Und wenn Lutz gewollt hätte . . . . ? O mein Gott , warum wurde das Unrecht , die fürchterliche Schande plötzlich ein gutes Recht , nachdem der Pastor ein paar Worte gesprochen ? Das war ein schauerliches Geheimnis . Agathe hatte nun das Elend gesehen — das tötliche Elend . Und die Polizei hatte auch dabei zu thun gehabt ? Wer mochte wissen , was für abscheuliche Dinge sich da noch verbargen . Und das alles hatte dieses kleine Mädchen , das mit ihr zusammen am gleichen Tage fröhlich ins Leben hinausgetreten war , in den paar Jahren , in denen sie sie aus den Augen verloren , gesehen , erfahren , durchlitten . Und sie und ihre Mutter waren schuldig . Ja — ja — ja — sie waren schuldig . Aber Mama würde das niemals verstanden haben . Agathe ging zu ihr und sagte ihr von Luisens Tode und von dem Leiden , das sie um sie trug — und Mama blieb ganz ruhig und kühl . “ Ja — diese Frauenzimmer — sie taugen alle nichts — sie sind zu unserer Qual erschaffen , ” war ihre Antwort . Wie kam es nur ? Ihre Mutter war doch sonst eine gutmütige Frau ? Warum war sie in dieser einen Beziehung so ganz blind ? Ein hartes Urteil fiel ihr ein , das Martin Greffinger einmal über die Frauen der Bourgeoisie gefällt hatte — über ihre verknöcherte Engherzigkeit . Aber der war doch Sozialdemokrat oder irgend so etwas Ähnliches . Er durfte nicht Recht behalten ! Er durfte nicht ! — — Agathe hatte wahrhaftig keine Ursache , beständig so verstimmt zu sein und ihr Los zu beklagen . Das heißt : äußerlich merkte man ihr ja die Verstimmung noch nicht an — so viel Selbstbeherrschung hatte sie denn , Gott sei Dank , doch noch . Sie hatte es ja auch so gut im Vergleich mit dem armen Geschöpf . Und nun sah sie , wohin es führte , wenn man den Liebes-Gedanken Raum gab und sich nicht dagegen wehrte . Freilich , kein Mann würde es wagen , sie , Agathe Heidling , Tochter des Regierungsrats Heidling , in Versuchung zu führen — ach , lieber Himmel , gegen sie waren die Herren ja alle die vornehmste Anständigkeit — es war schon beinahe langweilig . Ja — aber — zeigte das nicht erschreckende sittliche Verderbtheit , daß sie oft wahrhaftig beinahe wünschte . . . So weit war sie schon gekommen . Wer weiß , wie schnell es da weiter ging — hinab — hinab . . . ohne Halt — ohne Wiederkehr ! Kein gefallenes Mädchen richtet sich wieder auf , sagte Papa einmal , und unerbittlich sah er dabei aus , wie der Engel mit dem feurigen Schwert an der Paradiesespforte . Wahrscheinlich hätte alles nichts genutzt , was für das kleine Hausmädchen geschehen konnte — also nur schnell und ordentlich in den Schlamm hinunter . Und Eugenie ? Und der Commis in der Stube mit den Cigarrenproben ? Es war gräßlich , daß Agathe immer noch daran denken mußte . Alle ihre Träume und Phantasieen waren von dem Gift der Sünde befleckt . Wie schlecht , wie durch und durch verdorben war sie ! Hohe Zeit , daß ein Abschnitt gemacht wurde ! Alles Beten und Jammern zu Gott dem Herrn um Hilfe hatte nichts gefruchtet . Wer konnte wissen , ob es einen Gott gab ? Jedenfalls hatte er sich Agathe nicht geoffenbart und sie im Stich gelassen . Sie mußte sich nur einmal recht klar machen , daß ihre Jugend vorbei und es einfach schmachvoll war , sich nun noch — in reiferen Jahren — so dummen Ideen hinzugeben . Nur ein- für allemal keine Hoffnungen . Das Haar ging ihr auch schon aus , und wenn sie lachte , so hatte sie kein niedliches Grübchen mehr , sondern eine richtige Falte . Wie viele Mädchen heiraten nicht . Das Leben bot ja auch sonst noch so viel Schönes ! Und Pflichten hatte sie genug — die brauchte sie wirklich nicht außer dem Hause zu suchen . Hatte sie denn ihr Gelübde , einzig und allein für ihre Eltern zu leben , so ganz vergessen ? Sie mußte viel liebenswürdiger und heiterer sein ! Wenn Papa nach Berlin versetzt würde . . . . Das wäre doch mal wieder ein neuer Anfang ! Sie wollte sich nur nicht zu sehr freuen , sonst kam es schließlich nicht dazu . Und es kam auch nicht dazu . Irgend ein Minister hatte Differenzen mit einem anderen Minister , oder er vertrat ein Gesetz , das im Reichstag nicht angenommen wurde — kurz , er mußte sein Portefeuille niederlegen , und Papa wurde nicht vortragender Rat in Berlin , sondern bekam seinen Abschied . Wie das zusammenhing , hörte Agathe natürlich nicht . Sie hätte es doch nicht verstanden , und es wäre dem Regierungsrat überhaupt nicht eingefallen , ein junges Mädchen in Berufsangelegenheiten einzuweihen . Man mußte sich nun mit der Pension einrichten . Und Papa zahlte außerdem viel an die Lebensversicherung . Man entließ also das zweite Mädchen und nahm eine kleinere Wohnung , von der man ein Zimmer an Onkel Gustav vermietete . Onkel Gustav hatte nicht viel Glück mit dem Jugendborn gehabt . Außer Agathes Freundinnen , denen er es schenkte , hatte niemand nach dem Toilettenwasser gefragt . Und so war die Menschheit nicht schöner und Onkel Gustav nicht reicher geworden . Er beschäftigte sich zwar immer noch in Gedanken damit , irgend eine reizende junge Erbin zu heiraten , um seine Erfindung mit ihrem Vermögen zu poussieren . Aber inzwischen hatte er sich bei seiner Schwägerin in Pension gegeben , denn sein Magen konnte das Gasthofsessen nicht mehr vertragen . Agathe rechnete nach , daß das bescheidene Kostgeld des guten alten Onkels Bedürfnisse bei weitem nicht deckte . Aber Mama glaubte jedesmal , wenn er am ersten des Monats seine zwei Goldstücke ablieferte , sie habe einen unversiegbaren Schatz in Händen . Die arme Mama hatte durch die Veränderungen , die durch Papas Abschied notwendig wurden , jede Fassung verloren . Sie brach bei dem geringsten Anlaß in Thränen aus und wurde von der Furcht gepeinigt , sie müßten am Ende alle miteinander verhungern . Kam indessen eine Spitzenfrau ins Haus , so konnte sie nicht widerstehen , geklöppelte Einsätze zu Kopfkissen für Agathes Ausstattung zu kaufen . Das geringste Vergnügen mußte man sich versagen — und immer die wunderliche Idee , für die Ausstattung zurückzulegen ! Agathe hatte jetzt tüchtig zu thun , um den Hausstand reinlich und in geregeltem Gange zu erhalten . Auf die alte Dorte war auch kein rechtes Verlassen mehr . Agathe war nicht an wirkliche Arbeit gewöhnt , und sie litt viel an krankhaften Zuständen , die sie sogar ihrer Mutter verheimlichte . Denn dann würde vielleicht Papa davon gehört haben , und das wäre Agathe unerhört peinlich gewesen . Auch geriet er gleich ganz aus dem Häuschen , wenn einem von ihnen beiden etwas fehlte . Es that nicht Not , seine Stimmung noch mehr zu verdüstern . Er war ohnehin gereizt genug . Kein Wunder ! Wie hatte er sich abgearbeitet , bis tief in die Nacht über den Akten gesessen , um dem Staat zu dienen . Nun warf der ihn plötzlich über Bord wie ein lästiges , überflüssiges Möbel — den kräftigen Mann , der jetzt mit seiner Zeit nichts anzufangen wußte , als in allen Zimmern herumzugehen und zu suchen , wo er etwas zu tadeln fände . Was hatte schließlich die unaufhörliche Angst , nirgends anzustoßen , nicht oben und nicht unten , nicht rechts und nicht links , dem armen Papa genützt ? Aber um Gottes willen ! wenn Agathe das dem Papa einmal vorgehalten hätte . . . . Das Gesicht , das sie da zu sehen bekommen haben würde ! Die ganze Welt war vollgestopft mit Heiligtümern , an die man nicht rühren durfte , wie Großmama ihr Nippesschrank , dessen Inhalt Agathe als Kind ehrfürchtig durch die Glasscheiben betrachten durfte . — Sie wurde von lauter Gedanken gequält , über die sie sich Vorwürfe machen mußte . Es gährte ein fortwährender Aufruhr in ihr gegen jedes Wort , das die Eltern sprachen . So lange man wartete und immer wartete , so lange morgen vielleicht das neue Leben für uns selbst anbrechen konnte — so lange war es leicht gewesen , Geduld zu haben . Aber nun man sah , daß das neue Leben niemals kommen würde — daß man sich mit gegebenen Verhältnissen einrichten mußte , so gut es ging — nun war es fast nicht mehr zu ertragen , immer noch als ein liebes unverständiges Kind behandelt zu werden , über dessen Meinungen man lächelte und scherzte , oder das man unterwies und erzog . Sie mußte sehr viel Geschicklichkeit aufwenden , damit Mama nicht merkte , daß sie thatsächlich den Haushalt führte — sie mußte fortwährend lange Konferenzen über die einfachsten Dinge mit ihr führen , weil nur so Mama die Überzeugung behielt , sie regiere selbst und Agathe werde von ihr angeleitet . Wünsche , Bedürfnisse und Launen der drei alten Leute — eigentlich waren es vier , denn auch Dorte war alt und hatte Launen — mußten erfüllt werden . Wenn sie sich direkt widersprachen , so mußte man doch jedem anscheinend den Willen thun oder ihn auf eine feine , nette Weise zu befriedigen suchen . Papa wurde böse , sobald der geringste Angriff auf seinen Komfort und auf den vornehmen Anstrich der Haushaltung gemacht wurde . Onkel Gustav hatte allerlei Restaurant-Gewohnheiten und war schwer zu überzeugen , daß die in der beschränkten Wirtschaft große Opfer kosteten . Und Mama verfiel mit ihrer Knauserigkeit beinahe ins Krankhafte . Traf sie mit Frau Wutrow zusammen , so ließ sie sich von der immer neue Sparsamkeitsrezepte mitteilen . Bei Wutrows wurde für die Näherinnen Kartoffelbrei unter die Butter gemischt . Das wollte die Rätin auch einführen . Agathe hatte einen ordentlichen Zank mit ihr , weil sie sich vor den fremden Mädchen schämte . Neuerdings verlangte Mama , daß der Teppich im Wohnzimmer , um seine Farben länger frisch zu halten , alle Abend mit einer weichen Bürste abgekehrt und zusammengerollt werde . Frau Heidling wollte es selbst besorgen , um ihrer Tochter ein gutes Beispiel der Demut zu geben . Das konnte Agathe nicht mit ansehen . Unglücklicherweise kam Eugenie dazu , als sie mit den Knieen auf der Erde herumrutschte , und machte moquante Bemerkungen . Sie brauchte so etwas freilich nicht zu thun — — hatte ihre Mutter dergleichen Gelüste , so war das ein Privat-Vergnügen , das Eugenie weiter nicht störte . Die jungen Heidlings hielten einen Burschen , die Köchin , das Hausmädchen und das Fräulein für den kleinen Wolf . Der alte Wutrow mußte zahlen . “ Weißt Du — ich , als Offiziersfrau . . . ” sagte Eugenie und bekam auf diese Weise alles , was sie wünschte . Jeden Abend weinte Agathe ein paar heimliche Thränen auf den Teppich — sie fand es so mesquin und völlig unnötig und unpraktisch , ihn fortwährend zusammenzurollen und wieder auseinanderzubreiten . O war das Leben langweilig — langweilig — langweilig , in dieser Fülle von zweckloser Arbeit ! Wenigstens verschonte man sie jetzt mit den Bällen . Es lud sie einfach niemand mehr ein . Aber die zwei oder drei Diners , zu denen sie noch gebeten wurde , waren auch gerade keine berauschenden Vergnügungen . Und der Verkehr mit den Freundinnen — denen , die gleich ihr unverheiratet geblieben waren ? In dem Augenblick , wo sie diese oder jene Bekannte besuchen wollte , ergriff sie oft ein solcher Widerwille , daß sie sich nicht entschließen konnte , hinzugehen . Sie durfte ja doch kein Wort von dem reden , was sie dachte . Sie hatte beständig ein böses Gewissen . Wenn jemand geahnt hätte , was das feine , ernste , gesetzte Fräulein Heidling für Stunden durchmachte ! Einmal sich aussprechen — ja , das mußte eine Erleichterung sein . Hören , wie es den anderen erging , wie sie sich durchhalfen , ob sie resigniert waren oder traurig — ob sie ihr Los tapfer oder verzagt trugen . . . Sonderbar — als kleine Schulmädel hatten die Freundinnen sich in die Ohren getuschelt , was sie von den Geheimnissen des Lebens , die man vor ihnen verbarg , nur herauskriegen konnten . — Als naseweise Backfische unterhielten sie sich ganz frech und vergnügt von allem Möglichen , und jede steuerte aus dem Schatz ihrer Kenntnisse bei . Nun sie achtundzwanzig bis dreißig Jahre über diese Erde gewandelt waren und keine von ihnen doch das Unglück hatte , blind oder taub geboren zu sein — nun hatten sie alle ihre Erfahrungen vergessen . Sie wußten von nichts , sie ahnten von nichts — selbst wenn sie ganz unter sich waren . Zuweilen beklagten sie sich sogar , daß sie noch so dumm wären . “ . . . Denke Dir , neulich habe ich mich schrecklich blamiert , ” sagte Lisbeth Wendhagen . “ Ich fragte nach der Geschichte mit der Russin , von der jetzt immer so viel die Rede ist . Findest Du da etwas dabei ? ” Agathe fand natürlich nichts dabei . “ Eugenie sagte nachher , danach hätte ich als junges Mädchen nicht in Gegenwart von Herren fragen dürfen . Ich verstehe gar nicht , was sie meinte . ” “ Na ja — die jungen Frauen — die sind natürlich au fait . ” Agathe ekelte sich oft geradezu vor ihren Freundinnen . Aber man mußte doch auch selbst sehr vorsichtig sein . Da hatte sie neulich ein wundervolles Buch in Papas Bibliothek aufgestöbert . Bei der großen Herbstreinigung war es entdeckt . Nachdem sie , in Staub und Zug vor dem Bücherschrank knieend , ein Kapitel gelesen , konnte sie sich nicht wieder trennen , nahm es mit in ihre Schlafstube und las alle Abend im Bett — denn es wurde im Zimmer nicht geheizt — und auch nach Tisch , wenn Mama schlief . Sie hätte geglaubt , es wäre für Frauen einfach unverständlich . Zu ihrem größten Erstaunen konnte sie dem Verfasser ganz gut folgen — sie brauchte nur aufzumerken und am Tage bei ihren Beschäftigungen das Gelesene in ihrem Kopfe sinnend zu bewegen . Wie es sie aufrüttelte von dem geistigen Halbschlaf , dem mißmutigen Hindämmern , daß sie sich die Augen rieb , sich auf feste Füße stellte und wißbegierig um sich blickte . Einer weiten Weltreise war es in seiner Wirkung zu vergleichen — einer Weltreise mit erhabenen Rückblicken in ungeheure Vergangenheiten und Fernsichten auf eine von Entwickelungskräften erfüllte Zukunft — mit Vergessen des Ich und erstaunlicher Erkenntnis des eigenen Werdens durch zahllose Ahnenreihen — mit Entdeckung neuer Verwandtschaften . . . . mit Gewitterstürmen und brechenden Masten — mit Verlieren des Reisegepäcks und der Erwerbung ungeahnter Reichtümer . Daß solch ein Buch existierte , und sie hatte es nicht gewußt ! In dem Glasschrank stand es , unbeachtet — sie hatte beim Abstäuben seinen Titel wer weiß wie oft gesehen : Häckels “ Natürliche Schöpfungsgeschichte . ” Und ihr Vater hatte nicht vor Freude geschrieen , als er es las — wie seltsam ! — Immer nur die Witze über unsere Abstammung von den Affen , die eine Zeit lang Mode waren , bis man ihrer überdrüssig wurde und man in guter Gesellschaft nicht mehr davon redete . Agathe erinnerte sich auch , vom Domprediger gehört zu haben , daß die Gelehrten längst über Darwins und Häckels Standpunkt zur Tagesordnung übergegangen seien . Wie mochte es sich damit verhalten ? Agathe konnte es nicht glauben . Von einer so großartigen neuen Welt-Anschauung kehrt man nicht einfach zu der langweiligen Tagesordnung zurück . Ach , Männer , die sich hier vertiefen — die weiter forschen und grübeln durften — die Glücklichen ! Die Glücklichen ! Denen brauchte freilich die dumme Liebe nur etwas Nebensächliches zu sein ! Am Ende fand auch sie in den neuen Gedanken ihren Frieden . Sie sah doch nun , daß es so sein mußte — daß die Natur unerhört grausam war , daß Millionen Keime fortwährend untergingen , damit die andern Raum bekämen , sich zu entwickeln . So war sie eben auch einer von den schwächlichen , unnützen Keimen — was war da weiter ? Daß es eine solche Verschwendung gab , hatte sie allerdings vorher auch schon gewußt . Aber sie bezog das nie auf sich , sie hatte immer für sich selbst einen Platz außerhalb der Natur gesucht und mit einem Gotte gehadert , der Wunder thun konnte und nur keins ihr zu Liebe thun wollte ! Versinken in diesem vielgestaltigen , unermeßlich reichen All ! Ganz still werden — ganz still . Und doch wieder lebendig ! Wie war die Natur ihr interessant geworden . Wie konnte man sich von den widerwärtigen Menschen erholen bei den Käfern und Blumen und den fabelhaften Rädertierchen . Und dann wieder die unglaublichen Beziehungen zu den Menschenwesen . Von allem mußte sie noch viel , viel mehr erfahren . Als Weihnachten kam , freute sie sich endlich einmal wieder auf das neue Jahr . In der “ Natürlichen Schöpfungsgeschichte ” fand Agathe auf der letzten Seite ein Verzeichnis von Büchern , die empfohlen wurden , falls man sich auf naturwissenschaftlichem Gebiet weiterbilden wollte . Von Häckel selbst empfohlen — von diesem herrlichen Manne ! Sie schrieb sich eine Menge von den Namen auf . — Hätte sie nur noch ihr Toilettengeld gehabt , wie früher ! Es war eine alberne Gutmütigkeit gewesen , darauf zu verzichten , im ersten Schrecken über die notwendigen Einschränkungen , die die Eltern sich auferlegen mußten . Jetzt bat sie nur um Geld , wenn eine Anschaffung durchaus nicht mehr umgangen werden konnte . So wählte sie lange , ehe sie zwei oder drei der Bücher auf ihrem Weihnachtswunschzettel setzte . Welche mochten die interessantesten sein ? Welche zu kennen die notwendigsten ? Eigentlich war ' s ein Lotteriespiel . Nun — auf jeden Fall würde sie sich zum Geburtstag wieder ein Buch wünschen und dann immer so weiter . Sie war schon so alt , sie mußte sich wahrhaftig eilen , um nur noch einen Teil des gewaltigen Wissensschatzes sich zu eigen zu machen ! Das hätte sie nicht haben können — dazu hätte sie nicht Zeit gefunden , wenn sie verheiratet gewesen wäre . Endlich schien es doch zu etwas gut , daß sie alte Jungfer geworden war ! — Ob Papa ihr wohl die drei Bücher schenken würde ? Oder nur zwei ? Er war so entsetzlich erstaunt gewesen , als sie ihm ihren Wunschzettel überreichte . “ Du willst ja gewaltig hoch hinaus , ” hatte er lächelnd gesagt . “ Was willst Du Dir denn für unverständliches Zeug in Dein kleines Köpfchen packen ? ” “ Ach Papa — ich muß mich ein bißchen bilden ! ” “ Nun ja — dagegen bin ich durchaus nicht . ” “ Die natürliche Schöpfungsgeschichte habe ich ganz gut verstanden . ” “ So — die hast Du also gelesen ? Das war recht überflüssig . Ein andermal fragst Du mich , ehe Du Dir etwas aus meinem Bücherschrank holst . Verstanden ? Junge Mädchen fassen dergleichen Werke oft ganz falsch auf . ” “ Das Buch mit den schrecklichen Illustrationen ? ” fragte Frau Heidling . “ Aber Agathe , so etwas möchte ich doch nicht lesen . ” “ Mama , es ist wirklich sehr interessant . — Und wenn — wenn man nicht heiratet , muß man doch irgend etwas haben , was einem Spaß macht . ” Agathe schämte sich über die kindische Art , in der sie von einer Frage redete , die wahrhaftig schwer und ernst genug war . Aber sie konnte nichts dafür — es kam ihr geziert vor , zu sprechen , wie es ihr eigentlich ums Herz war . “ Na — wir wollen einmal sehen , ” sagte der Regierungsrat . Sie fiel ihrem Vater um den Hals und küßte ihn stürmisch . “ Du Wirbelwind , ” bemerkte er zärtlich , ihr die Wangen klopfend . “ Und das nennt sich alte Jungfer ! ” Agathe hatte die schönsten Erwartungen . Nein — so grausam — so grausam konnten die Eltern nicht sein . . . . sie würden ihr schon den Wunsch erfüllen ! — — Auf ihrem Weihnachtstisch fand sie ein reizendes Jabot aus rosa Krepp — sie hatte es einmal in einem Schaufenster bewundert — und einen Prachtband mit bunten Bildern : die Flora von Mitteldeutschland , zum Gebrauch für unsere Töchter , — daneben eine geschnitzte Blumenpresse . “ Siehst Du , liebes Kind , ” sagte ihr Vater freundlich , “ hier habe ich ein sehr hübsches Werk gefunden , das besser für Dich paßt , als die Bücher , die Du da aufgeschrieben hast . Ich blätterte in den Sachen — sie wollten mir gar nicht für mein Töchterchen gefallen . Hier findest Du eine Anweisung , wie man Blumen trocknet — daraus fabriziert Ihr ja jetzt allerliebste Lichtschirme ! Das wird Dir auch Spaß machen ! ” Agathe sah stumm vor sich nieder . Sie mußte an den Herwegh denken , den man ihr einst gegen die fromme Minne eingetauscht . . Wiederholte sich denn jedes Ereignis immer aufs neue in ihrem Leben ? Und würde sich ' s nach zehn Jahren ebenso wiederholen ? Entwickelten sich denn alle Wesen in dieser Welt zu höheren Daseinsformen und nur sie und ihresgleichen blieben davon ausgeschlossen ? Sie war “ das junge Mädchen ” — und mußte es bleiben , bis man sie welk und vertrocknet , mit grauen Haaren und eingeschrumpftem Hirn in den Sarg legte — ? Wußte denn keiner , daß es grausam war , eine Blume , die nach Entfaltung strebte , durch ein seidenes Band zu umschnüren , damit sie Knospe bleiben sollte . Wußte keiner , daß sie dann im Innern des Kelches verrottete und faulte ? — — Jedesmal , wenn Agathe durch ihres Vaters Zimmer ging und ihr Blick den Bücherschrank streifte , der nun verschlossen war , stieg heißer Zorn gegen ihren Vater in ihr auf . Er wußte ja nicht , was er that , dachte sie , um ihn gegen sich selbst zu verteidigen . Täglich nahm er sie in den Arm und küßte sie , des Morgens und des Abends — aber was sie ihr Leben lang empfunden und durchgerungen , davon ahnte er nichts . Wie zart und geübt , wie gütig und geschickt hätte die Hand sein müssen , der es gelungen wäre , die dunklen Instinkte , die gährenden Gewalten , die in verschwiegenem Kampf sie zerwühlten , bis in die Form des Wortes herauszulocken . Onkel Gustav war gestorben . Mama hatte ihn heute morgen tot im Bett gefunden — fast in derselben Stellung , in der sie ihn am Abend zum Schlaf zurechtgelegt hatte . Er war sehr leidend gewesen in der letzten Zeit , aber der Arzt versicherte stets , er könne bei der guten Pflege noch Monate , ja noch Jahre leben . Mama und Agathe saßen still zusammen und flochten an einer Guirlande . Frau Heidling reichte ihrer Tochter kleine Sträuße von Grün und Blumen , aber sie machte es oft ganz verkehrt . Beide sahen müde und abgezehrt aus — besonders Mama konnte sich kaum noch aufrecht halten . Ihre Kräfte waren durch die Anforderungen des Kranken bis auf den letzten Rest verzehrt . Was sie und Agathe sich auch ausdachten an guten stärkenden Bissen — nichts hatte ihm geschmeckt . Verdrießlich schob er den Teller zurück und erzählte von diesem oder jenem Hotelkoch , der gerade das eine Gericht so wunderbar schön zu bereiten verstand . Beständig wollte er unterhalten sein und unterbrach doch meistens die Bemühungen seiner Nichte mit der trübseligen Bemerkung : “ Ach , Kind — das interessiert mich ja gar nicht ! ” Für nichts auf der Welt empfand er Teilnahme . Es war fast noch ein Glück zu nennen , daß die Pflege seines Körpers viele Stunden des Tages ausfüllte , denn sauber und appetitlich blieb “ die Kirschblüte ” , wie Onkel Gustav bei Agathes Freundinnen genannt wurde — bis zuletzt . Freilich sank die arme Mama , die dem alten , schwachen Herrn allein bei der Toilette helfen durfte , immer halb ohnmächtig vor Ermattung hinterher aufs Sofa . Nun war der große Lehnstuhl am Fenster , in dem Onkel Gustav , mit einem langen , grauen Schlafrock bekleidet , ein halbes Jahr hindurch gesessen , leer geworden . Auf dem Tisch lag seine hübsche blonde Perrücke , ohne die er sich der Nichte niemals gezeigt hatte . Die Angehörigen sprachen wehmütig über das Leben , das so still zerronnen . Frau Heidling erzählte von der strahlenden Jugendblüte ihres Schwagers . Zu der Zeit habe man gemeint , es könne ihm an Erfolg nicht fehlen . Jeder habe ihm eine reiche Heirat prophezeit . Der Regierungsrat ging ernst im Zimmer auf und nieder . “ Das war sein Unglück , ” bemerkte er , stehen bleibend . “ Gustav stellte seine Hoffnung und seine Pläne auf die Frauen , statt auf sich selbst . Dabei konnte natürlich nur ein verfehltes , thörichtes Leben herauskommen . Man soll von den Toten ja nichts Übles reden — aber was hat die menschliche Gesellschaft , was er selbst von seiner Existenz gehabt ? — Keine Pflichten — kein Beruf — kein Streben nach eigener Vervollkommnung . . Nur immer die Frauen — die Frauen ! Schließlich haben die Frauen ihn auch nur genarrt ! ” Der Regierungsrat schwieg — vor Agathe durfte man den ferneren Gedankengang nicht gut laut werden lassen . Agathe nahm ihre Guirlande und trug sie hinüber in das Sterbezimmer , wo der gute Onkel im Sarge lag . Mit leisen , vorsichtigen Bewegungen schlang sie das Grün um sein weißes Kissen . Wie er zusammengefallen war , nun man ihm auch die falschen Zähne herausgenommen hatte . Ein sehr alter Mann — und doch hatte er noch nicht die Sechzig erreicht . Niemand grämte sich über seinen Tod — auf der weiten Welt niemand — die Frauen hatten ihn nur genarrt . Wer wird sich einmal um sie grämen ? Niemand — auf der weiten Welt niemand . Die Liebe hatte sie auch nur genarrt . Bei Onkel Gustavs Begräbnis holte Mama sich eine Erkältung , und nun brach sie vollends zusammen . Das war eine andere Pflege , als die von Onkel Gustav . Schlaflose Nächte — wochenlang in tötlicher Aufregung , ein zitterndes Bangen und Erwarten . . . . O Gott — o mein Gott — mußte sie von hinnen ? Agathe verzweifelte fast bei der Vorstellung . Nein — dann war das Leben länger nicht zu ertragen — dann machte auch sie ein Ende ! Sicherlich ! Papa konnte zu Eugenie und Walter gehen . “ O Herrgott — o barmherziger Heiland — strafe mich nicht um meines Unglaubens willen ! Laß mir doch mein liebes Mütterchen noch ! Ich habe ja weiter nichts — weiter nichts ! ” Sie wollte auch gar kein Verständnis , keine geistige Gemeinschaft — nur das bißchen Liebe und Zärtlichkeit nicht verlieren . Der gleiche Kampf , Tag und Nacht . . . . Agathe war es oft , als ringe sie Körper an Körper mit dem Tode und als müsse sie siegen , wenn sie alle Kräfte bis aufs äußerste anspannte — keine Sekunde nachließ — immerfort auf der Wacht blieb . . . . “ Wie Agathe das aushält , ist mir unbegreiflich , ” sagte Eugenie . “ Ich hätte dem Mädchen so viel Stärke gar nicht zugetraut . ” “ In der Not sieht man erst , was in dem Menschen steckt , ” bemerkte Walter achtungsvoll . Sie sollte eine Diakonissin zur Hilfe nehmen . Ja — schon gut ! Aber was wußte die Krankenschwester von dem heimlichen Kampf ? Würde sie mitten in der Todesangst sich das Hirn zermartern , welche Listen nun angewendet werden mußten , um das Furchtbare zu vertreiben , das da unsichtbar und wartend im Zimmer stand — dicht neben Agathe — sie fühlte es — sie roch es — sie spürte seine Gegenwart ungreifbar in ihrer Nähe — entsetzte sich mit kalten Schauern , die durchs innerste Mark drangen . . . Und doch fand sie dabei ein liebes und tröstendes Wort für die Kranke . Nein — das würde die fremde Pflegerin nicht thun — das konnte sie einfach nicht . Sie wußte ja doch nicht , was davon abhing , daß die alte , müde , traurige Frau nicht starb ! Und darum half ihre Gegenwart Agathe auch nichts . Allein mußte es durchgeschafft werden . — — In der letzten Zeit betete Agathe nicht mehr . Ihr Herz war gefühllos geworden , wie in allen Krisen ihres Lebens , sie glaubte auch nicht , daß sie ihre Mutter wiedersehen werde . Sie vermochte sich das geduldige Antlitz , den alten , schmerzensvollen Leib , welchen sie mit tausend Zärtlichkeiten pflegte , nicht in verklärter Gestalt zu denken . Das würde ja doch nicht ihre Mutter mehr sein . Die Kranke sprach oft vom Himmel und von ihren gestorbenen Kinderchen , die sie dort erwarteten . Dann nahmen ihre Augen einen so sehnsüchtigen Ausdruck an , daß man ahnen konnte , wie viel von ihrem Herzensleben die Frau mit ihnen ins Grab gelegt hatte . Sie war mit dem lebenden Sohn und der Tochter nicht gewachsen — sie war immer die Mutter der kleinen Kinder geblieben . In lichten , schmerzfreien Augenblicken erzählte sie Agathe Geschichtchen aus deren Säuglingsalter und flüsterte ihr die Kosenamen zu , in denen sie einst mit dem unbewußten , zappelnden