als das französische Heer auf seinem durch den Märzvertrag erzwungenen Rückmarsche aus dem Veltlin sich auf der staubigen Landstraße von Reichenau her den Toren der Stadt Chur näherte . Das dem Herzog Rohan abgerungene und von Priolo nach Paris gebrachte Obereinkommen war dort genehmigt worden , wenn auch in gewundenen Ausdrücken , aus welchen das widerwillige Sträuben des Kardinals deutlich hervorblickte . Der Schrecken und Ärger am französischen Hofe über den in einem fernen Bergwinkel mit beispielloser List geplanten Gewaltstreich war groß gewesen . Niemand hatte bis jetzt den Namen des unbekannten Abenteurers , der ihn ausgeführt , der Beachtung wert gehalten . Dennoch ging man auf das Obereinkommen ein , mußte darauf eingehen . Der dem Kardinal an kluger Berechnung gleichstehende Bündner hatte die Maschen des Netzes zu fest geknüpft und zu sicher zusammengezogen , als daß selbst die Schlauheit Richelieus eine Lücke zum Durchschlüpfen gefunden hätte . Vielleicht dachte dieser noch an die Möglichkeit , es mit Gewalt zu zerreißen , aber dafür war der sein gegebenes Wort hoch und heilig haltende Rohan nicht zu verwenden . Dieser war seinem anrückenden Heere nicht entgegengeritten und befand sich nicht in dessen Mitte . Nach dem grausamen Auftritte im Sprecherschen Hause hatte ihn ein Rückfall seines Übels aufs Krankenlager geworfen , und jetzt war er kaum so weit genesen , um in eigner Person sein Heer über die wenige Meilen von Chur entfernte bündnerische Grenze führen zu können . In der frischen Morgenstunde des nächsten Tages wollte er sich zum letzten Male als Feldherr an die Spitze seiner Truppen stellen , um mit ihnen das Land zu verlassen , für das er so viel getan und das ihm seine Liebe so schlecht gelohnt hatte . Als die das Heer verkündende große Staubwolke sich näherte , strömte viel Volk aus der Stadt , jung und alt , den anrückenden Franzosen entgegen , welchen die Bürger von Chur niemals wie die wilden Leute der Gebirgstäler abhold gewesen , und die sie jetzt um so lieber sahen , als es das letzte Mal war und die langjährigen Gäste am nächsten Morgen das Land für immer räumten . Da sprengte ein Reitertrupp aus dem Tor und trieb die auf der heißen Straße ziehenden Massen auseinander . Es waren Bündneroffiziere , voran auf einem schwarzen Hengst ein Reiter in Scharlach , von dessen Stülphute blaue Federn wehten , der jedem Kinde bekannte Jürg Jenatsch . Das Volk sah dem mit seinem Reiterbegleite in den aufgejagten Staubwolken schon wieder Verschwindenden mit Bewunderung und leisem Grauen nach , denn es ging die Sage , der arme Pfarrerssohn , welcher der mächtigste und reichste Herr im Lande geworden , habe seinen Christenglauben abgeschworen und seine Seele dem leidigen Satan verschrieben , darum habe er in den unmöglichsten Anschlägen Glück und Gelingen . Lauter und näher ertönte die Feldmusik . Das Volk verteilte sich auf die grünen Wiesen und Halden zu beiden Seiten des Weges und bildete eine lebendige Hecke . Die französische Vorhut zog vorüber , aber die gebräunten Krieger schritten in raschem Tempo , ohne den grüßenden Zuruf der neugierigen Churer zu erwidern , und dieser wurde schüchterner und verstummte nach und nach . Dort an der Spitze der jetzt heranrückenden Kerntruppen wurde neben Jürg Jenatsch der französische Befehlshaber Baron Lecques sichtbar . Aber der Franzose schien jenem für sein Geleit wenig Dank zu wissen . Stolz und verschlossen ritten die beiden nebeneinander . Der alte Degen konnte die Gegenwart des Bündners kaum ertragen . Das jugendliche Feuer seiner Augen sprühte Funken des Hasses und strafte die Silberfarbe seines kurz geschorenen Haares Lügen . Er hatte heute den schneeweißen Schnurrbart noch steifer und herausfordernder als sonst aufwärts gedreht und das gesund davon abstechende rotbraune Gesicht glühte von verhaltenem Zorn , während seine Faust kampflustig die tapfere Klinge blitzen ließ . Die Regimenter zogen nicht durch das Tor ein , sondern vollführten eine Schwenkung links um die Mauern der Stadt . Sie sollten während der kurzen warmen Mainacht längs der vom Nordtore nach der nahen Grenze führenden Heerstraße im Freien ein Feldlager aufschlagen . Als dies geschehen war und die Sonne unterging , beeilten sich die Offiziere , über hundert an der Zahl , die Stadt zu besuchen , um sich ihrem Feldherrn , dem Herzog Rohan , vorzustellen , die Mängel ihrer persönlichen Ausstattung in den Kaufläden von Chur zu ersetzen und sich , jeder nach seinem Geschmacke , einen möglichst vergnügten Abend zu machen . Auch Lecques ritt , nachdem er seine letzten Befehle für den Aufbruch in der Frühe gegeben , durch die Reihen der überall brennenden Feuer , an welchen die Soldaten eben ihre Abendkost bereiteten , und wandte sich , nachdem er das ganze Lager mit scharfen Blicken gemustert , langsam nach der Stadt . Hier trat er zuerst in das Gastbaus zum Steinbock , wo er seine Offiziere nach Abrede versammelt wußte , und dann begab er sich sogleich zu Herzog Rohan , den er in dieser späten Abendstunde allein zu finden hoffte . Er traf den Herzog zur Abreise bereit . Seine Angelegenheiten waren geordnet und der Abschied von seinen Gastfreunden war genommen . Die französischen Offiziere hatte der Feldherr zwar empfangen , aber nach wenigen liebenswürdigen Worten schnell wieder entlassen . Seine letzten Stunden in Chur wünschte er in stiller Sammlung und einiger Ruhe zu verbringen . Gerne hätte er auch für den nächsten Morgen jedes Geleit und jede Abschiedsfeierlichkeit abgelehnt , allein Herr Fortunatus Sprecher hatte mit Tränen in ihn gedrungen , doch der Stadt Chur , welche ihm , wie das ganze Land , so unendlich viel zu danken habe und deren Ergebenheit gegen seine verehrte Person trotz allen bösen Scheines immer dieselbe geblieben sei , doch ja diese unaustilgliche Schmach nicht anzutun , und der Herzog fügte sich diesem aus einer wunderlichen Gefühlsverwirrung hervorgehenden Wunsche , den er im stillen ironisch belächelte . Als Lecques von dem Kammerdiener eingeführt wurde , trat ihm Heinrich Rohan mit vornehmer Ruhe entgegen und sprach ihm seine Anerkennung aus für die Umsicht und Raschheit , womit er seinem Befehle gemäß das Heer aus dem Veltlin zurückgeführt habe . » Da das Unausweichliche geschehen mußte « , fügte er bei , » so war es ehrenhafter , daß es schnell geschah – und ich danke es Euch , daß Ihr meinen mir peinlich werdenden Aufenthalt in Chur durch Euern schnellen Marsch gekürzt habt . « Baron Lecques sah seinem General forschend in das bleiche Angesicht und sagte mit einiger Schärfe : » Meinerseits , erlauchter Herr , fürchtete ich durch meinen schnellen Gehorsam die Interessen Frankreichs bloßgestellt zu haben . Es kann Euch nicht unbekannt sein , daß Euer Sekretär aus Paris Gegenbefehl gebracht hat ; doch er ist , weil Ihr mir Eile befahlt , zu spät gekommen . Bedauerlicherweise traf mich Priolo schon diesseits der Berge im Dorfe Splügen . « » Priolo hat sich gestern bei mir beurlaubt « , erwiderte der Herzog achselzuckend , » ich kann ihn nicht zur Rede stellen . Von einem zweiten , die Ordre zum Abmarsche widerrufenden Befehle , der durch meine Vermittlung an Euch gesandt worden wäre , weiß ich nichts . « Lecques öffnete seine Brieftasche und legte dem Herzog eine vom König und Richelieu unterzeichnete , in sehr bestimmte Ausdrücke gefaßte Weisung vor , die ihm befahl , das Veltlin mit seinen Treuppen zu halten , und die französische Ehre mit seinen tapfern Waffen um jeden Preis herzustellen . Die Furche des Grams auf der durchsichtigen Stirne des Herzogs zeichnete sich schärfer . Er öffnete ein Portefeuille , das auf dem Tische lag , und entfaltete die an ihn gelangte Vollmacht zum Abschlusse des von den Bündnern ihm aufgenötigten Vertrags . – Sie war St. Germain , den 30. März , datiert und von Ludwig XIII. und Richelieu unterzeichnet . Er hielt sie mit der Ordre zusammen , die ihm Lecques überreicht hatte . » Beide Dokumente tragen die Namenszüge des Königs und des Kardinals « , sagte er ernst . » Vergleicht . Die Echtheit keiner dieser Unterschriften ist anzufechten . – Der Euch gegebene Befehl opferte meine Ehre und wohl auch mein Leben ... warum habt Ihr ihn nicht ausgeführt ? « » Weil es zu spät war , denn ich hatte die Festungen schon geräumt « , sagte Lecques trocken . » Und besonders « , fügte er rasch und mit Wärme hinzu , » weil ich , wie die Lage war , ohne Euch , erlauchter Herr , nicht handeln wollte . Ich bin der Meinung , mit diesem letzten königlichen Befehle in meinen Händen sei auch jetzt noch nichts verloren und es sei noch früh genug , dem Wunsche und Willen des Königs nachzukommen und den Frankreich beschimpfenden Verrat zu rächen . Jetzt um so sicherer , als Feldherr und Heer wiedervereinigt sind ! – Mein Plan ist gemacht , wollet ihn anhören . « Er führte den Herzog in den turmähnlich vorspringenden Erker , dessen Fenster in der lauen stillen Mainacht offen standen , und fuhr mit gedämpfter Stimme fort : » Es liegen keine Bündnertruppen in der Stadt und ihrer Umgebung . Jenatsch hat die Regimenter ins Prätigau verlegt , um jeder Reibung mit unsern durch den ruhmlosen Rückzug gereizten Soldaten vorzubeugen . Nur einige Haufen Landsturm bewachen die Tore . Jenatsch und die Obersten , die uns schamloserweise morgen ihr schadenfrohes Ehrengeleit bis an die Grenze geben wollen , durchzechen die Nacht zur Feier unsers Abzuges im Schenkhause zur Glocke . Die hellen Fenster dort in der zweiten Straße sind die Lichter des Gelages . – Die Rache liegt in unsrer Hand ! Hundertundfünfzig unserer Offiziere sind in der Stadt , lauter tapfere Edelleute , alle entschlossen den Frankreich verräterisch angetanen Schimpf mit ihren Degen zu rächen . Wir besetzen vorsichtig die Ausgänge der Glocke , dringen mit Übermacht ein und stoßen die trunkenen Meuterer bis auf den letzten Mann nieder . Auf ein von mir mit dem Lager verabredetes Zeichen werden die Stadttore von außen mit Petarden gesprengt . Unsere Truppen rücken ein und besetzen die Stadt . Die Churer sind in ihrer großen Mehrzahl immer den spanischen Kabalen entgegen und uns Franzosen zugetan gewesen . Sie rufen halb gezwungen , halb einverstanden : Vive la France ! und seid versichert , Herr , in wenigen Tagen stimmt ganz Bünden ein , denn im Grunde verabscheut es das spanische Bündnis . Einer hat den ganzen Verrat gebraut , der büßt zuerst – ich nehm ihn auf mich . Hat erst einmal der Judas seinen Lohn empfangen « , rief er mit unverhaltenem Zorn , » so wird sich die Szene , glaubt mir , mit einem Schlage verwandeln ! « » Gedenkt Ihr den Ruhm Frankreichs mit einem Wortbruche und einer Mordnacht wiederherzustellen ? « sagte der Herzog streng . Lecques wies auf seine Vollmacht . » Ich erfülle damit den Willen des Königs meines Herrn « , verteidigte er sich . » Der gelehrte Kardinal ist in Entscheidung von Gewissensfragen ein Meister ; in seinem Katechismus steht : Verrat gegen Verrat . Das durch die rohe Gewalttat , die am 19. März dieses Hauses Gastrecht entehrte , Euch entrissene Wort verpflichtet Euch weder vor Gott noch vor den Menschen , hättet Ihr es auch auf die Hostie oder auf das Evangelium geschworen . « » Mein Gewissen entscheidet anders « , erklärte Heinrich Rohan bestimmt und ruhig . » Noch bin ich Euer Feldherr , noch seid Ihr mir Gehorsam schuldig und Ihr werdet ihn leisten . Sprecht mir nicht mehr von Eurem Anschlage . Er würde , wenn er gelänge , die an der Grenze stehenden Österreicher und Spanier ins Land ziehn und den furchtbarsten Krieg entflammen . Ihr selbst habt es gesagt : Ein einziger war fähig , diesen kalten Verrat zu begehen . Das Volk ist unschuldig und verdient nicht , was der eine verbrochen durch ein so grausames Los zu büßen . Ich halte den Vertrag und glaube nicht , daß der Glanz unsrer Lilien dadurch verdunkelt werde ; aber selbst wenn Frankreichs Waffenehre , wie Ihr meint , damit getrübt würde – ich müßte den Vertrag dennoch halten . « » So spricht kein Franzose ! « brauste der andere auf . Der Herzog bewegte die Hand nach dem Herzen . Er wußte es , aber es wurde ihm heute zum ersten Male gesagt – daß er sein Vaterland verloren habe . » Ist es für mich unmöglich , zugleich ein Franzose und ein Ehrenmann zu bleiben « , sagte er leise , » so wähle ich das letztere , sollte ich auch darüber heimatlos werden . « Und die beiden traten in das Gemach zurück . Es war kühl geworden und das Fenster hatte sich geschlossen . In den Mondschein , der den stillen Platz vor dem Hause füllte , trat jetzt eine große Gestalt , die schon längst mit verschränkten Armen , den Rücken an die Mauer gelehnt und den Sprechenden unsichtbar , unter dem Erker gestanden hatte . Nachdem Herr von Lecques mit harten klirrenden Tritten das Haus verlassen und sich um die Ecke gewendet hatte , schritt sie noch eine Weile gesenkten Hauptes im Schatten der jenseitigen Häuserzeile auf und nieder , von Zeit zu Zeit den Blick zu dem Erker des Herzogs erhebend , bis der Lichtschein erlosch . Jetzt blieb sie an der Einmündung einer Seitenstraße stehen . Wieder ertönten Schritte . Es war ein schwankender , hagerer Mann in der Tracht der spanischen Edelleute , der sich näherte und einen Augenblick unschlüssig stehen blieb . Erst maß er den auf dem Platze nächtliche Wacht Haltenden mit scharfen Blicken , dann trat er auf ihn zu und redete ihn als Bekannten an . » Dacht ich mir ' s doch , Signor Jenatsch « , begann der im spanischen Mantel , » daß Ihr Eure Beute zärtlich hütet . In der Glocke wußte man nicht , wo Ihr hingeraten wäret . Gut , daß ich Euch finde und gerade wo ich Euch vermutet . Ihr dürft den Herzog nicht abreisen lassen ! Sonst würdet Ihr Spanien einen schlechten Dienst erweisen , der auf die Aufrichtigkeit Eurer bisherigen Leistungen ein eigentümliches Licht würfe . Serbelloni hielt es für überflüssig , Euch nahezulegen , daß Ihr den Herzog in der Hand behaltet und ihn seine berühmte Wade nicht wieder gegen Spanien-Österreich erheben lasset . Er meinte , das wäre gleichsam ein selbstverständlicher geheimer Artikel Eures Übereinkommens mit Spanien , den es nicht nötig sei Euch besonders unterschreiben zu lassen . Ich aber sagte ihm , daß ich Euch von Kindheit an kenne und daß im Verkehr mit Euch , wie übrigens mit jedermann auf dieser , wie die neuesten Gelehrten behaupten , sich drehenden Erde , nichts besser sei , als ein guter schriftlicher Kontrakt . Den hab ich nun mitgebracht und Ihr werdet Euch wundern , welch hübsches Angebot ich Euch mache . Gegen Heinrich Rohan die Festung Fuentes ! Das heißt natürlich ihre von Bünden längst begehrte Schleifung . Den Herzog behaltet Ihr , oder besser , da das Sprechersche Haus unter seinem Range und ihm durch Euren Besuch vom neunzehnten März verleidet sein möchte , Ihr liefert den frommen Herrn nach Mailand , wo ihm ein stilles und angenehmes Privatleben gesichert ist . Klüger wäre es freilich gewesen , Ihr hättet ihn , wie es der Wunsch des Herrn Gubernatore war und ich Euch schrieb , vor Wochen schon in die Hände Eures spanischen Verbündeten befördert , bevor das französische Heer über den Splügen rückte , wo es mich heute – denn ich komme stracks von Malland – zeitraubend aufgehalten hat . Warum habt Ihr meine Briefe nicht beantwortet ? Das ist nicht klug und auch nicht hübsch von einem Jugendfreunde . Zum Glück ist es noch Zeit . Der Herzog ist noch da und krank dazu , wie man mir erzählte . Es wird einem Diplomaten von Eurer Gewandtheit nicht an einem Vorwande fehlen , den unter Eurem Zauber stehenden Herrn noch einige Zeit freundschaftlich in Chur zurückzuhalten . Kann er doch nicht in Person sein Heer nach Frankreich zurückführen ! Schließen wir den Handel ? Fuentes gegen den Herzog ? Ihr schweigt ? . . . Das gilt wohl bei Euch , wie bei gemalten Heiligen und schönen Frauen , als Ja . « Jenatsch hatte ihn mit wortloser , zorniger Verachtung angehört : » Hebet Euch von dannen , Rudolf Planta « , sagte er jetzt mit gedämpfter aber heftiger Stimme , » noch seid Ihr in Bünden verfemt , und wer Euch hier betrifft , hat das Recht Euch niederzustoßen . Serbelloni weiß , daß ich mit Leuten Eures Schlages nicht unterhandle . Er kennt meine Bedingungen , von denen ich nicht um die Breite einer Degenklinge abweiche . Ich bin mit Spanien in Unterhandlung getreten , um die Freiheit und Würde meines Heimatlandes zu sichern : Ihr aber habt Euch darum nie gekümmert , sonst würdet Ihr mir eine solche Niedertracht nicht zumuten . Serbelloni weiß nicht darum – das schlägt in Euer Fach und ist ein Geschäft zu Eurem Vorteile . Ist es doch nicht das erste Mal , daß Ihr edles Blut verkauft und schnöden , feigen , schmachvollen Menschenhandel treibt ! – Schande über Euch ! « Planta lachte höhnisch auf : » Ei , ei , edler Herr , Ihr seid den spanischen Goldstücken auch nicht abhold ... Wie wäret Ihr sonst zu Reichtum und Ehren gekommen , während ich von allen meinen angestammten Gütern und festen Sitzen in Bünden durch einen gewissen demokratischen Pfarrer , den Ihr wohl jetzt nicht mehr leiden mögt , und durch seine Pöbelhaufen verjagt wurde , und – Gott sei ' s geklagt – noch immer verschuldet , ein armer fahrender Ritter bin . – Doch keinen Groll ! Wir essen jetzt das Brot desselben Herrn . Ich weiß wie große Summen an Euch versandt wurden – Ihr dürft nicht scheel sehen , daß auch ich ein einträgliches Geschäft mir ausgedacht habe . « » O Schmach « , brach Jenatsch los , » von einem solchen Schurken zu seinesgleichen gezählt zu werden . War es nicht billig , daß Spanien den Sold vergüte , um den Frankreich unsere Truppen betrog ! « » Der Dukatensegen ist durch Eure Finger geströmt « , spottete Planta , » wie sollte er sie beim Durchrinnen nicht vergoldet haben ! « ... » Zieh , Bube , damit ich dich nicht ermorde ! « rief Jenatsch bebend und riß den Degen aus der Scheide . Der andere aber hatte sich schon während seiner letzten Rede an die Ecke der Seitenstraße zurückgezogen . » Ich werde Eure guten Gesinnungen in Mailand zu rühmen wissen ! « kicherte er noch aus dem Schatten der Häuser hervor und war verschwunden . Zehntes Kapitel Zehntes Kapitel Kaum erglühten die Turmspitzen von Chur im ersten Morgengolde eines wolkenlosen Maitages , als es schon vor den Stadtmauern und in der langen Gasse , die vom Sprecherschen Hause zum Nordtore führte , lebendig wurde . Französische Offiziere sprengten hin und her , aus der Stadt nach dem Lager , dessen Zelte schon abgebrochen waren , und von den marschfertigen Truppen zurück zum Herzog , um ihn als ein glänzendes Gefolge zu umringen und in ihm die französische Ehre , die , wie es ihnen schien , in diesem Lande Schaden gelitten , mit ihren kriegerischen Gestalten zu decken . In der Straße , die Rohan durchreiten sollte , standen die Churer barhaupt in zwei gedrängten Reihen längs der Häuser , und alle Fenster bis zu den Dachluken hinauf waren mit neugierigen Köpfen gefüllt . Alles Volk wollte den guten Herzog noch einmal sehen und begleitete ihn mit Wünschen und aufrichtigen Tränen . Als er an der Spitze seines stolzen Zuges langsam dem Tore sich näherte , fand er einen löblichen Rat und die Geistlichen der Stadt zu seiner Rechten aufgestellt . Die Herren hatten sich in vollem Ornat jeder nach seinem Range auf den Stufen einer breiten Freitreppe verteilt , die zu der Pforte eines patrizischen Hauses führte . Beide Türflügel standen weit offen und im Flur wurden in schwarze Seide gekleidete Frauengestalten sichtbar , die Gattinnen und Töchter der Würdenträger , welchen ihre Stellung erlaubte , über die Häupter der Stadt hinweg dem Herzog , den sie mit Schmerzen scheiden sahen , einen letzten Gruß zuzuwinken . Ihr Zartgefühl hatte ihnen verboten , sich wie bei einem lustvollen Schauspiele auf dem Balkon und in den Fenstern zu zeigen . In der Mitte der Ratsherren fiel der Amtsbürgermeister Meyer als wahrhaft imposante Erscheinung ins Auge . Nie hatte eine bürgermeisterliche Kette mit ihrer großen runden Schaumünze bequemer gelegen und selbstzufriedener geleuchtet , als die auf seiner breiten Brust ruhende ; nie hatten ein seidener Strumpf und ein Rosettenschuh knapper und schöner gesessen als heute an seinem wohlgebildeten , feierlich vorgesetzten Beine . Bei näherer Betrachtung jedoch verriet die Befangenheit des gewöhnlich gesunden und ruhigen Gesichts und der bängliche Ausdruck der irrenden Augensterne einen geheimen Widerspruch seines Innern mit der magistralen Sicherheit seiner vollkommenen Haltung . Der Gruppe der Standeshäupter gegenüber , wo sich die Ausmündung einer innerhalb der Stadtmauer laufenden Nebengasse zu einem kleinen viereckigen Platze erweiterte , hatten sich , als Repräsentanten der heimischen Waffen , die vornehmsten Bündneroffiziere versammelt und warteten zu Pferde , um sich dem Gefolge des Herzogs anzuschließen und ihm das Ehrengeleit bis zur Grenze zu geben . Im Gegensatze zu der gedrückten Stimmung auf der anderen Seite der Gasse unter den Söhnen der Themis , herrschte hier unter den Kindern des Mars eine frische und beherzte , der sie sich unbefangen überließen , da sie sahen , daß der bündnerische Diktator zur Verabschiedung seines Opfers nicht erscheine . Jetzt erreichte Herzog Rohan den Platz vor der Freitreppe . Huldvoll hielt er seinen schlanken Goldfuchs an , denn er sah , wie der Amtsbürgermeister einen goldenen Pokal erhob , den eben ein ergrauter Ratsherr an seiner Seite aus einer silbernen Kanne gefüllt hatte . Meyer trat entschlossen vor und bat den Herzog in gerührten Worten , den Seiner Erlaucht von der Stadt Chur mit Danksagung und Segenswunsch angebotenen Abschiedstrunk nicht zu verschmähen . Während Rohan sich die Lippen netzte , sammelte der Bürgermeister seinen Geist zu einer wohlgesetzten französischen Rede , auf die er sich sorgfältig vorbereitet hatte . Bürgermeister Meyer war kein Redner . Im Rate und in der Gemeinde war es ihm ein leichtes , seine Gedanken schlicht und zweckdienlich auszudrücken und zu einem bündigen Schlusse zu gelangen . Aber es war ihm nicht gegeben , zwiespältige Gefühle und zweideutige Gedanken unter zierlichen Blumen der Beredsamkeit zu verbergen . Er hatte damit begonnen , des Herzogs ruhmreiche Tapferkeit und seine erhabene staatsmännische Weisheit zu preisen , die beide zu Bündens Rettung wie zwei geflügelte Genien herbeigeeilt seien . Dann warf er einen Blick in den Abgrund , aus welchem der Herzog das bündnerische Volk gezogen habe . Jetzt kam eine dunkle Stelle , in der von sich überstürzenden Ereignissen , seltsamen himmlischen Konjunkturen und dem großen Herzen Ludwigs XIII. die Rede war . – Hier wurde Herr Meyer warm , übersprang unversehens die logischen Hindernisse und behauptete gerührt , die Zurückgabe des Veltlins an die Bündner durch Spanien-Österreich sei und bleibe das Verdienst des Herzogs Rohan . Er sei , nächst dem gütigen Gott , ihr alleiniger Helfer und Retter gewesen . » Des Landes Dankbarkeit gegen Euch wäre nicht genugsam ausgedrückt , edelster Herr « , rief er aus , » wenn wir Euch so viele Ehrensäulen errichteten , als Bünden Felsen und Berge besitze ! und wenn jeder unserer Berge eine Statua wäre ... « hier stocke der Redner und erstarrte selbst zum Steinbilde . Ein verspäteter Reiter war durch die Nebengasse herangeeilt und auf dem kleinen Platze , dem Bürgermeister gegenüber , mitten unter die Bündneroffiziere hineingesprengt . Die Obersten wichen auf ihren stampfenden Tieren bestürzt nach beiden Seiten zurück . Auf das Kommen von Georg Jenatsch hatte keiner gerechnet . Und da war er ! Auf seinem schäumenden Rappen in der Mitte des leeren Raumes , von allen gemieden ! Zugleich bäumte sich das Pferd des dicht hinter dem Herzog haltenden Lecques , der einen wütenden Blick nach Jenatsch hinüberschoß . Des Herzogs Augen ruhten mit höflicher Aufmerksamkeit auf dem Bürgermeister , aber diesem , der den verratbefleckten Befreier Bündens als eine grelle und unschickliche Verdeutlichung seiner Rede gerade vor Augen sah und dem die drohende Haltung des Herrn von Lecques nicht entgangen war , englitt der Faden seiner Rede . Seine angstvollen Blicke begannen mehr als gewöhnlich zu schielen und er fuhr unsicher fort : » Und wenn in Bünden jeder Berg eine Statua . . . und jede Statua ein Berg wäre . . . « » Laßt es gut sein , lieber Bürgermeister ! « schnitt der Herzog freundlich ab , und sich auf die andere Seite zu den Bündneroffizieren wendend , sagte er mit ruhigem Befehl : » Ich verzichte auf das Geleit der Herren . Es wird der Schicklichkeit Genüge geschehen , wenn einer von ihnen unserm Überschreiten der Grenze beiwohnt . Ich bitte mir die Gesellschaft des Grafen Travers aus . « Der stille junge Mann mit dem braunen scharfgeschnittenen Kopfe lenkte sofort mit dankendem Gruße sein Tier zur Linken des Herzogs . » Gott schütze euch und eure gute Stadt , werte Herren ! « rief dieser , griff leicht an seinen Hut und sprengte durch das Tor in die lenzduftige Landschaft hinaus . Der alte Lecques war auffallenderweise einer der letzten zurückgeblieben . Jetzt riß er sein Pferd herum , ritt Georg Jenatsch einige Schritte entgegen , zog ein Pistol und schrie ihn an : » So scheidet Lecques von einem Verräter ! « Er drückte los , der Hahn schlug nieder , ein Pulverblick flammte auf der Zündpfanne , doch der Schuß versagte . Elftes Kapitel Elftes Kapitel Während die Ereignisse des Frühjahrs die Stadt Chur und das ganze Land in aufgeregte Spannung versetzten , blieb Lucretia Planta von denselben scheinbar unberührt . Sie hauste allein auf ihrem festen Sitze Riedberg , der , an eine sonnige Halde fernab von der Heerstraße sich lehnend , inmitten seiner blühenden Wiesen und wohlgepflegten Felder und Baumgärten ein Bild ländlichen Friedens darstellte . Von ganzer Seele fürchteten und hofften und freuten sich dagegen mit dem Lande die Frauen von Cazis . Sie hatten , als das Aufgebot des Jürg Jenatsch erscholl , zum Sturm gegen die gottlosen Franzosen alle Klosterleute bis auf das letzte Knechtlein gestellt . Als fröhliche Geberinnen leerten sie ihren kleinen Weinkeller , um die vor die Rheinschanze und wieder heimwärts ziehenden Landstürmer zu tränken . Hallebarde und Morgenstern ruhten an den friedlichen Kreuzen des Nonnenkirchhofs . Alt und jung scharte sich längs der Klostermauer und die frommen Schwestern eilten leichtfüßig auf und nieder , in kleinen hölzernen Schalen ihren Most und Wein bis zur Neige ausschenkend . Niemand aber ahnte in dem durch den Abzug der Franzosen mit hellem Jubel erfüllten Domleschg , welchen Anteil Fräulein Lucretia an den geheimen Verhandlungen genommen , die den Handstreich in Chur möglich gemacht hatten . Nicht einmal die Frauen in Cazis , obschon sie den Verkehr mit dem Fräulein nach dem Wunsche ihres Beichtigers immer eifriger und zutulicher pflogen . Nicht daß Pancraz den eigensüchtigen Gedanken in ihnen genährt hätte , die Letzte der Planta von Riedberg unwiderruflich in den Ring des Klosters zu ziehen . Sie verkehrten mit Lucretia , der Weisheit des Paters vertrauend , ohne sie mit Fragen oder mit Bitten zu bestürmen , die auf ihre Zukunft und die Hoffnungen des Klosters Bezug hatten , schon aus geselliger Neigung und natürlicher Gutherzigkeit . – Das Fräulein hätte sie gedauert , wenn es von den merkwürdigen Dingen , die sich im Lande zutrugen und die sie selbst auf den verschiedensten Wegen erfuhren , nicht ungesäumt unterrichtet worden wäre . Freilich wäre es der Schwester Perpetua gegen die Natur gegangen , sich nicht mindestens bei Lucas über die letzte lange Abwesenheit des Fräuleins jenseits der Berge einiges Licht zu verschaffen , hätte sie nicht aus der allerbesten Quelle , einem Briefe des Paters Pancratius selber , schon im Winter erfahren , daß unangenehme Erb- und Familienangelegenheiten , über die man besser nicht mit ihr spreche , die Gegenwart Lucretias in Mailand notwendig machten . Lucretias Fahrt nach Mailand im vergangenen Jahre war ihr schwer geworden , aber sie hatte das von Jenatsch ihr vorgehaltene Ziel standhaft verfolgt und durch die Festigkeit ihres Willens auch erreicht . Nicht die Mühsale des zweimaligen Überschreitens der im Winter gefährlichen Bergpässe hatten ihren Mut auf die größte Probe gestellt ; diese Schrecknisse hatte die kräftige Frau , geleitet von dem treuen wetterharten Lucas und einem seiner berggewohnten Söhne , ohne Zagen und Ermüdung überwunden . Anders aber war es , als sie , von dem geschäftigen Pancraz in Malland empfangen und bei Serbelloni eingeführt , sich dem klugen und zähen Staatsmanne gegenüber befand und fühlte , daß sie sich auf ein ihr fremdes Gebiet verirrt , in bisher noch nicht von ihr erwogene Fragen sich verwickelt habe . Ihre Stellung als Bevollmächtigte des bündnerischen Kriegsobersten war eine höchst eigentümliche und mußte in den Augen aller der Verhältnisse Unkundigen als eine zweideutige erscheinen . Serbelloni , der sie kannte und wußte , daß der Mörder ihres Vaters ein Gegenstand des Hasses für sie war , verfiel nicht in diesen Irrtum und fand es begreiflich , daß sie die politischen Ziele ihres Vaters und ihres Oheims mit Aufbietung aller ihrer Kräfte verfolge ; aber er geriet in einen andern . Er glaubte , sie sei von Anfang an mit den Umtrieben der Bündnerflüchtlinge von der spanischen Partei vertraut gewesen , und wollte mit ihr als mit einer in das ganze Gewebe der sich kreuzenden Interessen Eingeweihten verkehren . Er brachte die Unschuldige mit ihrem alles um sich her durch den Hauch seiner Schlechtigkeit befleckenden und vergiftenden Vetter in unverdiente Beziehung politischen Einverständnisses ; er verwirrte sie , ohne sie