, die der eines Greises glich , zur Schonung auf ... Von Benno sprach sie zu Klingsohr nicht , da auch Hubertus nichts von Kindern dieser zweiten Ehe gewußt hatte ... Noch war sie schreckhaft erregt von Klingsohr ' s Hosiannah des Dankes für ihren Beistand , vom Triumphgesang seiner Hoffnungen für eine neue Zukunft in Rom , wo » selbst der Tod mit leichterer Hand abgewehrt würde , als anderswo « ... Er hatte ihre ihm durchs Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft festgehalten und sie mit Versen begrüßt , die schon bereit gehalten schienen , wenn er sie wiedersehen würde ... Er gab Minerva , die Weisheit , Maria , den Glauben , hin - Sie , sie , die Botin Aphrodite ' s , gäb ' ihm allein die volle Lebenskraft ... Pallas Athene ! Wär ' ich immer Gefolgt nur Deinem Schild und Speer - Ich wäre längst ein Abendschimmer , Begraben in dem ew ' gen Meer ! Was zog mich denn mit Zauberbanden Hinauf zu Schnee und Alpenhöhn ? Was ließ in fernen , heil ' gen Landen Mich Ziele noch und Wünsche sehn ? Todmatt und krank , gedörrt die Lunge - Nahst Du dem Auge kaum , dem Ohr , Raff ' ich mich schon mit Löwensprunge Ein Held zu neuer That empor ... Was komme jetzt ? Nur Du gebiete ! Zum Frühling wird des Kerkers Haft ! Maria - ? Pallas - ? Aphrodite , Du bist die Lebens- - Liebeskraft ! Sie sagte dem Wahnbethörten , fieberhaft Blickenden , von Reflexionen Umgewirbelten lächelnd , daß ihn der Cardinal bei der Congregazione del ' Indice für die Beaufsichtigung deutscher Kunst und Wissenschaft verwenden wollte1 ... Von Hubertus wußte man auch in Santa-Maria noch nichts ... Klingsohr versicherte , die Entschlossenheit seines tapfern Freundes würde sich in jeder Lage zu helfen wissen ... Sie wohnen hier sehr hübsch ? ... fuhr Lucinde , sich im Empfangzimmer der Herzogin umsehend und von ihrer Erschöpfung durch die empfangenen Eindrücke sammelnd , fort ... Hundert Fuß vom Erdendunst entfernter , als an Piazza Sciarra ... lautete die Antwort ... Lucinde drückte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern über die neuliche Scene mit Olympien aus und versicherte , ihrerseits angenommen zu haben , daß die Herzogin bereits ausgezogen wäre ... Der Cardinal hatte , denk ' ich , die Absicht , dies Palais - Ihnen als Aussteuer anzubieten ? sagte die Herzogin ... Immer hörte Lucinde von dieser Frau nur gewisse höhnische Betonungen ... Immer nur gewisse Zweifel der Ironie ... Graf Sarzana wird den Dienst bei Seiner Heiligkeit nicht aufgeben ? fuhr die Herzogin fort ... Sie hoffen ein stilles und glückliches Leben führen zu können ? ... ... Vergessen Sie nicht , wenn der Cardinal Ambrosi die Wohnung zu beziehen ausschlagen sollte , einige Verbesserungen - des Küchenherdes im Palais vorzunehmen ... Sonst ist alles gut im Stande ... Schwach sind die Frauen wahrlich nicht , wenn sie ihre Empfindungen aussprechen ... Lucinde kannte auch darauf hin ihre Mitschwestern ... Aber der » Küchenherd « schien ihr denn doch eine Anspielung geradezu auf die Zeit , wo sie eine Magd war ... Sie sehen mehr , als ich , Hoheit ! sagte sie , sich ergrimmt auf die Lippen beißend ... Sind die Verhältnisse noch nicht so weit ? ... fuhr die Herzogin fort ... Die Verhältnisse ! ... Welche Verhältnisse ? ... Eure Hoheit haben mich in diese Verhältnisse empfohlen ... Sie sind auch dankbar dafür ... lächelte die Herzogin ironisch ... Sie aber sind nicht großmüthig , Hoheit ! sagte Lucinde . Ich höre , daß Sie diese mögliche Zukunft zu verhindern suchen und mich nickt für würdig halten , eine Gräfin zu werden . Ich bin allerdings keine geborene Marchesina von Montalto , wie Sie ! Ich bin eine einfache deutsche Bäuerin - das ist wahr ! Oder hat man Ihnen aus Robillante anders geschrieben ? ... Aus Robillante - ? Mir ? ... So hört ' ich - also neulich am Hochzeitstage - doch recht ? ... Wie kommen - Sie denn - ... Sie stehen im Briefwechsel mit Robillante ... unterbrach Lucinde schnell und entschieden ... Mit - Ihrem Bischof - ? ... entgegnete die Herzogin , noch mit einer gewagten Sicherheit , aber schon erzitternd ... Mit Ihrem Sohne Benno von Wittekind-Neuhof , mein ' ich ... warf Lucinde wie einen den Sieg verbürgenden Trumpf aus ... Die Herzogin wollte erst auflachen ... Dann deutete sie auf Lucindens Stirn , als wenn ihr Verstand nicht in Ordnung wäre ... Lucinde erhielt sich in unbeweglicher Ruhe und wiederholte langsam , was sie soeben gesprochen hatte ... Die Herzogin ergriff Lucindens Arm , starrte sie mit aufgerissenen Augen an und schwankte an die Thüren , um wenigstens diese fester anzuziehen ... Sie litt nicht für sich - was hatte sie zu fürchten ! ... Sie litt für Benno , der seines zweideutigen Ursprungs nicht froh zu werden schien ... Sie - sind - wirklich - ein Teufel ! ... hauchte sie , sich halb ohnmächtig niedersetzend ... An diesem » Wirklich « , sagte Lucinde , erkenn ' ich die mich betreffenden Stellen Ihres Briefwechsels ... Jenseits der Alpen ist man noch immer nicht im Reinen , für welchen Ofen der Dante ' schen Hölle ich passe ... Aber Ihr Sohn ignorirte mich doch mit einer gewissen mitleidigen Toleranz ... Ein vortrefflicher Mensch , nur mit dem Einen Fehler , daß er zu den Männern gehört , die Verstand bei Frauen für Anmaßung halten ... Eine lange Pause des Triumphes trat ein ... Die Herzogin raffte sich allmählich empor und suchte , um Luft zu schöpfen , das Fenster ... Ich spreche eine Vermuthung aus , die ich beweisen kann ! ... fuhr Lucinde ihr nachblickend fort ... Leo Perl hieß der Geistliche , der Sie traute ... Ein Jude war es und es geschah auf dem Schloß Altenkirchen ... Ich kenne viele Folgen dieses abscheulichen Betruges , arme Frau ! ... Benno von Asselyn ist die beste davon ... Ein trefflicher Mensch , sagt ' ich , ob er gleich dem Kronsyndikus ähnelt und - Ihnen ... Madame , Sie wissen , daß ich nur wenig Freunde im Leben gefunden habe ... Lassen Sie mir die , die ich hier gewinne ... Ich verspreche Ihnen , Sie werden von mir unbehelligt bleiben ... Ich weiß vom Cardinal , daß hier nur die Jesuiten und der General der Franciscaner Ihr vergangenes Leben kennen , Olympia im Allgemeinen ... Arme Frau ! Aber da die erste Hochzeit falsch war , konnte man Sie nicht der Bigamie anschuldigen , was Ihre und Ceccone ' s Feinde thun wollten ... Sie wurden glorreich gerechtfertigt ... Ihr Geheimniß dann mit Benno - das weiß niemand außer mir ... Ich werde es zu bewahren wissen , nur - bitt ' ich von jetzt an und befehl ' es Ihnen , lächeln Sie nicht mehr , wenn mein Name genannt wird - genannt , ob nun in Verbindung mit dem Cardinal oder mit dem Grafen ... Lassen Sie sich von Ihrem Sohn nichts über mich erzählen , was Sie veranlassen könnte , etwaigen Hoffnungen , die ich habe , welche es auch sein mögen , schaden zu wollen ... Das ist es , was ich Ihnen schon am Hochzeitsfest zu sagen hatte und nur verschob , weil die Räuber uns hinderten und wir im Gebirge kaum zur Besinnung kommen ... Noch Eins und in aller Aufrichtigkeit ... Erneuern Sie die Warnungen für den Bischof von Robillante ! ... Schreiben Sie Ihrem Sohn davon ! ... Man erwartet Fefelotti ... Dieser bringt die Einleitung eines Processes auf Absetzung des Bischofs ... Das wäre entsetzlich , wenn sich Bischof Bonaventura um eine ketzerische Persönlichkeit so fortreißen , von Gräfin Erdmuthe auf Castellungo so bestimmen ließe ... Der Cardinal meinte es aufrichtig , als wir den Pilger zu entdecken suchten ... Es ist nicht seine Schuld , daß Hubertus so räthselhaft an der Grenze der Abruzzen verschwunden ist ... Hören Sie aus alledem , daß ich der Meinung bin : Wir sind Freunde , Verbundene , Herzogin ! ... Waffenstillstand , Friede zwischen uns ! ... Kein Wort an Olympien ! Nimmermehr ! Verlassen Sie sich auf mich ! Das versprech ' ich Ihnen ... Aber jetzt muß ich auf Villa Tibur zurück ... Der Weg ist weit ... Achthundert Scudi nur , Herzogin ; ich find ' es erbärmlich ! ... Aber - was kann ich thun ! ... Sagen Sie das Ihrem Sohne - Benno ... Sie sind glücklich , einen solchen Sohn zu besitzen ! ... Wo fanden Sie ihn ? Wie erkannten Sie sich ? ... Sie haben recht ; für die Fürstin war er zu gut ... Nie , nie darf sie davon erfahren ... Ihre Rache würde keine Grenzen kennen ... Regen wir uns nicht auf ! ... Sie kennen jetzt meine Wünsche - meine Befehle ! ... Auf Wiedersehn ! ... Lucinde war verschwunden , wie sie gekommen ... Sie hatte , um die Bedienung in Bereitschaft zu halten , selbst geklingelt ... Die Herzogin blieb zurück , erstarrt - gebunden an Händen und Füßen ... Sie fühlte ganz die Wirkung , die Lucinde beabsichtigt hatte ... Mußte sie » diese Schlange an ihrem Busen erwärmt « - sie selbst nach Rom geführt haben ! ... Unter diesem Damoklesschwert sollte sie nun leben ! ... Was thun ? Was um Benno ' s willen unterlassen ? ... Ihre Correspondenz schien ihr nicht mehr sicher , trotz der Adressen , die an die geringsten Leute hier und in Robillante gingen ... Diese Sprache , diese kurze Eröffnung , diese Schonungslosigkeit ! ... Benno ihr Sohn ! ... Von Angiolinen , der Lucinde selbst so ähnelte , hatte sie geschwiegen ... Wußte sie nichts von ihr ? ... Sie wußte genug , um sie in ewige Fesseln zu werfen ... Alles das mußte die vereinsamte Frau nun in sich selbst verwinden ... Trotz des Vorwands mit der » bessern Luft des Monte Pincio « verließen sie alle ihre Bekannte ... Sie hatte ohnehin nie die erste Rolle spielen dürfen , solange sie mit Ceccone und Olympia lebte ... Was war sie der Welt ! ... Jetzt bereuete sie zu klug gewesen zu sein und sagte : Wie viel haben bei alledem die Menschen voraus , die sich allein den Ausbrüchen ihres Temperaments hingeben ! Sie erleben immer noch etwas mehr Unglück und Demüthigung , als wir andern , die wir so klug sein wollen , das ist wahr ; aber ihre Personen fesseln und lassen ihre Verhältnisse vergessen ... Nicht einmal ein paar alte Prälaten hatten das Bedürfniß , bei ihr zu speisen ... Von Benno keine Andeutung , wie sie sich verhalten sollte ... Seine Briefe blieben aus ... Sie war in Verzweiflung ... Ihr Geist hatte seit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt ... Seine Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet . Nur einen einzigen Tag hatte er die Mutter gesehen und gesprochen und gerade darum war ihm alles an ihr neu und reizvoll geblieben ... Die ganze , seit so lange von ihm beklagte Heimatlosigkeit seines Daseins fand in ihr Ruhe und Sammlung ... Und auch sie lebte nur in seinen Mittheilungen und bildete sich aus ihnen , so fragmentarisch sie waren , jetzt ihre Welt ... Sie las zitternd alle seine letzten Briefe ... Sie waren der einzige beglückende Eindruck , der ihr noch geblieben ... Da lag die schöne Alpengegend Piemonts ... Da lagen die Thäler , die schattenreichen Kastanien- und Nußbaumwälder , in denen sich der Geliebte mit Bonaventura erging ... Da schilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die blühendste Seidenzucht ... Ort reihte sich an Ort - erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen Kirchthürmen mit heitern Glockenspielen ... Schlösser standen auf höchster Höhe , gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters , tiefer abwärts von diesen Trümmerstätten lagen wohnliche neue Sitze des Adels , darunter Castellungo , erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert , daß gerade um dieser Dorstes willen seine zweite Ehe noch geheim bleiben mußte ... Sie sah Benno hinüber- und herüberreiten zwischen Robillante , einem freundlichen Städtchen , und Castellungo ... Die alte Gräfin Erdmuthe bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr und dem Bischof , den sie seltner sah , obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und Benno nicht genug von Bonaventura ' s Muth schreiben konnte , der jenen von der Gräfin beschützten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von Castellungo , die verlassene Einsiedlerhütte , die Processionen zur Kapelle der » besten Maria « ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen , die auf allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wußte schon so viel , daß dem Bischof jene Gräfin Paula werth gewesen , die inzwischen die Nachfolgerin ihres Kindes geworden ... Sie fühlte die Dämmerungsschleier so vieles Zarten und Ahnungsvollen , das auf jenen Gegenden lag , und die sich schon ihr selbst auf Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura ' s , jenen Eremiten den Händen der Inquisition zu entreißen , machten ihr einen eigenthümlich persönlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendläuten war alles , was von dort herüberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht schreiben : Dein Geheimniß ist in den Händen dieser Lucinde , die mich entwaffnet , versteinert hat - ich konnte ihr nicht widerreden - konnte dich nicht verleugnen ! Schien sie doch voll Antheil für unser aller Schicksal ! ... Die Nachricht , jene düstern Gemäuer von Coni , die erzbischöfliche Residenz würde ihren Souverän , den grimmen Fefelotti entsenden und dieser würde neue Schalen angesammelten Zornes bringen , um sie über die ihr so werthen Menschen auszugießen , war wie das Anrollen eines Gewitters , das - » doch wol auch Benno selbst hören mußte « ... Sie wußte nicht , was beginnen ... Wenn er nur endlich , endlich selbst schriebe ! ... Zunächst mußte die Kraft ihres stillen Liebescultus für den Sohn und die Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf , die Plätze zu besuchen , von denen sie wußte , daß Benno bei seinem Aufenthalt in Rom vorzugsweise von ihnen gefesselt worden . Benno hatte an der Ripetta gewohnt , mit der Aussicht auf die Peterskirche . Er hatte seine Betrachtungen an so manches geknüpft , was sie bisher verhindert gewesen , wieder in Augenschein zu nehmen und nach Benno ' s Weise auf sich wirken zu lassen . Sie staunte nun , alles so zu finden , wie Er ihr geschrieben - in Briefen , die ihr ein Heiligthum wurden und die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las . Jetzt sagte sie : Ja , er hat Recht : Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck ! Die gelbangestrichenen Säulenarcaden drücken sie zum Gewöhnlichen herab ! ... Sie sagte : Er hat Recht : Das Innere der Peterskirche ist kalt ; man athmet hier nur in der Sphäre des Stolzes und der Vermessenheit der Päpste ! ... Er hat Recht : Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus ! ... Er hat Recht , wenn er schreibt : Als ich nach Rom kam , erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf die Idee des Christenthums , jetzt nur noch wie eine Satyre ! ... Er hat Recht : Die Kirchen sind Concertsäle ; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen Domes ! ... Er hat Recht , wenn er schreibt : Unter den Bildsäulen der Museen verweilt ' ich lieber , als unter den Bildern ; sie lehren Vergänglichkeit und Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms ; nur dort hab ' ich Thränen geweint , unter den gespenstischen Marmorgöttern , den Niobiden , den sterbenden Fechtern , den gefangenen Barbarenkönigen ! ... Er hat Recht : Kein christlicher Sarkophag hat mich so gerührt , wie im Lateran die heidnischen Aschensärge mit den zärtlichsten Inschriften : » Gattin dem Gatten ! « ... Er hat Recht : Nichts hass ' ich wie das Coliseum ! Ich kann es nicht mehr sehen ... Er hat Recht : Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden ! So oft ich von ihm ein Werk erblicke , hab ' ich das Gefühl , er hätte etwas geben wollen , worauf die gewöhnlichen Vorstellungen vom Schönen nicht passen - Raphael hat allein das Einfache und Richtige ! Was ein Ding sein muß , das ist es bei Raphael ; bei Michel Angelo ist ' s immer etwas anderes , als das natürliche Gefühl erwartet ... Raphael ' s Bilder betrachtete sie nun stundenlang - die Madonnen waren dann Armgart - süßer heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre Brust - Dann fuhr sie wieder auf und ängstigte sich um die Ahnung , daß sie Benno nicht wiedersehen würde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ... Und ihr Herz , ihre ganze Seele war so voll - so übervoll - ! ... Es war die Zeit , wo in Rom jeder , der nur irgend kann , auf dem Lande lebt ... Die Herzogin mußte sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der » Malaria « versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemüths gehetzten » Wiederaufsuchen Roms nach Benno ' s Anschauungen « beim Kloster der » Lebendigbegrabenen « angekommen ... Sie fand da einen schönen , luftreinen Garten ... Oefters schon war sie hinübergegangen zu diesen Schwestern der » reformirten « Franciscaner ; sie wohnten an Piazza Navona , nahe der Tiber ... Sie , die Mitwisserin eines schweren Geheimnisses , blieb dort gut aufgenommen , aber um achthundert Scudi jährlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie , sie war es nun , die diesem Kloster die Last Olympiens abgenommen ... Nicht alle Gründe hatte sie Benno erzählt , die die fromme Genossenschaft damals bestimmten , eine so gewagte Handlung zu begehen wie die , eine Nonne einzukleiden , die ihnen eine geheime Commission des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den Inquisitor Ceccone verdächtig überwiesen hatte und die schon allein deshalb abzuweisen war , weil sie möglicherweise niederkommen konnte . Nichts seltenes , daß Verbrecher den Klöstern zur Aufbewahrung übergeben werden ; aber eine Braut des Himmals , die gesegneten Leibes war - von einem Monsignore , der einen Mordanfall unter Umständen von ihr erlitten hatte , die keine nähere Untersuchung des Frevels wünschen ließen ... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem geräumigen Kloster entfernt . Man hatte Gründe für diese Zurückbehaltung . Vorzugsweise fürchtete man , solange man ein pflegbefohlenes Kind lieber selbst hütete , weniger für den Ruf des Klosters , das leicht seine gegenwärtige Auszeichnung , die Pallien weben zu dürfen , verlieren konnte und sie an andere abtreten mußte , die auf diese Ehre und den Gewinn eifersüchtig waren ... Außerdem hatte dies Kloster noch eine Ehrenaufgabe , auf welche die jungen Prälaten neulich anspielten ... In der zu ihm gehörigen Kirche befand sich eine » Mumie « ... Dies war der Leichnam der Stifterin des Klosters , einer Franciscanerin , die im Jahr 1676 die strengere Regel Peter ' s von Alcantara angenommen hatte . Bei zufälliger Oeffnung ihres Sarges im Beginn dieses Jahrhunderts fand man die Schwester Eusebia Recanati nicht verwest . Der Leichnam hatte sich in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten , während die Gewänder , der braune Rock , der schwarze Schleier , das weiße Kopf- und Halstuch zusammenfielen . Ohne Zweifel ein Wunder . Seit dreißig Jahren petitionirte das Kloster um die Heiligsprechung der Eusebia Recanati , die in einer Kapelle der Kirche , in einem verschlossenen Schrank , unter Verglasung , in sitzender Stellung an gewissen Tagen dem Volk gezeigt wurde . Seit dreißig Jahren bestand eine Commission zur Prüfung der Ansprüche , die Eusebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenscheines hatte . Dem Kloster wäre die wirklich erfolgte Heiligsprechung und ein unversehrter Heiligenleib zur Quelle des größten Gewinns geworden . Aber die Orden regten sich voll Eifersucht - die schwarzen Oblaten und Ursulinerinnen , die weißen Camaldulenserinnen und Karthäuserinnen , die hellbraunen Olivetanerinnen , die schwarzweißen Philippinen , die schwarzbraunen Augustinerinnen die weißschwarzen Dominicanerinnen , die braunen Karmeliterinnen und Kapuzinerinnen , die blauen Annunciaden , die rothen Sakramentsanbeterinnen und hinter ihnen die entsprechenden Mönchsorden mit allen ihren Generalen . Die geringere bloße » Seligsprechung « der Mumie genügte den » Lebendigbegrabenen « nicht , sie wollten der Christenheit eine heilige Eusebia geben , die in der That dem Kalender noch fehlte . Sie bewiesen , daß diese schrecklich anzusehende , verschrumpfte , braunem Leder gleichkommende Eusebia Recanati , ein Grauenbild , geschmückt mit den glänzendsten Kleidern und mit goldenen Spangen befestigt , Wunder verrichtete , Lahme gesund machte , Blinde sehend . Die Opposition blieb aber zu stark ... Dreißig Jahre schmachteten die Nonnen schon nach Entscheidung der Cardinäle ! Als einen vorläufigen Ersatz erhielten sie das Pallienweben , in dem sie sich , dreißig an der Zahl , auszeichneten wie Penelope auf Ithaka ; Ceccone war es , der sie so in ihren Hoffnungen auf die Heiligsprechung der Mumie , die sie nicht aufgaben , ermunterte . Auch wären sie gewiß schon durchgedrungen , seitdem sie das Meisterstück ihres guten Willens , die Verheimlichung eines Prälatenkindes , durchführten ; wenn nur nicht auch Fefelotti und die Jesuiten ihre Feinde geworden wären . Diese beschützten die neuen vornehmen Orden , die Salesianerinnen , die Annunciaden , die Sakramentsanbeterinnen , vorzugsweise die Damen vom Herzen Jesu . Die Jesuiten ließen mit jenem Schein » wahrer Aufklärung « , der ihnen überall an geeigneter Stelle so geläufig ist , alle Wunder , die die Mumie vollzogen haben sollte , ärztlich untersuchen und erklärten sie für null und nichtig . Die Professoren der Jesuiten lehrten auf der » Sapienza « ( der Universität Roms ) die Heilkunde und Naturwissenschaften . Die Gutachten , die ihre Commission für die Heiligsprechung der Eusebia Recanati übergab , waren von einer Freimüthigkeit , als hätte sie Humboldt verfaßt . Die Waffen der Wissenschaft , die in den Händen der Jesuiten glänzen , senken sie nur dann , wo es gilt höhere Zwecke zu salutiren ... In solchen Klöstern , wo ein Industriezweig getrieben wird , z.B. Blumenmachen , sieht es wie in einer Fabrik aus . Man läßt anderwärts Zöglinge und Kinder zur Mithülfe zu ; die » Lebendigbegrabenen « repräsentirten ihr kleines » Manchester « für sich ... Ihr Fleiß hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit unter den Bischöfen von 131 Millionen Seelen . Sie schoren und spannen und webten und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders betrachten , als unter dem Bild der Parzen Clotho , Lachesis und Atropos . Auch Lucrezia Biancchi spann und spann ... Dazu sang sie alte Lieder - Freiheitslieder , die sie von ihren Brüdern gelernt hatte , weniger von Napoleone , als von Marco und Luigi ... Für einen kleinen Schwestersohn von ihr , den die » schöne Wäscherin « vom Tiberstrand erzog , als sie die neue Judith zu spielen begann , hatte der liebevolle Ceccone großmüthigst gesorgt ... Dieser war , als seine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren freikamen , als Marco sogar zum Tode verurtheilt , dann zu den Galeeren begnadigt , endlich verbannt wurde , erst sieben Jahre alt . Ceccone ließ den kleinen Achille Speroni verschneiden und zum Sopransänger der Sixtina machen ... Die Herzogin besuchte am Abend nach der Schreckensscene mit Lucinden den Garten dieses Klosters ... Da saß die Mutter Olympia ' s , die Mutter eines Kindes , dem ihre Seele fluchte , als sie es empfing , die irrsinnige , magere , hohläugige Lucrezia und spann wie immer ... Selbst aufgeschreckt wie ein verfolgtes Wild , erzählte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen Faden , den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht ! Er muß Geduld haben ! ... sagte sie und feuchtete den Faden an ... Ja , sagte die Herzogin , du meinst die Zeit ! Schwester Josepha - so war sie beim Einkleiden getauft worden - , der lange Faden ist die Zeit ! Auf den müssen wir viel , viel aufreihen ! ... Die drei Parzen in der Nähe lächelten und nickten Beifall ... Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ... Dies arme Wesen , das einst auf einen Mann , in dessen Arm sie ruhete , ein Messer zücken konnte , wußte nichts von ihrem Kinde , das eine Fürstenkrone trug und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen - Briefen , die Gott , Jesus , St.-Johannes , die Heiligen an sie schrieben - es waren die Briefe ihrer verbannten Brüder ... Ihrer Brüder , die in den Gefängnissen Roms , unter den Torturen gesessen hatten , die vom Rechtswesen des Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am längsten zurückgeblieben sind ... Als die Herzogin aus dem Klostergarten , von den kleinen Lämmern , von den Webstühlen zurückkam , war sie über ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester Josepha ... Nun mußte sie auf alle Fälle Benno den Vorfall mit Lucinden , überhaupt alles berichten , was ihr seit fünf Tagen widerfahren war ... Seit Benno ' s letztem Brief waren Wochen verflossen ... Täglich fragte sie bei einem Lotteriecollecteur , der eine große Correspondenz unverfänglich führen durfte , ob nichts für sie angekommen wäre ... Endlich , endlich durfte doch wol ein Brief - morgen eintreffen ... Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nächsten Tage ... Schon fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende das Orakel der Karten , das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei verschlossenen Thüren durchforschte ... Sie nahm eines jener schöngeformten eisernen Gestelle , in die man in Italien die Waschschüssel stellt , und stand wie Pythia am Dreifuß , um an den Wellenschwingungen , die ins Wasser geworfene Kiesel hervorbringen , zu erkennen , ob die Ringe , große oder kleine , Glück oder Unglück bedeutende wären ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes , streute sie Nachts auf den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger die Frage , ob Benno gesund wäre ... » Sano ? « ... Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung , was der prophetische Wind aus den Buchstaben gemacht haben würde ... Das Orakel antwortete : Santo ... Wie , dachte sie den Tag über - er ist doch nicht auch in ein Kloster gegangen ? ... Auch er will uns ein Priester werden ? ... Damit quälte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie wieder : Sano ? ... Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube : Cane ... Himmel , dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar , ein toller Hund hat ihn gebissen ! ... Am dritten Tage las sie : Caro ... Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur verliebt und vergaß sie um - wessentwillen ? ... Armgart ' s ? ... Am vierten las sie : Sale - Salz oder Verstand - ? ... Die Ironie des Zufalls lehrte sie nicht , daß sie ihre Thorheiten lassen sollte ... Sie grübelte , worin Benno ' s Schweigen gerade jetzt ein besonderer Beweis von Verstand sein konnte ... Als sie am Tage , wo sie Sale gelesen hatte , von einer Corsofahrt nach Hause kam , am Hause des Lotteriecollecteurs wieder nichts für sich gefunden hatte , schleppte sie sich fast zusammenbrechend die Treppe hinauf ... Eben wollte sie ihre Hauskleider anlegen ... Da hörte sie von der Straße her einen Wagen anrollen und still halten ... Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit hochaufgerissenen Augen und brachte die Wundermär : Cardinal - - Fefelotti ! ... Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob sich ... Es war in der That der Erzbischof Fefelotti , Cardinal und Großpönitentiar der Christenheit - in eigener Person ... Von solchem Besuch ahnte sie jetzt nichts Uebles ... Das » Salz « des Orakels - » Verstand « traf zu ... Nicht besonders älter war Fefelotti geworden , seitdem die Herzogin ihn zum letzten male gesehen ... Im Gegentheil , die Ruhe in Coni , die Sicherstellung seiner Unternehmungen durch die Jesuiten , die Nothwendigkeit , die gottseligste Miene zu zeigen , hatte die sonst sehr lebhaften Verzerrungen seiner unschönen Gesichtszüge gemildert ... Sind die Hunde aus den Wölfen entstanden , so stellte Fefelotti jenen Uebergang dar , wo möglicherweise die Wölfe zuerst anfingen sich in den Gewohnheiten des Hausthiers zu versuchen ... Seine runde Nase , seine buschigen Augenbrauen , sein von Pockennarben zerrissenes Gesicht war dasselbe wie sonst , aber eine heilige , gesättigte Ruhe lag auf seinen Mienen ... Konnte er doch wahrlich lächeln über seinen neuesten Sieg ... Konnte er doch lächeln über seine Rückkehr aus einer Verbannung - wo er für den » schlechtesten Christen « hatte gelten sollen , dem man den » besten « zur » Versöhnung der Gottheit « gegenübergestellt ! ... Konnte er doch lächeln über Ceccone ' s ohnmächtiges Schnauben , von dem er sogleich andeutete , daß es sich jetzt schon an Frauen auszutoben anfinge ... Das war nun jene Dame , zu der Fefelotti sonst als Prälat so gern gegangen war , die aber seine Intrigue mit der » kleinen Wölfin « bei den » Lebendigbegrabenen « und die Verhinderung der Cardinalserhebung Ceccone ' s so eiligst gekreuzt hatte ... An ein Verschleiern seiner Empfindungen denkt in solchen Fällen kein