Die Rothen wollten den König , die Prinzen und Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespießt bleiben ... Die Gesellen lachten ... Aber es kommt immer nicht , fuhr der aufgeregte Sergeant fort . Wir stehen des Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken : Nun wird ' s losbrechen ! Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlägerei im Wirthshause oder eine Straßenrottirung , so können Sie sich daraus erklären , warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen . Die Leute sind gereizt und denken : Nun geht ' s an ' s Leben ! Trauriger Zustand , wenn in einem und demselben Staate zwei Kräfte so gegeneinander wüthen , bemerkte Louis ruhig ; es ist aber überall so . Der Adel und die Bureaukratie haben sich die Armeen apartgenommen und dressiren sie nach ihrem Gefallen . Leider hat man da ein so gutes Feld für seine Intrigue ! Die Fahne , der ihr geschworne Eid , der erlaubte Stolz des Kriegers , die Erinnerungen seines Truppenkörpers , die Achtung vor dem Souverän , das Alles sind Begriffe , an die sich für ein schwärmerisches Gemüth so vortrefflich anknüpfen läßt ! Man fanatisirt diese Menschen durch ein Verbrechen , das man die Sünde gegen den heiligen Geist nennt . Man wünschte Erklärung dieser Sünde ... Es ist die Sünde , sprach Louis so laut , daß Alle hörten , die Sünde , die irgend eine richtige Thatsache , eine Wahrheit , die in der Menschenbrust wie mit ehernen Buchstaben eingegraben steht , zu einem falschen Zwecke benutzt . Wer vollends von seiner irrthümlichen Anwendung einer Wahrheit selbst überzeugt ist , kann kaum Vergebung erwarten . Die Gesellen horchten und blinkten sich zu . Manche hielten Louis für etwas viel Höheres , als wofür er sich ausgab . Ich verstehe wohl , sagte Sandrart , der sich auf einige Bretter gesetzt hatte , ich verstehe , daß Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen ... Ich halte jeden Eid für heilig ! bemerkte Louis . Und nun sprudelte der Sergeant , den ein Ärger mit seinem Kapitän gereizt zu haben schien , Alles hervor , was für und wider den Fahneneid den Soldaten offen und heimlich jetzt zugesteckt zu werden pflegte . Tag ein Tag aus , fuhr Sandrart fort , kommen Leute in die Kasernen oder auf den Exercierplatz und predigen uns den heiligen Eid . Der Eine läßt Kaffee aus einem Keller in der Nähe holen , der Andre verschenkt wollene Strümpfe ... die Leute trinken den Kaffee , nehmen die wollenen Strümpfe ... und immer heißt ' s dabei : Was wir geschworen haben , halten wir . Aber ... Ein Eid ist heilig ! erwiderte Louis . Ich tadle die Soldaten nicht , die ihn leisten , sondern die , die ihn abnehmen . Es muß dahin kommen , daß der Soldat nicht in die Lage versetzt wird , einen einseitigen und in die Gesellschaft den Brand des Aufruhrs schleudernden Eid zu schwören . Er soll schwören , die öffentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und seine Größe und Ehre nach Außen zu ver-theidigen . Die gesetzlichen Organe dieser Ordnung und Ehre haben sich geändert . Es sind nicht mehr die Fürsten , sondern die Vertreter der Völker . Wir brauchen keine Fürsten mehr ! rief es aus einer Ecke . Wir brauchen keine Soldaten mehr ! aus einer andern . Louis wandte sich eben , um ein lautes St ! auszusprechen , als der alte Märtens in seiner blauen Schürze und wollenen gestrickten Überjacke hereintrat und dieser lärmend und stürmisch gewordenen Unterhaltung ohnehin ein Ende machte . Er litt niemals , daß in seiner Werkstatt über Politik gesprochen wurde . Auch der Sergeant , der alle diese Gesellen kannte , wußte das Verbot und nahm den verwildert gewordenen Gegenstand nicht wieder auf . Er sprach von Franziska und klagte , daß er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen würde . Der Feldwebel sähe lieber , daß er sich seine Bescheerung schicken ließe , um sie mit ihm theilen zu können ... Und der Major ? Der Major - wer weiß , wie lange der noch Majort . Das ist Einer , der nächstens sagen wird : Der Eid drückt mich ! Marsch in die Kaserne ! rief der alte Märtens dazwischen . Dien ' Er seinem König und lob ' er Gott den Herrn , Amen ! Die Gesellen lachten nun erst recht . Sandrart ließ sich nicht stören . Er war zu bewegt . Er hatte seit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem Fortunaball und in dem Worte : Gehorsam außer Dienst jenen nagenden Quälgeist in sich , der bei den untern Ständen mehr Unruhe und Schaden im Gemüthe stiftet als bei der Bildung . Das prickelte , das hetzte ihn . Immer derselbe Refrain , immer dieselbe wunde Stelle , die nicht heilen wollte und die täglich berührt wurde ... Endlich ging er . Als er Louis die Hand gab und fragte , ob er bald in den Ullagrund schriebe , rief eine Stimme ihm nach : Sergeant ! Gartenstraße Nr. 14 alle Abend um acht Uhr ist Verein - kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit , die das Herz auf dem rechten Fleck haben ! Wer sagt Das ? Wer verführt hier die Soldaten ? rief der alte Meister und rannte zu dem Sprecher hinüber , einem kleinen , dicken , wohlgenährten Arbeiter , dem Advokaten der Werkstatt . Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beruhigte ihn . Aber der Meister tobte jetzt seine patriotische , alte , deutsche Gesinnung aus nach dem Thema : Gebt dem Kaiser , was des Kaisers ist und Gotte , was Gottes ist ! Er machte sein Recht als Meister und Werkstattbesitzer mit ein Dutzend Hammerschlägen auf den Werktischplatten geltend . Sandrart ging . Die Rebellen schwiegen . Auch Louis schwieg . Da aber manche Anzüglichkeit des alten Mannes ihm selbst gelten sollte und er sich schwer beherrschte , so zog er vor , eine Weile auf sein Zimmer zu gehen und dem Alten Zeit zu lassen , sich inzwischen gründlichst auszutoben , was auch geschah , diesmal sogar mit Fremdwörtern aus dem Lexikon seiner gebildeten Ehehälfte . Eine Woche ging so hin . Louis lebte zurückgezogen . Er suchte nur Dankmar auf und fand ihn nicht . Zum Major Werdeck wagte er sich nicht . Über Murray ' s Schicksal wurde ihm keinerlei Beruhigung . Der Drang , ihm zu helfen , die im Forsthause vorgekommenen Dinge in einem Lichte darzustellen , wo alle Schuld nur auf ihn falle , war so mächtig in ihm , daß er anfangs an Egon ' s Beistand dachte . Allein war Das noch sein Egon ? Er war ' s im Tone , in der Behandlung noch gewesen ; er hatte ihn nicht lieblos empfangen , ihm täglich sein Haus angeboten . Aber eine Kluft hatte sich zwischen Beiden aufgethan , weiter , als der natürliche Abstand der Geburt . Die Romantik war vorüber , das praktische Leben hatte begonnen . Louis entschuldigte Egon , klagte sich an , zieh sich selbst der Eitelkeit , daß er von dem Freunde Egon , der einst in Lyon seine Schwester liebte und mit ihr wie mit seinem Weibe lebte , jemals die später entdeckte Fürstenwürde nicht trennte . Er fand es natürlich , daß Alles so kam , wie es jetzt gekommen ; aber ihm lästig fallen , eine Audienz erbitten , ihm schreiben , eine Bitte vorlegen ... dazu war er zu stolz , zu verletzt , zu eingeschüchtert . Dann fiel ihm bei , ob nicht Dankmar Wildungen als Jurist helfen könnte und eben so schmeichelte sich ihm die Vorstellung ein , ob er nicht wagen sollte , den mehrfach genannten Otto von Dystra aufzusuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzustellen , der aus einem fernen Welttheile ihm nicht unbekannt sein sollte . Es war wieder Mittag . Die Arbeiter zerstreuten sich . Als sich Louis nach einem bescheidenen Mahle in einer nahgelegenen Wirthschaft in der Voraussetzung , vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwähnten Gönner , Otto von Dystra , aufzusuchen , besser anzog und in seinen Geräthschaften ordnete , fielen ihm die Gegenstände auf , die er im Forsthause damals an sich genommen hatte . Es war ein Gesangbuch , ein Blumenstrauß und ein zierlicher Mädchenkamm . Er hatte diese Dinge an sich genommen , weil die von Ursula daran geknüpften Reden ihm so auffallend klangen , daß er glaubte , vielleicht enthielten sie Thatsachen , die sich auf Murray ' s Sohn bezogen ... Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die Buchstaben H.D. Das Gesangbuch führte auf bestimmte Namen . Es war in schwarzes Leder gebunden und enthielt auf dem Deckel die Notiz über die Geburt und die Verlobung eines jungen Mädchens , von dem Louis wußte , daß es eines Sonntags an der Sägemühle verunglückte . Heunisch , sagte er sich , hat sicher diese Gegenstände , auch den Blumenstrauß , den sie grade trug , aufbewahrt und die Alte sie eingeschlossen , um durch ihren steten Anblick ihn nicht zu traurig zu stimmen . Das Gesangbuch , der Kamm , der welke Blumenstrauß wurden Louis fast unter der Hand zu Tönen und Klängen und Reimen eines Gedichtes ... Wie er den welken Strauß , der krampfhaft zusammengeballt schien , auseinanderfaltete , hörte er ein Klingen , wie von einem fallenden metallnen Gegenstande . Am Boden sah er einen zerbrochenen Goldreif blinken . Er hob ihn auf . Sicher hatte dieser Ring in dem Gewirr des welken , heuartig gewordenen Blumenstraußes schon lange versteckt gelegen . Der Verlobungsring des unglücklichen Mädchens ! dachte er . Wo ist nur die zweite Hälfte ? Er suchte und fand sie nicht . Wer weiß , dachte er , durch welchen Zufall dieser Ring zerbrach ! Die Treue hat ihr Heunisch wirklich gehalten ... Louis wollte den Ring mit den übrigen Gegenständen bei Seite legen , als ihm doch noch einfiel , nach einer möglichen Gravirung innen zu sehen . Er erstaunte , nicht die Buchstaben zu finden , die auf Heunisch ' s Geschichte paßten . Er las in dem Ringe P. und die ersten Züge eines kleinen v. , die ohne Zweifel auf einen adligen Namen schließen ließen . Auch sah er jetzt , daß er keinen Trau- oder Verlobungsring , sondern einen einfachen goldnen Reifen , dessen Kopf durch einen Stein verziert gewesen sein mußte , vor sich hatte . Die adlige Bezeichnung des Ringes ließ ihm als wahrscheinlich erkennen , daß er einen Theil jenes Ringes vor sich hatte , von dem ihm Murray einst erzählt hatte . Und so steckte er dies Fragment behutsam zu sich und gedachte , ihn dem unglücklichen Gefangenen bei erster Gelegenheit , wo er hoffte , ihn sprechen zu dürfen , zu übergeben . Die übrigen Gegenstände verschloß er wieder . Mit einem alten Mantel , den er über seinen gewählten Anzug warf , ging Louis aus , um auf ' s Neue zu versuchen , Dankmar Wildungen zu treffen . Wie groß war seine Freude , als er grade beim Eintritt in das von den Freunden bewohnte Haus den Gesuchten die Stiege herabkommen sah ! Wär ' es Siegbert gewesen , so hätt ' er ihn umarmt . Dankmarn schüttelte er die Hand und freute sich der herzlichen Erwiderung . Seit wann sind Sie zurück ? Über eine Woche . Wir verfehlten uns . Auch ich fragte nach Ihnen . Wie geht es meinem Bruder ? Er sehreibt so selten . Ich verließ ihn wohlauf , heiter und fröhlich ... Heiter ? Empfing er - Es erfolgte jetzt die Verständigung wegen der Trauer . Dankmar sprach über das erlebte Leid . Es waren Worte , die in Kürze die schmerzliche Thatsache zusammenfaßten . Er wünschte , daß Siegbert , wenn er auf dem Lande Zerstreuung hätte , nicht in die Residenz käme , die ihm wenig Trost bieten würde . Einen Tag bin ich hier und dieses Chaos von Anmaßung und Lüge ! Ich halte Sie auf ! Kommen Sie zu mir , Armand ... Gegessen ist auch bei mir schon . Aber einen Kaffee können wir noch brauen ! Frau Schievelbein , Mokka , Java , Cheribon ! Was sich findet ! Aber schwarzen ! Denn , Louis , wir trauern . Damit schloß Dankmar die Thür der bescheidenen , noch warmen Wohnung auf , rückte Bücher , Skripturen vom Tisch und rief noch einmal der Wirthin , die aus ihrem Mittagsschlafe schwer zu wecken war . Während er selbst die Vorbereitungen zu einem Kaffee in seiner blechernen Maschine machte , Spiritus anzündete und endlich von der gähnenden Wirthin unterstützt wurde , einmal häuslich und gemüthlich einen Nachmittag nicht im Kaffeehause , sondern daheim zuzubringen , sprach er vom Tode seiner Mutter , vom Leben überhaupt , vom Geheimniß der Weltschöpfung , vom Gegensatz zwischen Materie und Geist , Himmel , Hölle , Erde , Lampendocht , Spiritus , Filtrirmaschinen und schloß seine aus Schmerz und Scherz gemischte Plauderei mit der Bemerkung : Ja , lieber Armand , seit wir unter dem Kreuze in dem Rathskeller saßen , ist Manches geschehen ; aber was ich auch erlebte und das Schlimmste ist allerdings der Leichenstein-Strich über ein theures Dasein , das ich noch für viel Glück aufgespart glaubte , Alles hat mich gelehrt : Wenn man die Grenze des Daseins fühlt , wenn man sieht , wie Alles endet und enden muß , ohne Ausnahme , dann , mein Freund , nimmt man das Schwerste im Leben leichter und setzt mit größrer Lust sein Leben auch an das Traurigste . Ich bin nicht etwa entmuthigt , wie Sie mich hier sehen . Aber ergrimmter bin ich , entschloßner , gleichgültiger um diese schönen Fratzen , die uns locken und schmeicheln wollen mit Worten : Ach , wie süß ist dies Leben ! Schick ' dich in diese Lügen ! Dulde diese Irrthümer ! Laß diese Narren regieren ! Laß diese Welt gehen , wie sie geht ! Der Tod meiner Mutter war so voll Überredung für mich , an ein Jenseits zu glauben . Ihre Gesichtszüge waren verklärter , nachdenklicher , strenger als je im Leben . Man konnte glauben , der im Schauen begriffene Geist ließe noch Spuren auf dem theuren Antlitz zurück . Wie ich sie in die Grube senken sah , wie Alles um mich her Tod und doch Unsterblichkeit auf dem Friedhofe flüsterte , da empfand ich Liebe für die Geschiedenen , Haß für die Lebenden . Vermessene Thoren , rief es in mir , die Ihr Euch einbildet , das Leben beherrschen zu können ! Wer seid Ihr denn , Ihr zufällig Reichen , Ihr angemaßt Mächtigen , Ihr eingebildet Weisen ! Hier ist Alles gleich , hier unter diesen welken Trauerpappeln ist die ganze Komödie aus und da drüben jagt , hetzt Ihr Euch mit Euern Leidenschaften und sinnlichen Interessen durcheinander ! Glauben Sie mir , Louis , man muß das Leben verachten , um dem Leben eine große That zu hinterlassen . Ich würde mich nicht mehr bedenken , mein Haupt zu opfern , wenn ich glaubte das Rechte getroffen zu haben , um einer göttlichen Wahrheit in unserm Leben ihre Geltung zu verschaffen . Louis war von der Aufregung , in der er seinen Freund und Gönner wiederfand , erschüttert ... Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf ... Er stockte , das Wort : die Erbschaft , auszusprechen ... Ich bin im Begriff , sie auch in zweiter Instanz zu verlieren , sagte Dankmar und habe dann nur noch das Urtheil vom Obertribunal revidiren zu lassen . Meine Hoffnung , der Welt zeigen zu können , wie wir mit ererbten Rechten verfahren sollen , wird sich nicht erfüllen . Indessen setz ' ich Alles daran , wie ein Flügelroß bis an die Stelle zu steigen , wo es immerhin todt niedersinken möge . Sie können sich denken , welche Entbehrungen ich leide . Die Kosten des Prozesses wachsen in ' s Unglaubliche . Das kleine Vermögen , das sich nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird , ging theils im Begräbniß , theils in der Ordnung ihres Nachlasses schon hin . Den Rest werfen wir in jenen Abgrund , der uns keine Ergebnisse bringen wird , ich mag auch noch so viel in diesen Büchern studiren ! Jetzt vollends , wo meine Hoffnung , daß mindestens der eine Concurrent , der Staat , die Ungehörigkeit seiner Ansprüche einsehen würde , sich betrogen sieht und durch Egon ein neues Leben in diese Angelegenheit kommt ... Durch Egon ? Wissen Sie Das ... Von ihm selbst . Sie sprachen ihn ? Kürzlich auf der Staatskanzlei , wo ich mir eine Audienz vom Premierminister erbat . Zum Menschen Egon geh ' ich nicht . Sie geben ihn auf ? In meinem Sinne , ja ! Wie war er gegen Sie ? Kalt , zurückhaltend ? Im Gegentheil ; er war offen und suchte die inzwischen durch seine Maßnahmen so weit gerissene Kluft zwischen uns durch entgegenkommende Freundlichkeit zu verbergen ... Sie machten dieselbe Erfahrung wie ich ... Mein Freund , sagte Dankmar , geben Sie diese Anknüpfung auf ! Ich denke mit Wehmuth zurück , wie ich Egon fand , wie er mir die Freundschaft auf offnen Händen entgegentrug , wie er mir den Brudernamen aufdrängte . Dennoch muß ich gegen ihn gerecht sein . Ich entsinne mich , daß wir mehr in ihn hineingelegt haben , als wozu wir berechtigt waren . Wir hörten ihm zu und fühlten da schon die innere Trennung . Da wir ihn aber lieb hatten , wollten wir nicht sehen . Nun ist die chemische Probe gekommen . Wer verdenkt ihm , daß er uns entgegnet : Ihr habt mich wie Eure Puppe behandelt , mit Euern Ideen mich ausgeputzt ! Die Zeit des Scherzes ist vorüber . Louis wollte dies Misverständniß nicht gelten lassen und behauptete , ein fremdartiger Einfluß hätte sich des so hoch gestiegenen Freundes plötzlich bemächtigt und ihn von ihren Anschauungen hinweggerissen ... Nein , nein , sagte Dankmar . Das ist in der Ordnung und nicht weiter zu beklagen . Der Dämon , der die Welt regiert - Gott ist es nicht ; der steht noch über diesem Dämon - gibt für seine Schlachten dem Menschen die ihm gebührende Stellung . Der Eine hier , der Andre dort . Wir haben nichts zu thun , als nach unsrer Fahne zu blicken und in den Kampf zu gehen , wenn unser Signal uns ruft . Es ist ganz in der Ordnung , daß auch Egon den ihm von dem vorigen kaufmännischen Ministerium hinterlassenen Prozeß fortführt , ganz in der Ordnung , daß ich ihn verliere . Sie glauben nicht , was uns der Mensch als eine willenlose Maschine , als ein anorganisches Produkt erscheint , wenn man es abblühen und sterben sieht . Wir sind nicht frei . Wir glauben es zu sein und freuen uns nur des Quecksilbers , freier Wille genannt , das doch allein mechanisch in uns hin- und herrollt und uns alle unsre Bewegungen gibt ! Bei allen diesen Bemerkungen , die Dankmar unmuthig und ungeregelt ausstieß , unterzog er sich einer gründlichen , von Frau Schievelbein unterstützten Vorbereitung zu einem gemüthlichen Kaffee . Es gibt gar nichts Traulicheres , als wenn im kalten Novembersturm , auf engem , gut erwärmtem Zimmer junge Männer die kleinen Konsequenzen ihrer Garçonwirthschaft ziehen , den Frauen in ihre Vorrechte greifen , Haushälter spielen , Kaffee filtriren und ihn mit Cigarrendampf und guten Einfällen , in eine Sophaecke gedrückt , behaglich niederschlürfen . Nun , sagte Dankmar lächelnd , als die Wirthin Tassen zurechtgestellt und erklärt hatte , sie würde bald das heiße Wasser bringen , nun , wie ist es , Louis , haben Sie für das vierblättrige Kleeblatt geworben ? Ist das Korn von jener Nacht aufgegangen ? Fanden Sie Menschen , die würdig sind , in die kämpfende Brüderschaft vom Geiste zu treten ? Louis war auf Mittheilungen über Dankmar ' s großes Unternehmen gefaßt , nicht aber darauf , Bericht zu erstatten , was er selbst dafür gethan . Er erschrak fast und gerieth in Verlegenheit , ob er gleich an Murray , Oleander , Ackermann dachte . Freund , fuhr Dankmar , als er sein Zögern bemerkte , fort , wir müssen vorläufig mit den Blicken werben ! Das ist das Prüfzeichen der Wahrheit unsrer Ideen , daß wir vorläufig Menschen finden , die uns würdig scheinen , sich dem großen , innern Kreuzzuge anzuschließen . Sonst lernten wir Menschen kennen , die an uns vorübergingen und von uns vergessen wurden , auch wenn wir ihnen schmerzlich nachsahen . Jetzt haben wir etwas , was uns solche Begegnungen werther macht . Einen edlen Menschen finden ist jetzt für uns eine Eroberung . Wir sollen es mit ihm machen wie Entdeckungsreisende , wenn sie Inseln im Meere finden , die Niemand kannte . Sie pflanzen das Zeichen ihrer Nation auf , nehmen feierlich im Geiste von ihnen Besitz und reisen weiter . Oder wie man Zugvögeln eine Kette umhängt und sie fliegen läßt , wohin sie wollen , in der Hoffnung , sie würden irgendwo über tausend Meilen durch jenes Symbol doch einen Menschen erfreuen , der da sagt : Seht , diesem Reiher hing ein Araber , ein Hindu eine kleine Kette , einen Ring um mit seinem Zeichen und dies Zeichen lautet : Ich grüße dich , Bruder , Mensch , Freund in dem großen Geist , ob er nun Gott , oder Allah oder Lama oder Jehova heißt . So sollen wir jeder uns verwandten edlen Intelligenz unsichtbar das Zeichen der Ritterschaft vom Geiste aufheften und dann ihn wandeln lassen seiner Wege . Sie führen schon zusammen zu einem Ziele ! Dankmar sprach diese Bemerkung mehr im halben Scherz , doch blickte der Ernst und die sichre Absicht durch , diese Werbungen wahr zu machen ... Louis nahm keinen Anstand , ihm zu erklären , daß es auch ihm so ginge . Er wisse nun immer , was er mit den Menschen , die er im Leben sähe , beginnen sollte . So müßten einst die Apostel gewandelt sein und sich sogleich die Seelen herausgefunden haben , denen sie die Botschaft vom Menschensohne bringen wollten . Früher hätte er geprüft , ohne Zweck ; er hätte die werthvollen Menschen vergessen oder sich ihrer nur mit jener freudigen Wehmuth erinnert , die wol den Schiffer ergreifen müsse , wenn auf dem Weltmeer ein Segel an ihm vorüberfahre . Ein Salutschuß und dann ewige Trennung ! Jetzt aber halte er im Geiste Jeden fest und möchte ihn dauernd zu dem großen Werke der Befreiung verbinden . Und wohl müsse er eingestehen , daß ihm auf dieser kleinen Reise schon Würdigste begegnet wären . Nennen Sie sie nicht ! sagte Dankmar . Es soll unserm Bunde zur Förderung dienen , daß wir nicht wissen , wer zu ihm gehört . Jeder soll werben , Jeder soll an gewissen großen Bundestagen Beweise dafür bringen , daß er Ritter vom Geiste gerüstet und gewappnet gefunden hat , aber die Erkennung sei eine zufällige ! Keine Register ! Keine Namen ! Louis hatte aber grade recht auf dem Herzen , von Oleander , Ackermann und besonders von Murray zu reden und Dankmar sah ihm seinen Drang dazu an . Nicht wahr , sagte er , Ackermann scheint Ihnen würdig ? Im vollsten Maße ! Ein Großmeister unsres Ordens ! Treu , fest , wohlwollend , unabhängig . Ja , Louis , unabhängig ! Das hab ' ich gefunden , das ist der einzige Standpunkt , auf dem man denkt , klar denkt und für die Menschheit etwas in die Schanze schlägt . Doch hab ' ich auch Viele gefunden , die edel sind und gern möchten , wenn sie könnten . Da sollt ' ich helfen können ! Da sollte mein Erbe , ausgehend von den geistlichen Rittern , den geistigen Rittern wieder zufließen ! Darum möcht ' ich Schätze gewinnen , um die Schwachen zu ermuntern , Witwen , Waisen , die ihren Beschützer verloren , zu trösten , Unmöglichscheinendes möglich zu machen . Darum will ich Geld zu unserm Ringe ! Darum mein Mühen und Sorgen um den Kitt unsres Gebäudes ! Louis entgegnete , daß die Männer , die er gefunden , auch ohne die Ermunterung und Schadloshaltung durch irdische Mittel sich der Ritterschaft des Geistes widmen , Helm und Harnisch anthun würden für den Kreuzzug der Idee ... Um so besser , sagte Dankmar . Aber nennen Sie Niemanden ! Sammeln Sie , werben Sie im Stillen ! Ich bin so glücklich gewesen , daß ich wohl schon von zwanzig edlen Männern sagen kann : Sie sind die Unsrigen . Louis staunte ... Von Leidenfrost und Werdeck hab ' ich brieflich gleiche Ergebnisse . Noch haben wir uns nicht konstituirt , noch fehlt uns die Symbolik , über die ich in nächtlichen Stunden grüble , wie einst Muhammed mag gegrübelt haben , was er von Zoroaster , Christus , Sokrates brauchen könne ; noch sind mir nicht die Engel der rechten Erleuchtung erschienen und schon finden wir segensreiche Wirkungen . Lesen Sie nicht schon von vielen Orten her , daß die gefangenen Volksfreunde Mittel finden , zu entfliehen ? Mancher , der das Schicksal einer Untersuchung nicht ahnt , wird bei Zeiten gewarnt . Jene Beamte , die kürzlich ihre Ämter niederlegten , weil sie mit ihrer Abhängigkeit in Widerspruch geriethen , wurden schon von uns unterstützt . Es finden sich Liebesgaben , die wie Wasser aus einem Felsen springen . Moses ' Zauberstab wirkt Wunder . Es sind Herzen versöhnt worden , unbekannte Freunde zusammengeführt , Warnungen , Rathschläge empfängt man von unbekannter Hand und schon setzen die Vertrauten an die Spitze ihrer Briefe vier Punkte , die das vierblättrige Kleeblatt der seltenen Freundschaft bezeichnen . Alles regt sich schon , ein neuer Frühling des Geistes , ein Hoffnungslenz der Gesinnung beginnt ; nur Siegbert schlummert noch . Nicht wahr , den fanden Sie wohl tief unter Träumen wandelnd ? Glauben Sie , daß uns auch Siegbert Mannschaften zuführen wird ? Louis staunend über diese Schilderung konnte nichts versichern , bezweifelte es aber fast , da er sah , wie Dankmar gewirkt hatte und wie Der glühte vor innerer Befriedigung . Siegbert wird uns Frauen nennen , die er gewinnen möchte , sagte Dankmar lächelnd . Er hatte dabei auf dem Herzen , nach Selma zu fragen ... Schon lange lag ihm ein Wort über Selma auf den Lippen . Er wagte es nicht auszusprechen . Er war von der beklemmenden Vorstellung gedrückt : Wie , wenn sich Das , was Du mit Melanie erlebtest , bei Selma wiederholte ? ! Siegbert ist liebenswürdig . Er wird von Ackermann mit Zuvorkommenheit aufgenommen werden . Selma wird ihn sehen , ihn lieben . Und Siegbert ? Kann sein Herz in Wahrheit bei Olga weilen , jenseits der Alpen ? Kann er einer solchen Phantasie nachjagen ? Auch die Fürstin Wäsämskoi , obgleich sie in unsrer Abwesenheit fast täglich hier anfragen ließ , wann wir zurückkämen , kann Die ihn für ' s Leben fesseln ? Nein , nein , das Schicksal spielt unserm Herzen zum zweiten Male eine Prüfung zu . Siegbert und Selma finden sich und dieses Band darf ich nicht lösen , wie ich die Irrung zwischen Siegbert und Melanie löste ! Und so fest stand diese Vorstellung bei Dankmar , daß er in der That nicht den Muth hatte , nach Selma zu fragen und auch aus Furcht , von ihr zu hören , Louis ' Mittheilungen über des Bruders Lebensweise rasch unterbrach und ihn nach seinen eignen Angelegenheiten fragte . Da hatte denn Louis die Erzählung über Murray und die Bitte um Dankmar ' s Rath und Beistand schon eingeleitet , als man die Treppe herauf Männerschritte hörte . Frau Schievelbein , die eben das heiße Wasser in einem summenden Theekessel bringen wollte , öffnete und ein Herr im grauen Militärmantel trat auf den Vorplatz , gefolgt von einem andern , der sich Schnee und Regen aus einem dicken langzottigen Tüffelrocke abschüttelte ... Die Kommenden waren Major Werdeck und sein Freund Max Leidenfrost . Achtes Capitel Das Wachsen des Bundes Wann kommen wir All ' uns wieder entgegen , Im Blitz und Donner oder im Regen ? rief Leidenfrost , als er Louis erblickte und sich der Major über das glückliche Zusammentreffen der vier im Geiste Verbundenen innigst zu freuen schien . Wenn der Wirrwarr höher steigt Und wer Sieger ist , sich zeigt ! antwortete Dankmar , auch die Macbethhexen parodirend , rückte Stühle heran , nahm dem Major den Mantel ab und schüttelte den Freunden , die er noch nicht gesehen , die Hände . Graulieschen ! sagte Leidenfrost zur Frau Schievelbein , Graulieschen , was brau ' st du da für ein namenloses Werk ? Erlauben Sie , sagte die Alte , um so empfindlicher über diese Anrede eines Mannes , dessen » Komplimente « sie kannte , als sie wegen eines hohen Offiziers ihrer Toilette eingedenk wurde , erlauben Sie , ich heiße Eulalia und Das wird Kaffee , wenn Sie nichts dagegen haben , Herr Leidenfrost . Eulalia ! Menschenhaß und Reue ! fuhr Leidenfrost im pathetischen Tone fort . Kommt Einer da wol heraus aus seinen theatralischen Reminiscenzen ? Ich studire gerade Goethe ' s Faust ein und komme aus dem Arrangement der Hexenküche . Frau Eulalia Schievelbein brummte auf ' s Neue über sothane Anspielungen , beeiferte sich aber , die comfortabelste Erweiterung ihrer Arrangements möglich zu machen und suchte darin wirklich zu hexen . Wir erfuhren , daß Sie wieder da sind , Wildungen , begann Werdeck . Und in Trauer ! Wir kommen , um Sie theilnehmend zu begrüßen ... Ihr Verlust