Ja , daran fehlt es nicht [ 204 ] und darüber klage ich auch nicht , aber es ist anders geworden zwischen uns , auch zwischen uns Beiden , Karl , ganz anders . Ihr seid Alle so fremd jetzt , so kalt und scheu , und manchmal kommt es mir vor , als fürchtetet Ihr mich nur noch und – weiter nichts . “ „ Nein , nein , Ulrich ! “ Lorenz erhob sich mit einer Heftigkeit gegen den Vorwurf , die beinahe vermuthen ließ , er habe das Rechte getroffen . „ Wir vertrauen Dir ganz , Dir allein . Was Du auch gethan hast , Du hast es für uns gethan , nicht für Dich ; das wissen sie Alle ; das vergißt Dir Keiner ! “ „ Was Du auch gethan hast , Du hast es für uns gethan ! “ das klang harmlos genug und konnte auch so gemeint sein , und dennoch schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen , und Ulrich schien ihn herauszufühlen , denn er heftete das Auge mit durchbohrendem Ausdruck auf den Sprechenden . Dieser wich dem Blicke aus und sah zu Boden . Ich muß fort ! sagte er hastig . „ Ich werde Dir den Wilms herüberschicken . Du bleibst doch hier , daß er Dich sicher findet ? “ Ulrich gab keine Antwort . Die glühende Erregung der letzten Minuten war auf einmal wieder der tiefen Blässe gewichen , die sein Antlitz beim Eintreten gezeigt ; er neigte nur bejahend den Kopf und wendete sich zum Fenster . Der junge Bergmann verabschiedete sich von dem Schichtmeister und verließ die Stube ; Martha stand auf und ging mit ihm hinaus . Das Mädchen hatte während der ganzen Unterredung kein einziges Wort gesprochen , aber unverwandt die Männer beobachtet . Sie blieb ziemlich lange draußen ; indeß das konnte den Zurückbleibenden nicht auffallen . Sie wußten ja , daß ein angehendes Brautpaar manches miteinander zu flüstern hat , und sie schienen sich auch überhaupt nicht viel darum zu kümmern . Vater und Sohn waren allein , aber das Schweigen , das jetzt zwischen ihnen herrschte , war vielleicht noch beängstigender , als vorhin bei Ulrich ’ s Eintritt . Dieser stand noch am Fenster , die Stirne gegen die Scheiben gedrückt , und starrte hinaus , ohne irgend etwas zu sehen . Der Schichtmeister hatte seinen Platz nicht verlassen ; er saß noch immer am Tische , den Kopf in die Hand gestützt ; aber das Gesicht des alten Mannes war seltsam verändert seit den letzten Wochen . Gram- und sorgenvoll war es geworden ; die Furchen , die das Alter hinein gegraben , hatten sich noch vertieft , und das Auge blickte so matt und trübe , als sei all die frühere Rüstigkeit und Schlagfertigkeit , mit der er dem Sohne so manche derbe Strafpredigt gehalten , auf immer dahin . Still und gedrückt saß er da und machte keinen Versuch , das Gespräch wieder anzuknüpfen . Dieses Schweigen wurde endlich für Ulrich unerträglich , und er wandte sich mit einer hastigen Bewegung um . „ Und Du sagst gar nichts , Vater , zu der Nachricht , die Wilms uns bringt ? Ist Dir ’ s denn wirklich ganz gleich , ob wir siegen oder unterliegen ? “ Der Schichtmeister hob langsam den Kopf in die Höhe . „ Gleich ist mir ’ s nicht , aber freuen kann ich mich auch nicht , wenn Ihr nun wirklich mit Drohungen und Gewalt losbrecht . Wollen erst abwarten , wen es zuletzt trifft , die Herren oder uns ! Freilich , Du fragst nichts danach , Du hast Deinen Willen durchgesetzt ! Bist ja jetzt Herr und Gebieter auf den ganzen Werken . Zu Dir kommt Alles ; vor Dir bückt sich Alles ; Dir gehorcht Alles auf ’ s Wort – das war es ja , was Du von Anfang an gewollt hast , worauf das Ganze eigentlich angelegt war . “ „ Vater ! “ fuhr der junge Mann auf . „ Laß nur , laß ! “ sagte der Schichtmeister abwehrend , „ Du wirst mir ’ s nicht eingestehen und Dir selber auch nicht , aber es ist doch so . Sie sind Alle mit Dir gegangen , ich hab ’ s auch gethan , denn ich konnte am Ende nicht allein zurückbleiben . Sieh zu , wohin Du uns führst ! Du hast die Verantwortung . “ „ Habe ich etwa allein die Sache angefangen ? “ fragte Ulrich heftig . „ War ’ s nicht einstimmiger Beschluß , daß es anders werden müßte , und haben wir uns nicht das Wort gegeben , zusammenzustehen , bis es anders würde ? “ „ Wenn nicht bewilligt würde ! Nun ist aber Alles bewilligt , so gut wie Alles , denn was Euch abgeschlagen wurde , das sind nicht die Forderungen unserer Bergleute ; das hast Du erst hineingebracht , Ulrich , Du allein , und Du bist ’ s auch allein , der sie dabei festhält . Ohne Dich arbeiteten sie längst wieder , und wir hätten Ruhe und Frieden auf den Werken . “ Der junge Steiger warf trotzig den Kopf zurück . „ Nun ja , von mir ging ’ s aus , und ich rechne es mir wahrhaftig nicht zur Schande , daß ich weiter sehe und sorge , als die Anderen . Wenn sie zufrieden sind , daß ihnen das alte Elend etwas erträglicher gemacht , das Bischen Leben in den Schachten mehr gesichert wird – ich bin ’ s nicht zufrieden und die Muthigen unter uns sind ’ s auch nicht . Wir verlangen viel , das ist wahr , – wir wollen nahezu Alles , und wenn Berkow noch der Millionär wäre , für den ihn alle Welt hält , er würde sich hüten , sich so in unsere Hände zu geben . Er ist ’ s aber nicht mehr und auf unseren Händen , wenn sie sich jetzt für ihn rühren oder nicht rühren , steht sein ganzes Wohl oder Wehe . Du weißt nicht , Vater , wie es drüben in den Bureaus und in den Conferenzen aussieht , aber ich weiß es und ich sage Dir , er mag sich sträuben , wie er will : nachgeben muß er doch , wenn es erst von allen Seiten auf ihn losstürmt . “ „ Und ich sage Dir , er thut es nicht ! “ erklärte der Schichtmeister . „ Eher schließt er die Werke ! Ich kenne den Arthur . Schon als kleiner Bube war er so , ganz anders wie Du . Du gingst immer mit Gewalt darauf los , wolltest mit Gewalt Alles zwingen , ob es nun eine Arbeit , oder ein Gartenzaun , oder ein Camerad war – der griff überhaupt nie gern irgend was an , und es dauerte immer lange , ehe er dazu kam ; that er ’ s aber einmal , dann ließ er auch nicht wieder los , bis er das Ding unter sich hatte . Jetzt ist er aufgewacht , und jetzt wird er Euch Allen zeigen , was in ihm steckt . Nun er die Zügel einmal hat , reißt sie ihm Keiner aus den Händen . Der hat etwas von Deinem eigenen Starrkopf . Denk ’ an mich , wenn Du ihn einmal zu fühlen bekommst ! “ Ulrich blickte finster vor sich hin ; er widersprach nicht mit seiner gewohnten Heftigkeit , aber man sah es ihm an , wie der Groll in ihm wühlte , daß er nicht widersprechen konnte . Vielleicht hatte er den „ Starrkopf “ schon einmal gefühlt . „ Und wie die Sache nun auch ausfallen mag , “ fuhr der Vater fort , „ meinst Du denn wirklich , daß Du noch Steiger bleiben kannst , daß sie Dich noch auf den Werken dulden nach Allem , was jetzt vorgekommen ist ? “ Der junge Mann lachte höhnisch auf . „ Nein , wahrhaftig nicht , wenn ’ s von Denen da drüben abhängt . Die nehmen mich sicher nicht wieder zu Gnaden an ! Aber von Gnade soll auch keine Rede sein , dictiren werden wir ihnen unsere Forderungen , und die erste der ganzen Knappschaft ist die , daß ich bleibe . “ „ Weißt Du das so gewiß ? “ „ Vater , beschimpfe mir meine Cameraden nicht ! “ brach Ulrich los . „ Sie lassen mich nicht im Stich ! “ „ Auch nicht , wenn die erste Forderung drüben ist , daß Du gehst ? Und der Herr stellt sie , verlaß Dich darauf ! “ „ Nie ! das erreicht er nie ! Sie wissen Alle , daß ich ’ s nicht für mich gethan habe ; mir ging es nicht schlimm ; ich brauchte nicht zu darben und ich finde überall mein Brod . Ihr Elend war es , was ich ändern wollte . – Rede mir nicht davon , Vater ! Sie machen mir oft Noth genug , aber wenn es Ernst wird , dann dringe ich durch , dann läßt mich Keiner im Stich . Wo ich sie hinführe , da gehen sie mit , und wo ich stehe , da stehen sie zu mir , und wenn ’ s in Noth und Tod wäre ! “ „ Früher – ja ! Jetzt nicht mehr ! “ Der alte Mann hatte sich erhoben , und jetzt erst , wo er sich dem vollen Lichte zuwendete , sah , man , wie gramvoll die Züge waren , und wie gebückt die noch vor Kurzem so kräftige Haltung war . „ Du hast ja selbst dem Lorenz gesagt , daß es anders geworden ist , “ fuhr er tonlos fort , „ und Du weißt auch den Tag und die Stunde , wo es anders wurde . Ich brauche Dir das nicht erst zu sagen , Ulrich , aber mir – mir hat der Tag auch das Bischen Ruhe und Freude gekostet , das ich noch vom Alter hoffte . Jetzt ist ’ s vorbei damit , auf immer . “ „ Vater ! “ schrie der junge Mann auf . Der Schichtmeister machte eine hastig abwehrende Bewegung . „ Laß gut sein ! Ich weiß ja nichts davon , will nichts davon wissen , denn wenn ich es gar noch klar und deutlich hören müßte , dann wäre es vollends aus . Ich habe genug an dem bloßen Gedanken ; schon der hat mich fast um den Verstand gebracht . “ [ 205 ] Ulrich ’ s Augen flammten wieder auf , so drohend wie vorhin bei der Hindeutung seines Freundes . „ Und wenn ich Dir nun sage , Vater , daß die Stricke gerissen sind , wenn ich Dir sage , daß meine Hand nicht dabei war – “ „ Sag ’ mir lieber nichts ! “ unterbrach ihn der Alte bitter . „ Ich glaube Dir doch nicht , und die Anderen thun es auch nicht mehr . Du bist immer wild und gewaltthätig gewesen und hättest in der Wuth Deinen besten Freund niedergeschlagen . Probir ’ s , tritt unter Deine Cameraden und sage ihnen : ‚ Es ist ein bloßes Unglück gewesen ! ‘ – es glaubt Dir Keiner ! “ „ Keiner ! “ wiederholte Ulrich dumpf . „ Auch Du nicht , Vater ? “ Der Schichtmeister richtete das trübe Auge fest auf seinen Sohn . „ Kannst Du mir hier in ’ s Gesicht behaupten , daß Du keine Schuld an dem Unglück hast , gar keine ? daß Du – “ er kam nicht zu Ende mit der Frage , denn Ulrich hielt den Blick nicht aus , seine eben noch flammenden Augen richteten sich scheu auf den Boden ; mit einer zuckenden Bewegung wendete er sich ab und – schwieg . Es war ein langes , banges Schweigen in dem Stübchen ; man hörte nur das schwere Athmen des alten Mannes . Seine Hand zitterte , als er sich über die Stirn fuhr , und die Stimme zitterte noch mehr , als er endlich leise sagte : „ Deine Hand war nicht dabei ? Ob es nun gerade die Hand war , und wie es überhaupt gekommen ist – sie meinen ja alle , da ließe sich nichts untersuchen und nichts beweisen , Gott sei Dank , wenigstens nichts für die Gerichte . Mach ’ s mit Dir allein aus , Ulrich , was da unten geschehen ist , aber poche nicht mehr auf Deine Cameraden ! Du hast ganz recht gesehen , seitdem fürchten sie Dich bloß noch . Sieh zu , wie lange Du es noch mit der Furcht allein zwingst ! “ Er ging . Der Sohn machte eine Bewegung , als wolle er ihm nachstürzen ; dann auf einmal blieb er stehen und schlug die geballte Hand vor die Stirn . Der Laut , der sich dabei aus seiner Brust hervorarbeitete , klang fast wie ein unterdrücktes Stöhnen . – Es mochten wohl zehn Minuten vergangen sein , da wurde die Thür von Neuem geöffnet , und Martha trat wieder ein . Der Oheim war fort , und Ulrich lag im Lehnstuhl , das Gesicht in den Händen vergraben . Das schien sie aber nicht weiter zu befremden ; sie warf nur einen Blick auf ihn , trat dann an den Tisch und begann ihre Arbeit zusammenzulegen . Ulrich hatte sich bei dem Geräusch ihrer Schritte emporgerichtet . Er stand jetzt langsam auf und kam zu ihr hinüber ; sonst pflegte er sich nie viel um das Thun und Lassen des Mädchens zu kümmern , am wenigsten mit ihr darüber zu sprechen . Heute that er beides . Vielleicht war auch für diese starre , verschlossene Natur der Moment gekommen , wo sie sich nach irgend einem Wort , irgend einem Zeichen der Theilnahme sehnte , gerade jetzt , wo alles sie floh , alles vor ihr zurückwich . „ Du und Lorenz , Ihr seid also einig ? “ begann er . „ Ich habe noch nicht einmal mit Dir darüber gesprochen , Martha . Mir gingen in der letzten Zeit so viel andere Dinge durch den Kopf . Ihr seid ein Brautpaar ? “ „ Ja ! “ war die kurze , halb abweisende Antwort . „ Und wann wird die Hochzeit sein ? “ „ Damit hat ’ s noch Zeit . “ Ulrich blickte auf das Mädchen nieder , das mit fliegendem Athem und zuckenden Fingern sich mit der Arbeit beschäftigte , ohne ihn auch nur anzusehen , und ein geheimer Vorwurf schien doch in ihm aufzusteigen . „ Du hast recht gethan , Martha , “ sagte er leise , „ ganz recht ! Karl ist brav und hat Dich lieb , mehr vielleicht als Andere es hätten thun können . Und doch ließest Du ihn noch einmal fortgehen ohne Bescheid , nach unserer letzten Unterredung ? Wann bekam er denn Dein Wort ? “ „ Heute vor drei Wochen . “ „ Heute vor drei Wochen ! So ! Das war der Tag nach unserem – Schachtunglück . Da also hast Du es ihm gegeben ? “ „ Ja , da ! Bis dahin habe ich ’ s nicht gekonnt ! Erst an dem Tage wußte ich , daß ich seine Frau werden könnte . “ „ Martha ! “ In der Stimme des jungen Mannes wallte es auf , halb wie Zorn und halb wie Schmerz . Er wollte die Hand auf ihren Arm legen . Sie bebte zusammen und zuckte wie unwillkürlich seitwärts . Ulrich ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück . „ Du auch ? “ sagte er dumpf . „ Nun freilich , ich hätte es mir denken können ! “ „ Ulrich ! “ brach das Mädchen aus in wildem , verzweiflungsvollem Schmerze . „ O mein Gott , was hast Du uns , was hast Du Dir gethan ! “ Er stand ihr noch gegenüber . Die Hand , welche er auf den Tisch stützte , zitterte ; aber seine Züge hatten einen Ausdruck furchtbarer Härte und Bitterkeit angenommen . „ Was ich mir gethan habe , damit werde ich wohl auch allein fertig werden . Euch – ? Nun , es will mich ja Keiner auch nur anhören ! Aber nun sage ich Euch auch , “ – hier schwoll seine Stimme wieder drohend an – „ jetzt ist ’ s genug mit den ewigen Andeutungen und Quälereien ; ich halte das nicht länger aus . Glaubt , was Ihr wollt und wem Ihr wollt ! Mir soll ’ s künftig gleich sein . Was ich angefangen habe , werde ich durchführen , Euch Allen zum Trotz , und wenn es wirklich vorbei ist mit dem Vertrauen – Gehorsam werde ich mir wohl noch zu erzwingen wissen ! “ Er ging . Martha machte keinen Versuch , ihn zurückzuhalten , und es wäre wohl auch umsonst gewesen . Er schmetterte wüthend die Thür hinter sich zu , so daß das ganze kleine Haus davon erbebte ; in der nächsten Minute hatte er es bereits verlassen . Drüben im Berkow ’ schen Landhause hatte die Ankunft der Gäste wohl einiges Leben , aber keine größere Zusammengehörigkeit in den so kalt getrennten Haushalt der beiden Gatten gebracht . Obgleich die Dauer dieses Besuches nur auf einige Tage festgesetzt war , fand Arthur doch Gelegenheit und Vorwände genug , sich dem öfteren Zusammensein möglichst zu entziehen , eine Aufmerksamkeit , für die ihm sein Schwiegervater sowohl als sein junger Schwager außerordentlich dankbar waren . Der Baron kehrte erst jetzt , nach einem mehrwöchentlichen Aufenthalte auf den Rabenau ’ schen Gütern , nunmehr den seinigen , nach der Residenz zurück . Er hatte damals bei dem ersten Besuche seine Tochter schon am folgenden Morgen wieder verlassen müssen , und zwar trotz der furchtbaren Katastrophe , die sich gerade während seiner Anwesenheit ereignete , denn eine nähere Verwandtenpflicht rief ihn an den Sarg seines Vetters ; aber selbst nachdem dieser Pflicht Genüge geleistet worden war , gab es in dem Nachlasse und auf den Gütern noch so Vieles zu ordnen , was die Gegenwart des neuen Majoratsherrn forderte . Erst jetzt war dieser in Begleitung seines ältesten Sohnes , den er hatte nachkommen lassen , auf der Rückkehr begriffen ; natürlich nahm man auch diesmal den kurzen Umweg über die Berkow ’ schen Besitzungen , und dies um so mehr , als der junge Baron Curt die Schwester noch nicht wiedergesehen hatte . Es schien sich indessen um mehr als einen bloßen Besuch und ein bloßes Wiedersehen zu handeln bei der Unterredung , welche am Tage nach der Ankunft in dem Salon Eugeniens stattfand und bei der Arthur wie gewöhnlich fehlte . Die junge Frau saß auf dem Sopha und hörte ihrem Vater zu , der , vor ihr stehend , soeben eine längere Auseinandersetzung beendet hatte . Curt lehnte seitwärts an einem Sessel und blickte mit dem Ausdruck gespannter Erwartung zu seiner Schwester hinüber . Eugenie hatte die Stirn in die Hand gestützt , so daß letztere ihr Gesicht beschattete ; sie veränderte ihre Stellung nicht und sah auch nicht auf , als sie leise erwiderte : „ Ich bedarf dieser Winke und Hindeutungen nicht , Papa , um zu errathen , was Du meinst – Du sprichst von einer Trennung ! “ „ Ja , mein Kind , “ sagte der Baron ernst , „ von einer Trennung , gleichviel unter welchem Vorwande und um welchen Preis . Erzwungenes pflegt nur der Zwang zu halten ; das hätten die Berkows sich sagen müssen . Jetzt , wo ich wieder Herr meines Handelns bin , wo ich nicht länger ihr Schuldner zu sein brauche , jetzt werde ich Alles daran setzen , Dich den Fesseln wieder zu entreißen , die Du einzig um meinetwillen auf Dich nahmst und die Dich , magst Du es nun leugnen oder nicht , grenzenlos unglücklich machen . “ [ 206 ] Eugenie antwortete nicht ; der Vater nahm ihre Hand und setzte sich an ihre Seite . „ Der Gedanke ist Dir neu und überraschend ? Mir stieg er schon damals auf , als ich die inhaltschwere Nachricht empfing , die unsere Vermögensumstände so unerwartet änderte . Freilich damals war er kaum zu verwirklichen . Was hat dieser Berkow nicht Alles aufgewendet , um die Verbindung mit uns zu erreichen ! Die Möglichkeit war gar nicht denkbar , daß er eine Aufhebung zulassen würde , die ihm vollends die Kreise verschließen mußte , in die er sich durch uns Eingang erzwingen wollte , und mit einem Manne , der in seiner Gewissenlosigkeit zu Allem fähig war , ließ sich der Kampf nicht aufnehmen . Sein Tod hat das Alles mit Einem Schlage geändert , und der Widerstand seines Sohnes wird zu brechen sein . Er hat ja von jeher bei der ganzen Angelegenheit nur eine passive Rolle gespielt , sich nur zum Werkzeuge seines Vaters hergegeben ; ich hoffe , er weicht einem energischen Auftreten unsererseits . “ „ Er wird weichen ! “ bestätigte die junge Frau tonlos . „ Sei ohne Sorge deshalb ! “ „ Desto besser ! “ erklärte Windeg . „ Um so schneller gelangen wir an ’ s Ziel ! “ Er schien rasch genug auf dies Ziel losgehen zu wollen , und so war es auch in der That . Dem armen tiefverschuldeten Baron , der seinen Ruin vor sich sah , war keine andere Wahl geblieben , als das Opfer Eugeniens anzunehmen und damit sich und seinen Söhnen Namen und Stellung zu retten ; wie schwer es ihm auch geworden war , er beugte sich der Nothwendigkeit , und die Nothwendigkeit lehrte es ihn ertragen . Der Majoratsherr von Rabenau , der seine volle Selbstständigkeit und sein volles Selbstbewußtsein wiedergewonnen hatte , der mit Leichtigkeit die empfangene Summe zurückerstatten konnte , empfand jenen Zwang als einen brennenden Schimpf und die Ehe seiner Tochter als ein schweres Unrecht , das er ihr angethan und das er wieder gut machen mußte um jeden Preis . Während des ganzen Aufenthaltes auf seinen neuen Gütern hatte er einzig diesem Gedanken nachgehangen , und der Plan lag jetzt fertig und zur Ausführung bereit . „ Es muß in Deinen wie in unseren Wünschen liegen , “ fuhr er fort , „ daß diese peinliche Angelegenheit möglichst schnell eingeleitet und beendigt wird . Ich wollte Dir vorschlagen , uns für jetzt unter irgend einem Vorwande nach der Residenz zu begleiten und von dort aus die nöthigen Schritte zu thun . Du weigerst Dich dann einfach , zu Deinem Gatten zurückzukehren , und bestehst auf der Trennung . Wir werden dafür sorgen , daß er seine Ansprüche nicht gewaltsam geltend macht . “ „ Ja , bei Gott , das werden wir , Eugenie ! “ fiel Curt leidenschaftlich ein . „ Wenn er sich jetzt noch weigern sollte , den schmachvollen Handel rückgängig zu machen , so werden ihn die Degen Deiner Brüder dazu zwingen . Jetzt kann er uns ja nicht mehr mit der Schande , mit der öffentlichen Herabsetzung drohen , wie sein Vater es that . Es war das Einzige , wovor die Windegs je gebebt haben , das Einzige , womit man ihnen eine Tochter ihres Hauses abzwingen konnte ! “ Die junge Frau machte eine abwehrende Bewegung gegen den Bruder hin . „ Laß Deine Drohungen , Curt , und Du , Papa , laß Deine Sorgen fahren ! Beides ist hier unnöthig . Das , was Ihr erst erkämpfen und erzwingen zu müssen glaubt , ist zwischen Arthur und mir längst beschlossene Sache . “ Windeg fuhr auf , und Curt trat in stürmischer Ueberraschung einen Schritt näher . Eugenie rang sichtbar danach , ihrer Stimme Festigkeit zu geben , aber es wollte ihr nicht gelingen , die Stimme bebte hörbar , als sie fortfuhr : „ Schon vor dem Tode Berkow ’ s waren wir einig darin , aber wir wollten das Aufsehen eines zu frühen und zu plötzlichen Bruches vermeiden und legten uns deshalb noch den äußeren Zwang des Zusammenlebens auf – “ „ Schon vor dem Tode Berkow ’ s ? “ unterbrach sie der Bruder ; „ das war ja kurz nach Deiner Vermählung ! “ „ Also Du selber hast die Sache zur Sprache gebracht ? “ fragte der Baron mit gleicher Lebhaftigkeit . „ Du bestandest darauf ? “ Keiner von Beiden schien die Pein zu verstehen , die sich doch so deutlich auf dem Gesichte der jungen Frau malte ; sie raffte augenscheinlich ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen bei der Antwort , aber aus dieser klang auch volle Festigkeit . „ Ich habe diesen Punkt nie berührt ! Arthur war es , der mir freiwillig die Trennung anbot . “ Der Baron und sein Sohn sahen einander an , als ginge diese Erklärung über ihre Fassungskraft . [ 219 ] „ Darauf war ich in der That nicht gefaßt ! “ sagte der Baron endlich langsam . „ Er selbst ? Das hatte ich nicht erwartet ! “ „ Gleichviel ! “ rief Curt in aufflammender Zärtlichkeit , „ wenn er Dich uns nur zurückgiebt , Eugenie ! Noch hat Keiner von uns sich des Erbtheils , des Besitzes freuen können , weil wir Dich unglücklich wußten um unsertwillen . Erst wenn Du zu uns zurückkehrst , wird der Vater , werden wir Alle aufathmen können in dem neuen Leben ; Du hast uns überall darin gefehlt ! “ Er schlang den Arm um die Schwester , und diese verbarg einige Secunden lang das Gesicht an seiner Schulter , aber das schöne Antlitz war so todtenbleich und todtenkalt , wie er es einst am Altar gesehen hatte , und doch sollte sie jetzt in das Vaterhaus zurückkehren , dem sie damals entrissen wurde . Der Baron blickte mit einiger Befremdung auf seine Tochter , die sich jetzt emporrichtete und mit dem Taschentuche über die Stirn fuhr . „ Verzeihe , Papa , wenn ich Dir heute seltsam erscheine . Ich bin nicht ganz wohl , wenigstens nicht wohl genug zu einem Gespräche über diesen Gegenstand . Du mußt mir erlauben , mich zurückzuziehen , ich – “ „ Du hast zu viel gelitten in der letzten Zeit , “ ergänzte der Vater weich ; „ ich sehe es , mein Kind , auch wenn Du es mir nicht eingestehst . Geh ’ und überlass ’ Alles meiner Sorge ! Ich werde Dich schonen , so viel es nur möglich ist – “ „ Das ist doch eigenthümlich , Papa ! “ meinte der junge Baron , als die Thür sich hinter seiner Schwester geschlossen hatte . „ Begreifst Du diesen Berkow ? Ich nicht ! “ Windeg machte mit gerunzelter Stirn einen Gang durch das Zimmer . Für ihn mischte sich in das Befremdende dieser Eröffnung noch etwas Beleidigendes . Der stolze Aristokrat hatte es im Grunde ganz erklärlich gefunden , daß ein Emporkömmling , der über Millionen gebot , weder Intriguen noch Opfer scheute und Alles daran setzte , um eine Verwandtschaft mit ihm zu erzwingen , wenn er diesen Zwang auch nur mit Haß und Verachtung lohnte , aber er hatte es seinem bürgerlichen Schwiegersohne nie verziehen , daß dieser die Hand einer Baroneß Windeg mit einer Gleichgültigkeit empfing , als handle es sich um eine ganz gewöhnliche Heirath , daß er sich auch späterhin ebenso unempfindlich gegen diese Ehre zeigte , als sein Vater empfänglich dafür . Und jetzt trat er , trat Arthur Berkow von dieser Verbindung zurück , noch ehe man ihn dazu veranlaßt hatte . Das war zu viel für den Hochmuth eines Windeg , der bereit gewesen war , sich seine Tochter zurückzuerkämpfen , der es aber nicht ertragen konnte , sie von der Großmuth oder der Gleichgültigkeit ihres Gatten zurückzuempfangen . „ Ich werde mit Berkow sprechen , “ sagte er endlich , „ und wenn er wirklich einverstanden ist , woran ich trotz Eugeniens Erklärung noch immer zweifle , so muß die Sache unverzüglich in ’ s Werk gesetzt werden ! “ „ Unverzüglich ? “ fragte Curt . „ Sie sind seit kaum drei Monaten vermählt , und ich glaube , sie haben Recht , einen allzu frühen und allzu plötzlichen Bruch zu vermeiden . “ „ Gewiß haben sie das , und ich würde ihnen unbedingt beistimmen , hätte ich nicht meinerseits dringende Gründe , die Angelegenheit zu beeilen . Es steht hier auf den Werken nicht Alles , wie es sollte , ich habe von befreundeter Hand einen Wink erhalten , daß die jetzt ausgebrochene Bewegung unter den Arbeitern dem so unermeßlich geglaubten Berkow ’ schen Vermögen eine tödtliche Wunde versetzen könnte . Bricht es wirklich zusammen , so kann seine Gattin ihn gerade in dem Momente nicht verlassen , der Welt gegenüber kann sie es nicht . Wenn wir auch wahrhaftig ernstere und tiefere Gründe zur Trennung haben , man würde jenen Grund annehmen , und das darf nicht sein ! Besser , wir nehmen das Auffallende eines so frühen Bruches auf uns , als daß wir uns die Hände binden , wenn die gefürchtete Katastrophe wirklich eintritt . Ein solches Unternehmen , wie dies hier , fällt nicht in wenig Wochen , dazu gehört ein Jahr mindestens , und in der Hälfte dieser Zeit kann die Scheidung durchgesetzt werden , wenn er uns keine Schwierigkeiten macht . Eugenie muß in unser Haus zurückgekehrt , muß frei sein , ehe man in der Residenz ahnt , wie hier die Verhältnisse liegen . “ „ Ich dachte , die Schwester würde unseren Plan weit lebhafter und freudiger erfassen , “ meinte Curt gedankenvoll . „ Freilich , wenn sie schon vorher das Gleiche beschlossen hatte , so war ihr die Idee nicht neu , aber trotzdem ist sie so kalt und stumm , als läge