später der Pest erlag , sandte die Leiche nach Stade , wo sie beigesetzt wurde . 1686 . 5. Tableau . Philipp Christoph , Graf von Königsmarck ( jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von Königsmarck ) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den Gängen des Schlosses von Hannover ermordet . Philipp Christoph von Königsmarck , geboren 1662 , war seit seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea , Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg , befreundet . Sechzehn Jahre alt , vermählte sich diese mit ihrem Vetter , dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover , dem späteren Könige Georg I. von England . Die Ehe war nicht glücklich . Philipp Christoph von Königsmarck ging in die Welt und beteiligte sich an verschiedenen Kriegszügen . Von 1688 an aber erkor er , wenigstens zeitweise , Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst mit fürstlichem Aufwande , was ihm sein Reichtum gestattete . Denn er war Erbe von Oheim und Bruder , die , wie schon erzählt , 1686 und 1688 vor Argos und Negroponte den Tod fanden . Zu seinem ( Philipp Christophs ) Hausstande gehörten neunundzwanzig Diener und zweiundfünfzig Pferde . Seine früheren Beziehungen zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die Eifersucht des Kurprinzen , sondern auch den Neid der Gräfin Platen , einer Mätresse des Kurprinzen . Ein Herr von Podewils , kurhannoverscher Feldmarschall , unterließ es nicht , dem Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen . Umsonst . Endlich gab Philipp Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf Vorbereitungen , um in kursächsische Dienste zu treten . Am 1. Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover , um hier von seiner Freundin , der Kurprinzessin , Abschied zu nehmen . Er verließ das Schloß nicht mehr . In einem Korridore traten ihm vier Hellebardiere entgegen , die sich bis dahin hinter einem Schornstein verborgen gehalten hatten , und im Kampf gegen diese gedungenen Leute fiel er . Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte diesen zu . Zwei der Hellebardiere , Buschmann und Lüders , haben die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet . Die Gräfin Platen war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz ( zur Zeit des Mordes auf Besuch in Berlin ) hatte nur schweigend zugestimmt . Das Aufsehen , das die Tat hervorrief , war groß und die Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses . Ein Volkslied , dem ich einige Strophen entnehme , gab dieser Stimmung Ausdruck . Wer geht so spät zu Hofe , Da alles längst im Schlaf ? Im Vorsaal wacht die Zofe – Schon naht der schöne Graf . Er sprach : » Eh ' ich nach Frankreich geh ' , Muß ich sie noch umarmen , Prinzessin Dorothee . « Gräflein , du bist verraten , Verraten ist dein Glück , Die böse Gräfin Platen Ersann ein Bubenstück . Du schalt ' st sie eine Wetterfahn ' , Sie tät dir gern viel Liebes , Nun ist ' s um dich getan . Er ging zur ew ' gen Ruhe Mit vielen Schmerzen ein , Doch ward in keine Truhe Gebettet sein Gebein . Ich weiß nicht , wo er modern mag , Doch wird er einst erscheinen Am Auferstehungstag . * So ( mit Umgehung der drei minder wichtigen ) die fünf großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue . Zwischen ihnen und dem Plafond befinden sich , friesartig , wie in einem der bekannten Staatssäle zu Venedig , acht Kniestücke minder interessanter alter Königsmarcks , die jedoch , was ihre historische Beglaubigung angeht , weniger an die Dogenmedaillonporträts in Venedig , als an die lediglich aus der Phantasie geschöpften Königsbilder im Schlosse zu Holyrood erinnern . Wir treten hiernach aus dem Ritter- und Ruhmessaale der Königsmarcks in den Vorflur zurück und fragen : wie wirkt dieser Ruhmessaal ? Der Unbefangene wird von diesen bildlichen Verherrlichungen der Familie keinen besonders befriedigenden Eindruck empfangen , nicht weil es an der Berechtigung zu solcher Verherrlichung fehlte ( diese ist vielmehr außer allem Zweifel ) , sondern lediglich weil es dem hier Gebotenen an dem Kunstmaße gebricht , das man , glaub ' ich , heutzutage bei Neuschöpfungen der Art fordern darf . Sind solche Galerien aus alter , unkritischer Zeit her mit herübergenommen , so hat man sie nicht nur gelten zu lassen , sondern , wie gering auch ihr Kunstwert sein möge , sich ihrer aufrichtig zu freuen , ja sie mit ganz besonderer Pietät zu hegen und zu pflegen . Läßt man aber in unserer Zeit ein Ruhmesmuseum neu erstehen , so muß es eine Gestalt annehmen , die den Kunstanforderungen unserer Zeit und dem Reichtum und Ruhme der Familie gleichmäßig entspricht . Die großen Tableaus aber bleiben gleichmäßig hinter dem allen zurück . Unsere besten Künstler wären zur Verherrlichung dieser Königsmarckschen Historie gerade gut genug gewesen , und in derselben Weise , wie das letztverstorbene gräfliche Paar von der Hand Karl Sohns – also eines damals nahezu besten Porträtmalers – gemalt wurde , wie der Bruder des gegenwärtigen Grafen Königsmarck ein erzenes Monument in der Kirche zu Plaue fand , mußten auch die berühmten Ahnen , samt dem , was sie groß machte , durch wirkliche Meister der Historienmalerei dargestellt werden . » Noblesse oblige . « Danach ist der Adel unseres Landes auch meistens verfahren , besonders wenn wir zurückblicken . Wie schön , beispielsweise , die Standbilder , die sich in unseren Stadt- und Dorfkirchen reichlich vorfinden : der Sparrs in der Marienkirche zu Berlin , der Arnims in Rheinsberg , der Schlabrendorfs in Brandenburg , der Quitzows in Rühstädt und Kletzke , der Schulenburgs in Salzwedel , der Schönings in Tamsel . Aber auch die Gegenwart empfindet im wesentlichen ebenso , und die Jagows , die Itzenplitze , die Zietens , Massows , Hertefelds und Rombergs usw. haben ihre Schlösser , Parks und Begräbnisstätten mit dem Besten geziert , womit man sie zieren konnte . Was Schloß Plaue von Bilderschätzen besitzt , beschränkt sich übrigens keineswegs auf die beiden großen Säle , – die Görnesche Zeit hat Sorge getragen für Bilderausschmückung des Schlosses überhaupt . Ganze Zimmerreihen sind geradezu überfüllt , und rechnet man alles , was einen Rahmen trägt , so werden sich wohl tausend Nummern zusammenfinden . Aber freilich , nur wenig ist da , was nach irgendeiner Seite hin , ein besonderes Interesse in Anspruch nehmen könnte . Voran steht ein getäfeltes Zimmer , in dessen Felder allerlei Arbeiten aus der kurzen Glanzzeit der Plauer Porzellanmanufaktur eingelassen wurden , Arbeiten , die der Vandalismus von Anhalts aus nicht aufgeklärten Gründen zu schonen für gut fand . Es sind das , bunt durcheinander , chinesische Karikaturen , mythologische Figuren , Arabesken , Blumensträuße , groteske Tierformen und Lieblingsgestalten aus dem italienischen Lustspiel , – alles überaus wirkungsvoll zusammengestellt . Es heißt , die Gesamtheit dieser Dinge rühre von David Bennewitz , dem Direktor der Fabrik , her , dessen Erfindungs- , Zeichen- und Kompositionstalent gleich groß war . Außerdem sind Brustbilder der Gemahlin Friedrich Wilhelms I. und der drei ältesten Prinzessinnen : Wilhemine , Friederike und Ulrike , samt den Porträts ihrer Hofdamen , in die Täfelung eingelassen , woraus man schließt , daß dies das Zimmer sei , das , bei den sich öfters wiederholenden Besuchen Friedrich Wilhelms I. in Plaue , von diesem mit Vorliebe bewohnt zu werden pflegte . Fest steht nur , daß Kronprinz Fritz eben hier von seinem Vater zum Kapitän ernannt wurde . Dies geschah auf der Rückkehr von einer in Magdeburg abgehaltenen Revue , Donnerstag nach Kantate , wo der König mit dem Kronprinzen bei Minister von Görne zu Mittag speiste . Von dem , was sonst noch an Kunstwerken im Schlosse vorhanden ist , nenne ich an dieser Stelle nur noch zwei Porträts , in Öl und in Pastell , des preußischen Ministers von Struensee , Bruders des unglücklichen Grafen Struensee in Kopenhagen . Das Pastellbild gilt für wertvoll . Auch von der Gräfin Aurora von Königsmarck , der der Ahnensaal verschlossen blieb , sind in den Nebenzimmern zwei Bildnisse vorhanden : eines aus ihrer Schönheitszeit mit einem Diamanthalbmond auf dem Haupte , das andere aus ihren alten Tagen als Äbtissin von Quedlinburg . Zu dieser Bilderausschmückung gesellen sich überall Bannerträger , Wappen und Inschriften , unter welch letzteren die mehrfach wiederkehrende Devise » Noblesse oblige « besonders hervorleuchtet . Auch eines Söllers oder Balkons sei noch gedacht , von dem es heißt , daß er , seitens des 1876 verstorbenen Grafen Hans Karl Albert von Königsmarck , in einer durch den Blick über die Havel und den Plauenschen See wachgerufenen Erinnerung an Konstantinopel erbaut worden sei . Wenn dem wirklich so sein sollte , so wird es freilich auch von dem begeistertsten Anhänger märkischer Landschaft kaum bestritten werden können , daß damit ebenso dem Aussichtsbalkone wie der Havel selbst eine ziemlich schwierige Aufgabe gestellt worden war . 6. Kapitel 6. Kapitel Schloss Plaue gegenüber Eine schwere Aufgabe – so schloß unser voriges Kapitel – war damit dem Königsmarckschen Aussichtsbalkone gestellt , denn von der andern Havelseite her blickte , statt Konstantinopel und des Halbmondes von der Hagia Sophia , nur das Storchnest einer Ziegelscheune herüber . Demungeachtet war das Ufer drüben eine » hübsche Stelle « , der ich es , wenn ich sie so nenne , noch nicht einmal anrechne , daß just auf ihr die Schanze stand , von der aus 1414 die » große Büchse « des Burggrafen ihre Steinkugeln gegen Schloß Plaue schleuderte . * Wie wenn es gestern gewesen wäre , steht der Tag vor mir , zu dem ich » in großer Kumpanei « zum ersten Male auf diese Schloß Plaue gegenüberliegende Ziegeleistelle zufuhr . Eine lange Wagenreihe , die Damen in eleganter Toilette , so kamen wir , um Pfingsten , die staubige Sommerchaussee von Brandenburg daher , und ehe Mittag heran war , hielten wir – unmittelbar vor der Plauer Brücke links einbiegend – auf einem Vorplatz , zu dessen einer Seite sich die vorgenannte Storchenscheune , zur anderen ein primitives Wohnhaus erhob . In der Haustür aber stand ein alter Herr , in leichter sommerlicher Tracht , mit hoher Stirn und hohen weißen Vatermördern , dazu von breitem Bau und mit noch breiteren Lippen und begrüßte seine Gäste , während herzueilende Dienstleute sich der Reisetaschen und Köfferchen bemächtigten und mit ihnen in einem unmittelbar angrenzenden , weinumrankten Logierhause verschwanden . Bald danach schlenderten wir in dem die Villa samt ihren Annexen umgebenden Parkgarten umher und lugten , von diesem Spaziergange heimkehrend , in die Fenster eines großen , erst neuerdings angebauten Gartensaals , wo sich schon die Vorbereitungen zu festlicher Bewirtung zeigten . Und abermals eine Stunde später und wir saßen in eben diesem Saale zum Dejeuner nieder , an lang gedeckter Tafel , an der der alte Herr jetzt präsidierte . Die Gänge wechselten , die Rheinweine lösten sich untereinander ab und der silbernen Weinkühler auf dem Tisch wurden immer mehr . Trinkspruch reihte sich an Trinkspruch . Der Sieg der Wahrheit , der Sieg » der guten Sache « wurde proklamiert , alles unter der Fahne » Similia similibus « , und nachdem schließlich der Kaffee von allen Seiten her als das Hauptgift der Menschheit festgestellt worden war , schritt man dazu ihn einzunehmen . Die Stunden enteilten und mit ihnen zuletzt auch wieder die Gäste . Nur ich und ein Freund , der mich eingeführt hatte , waren als › Logierbesuch ‹ zurückgeblieben . Wer aber war der Wirt ? Wer der Einsiedler in diesem Sanssouci ? Karl Ferdinand Wiesike geb . 24.Dezember 1798 , gest . 11.Oktober 1880 Nun denn , der alte Herr , der uns mit so viel Liebenswürdigkeit zu begrüßen und mit so viel Gastlichkeit zu bewirten wußte , war Karl Ferdinand Wiesike , geb . den 24. Dezember 1798 zu Brandenburg a. H. Er war Schul- und Altersgenosse von dem als Reichstagsabgeordneten vielgenannten und vielgefeierten Oberbürgermeister Ziegler , dem er , bis an das Ende seiner Tage , mehr ein Interesse als eine besondere Bewunderung entgegenbrachte . Schulkameraden kennen sich zu gut , um gegenseitig an einen Glorienschein recht glauben zu wollen . Noch berühmtere haben das erfahren müssen . K. F. Wiesikes Knaben- und Jünglingsjahre verliefen durchschnittsmäßig ; er war ein guter Schüler , ohne sich gerade hervorzutun , lernte die Handlung im Hause seines Vaters und ging dann nach Berlin , um daselbst in das bekannte Heylsche Geschäft , an der Ecke der Leipziger- und Charlottenstraße , einzutreten . Hier las er viel , studierte und musizierte ( seine Gabe für Musik war hervorragend ) und kehrte Anfang der zwanziger Jahre nach seiner Vaterstadt zurück , woselbst er bald danach , 1823 wenn ich nicht irre , das dem Schloß Plaue gegenübergelegene , trotz der weiten Entfernung aber zu Stadt Brandenburg gehörige Wiesenterrain pachtete . Frühere Pächter waren hier gescheitert , weil diese beständig der Havelüberschwemmung ausgesetzte » Wische « nur zu zwei Prozent rentiert hatte . K. F. Wiesike ließ sich aber diese Dinge , die man ihm warnungshalber erzählte , wenig anfechten , begann vielmehr sofort mit Drainierungen und Eindeichungen und schritt , nachdem er seinen Besitz auf diese Weise sichergestellt hatte , des weiteren dazu , ihn für die Zukunft auch fruchtbar zu machen . Zu diesem Behufe schloß er mit den Kasernenverwaltungen der Potsdamer Kavallerieregimenter Kontrakte ab und ließ den Dünger in großen Havelkähnen heranfahren . Daß dies alles von den Um- und Anwohnern Plaues als weggeworfenes Geld , als Übermut und Unsinn bezeichnet und belacht wurde , bedarf selbstverständlich keiner Versicherung . Wann wär ' es anders gewesen ? Das Lachen aber war bald auf Wiesikes Seite . Hand in Hand mit den Meliorationen ging ein Ziegeleibetrieb und Torfstich , wozu das ziemlich ausgedehnte Terrain ebenfalls das Material hergab , und ehe die vierziger Jahre heran waren , er wiesen sich halb unwirtbare Strecken , die seit Menschengedenken für so gut wie wertlos gegolten hatten , als ein wertvoller Besitz . 1844 löste Wiesike den auf dem Grund und Boden lastenden Kanon ab und hatte vier Jahre später ( 1848 ) infolge veränderter Gesetzgebung das Glück , das bis dahin bloß in Erbpacht gehabte Stück Land sich als freies Eigentum zufallen zu sehen . K. F. Wiesike selbst aber ließ , als seine Bemühungen bis zu diesem Punkte gediehen waren , nach Vorbild des Königs von Thule » alles seinen Erben « und spann sich , von etwa 1853 an , immer fester in das schon erwähnte , primitive Wohnhäuschen ein , von dem aus er , durch alle zurückliegenden dreißig Jahre hin , seine Meliorationen unternommen hatte . Da saß er nun , weltabgeschieden , und begann als ein Fünfundfünfzigjähriger – der sich übrigens längst vorher mit der 1808 zu Berlin ( Breitestraße ) geborenen Julie Tannhäuser verheiratet hatte – sein eigentliches Leben , ein Leben , das von diesem Zeitpunkt an nur noch drei Dingen gewidmet war : der Schöpfung eines Parks , der Homöopathie Hahnemanns und der Philosophie Schopenhauers . Zunächst der Park . Wiesike fing um das genannte Jahr ( 1853 ) an , sich in die Schönheit der Natur liebevoll zu versenken , was doch wieder etwas anderes war , als das Urbarmachen von Sand und Sumpf zu rein praktischen Zwecken . Ein den Boden bestellender Landmann ist in vielen Stücken mehr als ein Gärtner , aber das Verhältnis , in das der letztere zur Natur tritt , ist doch ein intimeres : er nimmt jeden Zoll breit Erde in Pflege und während in der Landwirtschaft das Einzelne und Kleine wenig bedeutet , bedeutet es in der Gartenbeschäftigung alles . Das Terrain , auf dem jetzt , Schloß Plaue gegenüber , ein Park entstehen sollte , war das denkbar schlechteste , der findige Kopf aber , der an eben dieser Stelle fruchtbare Ländereien und schließlich ein Freigut herzustellen gewußt hatte , konnte bei dem vergleichsweise Leichteren , das jetzt vorlag , nicht wohl scheitern . Erde wurde herangefahren , ein Wasserturm errichtet , Hecken und Gräben gezogen , und siehe da , ehe ein Jahrzehnt um war , gab es hier Anlagen mit Rondellen und Schlängelwegen , mit Rosen- und Verbenenbeeten und auf demselben Ufervorsprunge , wo , 1414 , neben der » großen Büchse « die zu schleudernden Steinkugeln gelegen hatten , lagen jetzt Melonen oder reiften Reinetten und pfundschwere Birnen an dem am Boden sich hinziehenden Spalier . Dazwischen standen Pfirsich- und Aprikosenbäume und in den Flieder- und Goldregenbosketts schlugen die Nachtigallen . Alsbald lagen sich Schloß Plaue und die zur » Villa Wiesike « umgewandelte ehemalige Lehmkate gegenüber , und wenn das eine lange Front bildende Schloß durch den Blick auf das Idyll und seine Gartenanlagen gewann , so gewann das Idyll durch den Blick auf das Schloß mit seinen in der Sonne blinkenden Fensterreihen und seinen historischen Erinnerungen . So viel über die Schöpfung eines Parkes . Nebenher aber lief , wie schon angedeutet , des alten Wiesike Beschäftigung mit der Homöopathie , zu deren begeisterten Anhängern er freilich schon um viele Jahre früher gehört hatte , jedenfalls früh genug , um bei Schilderung dessen , was er auf diesem Gebiete tat , fast bis auf die Tage seines ersten Erscheinens in Plaue zurückgreifen zu müssen . Schon in den zwanziger Jahren entschloß er sich , gleichviel ob um Heilungs oder Unterweisungs willen , eine Reise nach Köthen , dem damaligen Wohnsitze Hahnemanns , zu machen und kehrte von diesem Ausfluge nicht nur als ein enthusiastischer Anhänger , sondern auch als ein ausübender Adept der neuen Lehre zurück . Die Kunde davon drang in alle Kreise , namentlich zu den Armen ( denn alles war unentgeltlich ) und Haus Wiesike wurde nunmehr ein Wallfahrtsort für die Kranken und Gebrechlichen des Havellandes , die zu vielen Hunderten kamen und auf Flur und Treppenstufen und , als ihrer immer mehr wurden , auch wohl im Freien lagernd , die Hilfe des Wunderdoktors anriefen . Dieser selbst sah sich bald außerstande , dem Andrange zu genügen und infolge davon gezwungen , sich nach Beistand umzuschauen , den er auch fand , am hingebendsten und erfolgreichsten in seiner Frau , die ganz an der Begeisterung ihres Mannes teilnahm . Das ging so durch Jahre hin . Endlich wurde der Krankenstrom so groß , daß eine Verschwörung der mit Untergang bedrohten Doktoren und Apotheker nicht ausbleiben konnte , welcher Verschwörung – der übrigens der Wortlaut des Gesetzes zur Seite stand – es nach allerlei Zwischenfällen gelang , als Sieger aus dem hartnäckig geführten Kampfe hervorzugehen . Eine Strafandrohung folgte der anderen und erreichte , daß das als » Medizinalpfuscherei « gebrandmarkte Homöopathisieren eines Laien sein Ende nahm . Was aber nicht sein Ende nahm , das war Wiesikes Begeisterung , die , sozusagen , nur Weg und Kleid wechselnd , sich sofort auf neue Weise zu betätigen begann . Anstatt homöopathisch zu heilen , ging der Alte jetzt zu homöopathischen Studien und von diesen Studien wiederum zu Plänen über , die , kleinerer Dinge zu geschweigen , in nichts Geringerem als in Herstellung der Ebenbürtigkeit zwischen Homöopathie und Allopathie und in Gründung eines homöopathischen Lehrstuhls an der Universität Berlin gipfelten . Er deponierte zu diesem Behuf ein Kapital von hunderttausend Mark und stellte , wenn ich recht berichtet bin , die seinem Zweck und Ziel entsprechenden Anträge . Sah sich aber freilich damit zurückgewiesen . Die Pflege des Parks war viel , aber sie war Sommerarbeit und auch das nebenherlaufende Studium der Homöopathie reichte nicht aus , um , wenn der Sommer vorüber , die langen , langen Wintertage zu füllen . So kam es , daß Wiesike , der der geistigen Anregung wie des täglichen Brotes bedurfte , neben Park und Homöopathie nach etwas Neuem Umschau hielt . Und dies Neue fand sich endlich . Es war die Zeit des ersten intimeren Bekanntwerdens Schopenhauers in Berlin , also etwa die Zeit der Regentschaft , als ein Ungefähr unseren Wiesike mit dem damaligen Chefredakteur der » Vossischen Zeitung « , Dr. Linder , einem leidenschaftlichen Schopenhauerianer , zusammenführte . Diese Begegnung war entscheidend für Wiesike . Nichts von dem Alten wurde beiseite geschoben , was aber , von Stund ' an , sein eigentlichstes Denken und Fühlen ausmachte , seiner Tätigkeit und seinem Gespräche den Stempel gab , das war doch Schopenhauer und die Schopenhauersche Weltanschauung . Daß er alle Werke des Philosophen kennenlernte , verstand sich von selbst , aber er las auch jede Zeile , die sich in Lob oder Tadel mit dem Manne beschäftigte , der ihm jetzt Leuchte und Gegenstand des Kultus war . Jedes Schopenhauersche Wort war ihm Weisheit , er sog wirkliche Lebenskraft daraus , und wenn Oberpräsident Schön auf die Frage , » was ihn , trotz seiner hohen Jahre , bei so guter Gesundheit erhalten habe « seinerzeit geantwortet hatte : » Kant und Kapuste ( Sauerkraut ) « , so hätte Wiesike mit gleichem Rechte antworten können : » Schopenhauer und Homöopathie « . Dankerfüllt trat er mit dem Frankfurter Philosophen in Korrespondenz , bald auch in persönliche Beziehungen , und beteiligte sich von da ab bei jedem Huldigungsakte , den die Schopenhauer-Enthusiasten inszenierten . Wiesike konnte sich nicht genug tun in Anerbietungen und Darbringungen und als Schopenhauers siebzigster Geburtstag gefeiert wurde , war er mit einem großen Goldpokal in der vordersten Reihe der Gratulanten . Einzelne Schwächen des so leidenschaftlich von ihm Gefeierten , seine Ruhmsucht und Eitelkeit , seine selbstische Begehrlichkeit und ein gewisser Mangel an Gentilezza entgingen ihm nicht , aber seine Bewunderung der geistigen Superiorität des Mannes war so groß , daß er ihm diese Mankos gern verzieh . » Wo viel Licht ist , ist viel Schatten . « Er hielt es für seine Pflicht , über diese Schatten hinwegzusehen , und wenige Philosophen ( auch die größten mit eingerechnet ) wird es gegeben haben , die sich rühmen dürfen , in gleicher Weise gekannt , studiert und auswendig gelernt worden zu sein . Bis zu seiner letzten Stunde hielt Wiesike bei seinem Liebling aus , auch seinerseits » vivant et mourant comme philosophe « . * Als ich Wiesike zum ersten Male sah , war er sechsundsiebzig Jahre alt und ein mehrtägiger Aufenthalt bot mir Gelegenheit , nicht bloß den alten Herrn in Person , sondern auch seinen Besitz und seine Lebensgewohnheiten kennenzulernen . Die Wiesikesche Villa war bei seinem Eintreffen an dieser Stelle nicht viel besser als eine Lehmkate gewesen , die nur gerade den Ansprüchen eines Meiers oder Wirtschaftsinspektors genügen konnte . Wiesike hatte demungeachtet nicht viel daran geändert und statt Umbauten vorzunehmen , sich darauf beschränkt , anzubauen , wie es das Bedürfnis erheischte . So war etwas wenig Künstlerisches , aber dafür etwas Pittoreskes und zugleich sehr Praktisches entstanden . Überall befanden sich Treppen und Balkone , während unter den verschiedenen Anbauten der große , schon erwähnte Speisesaal und neben demselben Wiesikes Arbeitszimmer den ersten Rang einnahmen . Der Speisesaal war kahl , nach dem Satze , » daß der Schmuck eines Eßsaals auf die Tafel , aber nicht an die Wände gehöre « , desto bunter dagegen sah es in den angrenzenden Zimmern aus , die , wenn auch nichts künstlerisch Hervorragendes , so doch viel Interessantes beherbergten . Über die Familienbilder , untermischt mit mehr oder minder gleichgültigen Stichen , geh ' ich hinweg ; nicht so über den Bilderschmuck in seinem Arbeitszimmer . In diesem befanden sich vier kleine Marinen aus dem Nachlasse des durch die Tannhäusersche Familie mit ihm verwandt gewordenen Direktors von Klöden , ferner Statuetten von Lessing und Kant , ein großes Ölbild von Hahnemann ( Kniestück ) und ein sehr gutes Porträt , Bruststück , von Schopenhauer . Letzteres erstand Wiesike in Frankfurt a. M. , als nach dem Tode Schopenhauers die Hinterlassenschaft desselben auf einer Auktion versteigert wurde . Vielleicht auch , daß er mit seinem Angebot diesem Auktionsakte zuvorkam und ihn überhaupt unnötig machte . Zugleich erwarb er viel von dem , was sonst noch den Schopenhauerschen Nachlaß ausmachte , darunter Manuskripte , Bücher und ein großer , schwer vergoldeter Pokal , der dem Frankfurter Philosophen , bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages , von seinen Verehrern überreicht woren war . Unter diesen Verehrern hatte Wiesike mit seiner Beisteuer derart vorangestanden , daß wohl gesagt werden darf : » diese Verehrer waren er « , und so kam es denn , daß Wiesike den Pokal zweimal zu bezahlen hatte , erst als er ihn schenkte und zweitens als er ihn aus dem Nachlasse zurückerwarb . Über die Bücher – eine ganze Bibliothek von Werken , die sich sämtlich mit Schopenhauer und seiner Philosophie beschäftigten – ist an dieser Stelle wenig zu sagen , aber der damals noch vorhandenen Manuskripte muß hier ausführlicher Erwähnung geschehen . Das umfangreichste darunter bestand aus einhundertdreiundvierzig großen Blättern zum zweiten Bande der zweiten Auflage seines berühmten Werkes : » Die Welt als Wille und Vorstellung « , zugleich mit Inhaltsverzeichnis und Vorrede für das Ganze . Des weiteren gehörten zu diesen Manuskripten ein langer , essayartiger , an Sir Charles Eastlake , den Direktor der Londoner Kunstakademie , gerichteter Brief . Dieser Brief behandelt die Goethesche Farbenlehre und beginnt : » Sir . Allow me to hail and to cheer You as the propagator of the true theory of colours into England and as the translator of a work , which occupied its authors thoughts , during all his lifetime , far more , than all his poetry , – as his biography and memoirs amply testify . As to myself J am G ' .s personal scholar and first publicly avowed proselyte in the theory of colours . In the year 1813 and 14 he instructed me personally , lent me the greater part of his own apparatus and exhibited the more compound and difficult experiments himself to me . Accordingly You will find me mentioned in his : › Tag- und Jahreshefte ‹ under the year 1816 and 1819 . « Also in Übersetzung etwa : Gestatten Sie mir , hochgeehrter Herr , Sie als Verbreiter der richtigen Farbenlehre in England zu begrüßen , zugleich auch als den Übersetzer eines Werkes , das die Gedanken seines Autors mehr als alle seine poetischen Arbeiten ( wie seine biographischen Aufzeichnungen bezeugen ) beschäftigte . Was mich selbst angeht , so bin ich Goethes persönlicher Schüler und der erste , der sich , als ein Bekehrter , öffentlich zu seiner Farbentheorie bekannte . In den Jahren 1813 und 1814 unterwies er mich persönlich darin , lieh mir einen großen Teil seiner Apparate und erklärte mir die komplizierteren und schwierigeren Experimente . So werden Sie denn auch , hochgeehrter Herr , meiner in den » Tag- und Jahresheften « von 1816 und 1819 erwähnt finden . So interessant dieser essayartige Brief in seinem weiteren Verlaufe ist , so wird er an Interesse doch übertroffen von vier andern an Brockhaus , Firma und Druckerei , gerichteten Briefen beziehungsweise Briefentwürfen . Der erste derselben , in dem der Verfasser immer neue Anläufe nimmt ( was dann selbstverständlich zu Wiederholungen führt ) , lautet im wesentlichen wie folgt : » An Friedrich Brockhaus . Ew . Wohlgeboren werden es ganz in der Ordnung finden , daß ich mich zunächst an Sie wende , da ich den zweiten Band der › Welt als Wille und Vorstellung ‹ , den ich so eben vollendet habe , herauszugeben beabsichtige . Hingegen mag es Sie wundern , daß ich diesen erst nach einem Zeitraum von vierundzwanzig Jahren auf den ersten Band folgen lasse . Die Ursache ist jedoch ganz einfach diese , daß ich nicht früher fertig geworden bin , obwohl ich alle jene Jahre hindurch wirklich unausgesetzt daran gearbeitet habe , indem ich fortwährend die Gedanken niederschrieb und berichtigte , welche nun , in einer für das Publikum passenden Form , in diesem zweiten Bande von mir höchst sorgfältig und con amore dargestellt worden sind . Länger wollte ich es nicht anstehen lassen , abgesehen , daß ich so eben mein fünfundfünfzigstes Jahr zurückgelegt habe , ( wonach der Brief 1843 geschrieben sein muß ) , also in einem Alter stehe , wo schon das Leben anfängt , ungewisser zu werden , und selbst wenn ich noch lange leben sollte , ich alsdann darauf gefaßt sein muß , daß meine Geisteskräfte nicht die volle Energie behalten werden , in der sie jetzt noch stehn . Ich habe wirklich , unter beständigem Arbeiten an diesem Bande , die Schwelle des Alters erreicht , was ich freilich nicht voraussah . Aber was lange bestehen soll , braucht lange Zeit zum Werden und meine persönliche Wohlfahrt war nicht dabei betheiligt noch bezweckt . « Hier folgen nun einige undeutliche Stellen . Dann fährt Schopenhauer fort : » Schon 1835 hatten Sie nur wenige Exemplare übrig ; es kann also unmöglich viel mehr da sein . Ich wünsche sehnlichst , vor meinem Ende mein Werk in einer vollständig korrekten und würdigen Ausgabe zu sehen und es so zurückzulassen . Denn man wird gegen mich nicht immer so ungerecht sein , wie jetzt . Ich weiß , daß durch das planmäßig durchgeführte Sekretieren meiner Schriften , durch Schweigen darüber von Seiten der Professoren , deren Scheinphilosophie neben meiner ernstlich gemeinten nicht bestehen kann , auch Sie haben leiden müssen . Aber auf die Länge wird es nicht gehn . Es sollte mich wundern , wenn von den vielen Gelehrten Ihrer Bekanntschaft nicht Einer Sie über den wahren und verkannten Werth meiner Schriften aufgeklärt haben sollte . Einzelne starke Äußerungen darüber sind auch öffentlich gemacht worden , so z.B. in Rosenkranz ' Geschichte der Kantschen Philosophie , desgleichen in einem Aufsatz im › Pilot ‹ Mai 1841 : › Jüngstes Gericht über die Hegelsche Philosophie ‹ , sogar in den Halleschen Jahrbüchern ( denen ich doch als der stärkste Verdammer der Hegelei todt verhaßt bin ) und zwar in der