, sprang er auf , war mit zwei Schritten in dem türkischen Zelte , faßte Hackerten am Arm und riß ihn gewaltsam zurück . Gemach , Herr Justizrath ! rief Hackert . Was unterstehen Sie sich ? Was soll Das hier ? Hackert ! Welche Dreistigkeit ! Nun , nun - ereifern Sie sich nicht , Herr Justizrath ... stör ' ich Sie in Ihren Betrachtungen ? Was soll Das ? Wie kommen Sie hieher , Hackert ? Entfernen Sie sich ! Augenblicklich ! Hackert lachte höhnisch und sagte dem Justizrath , daß ihn hieher eine Einladung beschieden hätte und er nachgrade gestehen müsse , daß ihm die Zeit lang würde . Da er sich bei dieser Erläuterung zurückzog und Miene machte , wieder in sein Zimmer zurückzutreten , polterte der Justizrath , der gegen keinen Menschen in der Welt persönlichen Muth hatte , nur gegen Hackert , jetzt aber schon etwas besänftigt war : Eine Einladung ? Von wem ? Von Madame Ludmer ! So ! so ! Hackert , hier vorn ist Gesellschaft . Warten Sie da , wo man Ihnen Platz angewiesen hat . Danke für die Auskunft , Herr Justizrath ! Guten Abend , Herr Justizrath ! Damit wollte der Schreiber höhnisch und die weißen Zähne weisend langsam sich zurückziehen . Still und voll genoß er die Wonne , sich hier gezeigt zu haben . Er zog die Thür nach sich , ohne sie zu schließen . Da sie aufblieb und sich der Justizrath wieder rückwärts an die Wand auf sein Sopha gesetzt hatte , wie Jemand , dem Gesellschaft zum Ekel ist und der nur auf eine Veranlassung wartet , nach irgend einem vollzogenen Geschäfte sich zu entfernen , trat eine unheimliche Pause ein . Hackert regte sich nicht . Schlurck stützte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen seine Brillengläser . Das kleine Zimmer war nicht sehr erwärmt . Schlurck mußte niesen . Helf Gott ! rief Hackert nebenan von dem Ofen aus , wo er sich wärmte . Schlurck blieb das Danke ! schuldig , stand aber nach einer Weile auf und kam in Hackert ' s Wartezimmer . Wie geht es Ihnen denn , Hackert ? begann er jetzt mit einer Güte , die ihm eigentlich angeboren war , die er aber meist hinter äußrer Kälte und negativen philosophischen Maximen versteckte . Danke , Herr Justizrath . Sie sehen , ich stehe auf Wartegeld . Sie sind ja bei der Polizei eingetreten , fuhr Schlurck in künstlich barschem Tone fort . Steht Das im Amtsblatt ? fragte Hackert . Ich hab ' es von Pax . Der Oberkommissär ist unser bester Polizist . Es macht ihm Ehre , daß er sich fähige Menschen aussucht und jungen anschlägigen Köpfen den Vorzug gibt . Danke ! sagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice . Sie hören nicht gern , Hackert , daß Sie bei der Polizei sind . Es geht Jedem so . Anfangs hat man Gewissensskrupel . Später treten die Erfolge ein , die sich belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen thut das Übrige . Man gewinnt in solchen Fällen selbst sein Elend lieb . Gelecktes Blut macht wilder ... Pax benutzt Sie zu geheimen Aufträgen . Auf solchem Wege kann man jetzt Carriere machen , aber stellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Coups , die Sie ausführen , nie nachher ! Hören Sie ! Auch muß man Grundsätze haben - Den Grundsatz , keine zu haben . Das ist Dasselbe , Hackert ! Ich prophezeie Ihnen eine glänzende Laufbahn , wenn Sie sich an Pax anschmiegen , nie mehr anerkannt wissen wollen , als was Sie zu seiner Zufriedenheit ausführen und überhaupt sich mit Verstand unterordnen . Bei diesen Menschen , die selbst wieder einem Höheren dienen , muß man nur nicht verrathen , daß man sie in Händen hat oder daß sie mit Dingen prahlen , die eigentlich den Subalternen gelungen sind . Sie haben sich lange von Bartusch kein Geld geholt . Bekommen Sie einen bestimmten Gehalt , Hackert ? Hackert nickte . Kann man fragen , wieviel ? Zweihundert Thaler fix und für ' s Übrige Gratificationen . Prisengelder so zu sagen ! fiel Schlurck lachend ein und fuhr dann mit der Behaglichkeit , die er immer fühlte , wenn er sah , daß es jedem Menschen in der Welt leidlich gut und flott ging , fort : Hackert , da gratulir ' ich ! Ihre Anschlägigkeit wird Ihnen den Weg bahnen . Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt bekamen , als ein paar Windeln in dem Korb , mit dem Sie vor ' s Waisenhaus gestellt wurden , Witz und Raffinement hat Ihnen die gütigere Mutter Natur geschenkt . Wenigstens hab ' ich ihr auch schon manches Lehrgeld dafür zahlen müssen ! antwortete Hackert bitter . Sind Sie immer wohl ? Gesund , Hackert ? Hackert schlug bei dieser Ablenkung die Augen nieder . Kein Rückfall mehr in das alte Übel ? Hackert schwieg . Jedem Andern würde er mit einer Insolenz geantwortet haben . Schlurck ' s im Grunde weichliches Gemüth aber kannte er und fühlte die Theilnahme aus der barschen und äußerlich feindseligen strengen Art , mit der der Justizrath ihn examinirte , hinlänglich heraus . So antwortete er ihm denn auch nach einigem Besinnen : Manchmal find ' ich meinen Stubenschlüssel anderwärts , als wo ich ihn des Abends hingelegt habe . Das ist Alles , was ich von dem Zustand jetzt grade weiß . Sie wohnen bei einem Barbier , Namens Zipfel ? Sollt ' ich einmal Unglück haben , so ist Verband in der Nähe ... Schlurck fing von seinen Unterstützungen , von Hakkert ' s Stolz , von Bartusch an ... Gestern besuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spieß im Rathhause . Er geht recht klapperbeinig . Was ist ihm nur ? Schlurck meinte geheimnißvoll lächelnd , das käme davon , daß er Geister gesehen hätte ... Hat Bartusch Geister gesehen ? fragte Hackert . Ich erlebe , daß er noch fromm wird ! fuhr Schlurck kopfschüttelnd und frivol fort . Zur Spieß geht er vielleicht , um zu beten ... Hackert lachte und stellte die Vermuthung auf , daß Bartusch sich manchmal der Gefahr aussetze , von Treppen zu fallen , mit Wassergeschirren begossen zu werden und ähnliches Unglück zu erleben . Auch Schlurck lachte nun herzlicher . Beide aneinandergewöhnte Menschen fanden sich durch Frivolität wieder . Sinnenmenschen geht ' s nicht anders . Sie finden sich nicht , wenn sie die Feierkleider der Seele anziehen , immer aber , wenn sie sich im Negligée belauschen . Hackert , sagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen ; ich habe Sie manchmal recht nöthig - Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr , Herr Justizrath ? Sie wissen doch - Ich weiß , daß ich dich immer gern gehabt habe , Junge , und ein solches Ende unsrer Freundschaft nicht voraussah . Seit du aus dem Hause bist - Herr Justizrath , Sie sehen recht traurig aus ... In der That zitterte Schlurck ' s Stimme und seine Brillengläser liefen vom umflorten Auge an . Er mußte die Gläser abnehmen . Hackert ' chen , ich bin der Alte nicht mehr , sagte er , die Gläser mit seinem ostindischen Taschentuche putzend , ich habe zuviel auf Einmal erfahren müssen . Es ist doch wohl , daß ich mich in diese Zeit nicht recht schicken kann ... Alle Geschäfte gehen schlecht ... Das wollte weniger sagen , Kind , obgleich auch - der Trieb , Neues zu beginnen , gehört nur der Jugend . Unser Fleiß im Alter ist an die einmal gezogenen Gleise gebunden . Ach , und die Welt ist so verkehrt , die Menschen rennen so toll an Einem vorüber , es ist kein Frieden , keine Gemüthlichkeit mehr in den Auffassungen ! Drommeldey ist der einzige Philosoph , der noch übrig geblieben ist von der alten Zeit und auch Der fängt an , von Systemen und einem fertigen Glauben zu reden ... Sie wollten ja immer nach Kissingen , Herr Justizrath - Unterleib meinst du ? Hypochondrie ? Kissingen-ja , ja ! Bist doch ein guter Junge ! Die Verdauung ... Nicht die Verdauung ! Ich bin nicht krank , ich verdaue ! Nur and ' re Freude hab ' ich nicht mehr viel . Die Menschen sind so verteufelt ernst geworden , so albernklug , so dummgescheut , so vielseitigeinseitig und die Frauen , wo ist noch eine Frau , die lachen , scherzen kann , die Humor hat , die über dumme Dinge wegsieht und alle klugen versteht ? Melanie ! Meinst du ? Ich glaube fast , meine Melanie ist die letzte , die das Leben zu verschönern weiß . Ach Hackert , wenn wir früher zusammensaßen , die Rittergutsbesitzer kamen , brachten Capitalien , die Bauern hatten Prozesse , da gab ' s Mündel mit großen vormundschaftlichen Depositen , es war eine andre Zeit . Man arbeitete mit Lust , man spritzte die Feder aus und ging dann zu einem Freunde , um zu diniren , Anekdoten zu hören , etwas Musik , etwas Frauenanmuth zu genießen . Man lachte , man sprach von einem alten boshaften Schriftsteller . Man küßte den Damen die Hände , flüsterte ihnen eine Huldigung in ' s Ohr , hörte dafür wieder die Beichte der schönen Sünderinnen ... freilich , Hackert , man war jünger ... Ich denke aber , Herr Justizrath , Sie wollten nie alt werden ? Wollt ' ich Das ? Das war Prahlerei , den Ärzten gegenüber . Drommeldey vergriff sich manchmal in seiner Apotheke . Er kam eben von einer hysterischen Dame und hatte mit der über den Nervenäther gesprochen , und zerstreut wie er ist , kam er dann bei mir auch mit dem Nervenäther . Da hab ' ich so manchmal eine kräft ' ge Renommage dazwischen geworfen und von noch feineren Dingen als den Nerven geprahlt , vom freien menschlichen Willen , stolz sich hebend in der Atmosphäre von Sauerkraut und Pökelfleisch ... Es werden wieder beßre Zeiten kommen , die Sie aufheitern , Herr Justizrath - Meinst du , Junge ? Leichte , fröhliche Menschen , gesunde Zeiten ? Glaub ' s nicht , Kind - du denkst , Pax und seine Genossen könnten die Unruhe ausfegen wie alten Sauerteig ? Unserm Jahrhundert ist gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr noch so viel Demokraten einsteckt ! Die Freude , die Lust ist gewichen , die Poesie des Lebens ist hin ! Eine schöne Phrase ! Himmel , was hab ' ich früher an einer schönen Phrase geschlürft ! Wie Melonensaft floß mir Das um den Mund , wenn ich so ein Kapitel von Rochefoucauld oder Chesterfield las ... Du kennst die kleinen Bücher , die ich zuweilen zwischen der Mehlspeise und dem Fisch von dir aus meiner Bibliothek holen ließ , um meinen Gästen einen Satz aus der ... Philosophie der Bagatelle , wie Sie ' s nannten - Philosophie der Bagatelle ! Nannt ' ich ' s so ? Sieh , ich bin selbst Schuld daran , daß du uns Allen über den Kopf gewachsen bist . Wenn ich ernst sein wollte und fragte mich : Wer hat die Verantwortung für Alles , was den Frieden unsres Hauses , unsre Freundschaft störte - Lassen Sie Das doch , Herr Justizrath ! Wie liebt ' ich dich , Fritz ! Wie schmiegsam , gewandt warst du ! Welche Handschrift ! Welche Auffassung , wenn ich dir einen Brief zu schreiben überließ ! Ich nahm alle Menschen für schlecht . Da hatt ' ich ' s kurz . Ja , ich , ich lehrte dich auch diesen Cynismus . Bist ein Cyniker , Junge ! Eine respektable Philosophie des Alterthums ! Suchst nichts im Äußeren ! Du hattest , was Du begehrtest . Wie fröhlich ging es bei uns her ! Wir haben noch Champagner , Fritz . Er schmeckt uns aber nicht mehr . Bartusch grämelt , meine Frau grämelt , Melanie grämelt , Alle möchten gern des Teufels und fromm werden und können ' s doch nicht - der Durchbruch fehlt ! Du mein Himmel , wenn der Unsinn des Jahrhunderts und die langweilige Ernsthaftigkeit unsrer Epoche sich auch in meine alte Komthurei einschliche - Oder Sie gar die Komthurei verlassen müßten ? Meinst du ? Auch dieser Prozeß ist mit an meiner Verstimmung Schuld . Mit dem Schrein in Hohenberg fing das Trauerspiel an . Nicht , daß ich fürchtete , den Prozeß zu verlieren . Nein , auch die zweite Instanz spricht für die Kommune und das Recht des Besitzes . Aber es sind dabei Dinge vorgekommen , die mich aufgeregt , erschüttert haben , Dinge , wo ich mit mir selbst in Widerspruch gerieth und zuweilen nasse Augen hatte . Es ist nicht gut , weich zu werden . Sie weinen doch sonst manchmal recht gern , Herr Justizrath ! Das ist ' s eben ! sagte Schlurck lächelnd , fast wehmüthig . Es kommt jetzt zu oft . Du weißt , wie ich mich gegen Rührungen sträube . Diese Rührungen sind die eigentlichen heimlichen Kalendermacher ; Rührungen , mein Sohn , sind die Leichentücher , an denen man so ganz sanft und ruhig allmälig unsern Sarg in die Grube läßt ! Rührungen weichen den ganzen Menschen auf , als wär ' er von Lehm gebacken und der Frühling käme so über Einen und versetzte uns sanft und lind in einen auseinandergehenden dünnen Brei , den man das himmlische Leben nennt . Sonst wurde bei uns gelacht , gescherzt - jetzt - Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden können - Schwiegervater einer - Besser konnten Sie sich doch dafür nicht revanchiren , daß Ihnen die Administration genommen wurde ... Der Justizrath besann sich . Er fühlte sogleich , wie dreist und vorlaut diese Worte waren . Es fiel ihm plötzlich ein , daß im Grunde doch Hackert an Allem Schuld war , was ihn jetzt drückte . Er hatte Lasally , den Verlobten seiner Tochter , mit einem Darlehn von zehntausend Thalern entschädigen müssen , das gewissermaßen à fond perdu geradezu gesagt als Abfindungssumme gegeben war . Er hatte diese Summe nur mit großer Mühe in der jetzigen schwierigen Geldklemme aufgetrieben . Er sah ein Verhältniß zwischen Melanie und dem Fürsten Egon entstehen , das ihm weit weniger willkommen war , als wenn etwa Melanie und Dankmar Wildungen sich vereinigt hätten , wie ihm damals vorschwebte , als sein Verstand , sein juristischer Scharfsinn , seine ungemeine Rechtsgewandtheit noch nicht dem bekannten Prozesse die Wendung gegeben hatte , die der Kommune günstig war . Er hatte Möglichkeiten gesehen , Dankmar Wildungen gewinnen zu lassen . Er hatte Melanie ' s Liebe zu Dankmar wohl errathen , wohl erwogen , welche Zukunft er sich und ihnen zaubern könnte . Dankmar hatte aber Melanie verschmäht , sich für immer ihr entfremdet , sie nur als eine vorübergehende Episode seines Lebens betrachtet . Vermögen war dem Justizrath lieber als jeder Titel . Was lag ihm an dem armen Prinzen Egon , den er gleich bei seinem ersten politischen Auftreten für einen Narren und Phantasten erklärte ! Konnte er mehr erwarten , als daß Melanie zuletzt , wie dies in solchen Fällen zu geschehen pflegt , schwach genug sein würde , auch nur mit einer » Liaison « zwischen ihr und dem Fürsten sich zufrieden zu geben ! Sein Scharfblick ahnte diesen Ausgang , der ihn bekümmerte , sogar der Moral wegen . Seine Melanie eine Fürstenmaitresse ! Er schauderte . Und nun dieser abenteuerliche , verschuldete , arme Egon ! Er wußte , daß seine Güter nur noch geringen Werth hatten , daß sie einem Projektenmacher , für den er Ackermann hielt , überlassen waren ; er wußte , daß Egon , in plötzlicher aristokratischer Anwandlung , neue Schulden , ganz wie sein Vater gemacht hatte . Er wußte , wie tiefer sich mit dem Bankier von Reichmeyer eingelassen . Was blühte da seiner ehrgeizigen Tochter ? Von der strengen puritanischen Natur Egon ' s , der im Stande war , Melanie wirklich zu heirathen , hatte er keinen Begriff . Ein junger offenbar im Banne der Phantasie und der Sinne stehender Fürst schien ihm unmöglich die Anwandlungen einer stoischen Selbstkasteiung haben zu können , von denen wir wissen , daß sie Egon wirklich besaß . Egon und Schlurck waren zwei diametral entgegengesetzte Charaktere , beide voll Phantasie , beide den Frauen ergeben und beide doch so völlig anders , wie Süd und Nord , wie Flamme und Eisblume . Der Justizrath fuhr sich über die Stirn , die sich ihm plötzlich runzelte . Hackert ' s Dreistigkeit , ihn an diese Möglichkeiten und Familienverhältnisse zu erinnern , war ihm peinlich . Er wollte sich anfangs rasch entfernen und brach auch das Gespräch ab , indem er vorschützte , zur Gesellschaft zu müssen . Dennoch blieb er in der Thür stehen und wandte sich noch einmal mit den Worten zurück : Wirst doch nicht glauben , Hackert , daß Charlotte Ludmer , die dich herbestellt hat , eine hübsche junge Kammerzofe ist ? Du Teufelskerl ! Warum läuft nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus ? Ich denke mir , es ist der alte Drache , der mit Ihnen vorhin sprach . So hast du von der Kehle doch auf die Visage geschlossen ? Ich denke mir immer , daß die alten Hexen , die Fausten in Griechenland begegnet sind , wohin ihn mein göttlicher Goethe reisen läßt , so aussahen wie diese Ludmer , und im Vertrauen gesagt , ihre Gebieterin , die Geheimräthin , geht auch schon stark in das Geschlecht der einäugigen Phorkystöchter über . Ich bin nicht neugierig . Was will die Alte von dir ? Soll ich erst hören . Willst du wissen , was es sein wird ? Ein gestohlner Löffel , den ich bei den Pfandleihern aufsuchen soll . Glaub ' ich nicht . Hier im Hause weiß man die geheime Polizei besser zu schätzen . Ich denke , die Alte wird die Frage an dich richten , ob es im alten Rathsarchive hier wirklich Gespenster gibt ? Gespenster ? fragte Hackert erstaunt und fühlte sich so sonderbar getroffen , daß er Schlurck groß ansah . Ja , ja ! sagte Schlurck , ohne Hackert ' s Befremden besonders zu bemerken . Diese Menschen sind prosaisch . Sie erfahren von Geistern und rufen nicht den Pfarrer , sondern gleich die Polizei . Aber ich verstehe nicht - Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben , in den von unserm Stadtarchive aufbewahrten Kirchenregistern einer kleinen zu unserm Weichbilde gehörenden Ortschaft irgend ein Dokument , zu irgend einem namenlosen Zwecke , zu suchen . Ich übertrug diese Aufgabe , mit der einige delikate Rücksichten verbunden waren , dem im Suchen und Spioniren kundigen alten Maulwurfe - Bartusch ! ergänzte Hackert gespannt . Bartusch besucht den genannten Ort , findet den rechten Schrank , das rechte Papier und behauptet , eine Geisterhand hätte es ihm fortgerissen - Das rechte Papier ? fragte Hackert . Ja , so zu sagen , ein alter verfallener Pfandzettel ! Genug , es spukt im Archiv und ich wette , die Alte ist ein Rationalist , wie alle Sünder , ehe sie auf dem Todbett liegen . Sie wird wissen wollen , ob die Polizei an Archivgespenster glaubt . Daß im Rathskeller Geister sind , lernt ' ich schon früh an den Weinfässern des alten Kellermeisters kennen - Wie so ? Wissen Sie nicht mehr , als ich so klein war - Junge , rühr ' mich nicht ! Ich weiß , du willst mich daran erinnern , daß ich dich oft mit in den Rathskeller nahm , wenn die Sitzungen des hochedlen Magistrates zu trocken wurden . Hackert , ich wünschte , ich hätte dir als kleinem Anfänger von acht Jahren mehr Prügel und weniger Niernsteiner zu kosten gegeben . Ich habe den Pestalozzi immer so affektirt und die Natur wirklich immer im Natürlichen gefunden . Aber thu ' mir den Gefallen , gib der Alten nicht nach und sag ' ihr etwa , im Archiv hausten zuweilen Ratten und Diebe . Sag ' ihr , es gäbe Geister ! Hörst du ! Diese Menschen sollen und müssen an Geister glauben . Ich selbst glaube dran . Das ist ja etwas ganz Neues , Herr Justizrath , sagte Hackert , dem die Bartuschen entrissene Urkunde über den Taufakt des Paul Zeck plötzlich an Bedeutung gewann . Seit wann glauben Sie denn an Geister ? Seitdem meine Frau nicht mehr in unserm guten Leitwasser , sondern im Jordan baden will , Hackert . Etwas muß der Mensch haben , an das er sich hält und das außer ihm liegt . Mögen sie in die Kirchen rennen die alten Sünder und falsche Gesangbuchverse singen : Nr. 814 , wenn der Küster und die Orgel Nr. 514 meint ! Mögen sie zu Jesu halten , den ich herzlich lieb habe , weil er so tolerant war . Ich will auch etwas über mir anerkennen : Ratten , Mäuse , Geister , was man will . Und mit den Geistern hat es etwas auf sich . Voltaire hätte nur noch ein Jahr länger leben sollen und ich wette , er hätte nicht nur an die Ratten von Ferney , sondern auch an Gespenster geglaubt . Alle großen Männer nehmen Geister an . Also ... Hackert wußte nicht , ob der Justizrath im Ernst oder Scherz sprach . So durcheinander pflegte er bei Tisch zu plaudern . Nicht wahr , mein Ende ist nahe , Fritz ? sagte der Epikuräer . Ich werde gläubig , aber es muß pikant , neu , schauerlich sein , was ich glaube . Ich schließe jetzt öfters mein Schränkchen , auf das du immer so neugierig warst , auf , binde mein Schurzfell öfters um , als sonst und bin ein fleißiger Maurer . Wir haben zwei Sekten in der Maurerei , eine vernunftaufgeklärte und eine mystische . Ich habe mich an die mystische , an die dunkle angeschlossen ... Ja , ja , lach ' du nur ! Ich hab ' in meinen jungen Tagen auch gelacht , wenn ich las , daß Epikuräer in ihren alten die Beichtväter riefen und die Zauberer . Die Beichtväter mögen zu Madame Schlurck gehen . Ich möchte Zauberer rufen , Schatzgräber , Todtenbeschwörer . Wenn ich nicht noch gar Jesuit werde ! Wärst du klug , Hackert , sagt ' ich dir ein paar Jesuiten , die gut zahlen ... Ich kenne zwei ... Propst Gelbsattel und General Voland von der Hahnenfeder . Junge , bist du toll ? Das wißt Ihr schon auf der geheimen Polizei ? Ihr seid doch mit dem Teufel im Bunde ! Aber verurtheile die Leute nicht nach dem gemeinen Standpunkte eines Oberkommissärs , Hackert ! Jesuiten , mein Sohn , sind die einzigen praktischen Menschen der Jetztzeit . Du hast Verstand , Umsicht , du kannst Carriere machen . Affiliire dich ! Sie brauchen Kräfte , Intelligenz und Niemand ist ihnen willkommner , als wer zugleich im Dienste dieses dummen Zwangsstaates steht , dem sie seit drei Jahrhunderten Feindschaft geschworen haben . Denke nicht , daß ich ein Jesuit geworden bin . Aber werde bei Zeiten katholisch , mein Sohn ! Nur das Aparte kann einen Mann von Verstand befriedigen und wär ' es auch die Glorie des Unverstandes ! Mit den Beinen oben , Kopf unten ! Warum nicht ? Nur nicht wie die Schuster und Schneider ! Nur nicht wie die dummen Gelehrten , die Staatsmänner , die ehrlichen Leute , die tugendhaften Weiber ! Nur nicht die Sonne Sonne nennen ! Ich bitte dich , Hackert , wenn die Alte von der Polizei spricht , sprich ihr von Geistern . Laßt uns die Furcht und die Gespenster leben ! Das ist noch die letzte Poesie , die uns übrig bleibt und der Tod ist fürchterlich . Guten Abend , Hackert ' chen ! Halt dich brav ! Guten Abend ! Hackerten war es doch wirblich geworden bei diesem tollen Humor des Justizrathes , der plötzlich wieder seine ganze alte mephistophelische Färbung bekommen hatte . So kannte er ihn . So saß der Justizrath sonst beim Champagner bis in die Nacht und warf die lustigsten Raketen bunt durch alle Weise und Philosophen und Spötter , die mit ihm zechten ! Wenn ein geistreicher Mann sich ausspannt aus der gewöhnlichen Maschine des Denkens , dem gewöhnlichen Karren der gesunden Vernunft , so kommen wunderliche Sprünge zum Vorschein . Schlurck polterte Alles durcheinander , war an demselben Abend katholisch , dann ein Botokude , dann wieder Grieche und ebenso rasch streitsüchtiger , verstandesscharfer Calvinist . In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut oder dumm , je nach Laune oder innerer Regung . Hackert hatte sich eigentlich nach dieser Alles ironisirenden Art seines Pflegevaters gebildet , hörte ihm mit Lust zu und sah ihn nun ungern zur Gesellschaft zurückkehren . Noch einmal wandte sich der Justizrath nach ihm um und sagte zu einem Menschen , der ihm schon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war : Fritz ! Ich habe immer gedacht , ich käme doch noch dahinter , welchem leichtsinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankst und wer die Rabenmutter ist , die dich in einem Waschkorbe vor das Waisenhaus stellte ! Sie wissen gewiß längst , antwortete Hackert , daß es ein Schneider vom Hofe war , der grade rothe Livreen nähte , in denen sich meine Mutter versah und sie mir an die Haare hexen ließ ... Nein , nein - Sie wollen mir nur aus Schonung verschweigen , daß meine Sucht bei nachtschlafender Zeit herumzutappen wie ein Wachender , von einer armen bettelnden Frau kommt , die des Nachts für die Reinlichkeit - Nichts da ! Nichts da , Junge ! Du stammst von einem hohen Hause - Wo drei Balken einsam stehen , auf dem Rad die Raben krähen - Was ? Wo ? Von da her , wo kein Gras im Grünen wächst und die drei Pferde , die ich umbrachte , in klappernden Knochengerüsten wiehern : Hackert ' s Vater handelte mit rothen Hähnen ! Ah bah ! Dummes Zeug ! Hackert , wenn du einmal sicher bist , daß grade meine Leute in der Kirche sind , Sonntags , wenn Gelbsattel predigt oder du sonst glaubst , daß du mich allein triffst , komm ' zu mir ! Ich muß dir noch das Bettzeug geben , in dem du im bewußten Korbe lagst und ein Stück von einem zerbrochnen goldnen Ring , auf dem ein Buchstabe eingegraben war - Z. nicht wahr ? Hinter ' m Z. steckt nichts , Herr Justizrath ! Z. sagte Schlurck erstaunt . Nicht Z. mein Junge ! Wenn es wirklich Z. wäre ? Warum nicht Z. ? fragte Hackert . Ein R. ist es und ich wette , vor dem R. stand ein v. , als wärst du Von Adel sogar ? Justizrath , gute Nacht ! Sie wollen mich um drei Thaler bringen , die ich heute aus Cavaliervergnügen noch springen lasse oder Sie erleben , daß ich Ihnen jetzt vor Hochmuth vorn in die Gesellschaft folge - Schlurck nahm den Scherz für möglichen Ernst und erschrak . Bei Leibe nicht ! Gute Nacht , Junge ! Brauchst du Geld , sag ' mir ' s. Und endlich ! Einen Sonntag Morgen , wenn sie in der Johanniskirche am Bret Gesangbuch Nr. 514 singen sollen und die alten Weiber , die trübe Brillen haben , Nr. 814 singen und es doch geht , doch zusammenklingt zu Gottes Herrlichkeit - dann komm ' zu mir , Junge , und laß dir den halben Ring zeigen . Z. nicht . Ich glaube v.R. Ein V. gewiß ! Verlaß dich drauf ! Damit mußte sich Schlurck entfernen . Denn eben schlug man auf dem Vorplatz eine Thür zu und deutlich hörte man , daß Jemand nebenan in ' s Wartezimmer kam . Zugleich hörte man vom türkischen Zelt den Frauenruf : Justizrath ! Hier sind Se . Durchlaucht ! Justizrath , wo stecken Sie denn ? Es war die Geheimräthin . Im Nu war die Thür , die zum Zelte führte , geschlossen und zu gleicher Zeit trat die Ludmer ein , auf die in der That die vom Justizrath citirten Worte seines Lieblingsdichters Wolfgang Goethe paßten : Welche von Phorkys ' Töchtern bist du ? Denn ich vergleiche dich diesem Geschlechte ! Bist du vielleicht der graugebornen Eines Auges und eines Zahnes Wechselsweis theilhaftigen Grajen Eine gekommen ? Die Alte , geschmackvoll gekleidet , ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder und bat um Entschuldigung wegen ihres langen Ausbleibens . Sie begann dem geheimen Polizeiagenten Hackert , dem Schutzbefohlnen des so anerkannt gewandten Polizeioberkommissärs Pax , ihres zufällig abwesenden » Neffen « , jetzt ein geheimes dringendes Anliegen vorzutragen . Sechstes Capitel Geisterfurcht Herr Pax , fing Charlotte Ludmer mit schmunzelnder Freundlichkeit an , Herr Pax ist verreist - Ihr Herr Neveu - In Amtsgeschäften , antwortete Hackert , die Alte musternd ... Und wird bald zurückkehren ? Unbestimmt , Madame ... Vortrefflicher Staatsdiener , Pax ! Ja , mein Neveu - Hat glücklichen Griff - Die Alte lachte über den humoristischen Agenten . So liebte sie die Menschen . Nur lustig , lustig ! Sie liebte den Spaß , fast ebenso sehr wie den Schnupftaback . Ihre Dose fuhr aus dem Rockschlitz hin und her . Sie nahm eben eine Prise ... Pax , fuhr sie fort , hat für die Zeit seiner Abwesenheit mir gerathen , etwaige Aufträge Ihnen zu ertheilen , Herr Hackert - Schmeichelhaftes Vertrauen - Ich vermuthe daher , daß Sie über die Angelegenheit unterrichtet sind , die mich mit meinem Neveu - Hackert dachte an die vom Justizrath gegebenen Andeutungen über den entwendeten und im Auftrage