als Abschluß seiner Laufbahn . Aber nun komm , Edith , wir wollen die Herren nicht länger warten lassen . « Die Herren waren inzwischen auf der Terrasse zurückgeblieben und nahmen dort eine Neuigkeit in Empfang , die Ernst mitbrachte , und die doch einige Ueberraschung erregte . » Ich habe vorgestern einen Brief von Max erhalten , « sagte er . » Er teilt mir darin seine Verlobung mit . Die Anzeigen werden in diesen Tagen versandt . « » Hat er endlich eine erwischt – Gott sei Dank ! « rief der Major . » Reich wird sie natürlich sein , unter dem thut es der Maxl nicht , nun , dann bist du ihn wenigstens los mit seinen ewigen Geldforderungen ! « » Verlobt oder nicht , ich nehme keine Notiz mehr von ihm , « erklärte Treumann . » Weißt du etwas Näheres , Ernst ? « » Nur was Max selbst darüber schreibt . Er hat seine Braut in Karlsbad kennen gelernt , jung scheint sie nicht mehr zu sein , auch nicht sehr liebreizend , wie gewisse Andeutungen verraten . Reich ist sie allerdings , wie er mir mit großer Genugthuung meldet . Vielleicht kennst du die Dame , Arnold , sie lebt in Hannover und dort hast du ja vor vier Jahren noch gestanden . Es ist eine Frau Altringer . « » Die Altringer – Gott steh ' mir bei ! « rief Hartmut mit hellem Entsetzen . » Hat die den Maxl am Kragen ? Dann gnade ihm Gott , da muß er all seine Sünden abbüßen ! « » Du kennst sie also ? Es ist die Witwe eines früheren Gutsbesitzers . « » Ganz recht , sie sind durch Landspekulationen reich geworden und zogen dann nach der Stadt , aber man schlug drei Kreuze , wenn sie angefahren kamen . Das heißt er , der brave Altringer , war eigentlich unschädlich , er duckte nur vor seiner Frau Gemahlin . Das Kommando hatte sie , und sie plagte ihren Seligen Tag und Nacht , bis sie ihn glücklich unter die Erde gebracht hatte . Beiläufig ist sie etwa zwanzig Jahre älter als der Maxl . Halte dir die Schwägerin vom Leibe , Ernst , es ist der leibhaftige Satan ! « » Ich denke durchaus nicht daran , mit Max wieder anzuknüpfen , « sagte Ernst ruhig . » Wir sind uns sehr fremd geworden in den letzten Jahren , er kam und schrieb überhaupt nur noch , wenn er ein Anliegen hatte , und das kam allerdings häufig vor . « » Ja , er brauchte immer Geld , « fiel der Notar ein , » und du ließest dich immer erweichen . Ich , das weißt du , habe ihm nie verziehen , diesem Menschen , der mein Haus einem Neustädter ausliefern wollte und auf meinen baldigen Tod anstieß . « » Verzeihen Sie ihm , Onkel Treumann ! « sagte der Major feierlich . » Jetzt dürfen Sie es , denn wer die Altringer als Ehegemahl hat , der ist besorgt und aufgehoben ! Die kriegt auch den Maxl unter , der ist viel zu dumm , um sich zu wehren , und das Wehren hilft auch in diesem Falle nichts , überlassen wir ihn seinem Schicksale – er ruhe in Frieden ! « – Der nächste Morgen , verschleiert und nebelduftig , klärte sich bald zum vollen Sonnentage . Der Besuch in Heilsberg war auf den Nachmittag verschoben worden , weil Ernst und Edith erklärten , sie hatten noch eine kleine » Wallfahrt « in der Umgegend vor . Sie waren allein gegangen und standen nun wieder an dem Orte , wo sie sich vor vier Jahren zum erstenmal gesehen hatten , eine Begegnung , die über ihr Leben entschied . Der kleine Friedhof lag ebenso einsam und vergessen wie damals in seiner Waldesruhe . Was da draußen auch vorübergerauscht war an Kämpfen und Stürmen , an Glück und Weh , hier war es still geblieben . Die Toten hatten so friedlich geschlummert unter dem fallenden Laub des Herbstes und dem Schnee des Winters , wie sie jetzt schlummerten unter dem lichten Frühlingsgrün . Wieder lag der Sonnenschein auf den eingesunkenen Hügeln , den verwitterten Grabsteinen , und all das Blühen und Duften , das er geweckt hatte ringsum , wehte und webte jetzt um die Stätte der Toten . Aus den verfallenen Mauern des Waldkirchleins , unter den Holunderbüschen , klang der Amselschlag , das alte jubelnde Maienlied – es war alles wie damals . Nur für die beiden , die jetzt langsam durch das üppig wuchernde Riedgras schritten , war es anders geworden . Sie hatten sich freilich erst durchringen müssen durch schweren Kampf zu ihrem Lebensglück , und der eine , der damals so drohend zwischen ihnen stand , ruhte jetzt aus von Schuld und Leid , in seinem einsamen Grabe . Sie hatten von ihm gesprochen , das sah man an dem tiefen Ernst , der auf ihren Zügen lag , und an den Wimpern der jungen Frau hingen noch zwei Thränen , als sie mit verhaltener Stimme sagte : » Du ahnst nicht , Ernst , welchen furchtbaren Eindruck mir dieser letzte Gruß gemacht hat ! Es waren ja nur drei Worte : › Lebe wohl ! Felix . ‹ – Keine Erklärung , keine Bitte ! Ich hatte ihn ja von mir gejagt mit jenem entsetzlichen Worte . Und in seiner Todesstunde gab er dir das eigentliche Leben zurück mit seinem Geständnis , dir , der ihn gestürzt hatte ! Er konnte ja das Geheimnis mit sich in das Grab nehmen , und er belud sein Andenken auch noch mit diesem Vorwurf . Es war trotz alledem doch ein Zug von Größe in diesem Manne . « Zwischen Ernsts Brauen stand eine Falte , seine Entgegnung klang nicht hart , aber sie hatte auch nicht den Ton der Weichheit . » Ich trage keinen Haß mehr gegen den Toten – vergessen kann ich es nicht , daß er meinen Vater in den Tod jagte und zehn Jahre lang den Makel auf seiner Ehre ließ . Aber was Ronald sterbend that , das galt nicht mir und nicht der Gerechtigkeit , das galt einzig dir , Edith ! In deiner Erinnerung wollte er versöhnt dastehen , du solltest um ihn weinen . « » Und ich habe geweint ! « sagte Edith leise . » Ich weiß , aber nun laß das ruhen ! Diese Erinnerung war es doch nicht , die wir hier suchen wollten . Sieh , da steht unser › Verheißungswort ‹ – es hat doch recht behalten ! « Damit zog Ernst seine Gattin noch einige Schritte vorwärts . Sie standen wieder vor der Waldkapelle , wo sich aus dem grauen , zerfallenen Mauerwerk das alte Denkmal hob . Die Epheuranken hatten es noch dichter eingesponnen , aber dazwischen webte leuchtendes Sonnengefunkel auf dem dunklen , bemoosten Stein mit der halbverwischten Inschrift und jenem Verheißungswort , das auch einst leuchtend wie ein Sonnenstrahl in ein dunkles , schon halb aufgegebenes Dasein gefallen war : » Erwachen ! Zu Leben und Licht ! « Der höhere Standpunkt Ja , Gnädige , es ist schon richtig so , die Sach ' mit dem Schleier Wenn ' s auch lange her ist , schon viele hundert Jahr , so geht ' s noch heutzutag , man soll ' s nur versuchen . Wenn em Bub was Liebes hat , dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut ' s auch , wenn ' s ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt ' s ihn nimmer . Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohl ' n muß es halt sein . « Es war ein alter Bauer in Lodenjacke und Kniestrümpfen der soeben eine der Bergsagen erzählt hatte , an denen die Alpen so reich sind , und nun mit feierlichem Ernste den alten Volksglauben vertrat , der sich daran knüpfte . Seine Zuhörer , eine junge Dame und ein halb erwachsener Knabe , lauschten mit voller Aufmerksamkeit der wundersamen Geschichte , wahrend die beiden Herren , die etwas abseits auf der grünen Matte der Alm lagerten , sich ablehnender verhielten . Der Aeltere , ein Mann in vorgerückten Jahren , mit ergrautem Haar und freundlich wohlwollenden Zügen , lächelte nur , während sich in dem Gesichte des Jüngeren der herbste Spott ausprägte . » Nun hören Sie nur diesen Unsinn , Herr Kollege ! « sagte er halblaut . » Und dabei spricht der Mensch im Tone felsenfester Ueberzeugung ! Dieses Volk mit seinem Aberglauben hat doch noch entsetzlich weit bis zum Lichte der Vernunft ! « » Wozu sich denn so ereifern , lieber Normann , « sagte der Aeltere ruhig , » Lassen Sie doch dem Volke das bißchen Poesie , das noch in seinen Sagen und Bräuchen wiederklingt , sonst ist sie ja nirgends mehr zu finden . « » Ist auch gar nicht nötig , « brummte Normann . » Man kann auch ohne das fertig werden im Leben . « » Je nachdem , mit zwanzig Jahren denkt man anders darüber . Ich habe auch meine poetischen Jugendsünden gehabt , ich habe sogar einigemal Verse verbrochen . Nun , entsetzen Sie sich nur nicht , besagte Verse waren ganz ehrbar an meine damalige Braut und spätere Ehegemahlin gerichtet . In solchem Falle greift auch einmal ein Mann der Wissenschaft in die Saiten der Leier – Sie haben das freilich wohl niemals gethan ? « » Ich ? Aber , Herr Professor Herwig ! « » Nehmen Sie es nur nicht übel , « lachte Herwig . » Ihnen traut das ja auch niemand zu . – Nun , Dora , hast du endlich genug von der Wundergeschichte ? « Die letzte Frage galt der jungen Dame , die soeben herantrat . Es war ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren , eine frische , anmutige Erscheinung , welcher der dunkelblaue Reiseanzug allerliebst stand . Der leichte Filzhut mit dem blauen Schleier , der auf den braunen Flechten saß , beschattete ein rosiges Gesicht mit klaren braunen Augen und zwei Grübchen in den Wangen , aus denen der Schelm lachte , und das ganze Wesen sprühte von jener glücklichen Heiterkeit und jenem Uebermut , den nur die Jugend kennt . » O Papa , ich plaudere so gern mit den Leuten , « erwiderte sie , » und wenn der Sepp nun vollends auf die Bergsagen kommt , hat er in mir die dankbarste Zuhörerin . Aber ist es nicht schön hier auf der Alm ? Sieh nur , wie reizend unser Schlehdorf dort unten liegt , wie der See blitzt im Sonnenschein ! Und droben auf dem Gipfel muß es noch schöner sein , da sieht man über all die Bergeshäupter weg , weit in das Land hinaus . Ich war noch nie dort oben , heut aber steigen wir jedenfalls hinauf , nicht wahr , Friedel ? « Sie wandte sich zu dem Knaben , der gleichfalls städtisch gekleidet war , dessen dürftiger und schon vielfach abgetragener Anzug aber verriet , daß er nur eine dienende Stellung in der Gesellschaft einnahm . Er mochte dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein und war hochaufgeschossen , aber mager und schwächlich . Das reiche , blonde Haar fiel um ein blasses Gesicht , das recht kümmerlich aussah mit seiner krankhaften Farbe und den dunklen Ringen um die Augen . Anziehend waren nur diese großen blauen Augen selbst , die freilich nicht in froher Reise- und Wanderlust strahlten wie die der jungen Dame . Sie hatten im Gegenteil einen recht müden , traurigen Ausdruck und doch leuchteten sie auf , als von der weiten Aussicht droben auf der Höhe die Rede war . Der Knabe war augenscheinlich eines jener armen verkümmerten Stadtkinder , die in engen Straßen und dunklen Höfen aufwachsen , ohne viel Luft und Licht , ohne den Sonnenschein des Lebens . Es mochte wohl das erste Mal sein , daß er hinaus kam in die freie große Bergeswelt . Er warf einen halb fragenden , halb furchtsamen Blick auf den Professor Normann , der gleichmütig sagte : » Natürlich geht der Junge mit , wer soll denn sonst die Sachen tragen ? « » Ich bleibe jedenfalls hier , « erklärte Herwig . » Der letzte Teil des Wegs scheint mir doch recht beschwerlich zu sein , und wie ich höre , ist es noch eine volle Stunde bis zum Gipfel . Sie nehmen meine Tochter wohl unter Ihren Schutz , lieber Normann , ich werde Sie hier erwarten . « Die junge Dame schien nicht gerade sehr erbaut von dieser ihr zugewiesenen Begleitung , sie warf das Köpfchen zurück und bemerkte in spöttischem Tone : » Der Herr Professor macht sich ja nichts aus den Bergaussichten . « » Nein , mein Fräulein , ich bin nun einmal nicht angelegt für die Landschaft und ihre Bewunderung , « lautete die ziemlich unverbindliche Erwiderung . Warum reisen Sie dann überhaupt ? « » Um naturwissenschaftliche Studien zu machen – zu keinem anderen Zweck . « » Sie brauchen das gar nicht so nachdrücklich zu betonen , « lachte Dora . » Ich habe Sie durchaus nicht im Verdacht , daß Sie auf die Schleierjagd gehen wie der junge Jäger , von dem uns Sepp soeben erzählt ; Sie haben es doch gehört ? « Der Professor nahm es offenbar übel , daß man sich unterstand , mit ihm zu scherzen ; er richtete sich steif in die Höhe . » Wenn Sie noch Vergnügen an Kindermärchen finden , Fräulein Dora – ich vermag dieses Vergnügen leider nicht zu teilen , « versetzte er und schritt zu einem seitwärts gelegenen Felsblock , wo er eine Moosart von dem Gestein löste und aufmerksam betrachtete . » Hu , wie ungnädig ! « spottete das junge Mädchen halblaut . » Papa , diesmal hast du wirklich einen recht unliebenswürdigen Reisegefährten aufgefischt . « » Liebenswürdig ist Normann allerdings nicht , « gab Herwig zu . » Er gibt sich sogar redlich Mühe , das Gegenteil zu sein , sobald ein dritter zugegen ist ; man muß ihn unter vier Augen haben , um ihn in seinem wahren Wesen kennen zu lernen . Wie ich dir bereits gesagt habe , seine wissenschaftlichen Leistungen sind hochbedeutend und er ist auf dem Wege , eine Berühmtheit in seinem Fache zu werden . « Doras Gesicht verriet deutlich , daß ihr ein unbedeutender , aber lustiger Reisegefährte weit lieber gewesen wäre , als diese unliebenswürdige künftige Berühmtheit ; sie verzog schmollend die Lippen . » Daß er sich auch gerade in Schlehdorf ansiedeln mußte , wo wir wohnen ! Und wenn er uns wenigstens nur auf den Bergwanderungen allein ließe , aber immer ist er hinter uns und verdirbt mir die ganze schöne Bergwelt mit seinem griesgrämigen Wesen und seinen herzlosen Spöttereien . « Der Vater widersprach nicht , denn er war im Grunde derselben Meinung . Trotz aller Hochschätzung sagte ihm das Wesen Normanns ganz und gar nicht zu , auch ihn verletzte dessen Schroffheit und Formlosigkeit oft genug ; aber er konnte doch nichts dagegen einwenden , wenn der Kollege , den er zufällig in Schlehdorf getroffen hatte und mit dem er seit Jahren in regem wissenschaftlichen Verkehr stand , sich ihm anschloß . » Man sieht es ihm an , daß er wenig mit der Welt und den Menschen verkehrt , « sagte er ausweichend . » Er ist eben ein Gelehrter , mein Kind , der nur seine Wissenschaft im Kopfe hat und nicht gewohnt ist , auf andere Rücksicht zu nehmen . « » Nein , wahrhaftig nicht , « lachte Nora . » Und ich wäre in seinen Augen überhaupt gar nicht daseinsberechtigt , wenn ich nicht das Glück hätte , die Tochter meines Vaters zu sein . Ich glaube , er sperrte mich am liebsten in irgend eine Felskluft , und wenn ich vollends lache , sieht er aus , als möchte er mich gleich auf der Stelle mit Haut und Haar verschlingen . « Die letzte Behauptung schien in der That nicht so ganz unbegründet zu sein , denn der Professor , der jetzt zurückkam , machte ein unendlich grimmiges Gesicht , als dies helle frische Mädchenlachen an sein Ohr schlug . Er mochte im Anfang der Vierzig stehen , sah aber weit älter aus , und die finstere Falte auf der hohen Stirn , der herbe Zug um die Lippen verschönten ihn auch nicht besonders . Was ihm aber ein beinahe abschreckendes Ansehen gab , das waren die dichten schwarzen Haare , die ungebändigt und wenig gepflegt um den Kopf starrten wie eine Mähne . Sonst war er eine stattliche , kraftvolle Erscheinung und schien sich trotz angestrengter Geistesarbeit seine volle körperliche Gesundheit bewahrt zu haben . » Ich denke , wir brechen jetzt auf , « sagte er kurz . » Sie wollen also zurückbleiben , Kollege ? « » Ja , ich bleibe auf der Alm und plaudere inzwischen mit dem Sepp . « » Viel Vergnügen zu Ihren Volkspoesiestudien ! Ich bitte Sie nur , darin auf meine Mitarbeit von vornherein zu verzichten , « versetzte Normann in seiner rücksichtslosen Art. » Vorwärts , Friedet , nimm die Sachen ! Ist es gefällig , Fräulein Dora ? « Dora nahm Abschied von dem Vater , während Friedel sich mit einer ziemlich schweren Umhängetasche , mit dem Schirm des Professors und verschiedenen anderen Sachen belud ; dann schritten die drei über die Matte hin und bald entzog sie der Wald dem Auge des Zurückbleibenden . Der Weg führte nur eine kurze Strecke unter den schattigen , rauschenden Tannen dahin , dann stieg er in vielfachen Windungen steil und schattenlos empor und die Sonne brannte mit immer heißerer Glut . Es war eine ziemlich beschwerliche Bergwanderung ; das junge Mädchen freilich überwand sie mühelos , sie stieg leicht und sicher aufwärts , und die braunen Augen strahlten immer heller und freudiger , je weiter und mächtiger sich die Landschaft aufthat . Auch ihr Begleiter verriet keine Spur von Ermüdung , aber es wurde ihm doch heiß bei der ungewohnten Bewegung und er blieb auf einmal stehen . » Da , Friedel , nimm meinen Plaid , « sagte er . Dabei bemerkte er erst , daß Friedel nicht hinter ihm war . » Wo ist denn der Junge geblieben ? Ich glaube , er kann schon wieder nicht mit , da unten schleicht er wie eine Schnecke ! « Dora war gleichfalls stehen geblieben und sah sich um . » Sie hätten ihn auf der Alm lassen sollen , « erwiderte sie . » Er trägt so mühsam an der schweren Tasche und der Weg ist überhaupt zu beschwerlich für ihn ! « » Auf der Alm lassen ? « erwiderte Normann , » Wozu habe ich den Jungen denn mitgenommen , doch nicht etwa zu seinem Vergnügen ? Die Sachen soll er mir tragen , ich habe keine Lust , mich bei der Hitze damit herumzuschleppen . « » Er ist aber ein Stadtkind und hält das Bergsteigen nicht aus . « » So muß er es lernen ! Ein Junge von vierzehn Jahren und nicht steigen können ! – Da kommt er endlich , aber in was für einem traurigen Tempo ! Vorwärts , Friedel ! « Friedel , der in der That eine Strecke zurückgeblieben war , kam jetzt heran . Der Schweiß stand in großen Tropfen auf seiner Stirn , aber das Gesicht war trotz Erhitzung und Anstrengung leichenblaß , und die schmale , kleine Brust keuchte in kurzen , schweren Atemzügen , Trotzdem streckte er gehorsam die Hände aus und nahm den Plaid , den sein Herr ihm zuwarf , in Empfang . Dora aber war nicht gesonnen , diese Mehrbelastung des armen Jungen zu dulden . » Setze dich hin , Friedel , und ruhe dich aus , « ordnete sie in einem sehr nachdrücklichen Tone an . » Du kannst ja nicht weiter . Gib mir den Plaid , ich will dir wenigstens das dicke Tuch abnehmen , wenn es dem Herrn Professor zu schwer ist ! « Sie machte wirklich Miene , ihren Vorsatz auszuführen , jetzt aber schien es dem Herrn Professor doch einzuleuchten , daß das nicht ganz schicklich sei . Er riß mit einem unverständlichen Gebrumm dem erschöpften Knaben den Plaid aus der Hand und warf ihn über die Schulter , aber dabei fiel ein bitterböser Blick auf die junge Dame , die sich einen derartigen Eingriff erlaubte und ihm dabei noch eine verhüllte , aber doch recht fühlbare Zurechtweisung gab . » Nun , so ruhe dich aus ! « grollte er , » Der Weg ist ja nicht zu verfehlen . Kannst nachkommen , wenn es durchaus nicht anders geht . « Die Erlaubnis wurde im barschesten Tone gegeben . Friedel nahm sie schweigend hin , aber die Art , wie er sich auf einen Stein niederließ , zeigte , daß er in der That nicht weiter konnte , während Normann , der offenbar nicht begriff , daß man von dem » bißchen Bergsteigen « ermüdet sein könne , die kraftvollen Glieder reckte und rüstig weiter stieg . Als er bemerkte , daß seine Begleiterin sich von Zeit zu Zeit besorgt umsah , fragte er spöttisch : » Sie haben den Friedel wohl sehr ins Herz geschlossen ? « » Wenigstens habe ich Mitleid mit ihm ; es geht dem armen Knaben so hart . « » Hart ? Nun , ich dächte , es ginge ihm so gut , wie es einem Jungen in seiner Lage überhaupt gehen kann . « » Halten Sie es für ein Glück , eine Waise zu sein und bei fremden Menschen sein Brot essen zu müssen ? « » So ? Ist der Friedel elternlos ? « sagte der Professor mit einer gewissen Verwunderung . Nora sah ihn erstaunt an . » Das wissen Sie nicht ! Und Sie kennen ihn doch seit zwei Jahren , wie er mir erzählte . « » Kennen ? Nun ja , ich weiß , daß er im Hinterhause wohnt , daß er jeden Tag kommt , um mir die Stiefel zu putzen , und weil er still und ruhig ist , habe ich ihn mir überhaupt zur persönlichen Bedienung genommen . Meine alte Wirtschafterin schwatzt den ganzen Tag lang , das geht wie ein Mühlwerk vom Morgen bis zum Abend , deshalb darf Sie mir auch nie in das Studierzimmer . Der Friedel weiß , daß er nicht mucksen darf , der thut den Mund nur auf , wenn er gefragt wird , den habe ich mir gezogen ! « » Ja , ich merkte etwas von dieser Trappistenerziehung , « spottete das junge Mädchen . » Ich hatte anfangs Mühe genug , ihn zum Reden zu bringen , wenn er so still und traurig neben mir stand und zusah , wie ich malte oder zeichnete . Er ist ja glücklich , wenn er nur zuschauen darf , und dabei verrät er in seinen schüchternen Bemerkungen oft ein ganz merkwürdiges künstlerisches Verständnis . « » Künstlerisches Verständnis ! « Normann zuckte verächtlich die Achseln . » Das ist doch nichts als der Reiz der Neuheit , welchen die bunten Farben auf den Jungen ausüben , weil er zu Hause und bei mir dergleichen nicht zu sehen bekommt ! Leider ist er wie gebannt an Ihre Staffelei ; so oft ich ihn brauche , steckt er drüben in Ihrem Garten und seine ganze Lebensgeschichte scheint er Ihnen auch schon erzählt zu haben . Warum denn nicht , wenn es Ihnen Vergnügen macht ! Ich aber habe mehr zu thun , als mich mit meinem Stiefelputzer abzugeben . « Der spöttisch wegwerfende Ton reizte das junge Mädchen vielleicht noch mehr als die Worte selbst . Die sonst so weiche Stimme hatte einen ungewöhnlich herben Klang , als sie erwiderte : » Das wäre auch zu viel verlangt von Ihnen , Herr Professor ! Mein Vater aber , der doch auch ein Mann der Wissenschaft ist , hat mir oft gesagt : Man kann in jedem Menschen den Prometheusfunken suchen und finden , den man selbst in der Brust trägt , es gehört nur ein wenig Herz und ein wenig Menschenliebe dazu – darüber verfügt freilich nicht jedermann . « » Oho , das geht auf mich ! « rief Normann entrüstet . » Ich bin in Ihren Augen wohl ein herzloses Ungeheuer ? « Doras Blick streifte einen Augenblick lang sein Gesicht , dann entgegnete sie mit unverhohlenem Spott : » Wenn Sie sich selbst so nennen – ich hätte es zarter ausgedrückt . « Der Professor war wütend über diese Antwort , Er vermißte wieder einmal gänzlich die Ehrfurcht , die man seinen Jahren und seiner wissenschaftlichen Bedeutung schuldig war . Diese Dora Herwig mißfiel ihm überhaupt gründlich . Man sah es , daß sie das einzige Kind eines überzärtlichen Vaters war , verzogen und verwöhnt in jeder Hinsicht . Dieses naseweise zwanzigjährige Ding hatte nicht die mindeste Hochachtung vor dem Herrn Professor , sondern verkehrte mit ihm völlig auf dem Fuße der Gleichheit , widersprach ihm bei jeder Gelegenheit und nahm sich bisweilen sogar heraus , ihn zurechtzuweisen . Und man konnte nicht einmal grob gegen sie sein , wenigstens nicht in genügendem Maße , weil sie die Tochter eines Kollegen war , den man schätzte und auf den man doch einige Rücksicht nehmen mußte . Norman hatte sich noch niemals so geärgert wie während dieses Aufenthaltes in Schlehdorf , wo er ganz ungestört seinen Studien zu leben gedacht hatte und wo ihm nun dieser Störenfried mit den braunen Augen und dem hellen Lachen die ganze Stimmung verdarb . Wie oft hatte er sich schon vorgenommen , lieber den Kollegen und die naturwissenschaftlichen Gespräche fahren zu lassen , als sich Tag für Tag so weiter zu ärgern ; aber sobald Herwig mit seiner Tochter eine Bergwanderung unternahm , war er immer wieder da und ärgerte sich immer wieder von neuem . Der arme Friedel litt natürlich am meisten unter dieser üblen Laune seines Herrn und Gebieters , und er mußte auch jetzt als Blitzableiter dienen bei dem Gewitter , welches die letzte Aeußerung der jungen Dame heraufbeschworen hatte . Der Knabe hatte nur etwa zehn Minuten lang ausgeruht und sich dann wieder auf den Weg gemacht . Man sah es von oben , wie er hastete , um die Vorausgegangenen zu erreichen . Jetzt schlug er plötzlich einen schmalen , aber sehr steilen Felspfad ein , der eine große Biegung des eigentlichen Weges abschnitt . Das erregte nun aber erst recht den Zorn des Professors . » Was fallt denn dem Jungen ein , da hinaufzuklettern ! « wetterte er . » Das soll er doch den Ziegen und den Hirtenbuben überlassen . Friedel ! Er hört nicht ! Nun , meinetwegen , wenn du ' s nicht besser haben willst – « » Friedel , nicht da hinauf ! « rief auch Dora und winkte abwehrend , aber der Knabe mißverstand entweder den Zuruf , oder er scheute den noch gefährlicheren Rückweg , denn es war in der That eine bloße Felsrinne , in der er schon ziemlich weit an der jähen Wand emporgestiegen war . Genug , er klomm weiter aufwärts . » Er klettert bei alledem gar nicht so übel , « meinte Normann , der stehen geblieben war . » Und schwindelfrei scheint er auch zu sein . Es ist immerhin ein tollkühnes Stück , den Steig da zu versuchen , ich hätte es ihm kaum zugetraut , dem Duckmäuser , « » Friedel ist kein Duckmäuser , « sagte Dora ruhig . » Er ist nur verschüchtert , ein armes , kränkliches Kind , das verkommen wird in dem elenden Leben bei den harten Pflegeeltern . Ich ließe das sicher nicht zu , wenn ich ihn nur bei uns in Heidelberg hätte . « » Da würden Sie der Menschheit einen rechten Dienst erweisen , wenn Sie ihr ein solches Trauerpflänzchen erhielten , « versetzte der Professor , ohne den Vorwurf zu bemerken , der in den letzten Worten lag . » Aber Herr Professor ! « Der Ausruf klang voller Entrüstung , doch Normann fuhr gleichmütig fort : » Nun ja , ist es etwa ein Glück für die Menschheit , wenn einem Jammerwesen , das nicht für das Leben taugt , dies Leben noch so und so lange gefristet wird ? Sehen Sie sich den Jungen doch nur an ! Der ist ein Schwindsuchtskandidat , Der wird nie die Arme ordentlich zur Arbeit rühren können , worauf er doch angewiesen ist . Das schleppt sich elend durch das armselige Dasein , ist sich und anderen eine Last und verkommt schließlich doch . Da ist es doch wahrhaftig besser , daß es je eher je lieber zu Grunde geht ! – Ja , mein Fräulein , Sie brauchen mich gar nicht so entrüstet anzusehen , es ist mein voller Ernst , Sie stehen natürlich auf dem Standpunkte der sogenannten Menschenliebe , das ist recht hübsch , recht bequem , aber leider meistenteils recht unvernünftig . Es gibt noch einen höheren Standpunkt , der sich nicht mit schönen Empfindungen und Redensarten abgibt , sondern vernünftige Schlüsse zieht . Er ist freilich nichts für Frauen , die werden sich nie dazu erheben – « » Nein , das werden sie nie – Gott sei Dank ! « fiel Dora ihm in das Wort . Ihr Antlitz war purpurrot und die sonst so lachenden Augen flammten in leidenschaftlicher Erregung . » Gott sei Dank ! « wiederholte sie noch heftiger . » Denn eine Frau , die ein armes , verlassenes Menschenkind , dem sie vielleicht noch helfen könnte , ruhig vor ihren Augen verkommen sieht