: ein heißer Thränenstrom stürzte aus ihren Augen und sie verbarg das Gesicht in den Kissen . In diesem lauten herzzerreißenden Weinen brach endlich der kalte Hochmuth , mit dem sie bisher auf Alles herabgesehen , was ihr an Geist und Lebensstellung nicht ebenbürtig war , brach die starre Härte ihrer Natur , brach selbst die männlichen Willenskräfte , die der Vater in ihr geweckt und genährt hatte , sie weinte jetzt , wie ein Weib weint , in trostloser Angst und Verzweiflung , wenn es Alles um sich zusammenstürzen sieht – Jane Forest war nun einmal nicht zu beugen gewesen , sie mußte erst gebrochen werden . Aber diese Thränen , die ersten seit ihrer Kinderzeit , drangen auch mächtig zu ihres Bruders Herzen und besiegten seine ängstliche Scheu vor ihr . Er sah jetzt auch , daß die Schwester sich seiner nicht mehr schämte , daß er sie tief gekränkt mit seinem Verdachte , und mit der letzten Kraft wendete er sich ihr wieder zu . „ Hannchen ! ” sagte er leise , und der alte liebe Name fiel halb scheu noch und halb zärtlich von seinen Lippen . “ Sei mir nicht böse , liebes Hannchen ! Es ist ja Alles gut , ich habe wenigstens dich gerettet ! ” Er streckte die Arme nach ihr aus , und die Lippen der Geschwister begegneten sich in dem ersten Kusse – es war auch der letzte ! – Als der neue Tag sein erstes mattes Licht über die Erde sandte , war Forests Sohn nicht mehr unter den Lebendem . Langsam ließ Jane die Leiche ihres Bruders aus den Armen und wandte das Antlitz dem Fenster zu , im Zimmer herrschte noch kalte graue Dämmerung , aber draußen flammte es bereits am Himmel auf , eben brach der Morgen blutigroth in die Berge – welches Opfer war dort gefallen ? Eine klare duftige Herbstnacht liegt über dem Gebirge , hell scheint der Mond herab und beleuchtet mit seinen geisterhaften Strahlen die Bergstraße , die dunkeln scharf begrenzten Linien der Berge heben sich so deutlich von dem lichten Nachthimmel ab , daß man jede Kluft , jede Felszacke davon unterscheidet . Höher hinauf verschwimmen die Wälder zu einer einzigen dunklen , formlosen Masse , auf der ein leichter weißer Nebel wie schimmernder Flor ruhte und an der hellbeschienenen Bergwand tritt jeder Baum , jedes Gebüsch klar hervor , wie im Tageslicht . Auf dem niedrigen Felsplateau , am Eingange der Schlucht , dicht am Fuße der riesigen Tannen , die dort wurzelt , steht Henry . Er hat dem Gegner einen Vorsprung abgewonnen , hat den Weg offen gefunden ; nichts von alledem , was sich eine Stunde später dort regten , ist ihm begegnet . Der Pflicht , der Rettung stellen sich so oft unübersteigliche Hindernisse entgegen , das Verbrechen geht meist ungehemmt seinen Pfad , als schützten es dämonische Mächte . Atkins ’ Wort ist zur Wahrheit geworden , die unbändige Natur Henrys kennt keine Grenze mehr , nun sie einmal ihre Schranken gebrochen , aber sie entfesselt sich nicht in wildem Toben , der Kopf des Amerikaners bleibt klar und kühl , es gilt neben der Rache an dem Verhaßten auch die Sorge für die eigene Sicherheit , und er hat sie gewahrt . Das Gebirge ist unsicher , das weiß jeder , und der deutsche Officier , der am Morgen todt gefunden wird , ist von der Kugel eines Franctireurs gefallen ; das kommt oft vor im Kriege , warum wagte sich der Tollkopf auch zur Nachtzeit allein in ’ s Gebirge ! Die Posten halten alle Eingänge besetzt , sie haben Niemand gesehen , und Henry , der auf seinem Wege zurückkehrte , hat den Umkreis des Markes nicht verlassen . Die Entdeckung ist unmöglich und dies Bewußtsein vermehrt noch die kalte entschlossene Ruhe des Amerikaners , die durch keine Schranken und keine Gewissensskrupel gestört wird . Er giebt sich in der That nicht mit “ idealen Zweifeln ” über das Recht oder Unrecht seines Vorhabens , aber er hat dem Gegner den Kampf auf gleich und gleich geboten und war bereit , sein eigenes Leben auf ’ s Spiel zu setzen , jener wollte nicht , wohlan – auf sein Haupt die Folgen ! Der Standpunkt konnte nicht besser gewählt sein , Henry steht tief im Schatten der Felswand , am Fuß der Tanne , völlig gedeckt durch ihre Zweige , dicht unter ihm zieht sich die Bergstraße und der Fußweg hin , er beherrscht beide mit Blick und Waffen , kein menschliches Wesen , das in der Richtung von S. her kommt , kann ihm entgehen , und Henrys Waffe fehlt ihr Ziel niemals , seine Geschicklichkeit im Schießen ist von jeher die Bewunderung seiner Umgebung gewesen . Er wartet , das Auge unverwandt auf die Windung der Straße gerichtet , in der Walther erscheinen muß ; alle seine Seelenkräfte drangen sich zusammen in diesem athemlosen Spähen und Lauschen , es kümmert ihn nicht , was hinter seinem Rücken , was ihm zur Seite geschieht , und er hört nicht das leise , unheimliche Rauschen in den Tannen drüben . Tiefes Schweigen im Gebirge ! Nur bisweilen tönt der Schrei eines Raubvogels durch die Luft , der in schwerem , langsamem Fluge über den Wald hinstreift und in seinem Dunkel verschwindet . Bisweilen fährt ein Windstoß über die Felswand hin und dann schwanken die Wipfel der Bäume auf und nieder , dann wehen und winken die Gesträuche im Mondlicht , dann knarren die Aeste der Tanne leise und unheimlich , als wollten sie weinen oder klagen . – Da endlich ! In der Windung des Weges taucht eine dunkle Gestalt auf und kommt näher , langsam , aber festen Schrittes . Henry erkennt deutlich den Gang und die Haltung Walthers , erkennt jetzt auch seine Züge , hat bereits das Felsplateau erreicht und ist im Begriff , den Weg zu betreten , der hinaufführt , — langsam hebt der Amerikaner den Revolver . Da auf einmal Schüsse von der andern Seiten , aus dem Tannendunkel jenseit der Bergstraße stürzen fremde Gestalten und werfen sich auf den Deutschen , entschlossen springt dieser seitwärts und giebt gleichfalls Feuer ; aber das scheucht nur augenblicklich den Feind zurück , der das Bewußtsein seiner Ueberzahl hat . Walther wird an den Fels gedrängt und in einem Nu ist er umringt von allen Seiten . Henry steht regungslos , die Waffe noch schußfertig in der Hand , und blickt auf das blutige Schauspiel zu seinen Füßen , noch steht Walther aufrecht an die Felswand gelehnte , aber das Blut rieselt bereits über seine Stirn herab , und er vertheidigt sich nur noch mit dem Degen . Es liegt den Feinden augenscheinlich daran , ihn lebend zu überwältige , nicht ein Einziger macht mehr Gebrauch von seiner Büchse ; da er im Rücken gedeckt ist , so suchen sie ihn von vorn und von der Seite niederzureißen , im nächsten Moment wird es geschehen sein . Henry sieht das und er sieht auch , daß ihm die schrecklicheThat erspart bleibt , er braucht dies Leben nicht mehr zu nehmen , es ist ohnedies verfallen , denn Walther ergiebt sich nicht . Sechs gegen Einen ! Seltsam , der Gedanke schießt auf einmal mit heißer , wilder Scham durch die Seele des Amerikaners , er wollte den Mord begehen mit fester Hand , aber unthätig zusehen , wie er sich unter seinen Augen vollzieht , das vermag er nicht , ein sekundenlanger furchtbarer Kampf – und die edle Natur Henry ' s bricht mächtig durch Haß und Wuth und reißt ihn gewaltsam fort zur Hülfe , zur Rettung . Ein Schuß , und der hinterste der Franctireurs liegt am Boden , ein zweiter , und der ihm zunächst befindliche stürzt zusammen , betroffen halten die Anderen inne , sie lassen von Walther ab und geben in ihrem Zurückweichen einen nur um so besseren Zielpunkt für Henry . Zum dritten Mal ! Entsetzt blicken die Franzosen auf die Höhe , aus der diese einzelnen geisterhaften Kugel kommen , deren jede mit tödtlicher Sicherheit ihr Opfer fällt , und als auch jetzt der Angegriffene sich wieder zusammenrafft und von seinem Degen Gebrauch macht , da wenden sich die Uebrigen drei zu Flucht , ein letzter Schuß des Amerikaners hallt ihnen nach , und der halblaute Fluch , mit dem der eine sein Gewehr fallen läßt und nach der Schulter greift , während er in noch eiligerem Laufe seinen Cameraden nachstürzt , beweist , daß auch dieser letzte nicht gefehlt hat – sie verschwinden im Tannendunkel jenseit des Weges , aus dem sie gekommen . Walther steht noch athemlos , als er sich auf einmal von einem Arme gefaßt und weggezogen fühlt . „ Fort ! “ flüstert eine Stimme in sein Ohr , „ sie dürfen nicht ahnen , daß wir unser nur zwei sind ! “ Er folgte mechanisch , in wenig Minnten sind sie im sicheren Dunkel der Felswand und der Tannenzweige , der Gerettete lehnt sich an den Stamm des Baumes , bleich , blutend , halb betäubt noch und sein Retter steht über ihm , stumm und düster , aber tief , tief aufathmend , wie von einer furchtbaren Last befreit . Sie waren vorläufig in Sicherheit , von hier aus konnte man jedes Nahen des Feindes bemerken , aber es war jedenfalls nur eine einzelne Patrouille gewesen , mit der sie zu thun gehabt , die Franctireurs dachten nicht daran , wiederzukommen , sie blieben spurlos verschwunden . „ Mr. Alison – Sie sind es ! “ „ Sind Sie verwundet ? “ fragte Alison kurz . Walther faßte nach seiner Stirn . „ Unbedeutend ! Eine der ersten Kugeln muß mich gestreift haben . Es ist nichts ! Statt aller Antwort zog der Amerikaner sein Taschentuch hervor und reichte es ihm , er sah schweigend zu , wie Jener es zusammenlegte und um die Stirn band , von der das Blut noch in einzelnen schweren Tropfen herabrieselte , aber er machte nicht die geringste Bewegung , ihm zu helfen . Walther trocknete sich mit seinem eigenen Tuche das Blut vom Gesichte , dann näherte er sich seinem Retter und bot ihm stumm die Hand , dieser zuckte zurück . „ Mr. Alison ! “ Walther ' s Stimme klang in tiefster innerer Bewegung . „ Man hat Ihnen bitteres Unrecht gethan heute Abend , und es war Ihr eigener Landsmann , der Sie verleumdete . Ich hatte besseres Vertrauen zu Ihnen , als Mr. Atkins . “ Henry wies finster und kalt die dargebotene Hand zurück . „ Nehmen Sie sich in Acht mit Ihrem Vertrauen , Mr. Fernow ! “ sagte er rauh . „ Um ein Haar wäre es getäuscht worden ! “ „ Sie haben mich gerettet , gerettet mit Gefahr Ihres Lebens ! Die Franctireurs konnten Ihren Standpunkt entdecken und auch Sie angreifen . Ich hätte das nicht erwartet , nach der Art , wie wir uns vor zwei Stunden noch gegenüberstanden . Auf Ihre Ehre baute ich , auf Ihre Hülfe nicht ! Sie dürfen meinen Dank jetzt nicht zurückweisen , trotz Allem , was noch zwischen uns liegt , er kommt aus vollem Herzen , und Sie werden auch – “ „ Schweigen Sie ! “ unterbrach ihn Henry mit wilder Heftigkeit . „ Ich will keinen Dank ! Sie schulden ihn mir am wenigsten ! “ Walther wich zurück und blickte ihn befremdet an . Das Benehmen des Amerikaners blieb ihm völlig räthselhaft . „ Dank ! “ wiederholte Henry mit vernichtendem Hohne . „ Nun , heucheln kann ich nicht , und bevor Sie mich als Ihren hochherzigen Retter preisen , sollen Sie doch die Wahrheit wissen ! Ich stand hier , nicht um Sie zu beschützen , tödten wollte ich Sie ! Schrecken Sie nicht so zurück , Mr. Fernow ! Es war mir blutiger Ernst , die Waffe hier war für Sie geladen , ein Schritt noch , und ich hätte Sie niedergeschossen . Danken Sie es jenem Ueberfall , er hat Sie gerettet , er allein . als ich sechs Mann gegen Sie anstürmen und Sie dem Angriff erliegen sah , da – nahm ich Ihre Partei . “ Ein tiefes secundenlanges Schweigen folgte diesen Worten , Walther stand ruhig da und blickte ihn fest und ernst an , dann trat er auf ihn zu und bot ihm auf ’ s Neue die Hand . „ Ich danke Ihnen , Mr. Alison , danke Ihnen selbst nach diesem Geständniß , Ihr Herz sprach doch besser als Ihr Mund , und wir können jetzt trotz alledem nicht mehr Feinde sein . “ Henry lachte bitter auf . „ Nicht ? Sie vergessen immer , daß wir nicht Eines Stammes sind ! Nach Eurer deutschen Sentimentalität freilich müßten wir einander jetzt in die Arme sinken und uns Freundschaft schwören . Wir sind darin anders geartet , hassen wir einmal , so geschieht es auch bis zum letzten Athemzuge , und Sie , " – hier flammte wieder die ganze verzehrende Gluth der Leidenschaft in seinen Augen – „ Sie hasse ich , Mr. Fernow , denn Sie haben mir mein Liebstes geraubt . Glauben Sie nicht , daß ich Sie Ihres Versprechens entlaste nach dem Kriege oder Sie dann schone ; glauben Sie nicht , daß Jane Ihnen jemals zu Theil wird . Ich halte sie fest an ihrem Wort und ihrem Schwur , und wenn sie stürbe an dieser Liebe zu Ihnen , mein Weib wird sie dennoch ! " Walther ' s Auge sank zu Boden , und ein Ausdruck unverstandenen Schmerzes lag auf seinem Gesicht . „ Ich dachte nicht daran , “ sagte er leise . „ Ich habe nur danken wollen , aber Sie haben Recht , Mr. Alison , wir Beide sind zu verschieden geartet , wir werden uns nie verstehen . – Leben Sie wohl , ich muß jetzt weiter ! " „ Weiter ? “ fragte Henry betroffen . „ Doch nicht weiter in ' s Gebirge hinein ? Sie haben es ja gesehen , wie unsicher es ist , die Franctireurs streifen überall . “ „ Ich weiß es ! Eine Stunde von hier liegt sogar ihre Hauptmacht . Ich muß durch sie hindurch – wenn es möglich ist . “ Der Amerikaner trat zurück und blickte ihn starr an . „ Allein ? Verwundet ? Hat der Ueberfall soeben Ihnen nicht die Unmöglichkeit gezeigt ? “ „ Eben dieser Ueberfall hat mir Muth gegeben , er kam von unten her , selbst ihre Patrouillen gehen die Bergstraße , mein Weg wird vielleicht noch frei sein . " „ Schwerlich ! Sie gehen in Ihr Verderben , Mr. Fernow ! “ „ Nun denn , " das alte düstere Lächeln flog wieder über Walther ' s Antlitz , „ dann bleibt mir eine Wiederbegegnung erspart und Ihnen ein Mord beim Zweikampf , denn ich würde nach dem , was jetzt geschehen , doch nie wieder die Waffe gegen Sie richten . – Noch Eins , Mr. Alison , ich weiß nicht , wie Sie durch die Posten gekommen sind , und will auch nicht danach fragen , aber ich verlange Ihr Ehrenwort , daß Sie mir nicht weiter folgen und sofort auf demselben Wege zurückkehren , den Sie kamen . Ich muß das fordern , verweigern Sie es mir nicht . “ Henry sah finster vor sich nieder . „ Ich habe im Gebirge nichts mehr zu suchen , ich kehre zurück , sofort ! “ „ Ich danke Ihnen , und nun leben Sie wohl ! " Er wandte sich um und verschwand im Gebüsche , Henry blickte ihm nach . „ Da geht er hin , mitten durch die Feinde , mit dieser Ruhe und diesem Auge , vor dem fast das meinige sank . O dieser Deutsche ! “ er ballte in wildem Grimm die Hand . „ Ich kann sie zwingen , mein Weib zu werden , ihr Herz wird doch nie von ihm lassen , sie kann nicht – ich begreife das jetzt ! “ – Am Abend des folgenden Tages traf Hauptmann Schwarz mit seinem Bataillon , dem sich auch Lieutenant Fernow angeschlossen hatte , in S. ein . Sie hatten fast einen vollen Tag zu ihrem Marsche gebraucht , da sie den Umweg über E. genommen , aber sie brachten willkommene Nachricht . Bereits am nächsten Morgen brach der Oberst mit seinem Stabe und dem übrigen Theile des Regimentes von L. auf , um , genügend verstärkt und genau unterrichtet , den Feind zu werfen , falls er bis dahin noch nicht von dem Passe gewichen war , und sich in S. mit den beiden Detachements zu vereinigen . Das Regiment war von seinem Posten abberufen worden , es hatte gleichfalls Befehl erhalten zum Vormarsch auf Paris . ( Fortsetzung folgt ) Heft 26 Der Winter war vergangen ; mehr als sechs Monate lagen zwischen jener Herbstnacht , die für so manches Leben verhängnißvoll geworden war , und dem Frühlingstage , der heute seine sonnige Pracht über B. ausgoß . Sechs Monate voll Schnee und Eis , voll neuer blutiger Kämpfe , voll neuer Siege und Triumphe . Jetzt war der furchtbare Streit geendet ! Niedergeworfen in seinem letzten verzweifelten Ringen , erschöpft , bezwungen selbst im Herzen seines Landes , gab der Feind sich endlich überwunden . Der „ letzte Krieg um den Rhein war ausgekämpft , fortan schützten neue Grenzen ihn und das Reich , das er durchströmte . In den Rheinlanden war es gewesen , wo der erste Blitz des drohenden Kriegswetters aufzuckte , wo man am meisten gebangt und gezittert , am heißesten gebetet , weil hier die Gefahr am nächsten drohte , die Rheinlande waren es nun auch , die zuerst die Sieger , die Schützer begrüßen durften , und wie einst den Ausziehenden die Hoffnung , so wagte jetzt den Heimkehrenden der Jubel in tausendstimmiger Begeisterung entgegen . Auch B. blieb nicht zurück in der Siegesfreude und dem Festglanz , der sich über all die Städte und Flecken ringsum ergoß , auch hier wehten die Fahnen von Thürmen und Dächern , umkränzten sich Fenster und Pforten , wogte festlich buntes Leben überall . Das Haus des Doctor Stephan , sonst stets das erste , wenn es galt einen Sieg zu feiern , gehörte diesmal zu Denen , die kahl und schmucklos , mit geschlossenen Thüren und herabgelassenen Jalousien verkündeten , daß man dort einen Gefallenen zu beweinen habe . Der Tod seines Neffen und die Rücksicht auf die noch hier weilende Schwester des Verstorbenen legten dem Stephan ' schen Ehepaare diese Zurückhaltung aus , aber all die gerechte Trauer um Friedrich , und alle billige Rücksicht auf Jane konnten den Doctor nicht daran verhindern , „ seinem Professor “ , dessen Rückkehr auf morgen zu erwarten stand , einen festlichen Privatempfang zu bereiten , und da sein Haus außen keinen Schmuck zeigen durfte , so war er ganz heimlich , nur in Begleitung seiner Frau , in die inneren Wohnungsräume des Professors gedrungen , wo Beide bereits den ganzen Nachmittag herumhantierten . In diesem Augenblick stand der Doctor hoch oben auf einer riesigen Leiter , im Kampfe mit den widerspenstigen Enden einer Guirlande begriffen , die sich durchaus nicht in die vorgeschriebenen Windungen des Namenszuges fügten , der über der Thür des Studirzimmers prangen sollte . Die Frau Doctorin stand am Fuße der Leiter und übte eine ziemlich schonungslose Kritik über die Kunstfertigkeit ihres Eheherrn , bald war ihr das Gewinde zu hoch , bald zu niedrig , bald wollte sie es nach rechts , bald nach links geschoben wissen , endlich behauptete sie gar , der ganze Namenszug sei schief , der Doctor änderte , schwitzte und brummte abwechselnd , zuletzt verlor er die Geduld . „ Du kannst das von da unten gar nicht beurtheilen , mein Kind ! “ sagte er ärgerlich . „ Geh ' einmal bis an die Thür zurück und beschaue Dir von dort die Sache . Auf den Totaleindruck kommt es an und nicht auf die mathematische Genauigkeit der Linien , der Totaleindruck ist die Hauptsache ! " Die Frau Doctorin ging gehorsam rückwärts , aber gerade in dem Augenblick , wo sie sich an die Thür lehnte , um den wichtigen Totaleindruck besser zu genießen , ward sie von außen geöffnet und der unvermuthet Eintretende fing mit einem Ausruf des Schreckens und Bedauerns die alte Dame , welche beinahe gestürzt wäre , in seinen Armen auf . „ Herr College , " tönte die Stimme des Doctors im tiefsten Basse von der Leiter herab , „ bleiben Sie gefälligst so stehen ! Richtig ! Und nun sagen Sie mir , ob die Guirlande zu hoch und ob der Namenszug wirklich schief ist . " Doctor Behrend , an den diese Worte gerichtet waren , hatte anfangs erschreckt in die Höhe und dann nicht minder erschreckt auf die Frau Doctorin herabgesehen , denn er war beim ersten Theil der Anrede noch in dem Irrthum befangen , er solle genau so wie in diesem Augenblick , nämlich mit der alten Dame in den Armen , stehen bleiben . Jetzt ließ er sie mit einer höflichen Entschuldigung frei , um das betreffende Arrangement in Augenschein zu nehmen . „ Es ist sehr schön ! Ganz ausgezeichnet , aber – “ „ Ich sage es ja , der Totaleindruck ! “ rief der Doctor triumphierend , indem er mit einem letzten Hammerschlage das Gewinde an die Thür fesselte , dann den Hammer bei Seite legte und von der Leiter herabkletterte , um dem jüngeren , ihm seit lange befreundeten Collegen die Hand zu reichem . „ Ich wollte nachsehen , ob Walther ' s Wohnung einigermaßen in Ordnung ist , “ erklärte dieser , „ und finde zu meiner größten Ueberraschung hier festliche Anstalten . Sie bemühen sich sogar in Person — “ „ Selbst ist der Mann “ ' sagte der Doctor mit Selbstgefühl . „ Hier sind wir noch nicht fertig , aber kommen Sie mit mir in das Allerheiligste des Professors , da können Sie unsere Thätigkeit besser bewundern . " Damit ergriff er ihn beim Arm und zog ihn in das Studirzimmer . Das „ Allerheiligste des Professors " sah heute allerdings anders aus , als zu der Zeit , da dieser darin zu arbeiten pflegte . Es zeigte überall Spuren von der ordnenden Hand der Doctorin , die grünen Vorhänge waren weit zurückgeschlagen und durch die geöffneten Fenster strömte das volle , blendende Sonnenlicht herein ; der Schreibtisch , die Wände , selbst die Bücherschränke waren mit Blumen und Laubgewinden geschmückt , das Ganze hatte ein äußerst festliches Ansehen . Seltsamerweise zeigte sich der junge Arzt wenig oder gar nicht erfreut darüber , er blickte schweigend und gedrückt im Zimmer umher , sagte etwas von „ geschmackvollem Arrangement “ und „ großer Freundlichkeit " , schien aber im Ganzen von der seinem Freunde erwiesenen Aufmerksamkelt eher peinlich , als angenehm berührt zu werden . Zum Glück bemerkte der Doctor in seiner frohen Erregung nichts von dieser eigenthümlichen Gezwungenheit . „ Nicht wahr , es macht sich so übel nicht ? " sagte er , sich vergnügt die Hände reibend . “ So ganz ohne Sang und Klang soll unser Professor denn doch nicht in meinem Hause einziehen , das unter allen das erste Recht hat , ihn zu begrüßen . Draußen wird er freilich Empfang genug finden ! B. hat ihn nun einmal als seinen Helden und Dichter auf ' s Schild gehoben , und die Studirenden vollends sind ganz außer Rand und Band . Er ist der einzige von ihren Professoren , der mitgekämpft hat , und wie gekämpft ! College , ich sage Ihnen , das hat einen Lärm gegeben , jedes Mal , wenn Ihre Briefe und die übrigen Nachrichten über ihn ankamen . Stadt und Universität schlug die Hände über den Kopf zusammen und seine Gedichte , die Sie uns hersandten , setzten nun vollends , wie der malitiöse Mr. Atkins sich ausdrückt , wie ebensoviele Brandraketen , Alt und Jung , in lichterlohe Flammen . Sie wissen doch , daß die Universität einen Empfang beabsichtigt ? “ „ Ich hörte davon , habe aber den Herren gerathen , einstweilen noch keine Vorbereitungen deswegen zu treffen . Es ist sehr die Frage , ob Walther kommt . " Der Doctor hätte vor Schreck beinahe die Blumenvase fallen lassen , die er soeben emporgehoben . „ Ob er kommt ? Mein Himmel , wir erwarten ja morgen das Regiment mit der größten Bestimmtheit . “ „ Gewiß ! Aber ich zweifle sehr , daß Walther dabei sein wird . Nach seinem letzten Briefe , den ich heut Morgen erhielt , scheint er in H. zurückzubleiben und für ’ s Erste überhaupt gar nicht nach B. kommen zu wollen . “ Der Doctor setzte die Vase so heftig auf den Schreibtisch nieder , daß der Fuß zersprang . „ Nun , so wollte ich doch , man machte einmal die ganze Mititärstrenge gegen diesen widerspenstigen Lieutenant geltend , und zwänge ihn mit Gewalt dazu ! " rief er entrüstet . „ So etwas ist denn doch noch nicht dagewesen ! Als Kranker , als halb abgegebener Patient reist er ab , und jetzt , wo er zurück soll , gesund , gefeiert , bewundert von aller Welt , jetzt will er in H. bleiben , will für ' s Erste gar nicht herkommen – College , dahinter steckt irgend etwas ! Sie haben sofort Urlaub erhalten , der Professor könnte auch längst hier sein , aber er flieht ja unser B. förmlich . Warum nahm er immer den Dienst zum Vorwande seiner Abwesenheit ? warum will er jetzt , dem Dienste zum Trotz , fortbleiben ? Die Sache ist nicht richtig ! Beichten Sie mir einmal ! “ „ Ich weiß durchaus nichts darüber , “ sagte Behrend ausweichend . „ Vielleicht sind ihm die Ovationen zuwider , mit denen man ihn hier zu empfangen gedenkt . Sie wissen ja , er konnte es nie ertragen , sich so in den Vordergrund gestellt zu sehen . “ „ Zum Kukuk , so soll er es lernen ! “ schrie der Doctor zornig . „ Er muß jetzt in den Vordergrund ! An dem Gelehrten haben wir uns die ängstliche Zurückgezogenheit noch allenfalls gefallen lassen , jetzt , wo er mit vollen Segeln auf den Dichter lossteuert , werden wir uns diese Grillen verbitten . " Behrend schüttelte den Kopf . . „ Setzen Sie keine zu großen Hoffnungen auf Walther ' s poetische Zukunft . Ich fürchte sehr , er legt mit dem Degen auch den Dichter bei Seite , vergräbt sich wieder unter seinen Büchern , beschließt sich ärger als je gegen die Außenwelt , und steht nach einem Jahre genau auf dem Punkte , wo er im Anfange des Krieges stand , “ „ Er wird doch nicht ! “ rief der Doctor erschreckt . „ Er wird es , seine Stimmung ist ganz danach . Walther bleibt mit all seiner Genialität ein unverbesserlicher Träumer , er hat nur die Energie des Augenblicks . Solche Naturen leisten in der Erregung und Begeisterung schlechterdings Alles , sobald ihnen dieser Anreiz fehlt , sinken sie wieder in ihre Träumerei zurück . Das Leben im Alltagsgewände vermag ihnen nichts zu geben , weil sie es einfach nicht verstehen . “ „ Schöne Aussichten ! “ sagte der Doctor , ärgerlich hin- und her gehend . „ Was in solchem Gelehrten- und Poetenkopfe Alles spukt , davon hat ein vernünftiger Mensch wie Unsereiner gar keine Idee ! “ Behrend blickte gedankenvoll durch ’ s Fenster , wo zwischen den Büschen des Gartens hin und wieder ein dunkles Frauenkleid sichtbar ward . „ Ihm fehlt der Sporn zum Schaffen ! “ sagte er ernst . „ Ihm fehlt eine energische glühende Kraft , die ihm täglich und stündlich zur Seite ist und ihn immer wieder in ’ s Leben zurückreißt , die sich zwischen ihn und die Wirklichkeit stellt , für ihn den Kampf mit der Wett aufnimmt und ihm das giebt , was er nun einmal nicht besitzt , Ehrgeiz und Selbstvertrauen . Würde ihm das zu Theil , ich glaube , dann wäre seiner Zukunft das Höchste aufbehalten ; wenn aber zu solcher Charakteranlage noch eine unglückliche Leidenschaft kommt – “ Hier fuhr der Doctor plötzlich herum und sah ihm mit grenzenlosem Erstaunen ins Gesicht . „ Eine unglückliche Leidenschaft ! Um Himmelswillen , unser Professor ist doch nicht etwa gar verliebt ? “ Behrend biß sich ärgerlich auf die Lippen . „ Nicht doch ! Es fuhr mir nur so heraus , es ist eine bloße Vermuthung . “ Der Doctor ließ sich jedoch nicht so leicht abweisen . „ Nichts da ! Sie haben sich verplaudert , jetzt heraus mit der Wahrheit ! In wen ist der Professor verliebt ? Seit wann ist er es ? Weshalb ist die Liebe unglücklich ? Am Ende gar eine Französin ? Hindernisse von Selten der Familie — Nationalitätenhaß – nicht ? " „ Ich weiß nichts darüber , Herr College . " „ Sie sind unerträglich mit Ihrem ewigen ‘ Ich weiß nicht ' , " grollte Stephan . „ Sie wissen die Sache ganz genau , und meiner Diskretion können Sie doch sicher trauen . " „ Ich wiederhole Ihnen , daß meine Idee sich auf eine bloße Vermuthung gründet . Sie kennen ja Walther ' s Verschlossenheit , er hat nie auch nur ein Wort darüber zu mir gesprochen Jedenfalls bitte ich Sie dringend , von meiner unfreiwilligen Indiskretion keinen Gebrauch zu machen , und etwa der Frau Doctorin – “ „ Meiner Frau ? " Der Doctor warf einen Blick nach der Thür , die er zum Glück fest hinter sich geschlossen hatte . „ Gott behüte ! Die machte das