wie sie , sagte : » Seh ' ich im Leben diesen Signore d ' Asselyno wieder und er verräth , daß ich Wahnwitzige ihm in zwei Tagen meine ganze Seele zum Geschenk gegeben , so laß ' ich die Erde aus der Stelle ausschneiden , die sein Fuß berührte , und hänge sie - in den Schornstein ! ... « Um Jesu willen ! hatte die Herzogin erwidert , du wirst solche Sünden unterlassen ! ... Sie wußte , daß ein solcher Zauber einen Abwesenden langsam zum Tod dahinsiechen läßt ... Olympia war nach dem ersten Rausch der Flitterwochen und den vorauszusehenden Zankscenen mit ihren Schwiegerältern ins Sabinergebirg gezogen ... Dort und im Albanergebirg besaßen die Ruccas und Ceccone prächtige Villen ... Der welt- und menschenkluge Cardinal hatte zur Zähmung des wilden Charakters der jungen Fürstin angerathen , sie zu beschäftigen ... Er hatte ( schon von der ihm immer vertrauter werdenden Lucinde ) einige anonyme Briefe an sie schreiben lassen , in denen von Unterschleifen in der Verwaltung dieser Güter die Rede war ... Das wurde dann ein Feld für die erste unruhige Thatenlust der jungen Ehefrau ... Einige Wochen hindurch , vielleicht einige Monate konnte man Hoffnung hegen , daß sie sich auf diese Art in ihrer neuen Stellung als Fürstin und Gattin gefallen würde ... Bis dahin hatte sie ohne Zweifel mit den Aeltern vollständig gebrochen , hatte das Personal in der Rucca ' schen Verwaltung umgewandelt , hatte soviel Scenen des Zanks , soviel angedrohte Dolchstöße , auch Fußfälle und Handküsse erlebt , daß sie vollauf damit beschäftigt war ... Lucinde und der Cardinal stimmten ganz in dem Serlo ' schen Wort überein : » Die Seele des Menschen will gefüttert werden , wie der Magen « ... Die Herzogin erzürnte den Cardinal immer mehr durch ihre Festigkeit , Lucinden als Mitbewohnerin ihrer Behausung abzulehnen ... Lucindens neuliches Wort von ihrem » Briefwechsel mit Benno « war beim Begegnen nicht wiederholt worden ... Der Schrecken über den gleichzeitigen Ueberfall durch die Räuber konnte ein Misverständniß veranlaßt haben ... Das sagte sie sich zu ihrer Beruhigung ... Die » Abenteurerin « , wie sie in der That Benno mehrmals genannt hatte , wurde auch auf Villa Torresani , einem Erbgut der alten Fürstin Rucca , wo die junge Fürstin wohnte , abgelehnt ... Lucinde wohnte mit der alten Fürstin beim Wasserfall von Tivoli , in einer andern Rucca ' schen Villa , Villa Tibur ... Niemand kam nun noch zur Herzogin , da der Cardinal nicht kam ... Seltener und seltener kam sie auch selbst aus ihrem Palast heraus , in dem es gespenstisch öde und einsam wurde ... Wie mußte sie bereuen , ein Wesen von so gefährlicher Schmiegsamkeit in die Kreise ihres bisherigen Einflusses gezogen zu haben ! ... Lucinde wurde immer mehr die Seele in dem alten und dem jungen Rucca ' schen Kreise ... Und wenn sie sich geirrt hätte ! Wenn Lucinde wirklich von einem Briefwechsel zwischen ihr und Benno gesprochen ! ... Dann fehlte nur noch das eine Wort : Benno von Asselyn ist ja dein Sohn ! und ihre Niederlage war entschieden ... Olympia würde , erfuhr sie das von Lucinden , gesagt haben : Nun versteh ' ich alles ! Du , du warst es , die den Angebeteten von mir entfernt gehalten hat ... Daß den Cardinal , von dem sich die junge Fürstin nicht minder wie von ihr zu befreien suchte , eine Leidenschaft für die fremde Abenteurerin ergriffen hatte , wurde immer mehr ein öffentliches Geheimniß ... Und bei alledem konnte niemand die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen ... Hätte es sich um eine Scheinehe gehandelt , die die Schulden eines leichtsinnigen Cavaliers decken sollte , so würde man in Rom , in der Stadt der Heiligung des Priestercölibats , dies Benehmen Don Agostino ' s begriffen haben ; denn diese Arrangements kamen hier zu oft vor , um aufzufallen - wenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie niedergelegt wurden ... Don Agostino war aber keiner der Leichtsinnigsten unter den » Achtzig « ... Da er Kenntnisse besaß und sie zu vermehren liebte , galt er seinen Kameraden für einen Pedanten ... Die Wartung seiner Uniform , seines Pferdes , noch mehr seiner kleinen Häuslichkeit war bis in die minutiösesten Dinge sauber und zierlich ... Seine Familie war verwildert , das wußten alle , die Umstände hatten die Creaturen geistlicher Würdenträger aus ihr gemacht , deren Unregelmäßigkeiten sie decken mußte ... Graf Sarzana würde die Hand keiner Dame auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben ansprechen können ... Aber eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts ... Noch weniger begriff man seine Leidenschaft , wenn sie eine aufrichtige war . Lucinde konnte die Capricen des ermüdeten Alters reizen , sie konnte die Vorstellung einer Vernunftehe durch eine darum noch nicht ausgeschlossene Möglichkeit jugendlicher Reminiscenzen mildern ; was war sie aber einem jungen , noch in Lebensfrische befindlichen Krieger ? ... Sie besaß freilich Geist , Belesenheit , Koketterie ... Fesselte ihn das ? ... Seine Kameraden pflegten ihn mit seinem Einsiedlerleben , das der Lectüre gewidmet war , zu necken und sein wärmster Freund sogar , der Herzog von Pumpeo , hatte ihm den Beinamen des » Küsters vom Regiment « gegeben ... Bei alledem ließ es sich immer mehr dazu an , daß die Herzogin den Palast würde zu verlassen und - dem jungen Ehepaar Sarzana einzuräumen haben ... Ihrem Julio Cäsare schrieb die Mutter von allen diesen ihren Leiden und Befürchtungen nichts - nichts von den Gefahren , die ihr durch Lucinden drohten ... Einestheils wollte sie Benno ' s bei solcher Mittheilung leicht vorauszusehende Absicht ihr zu helfen nicht früher hervorrufen , als nöthig war ; anderntheils vermochte es ihr Stolz nicht , Befürchtungen auszusprechen , die sie mit dem größten Zorn erfüllten , so oft sie nur an sie dachte ... Benno hatte ihr die Versicherung gegeben , daß der einzige Vertraute ihres Briefwechsels nur Bonaventura war ... Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane und blätterte in den französischen Zeitungen , die in Rom verboten sind , vom Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit , wenn sie benutzt waren , noch an sie abgeliefert wurden ... Sie las um so lieber in ihnen , als die einheimischen Blätter fast von nichts als von Festen und großen Ceremonieen berichteten , zu denen sie nicht mehr geladen wurde ... Auch bei einem großen Ereigniß , das vier Wochen nach Olympiens Hochzeit statthatte , bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincente - zum Cardinal hatte sie gefehlt ... Sie hatte gefehlt bei einem Fest , das wiederum Rom in Bewegung setzte ... Bei einem Fest , wo Olympia und Lucinde die üblichen Honneurs des ersten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feste , das eine Woche dauerte und alle Zeitungen erfüllte ... Der neue Cardinal Vincente Ambrosi fand sich voll Demuth , aber ganz gewandt in seine neue Würde ... Unmuthig warf die Herzogin die einheimischen Blätter fort ; wieder auch war im Gebirg eine große Kirchenfestlichkeit gewesen , bei der die junge Fürstin Rucca als erster Stern am Himmel der Gnade und Wohlthätigkeit geglänzt haben sollte ... Schon ergriff sie die Feder und wollte dem Cardinal schreiben , sie bedürfte Unterhaltung ... Sie bäte , wollte sie sich in ihrer Bitterkeit ausdrücken , um einige Einlaßkarten für den Tag , wo die Räuber guillotinirt werden würden , deren man als Complicen Grizzifalcone ' s allmählich viele aufgegriffen hatte - Die Mission des Bruders Hubertus war ihr durch die vorläufig erfolgte Befreiung des Bischofs von Macerata bekannt geworden ... Sie wollte ihrem Schreiben hinzufügen , der Cardinal vergäße seine Weine , die in ihrem Keller lagerten ; es waren unversteuerte ... Sie grübelte Ceccone ' s Intriguen nach ... Benno ' s letzter Brief lag vor ihr , in dem dieser auf Anlaß des von Lucinden an Bonaventura eingesandten Briefs der beiden deutschen Flüchtlinge und eines inhaltreichen Couverts , das sie hinzugefügt , geschrieben : » O fände sich doch dieser Wanderer nach Loretto ! Wäre es der , den mein Freund seit fast dreiviertel Jahren sucht ! Er wird es nicht sein ... Die Dominicaner haben ihre anderen Gefangenen herausgeben müssen - diesen schickten sie nach Rom , wo ihre Gefängnisse unzugänglicher sind , als hier ... Ceccone verweigerte bisjetzt die Genehmigung , die Kerker des heiligen Officiums untersuchen und den Dominicanern einen Beweis von Mistrauen geben zu lassen ... Fra Federigo schmachtet in ihren Händen wie Galiläi , Bruno , Pignata und so viele andere Opfer der Unduldsamkeit ! « ... ... Daß schreckenvolle Dinge in Rom möglich waren , wußte die Herzogin ... Sie wußte , daß Ceccone mit dem Meisten , was er that , eine andere Absicht verband , als die man voraussetzte ... Zwischen dem alten Rucca und dem Cardinal war es zu einer andauernden Spannung gekommen , seitdem Hubertus zwar durch eine List den Bischof ans Tageslicht gebracht hatte , aber von einer Entdeckung des Pilgers nichts hören und sehen ließ , ja seit einiger Zeit von sich selbst nichts mehr ... Schon war das Gerücht verbreitet , daß die Carabinieri der Grenzwache vorgezogen hätten , statt den römischen Abgesandten in seinen Bemühungen zu unterstützen , ihn - todt zu schlagen ... Sie sah überall Gewalt und Intrigue ... Sie kannte Ceccone ' s Ansichten über die Zeit und die Menschen ... Menschenleben kümmerte ihn wenig , wo durchgreifende Zwecke auf dem Spiele standen ... Durch einen der Verwandten Sarzana ' s , eine der von ihm beförderten Creaturen , hatte Ceccone alle Häfen auch der Nordküste in seiner Obhut ... Wer konnte wissen , was aus dem Rucca ' schen Sendboten geworden war ... Jenseits der Apenninen , am Fuß des Monte Sasso , an der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeschnitten ... Dorthin hatten sich in der That die letzten Wege des kühnen deutschen Mönches spurlos verloren ... Die Zeitungen waren » mit ihren Lügen « , wie die Herzogin vor sich hin sprach , durchflogen ... Es war gegen Mittag ... Sie konnte an den Besuch einer Messe denken ... Da bemerkte sie , daß im Hause laut gesprochen wurde ... Sie wollte klingeln ... Marco war beim Pantheon auf den Gemüse- und Fleischmarkt , um ein Mittagsessen einzukaufen ; die Dienerinnen waren an der Arbeit ... Schon hörte sie Schritte ... Schon unterschied sie die Stimme Olympiens ... Dann war wieder alles still ... Die Herzogin glaubte sich getäuscht zu haben ... Schon öfter war ihr geschehen , daß ihre aufgeregte Phantasie Menschen nicht nur hörte , sondern deutlich vor sich sah , Menschen , die mit ihr sprachen ... Sie brauchte nur ihren geheimen Schrank aufzuschließen , brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus einem großen Pastell-Medaillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen , dies Haar nur eine Weile vor sich hinzulegen - und sie sah Angiolinen sich langsam an ihren Tisch begeben und hörte sie laut mit ihr sprechen . Benno trat in dieser Art jeden Abend in ihr Zimmer ... Sie hatte nach ihm die Sehnsucht einer Braut - eine Sehnsucht voll Eifersucht ... Aber kein Madonnenbild mehr konnte sie sehen in dieser madonnenreichen Stadt , ohne voll Zärtlichkeit an Armgart von Hülleshoven zu denken , die ihr Lucinde als ihres Cesare Ideal bezeichnet hatte ... Die Stimmen kamen wieder näher ... Diesmal rief wirklich Olympia : Da nicht ! Nein , nein ! ... Dort geht der Kamin entlang ! ... Die Hitze ist für ein Bett unerträglich ... Was will - die Mörderin meiner Tochter ? fuhr die Herzogin auf ... Weiß sie wirklich noch , wo ich wohne ? ... Will sie wol wieder zu mir ziehen oder was soll - das Bett - von dem sie spricht ? ... Man rückte nebenan die Möbel ... An einer andern Stelle des Hauses hörte man ein so starkes Hämmern , als sollten Mauern eingeschlagen werden ... Indem öffnete sich die Thür und aus dem Empfangssalon trat die kleine Fürstin , in glänzend outrirter Toilette ; Lucinde , nicht minder gewählt gekleidet ; die Schwiegermutter , eine noch immer anziehende , jedenfalls gefallsüchtige Frau ; Herzog Pumpeo , der für ihren Liebhaber galt ; hinter ihnen zwei junge elegante , wohlfrisirte Prälaten ; zuletzt auch Graf Sarzana ... Alle schienen überrascht zu sein , die Herzogin zu finden ... Sie wollten sogleich , Olympia ausgenommen , wieder zurück ... Sie hatten die Herzogin nicht anwesend vermuthet oder thaten wenigstens so ... Olympia hielt sie jedoch fest , schritt weiter , achtete nicht im mindesten auf die am Tisch beim Sopha erstaunt Verharrende , sondern rief , das Zimmer durchschreitend : Hierher würd ' ich rathen , von jetzt an das Eßzimmer zu verlegen ... Oeffnen wir diesen Balcon , so hat man das beste , was dieser alberne Garten bieten kann , etwas Kühle ... Chrysostomo ! Wir nehmen hier ein Frühstück ! Setzen Sie sich , Lucinde ! ... Graf , Sie werden hungrig sein ! Kommen Sie doch ! Wir sind ja , denk ' ich , bei uns ! ... Mit Widerstreben und in offenbar ungekünstelter Verlegenheit war Graf Sarzana gefolgt , hatte sich stumm der Herzogin , die hier nicht mehr wohnhaft geglaubt wurde , verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den übrigen , die unterdrückt kicherten - Lucinde ausgenommen , die von einem der Prälaten geführt wurde und scheu zur Erde blickte ... Die junge Fürstin , die kaum bis zum Thürdrücker , einem schönen bronzenen Greifen-Flügel , reichte , warf zornig die Thür zu ... Im ersten Augenblick hätte die Herzogin ihr nachspringen und sie zerreißen können ... Viper , Schlange , Basilisk ! zitterte es auf ihren Lippen ... Die Worte erstickten ... Sie hatte in diesem Augenblick keine andere Waffe , als ein lautes , gellendes Lachen ... Hahahaha ! schallte es nebenan zur Antwort ... Olympia erwiderte in gleichem Tone ... Dabei klirrten Gläser , Messer , Gabeln ... Olympia hatte hieher ein Frühstück beordert ... Der Mohr Chrysostomo wollte ihr durch eine andre Thür folgen ... Schon trug er ein Plateau voll Gläser und silberner Gefäße ... Die Herzogin ergriff wenigstens diesen und warf ihn zur Thür hinaus ... Dann schloß sie sämmtliche Thüren so hastig , als fürchtete sie , ermordet zu werden ... Nebenan lachte und sprach Olympia mit gellender Stimme fast immer allein ... Sie that wie jemand , der hier noch zu Hause war ... Demnach wurde die Herzogin , da sie nicht von selbst ging , zum Hause hinausgeworfen ... Hatte Olympia vielleicht erfahren , wer Benno war ? ... Verdankte die Herzogin diese Demüthigung Lucinden ? ... War diese wirklich in ihr Leben eingedrungen oder woher dieser plötzliche Angriff , diese Scene ohne jede Vorbereitung ? ... Die Herzogin besann sich , daß Olympia dergleichen Stücke auch ohne alle Veranlassung auszuführen liebte ... Es konnte ein momentaner Einfall sein ... Sie hatte sich wahrscheinlich für einige Tage mit ihrer Schwiegermutter ausgesöhnt , hatte von dieser vielleicht eine Anerkennung für einen neuen pariser Kleiderstoff gefunden ; daher ein gemeinschaftlicher » Carnevalsspaß « auf Kosten einer Person , » die der Lächerlichkeit zu verfallen « anfing ... Die Herzogin weinte ... Sie dachte an die Jahre , die sie an dies Wesen dahingegeben , an die sorgenvollen Stunden , wenn Olympia krank gewesen ... Sie hätte , da sie deren Natur entschuldigen und Ceccone dafür verantwortlich machen mußte , diesem an den Hals fahren und ihn erwürgen können ... Sogar Lucindens Haß auf sie ließ sie gelten ; denn sie hatte abgelehnt , der Deckmantel eines Verhältnisses zum Cardinal zu sein ... Aber auch Lucinde wieder versöhnt mit Olympia ? ... Olympia hatte damals diese Erklärung der Herzogin gebilligt . Die Herzogin hatte geglaubt , von Olympiens Eifersucht auf Lucinden Vortheil ziehen zu können ... Nun sah sie das Leben dieser Menschen des Müßiggangs und des Glücks , diese Zerwürfnisse , diese Versöhnungen um nichts ... Um irgend ein auf der Villa Torresani gesprochenes Schmeichelwort Lucindens war Olympia im Stande zu sagen : Was ist das nur mit der Herzogin ? Ihr Palast soll jetzt bald nur Ihnen und Sarzana gehören ! Machen wir doch kurzen Proceß ! ... Oder etwas dem Aehnliches war vorgefallen ... Männer waren zugegen , Priester ... Graf Sarzana sogar , der sie zwar immer kalt , aber doch höflich behandelt hatte ... Sich aus diesem Zimmer entfernen konnte die Herzogin nicht , da das ganze Haus sich belebt hatte ... Von den Köchen der jungen Fürstin war ein Frühstück überbracht worden ... Ein Troß von Dienerschaft schien aufgeboten ... Dabei arbeitete man im Nebenzimmer zur Linken , klopfte , hämmerte - Es waren Schreiner und Tapezierer ... Die Gardinen wurden abgenommen , die Tapeten abgerissen ... Das Ganze war eine Unterhaltung des Uebermuths ... Wer konnte so schnell hier einziehen wollen ? ... Die Declaration des Grafen Sarzana war doch wol noch in einiger Entfernung ... Vernichtet sank die mit Gewalt Verjagte auf ihr Kanapee ... Ihre Brust hob sich in hörbaren Athemzügen ... Sollte sie rufen : Megäre , lade noch deine Mutter zu deinem Gelage , die tolle Nonne drüben aus den Gräbern der » Lebendigbegrabenen « ! ... Was half das alles ! ... Sie hatte nicht einmal den Muth , dem alten Marco zu erwidern , der ihr am Schlüsselloch wisperte ... Sarzana , Sarzana ! sprach sie wiederholt vor sich hin ... Auch Er läßt die Mishandlung einer Frau zu und ißt und trinkt und stößt mit dem Teufel in Menschengestalt an ! ... Sie malte sich das alles wenigstens so aus ... Mit doppelt starker Stimme , damit die Herzogin nebenan nichts davon verlor , rief beim Mahle Olympia und fast immer allein sprechend : Wie viel Lösegeld würde wol damals Don Pasquale für Sie gefordert haben , Signora Lucinda ? ... Wie sagen Sie , Graf ? ... Zum Gelde würde es gar nicht gekommen sein ? ... Sie hätten sie mit Ihrem Säbel herausgehauen ? ... Haha ! Ich weiß noch ein anderes Mittel , falls die Herzogin mit gefangen gewesen wäre ; ein Mittel , wodurch sie alles in die Flucht geschlagen hätte ! ... Durch eine ihrer alten Arien ... Schallendes Gelächter ... Gewiß hatte sie auf meiner Hochzeit die Hoffnung , zum Singen aufgefordert zu werden ... Darüber vergaß sie den Auftrag meines Mannes , mir die Anwesenheit des Cardinals Ambrosi anzuzeigen ... Jetzt blieb alles still ... Das war der Grund dieses plötzlichen grausamen Einfalls ? ... Nimmermehr ! sagte sich die Herzogin ... Oder doch - ? ... Die Erhebung des Paters Vincente war auffallend genug ... Man schrieb sie der Absicht zu , dem neuen Großpönitentiar , Fefelotti , zuvorzukommen , der diesen Mönch zur nächsten Cardinalswahl empfohlen hatte ... Ceccone hatte sich rasch des neuen Cardinals selbst bemächtigt ... Olympia hatte die Honneurs seiner Ernennung im dazu hergeliehenen Palazzo Rucca gemacht ; alle Welt war verliebt in den schönen jungen Cardinal Ambrosi , der wie ein Ganymed , ein David im Purpur aussah ; gar nicht unmöglich , daß Olympia ihre erste Untreue als Frau zu einer geistigen machte und wieder in leidenschaftlicher Andacht für einen Priester schwärmte , den sie schon einmal so unglücklich gemacht hatte ... In der That - die Herzogin konnte hören : Zieht sonst niemand hier ein , den der Onkel lieb hat , so ist das kleine Haus ganz geeignet , von einem so bescheidenen Priester bewohnt zu werden ... Ich mache dem Cardinal Ambrosi seine ganze Einrichtung ... Cardinal Ambrosi soll hier wohnen ! ... Benno ' s Nachfolger in deinem oberflächlichen Herzen ! ... In der That wurde das Gespräch rücksichtsvoller geführt ... Die Herzogin verstand nichts mehr ... Herzog Pumpeo machte den Wirth und schenkte ein ... Trinken Sie , Graf Sarzana ! rief er ... Oder haben Sie noch immer Ihre geringe Meinung über den Champagner , den Sie damals auf unserer Landpartie nach Subiaco - vor drei Jahren - das » Bier der Franzosen « nannten ? ... Graf Sarzana , Sie sind überhaupt inconsequent ! fiel Olympia ein ... Wie konnten Sie je die Deutschen und die Franzosen so hassen ! Jetzt lieben Sie - ein deutsches - Halt , Principessa ! unterbrach einer der Prälaten ... Wir lieben in diesem Augenblick nichts als die Heiligen ... Die Signorina hier kennt alle Gebräuche der Beatification vom Tu es Petrus an bis zur Rede des Advocatus Diaboli ... Wenn nächstens die Seele der Eusebia Recanati heilig gesprochen wird , fiel der andere der Prälaten ein , wer wird da wol die Rolle des Advocaten der Hölle übernehmen ? ... Schweigen Sie ! Keine Lästerungen , Monsignore ! unterbrach Olympia mit energischem Ruf ... Die Herzogin lachte bitter auf und sprach für sich : Fürchtest du diese » heilige « Eusebia , weil sie dich - an deine Mutter erinnert ? ... Oder ängstigen dich die Ansprüche , die der Teufel selbst an die Heiligen macht - wie vielmehr an deinesgleichen ! ... Graf Sarzana ' s Stimme , ein voller wohlklingender Baryton , wurde mit den Worten vernehmbar : Cardinal Ambrosi lebt noch vierzig Jahre ... Also erst in 140 Jahren ist es möglich , auf seine Kanonisation anzutragen ... Auch bei ihm wird jemand den Auftrag bekommen , geltend zu machen , welche Rechte auf ihn der Teufel hat ... Abbate Predari ! ... Gesetzt , Sie bekämen diese Aufgabe ! Wie würden Sie Ihr Thema anfassen ? ... Halten Sie eine Rede gegen den Cardinal zum Besten der Hölle ! ... Vergessen Sie dabei nicht diesen schönen Palast ! ... Und die nichtswürdige Art , wie er eingeweiht wurde ! ergänzte die Herzogin ... Und die zerbrochenen Beine , als die Tribüne einstürzte , auf der die Menschen bei seiner ersten Messe im Sanct-Peter standen ! ... bemerkte die alte Fürstin ... Die schlechten Plätze , die gewöhnlich der römische Adel bekommt ! ergänzte der zweite der Prälaten , ein jüngerer Chigi ... Lassen Sie mich ! rief sich räuspernd Abbate Predari ... Die Rede halte ich ! ... Ich kann von Ambrosi ' s erster Jugend anfangen , von seinen ersten Ketzereien bei den Waldensern ... Ich war sein Schulkamerad in Robillante ... Dann wird nur zu sehr die Stimme des Neides aus Ihnen sprechen ! unterbrach ihn Olympia , die befürchten mußte , in dieser Rede selbst eine Rolle zu spielen ... Genug ! Genug ! unterbrach sie aufs neue die Ermunterungen zu einer Rede , die durchaus Abbate Predari halten wollte ... Gewiß würde er sie nicht so gewandt haben , als Advocat des Teufels zu sagen : Siehe , ich sandte dir einst eine meiner Botinnen in den Beichtstuhl ! ... Olympia wollte aber nichts von allen diesen » Blasphemieen « hören und erklärte , jetzt denjenigen strafen zu wollen , der dies Thema aufgebracht hätte , den Grafen Sarzana - ... Wissen Sie , Lucinde , wandte sie sich zu dieser , daß ich früher eine Neigung für den Grafen hatte ? ... Ich will es Ihnen nur gestehen ! ... In meiner kurzen Geschichte mit Don Pallante , die Sie kennen , machte dieser Herr da den Vermittler und die Vermittler wissen oft die Thränen so gut zu trocknen , daß sie selbst an die Stelle der Ungetreuen treten ... Ich liebte Don Agostino , den Boten Pallante ' s - aber beruhigen Sie sich ! - nur drei Tage lang ... O mir war er zu gelehrt , zu pedantisch , zu spöttisch , zu eingebildet - er las zu viel ... Viel lesen , das beweist , daß man wenig eigenen Geist hat ... Graf ! Ich rathe Ihnen , sich bei der Entzifferung der Obelisken und Pyramiden anstellen zu lassen ... Wenn Sie nicht im nächsten Carneval tanzen , geb ' ich Sie zu unsern gelehrten Eminenzen oben am Braccio nuovo im Vatican in die Lehre , zu Angelo Mai und Giuseppe Mezzofanti ! ... Die Männer lachten dieser Spöttereien ... Die Schwiegermutter rief sogar : Auf das Wohl des Küsters vom Regimente ! ... Ihr Herzog Pumpeo hatte diesen Witz gemacht ... Pumpeo bat um Frieden und brachte das Wohl aller schönen Spötterinnen aus , denen sein Freund bereits vergeben hätte ... Die Empfindungen der völlig ignorirten Herzogin , die zuletzt nur noch das Klappern der Schüsseln und Klingen der Gläser und ein Durcheinander von Witzen und Anekdoten , in denen Pumpeo und die beiden Prälaten excellirten , hörte , lösten sich wieder in Thränen auf ... Nur die Stille des präsumtiven Sarzana ' schen Ehepaars versöhnte sie ... Als das Frühstück beendet , die Gesellschaft entfernt , die Dienerschaft mit den Resten der Mahlzeit gefolgt war , nahm die Herzogin die Unschuldsbetheuerungen der ihr noch gebliebenen Dienerschaft entgegen , vor allen die Versicherungen des fast weinend eintretenden alten Marco , und suchte noch am selbigen Tage eine andere Wohnung . Sie wollte zu einem Miethbureau und dann in der Runde zur Besichtigung von Wohnungen fahren ... Als sie den Wagen bestellt hatte , erfuhr sie , daß auch Wagen und Pferde auf Befehl der jungen Fürstin Rucca fortgeführt wären ... Auf diese Nachricht sank sie in Ohnmacht ... Der » Intendente « des Hauses , der bisher alles für sie bezahlt hatte , zuckte die Achseln ; es war ein von Ceccone eingesetzter Koch ... Er gestand , daß er schon lange vom Cardinal nur mit Widerstreben die Zahlungen für die Bedürfnisse des Hauses erhalten hatte , packte dann seine Sachen und zog nach Villa Torresani ins Gebirge , wo es hoch und herrlich herging ... Die Erklärung hinterließ er , daß sich hier wahrscheinlich das ganze Hauswesen zur Bedienung des Cardinals Ambrosi neugestalten würde ... Marco machte Vorschläge von Wohnungen , die der Bedachtsame schon lange für diesen voraussichtlichen Fall in Augenschein genommen ... Noch an demselben Abend und bis in die Mitternacht zog die Herzogin um ... Sie nahm ein Stockwerk von mehreren gesund gelegenen und schön möblirten Zimmern auf der Höhe des Monte Pincio ... Die dortigen luftreinern Straßen konnte sie als Vorwand der Veränderung nehmen ... Um sich nicht als zu tief gefallen darzustellen , setzte sie alle ihre Ersparnisse daran ... Zu alledem läuteten nun die Glocken der dreihundertfünfundsechzig Kirchen Roms - brausten die Orgeln - schmetterte die Janitscharenmusik der Hochämter - wandelten unter Pfauenfederwedeln und Baldachinen die wohlgenährten Pairs der Kirche - rannten die Engländer nach den Katakomben und convertirten - schwärmten die Deutschen von den Bildern des Fiesole - knieten die Franzosen in Trinita di Monti drüben und küßten die Hände einer Gräfin-Aebtissin der hier eingepfarrten » Soeurs grises « aus den ersten Geschlechtern Frankreichs ... Rom spielt seine äußere heilige Rolle mit Glanz ... Wer kennt das Innere ... ! ... An Benno schrieb die vernichtete Frau auch noch jetzt nicht alles , was ihr begegnet war ... Sie erschien sich zu tief gedemüthigt ... Zu lange Jahre hatte sie auch die den Umgang verscheuchende und die Menschen vereinsamende Wirkung des Unglücks kennen gelernt ... Dann beredete sie sich , sie wollte lieber erst die Antwort auf einen Brief an Ceccone abwarten , in dem sie von ihren Empfindungen nichts zurückgehalten hatte ... Schließlich hatte Benno selbst seit Wochen nicht geschrieben ... Sie fing für die Sicherheit ihres Briefwechsels immer mehr zu fürchten an ... Am vierten oder fünften Tage weckte sie aus einem Zustand der Erstarrung , den das fortgesetzte Nichteintreffen eines Lebenszeichens von Benno mehrte , der erste Besuch , den sie in ihrer neuen Wohnung empfing ... ... Eine glänzende Equipage stand am Hause ... Sie kam aus Villa Tibur und brachte Lucinden ... Mit kalter Ruhe und Sammlung führte sich diese bei ihr mit den Worten ein , der Cardinal hätte sie beauftragt , der Herzogin einen Jahrgehalt anzubieten , den er ihr mit Dank für die geleisteten Dienste ausgesetzt hätte ... Er bedauerte , fügte sie hinzu , den Einfall der jungen Fürstin , an dem er schuldlos wäre - wie wir alle - sagte sie ... Olympia schwärme für den Cardinal Ambrosi und - wollte wol auch alle diejenigen strafen , die dem Bischof von Robillante den Ruf des ersten Priesters der Christenheit gegeben hätten - setzte sie lächelnd hinzu ... Cardinal Ceccone , schloß sie , würde selbst gekommen sein - ... Wenn er nicht meine bösen Augen fürchtete ! unterbrach die Herzogin und in der That konnte ihr Blick den Tod androhen ... Der ausgesetzte Jahrgehalt reichte kaum für die Wohnung und die für Italiens Sitten so nothwendige Equipage aus ... Lucinde zuckte die Achseln ... Zu allzu vielen Erörterungen schien sie nicht aufgelegt ... Sie hatte Eile , käme überhaupt selten in die Stadt - ihr ganzes Wesen war voll Unruhe , gemachter Vornehmheit , Uebermuth ... Unter andern war sie eben bei Klingsohr gewesen ... Sie kam von Santa-Maria , dem Mutterkloster der Franciscaner ... Dort hatte sie den glücklich geheilten und zu Gunst und Gnaden angenommenen Pater Sebastus am Sprachgitter gesprochen ... Sie hatte ernste Dinge mit dem vor Schwäche noch an den Händen Zitternden , aber in ihrem Anblick Ueberglücklichen verhandelt ... Nach dem , was sie schon von Hubertus , als dieser von ihr Abschied genommen , über die zweite Gemahlin des Kronsyndikus in Palazzo Rucca erfahren , ließen die jetzt endlich möglichen Mittheilungen Klingsohr ' s keinen Zweifel , daß diese zweite Gemahlin allerdings eine ehemalige kasseler Sängerin Fulvia Maldachini , dann also die - Herzogin von Amarillas gewesen sein mußte ... In dem lateinischen Bekenntniß Leo Perl ' s hatten die Namen gefehlt und auch noch jetzt bei Verständigung mit Klingsohr hütete sie sich , die Fingerzeige allzu grell zu geben ... Sie mußte dann auch den kaum Genesenen schonen ... Gab ihm das Wiedersehen einen erhöhten Ausdruck der Spannung und Kraft , so forderte sein todblasses Aussehen , seine gekrümmte Haltung