an ... Lucinde würde zur Verzweiflung gekommen sein , hätte ihr jenes Bild der Jugend nicht auch Treudchen Ley als freundlichere Erinnerung vorgeführt ... Durch diese beschloß sie sich zu helfen ... Sie schrieb an » Madame Piter Kattendyk « nach Paris , erzählte , daß sie in der größten Noth wäre , und bat um Hülfe ... Da kam ein unorthographischer , liebevoller Brief , der einen Wechsel auf hundert Dukaten einschloß ... » Das Glück liegt irgendwo , sagte sich Lucinde - wer es nur fände ! « ... In einem kurzen Sonnenschein des Glücks suchen wir die zuerst auf , denen wir gefallen möchten ... So eilte Lucinde zu Resi Kuchelmeister , deren gesunder Ton ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war ... Sie fand diese in ausdauernder schmerzlichster Trauer über das Schicksal der beiden alten Männer aus der Currentgasse ... Resi war an sich so loyal , daß sie jedes dem Kaiserhause und ihrem großen schönen Vaterlande bedrohliche Unternehmen für eine Ausgeburt absoluter Nichtswürdigkeit erklärte ; seitdem sich aber Dalschefski und Biancchi auf geheimen Umtrieben hatten betreten lassen , anerkannte sie wenigstens psychologische Möglichkeiten solcher Verirrungen - Frauen beurtheilen alles aus dem Herzen ... Biancchi war denn nur geizig gewesen zum besten der Conspirationen ! ... Ein weitverzweigtes Netz von London über Paris , nach Italien , Ungarn , Polen hatte sich auch um ihn geschlungen ! ... Und Dalschefski lächelte nur deshalb so ironisch , weil ein Greis mit Jugendmuth in den schmerzlichen Nachklängen des Finis Poloniae lebte ... Emissäre hatte » das arme Lamm « nach Krakau und Galizien befördert , Flüchtlinge , Mitverbundene - Spione ... Dem » elenden Pötzl « schrieb Resi , vielleicht mit Unrecht , das Unglück der beiden alten Männer zu , die mit ihren verwöhnten Bedürfnissen , mit ihren großen edlen Fähigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwischen den Wällen des Spielbergs leben mußten ... Resi ' s Unmuth war ebenso groß , wie ihre Erbitterung über die Gesinnungslosigkeit der Zickeles , wo Jenny plötzlich that , als erinnerte sie sich kaum des » Schöpfers ihrer Stimme « - sie hatte inzwischen einen neuen Maestro gefunden , der die Methode des vorigen verwarf , wunderbare Enthüllungen machte über den falschen Gang ihrer bisherigen Tonbildung und ihres Stimmansatzes - » eine dilettantische Sängerin ist zu allem fähig ! « sagte Resi ... Aber auch die Bühne gab sie inzwischen jetzt selbst auf ... Wer kann den unglücklichen Männern helfen ! ... dachte Resi ... Sie hatte so vielfache Beziehungen - die einflußreichste , Graf Hugo , war nicht anwesend ... Da fiel ihr ein : Die Herzogin von Amarillas hatte so treu ausgeharrt bei Angiolinens Seelenmetten ... Zu dieser ging sie in den Palatinus ... Olympia , die sie immer noch die Mörderin Angiolinens nannte , war glücklicherweise nicht anwesend ... Als die Herzogin die Bitte vernommen , die darauf hinausging , daß sie sich für einen Landsmann beim Cardinal , dieser aber beim Staatskanzler verwenden möchte , sagte sie voll Staunen : Luigi Biancchi ! ... Sie hörte allem , was Resi in leidlichem Italienisch von einem ihr so wohlbekannten Namen erzählte , mit größtem Interesse und versprach auch das Möglichste zu thun ... Die Herzogin konnte nichts thun ... Zu Olympien durfte kaum der Name Biancchi ausgesprochen werden , ebenso wenig wie zu Ceccone ... Resi vergab ihr den Nichterfolg um des Antheils willen , den die weiche Seele um Angiolinen zeigte ... Resi erzählte das Leben ihrer Freundin , soweit es ihr bekannt war ... Die Herzogin war über jede ihrer Mittheilungen zu Thränen gerührt ... Resi ' s leidliche Gewandtheit im Italienischen bestimmte die Herzogin , von einem Verlangen der Gräfin zu sprechen , eine Deutsche als Gesellschafterin zu engagiren und sie vielleicht mit nach Rom zu nehmen ... Olympia glühte noch ganz für Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr diese Stellung an ... Resi ergriff anfangs den Vorschlag und schien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte sich die Anhänglichkeit der Wienerin an ihre Vaterstadt verhindernd dazwischen und so brachte sie » eine Schülerin Biancchi ' s « , ein Fräulein Lucinde Schwarz für diese Stellung in Vorschlag ... Diese bewarb sich und reussirte ... Das System , sich anspruchslos , unbedeutend , vorzugsweise nur an den Uebungen der Religion betheiligt zu stellen , stand Lucinden bei allen Anfängen ihrer Unternehmungen bei ... So sehr es aufregt , stets in einer fremden Sprache reden zu müssen ; so mächtig Phantasie und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden , sie beherrschte sich ; sie suchte weder Mistrauen noch Eifersucht zu erregen ... Der Cardinal reiste erst später nach in Begleitung des jungen Fürsten Rucca ... Olympia , die Herzogin und Lucinde gingen voraus ... Lucinde erkannte bald die Natur der Gräfin , die man flüsternd die Tochter des Cardinals nannte ... Sie erstaunte über die Leidenschaft , die sie für Benno von Asselyn zur Schau trug ... Jetzt erst erfuhr sie den eigentlichen Zusammenhang , wie Bonaventura zu einem Bisthum in Italien hatte kommen können ... Benno wurde in Rom erwartet ; die Gräfin sprach von ihm , als sollte ihre Vermählung nicht mit Ercolano Rucca , sondern mit Benno stattfinden ... Nun - war er aber wieder entflohen ... Jetzt wurde sein Name mit Verwünschungen genannt ... Sie hütete sich wol , von ihrer Bekanntschaft mit Benno zu viel zu verrathen ... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk ; der alte Rucca ein Stück Kronsyndikus ; die Fürstin Mutter eine der vielen alternden Koketten , die sie in ihrem Leben schon kennen gelernt hatte ... Der allmächtige Cardinal hatte geistig alles von Nück ; nur in seinen Manieren war das Streben nach Glanz und Anmuth vorherrschend ... Sie hatte einigemal scharfe Urtheile gefällt , Ansichten über die Zeit , die Verhältnisse Deutschlands ausgesprochen ; bei einigen Festen ging sie in gewählter Toilette ; da merkte sie - Ceccone warf verstohlene , glühende Blicke auf sie ... Es ließ sich ganz so an , als wenn sie eines Tages seine Beute werden sollte - ... Sie dachte über die Bedingungen eines so außerordentlichen Sieges nach ... Hätte sie sich je dergleichen von Rom träumen lassen ! ... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem jeweiligen sonderbaren Lächeln bedenklich ... Den Lebensbeziehungen Bonaventura ' s war sie wieder in einem Grade nahe , der ihr die glänzendste Genugthuung werden mußte ... Sie sah , daß er sein Amt mit einem auffallenden Streit gegen den Erzbischof von Coni begonnen hatte ... Der Gegenstand desselben gehörte den Gerechtsamen der Inquisition an , die zwar nicht mehr mit Scheiterhaufen , aber immer noch mit Einkerkerungen strafen kann ... Die Dominicaner sind die Wächter des Glaubens ; sie halten auf ihre Vorrechte um so eifriger , als die Jesuiten sie im übrigen überflügelt haben ... Der gestürzte , von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindesten in dem Grade unterlegen , wie Ceccone gewünscht hatte ... Gegen einen unruhigen Bischof seiner Diöcese konnte ihn Rom vollends nicht fallen lassen ... Noch mehr ; Fefelotti kam in die unmittelbarste Nähe des Vaticans zurück . Er wurde der erste geistliche Minister Sr. Heiligkeit , während Ceccone der weltliche war ... Jetzt wurde Bonaventura ' s Lage vollends schwierig - ... Noch ein anderer Schlag gegen ihn war in Vorbereitung , die Verurtheilung der dem apostolischen Stuhl aus Witoborn vorgelegten Frage über den Magnetismus - » ob sich ein Priester nicht durch magnetisches Handauflegen verunreinige « 1 ? ... Mitten im Gewirr dieser sich durchkreuzenden Gerüchte und leider nur halbverbürgten Nachrichten , hörte Lucinde , daß Paula ' s Bund mit dem Grafen Hugo wirklich im Frühjahr war geschlossen worden ... Resi Kuchelmeister schrieb ihr authentisch diese Nachricht ... Resi schilderte , was sie gehört von der in der Libori-Kapelle bei Westerhof stattgefundenen Trauung ... Sie schilderte Paula ' s erstes Auftreten - in Wien - wie die geisterbleiche , mehr dem Himmel , als der Erde angehörende Gräfin ein Aufsehen sondergleichen mache , wie sie alle Schichten der Gesellschaft in Bewegung setze ... Lucinde befand sich im Glück ; das machte ihr Urtheil milder ... Bonaventura hatte Paula aufgeben müssen ; das ließ eine Weile ihre Eifersucht schweigen ... Auf der Höhe des Verständnisses dieser unglücklichen Liebe stand sie ohnehin und wohl empfand sie , was in Paula ' s Seele vorgehen mußte ... Graf Hugo hatte ihr einmal eine schreckhafte Stunde des Lebens bereitet , er hatte zornig und drohend mit ihr gesprochen und so schrieb sie denn an Resi : » Das ist unser Frauenloos ! Die Lilie vom See in einen Stall verpflanzt ! Veilchenkränze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm durchzogenes Zimmer ! Hände , weich und weiß wie Schwanenflaum , blätternd jetzt in einem abgegriffenen Lebensbuch ! Aber gewiß ! Der Graf wird sie schonen ! All die Künste der Egards , mit denen die Männer sich zu verstellen wissen , wird er entfalten ... Er wird sich auf den Ton der Tugend und Achtung vor dem Schönen stimmen ! Wie wird er um sie her einen Tempel aus bunten Lügen-Wolken bauen , einen Tempel mit schönen Säulen und Vorhängen , die undurchsichtig sind , um - den Stall , die Cigarre , den Wein , die Untreue zu verbergen ! ... Aber manchmal verwickelt sich denn doch der Sporn des plumpen Fußes in die zarten Teppiche , die auf dem Boden gebreitet sind ; manchmal reißt er die Herrlichkeit der Lüge zusammen . Da stürzen die alabasternen Vasen , zerbrechen die kleinen Hausgötter des Friedens , der erlogene Seladon wird zum schnurrbärtigen Barbaren , wie ich sie alle gefunden habe , diese Erlauchts , diese Excellenzen , diese Durchlauchts ... Dann kommen Dinge zu Tage , die für uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt des Mondes sind ! Seit dem Anfang der Welt belügen so die Männer die Frauen , misbrauchen mit ungroßmüthiger Kraft unsere urewige Schwäche , die immer wieder die Füße küßt , die uns getreten ... Vielleicht führt der Graf seine Rolle wenigstens durch bis zum stillen Verlöschen des Lichts , das ihm der Himmel zu hüten beschieden hat . Vielleicht besitzt er , da sie ihn gutmüthig nennen , wenigstens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende ... Ich kann mir den Glauben der Aerzte nicht geben , die diese Paula wie eine welk gewordene Blume an solchen Küssen und Umarmungen aufleben sehen und eine gesunde Mutter mit sechs pausbackigen Jungen in Perspective dieser Ehe erblicken . Zieht der Graf nach Schloß Salem , so fällt aus der dortigen Luft allein schon ein Mehlthau auf die zarte Pflanze ; selbst wenn sie nie erfährt , wer die andre arme Seele war , die einst dort in den kleinen Entresols des Casinos gehaust hat « ... Resi Kuchelmeister nahm diesen Brief sehr übel und antwortete nicht mehr ... Es war eben in der Welt nur Ein Mann , der Lucinden liebenswerth erschien ... Hochthronender denn je unter allem Elend und aller Schwäche dieser Erde lebte er in seinem einsamen Alpenthale ... Wie gern hätte sie ihn in seinem jetzigen Glanz erblickt ! In seiner langen weißen Dalmatica , mit seinem silbernen Bischofsstab , unter seiner spitzen Bischofskrone , die ein Haar bedeckte , das schon , wie sie bei ihrer Beichte zu Maria-Schnee gesehen , zu ergrauen anfing ! ... Wie gegenwärtig war ihr alles , was Bonaventura über diesen Bund Paula ' s empfinden mußte ... Sie ängstigte sich um die Gefahren , die ihn bedrohten ... Hätte sie nur mehr davon erfahren ... Sollte sie sich an den Cardinal wenden ? ... Ceccone hatte den Kopf mit dem » Jungen Italien « und den Vorwürfen des Staatskanzlers voll und Olympia sprach nur selten noch anders , als mit Hohn über den von ihr zum » Heiligsten der Christen « und zum Bischof ernannten Deutschen ... Die Herzogin schien ihr eher eine Bundsgenossin ; doch mußte sie mit dieser - » erst einen Vertrag abschließen « ... Eines Tages hatte sich Lucinde , als Olympia nicht anwesend war , nach einem kleinen Diner bei der Herzogin , dem der Cardinal , einige Prälaten und Offiziere beiwohnten , den Scherz erlaubt , den großen rothen Cardinalshut des erstern aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gespräch war so lebhaft , das Lachen so natürlich gewesen , daß Lucinde sich diesen kleinen Rückfall in ihre alten » Hessenmädchen « -Naivetäten glaubte beikommen lassen zu dürfen ... Una porporata ! rief Ceccone mit glühenden Augen und beifallklatschend ... Der große rothe Sammthut mit den hängenden Troddeln von gleicher Farbe stand dem schwarzen Kopfe in der That allerliebst ... » Die Päpstin Johanna ! « sagte ein Offizier , der Lucinden zu Tisch geführt hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von Reisen zurück ... Der Cardinal drohte ihm für sein Wort schelmisch mit dem Finger , sagte , wie zur Strafe : » Nein ! Die Gräfin Sarzana ! « ... Damit setzte er Lucinden den schönen Helm des Offiziers auf ... Eine Purpurglut überfloß sie ... Ihre verunglückte Johanna d ' Arc auf der Bühne stand wieder vor ihr ... Sie hatte keine Kraft , ein Wort zu sprechen , keine Kraft , den Helm wieder abzunehmen , bis es Herzog Pumpeo that ... Der Cardinal hatte den seinigen ergriffen ... Seit dieser Zeit wurde sie mit » Gräfin Sarzana « geneckt und von niemand mehr als von Ceccone ... Der Graf , der sie nach dieser Scene anfangs auffallend gemieden hatte , fing plötzlich sogar selbst an , den Scherz wahrmachen zu wollen ... Er zeichnete sie aus ... Lucinde wußte , daß Don Agostino ein Graf » ohne Baldachin « war , d.h. ohne Stellung zum hohen römischen Adel . Ein Marchese ist mehr als ein römischer Graf . Sie wußte , daß Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des alten Husarenrittmeisters von Enckefuß lebte . Galanterie und die Kunst , mit 1500 Scudi für sich und ihre Diener auszukommen , erfüllte das Leben dieser » armen Ritter « - unter denen sich Frangipanis und Colonnas befinden ... Wie sich aber die Neckereien mit der » Gräfin Sarzana « mehrten , trat ihr die Vergleichung des alten Enckefuß mit diesen römischen Rittern noch in einer andern Beziehung entgegen ... Der alte Husarenrittmeister hatte Ehrgeiz , Ritterlichkeit , Treue , Aufopferung für gute Freunde , Tugenden , die die Fehler seines Leichtsinns vergessen ließen ... Seltsam aber , sagte sie sich , diese romanische Art besitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die Welt ! ... Die anständigsten Menschen hatte Lucinde hier gewinnsüchtig und schmutzig geizig gefunden ; ein gewisser Adel der Auffassungen , der ihr selbst noch in der äußersten Entartung des heimischen Junkerthums , im Kronsyndikus , bei ernsten Krisen erinnerlich war , fehlte hier ... Sie sah anständig gekleidete Männer Abends in die Kaffeehäuser zu den Gästen treten , die Achsel zucken und den Hut hinhalten - um einen Bajocco zu erhalten ... Selbst die Herzogin von Amarillas fand in solchen Vorkommnissen nichts als die allgemeine Consequenz des südlichen Lebens ... Mit dem äußern Schein der Demuth verband sich , wo Lucinde hinblickte , eine Gewöhnlichkeit der Anschauungen , die selbst ihre leichte Art zu denken und zu urtheilen noch überschritt ... Im Theater , das sie wegen Olympiens Koketterie besuchen mußte , sah sie zwanzig Tage hintereinander dieselbe Oper oder Farce ... An manchen Stellen , wo Rührung hervorgebracht werden sollte , zitterten wol die Stimmen der Sänger , der Schauspieler ; die Taschentücher wurden gezogen ; aber meist waren es Ausbrüche von Klagen , die ihr weit eher lächerlich vorkamen ... Anderes wieder , das selbst für sie roh und herzlos erschien , ging bejubelt oder als » großartig « vorüber ... Maßstab aller Beurtheilungen war die Klugheit oder Dummheit , die man bewiesen . Eine geschickt ausgeführte List erntete Bewunderung ... Und nicht anders im täglichen Leben . Der alte Rucca war , wie alle sagten , ein Gauner . Er stand im besten Einvernehmen mit den Cardinälen ... Sein Sohn hatte die Eitelkeit eines Affen . Seine Kameraden waren ebenso . Anmaßung , Unwissenheit überall ... Einige der römischen Junker trieben Politik und hielten sich zur » nationalen « Partei . Ihre Unzufriedenheit bestand darin - daß im Sanct-Peter bei großen Festlichkeiten » die Gesandten und die Fremden die Plätze erhielten , die ihnen gebührten « ! ... Oder sie fanden , daß der Kirchenstaat zu sehr von Paris , Neapel und Wien beherrscht wurde ; sie wollten die Herrschaft der alten Geschlechter wiederherstellen . Selten , daß sich einmal bei der Herzogin eine unterrichtete Persönlichkeit einfand . Die » Prälaten « besaßen Kenntnisse , mehr noch , angeborenen Geist ; aber eine Einbildung verband sich damit , die jedes Maß überschritt . Nach ihnen war jede Wissenschaft zuerst in Italien entdeckt worden ... Wenn Cardinal Ceccone » auf sein Alter Neuerungen liebte « , so bestanden diese nur in dem eifrigsten Verlangen , den Einfluß der fremden Cabinette zu beseitigen ... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler auch ihm von dem » Salz « gesprochen , das auf das dem Erdboden gleichzumachende Mailand gesäet werden müßte ... Doch ging alles so keck , so sicher , so maßgebend her ! ... Diese elende Verwaltung ! ... Die Zölle befanden sich in den Händen von Pächtern , die so rücksichtslos verfuhren , daß Zahlungsunfähige wider Willen zu Flüchtlingen , Räubern und Mördern wurden ... Auf Anlaß des gestern von Hubertus niedergeschossenen Pasqualetto wußte Lucinde zwei Thatsachen . Einmal daß sämmtliche fremde Weine , die Ceccone trank und seinen Gästen vorsetzte , unversteuerte waren . Zweitens daß Graf Sarzana gesagt hatte : Diese Kugel hat den Pasqualetto für seinen letzten Räuberspaß zu früh gestraft ! Er wollte ja von morgen an ehrlich werden ! Er war nur hier , um nach Porto d ' Ascoli mit einer Pension zurückzukehren ! ... Die scharfen und freisinnigen Urtheile des Grafen kamen nur in vereinzelten Augenblicken ... Sie schienen einer Stimmung des Hasses gegen den Cardinal zu entsprechen , des persönlichen Hasses ; denn die sämmtlichen Sarzanas waren Creaturen des Cardinals und ihm auf Tod und Leben verpflichtet ... Don Agostino hatte Verwandte , die nicht gerade des Abends in den Kaffeehäusern achselnzuckend bettelten , aber für jede Gefälligkeit eine Bezahlung verlangten ... Die Schwester des Grafen war eine Geliebte Ceccone ' s gewesen - alt geworden hütete sie seine Landökonomieen ... Ein Bruder von ihm verwaltete des Cardinals Oelmühlen - ... Als er sich zu viel Privatvortheil aus ihnen gepreßt hatte , ließ ihm der Cardinal die Wahl zwischen dem Tribunal del Governo oder der Heirath einer seiner vielen Nichten , die er nicht alle so auszeichnen und unterbringen konnte wie Olympia ... Ceccone trieb , das entdeckte ganz aus sich selbst Lucinde , die Ostentation mit dieser Nichte nur deshalb , weil so der Schein gewonnen wurde , als hätte er überhaupt nur Eine dergleichen zu versorgen ! ... Der Cardinal lachte überlaut , als ihm Lucinde zwei Tage nach dem aufgesetzten Purpurhut diese Andeutung mit einem verschämten Blinzeln durch die Finger ihrer vors Gesicht gehaltenen linken Hand gab ... Ein dritter Verwandter des Grafen war durch Verheirathung mit einer andern Geliebten des Cardinals Aufseher aller Häfen geworden ... Und Don Agostino ? ... Pah , dachte Lucinde , sieht Ceccone ein , daß du nicht , wie hier Sitte ist , durch eine Verheirathung mit seinem Majorduomo oder seinem Koch zu erobern bist ? ... Sollst du deßhalb , deßhalb die Gräfin Sarzana werden - ? ... In diesen Grübeleien lebte sie jetzt ... Es gab Entschlüsse zu fassen fürs Leben ... Es standen Erwägungen bevor , die die außerordentlichste Anstrengung des Verstandes , der List , der Berechnung , vielleicht - des Herzens kosteten ... Sie hatte noch keinen klaren Entschluß gefaßt - ... Aber das stand fest : Benno von Asselyn urtheilt gering über dich und seine Mutter infolge dessen lächelt und zuckt dir die Achseln ! ... Das soll nicht mehr sein ! Dies Lächeln der Herzogin von Amarillas soll ihr ein für allemal verdorben werden ! ... Lucinde wollte auf Villa Rucca den beiden ihr so nahe stehenden Mönchen die Theilnahme alter Freundschaft und Dankbarkeit nicht versagen , sich aber im übrigen durch sie vergewissern , ob die Herzogin jene Betrogene von Altenkirchen , jene Römerin war , von der auf Schloß Neuhof soviel Sagen gingen , die Hubertus doch wol wissen mußte ... Einen fatalen Eindruck machte es ihr jetzt beim Anfahren , daß sie die Villa Rucca keinesweges in der Stille antraf , die sie zur Ausführung ihrer entschlossenen Absichten bedurft hätte ... Nicht nur wurden eben von einer Menge Arbeiter die Spuren des gestrigen Festes , entfernt , sondern auch eine Gerichtscommission war zugegen , die die gestrigen Vorfälle aufnahm und der nun gerade ihr Erscheinen zu statten kam , um von ihr noch einige an sie gerichtete Fragen beantworten zu lassen ... Der Cardinal sogar und der alte Fürst Rucca waren zugegen ... Sie hörte schon , daß beide am Ort des gestrigen Ueberfalls mit den Mönchen Hubertus und Vincente im Gespräch verweilten ... Ueber Sebastus erfuhr sie , daß es mit seiner Wunde nicht gut stand und die Benfratellen jeden Augenblick erwartet wurden , ihn abzuholen ... Auch dem Cardinal und dem Fürsten war sie im höchsten Grade und als Dolmetscherin willkommen ... Beide suchten mit dem drolligen Laienbruder , dessen Aeußeres vom Dienertroß belacht wurde , eine Verständigung , die Pater Vincente nur mühsam vermittelte ... Lucinde wurde sofort gerufen , in den Garten zu kommen ... An der Stelle des gestrigen Erlebnisses harrten ihrer die drei geistlichen Herren und der alte Rucca im lebhaftesten Gespräch ... Hubertus grüßte sie mit aufrichtigster Freude und drückte nur mit Trauer Befürchtungen wegen seines Freundes Sebastus aus ... Seine Augen sagten : Sei dankbar ! Es geschah alles um dich ! Bleibe uns ein guter Engel ! Entsende den Brief - wenn er noch nöthig ist - Deinen Verbindungen gegenüber ! Du weißt , was wir beide seit Witoborn gemeinschaftlich zu tragen haben ! ... Lucinde beglückte und beruhigte ihn durch einen ihrer gütigsten Blicke ... Pater Vincente und der Cardinal erhielten von ihr die Ehren , die der kirchlichen Stellung derselben gebührten ... Pater Vincente - » der Rival Ihres Bonaventura um die nächste vacante Heiligenkrone « - ! wie neulich Olympia zur Herzogin gespöttelt hatte - Ceccone das Bild des Versuchers , der mit einiger Reserve über alle Schätze der Erde gebietet ... Lächelnd stand er und schien Lucinden mit geheimnißvollen Zeichen begrüßen zu wollen ... Aber sie blieb voll Demuth ... Der alte Fürst war wie ein luftschnappender Hecht , der sich nicht in seinem Elemente befindet ... Vor dem heiligen Pater Vincente mußte er Ehrfurcht bezeugen und ärgerte sich doch , daß dieser nicht geläufiger deutsch verstand ... Mit gemachtem süßsauern Lächeln verwies er Lucinden auf den von Pater Vincente vorgetragenen Stand einer Verhandlung , der zufolge sie erfuhr , daß der Räuberhauptmann Pasquale Grizzifalcone in der That nach Rom gekommen war auf Veranlassung - zunächst des Fürsten Rucca ... Sie traute ihrem Ohre nicht ... Der Fürst versicherte jedoch ungeduldig : Ebbêne ! und wendete sich zu Vincente mit einem drängenden Parla dunque ! nach dem andern ... Lucinde hörte , daß der berüchtigte Verbrecher , der schon vielfach sein Leben verwirkt hatte , hier auf dieser Villa erwartet worden war zu einem friedlichen Gespräch , das der Fürst mit ihm unter vier Augen hatte halten wollen ... Pasqualetto , wie er im Munde des Volkes hieß , hatte die Bürgschaft der Sicherheit verlangt ... Diese hatte er erhalten auf das dem Fürsten gegebene Ehrenwort - des Cardinals ... Dieser nickte ein Ja ! und setzte sich jetzt ... Zur Summe , die der Räuber als Bedingung seines Erscheinens verlangte , hatte dieser » dumme Kerl « , wie der Fürst sagte , noch eine » buona manchia « extra verdienen wollen ; eine Summe von einer der » Prinzessinnen « , die sich vielleicht im Garten zu sicher dünkten ... Vielleicht auch - eine Geisel für seine Sicherheit zu denen , die er schon in den Schluchten der Mark Ancona besaß ... Dies setzte der Fürst mit einem seltsamen Streiflicht auf das » Ehrenwort « des Cardinals hinzu ... Sie hätten nun gestern beinahe noch zwei solcher Geiseln gefunden , aber Pasqualetto hätte leider dran glauben müssen ... Leider ! betonte der alte Fürst in allem Ernst und corrigirte sich nur pro forma : Der Bluthund ! ... Dabei sah er über die Mauer , wo noch die Spuren der gestrigen Verwüstung nicht getilgt waren ... Der Nimmersatt ! ergänzte Ceccone ironisch und ließ zweifelhaft , wen er meinte ... Lucinde orientirte sich allmählich ... Der Fürst erging sich in der heftigsten Anklage eines Menschen , der hier den Staatsbehörden völlig in der Eigenschaft einer gleichberechtigten Macht gegenüberstand ... Dabei richtete er seine Vorwürfe geradezu wie die öffentliche Meinung gegen Hubertus ... Dieser Arme verstand sie nicht und suchte nur mit seinen glühenden Augen , die im Knochenschädel hin-und herfunkelten , zu deuten , was seine Ohren nicht begreifen konnten ... So viel merkte er allmählich , daß er den hohen Herren wol gar keinen Gefallen mit seiner raschen Anwendung des Pistols gethan hatte ... Der Cardinal wiegte sich im Sessel , brach über sich Lorberblätter , die er in seiner flachen Hand zerklopfte , und beobachtete nur scharf fixirend Lucinden ... Daß diese die Mönche Hubertus und Sebastus kannte , schien ihm darum von Interesse , weil sich die kleinen pikanten Episoden der gewöhnlichen Devotion und amazonenhaften Kälte dieses fremden Mädchens immer zahlreicher einzufinden begannen ... Durch diesen Tod , krächzte der alte Fürst offen zu Hubertus heraus , haben Sie die heilige Kirche um eine große Gelegenheit gebracht , Gerechtigkeit zu üben ! ... Sie hätten sich getrost von hier sollen entführen lassen , schöne Signora ! scherzte er , sich mäßigend ... Ich würde mit Vergnügen das Lösegeld gezahlt haben - Der Cardinal da hätte den Rest hinzugefügt - setzte er mit sardonischem Lächeln und seine Aufregung zügelnd hinzu ... Senza il supplimento ! ... Ohne das Agio ! erwiderte der Cardinal ebenso trocken ironisch ... Er streckte seine rothen Strümpfe vor sich auf die unteren Sprossen eines Sessels aus ... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend bestätigte er alles Erzählte , nur mit einer gewissen ironischen Bitterkeit ... Sie können alles wieder gut machen , fuhr der alte Fürst zu Hubertus fort , wenn Sie sich die Gnade des Pater Campistrano erwerben und wirklich diese Reise nach Porto d ' Ascoli unternehmen wollen ... Nach Porto d ' Ascoli ? fragte jetzt Lucinde staunend über die Anrede , die sie übersetzt hatte ... Beim Namen des Pater Campistrano blickte Pater Vincente besonders ehrfurchtsvoll - ... Hubertus stand unbeweglich , dem alten knorrigen Myrtenstamm nicht unähnlich , an den er sich lehnte ... Er hatte schon vorhin von einer Reise nach der Küste gesprochen - das war richtig - er verstand nur noch zu dunkel den Zweck und sah auf Lucinden als Hülfe ... Diese wollte sich erst vollständiger zurecht finden , wollte auch die Interessen des Cardinals erst sondiren , ehe sie vermittelnd eingriff ... Wie den Cardinal diese Klugheit entzückte , die er vollkommen übersah ! ... Ceccone schien gleichgültig , spielte mit seinem Augenglase , fixirte bald Lucindens Toilette , bald das Curiosum der Gesichtszüge und Gestalt des deutsch-holländischen Laienbruders , das er belachte ... Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger , von einem Deutschen gesprochen , die ihrerseits Lucinde nicht verstand ... Erst allmählich lüftete sich ihr folgender , größtentheils von Pater Vincente vermittelter Zusammenhang ... Der Räuber Pasqualetto war , wie im Musterstaat der Christenheit , im Eldorado der katholischen Sehnsucht , üblich , unter dem Versprechen der Sicherheit nach Rom entboten worden , um für eine bedeutende Summe dem Fürsten Rucca Mittheilungen über die Lage seiner Interessen an der adriatischen Küste zu machen ... Der Gewinn , den der gefürchtete Räuber von seinen Unternehmungen zog , mußte sonst mit seinen Gefährten getheilt werden ; diesmal wollte er die Frucht langer Verhandlungen , eine lebenslängliche Pension ganz für sich allein , wollte seine Wohnung inskünftige in der frommen Stadt Ascoli nehmen und sein bisheriges Leben der Nachsicht der Behörden empfehlen ... ... Solche letzte Friedensschlüsse der Regierungen mit den Fra Diavolos der Landstraßen sind in Italien nichts Seltenes und für Jedermann daselbst das Erwünschtere , weil Sicherste ... Wenn auch zugestanden werden muß , daß sich Ceccone und das Tribunal gegen diese Uebereinkunft sträubten , so wußte doch Fürst Rucca seinen Wünschen Nachdruck zu geben und nicht blos im Scherz sagte er zu den höchsten Richtern : Fürchtet ihr , daß eure Namen auch auf der Liste derer stehen werden , die mir die Füllung des Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmöglich machen ? ... Besonders sah wol gar Ceccone den Enthüllungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung entgegen ... Der Fürst hatte heute ganz den übeln Humor , der jeden Gastgeber am Morgen nach einem Feste , wenn es auch noch so schön ausfiel , zu erfüllen pflegt ... Er äußerte ihn in aller Offenheit mit den Worten : Ich glaube , diesen Mord des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewissen , der sich fürchtete , auf zehn Jahre zurück seinen Champagner versteuern zu müssen ! ... Der Cardinal zog verächtlich die Lippen ... Lucinde sah , daß , wenn der Cardinal hier etwas fürchtete , mehr im Spiele sein mußte als sein unversteuerter Champagner ... Doch auch schon diese Beschuldigung durfte den Cardinal mit Recht reizen ... Er verwünschte alle die , die der Kirche und ihren Cardinälen Uebles nachsagten ... Hubertus