und Energie zusammen , um eine Fassung zu erkünsteln , die er in Wirklichkeit nicht besaß , aber er hielt sich wenigstens noch aufrecht , während der Graf wie gebrochen in seinem Armsessel lag . „ Ermanne Dich , Ottfried ! Du darfst Dich von dem Schlage nicht so ganz niederwerfen lassen , Du mußt Besinnung behalten ! “ Rhaneck ließ die Hand sinken , mit welcher er das Gesicht verdeckte . „ Warum ließ ich mich auch überreden , ihn allein zurückzulassen ! Er wollte durchaus noch bleiben , und doch widerstrebte er anfangs der ganzen Fahrt in ’ s Gebirge . Ich mußte schließlich befehlen und zwang ihn dazu – zwang ihn zu seinem Verderben ! “ Der Prälat machte eine ungeduldige Bewegung . „ Du quälst Dich mit selbstgeschaffenen Schreckbildern ! Konntest Du ahnen , was bevorstand ? Nur was wir wollten , fällt auf uns mit der Last seiner Verantwortung , nicht was der tückische Zufall aus unseren Plänen und Absichten macht . “ Es war eine eigenthümliche Heftigkeit in diesen Worten , fast als wolle der Sprechende damit eine Last von der eignen Seele wälzen . Der Graf sprang plötzlich auf . „ Laß mich ! Den Verlust meines Kindes würde ich ertragen , aber – Du ahnst nicht , was es ist , das mich bei diesem Unglück dem Wahnsinn nahe bringt ! “ Der Prälat sah ihn befremdet an , er verstand die Worte nicht , aber er begriff die Nothwendigkeit , den Bruder von solchen Gedanken abzulenken . „ Hast Du Benedict gesprochen ? “ fragte er . „ Wie ich höre , war er ja der Erste , der den Gestürzten entdeckte und die Bewohner von N. zur Hülfe aufrief . “ Es vergingen einige Secunden , ohne daß der Graf antwortete ; endlich wandte er ihm das Antlitz wieder zu , in dem die tiefste Seelenqual zuckte . „ Ich sah ihn nur einige Minuten – er war todtenbleich , verstört , und wich mir scheu aus , wie ein Verbrecher – vergebens wartete ich in Todesangst auf einen Blick , auf ein Wort der Theilnahme aus seinem Munde , er blieb stumm und hob das Auge nicht vom Boden . Warum konnte es dem meinen nicht begegnen ? “ „ Du träumst ! “ fiel ihm der Prälat erblassend in ’ s Wort . „ Was konnte Benedict mit Deinem Sohne haben ? Sie kannten sich ja kaum ! “ „ Sie haßten sich ! “ sagte Rhaneck dumpf , „ schon seit Monden . Schon einmal habe ich Ottfried die geladene Büchse und Bruno das Messer aus der Hand gerissen . Dort freilich brauchte es keine Waffe zwischen ihnen , Bruno ist der Stärkere – o mein Gott ! “ Er hielt inne , überwältigt von der Vorstellung , auch der Bruder war bleich geworden , als habe sich plötzlich ein Abgrund vor ihm aufgethan . „ Unmöglich ! Das wäre noch entsetzlicher ! “ „ Noch entsetzlicher ? Als was ? “ „ Nichts , nichts ! “ Dem Prälaten wollte die Stimme doch nicht mehr gehorchen , wenn er auch die Züge noch beherrschte . „ Ich muß Licht in die Sache bringen ! Benedict trifft heute wieder im Stifte ein , ich finde ihn vermuthlich schon bei meiner Rückkehr . Mir , seinem Abte , kann er die Beichte nicht verweigern . “ Der Graf sah auf , und mitten durch all seine Gebrochenheit und all sein Entsetzen flammte wieder ein Hauch der alten Angst und Zärtlichkeit . „ Schone ihn ! “ bat er tonlos , „ und schone mich mit der Enthüllung . Ich stehe an der Grenze meiner Kraft . “ Erschüttert legte der Prälat die Hand auf seine Schulter . „ Was in dieser unglückseligen Sache jetzt noch zu tragen ist , Ottfried , das will ich Dir abnehmen , verlaß Dich darauf . Und jetzt suche Dich zu fassen und geh zur Gräfin hinüber . Was auch zwischen Euch stand und Euch einander entfremdet hat jahrelang , heute ist Dein Platz an ihrer Seite , Du darfst sie nicht so ganz allein lassen . “ Halb willenlos folgte Rhaneck , er stand auf und ging zu seiner Gemahlin , wenige Minuten darauf kehrte auch der Prälat nach Hause zurück . – Es war Abend geworden , auch im Stifte herrschte jene Unruhe , welche ein ungewöhnliches Ereigniß hervorzurufen pflegt . Der Abt stand dem Rhaneck ’ schen Hause zu nahe , als daß das Unglück desselben nicht auch in seiner Umgebung Aufregung und Theilnahme hätte wachrufen sollen . Schon gestern hatte man den Pfarrer Clemens , der die Nachricht brachte , umringt und mit Fragen bestürmt , er konnte freilich nicht allzuviel berichten und war auch nach wenigen Stunden in Begleitung des Grafen wieder nach N. zurückgekehrt . Heute aber traf Benedict ein , und nun galt es seiner Verschlossenheit alle die Details zu entreißen , die er am besten geben konnte . Aber die Herren Paters irrten sämmtlich , wenn sie von dieser Seite auf irgend eine Mittheilung hofften . Der junge Priester hatte kaum den Fuß auf die Schwelle des Klosters gesetzt , als er auch schon den Prälaten zu sprechen verlangte , der sich noch in Rhaneck befand . Vergebens war alles Drängen und Forschen , stumm und finster wich er jeder Frage aus , erklärte , in den Gemächern des Abtes auf dessen Rückkehr warten zu wollen , und zog sich , ohne irgend Jemandem Rede zu stehen , auch wirklich dahin zurück . Gleich darauf fuhr der Prälat vor , auch seine erste Frage war nach Benedict , zu dem er sich sofort begab . Seine Gnaden hatten darauf , wie der Kammerdiener erzählte , Befehl gegeben , sie unter keiner Bedingung zu stören , eigenhändig hatte er die beiden Thüren des Vorgemachs abgeschlossen , das zum Arbeitszimmer führte , und befand sich nun bereits über eine Stunde dort allein mit dem jungen Mönche . Die von der Decke niederhängende , reichvergoldete Lampe warf ihr volles Licht auf die Beiden . Das Gesicht des Prälaten war wieder „ wie aus Eisen gegossen “ , aber es lag eine fahle Blässe darauf . Dennoch beherrschte er Blick und Stimme mit der alten Energie ; erschüttert konnte diese eherne Natur wohl werden ; sie zu brechen , dazu gehörten noch andere Schläge , als die , welche sie bis jetzt getroffen . Ihm gegenüber stand Benedict , auch sein Antlitz war todtenbleich , aber es hatte doch jetzt wieder einen Schein von Ruhe , und die Brust athmete freier , als sei die Felsenlast , welche [ 187 ] sie bisher gedrückt , von ihr gesunken . Unbeweglich , die tiefen dunklen Augen auf seinen Abt gerichtet , wartete er auf dessen Spruch . „ Ihre Beichte ist vollständig , Pater Benedict , Sie gaben mehr , als ich verlangte ! Jetzt gilt es , das Beichtgeheimniß zu wahren . Hat außer mir Niemand die Wahrheit erfahren oder eine Andeutung darüber empfangen ? Auch Pfarrer Clemens nicht ? “ „ Niemand ! “ „ Sie thaten Recht , sich mir allein anzuvertrauen . Was auch geschehen ist , die Ehre des Klosters muß gewahrt werden , um jeden Preis . Sie werden auch fernerhin schweigen gegen Jeden . “ Der junge Priester wich mit dem Ausdruck des Entsetzens zurück . „ Schweigen ? Ich soll die Last , die ich eben von mir gewälzt , wieder aufnehmen und mit mir herumtragen mein Lebenlang ? Niemals ! “ „ Sie werden thun , was die Nothwendigkeit gebietet ! “ sagte der Prälat unbewegt . „ Mein Neffe “ – hier wurde ihm doch die Stimme treulos , sie bebte hörbar und die Hand , die er auf die Lehne des Sessels stützte , zitterte krampfhaft – „ mein Neffe ist nun einmal das Opfer geworden , und keine Reue und Buße hebt ihn wieder aus seinem Grabe ober giebt ihn seinen Eltern zurück . Jetzt gilt es nur noch unser Stift zu retten vor der Schande , daß die weltliche Gerechtigkeit hier eindringt und den Schuldigen aus den geweihten Mauern reißt , um ihn den Gerichten zu überantworten . Solch ein Schauspiel ist in jetziger Zeit gleichbedeutend mit unserer Vernichtung ; ich werde den Orden vor diesem Schlage zu schützen wissen , sobald ich nur Ihres Schweigens gewiß bin . “ „ Hochwürdigster ! “ Benedict richtete sich leidenschaftlich auf , „ wenn Sie es vermögen , das auf Ihr Gewissen zu nehmen , ich kann es nicht . Fordern Sie von mir , was menschlich ist , aber nicht diese ewige Lüge ! “ „ Ich fordere von Ihnen , was jeder Obere von einem Mönche heischen darf , unbedingten Gehorsam . Finden Sie sich mit Ihrem Gewissen ab , wie Sie können , wir haben hier höhere Rücksichten zu nehmen . Als Ihr Abt befehle ich Ihnen zu schweigen , Sie werden gehorchen , Benedict ! “ „ Ich werde nicht ! Treiben Sie mich nicht auf ’ s Aeußerste , es giebt eine Grenze auch für meine Gelübde ! “ Der Prälat blickte ihn finster und drohend an , aber die dunkelglühenden Augen des jungen Priesters wichen den seinigen auch nicht um eines Haares Breite ; und auch auf dessen Stirn stand die Falte , die sich so tief in die seinige grub , der schreckensvolle Zug , der den Beiden eine Aehnlichkeit gab , als fließe das gleiche Blut in ihren Adern . Der stolze Abt fühlte , daß er hier einem Gleichartigen gegenüberstand , den er mit dem bloßen Gebot seines Willens niemals beugte . „ Und soll es vielleicht das Ende dieser Gelübde sein , “ fragte er , dicht an ihn herantretend , „ daß Du mit Deinem unseligen Geheimniß zugleich das ganze Kloster preisgiebst und in ’ s Verderben reißest ? Du hassest es , ich weiß es längst , und doch verdankst Du ihm Alles , was Du geworden . Es hob den Knaben empor aus dem Staube der Armuth und Niedrigkeit und machte ihn zum Herrn über seines Gleichen , es öffnete dem Jüngling die Schätze des Wissens , die ihm sonst verschlossen geblieben wären , und bot dem Manne eine geehrte sichere Heimath . Willst Du es zum Danke dafür entehren ? Willst Du Deine geistige Mutter beschimpfen und sie dem Hohne ihrer Feinde preisgeben ? Achte wenigstens , was Du nicht mehr lieben kannst , was allein die Kraft in Dir erzog und nährte , die Du jetzt in offener Empörung gegen uns wendest . Ich sage Dir , Knabe , Du wirst den Leu nicht erschüttern , an dem schon Stärkere als Du ihre Macht erprobten , und der durch Jahrhunderte allen Stürmen widerstanden hat , Du ladest nur den Fluch der Undankbarkeit auf Dich selber – laß Deine Hand davon ! “ Benedict stand stumm mit heftig arbeitender Brust vor ihm , der Prälat hatte es verstanden , die rechte Seite zu berühren , er sah den trotzigen Widerstand erlahmen und zögerte nicht , seinen beginnenden Sieg weiter zu verfolgen . „ Mein Bruder ahnt , was geschehen ist ! “ sagte er , die Stimme senkend . „ In seinem und meinem Namen erkläre ich Dir , daß wir auf die Sühne für das Blut Ottfried ’ s verzichten . Außer uns aber hat Niemand auf der Welt ein Recht , sie zu fordern ; wenn wir die That begraben wollen , so ist sie begraben für alle Zeit . “ Benedict senkte das Haupt . „ Wenn auch Graf Rhaneck mein Schweigen fordert – sei es ! “ entgegnete er dumpf . Der Prälat wandte sich rasch zum Tische und legte die Hand auf das dort befindliche silberne Crucifix . „ Du gelobst es mir ? “ Der junge Priester trat finster zurück . „ Nein ! Nur keinen neuen Schwur , ich habe genug an dem einen , der mich willenlos in Eure Hände gab . Ich werde schweigen , so lange ich kann , aber sorgen Sie dafür , daß man mich nicht zum Zeugniß aufruft , denn beim ewigen Gott , geschieht es , so stehe ich für nichts mehr ein ! “ „ Ich werde es zu verhindern wissen ! Gehen Sie jetzt , Pater Benedict , und kehren Sie morgen mit dem Frühesten nach N. zurück . Dort bleiben Sie vorläufig , bis ich weiter über Sie bestimme . Noch Eins ! Wenn es Ihr Gewissen beruhigt , ich werde Ihnen die Absolution nicht verweigern . “ Ein Ausdruck tiefster Verachtung zuckte durch das Antlitz Benedict ’ s. „ Wenn ich überhaupt noch an die Wirkung derselben glaubte – daß sie mir in dieser Stunde geboten wird , genügte , um mir den letzten Rest von Achtung davor zu nehmen . Ich bedarf ihrer nicht ! “ Der Prälat kreuzte die Arme und blickte ihn fest an . „ Sie glauben nicht mehr an die Lehren unserer Kirche , Sie sinnen auf Abfall ! Verantworten Sie sich nicht , “ fuhr er mit vernichtender Ruhe fort , als der junge Priester ihn heftig unterbrechen wollte , „ ich weiß , wohin der Weg führt , den Sie eingeschlagen haben , auch wenn Sie es selbst noch nicht wissen sollten . Aber der Streit darüber muß ruhen bis auf spätere Zeiten , das vorgestrige Ereigniß hat ihn für den Augenblick unmöglich gemacht . Wir haben jetzt allen Grund , die Blicke der Welt von unserem Kloster abzulenken , ein Strafgericht , das über eins unserer Mitglieder erginge , könnte – falsch gedeutet , könnte uns gefährlich werden . “ „ Und diese Rücksicht geht Allem voran ! “ ergänzte Benedict mit schwerer Betonung . „ Ich habe es erfahren ! “ Der Prälat fuhr auf und warf einen raschen , funkelnden Blick auf den jungen Mönch , aber die dunklen Wimpern desselben hatten sich bereits wieder gesenkt . Er verneigte sich in vorgeschriebener Weise und ohne das übliche Entlassungszeichen abzuwarten , wandte er sich um , öffnete die von innen verschlossene Thür und verschwand im anstoßenden Gemach . Düster blickte der Prälat ihm nach . „ So lange er kann ! Eine treffliche Bürgschaft für sein Schweigen ! Aber dem Starrkopf ließ sich nichts weiter abzwingen , ich sah es an seiner Stirn , sie trägt zu deutlich den Stempel unseres Geschlechts ! Hier wäre jedes fernere Wort vergebens gewesen . “ Er begann , in tiefes Nachdenken verloren , im Zimmer auf- und abzuschreiten . „ Er muß fort , fort aus der Umgegend , sobald es nur ohne Aufsehen geschehen kann und noch ehe Ottfried sich von der Betäubung des Schlages erholt , der ihn getroffen . Er wäre im Stande gewesen , den wahnsinnigsten aller Schritte zu thun , wenn ich seinen Abgott angerührt hätte ; jetzt wird er es nicht mehr wagen , ihn zu verteidigen oder meinen Maßregeln Widerstand entgegenzusetzen . Ich muß mich wenigstens nach dieser Seite hin sichern , sie ist die einzige , die ich zu fürchten habe . “ Rasch entschlossen trat er zum Schreibtisch , ließ sich davor nieder und warf , die Feder ergreifend , mit festen kräftigen Zügen einige Zeilen auf ’ s Papier . „ Ich habe Benedict gesprochen ! – Er kehrt morgen früh nach N. zurück , um von da aus , sobald es nur ohne Aufsehen möglich ist , in ein entferntes Kloster abzugehen . Du wirst Dich der Nothwendigkeit fügen und ihn bis dahin nicht wiedersehen . Der Inhalt seiner Beichte mag auch zwischen uns unerörtert bleiben – ich schone Dich , wie Du es verlangtest . “ Er faltete das Papier zusammen , machte die Aufschrift an den Grafen Rhaneck und drückte sein Siegel auf den Brief , dann zog er die Klingel und übergab ihn dem Kammerdiener . Das Alles geschah rasch , heftig , als sei er seines Entschlusses nicht sicher oder fürchte für die Ausführung desselben ; erst als der Diener mit dem Schreiben das Gemach verlassen hatte , kehrte die Ruhe des Prälaten zurück . Das Antlitz hatte noch die ganze fahle Blässe von vorhin , aber auch wieder die ganze eiserne Bestimmtheit , als er an ’ s Fenster trat und hinüberblickte , wo im unsichern [ 188 ] Mondesschimmer Schloß Rhaneck sich undeutlich und finster aus den Tannenwipfeln hob . „ Ich kann Dir ’ s nicht ersparen , Ottfried ! “ sagte er dumpf . „ Es muß sein , und wenn Du zehnfach darunter leidest . Hier steht mehr auf dem Spiele , als ein blutendes Vaterherz ! “ Noch hatte die Familiengruft der Rhaneck ihren jüngsten Sprossen nicht empfangen , und schon gewann das dunkle Gerücht , das vom Gebirge herabgekommen war und seit zwei Tagen leise und unheimlich umherschlich , Form und Gestalt . Was man dem Grafen und seiner Gemahlin noch aus Schonung verschwieg , das flüsterte die Dienerschaft des Schlosses einander bereits in die Ohren , das ward lauter in der ganzen Umgegend verhandelt und bildete das offene Tagesgespräch in E. , daß Graf Ottfried nicht eines natürlichen Todes gestorben , daß er das Opfer eines Verbrechens geworden sei . Es war freilich nur ein einziger Umstand , der diesen furchtbaren Verdacht hervorrief ; aber dieser Umstand war entscheidend , er stellte mit unumstößlicher Gewißheit fest , daß im Moment des Sturzes sich ein Anderer an der Seite des jungen Grafen befunden . Der Arzt , den man noch zu einer freilich vergeblichen Hülfeleistung nach N. berief , hatte in der erstarrten , krampfhaft geschlossenen Hand des Todten ein Stück dunkles Tuch gefunden , das augenscheinlich von einem Mantel oder dergleichen abgerissen war ; an dem Mantel Ottfried ’ s aber fehlte jenes Stück nicht , er war unversehrt , also mußte es das Gewand eines Fremden sein , das er im Falle ergriffen Und zerrissen hatte . Die Möglichkeit eines Raubanfalls war durch den Ort der That von vornherein ausgeschlossen , denn abgesehen davon , daß man unmöglich zu der Leiche gelangen konnte , brachte ein Ueberfall , vielleicht ein Ringen am Rande der Schlucht , den Angreifer in mindestens ebenso große Gefahr wie den Angegriffenen ; es konnte also nur Rachsucht oder Feindschaft als Motiv angenommen werden . Aber soviel man wußte , besaß der Graf keinen Feind in der Umgegend , wenn auch sein hochfahrendes Wesen Manchen verletzt haben mochte . Es blieb nichts übrig , als sich um weitere Fingerzeige an den Vater zu wenden , was auch so schonend wie nur möglich geschah . Seltsamer Weise nahm Graf Rhaneck die Eröffnung ganz anders auf , als man erwartete . Anstatt außer sich zu gerathen bei dem Gedanken , daß sein einziger Sohn einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei , anstatt die Beamten zu einer Thätigkeit anzuspornen , die das Einzige geben konnte , das hier noch zu erlangen war , Sühne für den Gemordeten , schien es , als wolle er vielmehr die ganze Angelegenheit begraben und zu vergessen suchen . Er wollte durchaus nicht an die Wahrscheinlichkeit jenes Verdachtes glauben , wollte den Sturz Ottfried ’ s nur einer Unvorsichtigkeit desselben zuschreiben und verweigerte , unter dem Vorwande körperlicher und geistiger Gebrochenheit , jede nähere Auskunft über den Umgang und die Beziehungen seines Sohnes . Sein ganzes Wesen dabei war so verstört so seltsam abweisend , daß sich den Beamten bisweilen unwillkürlich der Gedanke aufdrängte , er fürchte die Untersuchung und wolle sie um jeden Preis verhindern . Jetzt trat auch noch der Prälat in die Sache ein , ruhiger , aber entschiedener als sein Bruder , und versuchte nun seinerseits einen Druck auf die betreffenden Personen auszuüben , damit die Angelegenheit nicht weiter verfolgt und wo möglich niedergeschlagen werde . Das war höchst befremdend und unerklärlich , aber der mächtige Einfluß des Abtes begann bereits zu wirken , und er wäre auch sicher durchgedrungen , hätte die Untersuchung nicht zufällig in den Händen eines jungen Richters gelegen , der , sehr ehrgeizig und eifrig im Amte und vollkommen unabhängig , nicht geneigt war , sich hier von einem fremden Willen leiten zu lassen . Ohnehin kein allzu eifriger Katholik , witterte er hinter dieser unerklärlichen Einmischung etwas wie ein Klostergeheimniß und war fest entschlossen , in diesem Falle streng und unnachsichtlich seine Pflicht zu thun . Alles , was der junge Graf in seiner Todesstunde an und bei sich getragen , wurde einer nochmaligen genauen Untersuchung unterworfen , und da fand sich denn allerdings etwas , das auf eine Spur zu leiten schien , eine Spur freilich , die Niemand von Allen geahnt . In der Brieftasche Ottfried ’ s fand sich unter anderen unbedeutenden Papieren auch ein Brief vor , der wahrscheinlich schon vor längerer Zeit in einer der Seitentaschen gesteckt und dort vergessen worden war , denn er trug ein älteres Datum . Der Schreiber dieses „ Bernhard Günther auf Dobra “ unterzeichneten Briefes verbat sich darin in den härtesten Ausdrücken jede fernere Annäherung des Grafen an seine Schwester , erklärte , sein Gebiet vor künftigem Eindrängen sichern zu wollen , und drohte schließlich , wenn diese schriftliche Mahnung nichts fruchte , persönlich einzutreten . Das Schreiben war sehr ruhig , aber auch sehr rücksichtslos gehalten , der Schluß geradezu beleidigend , jedenfalls hatte es den Empfänger auf ’ s Höchste gereizt – da war auf einmal der lange gesuchte Grund zu einer Feindschaft , deren weiterer Verlauf sich jeder Berechnung entzog . Die sofort angestellten Nachforschungen dienten nur dazu , den aufkeimenden Verdacht zu bestärken ; sie ergaben , daß sich Günther zur Zeit der That nicht allein im Gebirge , sondern auch in unmittelbarer Nähe des verhängnißvollen Ortes befunden hatte . Kurz zuvor hatte seine Schwester eine nochmalige , wie es schien , halb erzwungene Begegnung mit dem Grafen gehabt , der Meßner hatte Beide in der Wallfahrtskirche gesehen , wo sie mit dem Pater Benedict zusammentrafen , und war dann freilich sofort nach seiner Wohnung gegangen , die er erst wieder verließ , als der Caplan ihm befahl , das junge Mädchen nach N. zurückzubringen . Dort fanden Beide Günther schon vor , aber gerade in jener Zwischenzeit mußte die That verübt sein , denn Pater Benedict entdeckte , als er die „ Wilde Klamm “ passirte , bereits den Gestürzten und eilte sofort nach den nächstliegenden Gehöften , um Hülfe herbeizurufen . Freilich erschien es befremdlich , daß er tief unten in der dämmernden durch das Sturmgewölk noch mehr verfinsterten Schlucht den Körper gesehen hatte , von dessen Dasein er doch keine Ahnung haben konnte , und den die Wellen fast ganz bedeckten , auch war die Verstörung und Todtenblässe des jungen Priesters allen Denen aufgefallen , an die er sich zuerst um Hülfe wandte . Aber man wußte ja , daß er dem Rhaneck ’ schen Hause eng befreundet war , daß er ihm seine ganze Erziehung verdankte , wenige Stunden vorher hatte er noch den Besuch des Grafen und seines Sohnes empfangen , da war es wohl natürlich , daß der jähe Tod des letzteren ihn aufregte , überdies hob gerade ihn natürlich sein geistlicher Stand über jeden Verdacht hinaus . Als man endlich nach stundenlangem Mühen und nicht ohne Lebensgefahr von unten her in die Schlucht gedrungen war und die Leiche nach N. brachte , war Günther mit den Seinigen längst abgefahren . Nahm man nun an , daß er auf dem Hinwege , den er allein unternahm – denn der Kutscher blieb mit den Pferden im Thale zurück – statt der Fahrstraße den Fußweg einschlug , daß er in der Nähe der Brücke mit dem Grafen zusammentraf , daß der seit jenem Briefe wahrscheinlich schon öfter ausgebrochene Streit sich hier erneute und in Thätlichkeiten ausartete , bei denen der Stärkere Sieger blieb , so hatte man auf einmal die Lösung des schreckensvollen Räthsels vor sich – es war genug , um ein sofortiges Einschreiten des Gerichts zu rechtfertigen . In Dobra ahnte man inzwischen nichts von dem Unwetter , das sich dunkler und dunkler darüber zusammenzog , obgleich auch dorthin die Gerüchte über den Tod Ottfried ’ s gedrungen waren . Man hatte hier freilich keinen Grund , diesen Todesfall besonders zu beklagen , aber seine Folgen äußerten sich doch in einer Weise , die Bernhard sowohl als Franziska ebenso beängstigend als unerklärlich erschien . [ 201 ] Es war gegen Abend , als Günther in das erleuchtete Wohnzimmer trat , wo Fräulein Reich ihn allein am Theetisch erwartete . „ Wo ist Lucie ? “ fragte er mit einem raschen Umblick durch das Gemach , in dem das junge Mädchen nicht zu entdecken war . Franziska zuckte die Achseln und deutete auf das Nebenzimmer , dessen Thür geschlossen war . „ Lassen Sie sie allein , es ist am besten so ! Sie erträgt den Zwang nicht , den unsere Nähe ihr auferlegt . “ Günther legte Hut und Handschuhe bei Seite und trat näher zum Tische , seine Stirn war umwölkt . „ Ich habe dem Kinde diese Tiefe der Empfindung nicht zugetraut , am allerwenigsten einem Manne wie dem Grafen gegenüber . Sie muß mit förmlicher Leidenschaft an ihm gehangen haben , daß ihr sein Tod mit solcher Verzweiflung an ’ s Herz greift . “ Franziska schüttelte den Kopf ; sie wagte es jetzt freilich nicht mehr , ihre frühere Behauptung aufrecht zu erhalten , und doch stand die alte Ueberzeugung in ihr fester als je . „ Wenn es nur auch wirklich dieser Tod ist , “ sagte sie kurz , „ und nicht am Ende nur die Umstände , die ihn begleiteten ! “ Bernhard , der im Begriff war , sich niederzulassen , hielt plötzlich inne und blickte sie überrascht an . „ Wie meinen Sie ? “ „ Ich meine “ – die Gefragte warf einen Blick auf die Thür des Nebenzimmers und senkte dann die Stimme – „ ich meine , daß mir aus Luciens ganzem Wesen weit weniger Schmerz als Angst zu sprechen scheint , geheime , mühsam verhaltene Angst . Ich fürchte , sie weiß mehr von der unglückseligen Geschichte als wir allesammt , die Herren vom Gericht mit eingeschlossen . “ „ Unmöglich ! “ erklärte Günther entschieden . „ Sie war ja mit uns in N. , als die That geschah . Freilich auch mir ist in ihrem Benehmen Manches dunkel ! Ich habe sie bisher geschont , und die Schonung war auch nothwendig ; jetzt aber wird doch nichts Anderes übrig bleiben , als daß ich einmal ernstlich mit ihr spreche und sie auf irgend eine Weise zum Antworten zwinge . “ Franziska machte eine halb verächtliche Bewegung . „ Das versuchen Sie einmal ! Auch nicht eine Silbe werden Sie ihr abzwingen ! Was dem Kinde plötzlich diesen furchtbaren Ernst , diese leichenhafte Starrheit gegeben , mag der Himmel wissen ! Etwas Gutes ist es sicher nicht gewesen ; aber ich sage Ihnen , sie versteht mit einer Energie zu schweigen , die nichts erschüttert , und wenn das noch länger so fortdauert , dann geht sie uns dabei zu Grunde . Ihre ganze Natur ist wie aus den Fugen gerückt . “ Bernhard gab keine Antwort , aber seine Stirn umwölkte sich noch mehr , während er nachdenkend den Kopf in die Hand stützte . Das plötzlich eingetretene Stillschweigen ward durch den Diener unterbrochen , der den Herrn Landrichter aus E. meldete . Günther erhob sich rasch . „ Sehr angenehm ! Fräulein Reich , “ wandte er sich an diese , „ bitte , gehen Sie zu Lucie und sagen Sie ihr , daß ich sie für den heutigen Abend dispensire . Ich will sie nicht der Marter einer Unterhaltung aussetzen , deren Hauptgegenstand jedenfalls wieder das unglückliche Ereigniß ist , das nun einmal die ganze Umgegend beschäftigt . Schicken Sie sie zu Bett , morgen werde ich mit ihr reden . Sie kommen aber doch jedenfalls zu uns zurück ? “ Franziska nickte zustimmend und verschwand im Nebenzimmer , dessen Thür diesmal nur angelehnt blieb , während Günther dem Besuche , wie er meinte , entgegenging . Er war mit dem Landrichter bekannt und dieser bereits öfter als Gast in Dobra gewesen ; er empfing ihn also auch heute in dieser Eigenschaft und lud ihn nach der üblichen Begrüßung ein , Platz zu nehmen . Der Beamte aber blieb diesmal stehen und sagte steif ablehnend . „ Ich danke ! Ich komme in amtlicher Eigenschaft . “ „ In der That ? “ fragte Günther ruhig und völlig unbefangen , denn bei der Menge von Leuten , die er auf seinen Gütern commandirte , konnte allerdings leicht etwas vorkommen , das ein amtliches Einschreiten nothwendig machte . „ Aber wir brauchen das doch hoffentlich nicht stehend abzumachen . Darf ich bitten ? “ Der Landrichter wies auf ’ s Neue den dargebotenen Stuhl zurück . „ Herr Günther , ich komme in einer sehr ernsten Angelegenheit . Meine Pflicht zwingt mich diesmal zu einem peinlichen Amte . Ich habe den Auftrag , Sie zu verhaften . “ Günther trat zurück und sah den Beamten an , als habe er nicht recht gehört . „ Mich verhaften ? Mich ? Sie sind im Irrthum , Herr Landrichter ! “ „ Ich bedaure , “ sagte dieser gemessen , „ aber hier kann von keinem Irrthum die Rede sein . Der Befehl lautet ausdrücklich auf Ihre Person ; ich muß Sie bitten , sich der Nothwendigkeit zu fügen und mir zu folgen . “ [ 202 ] Bernhard war an den Tisch zurückgetreten ; noch behauptete seine ruhige Natur ihr Recht einem Schlage gegenüber , der vielleicht jeden Andern außer Fassung gebracht hätte ; nur etwas bleicher war er geworden . „ Und wessen beschuldigt man mich ? “ fragte er langsam . „ Das werden Sie in E. erfahren . “ „ Mein Herr ! “ In Günther ’ s Stimme gab sich jetzt