congregazione de Vescovi e Regolari noch nicht hatte kommen lassen ... Die Mutter wagte sich mit einigen ihrer Erfahrungen hervor ... Sie erzählte von Fefelotti ... Sie erzählte endlich auch - Lucindens Mitwissenschaft um das Geheimniß seines wahren Namens ... Von dieser Seite konnte nur das Verhängniß kommen ! erwiderte Benno mit den lebhaftesten Zeichen der Betroffenheit ... That ich recht , mit einem solchen Dämon Frieden zu schließen ? fragte die Mutter und las voll Angst in seinen Mienen ... Gewiß ! gewiß ! sagte er fast abwesend ... Er wollte gehen und den Freund suchen ... Offenbar kämpfte sein Inneres irgend einen gewaltigen Kampf ... Die Mutter sah es und wollte ihn nichts lassen ... Als er dann aber doch gegangen war mit dem Versprechen , gegen Abend zurückzukehren , als sie in die letzte Umarmung die ganze Empfindung ausgeströmt hatte , die sie vorm Jahr nach ihrem : » Auf Wiedersehn ! « in ihr Herz verschlossen und angesammelt , überfiel sie jenes Bangen , von dem wir selbst nach der mächtigsten Freude und dann ohne allen Grund erschreckt werden können . Salve ! Salve ! rief sie ihm zwar nach und ihres Orakels dankbar gedenkend . Aber nun wuchs das wiedereroberte Glück zu solcher Höhe , daß sie ein Schwindel ergriff . Ist es denn möglich , rief sie , sein Vaterland scheint nicht mehr dieser kalte Norden zu sein ! Er spricht im Geist seiner Mutter , nicht blos so schön in den Lauten unserer Zunge ! ... Daß sie in dieser Seligkeit nicht lange verweilen durfte , machte sie weinen ... Was hat er mit Ceccone - was mit Olympien ? ... Zwei Stunden war er bei ihr gewesen ... Nun erst dachte sie allem nach , was er gesprochen ... Er hatte politische Aeußerungen fallen lassen ... Er hatte nach einigen freisinnigen Namen , nach Lucian Bonaparte gefragt ... Himmel , rief sie , ich sollte erleben , daß ich eine Römerin werde wie die Mutter der Gracchen ! Cäsar , Cäsar , ich bin nicht so stark wie Cornelia ! Ich zittere vor Gefahren , in die du dich begibst ... Was ist ihm nur verdorben durch meinen Bruch mit Ceccone - ? grübelte sie ... Bedarf er eines so Mächtigen ? ... Fühlt er sich nicht sicher ? ... Sie erschrak , daß er von einem Gang auf die österreichische Gesandtschaft als von etwas für seine Lage Ueberflüssigem sprach ... Er lehnte den Wunsch eines Zusammenhangs mit Deutschland ab ... Nun drängte sich anderes in ihre Erinnerung an diese seligen zwei Stunden ... Wie sinnig hatte er das Pastellmedaillon des Herzogs von Amarillas betrachtet ! ... Wie wehmuthsvoll umflorte sich sein Auge , als sie dies Medaillon öffnete und Angiolinens blutiges Haar hervorzog ! ... Sie hatte ein geheimes Fach eines Schreibsecretärs aufgezogen und ihm Erinnerungen an Kassel , Schloß Neuhof , Altenkirchen gezeigt , die gefälschten Demissorialien , die Zeugenaussagen der Freunde Wittekind ' s ... Alle dem sprach er Worte voll Ernst und Charakter ... Zuletzt nahm sie alles leichter ... Sein Lächeln war zu lieb und sicher gewesen ... Er hatte sie zu innig umarmt , zu oft an den Spiegel geführt und sich mit ihr verglichen ; ihre Hände küßte sie an den Stellen , wo er sie geküßt hatte ... Sie fühlte ihre Jahre nicht mehr , sie gedachte ihrer grauen Haare nicht , sie liebte Benno mit dem Feuer eines Mädchens , das ein Abbild ihrer Träume gefunden ... Zu Lucinden hätte sie hinausfahren und ihr rufen mögen : Was willst du uns ! ... Ueber Armgart , von der sie sogleich gesprochen , hatte sich Benno nur träumerisch ablehnend geäußert ... Alle ihre Unruhe sammelte sich jetzt in der Sorge um ein würdiges Empfangen des Sohns für den Abend ... Er kam dann vielleicht mit seinem in Aussicht gestellten und vielleicht gefundenen Freunde ... Letzterer hätte drei Tage schon vor ihm in Rom sein sollen , hatte Benno erzählt und seinen Namen mehrmals genannt ... Daß sie ihn behielt , war von einer Italienerin nicht zu verlangen ... Auch Marco und die andern Dienstboten , die befragt wurden , ob wol jemand nach Baron d ' Asselyno im Hause gefragt hätte , behielten ihn , obgleich ihn Benno auch ihnen nannte , nur unter dem Namen des vielleicht noch kommenden » Signore biondo « - des » blonden Herrn « ... Sonst schien man wegen eines so außerordentlich warm begrüßten Fremden wie Benno im Hause nicht zu neugierig ... Marco beherrschte sich ... Er war das Prachtexemplar eines italienischen Bedienten ... Schon in den Vor-Ceccone ' schen Zeiten der Herzogin hatte er Abends ihren Kammerherrn , Vormittags die Scheuerfrau gemacht