Kritik der Krauseschen Schriften cirka im Juli 1841 . Wenigstens könnten Sie daraus die Wahrheit muthmaßen , daß ich nämlich Einer bin dem großes Unrecht geschieht ( worunter Sie mitgelitten haben ) und daß ich es einmal überwinden werde . « Dann im weiteren Verfolge : » Wenn Sie sich zu einer zweiten Auflage entschließen , erbiete ich mich , falls Sie es für nöthig erachten , allem Honorar für beide Bände zu entsagen . Wahrlich keine Kleinigkeit . Aber mir liegt daran , die Wirksamkeit meiner Mühen zu erleben , und glauben Sie mir , das sind die echten Autoren , die so denken , und nicht sind es die auf Gewinn gerichteten . Im Falle Sie sich also dazu entschließen , werde ich an den vier Büchern des ersten Bandes nur wenige und nicht bedeutende Verbesserungen anbringen , hingegen den Anhang , welcher die Kritik der Kantschen Philosophie enthält , durch größere Änderungen und manche Zusätze um etwa einen Bogen vermehren . Ich kann Ihnen nur sagen , daß mein Buch nicht , wie die meisten , ein bloßes Scheinbuch , sondern ein wirkliches Buch ist , d.h. ein solches , welches bleibenden Werth hat , daher lange bestehen und viel Auflagen erleben wird , obgleich ich wohl weiß , daß Sie mir das nicht glauben werden . Am Ende kann es Ihnen auch gleichgültig sein . Denn Ihre Sache ist der Debit der nächsten Jahre und daß der rasch gehe , kann ich Ihnen nicht garantiren , sondern nur das Eine , daß , wenn es daran fehlt , dies nicht die Schuld des Buches , sondern des Publikums sein wird . « Und zum Schluß : » Dieser zweite Theil ist bei weitem wichtiger , als der erste und übertrifft ihn an Gründlichkeit und Reichthum der Kenntnisse unendlich , eben weil er die Frucht fünfundzwanzigjährigen Studiums und Nachdenkens und der reiferen Jahre ist . Mein System , welches der erste Band im Umriß giebt , tritt hier in der Vollendung auf , die ihm nur das Nachdenken und der Fleiß eines ganzen damit zugebrachten Lebens geben konnte . Denn , wenn in der ersten , noch unvollendeten Erscheinung desselben , nur Einzelne die Wichtigkeit und den Werth erkannt haben und es bei dem Gewirre der materiell interessirten Parteien nicht durchdringen konnte , so dürften wir doch hoffen , daß es jetzt in seiner vollendeten Gestalt und bei der schon eingetretenen Entlarvung der bloßen Spiegelfechtereien , endlich durchdringen wird . « So der Brief . All dies , ursprünglich in einer lesbaren Handschrift geschrieben , ist nichtsdestoweniger , und zwar um der fünf- und sechsfachen , an allen nur erdenklichen Stellen angebrachten Korrekturen willen , überaus schwer zu entziffern . Alle möglichen Zeichen stehen in seinem Dienst , Bojen oder Signallaternen , die den Weg zeigen sollen , aber so zahlreich sind , daß sie mehr verwirren als orientieren . Vielleicht der interessanteste dieser vier an Brockhaus beziehungsweise an die Brockhaussche Druckerei gerichteten Briefe , ist der , der die Überschrift trägt » An meinen Setzer « . Derselbe ( spezifisch schopenhauersch ) lautet : » Mein lieber Setzer . Wir verhalten uns zu einander wie Leib und Seele , müssen daher , wie diese , einander unterstützen , auf daß ein Werk zu Stande komme , daran der Herr ( Brockhaus ) Wohlgefallen habe . Ich habe hierzu das Meinige gethan und stets , bei jeder Zeile , jedem Wort , ja jedem Buchstaben , an Sie gedacht , ob Sie nämlich es auch würden lesen können . Jetzt thun Sie das Ihre . Mein Manuskript ist nicht zierlich , aber sehr deutlich , auch groß geschrieben . Die viele Überarbeitung und fleißige Feile hat viele Korrekturen und Einschiebsel herbeigeführt , jedoch Alles deutlich und mit genauester Hinweisung auf jedes Einschiebsel durch Zeichen , so daß Sie hierin nie irren können , wenn Sie nur recht aufmerksam sind und mit dem Vertrauen , daß Alles richtig sei , jedes Zeichen bemerken und sein entsprechendes auf der Nebenseite suchen . – Beobachten Sie genau meine Rechtschreibung und Interpunktion und denken Sie nie , Sie verstünden es besser : ich bin die Seele , Sie der Leib . – Habe ich , am Ende der Zeile , die in die Nebenseite hineingehenden Zusatzworte durch einen Haken der Zeile angeschlossen , so hüten Sie sich , solche für unterstrichen zu halten ! – Was mit lateinischen Buchstaben geschrieben , in eckigen Klammern eingeschlossen steht , sind Notizen für Sie allein bestimmt . – Wo Sie eine Zeile ausgestrichen finden , sehen Sie wohl zu , ob nicht doch ein Wort derselben stehen geblieben sei und überall sei das Letzte was Sie denken oder annehmen dieses , daß ich eine Nachlässigkeit begangen hätte . – Manchmal habe ich ein fremdartiges Wort , das Ihnen nicht geläufig wäre , am Rande , auch wohl zwischen den Zeilen mit lateinischen Buchstaben wiederholt und in einige Klammern geschlossen . Bedenken Sie , wenn die vielen Korrekturen Ihnen beschwerlich fallen , daß eben infolge derselben ich nie nöthig haben werde , auf dem gedruckten Korrekturbogen noch meinen Stil zu verbessern und Ihnen dadurch doppelte Mühe zu machen . Ich setze gern doppelte Vokale und das den Ton verlängernde h , wo es früher Jeder setzte . Ich setze nie ein Komma vor denn , sondern Kolon oder Punkt . – Ich schreibe überall ahnden , nie ahnen . – Ich schreibe › trübsälig , glücksälig ‹ usw. , auch › etwan ‹ , nie › etwa ‹ . Theilen Sie diese Ermahnung dem Korrektor mit . Ich wünsche , daß oben auf den Seiten die Überschrift des jedesmaligen Buches und Kapitels fortlaufend angegeben stehe , z.B. auf der Seite zur Linken : › Viertes Buch , Kap . 43. ‹ , auf der zur Rechten : › Erblichkeit der Eigenschaften ‹ u.s.f. Bloß das erste Buch ( nicht die andern ) zerfällt in zwei Hälften , die nicht gerade durch ein Titelblatt gesondert zu werden brauchen , sondern die bloße Überschrift kann hinreichen . « Das Schicksal dieser Manuskripte – seitdem vielleicht in Schopenhauerschen Sammelwerken veröffentlicht – ist mir unbekannt . * Der Ausschmückung seines zeitlichen Hauses widmete Wiesike durch ein halbes Jahrhundert hin nur wenig Sorgfalt , desto mehr seiner letzten Ruhestätte , nachdem ihm 1865 die Frau gestorben war . Im genannten Jahre beschloß er – vielleicht nicht ganz unbeeinflußt durch den eigenartigen Friedhof der Humboldts in Tegel – einen Begräbnisplatz in seinem Park herzurichten , und ging auch sofort an die Ausführung dieses Beschlusses . Als ich ( wie erzählt ) 1874 zum ersten Male nach Villa Wiesike kam , war dieser Begräbnisplatz schon vorhanden und fesselte mich weniger durch seine Schönheit – darüber wäre zu streiten gewesen – als durch eine gewisse Originalität der Anlage . Ein etwa dreihundert Schritt langer Fliedergang führte zu einem großen , von einer Fliederhecke kreisförmig umstellten Rondell : inmitten dieses Rondells ein quadratisches Eisengitter und wiederum inmitten dieses Gitters ein Sockelbau mit einer Granitpyramide samt drei Grabstellen und einem Blumenbeet . Dies Blumenbeet in Front . In Front auch ein Marmorrelief » Hygiea und Psyche « darstellend ( mit der Legende : Mens sana in corpore sano ) , an beiden Seiten des Obelisken aber die Medaillenporträts des Wiesikeschen Ehepaars : Karl Ferdinand Wiesike und Julie Wiesike , geb . Tannhäuser . Endlich , an der Rückfront , nicht Bild , nicht Porträt , wohl aber die Inschrift : » Wilhelmine Rolle ; ihren langjährigen treuen Diensten zum Gedächtniß « . Nur erst Julie Wiesike , geb . Tannhäuser , hatte von den genannten Dreien ihre Grabstelle schon bezogen , wovon , außer dem eingravierten Todesdatum , auch der Efeuhügel Zeugnis gab . Die beiden andern , der alte Herr und die treue Dienerin seines Hauses , freuten sich noch des himmlischen Lichts und traten täglich an die Stelle , wo sie , früher oder später , ebenfalls ihre Ruhestätte finden sollten . Ursprünglich , was nicht vergessen werden darf , war auch diese Stätte bestimmt gewesen , neben der Bestattung der Familie dem Kultus des Genius zu dienen , und statt » Hygiea und Psyche « hatten Hahnemann und Schopenhauer und des weiteren die Büsten von Aeschylus , Bach und Kant den diese Stelle Besuchenden begrüßen sollen . Es war aber schließlich doch Abstand von dieser Lieblingsidee genommen worden , einerseits um Verwirrung und andererseits um den Schein der Prätention zu vermeiden . Seitdem ist der alte Wiesike selber heimgegangen ( 11. Oktober 1880 ) und ruht nun ebenfalls zu den Füßen des Obelisken , weshalb es sich geziemen mag , diesen Kapitelabschnitt mit dem Versuch einer Wiesikeschen Charakteristik zu schließen . * Karl Ferdinand Wiesike war eine spezifisch märkische Figur , unter anderem auch darin , daß er mehr war , als er schien . Sah man ihn öfter , so wurde man freilich gewahr , eine wie kluge Stirn und wie kluge Augen er hatte , wer dieses Vorzuges häufigerer Begegnungen aber entbehrte , der nahm ihn , mit seiner breiten Unterlippe , notwendig für eine Alltagserscheinung . Unter denen , die den Alten mit am besten kannten , war auch die betagte , drüben im Schloß wohnende Gräfin Königsmarck , geborene von Bülow . Sicherlich waren die Gräfin und Wiesike Gegensätze : Hochadel und Bürgertum , Konservatismus und Fortschritt , Christentum und Atheismus standen sich in ihnen gegenüber , aber die Gräfin hielt trotz alledem große Stücke auf ihren Nachbar , von dem sie wußte , daß er nicht bloß klug , sondern auch mutig und ehrlich war und das Herz auf dem rechten Flecke hatte . Wiesike war nicht bloß ein genialer Praktiker , der mit Hilfe selbständigen Denkens sich rein äußerlich vorwärts zu bringen verstand , er hatte , wie nicht genug hervorgehoben werden kann , dies sein selbständiges Denken auf jedem Gebiet und verachtete nichts so sehr , wie den Glauben an das allein Seligmachende der Überlieferung . Er ließ die Tradition gelten und war weitab davon , ein Reformer à tout prix sein zu wollen , aber ebenso kritisch er die Neuerungen ansah , ebenso kritisch verhielt er sich gegen das Alte , dessen Anspruch auf Gültigkeit , und zwar bloß weil es alt , er mit jugendlichem Eifer bestritt . Sein Hahnemann- und Schopenhauer-Enthusiasmus ging aus dieser seiner Geistesrichtung hervor , und er nahm sich dessen an , was er seitens der den Tag beherrschenden Mächte mit Unrecht ignoriert oder befehdet glaubte . So ward er der Freund Hahnemanns und Schopenhauers und zugleich eine Stütze derer , die für beide » Schule « zu bilden begannen . Einige haben in all diesem Tun nur Eitelkeit und in Wiesike selbst nichts als einen von einer Koterie geschickt » Eingefangenen « erkennen wollen . Aber der alte kluge Wiesike war nicht der Mann , sich ohne weiteres einfangen zu lassen , und durfte mit Windthorst-Meppen sagen : » wer mich ausnutzen oder hinters Licht führen will , der muß früher aufstehn « . Alles was er der Person wie der Lehre seiner zwei Meister an Huldigungen darbrachte , sproß nicht aus einem sich geschmeichelt fühlenden Mottenburgertum , sondern aus jener innerlichen Kraft und Überzeugung , die da , wo der Glaube versagt , das Wissen gibt , das Zuhausesein in den jeweiligen Disziplinen . Er hatte seinen Schopenhauer immer wieder und wieder gelesen und bot ein geradezu leuchtendes Beispiel dafür , daß der Pessimismus nicht bloß ruiniere , sondern unter Umständen auch eine fördernde humanitäre Seite habe . Wiesike hatte das Mitleid und half immer , wo Hilfe verdient war . Eine vielleicht zu weit gehende Vorstellung von der ungeheuren Bedeutung des Besitzes , ja mehr , ein Stück vom Bourgeois und altmodischen Kleinkaufmann war ihm freilich geblieben . Aber auch das trat sehr gemildert , um nicht zu sagen geläutert auf . Ich persönlich kann seiner nicht ohne Dank und Rührung gedenken und zähle die mit ihm verplauderten Stunden zu meinen glücklichsten und bestangelegten . Jedenfalls aber gehört er in seiner für märkische Verhältnisse merkwürdigen Mischung von finanzlicher und philosophischer Spekulation , von Pfadfinder und Sokrates , von Diogenes und Lukull , zu den interessantesten Figuren , die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind . 7. Kapitel 7. Kapitel Rückblick Wir nehmen Abschied von Schloß Plaue , das der Wandlungen durch ein halbes Jahrtausend hin so viele sah : Georg von Waldenfels erhob den kurfürstlichen Brückenzoll und der alte Zollwächter Gerimsky jagte , vierhundert Jahre später , den Handwerksburschen auf seinem Klepper nach und nahm ihnen als Pfand die Mütze vom Kopf ; Friedrich von Görne schuf das Plauer Porzellan und Wilhelm von Anhalt tanzte Contre und Kegelquadrillen und ließ die Stadt Plaue durch den Nachtwächter als Dorf ausrufen . Dann kamen die Königsmarcks und gründeten ihrem Ruhm ein Ruhmesmuseum , und beinah gleichzeitig erschien K. F. Wiesike dem Schlosse gegenüber und schuf an eben der Stelle , wo die » große Büchse « gestanden hatte , das unfruchtbare Sand- und Sumpfland in ein Garten – Eden um und machte seine Studierstube zur Kultusstätte für Hahnemann und Schopenhauer . Aber alles ist vergessen oder wird vergessen sein , wenn die Geschichte noch immer von dem Ersten an dieser Stelle , von Johann von Quitzow erzählt , der den Mecklenburger Herzog in das Burgverlies warf und den das Wiehern seines Rosses verriet , als er sich auf der Flucht im Havelröhricht verbergen wollte . Das Kleine vergeht , das Große bleibt . Denn ein Großes war es , als unter dem Hinschwinden einer willkürübenden Adelsmacht die Gesetzlichkeit hier einzog und mit dieser Gesetzlichkeit eine neue Zeit begründete . Hoppenrade 1. Kapitel 1. Kapitel Erster Besuch in Hoppenrade . Die Legende von der Krautentochter Es sind jetzt zwanzig Jahre , daß ich , gleich bei Beginn meiner Arbeiten über Ruppin und Rheinsberg , zum ersten Male nach Hoppenrade kam . Ein Freund , der es schon oberflächlich kannte , hatte für jenen Tag die Führung übernommen , und nicht ohne Neugier und Erregung war es , daß ich nach dem » verwunschenen Schlosse « hin aussah , als wir in unserer hin- und herschwankenden und noch altmodisch in C-Federn hängenden Halbchaise die große Rüsterallee hinauffuhren . Aber der Gegenstand unserer Neugier verbarg sich bis zuletzt , und wurd ' erst sichtbar , als wir unmittelbar vor ihm hielten . Er lag da wie herrenloses Eigentum . » He , Holla ! « Und der Kutscher knipste begleitend mit der Peitsche . Niemand aber kam uns zu begrüßen , freilich auch niemand uns den Zutritt zu wehren , und so halfen wir uns denn schließlich selbst , öffneten die nur angelegte Tür und stiegen an einer mit Silber und Schildpatt ausgelegten alten Fluruhr vorbei , die breite , flachstufige Treppe hinauf , deren schöngeschnitztes und noch wohlerhaltenes Geländer uns auf den Reichtum hinwies , der dies alles einst ins Leben gerufen . Auf den Reichtum und den guten Geschmack . Und nun waren wir oben und gingen von Zimmer zu Zimmer . Alle standen auf , und in jedem einzelnen erkannten wir immer wieder dasselbe Durcheinander von Glanz und Verfall , das uns schon unten im Erdgeschoß entgegengetreten war . Überall Deckenbilder und Holzgetäfel , Supraporten und Ledertapeten , aber dazwischen Spinnweb und abgefallener Kalk oder im unausgesetzten Sonnenbrand trüb und buntglasig gewordene Fensterscheiben , aufgerissene Dielen und durchgeregnete Stellen an Fries und Decke . Ganz zuletzt erst kamen wir in einen großen saalartigen Raum , durch den die Drähte verschiedener Klingelzüge gezogen waren , aber die Drähte hatten ihre Spannung verloren und hingen entweder schlaff und schräg an der Wand hin oder lagen einfach am Fußboden entlang . Einige Neugierige , die hier vor uns ihren Besuch gemacht haben mochten , hatten sich drin verfitzt und auf die Weise das Bild der Unordnung und Wirrnis nur noch gesteigert . In eben diesem Saale lag auch eine tote Schwalbe , die mutmaßlich durch den Rauchfang gekommen war und den Ausgang nicht hatte finden können . Ich fragte , wer das alles gebaut und bewohnt habe ? Der Freund aber zuckte mit den Achseln und setzte zu vorläufigem Troste hinzu : » Vielleicht , daß wir ' s unten von den Wänden lesen . « Und damit stiegen wir wieder treppab und gingen ein paar lange Korridore hinunter auf einen entfernteren Schloßflügel zu , darin sich die Schloßkapelle befinden sollte . Hier aber , während im oberen Stock alles aufgestanden hatte , fanden wir die Türe sorglich geschlossen , und mußten , im Fall uns wirklich an einem Einblicke lag , einen Meier oder Verwalter oder sonstigen Majordomus von Schloß Hoppenrade zu finden suchen . Und wir fanden ihn auch in Gestalt eines auf einer Parkwiese mit Grasmähen beschäftigten Tagelöhners , der sich schließlich , nach einigem Parlamentieren , mit jener dem Märker eigentümlichen Mischung von Geneigtheit und Abgeneigtheit bestimmen ließ , uns ins Schloß zu folgen und die Kapellentür aufzuschließen . Die Kapelle selbst hatte den Umfang und fast auch das Ansehen eines Rokokosaales . Pfeiler und Decke waren weiß und golden und reiche Stuckornamente dazwischen . Unmittelbar über dem Altar befand sich die Kanzel , was auf Calvinismus deutete , sonst aber erschien alles katholisch und zwar katholisch im zopfigsten Jesuitenstil , am meisten ein paar schrankartige , schräg ins Eck gebaute Chorstühle , die mit ihrem Gitterwerk und einem dahinter angebrachten Sitzplatze genau wie Beichtstühle wirkten . Ein elfenbeinernes , anscheinend italienisches Kruzifix steigerte noch diesen Eindruck und wenn nicht das Kruzifix selbst , so doch der Ebenholzkasten , auf dem es stand , in dem nach Reliquienart ein Stückchen Seidenzeug lag mit einem Pergamentstreifen daran und der Inschrift : » De vestemento Mariae . « Dicht hinter dem Kruzifix mündete von oben her der konsolartige Kanzelfuß und an eben dieser Stelle war auch ein Doppelwappen angebracht , eines davon das Bredowsche . Sonst fand sich nichts , was ein Interesse hätte wecken können , ausgenommen ein Deckenbild in der Sakristei , das zu dem Calvinistischen und jesuitisch Katholischen auch noch etwas Freimaurerisches hinzufügen zu wollen schien : ein Weltgott trug Zepter und Krone , dazu Sonn ' und Mond auf der Brust , und Löw ' und Skorpion auf dem Gürtel ; ein Engel aber kniete vor ihm und opferte dem Gott ein brennendes Herz . Alles rätselhaft . Auch dies Bild . Als wir aus der Kapelle heraus und wieder draußen im Freien waren , überflog ich noch einmal , was ich drinnen gesehen . Ja , was war es ? Ich hatte nichts erkannt als das Bredowsche Wappen , und unser Cicerone bestätigte denn auch , daß Hoppenrade Bredowsch und später erst ein Frau von Arnstedtscher Besitz gewesen sei . Das war etwas , aber doch nicht genug ; es verlangte mich mehr zu wissen , und als ich unerbittlich in den unter Verhör Genommenen eindrang , entschloß er sich endlich kurz und resolvierte sich dahin : » Joa , denn helpt dat nich , denn möten wi to de Oll-Staegemannsch goahn , de weet allens . Un wat de annern weeten , dat weeten se ook man vunn ehr . « Ich sog jedes dieser Worte begierig ein , und ehe zwei Minuten um waren , schritten wir schon über ein zwischen Schloß und Dorf eingeschobenes Stück Wiesenland auf ein niedriges und dicht von Kürbis umwachsenes Haus zu , darin das alte Mütterchen und mit ihr die Dorftradition wohnen sollte . Wir fanden sie nicht gleich , das Häuschen war leer , im Garten aber kniete sie vor einem Beet und sammelte kleine rotschalige Zwiebeln in ein neben ihr stehendes Metzmaß . Als sie verständigt worden war , um was wir gekommen , erhob sie sich zu Gruß und freundlicher Anrede . Sie war überhaupt sehr artig , sprach Hochdeutsch , in das sich nur dann und wann ein paar plattdeutsche Wörter einmischten , und wollte uns durchaus in ihre Stube führen . Aber wir baten sie zu bleiben , was sie zuletzt auch annahm und nur auf einen Backtrog zeigte , der umgestülpt unter ein paar Zwetschenbäumen lag . Auf diesem Troge nahmen wir Platz und kaum daß ich mich zurecht gerückt hatte , begann ich auch schon mit allerhand Fragen wegen der Bredows . Als ich aber merkte , daß sie von dem allen nicht viel oder eigentlich so gut wie nichts wußte , weil es vor ihrer Zeit gewesen war , so ließ ich die Bredows fallen und leitete das Gespräch auf die Frau von Arnstedt hinüber , » die müsse sie doch noch gekannt haben « . » Ob ich die gekannt habe ! Solange ich denken kann . Ich war ja schon drüben , als das älteste Fräulein geboren wurde , das Rosalchen , die nachher den Wülknitz heiratete , den Kammergerichtsrat , der bis voriges Jahr unsere Herrschaft war . Ach , das war eine himmlisch gute Frau , die hatte den lieben Gott im Herzen und unsern Herrn Christus auch . Und das Fräulein Klara , die ja nu wieder die Tochter von der Frau von Wülknitz war ... « » Aber liebe Frau Staegemann . Sie wollten mir ja von der Frau von Arnstedt erzählen . « » Richtig , von der Frau von Arnstedt , von unsrer ersten gnädigen Frau . Nu , die war ja schon ein Erbkind , als sie noch kaum geboren war , und erbte denn auch das große Krautenerbe , das von Vater und Vaterschwester herkam . Und weil es jeder gern haben wollte , nämlich das Krautenerbe , so nannten sie sie die Krautentochter . Und so hat sie geheißen bis an ihr seliges Ende . Denn das wird sie doch wohl gehabt haben . Aber all das , ich meine das mit der Erbschaft , das war lange vor meiner Zeit , und als ich aufs Schloß kam , da war sie ja schon die Frau von Arnstedt , und eine sehr schöne Frau , so Mitte Dreißig , und immer drüben in Rheinsberg . Und hatte damals drei Kinder . Das heißt drei Kinder von ihrem dritten Mann . Denn sie war schon zweimal vorher verheiratet gewesen , erst mit Elliot und dann mit Knyphausen . « » Und dann erst mit Arnstedt ? « » Wohl , dann erst mit Arnstedt . Das war der dritte , der Rittmeister . Und als sie noch mit Elliot verheiratet war , da war ja das Duell . « » Das Duell ? « » Ja , das Duell , weil sie den Englischen nicht leiden konnte . Und warum nicht ? Weil er ihr zu englisch und auch zu eifersüchtig war , worin er aber wohl recht hatte . Denn sie schrieb sich immer Briefe mit Knyphausen , und drüben im Park ist noch der Baum , in den sie die Liebeszettel immer hineinlegten . Aber Elliot erfuhr es , und als er einen Brief las , in dem alles drin stand , da schossen sie sich , und Elliot kriegte was weg , aber nicht viel , bloß einen Streifschuß . Und dann ging er in die weite Welt . « » Und ist auch nie wiedergekommen ? « » O doch . Aber bloß ein einzig Mal , als er die kleine Miß abholen und mit nach England nehmen wollte . Das heißt heimlich und listig und mit Gewalt . Oh , wie habe ich dem lieben Gott immer gedankt , daß ich damals noch nicht Kindermuhme war , ich hätte den Tod gehabt , wenn ich so was erlebt hätte . Denn wie kam er denn ? In einer feinen Kutsche kam er und bei hellem lichten Tag , aber er fuhr nicht vor und nicht auf die Rampe , sondern bloß immer um den Park herum . Und als er an die Stelle kam , wo das Kind spielte , denn er mußte wohl seine Kundschafter gehabt haben , da sprang er mit eins heraus und nahm das Kind und das Spielzeug und die große Puppe , die grad auf der Wiese lag , und wie der Blitz wieder in seine Kutsche hinein und heidi vorwärts über den Sturzacker und die Stoppelfelder , immer grad aus bis England . « Ich tat noch allerlei Fragen , alles indessen , was sie mir antwortete , war eigentlich nur Wiederholung . Es zeigte sich deutlich , daß die Geschichte von dem Briefwechsel und dem Duell , und mehr noch die Geschichte von der Entführung der kleinen Miß Elliot einen Eindruck auf sie gemacht hatte ; der Rest aber war vergessen oder blieb im Dunkel . Eine Stunde später schied ich von Hoppenrade , fest entschlossen , das Dunkel nach Möglichkeit zu lichten . Aber es wollte nicht glücken . Die Memoiren aus jener Zeit , soweit sie mir damals bekannt und zugänglich waren , ließen mich im Stich , und die Rheinsberger Gegend , in der im allgemeinen die Prinz-Heinrich-Traditionen immer noch frisch und lebendig sind , gewährte mir fast noch weniger , als die Prinz-Hein rich-Literatur . Ich gab es schließlich auf und hatte meinen ersten Besuch in Hoppenrade fast schon vergessen , als ein glücklicher Zufall mich erfahren ließ , daß auf einem alten Knyphausenschloß , und zwar auf Schloß Lützburg in Ostfriesland , eine Familienchronik existiere , darin sich in bezug auf Elliot und Knyphausen alles finde , was ich nur irgendwie wünschen könne . Die Reise dahin schob sich jedoch abermals hinaus , bis ich schließlich für alles Warten und alle Mühe reichlich belohnt wurde . Was ich in folgendem gebe , besonders in den mittleren Kapiteln , ist zu wesentlichem Teile der erwähnten Lützburger Chronik entnommen . Andres stammt aus Briefen und Prozeßakten , noch andres aus den mir erst neuerdings zu Händen gekommenen Thiébaultschen » Souvenirs « . Auch in Hoppenrade selbst habe ich noch allerlei kleine Züge für diesen Aufsatz und seine Heldin einzusammeln vermocht . So viel zur Einleitung . Ich beginne nunmehr damit , über das bisher nur andeutungsweis Gesagte hinaus , in nachstehendem festzustellen , wer die Krautentochter und was das Krautenerbe war . 2. Kapitel 2. Kapitel Wer war die Krautentochter ? Und was war das Krautenerbe ? Es ist also von der Krautentochter und dem Krautenerbe , das ich in nachstehendem erzählen will . Aber das Krautenerbe ( der wahre Nibelungenhort in dieser Geschichte ) war eher da , weshalb ich mit ihm beginne . Was war das Krautenerbe ? Das Krautenerbe , das eigentlich ein Bredowerbe war , umfaßte das in der Südostecke des jetzigen Kreises Ruppin gelegene , mit einzelnen Begüterungen auch in den uckermärkischen Kreis Templin übergreifende » Land Löwenberg « . Dies aus drei Hauptteilen , aus dem eigentlichen Löwenberg , aus Liebenberg und drittens und letztens aus Hoppenrade bestehende » Land Löwenberg « gehörte seinerzeit den Bischöfen von Brandenburg und wurde von einem derselben , unter gleichzeitiger Ausstellung einer Belehnungsurkunde , dem Hans von Bredow aus der Friesacker Linie verkauft . Das war 1460 . Von dieser Zeit an ( 1460 ) war das Land Löwenberg etwa hundertundfünfzig Jahre lang in unausgesetztem Besitze der Bredows . Sie gingen bei den Bischöfen von Brandenburg und später , nach der Säkularisation , bei dem Landesherrn zu Lehn . Erst im siebzehnten Jahrhundert änderten sich diese Verhältnisse . Kurz vor dem Dreißigjährigen Kriege kam das eigentliche Löwenberg und kurz nach demselben auch Liebenberg in fremde Hände , so daß , von etwa 1652 ab , die Bredows an eben dieser Stelle nichts anderes mehr besaßen , als den verhältnismäßig kleinen Anteil Hoppenrade . So verblieben die Dinge geraume Zeit , bis der Abschluß einer reichen Heirat einen plötzlichen Wandel zum Guten und fast bis zur Wiederherstellung ehemaligen Glanzes schaffte . Dies war 1715 . In diesem Jahre vermählte sich Joachim Heinrich von Bredow , Dompropst zu Havelberg , Erb- und Lehnsherr auf Hoppenrade , mit Konstanze Amalie Sophie von Kraut , Tochter des Geheimen Finanzrats und Nichte des Ministers von Kraut , und gelangte dadurch in den Besitz eines so bedeutenden Vermögens , daß der Rückkauf des eigentlichen Löwenberg , das stets den Hauptteil des sogenannten » Landes Löwenberg « ausgemacht hatte , stattfinden konnte . Von diesem Zeitpunkt ( 1724 ) an , war » Land Löwenberg « – mit alleiniger Ausnahme der ein für alle mal abgetrennten Liebenberger Anteile – wieder in Bredowschen Händen , und nur in einem wichtigen Punkte hatten sich die Verhältnisse geändert : aus dem großen Löwenberger Anteil , i.e. Loewenberg proprium , war , infolge der Verkaufs- und Rückkaufsprozeduren , ein seiner ehemaligen Lehnsguts-Eigenschaften entkleideter Besitz geworden , aus welcher immerhin wichtigen Umwandlung das resultierte , daß das gesamte » Land Loewenberg « nunmehr einen gemischten , juristisch und erbrechtlich ungleichen Güterkomplex darstellte , dessen kleinerer Teil , Hoppenrade , Lehnsgut geblieben , dessen größerer Teil aber , das eigentliche Löwenberg , Allod oder ein frei verfügbarer Besitz geworden war . Aus dieser , allem Anscheine nach , damals als gleichgültig oder wenigstens unwichtig angesehenen erbrechtlichen Verschiedenheit , ergaben sich , wie wir im weiteren ersehen werden , arge Verwicklungen , in betreff deren freilich anerkannt werden muß , daß sie vielleicht ausgeblieben wären , wenn die Verhältnisse dem gesamten » Löwenberger Land « oder , was dasselbe sagen will , dem großen Bredowerbe gestattet hätten , ein Bredowerbe zu bleiben . Die Verhältnisse führten aber umgekehrt zu dem Versuche ( der denn auch glückte ) , das Bredowerbe durch Testamentsbeschluß in ein Krautenerbe zu verwandeln . Uns aber erübrigt es nunmehr , in nachstehendem zu zeigen , worin die direkte Veranlassung zu solcher Umwandlung lag . Die Veranlassung dazu lag in einem häuslichen Unglück , von dem sich das dompröpstlich Bredowsche Paar , nachdem demselben zwei Söhne geboren worden waren , betroffen sah . Beide Söhne wurden geisteskrank , und als sich nach längerer Zeit ihre Geisteskrankheit als unheilbar herausstellte , war für die Dompröpstin von Bredow , geborene von Kraut , die Notwendigkeit gegeben , über das Erbe , das von ihren