ich will von Dir nichts erzwingen . Ich will allein dem glauben , was mir Deine Augen sagen . Bis morgen also , bis dahin – lebe wohl , meine Gabriele ! “ Er geleitete sie zum zweiten Ausgange des Gemaches , der in seine Bibliothek führte . Von dort gelangte man auf den Corridor , und das junge Mädchen hatte den letzteren kaum verlassenn , als im Arbeitszimmer des Freiherrn auch schon die Klingel ertönte , die den Courier herbei rief . Arno Raven hatte in der That wenig Zeit , sich seinen Liebesträumen hinzugeben ; er wurde unerbittlich wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen . Gabriele hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen . Noch war das entscheidende Wort nicht ausgesprochen , aber die Entscheidung selbst war bereits gefallen . Die eben durchlebte Stunde hatte die Brücke zu der Vergangenheit abgebrochen , es gab keine Rückkehr mehr . Und wäre jetzt Georg selbst dazwischen getreten , um seine Rechte zu wahren und zu behaupten – es war zu spät , er hatte sie bereits verloren . Was dem Jünglinge mit all seiner Schwärmerei und Innigkeit nicht möglich gewesen war , das hatte der ältere Mann mit seiner späten , aber um so glühenderen Leidenschaft erreicht . Er hatte die ganze Seele des jungen Mädchens an sich gekettet ; es war kein Raum mehr darin für einen Andern . Arno Raven allein beherrschte alle Gedanken und Empfindungen Gabrielens , und er beherrschte auch ihre Träume , als sie endlich , lange nach Mitternacht , einen kurzen , unruhigen Schlaf fand . Georg ’ s Bild tauchte nicht aus diesen Träumen empor , in denen die Ereignisse der letzten Stunden sich wirr und phantastisch durcheinander drängten . Es war nur eine einzige Gestalt , die im Vordergrunde stand , und mit ihr verwebte sich die Erinnerung an die heutige Fahrt durch die dämmernde Landschaft im Herbstabend , Sturmgewölk und fern am Himmel ein flammendes Abendroth . „ Das ist unerhört . So etwas ist noch nicht dagewesen ; ich wollte meinen eigenen Augen nicht glauben . Das untergräbt ja jede Autorität , erschüttert die Regierung , rüttelt an den Säulen des Staates – es ist schrecklich . “ Es war Hofrath Moser , der im höchsten Pathos diese Worte dem Polizeidirector entgegen rief . Der Letztere war bei dem Gouverneur gewesen und kam soeben die Treppe herunter . „ Sie meinen die Unruhen in der Stadt ? “ fragte er mit einem leisen , etwas hohnvollen Lächeln . „ Ja , es ging etwas arg zu am gestrigen Abende . “ „ Wer spricht davon ! “ rief der Hofrath . „ Das sind Pöbelexcesse , die man zügeln und bewältigen wird , nöthigenfalls mit militärischer Hülfe . Aber wenn die Revolution bis in die Kreise der Beamten dringt , wenn Männer , die berufen sind , die Regierung zu vertreten und zu stützen , sie in solcher Weise angreifen , dann hört alle Ordnung auf . Wer hätte das denn Assessor Winterfeld zugetraut , der stets für das Muster eines Beamten galt ! Freilich , mir war er von jeher verdächtig . Sein Mangel an Loyalität , seine Hinneigung zur Opposition , seine staatsgefährlichen Verbindungen flößten mir längst Besorgniß ein , und ich sprach das verschiedene Mal gegen Seine Excellenz aus , aber der Freiherr hörte nicht darauf . Er hatte eine Vorliebe für den Assessor , er öffnete ihm ja erst kürzlich durch die Versetzung in die Residenz die glänzendsten Aussichten , und nun lohnt ihn dieser Verräther mit so schwarzem Undank . “ „ Sie sprechen von der Flugschrift Winterfeld ’ s , “ fragte der Polizeidirector . „ Haben Sie die Broschüre schon in Händen ? Sie kann erst heute Morgen in R. angelangt sein . “ „ Ich erhielt sie durch Zufall , durch einen Collegen , dem sie gleich beim Eintreffen in die Hände fiel . Ein ganz entsetzliches Machwerk . Das ist ja die offenbare Rebellion . Es werden Seiner Excellenz Dinge darin gesagt . Dinge – ich bitte Sie , wie konnte so etwas nur gedruckt und verbreitet werden ! Haben Sie denn noch keine Schritte zur Unterdrückung gethan ? “ „ Ich habe dazu weder einen Befehl , noch irgend eine Veranlassung , “ erklärte der Polizeichef , dessen kühle Ruhe einen seltsamen Gegensatz zu der Aufregung Moser ’ s bildete . „ Die Broschüre ist an der Residenz erschienen , und es dürfte wohl zu spät sein , ihre Verbreitung zu hindern . Ueberhaupt – man unterdrückt nicht mehr so ohne Weiteres mißliebige Aeußerungen , wie das wohl früher geschah ; die Zeiten haben sich doch einigermaßen geändert . Was aber die Schrift selbst betrifft , so bin ich vollkommen Ihrer Meinung . Es ja wohl das Stärkste , was einem Vertreter der Regierung je in ’ s Antlitz gesagt worden ist . “ [ 357 ] „ Und das hat ein Beamter gethan , der in meiner Kanzlei , unter meinen Augen arbeitete , “ rief der Hofrath verzweiflungsvoll . Aber er ist verführt , mißleitet worden . Ich habe es ihm immer gesagt , daß die Verbindung mit der schweizer Demagogengesellschaft ihn in ’ s Verderben bringen werde . Ich weiß , wer hinter der ganzen Sache steckt , wer allein die Schuld daran trägt – jener Doctor Brunnow , der unter dem Vorwande einer Erbschaftsangelegenheit sich nun schon wochenlang hier aufhält und noch immer nicht abreisen will . “ „ Weil man ihm endlose Schwierigkeiten und Weitläufigkeiten bei der Erhebung seiner Erbschaft macht . Die Herren vom Gericht lassen es ihn wirklich mehr als nöthig entgelten , daß er der Sohn seines Vaters und in diesem Falle sein Vertreter ist ; dafür ist er ihnen aber auch kürzlich in einer so drastischen Weise zu Leibe gegangen , daß sie ganz verblüfft waren und jetzt wirklich Miene machen , die Sache zu beeilen . Sie haben ein Vorurtheil gegen den jungen Arzt , Herr Hofrath . Er ist wirklich nicht so schlimm , wie Sie glauben . “ „ Dieser Brunnow ist sehr schlimm , “ sagte der Hofrath , bei dem jetzt wieder die gewohnte Feierlichkeit zum Durchbruche kam . „ Ich wußte es vom ersten Tage an , wo ich ihn sah , und ich habe einen untrüglichen Scharfblick in solchen Dingen . Seit er hier ist , haben wir die Unruhen in der Stadt , die offene Auflehnung gegen die Behörden und jetzt wieder dieses gedruckte Attentat gegen Seine Excellenz . Ich bleibe dabei , dieser Mensch ist nach R. gekommen , nur um von hier aus die Stadt , die Provinz , ja das ganze Land in Aufruhr zu versetzen . “ „ Warum nicht lieber ganz Europa ! “ rief der Polizeidirector ärgerlich . „ Sie täuschen sich vollständig . Man hat den jungen Mann schon seines Namens wegen nicht aus den Augen gelassen , aber ich versichere Ihnen , daß er auch nicht den geringsten Anlaß zu solchen Vermuthungen giebt . Er hat weder politische Beziehungen angeknüpft , noch sich direct oder indirect an den Unruhen betheiligt und geht einzig und allein seinen Privatangelegenheiten nach . Wenn ich als Polizeichef ihm ein solches Zeugniß ausstelle , so können Sie mir wohl Glauben schenken . “ „ Er ist aber der Sohn eines alten Revolutionärs , “ beharrte der Hofrath , „ und der intime Freund des Assessor Winterfeld . “ „ Das ist kein Beweis für seine Staatsgefährlichkeit . Sein Vater war auch einst der intimste Freund des Gouverneurs . “ „ Wa – was ? “ rief Moser zurückprallend . „ Excellenz von Raven und jener Rudolph Brunnow – “ „ Waren Universitäts- und Jugendfreunde , sehr innige sogar ; ich weiß das aus sicherster Quelle . Hoffentlich werden Sie den Freiherrn von Raven nicht demagogischer Neigungen beschuldigen . Aber meine Zeit ist gemessen . Adieu , Herr Hofrath ! “ Damit ließ der Polizeidirector den ganz verblüfften Hofrath stehen und verließ das Regierungsgebäude . – Auf dem Rückwege nach der Stadt traf er mit dem Bürgermeister zusammen . „ Sie kommen aus dem Schlosse ? “ fragte dieser . „ Sie waren bei dem Gouverneur ? Was hat er beschlossen ? “ Der Gefragte zuckte die Achseln . „ Was er bereits gestern drohte – das unnachsichtlichste Vorgehen . Sobald sich die Unruhen wiederholen , greift das Militär ein . Die Vorbereitungen dazu werden soeben getroffen . Gerade als ich ging , kam Oberst Wilten an , um persönliche Rücksprache zu nehmen , und das Resultat der Conferenz kann nicht zweifelhaft sein . Sie kennen den Freiherrn , er schreckt vor keinem Gewaltschritt zurück , wenn es gilt , seinen Willen durchzusetzen . “ „ Das darf nicht sein , “ sagte der Bürgermeister unruhig . „ Die Erbitterung ist zu groß , als daß das Ausrücken des Militärs eine bloße Demonstration bleiben könnte . Es kommt zum Widerstande , zum Blutvergießen . Ich hatte mir freilich vorgenommen , das Schloß nicht wieder zu betreten , wenn mich nicht die Nothwendigkeit dazu zwänge , jetzt aber möchte ich doch noch einen letzten Versuch machen , um das Aeußerste zu verhüten . “ „ Unterlassen Sie das lieber ! “ rieth der Polizeidirector . „ Ich kann es Ihnen vorhersagen , daß Sie nichts erreichen . Der Freiherr ist heut nicht zur Nachgiebigkeit gestimmt ; er hat Nachrichten erhalten , die ihm die Laune auf Wochen hinaus verderben werden . “ „ Ich weiß , “ fiel der Andere ein . „ Die Schrift des Assessor Winterfeld . Ich erhielt sie heut Morgen aus der Residenz . “ „ Also auch Sie haben schon Kenntniß davon ? Nun , die Anstalten für die Verbreitung scheinen ja vorzüglich getroffen worden zu sein . Man scheint eine Unterdrückung zu fürchten und sich zu beeilen zuvorzukommen . Ich glaube aber , daß das eine unnöthige Besorgniß ist ; es sieht aus , als wäre man in der Residenz gewillt , der Sache ihren Lauf zu lassen . “ „ Wirklich ? Und was sagt Raven selbst dazu ? Ihm kam sie doch schwerlich so ganz unerwartet ; er muß doch vorher irgend einen Wink erhalten haben . “ „ Ich fürchte , er hat ihn nicht erhalten ; sein ganzes Wesen verrieth , daß die Sache ihn überrascht hat . Er hüllte sich zwar in seine gewohnte Unzugänglichkeit , konnte es aber doch nicht ganz verbergen , wie furchtbar gereizt und erregt er war . Meine Andeutungen über diesen Punkt wurden mit einer Schroffheit angenommen , daß ich es für besser hielt , ihn fallen zu lassen . – Der Angriff ist freilich unerhört und dabei grenzenlos unvorsichtig . So etwas , wenn es denn durchaus unter die Leute soll , schickt man doch anonym in die Welt hinaus , man läßt wenigstens den ersten Sturm austoben , ehe man sich nennt , läßt sich suchen und errathen und tritt erst im äußersten Nothfall aus seiner Verborgenheit hervor – der Assessor unterzeichnet sich mit seinem vollen Namen und läßt die Welt und den Gouverneur auch nicht einen Augenblick in Zweifel darüber , wer der Angreifer ist . Ich begreife nicht , wo er den Muth hergenommen hat , seinem ehemaligen Chef in solcher Weise gegenüberzutreten . Er wirft ihm ja vor dem ganzen Lande den Handschuh hin ; die Schrift ist eine einzige Anklage von Anfang bis zu Ende . “ „ Und eine einzige Wahrheit von Anfang bis zu Ende , “ fiel der Bürgermeister ein . „ Der junge Mann beschämt uns Alle . Was er jetzt wagt , das mußte längst gewagt und gethan werden . Wenn der Widerstand einer ganzen Stadt , wenn alle Vorstellungen bei der Regierung vergebens bleiben , muß der Streit vor das Forum des Landes gebracht und dort entschieden werden . Winterfeld hat das mit klarem Blicke erkannt und muthig das erste Wort gesprochen . Jetzt , wo die Bahn einmal gebrochen ist , wird ihm Alles folgen . “ „ Er setzt aber dabei sich und seine ganze Existenz auf ’ s Spiel , “ warf der Polizeidirector ein . „ Seine Schrift wagt zu viel , und so glänzend sie auch geschrieben ist , sie wird dem Verfasser theuer zu stehen kommen . Raven ist wahrlich nicht der Mann , der sich ungestraft beleidigen und angreifen läßt . Der kecke Herausforderer kann das Opfer seiner Verwegenheit werden . “ „ Oder er bringt endlich einmal die Allmacht des Gouverneurs zum Scheitern . Aber wie die Sache auch enden mag , sie wird jedenfalls ungeheures Aufsehen erregen und hier in R. ist sie nun vollends der Funke im Pulverfaß . “ „ Das fürchte ich auch , “ stimmte der Polizeichef bei . „ Es läßt sich begreifen , daß der Freiherr jetzt Alles daran setzt , um der Situation Herr zu bleiben . Nun , was er auch thun mag , er thut es auf seine Gefahr . “ – Während die beiden Herren ihren Weg fortsetzten , hatte im Arbeitszimmer des Gouverneurs in der That die erwähnte Conferenz zwischen diesem und dem Oberst Wilten stattgefunden . Der Inhalt des Gesprächs mußte wohl von ernster Natur gewesen sein , denn auch der Oberst sah sehr ernst aus . Raven war dem äußeren Anscheine nach unbewegt , nur die fahle Blässe , die auf seinem Antlitze lag , und die tiefgefurchte Stirn verriethen , daß irgend etwas Außergewöhnliches ihn berührt hatte ; er beherrschte Haltung und Sprache , wie immer . „ Es bleibt dabei , “ sagte er . „ Sie halten das Militär verfügbar zum sofortigen Eingreifen und gehen schonungslos vor , sobald man Ihnen Widerstand entgegensetzt . Ich nehme die Verantwortung und alle etwaigen Folgen auf nach allein . “ „ Wenn es sein muß – allerdings , “ entgegnete der Oberst zögernd . „ Sie kennen meine Bedenken , und ich verhehle Ihnen nicht , daß ich mich eintretenden Falles mit Ihrer Verantwortung decken werde . “ „ Ich vertrete die Maßregel in ihrem ganzen Umfange . Dieses rebellische R. soll und muß gebändigt werden um jeden Preis . Ich habe jetzt mehr als je Grund , meine unbedingte Autorität aufrecht zu erhalten ; man soll nicht glauben , daß sie unter dem heimtückischen Schlage wankt , der gegen mich geführt wird . “ [ 358 ] „ Welcher Schlag ? “ fragte der Oberst . „ Sie kennen noch nicht die Neuigkeit aus der Residenz ? “ „ Nein , Sie wissen ja , daß ich erst seit einigen Stunden hier bin . “ Raven erhob sich und durchmaß mit raschen Schritten das Zimmer . Als er zurückkehrte und vor dem Obersten stehen blieb , sah man es doch , wie die Aufregung in ihm wühlte , trotz all seiner Anstrengung , sie niederzuhalten . „ So empfehle ich Ihnen , die Flugschrift des Asssessors Winterfeld zu lesen , “ sagte er in einem Tone , der sarkastisch sein sollte , aber auf ’ s Aeußerste gereizt klang . „ Er fühlt sich berufen , mich vor dem ganzen Lande als einen Despoten hinzustellen , der weder nach Recht noch nach Gesetzen fragt und der für die ihm anvertraute Provinz ein Unglück und ein Unheil geworden ist . Es ist ein ganzes Sündenregister , was mir da vorgehalten wird . Uebergriffe , Willkür , Gewaltacte und wie die Schlagworte alle heißen . Es lohnt wirklich der Mühe , das Machwerk zu lesen , und wäre es auch nur , um sich drüber zu wundern , was einer meiner jüngsten und untergeordneten Beamten sich gegen seinen früheren Chef herausnimmt . Bis jetzt haben nur einige Wenige die Broschüre in Händen ; morgen wird die ganze Stadt sie kennen . “ „ Aber mein Gott , warum lassen Sie das denn so ruhig geschehen ? “ rief der Oberst . „ Dergleichen kann doch nicht plötzlich ohne jede Vorbereitung auftauchen , Sie müssen doch Nachrichten darüber erhalten haben . “ „ Gewiß , ich erhielt sie gestern Abend , ungefähr zu derselben Zeit , wo die Residenz bereits mit der Broschüre überschwemmt wurde und diese auf dem Wege hierher war . Der Courier überbrachte mir zugleich das ‚ aufrichtige Bedauern ‘ des Ministers , daß man die Verbreitung nicht habe verhindern können , daß die Sache überhaupt nicht mehr zu unterdrücken sei . “ „ Das ist seltsam , “ sagte Wilten befremdet . „ Mehr als seltsam . Man pflegt sonst in der Residenz sehr genau unterrichtet zu sein über Alles , was die Presse verläßt , und läßt nicht leicht etwas in die Welt hinaus , was gefährlich werden könnte . Bei dieser Schrift vollends wäre es ein Leichtes gewesen , die gegen mich geschleuderten Beleidigungen auf die Regierung selbst zu übertragen und darauf hin das Ganze zu unterdrücken . Es scheint aber , man hat das diesmal nicht gewollt , und da man mein energisches Dringen fürchtete , so zog man es vor , mich in vollständiger Unwissenheit zu lassen , und gab mir erst im letzten Augenblicke Nachricht als es zu spät war . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 23 , S. 371 – 374 Fortsetzungsroman – Teil 15 [ 371 ] Der Oberst sah nachdenkend zu Boden . „ Sie haben wenig Freunde in der Residenz und bei Hofe . Ich sagte es Ihnen schon vor Monaten : es wird dort fortwährend gegen Sie gewühlt und intriguirt , und man bietet Alles auf , Ihren Einfluß zu untergraben . Wenn sich noch dazu ein geeignetes Werkzeug findet – Assessor Winterfeld ist ja wohl gegenwärtig im Ministerium ? “ „ Ja wohl , “ sagte der Freiherr mit Bitterkeit . „ Ich habe ihm die Pforten dazu geöffnet – ich selbst habe meinen Denucianten nach der Residenz geschickt . “ „ Man wird sich des jungen Mannes bemächtigt haben , weil man wußte , daß er direct aus Ihrer Kanzlei kam . Er leiht vielleicht nur den Namen her zu einem Angriff , der von ganz anderer Seite ausgeht . “ Raven schüttelte finster den Kopf . „ Der ist kein Werkzeug in fremden Händen ; der handelt aus eigenem Antriebe ; auch kann die Schrift nicht erst in den wenigen Wochen entstanden sein , die seit seiner Entfernung verstrichen sind . Sie ist das Resultat von Monaten , von Jahren vielleicht . Hier in meiner Kanzlei , fast unter meinen Augen , ist der Anschlag geplant und entworfen worden . Jedes Wort zeigt , daß er lange und sorgfältig vorbereitet wurde . “ „ Und der Assessor hat sich niemals Ihnen oder Anderen gegenüber verrathen ? “ fragte Wilten . „ Er muß doch Umgang , muß doch Vertraute gehabt haben . “ Die Lippen des Freiherrn zuckten , und sein Blick heftete sich auf die Fensternische , aus der ihm gestern Gabriele entgegengetreten war . „ Einen seiner Vertrauten wenigstens kenne ich , “ sagte er dumpf , „ und der soll mir Rede stehen . Was ihn selbst betrifft – nun , das wird sich finden . Zwischen uns beiden kann nur von einer Auseinandersetzung die Rede sein , für den Augenblick aber habe ich mit anderen Feinden abzurechnen . Es kommt wenig darauf an , ob ein Assessor Winterfeld in tugendhafter Entrüstung mich für einen Tyrannen und meine Amtsführung für ein Unglück erachtet ; das haben Andere auch gethan . Aber daß er es wagen darf , das in alle Welt hinauszuschreien , und daß dieses Wagniß geduldet , vielleicht sogar begünstigt wird – das ist es , was der Sache Ernst und Bedeutung giebt . Ich werde unverzüglich die vollste Genugthuung von der Regierung verlangen , die mit mir und in mir angegriffen ist , und wenn man Miene machen sollte , sie zu verweigern , so werde ich sie mir zu erzwingen wissen . Es ist nicht das erste Mal , daß ich genöthigt bin , mit den Herren in der Residenz die Sprache des Entweder – Oder zu reden . Ich habe mir schon öfter gewaltsam Luft schaffen müssen , wenn die Intriguen von dort mich auf ’ s Aeußerste brachten . “ „ Sie nehmen die Angelegenheit zu ernst , “ beruhigte der Oberst . „ Sie setzten ja sonst allen Angriffen eine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit entgegen . Warum lassen Sie sich diesmal durch Lügen und Verleumdungen aus der Fassung bringen ? “ Der Freiherr richtete sich mit seinem ganzen Stolze auf . „ Wer sagt denn , daß es Lügen sind ? Die Schrift strotzt von Feindseligkeit , Unwahrheiten aber enthält sie nicht , und ich denke nicht daran , auch nur eine der darin behauptete Thatsachen in Abrede zu stellen . Was ich gethan habe , werde ich zu vertreten wissen , aber nur denen gegenüber , denen es zusteht . Rechenschaft von mir zu verlangen , nicht gegen den ersten Besten , dem es einfällt , sich zu meinem Richter aufzuwerfen . Ihm und seinen Genossen werde ich allein die Antwort geben , die sie verdienen . “ Das Gespräch wurde hier unterbrochen ; man überbrachte dem Gouverneur eine Meldung , die der Polizeidirector soeben aus der Stadt heraufschickte . Oberst Wilten stand auf . „ Ich gehe jetzt , die verabredete Maßregeln zu treffen . – Die Frau Baronin ist doch glücklich angelangt ? Sie kam mit uns zur Stadt , wollte aber meine fernere Begleitung bis zum Schlosse nicht annehmen . Und wie geht es Fräulein von Harder ? Sie hat ja die ganze gestrige Unruhe mit durchmachen müssen . “ „ Ich weiß es nicht , “ sagte Raven kurz , beinahe rauh . „ Ich habe sie heut ’ noch nicht gesehen und war auch zu beschäftigt , um meine Schwägerin empfangen zu können . Ich werde später hinübergehen . “ Er reichte dem Oberst die Hand , und dieser entfernte sich , während der Freiherr an seinen Schreibtisch zurückkehrte , auf dem noch die gestrige Depesche lagen , um sofort einen Brief an den Minister zu beginnen . Die Baronin Harder war in der That vor einigen Stunden angelangt , aber nur von ihrer Tochter empfangen worden , was die Dame sehr übel vermerkte . Sie fand es äußerst rücksichtslos von ihrem Schwager , daß er sich nicht wenigstens einige Minuten von den Geschäften losriß , um sie zu begrüßen . Im Uebrigen war die Erkältung , an der Frau von Harder bereits seit einigen Tagen litt , durch die heutige Fahrt noch verschlimmert worden ; sie erklärte sich für sehr leidend und angegriffen und zog sich [ 372 ] sobald wie möglich in ihr Schlafzimmer zurück , um die ungestörteste Ruhe zu genießen , zur großen Erleichterung ihrer Tochter , die sich nun wieder selber überlassen blieb . Gabriele hatte es wirklich kaum vermocht , ihre Aufregung und Unruhe vor der Mutter zu verbergen . Der Freiherr war heute vollständig unsichtbar für sie geblieben und hatte sich sogar beim Frühstück entschuldigen lassen . Sie wußte freilich , daß er in Folge der gestrigen Ereignisse vom frühen Morgen an von allen Seiten in Anspruch genommen war , daß sich die Meldungen , Audienzen und Conferenzen in seinem Arbeitszimmer drängten , aber sie wußte auch , daß er trotz alledem Zeit finden würde , Zeit finden mußte , um zu ihr zu kommen , wenn auch nur auf Minuten . „ Bis morgen ! “ Das Wort mit seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit klang noch in ihrer Seele wieder . Der Morgen , der Vormittag waren gekommen und gegangen – Raven kam nicht , sandte auch kein Wort , keine Zeile , und es lag wie Bergeslast auf der Brust des jungen Mädchens . Was war geschehen ? Es war inzwischen Mittag geworden . Gabriele befand sich allein in dem kleinen Salon ihrer Mutter – da endlich vernahm sie im Vorzimmer den raschen festen Schritt , den sie heute wohl schon hundertmal zu hören geglaubt hatte . Sie athmete tief ; sie lauschte dem Kommenden entgegen , und ihre eben noch so bleichen Wangen erglühten plötzlich in dunckler Röthe . Angst , Sorge , Unruhe , das Alles war vergessen in dem Augenblicke , wo die Thür sich öffnete und der Freiherr eintrat . „ Ich habe mit Dir zu sprechen , “ begann er ohne jede Einleitung . „ Sind wir allein ? “ Gabriele machte eine bejahende Bewegung ; sie hatte ihm entgegen eilen wollen , hielt aber inne , betroffen von dem Tone , der so fremd und rauh ihr Ohr berührte . Sie gewahrte jetzt erst die seltsame Veränderung in den Zügen des Eintretenden . Das war nicht der Arno Raven mehr , der sie gestern in den Armen gehalten und ihr eine Leideschaft bekannt hatte , die das ganze Wesen des strengen kalten Mannes in Gluth und Zärtlichkeit umzuwandeln schien . Heute stand er finster , eisig vor ihr . Die Lippen , denen jene heiße Liebesworte entströmten , waren fest zusammengepreßt ; in dem starren düsteren Antlitz zeigte sich keine Spur mehr von dem , was sich gestern darin geregt hatte , und die Augen flammten drohend und unheilvoll dem jungen Mädchen entgegen . „ Du hast mich vielleicht früher erwartet , “ nahm der Freiherr wieder das Wort . „ Ich bedurfte einiger Zeit , um mich mit gewissen – Neuigkeiten vertraut zu machen , und zu unserer heutigen Unterredung kommen wir immer noch früh genug . Es ist wohl überflüssig , Dir zu erklären , was ich meine , denn wenn Du auch sonst mit meinen Amtsangelegenheiten nicht vertraut bist , diesmal weißt Du vermuthlich so gut wie ich , um was es sich handelt . “ „ Ich ? Nein , “ sagte Gabriele mit stockendem Athem . „ Was soll ich wissen ? “ „ Willst Du es etwa leugnen ? Doch davon sprechen wir später ; vor allen Dingen möchte ich Dich fragen , was Dich veranlaßt hat , eine so erbärmliche Komödie mit mir zu spielen , in der mir die lächerliche Rolle zuertheilt wurde . Aber nimm Dich in Acht , Gabriele ! Ich sagte es Dir schon gestern – ich habe wenig Talent für eine solche Rolle . Ein Mann , der sich verhöhnt und verrathen sieht , bleibt nur lächerlich , so lange er es geduldig erträgt . Ich bin nicht gesonnen , das zu thun . Das Spiel , das Du mit mir getrieben , kann verhängnißvoll werden für Dich und noch für einen Anderen . “ „ Aber was meinst Du denn ? Ich verstehe Dich nicht , “ rief das junge Mädchen , dessen Angst sich bei diesen räthselhaften Andeutungen von Minute zu Minute steigerte . Raven trat dicht vor sie hin , und sein Blick heftete sich durchbohrend auf ihr Antlitz . „ Was sollen die Warnungen bedeuten , die Du mir gestern während der Fahrt zuflüstertest ? Woher wußtest Du überhaupt , daß mich irgend etwas bedrohte , und weshalb schrakst Du so zusammen und wurdest todtenbleich , als der Courier aus der Residenz gemeldet wurde ? Sprich ! Ich will Antwort haben auf der Stelle . “ Gabriele hörte mit wachsender Bestürzung zu ; sie begann zu ahnen , was diese Fragen bedeuteten , aber der Zusammenhang blieb ihr noch völlig dunkel . Raven mußte es wohl sehen , daß sie ihn nicht verstand , denn er zog eine Broschüre aus seiner Brusttasche und warf sie auf den Tisch . „ Sollte diese Schrift hier nicht Deinem Gedächtniß zu Hülfe kommen ? Der schmählichste , unerhörteste Angriff , der je gegen mich geschleudert wurde ! Du hast ihn vermuthlich nur im Entwurfe gelesen ; vollendet wurde er wohl erst in der Residenz , im Ministerium . So sieh mich doch nicht an , als ob ich in einer fremden Sprache redete ! Oder kennst Du den Namen nicht , der da aus dem Blatte steht ? “ Gabriele hatte mechanisch die Broschüre in die Hand genommen ; ihr Auge fiel auf das bezeichnete Blatt , auf den Namen , der dort stand , sie zuckte zusammen . „ Von Georg ? Er hat also Wort gehalten . “ „ Wort gehalten ! “ wiederholte Raven mit bitterem Auflachen . „ Er gab Dir also sein Wort darauf ? Du warst seine Vertraute , warst im Einverständniß mit ihm ? Freilich , wie konnte ich denn auch noch zweifeln ! Es war ja sonnenklar vom ersten Momente an . “ Das junge Mädchen war zu verwirrt und betäubt , um sich mit Nachdruck zu vertheidigen . Der unglückselige Ausruf , der ihr entfuhr , mußte den Freiherrn nur in dem Verdachte bestärken , daß sie Mitwisserin sei . „ Ich ahnte irgend ein Unheil , “ entgegnete sie , ihren ganzen Muth zusammenraffend , „ aber ich wußte nichts Bestimmtes . Ich glaubte – “ Raven ließ sie nicht ausreden ; seine Hand umschloß die ihrige krampfhaft . „ Hattest Du wirklich keine Ahnung davon , daß irgend etwas gegen mich im Werke war ? Waren Deine gestrigen Andeutungen ganz zufällig und absichtslos ? Dachtest Du , als uns die Nachrichten aus der Residenz so plötzlich aufschreckten , mit keiner Silbe daran , daß man Wort gehalten haben könnte ’ ? Sieh mir in ’ s Auge und sage Nein – so will ich versuchen , Dir zu glauben . “ Gabriele schwieg ; sie konnte darauf nicht mit Nein antworten , und der Gedanke , daß sie ja in der That wenigstens um die Absicht Georg ’ s gewußt , raubte ihr die Fassung . Die wenigen Worte , die Georg beim Abschiede zu ihr gesprochen , wurden verhängnißvoll für diese Stunde ; sie drückte das junge Mädchen wie eine schwere Schuld zu Boden . Raven ’ s Auge war nicht von ihrem Antlitz gewichen . Jetzt lösten