witterte rechts und links die Verschwörung , die er leider nicht greifen konnte , und streckte die Nase hoch in die Luft . Da war eine Thür – sie kam ihm verdächtig vor . Sie lag im Schatten eines mächtigen Pfeilers und war auffallend tief und fest in die Mauer gefügt . Die kleine Pforte führte jedenfalls zu einer Seitentreppe , vielleicht in geheime Gänge , möglicherweise sogar in die Keller hinab , welche die Phantasie Huberts sofort mit verborgenen Waffenlagern und ganzen Scharen von Hochverrätern bevölkerte . Ob man es versuchte , wenigstens auf die Klinke zu drücken ? Im schlimmsten Falle konnte man sich mit einem Irrtume , mit einem Verirren in den Gängen des Schlosses entschuldigen ; vielleicht lag hier der Schlüssel zu all seinen Geheimnissen . Da öffnete sich urplötzlich die Thür und – Waldemar Nordeck trat heraus . Der Assessor prallte zurück . Gerechter Gott ! beinahe wäre er zum zweitenmal an den Herrn von Wilicza geraten . Ein einziger Blick durch die offene Spalte zeigte ihm , daß es dessen Schlafzimmer war , das er für so gefährlich gehalten . Waldemar ging mit sehr kühlem Gruße an ihm vorüber nach den Zimmern des Doktor Fabian . Hubert sah , daß ihm trotz seiner Entschuldigung das » verdächtige Subjekt « noch nicht vergeben war . Dieses Bewußtsein und die unerwartete Begegnung nahmen ihm für jetzt die Lust zu ferneren Entdeckungen , und als vollends ein Diener auf der Treppe erschien , blieb ihm nichts weiter übrig , als den Rückzug anzutreten . Waldemar war inzwischen bei seinem Lehrer eingetreten , den er am Schreibtische fand , beschäftigt , die Bücher und Zeitungen , welche er vorhin vor den neugierigen Augen des Assessors in Sicherheit gebracht , wieder zu ordnen ; der junge Gutsherr näherte sich gleichfalls dem Tische . » Nun , was gibt es für Nachrichten ? « fragte er . » Sie haben Briefe und Zeitungen aus J. erhalten . Ich sah es , als ich Ihnen vorhin das Briefpaket herübersandte . « Der Doktor blickte auf . » Ach , Waldemar , « sagte er in schmerzlichem Tone , » warum haben Sie mich fast gezwungen , mit meinen stillen Studien und Arbeiten vor die Oeffentlichkeit zu treten ! Ich sträubte mich von Anfang an dagegen , aber Sie ließen nicht nach mit Treiben und Drängen , bis ich das Buch erscheinen ließ . « » Natürlich ! Was nützt es Ihnen und der Welt , wenn es in Ihrem Schreibtische verschlossen bleibt ? Aber was ist denn geschehen ? Ihre › Geschichte des Germanentums ‹ wurde ja über alles Erwarten günstig in den betreffenden Kreisen aufgenommen . Gerade aus J. kam die erste Anerkennung vom Professor Weber , und ich dächte , dessen Name und Urteil wäre doch von entscheidendem Gewichte . « » Das glaubte ich auch , « entgegnete Fabian niedergeschlagen . » Ich war so glücklich und stolz auf das Lob aus einem solchen Munde , aber gerade dies hat dem Professor Schwarz – Sie kennen ihn ja – Anlaß gegeben , in einer ganz unerhörten Weise über mich und mein Buch herzufallen . Lesen Sie nur ! « Er reichte ihm das Zeitungsblatt hin . Nordeck nahm es und las es ruhig durch , » Das sind ja allerliebste Bosheiten ! Besonders der Schluß läßt darin nichts zu wünschen übrig : › Wie wir hören , war diese von Herrn Professor Weber ganz neu entdeckte Berühmtheit längere Zeit Hauslehrer bei dem Sohne eines der ersten Grundbesitzer unsres Landes , mit dessen Erziehung sie aber durchaus kein glänzendes Resultat erzielte . Trotzdem mag der Einfluß dieses vornehmen Zöglings das Seinige gethan haben zu der maßlosen Ueberschätzung eines Werkes , mit dem ein ehrgeiziger Dilettant es versucht , sich in die Reihe von Männern der Wissenschaft zu drängen . ‹ « Waldemar warf das Blatt auf den Tisch . » Armer Doktor , wie oft werden Sie es noch büßen müssen , mich Ungetüm erzogen zu haben ! Freilich ist Ihre Erziehung so unschuldig an meiner Unliebenswürdigkeit wie mein Einfluß an der Weberschen Kritik Ihres Buches , aber den Hauslehrer vergibt man Ihnen nun einmal nicht in jenen Kreisen , und sollten Sie auch später selbst den Professorenstuhl besteigen . « » Mein Gott , wer denkt daran ! « rief der Doktor , förmlich erschreckt von dieser Idee . » Ich doch gewiß nicht , und ebendeshalb kränkt es mich so tief , daß mir Ehrgeiz und unberechtigtes Eindrängen vorgeworfen wird , weil ich ein einfaches wissenschaftliches Werk geschrieben habe , das sich streng an die Sache hält , niemand beleidigt , niemand zu nahe tritt – « » Und nebenbei ausgezeichnet ist , « fiel Waldemar ein . » Ich dächte , das müßten Sie endlich glauben , nachdem Weber so entschieden Partei dafür ergriffen hat . Sie wissen , er läßt sich nicht beeinflussen , und er war Ihnen doch sonst eine unbestrittene Autorität , zu der Sie bewundernd emporblickten . « » Professor Schwarz ist auch eine Autorität . « » Ja , aber eine schwarzgallige , die keine Bedeutung außer der eigenen gelten läßt . Mein Gott , warum mußten Sie auch gerade mit dem Germanismus hervortreten ! Das ist sein Fach , darüber hat er geschrieben , und wehe dem , der sich sonst noch darin zu regen wagt – sein Urteil ist von vornherein gesprochen . Sehen Sie doch nicht so mutlos aus ! Das schickt sich nicht für die neu entdeckte Berühmtheit . Was würde Onkel Witold mit seiner souveränen Verachtung des › alten Heidengerümpels ‹ wohl zu dieser Entdeckung gesagt haben ! Ich glaube , Sie wären daraufhin in Altenhof etwas respektvoller behandelt worden , als es leider der Fall war . Es war ein Opfer von Ihnen , bei mir auszuhalten . « » Sprechen Sie doch nicht so , Waldemar ! « sagte der Doktor mit einem Anfluge von Unwillen , » ich weiß am besten , auf wessen Seite jetzt das Opfer ist . Wer bestand denn hartnäckig darauf , mich bei sich zu behalten , obgleich ich ihm gar nichts nützen konnte , und weigerte sich doch stets , die kleinste Rücksicht anzunehmen , die mich von meinen Büchern entfernte ? Wer gab mir die Mittel , mich jahrelang einzig dem Studium hinzugeben und mein zerstreutes Wissen zu sammeln und zu ordnen ? Wer zwang mich fast , ihn auf der Reise zu begleiten , weil das angestrengte Arbeiten meine Gesundheit erschüttert hatte ? Mir ist jene Stunde , in der Ihr Normann mich verwundete , zu großem Segen geworden ; sie hat mir alles gegeben , was ich vom Leben hoffte und wünschte . « » Da wünschen Sie wahrhaft sehr wenig , « unterbrach ihn Waldemar ungeduldig – er war offenbar bemüht , das Gespräch von diesem Punkte abzulenken . » Aber noch eins : ich begegnete ja vorhin im Schlosse dem genialen Vertreter des Polizeidepartements von L. Er kam von Ihnen , und auch drüben auf dem Gutshofe sehe ich ihn jede Minute auftauchen . Uns können doch seine Besuche nicht mehr gelten , seitdem wir uns als unverdächtige › Subjekte ‹ ausgewiesen haben . Was macht er denn noch fortwährend in Wilicza ? « Fabian sah mit großer Befangenheit zu Boden . » Ich weiß es nicht , aber ich vermute , daß seine häufige Anwesenheit in der Familie des Administrators einen durchaus persönlichen Grund hat . Mir machte er vorhin einen Besuch . « » Und Sie empfangen ihn auch ganz freundschaftlich ? Herr Doktor , Sie sind ein Mann nach der Lehre des Christentums . Wenn man Ihnen die rechte Wange schlägt , reichen Sie geduldig die linke hin . Ich glaube , Sie würden sich nicht einen Augenblick bedenken , dem Professor Schwarz den größten Freundschaftsdienst zu erweisen . Aber nehmen Sie sich in acht vor diesem verhaftungswütigem Assessor ! Er ist sicher wieder auf der Jagd nach Verschwörern , und so beschränkt er auch ist , der Zufall könnte ihm doch einmal die rechten in die Hände spielen – hier in Wilicza ist das nicht schwer . « Die letzten Worte wurden in so grollendem Tone gesprochen , daß der Doktor den ersten Band seiner » Geschichte des Germanentums « , den er in der Hand hielt , schnell niederlegte . » Sie haben unangenehme Entdeckungen gemacht ? « fragte er , » Schlimmere noch , als Sie erwarteten ? Ich dachte es mir , wenn Sie mir auch bisher wenig genug darüber sagten . « Waldemar hatte sich niedergesetzt und stützte den Kopf in die Hand . » Sie wissen ja , ich spreche nicht gern von Widerwärtigkeiten , deren ich noch nicht Herr geworden bin , und überdies brauchte ich Zeit , um mich zu orientieren . Wer stand mir denn dafür , daß der Administrator nicht auch ein Interesse hatte , die Sache so darzustellen , wie er es tat , daß er nicht wenigstens übertrieb und entstellte ? In solchen Dingen darf man nur dem eigenen Urteile vertrauen , und ich habe das meinige in diesen letzten Wochen gebraucht . Leider bestätigt sich jedes Wort , das Frank mir geschrieben hat . So weit seine Machtvollkommenheit reicht , herrscht Ordnung , und es mag ihm schwer genug geworden sein , sie zu halten und zu verteidigen . Auf den anderen Gütern aber , auf den Pachthöfen und vollends in den Forsten – Ich war auf Schlimmes gefaßt , aber solch ein Chaos hätte ich denn doch nicht erwartet . « Fabian schob seine Bücher und Zeitungen jetzt gänzlich beiseite und folgte der Schilderung Waldemars mit ängstlicher Teilnahme . Die düstere Miene seines Zöglings schien ihn zu beunruhigen . » Onkel Witold hat immer gemeint , meine polnische Herrschaft ließe sich aus der Ferne verwalten , « fuhr Nordeck fort , » und er hatte leider auch mich in diesem Glauben erzogen . Ich liebte Wilicza nicht . Für mich wurzelten hier nur bittere Erinnerungen an das unheilbare Zerwürfnis meiner Eltern , an meine ersten freudlosen Kinderjahre ; ich war gewohnt , Altenhof als meine Heimat anzusehen , und später , als ich hätte hierherkommen sollen , herkommen müssen , da – war etwas anderes , was mich zurückhielt . Das rächt sich jetzt . Die zwanzigjährige Beamtenwirtschaft , die mein Vormund duldete , hat schon Unheil genug gestiftet , aber das Aergste haben die letzten vier Jahre unter dem Baratowskischen Regimente gethan . Freilich ist es meine Schuld allein . Warum habe ich mich nie um mein Eigentum gekümmert , warum machte ich die leidige Gewohnheit des Onkels , jedem Berichte zu glauben , der auf dem Papiere stand , zu der meinigen ? Jetzt stehe ich wie verraten und verkauft auf meinem Grund und Boden . « » Sie waren ja noch so jung damals , als Sie mündig gesprochen wurden , « begütigte der Doktor . » Die drei Jahre auf der Universität waren wirklich dringend notwendig für Ihre Ausbildung , und als wir dann noch ein Jahr auf Reisen waren , ahnte ja niemand , wie die Dinge hier standen . Wir sind sofort umgekehrt , als Sie den Brief des Administrators erhielten , und Sie mit Ihrer Energie sind doch sicher auch den schlimmsten Verhältnissen gewachsen . « » Wer weiß ! « sagte Waldemar finster . » Die Fürstin ist meine Mutter , und sie und Leo sind gänzlich von meiner Großmut abhängig – das ist es , was mir die Hände bindet . Wenn ich es zu einem ernstlichen Zerwürfnisse kommen lasse , so müssen sie Wilicza verlassen . Rakowicz ist dann ihre einzige Zuflucht , und einer solchen Demütigung will ich wenigstens meinen Bruder nicht aussetzen . Und doch muß ein Ende gemacht werden , besonders mit dem , was im Schlosse geschieht . Sie ahnen noch nichts davon ? Ich glaube es , aber ich weiß desto mehr . Ich wollte nur erst klar in der Sache sehen – und nun werde ich mit meiner Mutter reden . « Es trat eine längere Pause ein . Fabian wagte keine Erwiderung ; er wußte , daß , wenn das Gesicht des jungen Schloßherrn so aussah wie jetzt , es sich nicht um Kleinigkeiten handelte , endlich aber trat er doch auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter mit der leisen Frage : » Waldemar , was ist denn gestern auf der Jagd vorgefallen ? « Waldemar blickte auf , » Auf der Jagd ? Nichts ! Wie kommen Sie darauf ? « » Weil Sie so grenzenlos verstimmt zurückkamen . Ich hörte freilich bei Tische einige Andeutungen über einen Streit zwischen Ihnen und dem Fürsten Baratowski – « » Nicht doch ! « sagte Nordeck gleichgültig , » Leo war allerdings empfindlich , weil ich sein Lieblingspferd beim Reiten etwas unsanft behandelte , die Sache ist aber von gar keiner Bedeutung und bereits ausgeglichen . « » Dann war es also etwas andres . « » Ja – etwas andres . « Es folgte ein erneutes sekundenlanges Schweigen , dann begann der Doktor wieder : » Waldemar , die Fürstin nannte mich neulich Ihren einzigen Vertrauten ; ich hätte ihr entgegnen können , daß Sie überhaupt keinen Vertrauten haben . Etwas stehe ich Ihnen vielleicht näher , als alle andern , aber Ihr Inneres schließen Sie auch mir niemals auf . Müssen Sie denn durchaus alles allein tragen und durchkämpfen ? « Waldemar lächelte , aber es war ein kaltes , freudloses Lächeln . » Sie müssen mich schon nehmen , wie ich nun einmal bin . Aber wozu denn die Besorgnis ? Ich habe doch wohl bei all den Sorgen und Widerwärtigkeiten , die hier auf mich einstürmen , Grund genug , verstimmt zu sein . « Der Doktor schüttelte den Kopf , » Das ist es nicht . Dergleichen reizt und erbittert Sie höchstens , aber die Stimmung , die Sie jetzt beherrscht , ist eine andre . So habe ich Sie nur einmal gesehen , Waldemar , damals in Altenhof , als – « » Herr Doktor , ich bitte , verschonen Sie mich mit diesen Erinnerungen ! « unterbrach ihn Waldemar so rauh und ungestüm , daß Fabian zurückwich , aber er besann sich sofort wieder . » Es thut mir leid , daß auch Sie unter dem Aerger leiden müssen , den dieses Wilicza mir verursacht , « fuhr er mit bedeutend gemilderter Stimme fort . » Es war überhaupt egoistisch von mir , daß ich Sie mit hierher nahm . Sie hätten nach J. zurückkehren sollen , wenigstens so lange , bis ich hier Ordnung geschafft habe und Ihnen ein ruhiges Asyl bieten kann . « » Ich hätte Sie unter keiner Bedingung allein gelassen , « erklärte Fabian mit seiner sanften Stimme , die aber diesmal etwas ungewöhnlich Bestimmtes hatte . Waldemar reichte ihm wie zur Abbitte die Hand . » Das weiß ich ja , aber nun quälen Sie sich auch nicht länger mit meinen Sorgen , oder ich bereue es wirklich , offen gegen Sie gewesen zu sein . Sie haben genug mit Ihren eigenen Angelegenheiten zu thun . Wenn Sie nach J. schreiben , so sagen Sie dem Professor Weber einen Gruß von mir , und ich wäre eben dabei , Ihr Werk ins Praktische zu übersetzen und meinen urslavischen Gütern etwas von der › Geschichte des Germanentums ‹ aufzuprägen ; es thäte not hier in Wilicza . – Leben Sie wohl ! « Er ging . Doktor Fabian blickte ihm nach und seufzte . » Undurchdringlich und starr wie ein Fels , sobald man es versucht , diesem einen Punkte nahe zu kommen , und ich weiß doch , daß er bis auf den heutigen Tag noch nicht damit fertig geworden ist und es niemals werden wird . Ich fürchte , der unglückselige Einfluß , um dessen willen wir Wilicza so lange mieden , fängt wieder an , seine Kreise zu ziehen . Mag Waldemar es leugnen , wie er will , als er gestern von der Jagd zurückkam , habe ich es gesehen – er ist wieder in dem alten Bann . « Es war am Abend desselbigen Tages . In Wilicza herrschte die vollste Ruhe und Stille im Gegensatz zu gestern , wo alles von Gästen schwärmte . Nach der Rückkehr von der Jagd hatte noch ein großes Souper stattgefunden , das sich bis in die Nacht hinein ausdehnte , und die meisten der Eingeladen hatten erst am heutigen Morgen das Schloß verlassen . Auch Graf Morynski und Leo waren zum Besuch eines der Gutsnachbarn abgereist ; sie beabsichtigten erst in einigen Tagen heimzukehren . Wanda war zur Gesellschaft ihrer Tante zurückgeblieben . Die beiden Damen befanden sich also heute abend allein im Salon ; er war bereits erleuchtet , und die Vorhänge waren überall herabgelassen ; man merkte hier drinnen nichts von dem rauhen Novembersturm , der draußen tobte . Die Fürstin saß auf dem Sofa , während die junge Gräfin von ihrem Sitze aufgestanden war ; sie hatte den Sessel wie im Unmut zurückgestoßen und ging unruhig im Zimmer auf und nieder . » Ich bitte dich , Wanda , verschone mich mit diesen Kassandrawarnungen ! « sagte die ältere Dame , » Ich wiederhole dir , daß dein Urteil vollständig von deiner Antipathie gegen Waldemar beeinflußt wird . Muß er denn notgedrungen unser aller Feind sein , weil du fortwährend mit ihm auf dem Kriegsfuße stehst ? « Wanda hemmte ihren Schritt , und ein finsterer Blick flog zu der Sprechenden hinüber . » Vielleicht bereust du es noch einmal , Tante , daß du nur Spott für meine Warnungen hast , « erwiderte sie . » Ich bleibe dabei , du täuschest dich in deinem Sohne . Er ist weder so blind noch so gleichgültig , wie du und ihr alle glaubt . « » Willst du mir statt all dieser dunkeln Prophezeiungen nicht lieber klar und deutlich sagen , was du eigentlich fürchtest ? « fragte die Fürstin . » Du weißt , ich gebe in solchen Dingen nichts auf Meinungen und Ansichten – ich verlange Beweise . Woher kommt dir der Verdacht , an dem du so hartnäckig festhältst ? Was hat dir Waldemar eigentlich gesagt , als du gestern mit ihm auf der Försterei zusammentrafest ? « Wanda schwieg . Dieses Zusammentreffen am Waldsee – nicht auf der Försterei , wie sie für gut befunden hatte , ihrer Tante zu sagen – bewies doch im Grunde nichts für ihre Behauptungen , denn Waldemar hatte ihr gegenüber nicht das geringste zugegeben , und sie hätte um keinen Preis der Welt die Einzelheiten ihres Gespräches mit ihm wiederholt . Sie konnte nichts anführen , als jenen seltsamen Instinkt , welcher sie von Anfang an geleitet hatte bei der Beurteilung eines Charakters , der sich sogar dem Scharfblick der Fürstin verhüllte , aber sie wußte sehr gut , daß sie Ahnungen und Instinkte nicht geltend machen durfte , ohne ein Spottlächeln auf die Lippen ihrer Tante zu rufen . » Wir sprachen nur wenig miteinander , « entgegnete sie endlich , » aber es war genug , um mich zu überzeugen , daß er bereits mehr weiß , als er wissen sollte . « » Das ist möglich , « versetzte die Fürstin mit vollkommener Ruhe , » und darauf mußten wir früher oder später gefaßt sein . Ich zweifle zwar , daß Waldemar selbst Beobachtungen angestellt hat , aber man wird ihm das Nötige wohl drüben auf dem Gutshofe eingeflüstert haben , wo er mehr verkehrt , als mir lieb ist . Er weiß eben , was der Administrator weiß , und was auch in L. kein Geheimnis mehr ist , daß wir zu den Unsern halten . Ein tieferer Einblick ist ihm so wenig möglich wie den andern ; danach haben wir unsre Maßregeln genommen . Uebrigens beweist seine ganze bisherige Haltung , daß ihm die Sache vollkommen gleichgültig ist , und sie kann es ihm auch sein , da sie ihn persönlich nicht im mindesten berührt ; in jedem Falle aber besitzt er Anstandsgefühl genug , seine nächsten Blutsverwandten nicht preiszugeben . Ich habe es erprobt , als es sich um die Entlassung Franks handelte ; sie war ihm unangenehm – das weiß ich , und doch zögerte er nicht , sich auf meine Seite zu stellen , weil ich bereits zu weit gegangen war , als daß er noch hätte widerrufen können , ohne mich preiszugeben . Ich werde sorgen , daß ihm auch in ernsteren Fällen keine Wahl bleibt , wenn er wirklich einmal Lust zeigen sollte , den Schloßherrn oder den Deutschen herauszukehren . « » Du willst nicht hören , « sagte Wanda abbrechend . » So mag denn die Zukunft entscheiden , wer von uns beiden recht hat . – Jetzt noch eine Bitte , liebe Tante ! Du hast wohl nichts dagegen , wenn ich morgen früh nach Hause zurückkehre ? « » So bald schon ? Es war ja ausgemacht , daß dein Vater dich hier abholen sollte . « » Ich bin einzig hier geblieben , um eine ungestörte Unterredung mit dir über diesen Punkt zu haben ; sonst hätte mich nichts in Wilicza zurückgehalten . Es war umsonst , wie ich sehe – also laß mich fort ! « Die Fürstin zuckte die Achseln . » Du weißt , mein Kind , wie gern ich dich um mich sehe , aber ich gestehe dir offen , nach dem heutigen Zusammentreffen bei Tische habe ich nichts gegen deine beschleunigte Abreise einzuwenden . Du und Waldemar , ihr wechselt ja auch nicht eine Silbe miteinander ; ich mußte fortwährend den Doktor Fabian ins Gespräch ziehen , um nur einigermaßen die Pein dieser Stunde zu überwinden ; wenn du dich bei den doch nun einmal unvermeidlichen Begegnungen nicht mehr beherrschen kannst , so ist es wirklich besser , du gehst . « Trotz des sehr ungnädigen Tones , in welchem die Erlaubnis erteilt wurde , atmete die junge Gräfin doch auf , als sei damit eine Last von ihr genommen . » So werde ich den Papa benachrichtigen , daß er mich bereits in Rakowicz findet und nicht erst den Umweg über Wilicza zu nehmen braucht , « sagte sie rasch . » Du erlaubst mir wohl auf einige Minuten deinen Schreibtisch ? « Die Fürstin machte eine zustimmende Bewegung ; diesmal hatte sie in der That nichts gegen die Abreise ihrer Nichte einzuwenden , denn sie war es müde , fortwährend zwischen ihr und Waldemar stehen zu müssen , um eine Scene oder gar einen vollständigen Bruch zu verhüten , mit dem Eigensinn der beiden ließ sich nun einmal nichts anfangen . Wanda ging in das anstoßende Arbeitskabinett ihrer Tante , das nur eine halbgeöffnete Portiere von dem Salon trennte , und setzte sich an den Schreibtisch . Sie hatte jedoch kaum die ersten Worte geschrieben , als ein rasches Oeffnen der Salonthür und ein fester , sicherer Schritt , der sogar auf dem weichen Teppich hörbar wurde , sie innehalten ließ . Gleich darauf ertönte Waldemars Stimme nebenan . Langsam legte die Gräfin die Feder nieder ; man konnte sie hier im Kabinett unmöglich bemerken , und sie fühlte keine Veranlassung , ihre Gegenwart kund zu thun , sondern verharrte unbeweglich , den Kopf auf den Arm gestützt ; es entging ihr kein Wort von dem , was im Salon gesprochen wurde . Auch die Fürstin sah beim Eintritt ihres Sohnes überrascht auf . Er pflegte sie um diese Zeit niemals aufzusuchen . Waldemar brachte die Abende stets in seinen eigenen Zimmern zu , in der ausschließlichen Gesellschaft des Doktors Fabian . Heute aber schien ein Ausnahmefall stattzufinden , denn er nahm nach kurzer Begrüßung an der Seite seiner Mutter Platz und begann von der gestrigen Jagd zu sprechen . Einige Minuten lang drehte sich die Unterhaltung um gleichgültige Dinge . Waldemar hatte ein auf dem Tische liegendes Album mit Aquarellzeichnungen ergriffen und blätterte darin , während die Fürstin sich in die Sofakissen zurücklehnte . » Hast du schon gehört , daß dein Administrator beabsichtigt , selbst Gutsherr zu werden ? « warf sie im Laufe des Gespräches hin . » Er geht ernstlich damit um , sich in der Nachbarschaft anzukaufen . Die Stellung in Wilicza muß doch sehr einträglich gewesen sein , denn soviel ich weiß , besaß Frank kein Vermögen , als er hierher kam . « » Er hat aber zwanzig Jahre lang ein sehr bedeutendes Einkommen gehabt , « meinte Waldemar , ohne von den Blättern aufzusehen . » Nach der Art , wie sein Haushalt eingerichtet ist , kann er kaum die Hälfte davon verbraucht haben . « » Und nebenbei wird er auch wohl seinen Vorteil wahrgenommen haben , wo und wie es nur anging . Doch das beiseite – ich wollte dich fragen , ob du schon an einen Ersatz für ihn gedacht hast ? « » Nein . « » So möchte ich dir einen Vorschlag machen . Der Pächter von Janowo vermag das Gut nicht mehr zu halten ; er ist durch unverschuldete Unglücksfälle zurückgekommen und genötigt , sich wieder in Abhängigkeit zu begeben . Ich glaube , daß er sich für die Stellung in Wilicza ganz außerordentlich eignen würde . « » Ich glaube es nicht , « sagte Waldemar sehr ruhig . » Der Mann ist den ganzen Tag betrunken und hat seine Pachtung durch eigene Schuld und in der unverantwortlichsten Weise zu Grunde gerichtet . « Die Fürstin biß sich auf die Lippen . » Wer hat dir das gesagt ? Der Administrator jedenfalls . « Der junge Gutsherr schwieg , während seine Mutter in etwas gereiztem Tone fortfuhr : » Ich denke begreiflicherweise nicht daran , dich in der Wahl deiner Beamten zu beeinflussen , aber in deinem eigenen Interesse möchte ich dich doch warnen , den Verleumdungen Franks so unbedingten Glauben zu schenken . Der Pächter ist ihm als Nachfolger unbequem und deshalb intrigiert er gegen ihn . « » Schwerlich , « versetzte Waldemar mit derselben Gelassenheit wie vorhin , » denn er weiß bereits , daß ich ihm keinen Nachfolger zu geben gedenke . Für die Einzelheiten der Wirtschaft genügen die beiden deutschen Inspektoren vollkommen , und was die Oberleitung betrifft , so werde ich sie selbst in die Hand nehmen . « Die Fürstin stutzte . Es war , als ob ihr etwas plötzlich den Atem raube . » Du selbst ? « wiederholte sie . » Das ist mir neu . « » Das sollte es doch nicht sein . Es ist ja stets die Rede davon gewesen , daß ich meine Güter einmal selbst übernehmen würde . Der Universitätsbesuch und die Reisen haben das wohl verzögert , aber doch nicht aufgehoben . Die Land- und Forstwirtschaft kenne ich genügend ; dafür hat mein Vormund gesorgt . Ich werde allerdings einige Mühe haben , mich in die hiesigen Verhältnisse hineinzufinden , aber bis zum Frühjahr bleibt mir ja noch Frank zur Seite . « Er warf das alles mit einer Gleichgültigkeit hin , als sage er ganz selbstverständliche Dinge , und schien dabei so vollständig in die Betrachtung einer Aquarellzeichnung vertieft zu sein , daß er die Bestürzung seiner Mutter gar nicht gewahrte . Diese hatte sich aus ihrer nachlässigen Stellung aufgerichtet und sah ihn forschend und unverwandt an , aber sie machte dieselbe Erfahrung wie gestern ihre Nichte – aus diesem Antlitze ließ sich nichts herauslesen . » Es ist doch seltsam , daß du nie ein Wort über diesen Entschluß hast fallen lassen , « bemerkte sie . » Du ließest uns alle nur an einen kurzen Besuch glauben . « » Er war auch anfangs beabsichtigt , aber ich sehe , daß den Gütern die Hand des Herrn fehlt . Ueberhaupt , « fuhr er nach einer Pause fort , » habe ich mit dir zu reden , Mutter . « Er schloß das Buch und warf es auf den Tisch . Jetzt zum erstenmal kam der Fürstin der Gedanke , der » Instinkt « Wandas könne doch richtiger gesehen haben , als ihr eigener sonst so untrüglicher Blick ; sie sah den Sturm kommen , aber sie war auch sofort bereit , ihm zu begegnen , und der Ausdruck von Entschlossenheit in ihrem Gesichte ließ keinen Zweifel darüber , daß es ein schwerer Kampf sein werde , den der Sohn mit ihr zu bestehen hatte . » So sprich ! « sagte sie kalt . » Ich höre dir zu . « Waldemar hatte sich erhoben und das Auge finster auf sie gerichtet . » Als ich dir vor vier Jahren Wilicza zum Wohnsitze anbot , fühlte ich mich verpflichtet , die Stellung meiner Mutter in einer Weise zu regeln , daß sie hier als Schloßherrin auftreten konnte – die Güter selbst blieben ja wohl mein Eigentum ? « » Hat dir das schon jemand bestritten ? « fragte die Fürstin in gleichem Tone . » Ich dächte , dein Recht auf deine Güter wäre noch von keiner Seite angezweifelt worden . « » Nein , aber ich sehe jetzt , was es heißt , sie jahrelang in den Händen der Baratowski und Morynski zu lassen . « Die Fürstin erhob sich jetzt gleichfalls . Mit ihrem ganzen Stolze stand sie dem Sohne gegenüber . » Was soll das heißen ? Willst du etwa mich dafür verantwortlich machen , wenn die Verwaltung nicht nach deinen Wünschen ist ? Klage deinen Vormund an , der hier ein halbes Menschenalter hindurch eine ganz unerhörte Beamtenwirtschaft duldete ! Mir ist das nicht verborgen geblieben , aber das hast du mit deinen Untergebenen auszumachen , mein Sohn , und nicht mit mir . « » Mit meinen Beamten ? « rief Waldemar bitter . » Ich glaube , Frank ist der einzige , der mich noch als Herrn anerkennt ; die übrigen stehen sämtlich in deinen Diensten