nicht als ein kostbares Geheimniß zu betrachten . Wenn er die pikante Neuigkeit jetzt den Gesellschaftskreisen preisgab , so ließ sich eben nichts weiter damit anfangen , in seinem Alleinbesitz dagegen konnte sie zu Vielem nützen . Sicherte sie ihm für den Augenblick doch schon einen Einfluß auf Beatrice und indirect sogar auf Rinaldo , dem dieses Bekanntwerden seiner Familienbeziehungen zum Mindesten nicht angenehm sein konnte . In der vortrefflichsten Stimmung durchschritt der Maestro den Salon und trat in das Vorzimmer , wo sich augenblicklich nur der Matrose Jonas befand . Der Capitain hatte ihn seinem Bruder mit einem Auftrage nachgesendet ; er wähnte diesen bei Signora Biancona ; Reinhold befand sich aber noch bei dem Intendanten , wurde jedoch jeden Augenblick erwartet . Das erfuhr Jonas von einem Bedienten , der aus dem Dienste des Impressario , welcher einst die italienische Operngesellschaft nach Deutschland führte , in den Beatrice ’ s übergangen war und als Errungenschaft seiner nordischen Reise etwas Deutsch radebrechte . Da der Matrose den Auftrag hatte , das Billet seines Herrn dessen Bruder selbst zu übergeben , so blieb ihm nichts übrig , als zu warten ; er faßte daher im Vorgemach Posto , das Reinhold jedenfalls passiren mußte . Er hatte allerdings bemerkt , daß die Thür eines der Hinterzimmer offen stand und daß sich dort Jemand befand , anscheinend ein Kammermädchen der Signora , welches sich mit einer Robe ihrer Gebieterin beschäftigte . Da dieser Jemand aber ein Frauenzimmer war , so existirte er begreiflicherweise nicht für Jonas , der sich , mürrisch und schweigsam wie gewöhnlich , in eine der Fensterecken zurückzog und dort schon über eine Viertelstunde harrte , ohne die mindeste Notiz von jener Nachbarschaft zu nehmen . Signor Gianelli schien in Bezug auf die Frauen gerade den entgegengesetzten Ansichten zu huldigen ; denn er hatte kaum die offenstehende Thür und das junge Mädchen entdeckt , [ WS 2 ] als er auch sofort seinen Cours änderte und nach jener Richtung steuerte . Jonas verstand natürlich nichts von dem italienisch geführten Gespräche , das sich jetzt zwischen den Beiden entspann , aber so viel wurde ihm doch klar , daß der Maestro sich bemühte , den Liebenswürdigen zu spielen , freilich , wie es schien , ohne besonderen Erfolg ; denn er erhielt nur kurze und ziemlich trotzig klingende Antworten , und dabei wurden die schweren Seidenwogen der Robe so geschickt drapirt , daß er nicht näher kommen konnte , ohne den hellen Atlas zu zerknittern . Das dauerte einige Minuten , dann schien Signor Gianelli dennoch eine ernstliche Attaque zu versuchen ; denn man hörte einen entrüsteten Ausruf , dem das zornige Aufstampfen eines kleinen Fußes folgte . Die Robe flog zur Seite , und das junge Mädchen flüchtete in das Vorgemach , wo es mit trotzig verschränkten Armen und zornsprühenden Augen stehen blieb . Der Maestro aber war ihm gefolgt , und ohne im Mindesten durch den Widerstand eingeschüchtert zu werden , machte er Miene , den ihm vorhin augenscheinlich versagten Kuß hier zu erzwingen , als er auf ein höchst unerwartetes Hinderniß stieß . Eine kräftige Faust packte ihn urplötzlich am Kragen und eine fremde Stimme sagte mit nachdrücklicher Betonung : „ Das läßt man bleiben . “ Im ersten Augenblick schien der Italiener sehr betroffen durch diese Dazwischenkunft eines Fremden , den er noch gar nicht bemerkt hatte , als er diesen aber genauer ansah und entdeckte , daß er es nur mit einem gewöhnlichen Matrosen zu thun hatte , richtete er sich mit großem Selbstbewußtsein und großer Entrüstung auf . Er kehrte die Sache sofort um und spielte den Beleidigten . Wie man es wagen könne , einen Mann in seiner Stellung anzugreifen , noch dazu in den Zimmern Signora Biancona ’ s ; er werde sich bei der Signora darüber beklagen ; was das denn eigentlich für eine Persönlichkeit sei , die sich dergleichen herausnehme , und damit strömte eine ganze Fluth von nicht gerade schmeichelhaften Ehrentiteln auf den armen Jonas herab . Dieser ertrug mit unverwüstlicher Gelassenheit die auf ihn gehäuften Beleidigungen , da er nicht eine einzige davon verstand , als sich aber der Italiener , durch diese Ruhe getäuscht , beikommen ließ , mit seinem Spazierstocke einige drohende Bewegungen zu machen , da war es aus mit der Gelassenheit des Matrosen ; denn diese Pantomime begriff er sehr gut . Mit einem einzigen Ruck hatte er dem Maestro den Stock entrissen , in der nächsten Secunde ihn selber umfaßt und säuberlich zur Thür hinausgeschoben , dann warf er ihm seinen Stock nach , schloß die Thür , alles ohne ein einziges Wort zu sprechen , und kehrte ruhig , als sei nicht das Mindeste vorgefallen , wieder in seine Fensterecke zurück . Hier aber trat ihm bereits das junge Mädchen entgegen , das in aufwallender Dankbarkeit und mit südlicher Lebhaftigkeit ihm beide Hände entgegenstreckte . „ Ist nicht nöthig ! Ist gern geschehen , “ sagte Jonas trocken , aber in dem Augenblick , wo er abwehrend den Arm ausstreckte , legte sich eine kleine Hand auf denselben , und eine helle Stimme sprach in den weichsten Tönen etwas , das ganz unzweifelhaft einen Dank ausdrücken sollte . Jonas sah höchst indignirt erst seinen Arm , dann die Hand an , die noch immer auf demselben lag , und nachdem er beide eine Weile angeschaut , ließ er sich endlich herab , auch auf die zu der Hand gehörige Person einen Blick zu werfen . Vor ihm stand ein junges Mädchen von höchstens sechszehn Jahren , eine kleine , so unendlich leichte und zierliche Gestalt , daß sie den denkbar größten Gegensatz zu der breiten Figur des Seemannes bildete . Eine Fülle prächtiger blauschwarzer Flechten umgab das Gesichtchen , das mit seinem dunklen , braunen Teint und brennend schwarzen Augen jedenfalls dem Süden Italiens entstammte . Die Kleine war ohne Zweifel hübsch , sehr hübsch , das ließ sich nicht leugnen , und die Lebendigkeit , mit der sie sich bemühte , ihrem Beschützer zu zeigen , wie sehr dankbar sie ihm sei , machte sie nur noch anmuthiger . „ Ja , wenn ich nur die vermaledeite Sprache verstände ! “ brummte Jonas , in dem zum ersten Male etwas wie Reue darüber aufstieg , daß er die während des Sommers ihm so reichlich gebotene Gelegenheit zum Lernen des Italienischen stets in hartnäckiger Verschlossenheit von sich gewiesen hatte . Er schüttelte den Kopf , zuckte die Achseln und gab auf diese Weise pantomimisch zu verstehen , daß er des Italienischen nicht mächtig sei , was das junge Mädchen ganz unerhört und nebenbei sehr unangenehm zu finden schien . „ Den Herrn Reinhold soll ich suchen , “ brummte Jonas weiter , bei dem sich merkwürdiger Weise ein Bedürfniß nach Mittheilung kund gab , das er sonst einem „ Frauenzimmer “ gegenüber nie empfand . Er machte aber die Entdeckung , daß auch der Name nicht verstanden wurde , denn jetzt war die Reihe den Kopf zu schütteln und die Achseln zu zucken an seiner Gefährtin . „ Ja so , “ sagte der Matrose ärgerlich , „ er hat ja nicht einmal seinen ehrlichen deutschen Namen behalten ! Rinaldo läßt er sich hier nennen – daß Gott erbarm ! so heißen bei uns zu Hause die Räuber und Spitzbuben . Signor Rinaldo , “ erklärte er , indem er zugleich das Billet seines Herrn hervorzog , das den gleichen Namen trug . Diese Adresse war nun freilich bekannt genug im Hause Signora Biancona ’ s , eine weitere Verständigung für jetzt aber unnöthig ; denn gerade in dem Augenblick , wo die Beiden ihre Köpfe eifrig über den Brief hinneigten , öffnete sich die Thür des Vorzimmers , und Reinhold selbst trat ein . Das junge Mädchen bemerkte ihn zuerst . Sie war urplötzlich von der Seite des Matrosen weg und in der Mitte des Gemaches , wo sie einen zierlichen Knix machte , und dann in der Richtung des Salons verschwand , wahrscheinlich um ihrer Gebieterin den längst Erwarteten zu melden , während Jonas , der nicht zu begreifen schien , wie Jemand so leicht und schnell davonfliegen und im Laufe weniger Secunden so spurlos verschwinden könne , ihr so beharrlich nachblickte , daß Reinhold an ihn herantreten und ihn fragen mußte , wie er hierher komme . Beschämt und etwas verlegen entledigte sich der Matrose seines Auftrages und übergab das Billet , das Almbach erbrach und flüchtig durchlas ; der Inhalt desselben schien ihn sehr gleichgültig zu lassen . „ Sagen Sie meinem Bruder , ich wäre für heute bereits gefesselt , ich ließe ihn bitten , die Einladung des Marchese allein anzunehmen . Wenn es irgend möglich ist , so erscheine ich noch gegen Abend . “ [ 542 ] Damit steckte er den Brief zu sich , verabschiedete den Boten mit einer Handbewegung und trat gleichfalls in den Salon . Jonas hatte nun seinen Bescheid und hätte füglich nach Hause gehen können ; statt dessen suchte er draußen den Bedienten auf , der ihm vorhin die nöthige Auskunft gegeben hatte , und dieser machte die Entdeckung , daß der wortkarge , unzugängliche Seemann auf einmal sehr neugierig geworden sei , da er sich ausführlich nach dem Haushalte Signora Biancona ’ s und nach dem Personale desselben erkundigte , und das wahrhaft fürchterliche Deutsch des auf seine Sprachkenntnisse sehr stolzen Italieners mit einer musterhaften Geduld ertrug . – Reinhold war inzwischen in das Boudoir getreten . Er bedurfte allerdings keiner Anmeldung mehr bei der Herrin desselben , und sie kam ihm auch schon an der Schwelle entgegen , aber wäre er nicht so gänzlich von anderen Gedanken hingenommen gewesen , so hätte er auf den ersten Blick sehen müssen , daß irgend Etwas mit ihr vorgegangen war . Das dunkle warme Colorit der Italienerin konnte auch bleich erscheinen ; das sah man jetzt , wo das heiße Blut , das sonst immer in ihren Wangen pulsirte , bis auf den letzten Tropfen gewichen schien , aber es war eine unheimliche Blässe und die Augen brannten nur um so sengender . Beatrice war Schauspielerin genug , um , auf Minuten wenigstens , ihr stürmisches Temperament beherrschen zu können , wenn es galt , einen Zweck zu erreichen , und heute wollte sie etwas erreichen . In ihrem Gesichte stand ein Zug finsterer Entschlossenheit ; sie wollte klar sehen um jeden Preis . „ Ich traf unten auf der Straße mit Gianelli zusammen , “ begann Reinhold nach der ersten Begrüßung . „ Er schien aus Deinem Hause zu kommen ; war er bei Dir ? “ „ Gewiß ! Ich weiß , daß Du gegen ihn eingenommen bist , aber ich kann unmöglich den Capellmeister der Oper abweisen lassen , wenn er kommt , um irgend etwas hinsichtlich der Aufführungen mit mir zu besprechen . “ Reinhold zuckte die Achseln . „ Das konnte füglich in den Proben geschehen . Bist Du eine junge Anfängerin , die der Protection bedarf , und fürchten muß , irgend Jemand zu verletzen ? Ich dächte , Du in Deiner Stellung könntest gegen mißliebige Persönlichkeiten ebenso rücksichtslos auftreten , wie ich es thue . Indessen , ich will Dir darin keine Vorschriften machen . Empfange wen Du willst , auch Gianelli ! Ich bin weit entfernt , Dir irgend einen Zwang auferlegen zu wollen . “ Der Ton klang eisig , und Beatrice ’ s Stimme bebte leise , als sie erwiderte : „ Das ist mir neu . Du pflegtest sonst meine Besuche despotischer zu überwachen , früher durfte Keiner meine Schwelle überschreiten , der Dir nicht genehm war . “ Reinhold hatte sich in einen Sessel geworfen „ Du siehst , ich bin duldsamer geworden . “ „ Duldsamer , oder – gleichgültiger . “ „ Du hast Dich doch oft genug über meinen Despotismus beklagt , “ bemerkte er mit einem Anfluge von Spott . „ Und ich ertrug ihn dennoch , weil ich wußte , daß er aus Liebe entsprang . Es ist nur natürlich , daß mit der einen auch der andere ein Ende nimmt . “ Reinhold machte eine ungeduldige Bewegung . „ Beatrice , Du verlangst Unmögliches , wenn Du forderst , das Menschenherz solle immer und ewig in jenen vulcanischen Empfindungen glühen , die allein Dir Liebe heißen . “ Sie war an seinen Sessel getreten und legte die Hand auf die Lehne desselben , während sie mit einem seltsamen Ausdrucke zu ihm niederblickte . „ Ich sehe allerdings , daß es unmöglich ist , von dem kalten Herzen des Nordländers eine Liebe zu fordern , wie ich sie gebe und – verlange . “ „ Du hättest ihn in seinem Norden lassen sollen , “ sagte Reinhold düster . „ Vielleicht wäre die Kälte dort besser für ihn gewesen als die ewige Gluth Eures Südens . “ „ Soll das ein Vorwurf sein ? War ich es , die Dich Deiner Heimath entriß ? “ „ Nein ! Ich ging freiwillig , aber – sei gerecht , Beatrice ! – , die treibende Kraft warst Du . Wer drängte mich unaufhörlich zu dem Entschlusse ? Wer hielt mir immer und immer wieder meinen Künstlerberuf vor Augen ? Wer schalt mich Feigling , als ich vor der Verantwortung zurückschreckte , und stellte mir endlich die verhängnißvolle Wahl zwischen der Flucht oder unserer Trennung ? Ich bitte Dich – Du wußtest , wie die Entscheidung fallen würde . “ In den dunkeln Augen der Italienerin blitzte es drohend auf , aber noch erzwang sie Ruhe . „ Es galt unsere Liebe , “ erklärte sie stolz , „ es galt Deine Künstlerlaufbahn . Ich rettete der Welt einen Genius , als ich Dich mir rettete . “ Er schwieg . Die Vertheidigung schien keinen Wiederhall in seinem Inneren zu finden . Sie beugte sich tiefer zu ihm nieder , und ihre Stimme klang wieder süß und bestrickend , aber der unheimliche Ausdruck wich nicht aus ihren Zügen . „ Du träumst , Rinaldo . Das ist wieder eine von jenen Stimmungen , gegen welche ich so oft ankämpfen mußte . Ist es denn das erste Mal , daß eine unglückliche , unbefriedigte Ehe gelöst wurde , um ein beglückenderes Band zu schließen ? “ Reinhold stützte den Kopf in die Hand . „ Nein , gewiß nicht , aber das trifft hier nicht zu , denn meine Ehe ist nicht gelöst worden , und wir – haben nie daran gedacht , uns zu vermählen . “ Beatrice zuckte zusammen , und ihre Hand glitt von der Lehne des Sessels herab . „ Du warst nicht frei , “ murmelte sie . „ Es kostete mich nur ein Wort , es zu werden . Ich wußte , daß man mich nicht halten würde , und Dir standen genug Wege zu dem Dispens offen , der auch der Katholikin diese Ehe gestattet hätte . Aber wir fürchteten Beide das unlösbare Band , wir wollten frei und fessellos sein , ohne Schranken in unserer Liebe wie im Leben – nun wohl , wir sind es ja noch bis auf diese Stunde . “ „ Was willst Du damit sagen ? “ Beatrice preßte wie athemlos die Hand auf das Herz . „ Betrachtest Du etwa Deine Ehe als noch bestehend ? “ „ O nein , gewiß nicht , und wenn ich es thäte , so würde mir bald genug die Verwegenheit dieser Annahme klar gemacht werden . Du kennst nicht eine beleidigte Gattin und Mutter in ihrem Tugendstolze . Wenn der Sünder auch sein ganzes noch übriges Leben der Reue und Buße widmen wollte , er würde doch nie begnadigt “ Die Worte sollten wie herber Spott klingen ; er ahnte nicht , was die grenzenlose Bitterkeit verrieth , mit der er sie hervorstieß , aber Beatrice verstand es nur zu gut , und mit dieser Erkenntniß brach die bisher so mühsam gewahrte Selbstbeherrschung rettungslos zusammen . „ Hast Du das vielleicht schon versucht bei ihr , bei der ‚ beleidigten Gattin ? ‘ rief sie aufflammend . „ Sie ist ja in Deiner Nähe ; ich war ja selbst Zeuge Eures Wiedersehens . Darum also begegneten sich Eure Augen in so räthselhafter Weise , darum konntest Du den Blick nicht losreißen von dem Kinde , darum bebte sie zurück vor mir , wie vor etwas Unheilvollem ? Hast Du die Reuescene schon versucht , Rinaldo ? “ Reinhold war aufgesprungen , in seinen Mienen stritten Zorn und Ueberraschung miteinander . „ Also Du weißt bereits , wer Signora Erlau ist ? Doch was frage ich noch ! Der Spion , dieser Gianelli , verließ Dich ja soeben ; er wird auch das bereits herausgespürt und Dir hinterbracht haben . “ Einen Moment lang flog eine dunkle Gluth über die Züge der Sängerin , als sie an den directen Auftrag dachte , den sie dem „ Spion “ ertheilt hatte , aber in dem Aufruhr ihres ganzen Inneren fand die Beschämung keinen Platz . „ Du wußtest es bereits in Mirando , “ fuhr sie stürmisch fort , „ und sie bewohnte die nahe Villa Fiorina . Willst Du mich vielleicht glauben machen , daß Ihr Euch dort nicht gesehen , nicht gesprochen habt ? “ „ Ich will Dich überhaupt nichts glauben machen , “ sagte Reinhold kalt . „ Wie ich mit Eleonoren stehe , wird Dir unsere völlig fremde Begegnung wohl hinreichend gezeigt haben . Beruhige Dich ! Von der Seite hast Du nichts zu fürchten . Was übrigens [ 544 ] zwischen meiner Gattin und mir vorgegangen ist , werde ich Dir nicht beichten . “ Es lag ein leiser , aber doch bemerkbarer Ton der Verachtung auf den beiden Worten , und er schien verstanden zu werden . „ Es scheint , Du stellst mich unter Deine Gattin , “ sagte Beatrice schneidend . „ Unter diese Frau , deren einziges Verdienst es war und ist , die Mutter Deines Kindes zu sein , die Dich niemals – “ „ Ich bitte Dich , laß ’ das ! “ unterbrach er sie entschieden . „ Du weißt , daß ich es nicht ertragen kann , wenn Du diesen Punkt berührst , und jetzt dulde ich das weniger als je . Wenn Du mir durchaus wieder eine Scene machen mußt , so thue es , aber mein Weib und mein Kind laß ’ aus dem Spiele ! “ Es war , als ob seine Worte einen Sturm entfesselt hätten , so glühend , so maßlos brach die Leidenschaftlichkeit der Italienerin jetzt hervor , jede Spur von Selbstbeherrschung mit sich fortreißend . „ Dein Weib und Dein Kind ! “ wiederholte sie außer sich . „ O ich weiß , was mir diese Worte bedeuten ; ich mußte es ja oft genug erfahren . Haben sie sich doch zwischen uns gedrängt von dem ersten Moment unserer Vereinigung an bis auf diesen Tag . Ihnen verdanke ich jede bittere Stunde , jede kalte fremde Regung in Deinem Innern . Sie haben auf Dir gelegen wie ein Schatten mitten in dem Aufsteigen Deines Künstlerruhmes , mitten in all Deinen Siegen und Triumphen , als ob sie Dich gebannt hätten da oben im Norden mit der Erinnerung an sie – Du konntest Dich nicht losreißen davon , und doch gab es eine Zeit , wo sie Dir die drückenden Fesseln waren , die Dich schieden von Leben und Zukunft , die Du schließlich zerreißen mußtest . “ „ Um andere dafür einzutauschen , “ ergänzte Reinhold , dessen Heftigkeit jetzt auch aufloderte . „ Und es ist noch die Frage , ob diese anderen die leichteren sind . Dort waren es nur die äußeren Verhältnisse , die mich einengten ; mein Denken und Fühlen , mein Schaffen wenigstens war frei . Du wolltest auch dies willenlos zu Deinen Füßen sehen , wie mich selber , und daß Dir das nicht gelang , wenigstens nicht immer , habe ich mit Stunden endloser Aufregung und Bitterkeit büßen müssen . Einen Anderen hätte Deine Liebe zum Sclaven gemacht ; mich zwang sie im ewigen Kampfe gegen Deine Herrschsucht zu stehen , die sich jedes Gedankens , jeder Regung meines Inneren bemächtigen wollte . Aber ich dächte , Beatrice , Du hättest bisweilen doch in mir Deinen Meister gefunden , der seine Selbstständigkeit zu wahren wußte und der nicht sein ganzes Sein und Wesen in Ketten schlagen ließ . “ Der Sturm war einmal heraufbeschworen . Nun gab es auch kein Einhalten und keine Mäßigung mehr . Zum Mindesten für Beatrice nicht , deren Leidenschaftlichkeit immer wilder aufschäumte . „ Das also muß ich von den Lippen des Mannes hören , der mich so oft seine Muse genannt hat ? Hast Du vergessen , wer es war , der Dich zuerst zum Bewußtsein Deines Talentes und Deiner selbst erweckte , wer allein Dich hinaufführte auf die Sonnenhöhe des Ruhmes ? Ohne mich wäre der gefeierte Rinaldo zu Grunde gegangen in den Fesseln , die er nicht zu zerreißen wagte . “ Sie fühlte nicht , wie grenzenlos der Vorwurf seinen Mannesstolz verletzen mußte , Reinhold fuhr auf , aber nicht mit jenem Hochmuth , der jetzt nur zu oft seinen Charakter verdunkelte ; diesmal war es stolzes energisches Selbstbewußtsein , mit dem er sich emporrichtete . „ Das wäre er nicht . Denkst Du so klein von meinem Talente , daß Du glaubst , es könnte sich nur mit Dir und durch Dich Bahn brechen ? Meinst Du , ich hätte nicht allein meinen Weg gefunden , mich nicht allein zu der jetzigen Höhe emporgeschwungen ? Frage meine Werke danach ! Sie werden Dir die Antwort geben . Ich wäre gegangen , früher oder später ; daß ich mit Dir ging , ist mir zum Verhängniß geworden , denn das zerriß jedes Band zwischen mir und der Heimath und riß mich selber auf Bahnen , die der Mann wie der Künstler besser gemieden hätte . Du hieltest mich jahrelang fest in dem Rausche eines Lebens , das mir nie auch nur eine Stunde wahrer Befriedigung und wahren Glückes bot , weil Du wußtest , daß , wenn ich erst einmal daraus erwachte , es mit Deiner Macht zu Ende sei . Verzögern konntest Du das , verhindern nicht – das Erwachen kam spät , zu spät vielleicht – aber es kam doch endlich . “ Beatrice stützte sich auf den Marmorsims des Kamins , an dem sie stand ; ihr ganzer Körper bebte wie im Fieber , zeigte ihr diese Stunde doch , was sie längst schon gefühlt hatte , ohne es sich eingestehen zu wollen , daß ihre Macht in der That zu Ende war . „ Und wer , meinst Du , soll das Opfer dieses ‚ Erwachens ‘ sein ? “ fragte sie dumpf . „ Hüte Dich , Rinaldo ! Deine Frau verließest Du , und sie ertrug das geduldig – ich ertrage es nicht . Beatrice Biancona läßt sich nicht aufopfern . “ „ Nein , eher opfert sie selbst . “ Reinhold trat vor sie hin und sah ihr fest in ’ s Auge . „ Du würdest den Dolch zücken – nicht wahr , Beatrice ? Auf Dich oder mich , gleichviel , wenn nur Deine Rache gekühlt würde . Und wenn ich die Waffe Deiner Hand entrisse und reumüthig zu Dir zurückkehrte , Du öffnetest mir doch wieder die Arme . – Du hast ganz Recht , Eleonore ertrug es geduldiger ; da hielt mich kein Wort , kein Vorwurf , da wurde der Weheschrei erstickt im tiefsten Innern . Ich vernahm auch nicht einen Laut davon ; aber in dem Moment , wo ich sie verließ , da war ich der Ausgestoßene , da verschloß sich mir die Wiederkehr auf immer . Und wenn ich jetzt zu ihr käme in allem Glanze meines Ruhmes und meiner Erfolge , wenn ich ihr Lorbeeren , Gold , Ehren , Alles zu Füßen legte und mich selbst dazu – es wäre umsonst : sie vergäbe mir nicht . “ Er brach ab , als habe er bereits zu viel gesagt , Beatrice erwiderte kein Wort ; kein Laut kam von ihren Lippen , nur die Augen redeten eine düstere , unheimliche Sprache , aber Reinhold verstand sie diesmal nicht , oder wollte sie nicht verstehen . „ Du siehst , daß jene Trennung unwiderruflich ist , “ sagte er ruhiger . „ Ich wiederhole es Dir , Du hast von dieser Seite nichts zu befürchten . Du warst es , nicht ich , die diese Scene heraufbeschwor . Es ist nicht gut , wenn man die Geister der Vergangenheit wieder aufweckt , zumal zwischen uns nicht . Laß ’ sie ruhen ! “ Er verließ sie und trat in den anstoßenden Salon , wo er sich in die auf dem Flügel liegenden Noten vertiefte oder doch zu vertiefen schien , um dem weiteren Gespräche zu entgehen . „ Laß sie ruhen ! “ das wurde so ruhig , so düster gesprochen , und doch klang es wie ein Hohn in seinem Munde . Konnte er doch nicht einmal mehr die Geister der Vergangenheit bannen , und er verlangte es von der Frau , die sich von ihnen in dem bedroht sah , was ihr nun einmal als das Höchste galt , in seiner Liebe , die trotz allem , was sich im Laufe der Jahre zwischen sie und ihn gedrängt hatte , doch an ihm hing mit allen Wurzeln ihres Inneren , deren glühende leidenschaftliche Natur von jeher in der Liebe wie im Hasse keine Grenzen gekannt hatte . Wer Beatrice jetzt sah , wie sie sich langsam emporrichtete und ihm nachblickte , der wußte , daß sie das nicht ruhen lassen und selbst nicht ruhen werde , und Reinhold hätte bedenken sollen , als er ihr so trotzig die Stirn bot , daß er jetzt nicht mehr allein ihrer Rache gegenüberstand , daß er in dieser Stunde nur zu sehr verrathen hatte , auf welchem Wege sie ihn tödtlich treffen konnte . Der Blick , der so unglückverheißend dort aufflammte , bedrohte nicht ihn , aber etwas Anderes , das er nicht zu schützen vermochte , weil man ihm das Recht dazu versagte – sein Weib und sein Kind . [ 555 ] „ Ich wollte , Eleonore , wir wären in der Villa Fiorina geblieben und hätten die Uebersiedelung hierher unterlassen , “ sagte der Consul Erlau , indem er vor seiner Pflegetochter stehen blieb , die er bei seinem unvermutheten Eintritte in ihr Zimmer in Thränen überrascht hatte . „ Ich sehe , daß ich Dir doch damit allzuviel zugemuthet habe . “ Die junge Frau hatte rasch die Spuren des Weinens vertilgt und lächelte jetzt mit einer Ruhe , die einen Fremden wohl hätte täuschen können . „ Ich bitte Dich , lieber Onkel , quäle Dich doch nicht mit Besorgnissen meinetwegen ! Wir sind Deinetwillen hier , und wir wollen Gott danken , wenn Deine Genesung , die im Süden so vielversprechend begann , sich hier vollendet . “ „ Ich wollte aber doch , Doctor Conti säße an jedem andern Orte der Welt , “ versetzte der Consul ärgerlich , „ nur nicht gerade in der Stadt , die wir um jeden Preis vermeiden wollten , und wo ich mich nun nothgedrungen seiner Behandlung unterwerfen muß . Armes Kind , ich wußte , daß Du mir ein Opfer brachtest mit dieser Reise ; wie groß es ist , das lerne ich erst jetzt einsehen . “ „ Es ist kein Opfer , wenigstens jetzt nicht mehr , “ sagte Ella fest . „ Ich fürchtete nur die Möglichkeit einer ersten Begegnung . Nun ist diese überwunden und das Uebrige mit ihr . “ Erlau prüfte forschend und etwas argwöhnisch ihre Züge . „ So ! Warum hast Du denn geweint ? “ „ Onkel , man ist nicht immer Herr seiner Stimmung . Ich war eben niedergeschlagen . “ „ Eleonore ! “ Der Consul setzte sich neben sie und nahm ihre Hand in die seinige . „ Du weißt , ich habe es nie verwinden können , daß jenes unselige Verhältniß gerade in meinem Hause seinen Anfang nahm , und es war meine einzige Genugthuung , daß dieses Haus Dir später eine Heimath bieten konnte . Ich hoffte , jetzt , wo Jahre dazwischen liegen , wo in Dir und um Dich nicht mehr als Alles sich geändert hat , würdest Du die einst empfangene Kränkung verschmerzt haben , und statt dessen muß ich sehen , daß sie unvermindert und unvergessen fortbrennt , daß alle alten Wunden wieder aufgerissen werden , daß Du – “ „ Du irrst , “ unterbrach ihn die junge Frau hastig , „ Du irrst gewiß . Ich – bin längst zu Ende mit der Vergangenheit . “ Erlau schüttelte ungläubig den Kopf . „ Als ob Du es je zeigen würdest , wenn Du leidest ! Ich weiß am besten , welch eine Verschlossenheit und Selbstbeherrschung unter diesen blonden Flechten steckt . Du hast mir oft mehr davon gezeigt , als Du vor Deinem zweiten Vater verantworten konntest , aber er sieht doch schärfer und tiefer als die Anderen , und ich sage Dir , [ 556 ] Eleonore , Du bist nicht wieder zu erkennen , seit jenem Tage , wo dieser – Rinaldo , ungeachtet aller Abweisungen , doch schließlich eine Unterredung mit Dir ertrotzte . Was eigentlich zwischen Euch Beiden vorgegangen ist , das weiß ich bis heute noch nicht ; es hat schon Mühe genug gekostet , Dir das Geständniß zu entreißen , daß er überhaupt bei Dir war . Du bist nun einmal völlig unzugänglich in solchen Dingen , aber leugne es wie Du willst , seit der Stunde bist Du eine Andere geworden . “ „ Es fiel durchaus nichts vor , “ beharrte Ella , „ nichts von Bedeutung . Er verlangte das Kind zu sehen